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Eustachius

Summary:

„Manchmal ist es fast, als würde er sich vor meinen langen Haaren oder den Ohrringen ekeln. Ich gucke wieder auf meine Schuhspitzen, die in der Sonne glänzen. Da geht ein Riss durch die Straße, durch die Berge und Felder, einmal um die Wendeschleife herum. Man würde sich alle Knochen brechen, wenn man hineinfiele.“

Großvater Wessel hat Geburtstag. Marlon isst im Gasthof vegetarisches Schnitzel und verfällt dem Dorf-Blues.

[English Translation in Chapter II.]

Notes:

Es steht bereits in den Tags, aber hier noch einmal die Triggerwarnungen: Es wird ein totes Tier beschrieben, und, wie jemand sich (mehr oder weniger gewollt) übergibt. Auch die Themenbereiche Queerfeindlichkeit und Rassimus werden angeschnitten – an alle, die konservative Verwandte auf dem Land haben: mein Beileid, wir stehen das gemeinsam durch.

Eine inhaltliche Anmerkung: Leon und Marlon sind hier 19 und 20 Jahre alt.

Chapter 1: Eustachius

Chapter Text

 

 

Du zuckst, wann i schiaß, konnst as Kracha net hörn, du konnst ja dei Lebtag koa Jaga net wern.
(Bayrisches Volkslied)

 

 

Es gibt nur Bratensoße. Das Gemüseschnitzel und die Kroketten sind staubtrocken, aber ich esse sie trotzdem, in kleinen, vorsichtigen Bissen, damit ich etwas zu tun habe, während Opa Leon von der Bundeswehr erzählt. Früher, sagt er, da hätte es sowas nicht gegeben, Nichtstun, da ist man zum Bund und wenn man nicht wusste, was man danach machen will, da ist man eben da geblieben. Ich drücke mein Knie unterm Tisch gegen Leons. Er drückt zurück. Zuhause wird er irgendwas finden, weswegen er mich anschreien kann, aber heute ist das okay.

Papa hört Opa nicht, weil er am anderen Ende des Tisches sitzt, sonst würde er was sagen. Mit ihm diskutiert Opa nicht, nicht mehr zumindest. Es muss übel gewesen sein, damals, als er sich entschieden hat, das Café zu übernehmen. Papa redet nicht oft darüber, nur einmal hat er erzählt, dass Opa ihn angeschrien hat. Er sei doch keiner dieser faulen Itaker. Sowas. Papa hat das Abitur gemacht, als erster aus der Familie, aber auch mit einem Studium wäre Opa nicht zufrieden gewesen. Für ihn ist richtige Arbeit nur, was man mit den Händen macht. Sein Vater und dessen Vater haben das Land hier aus- und umgegraben, es ist ihrs ganz allein, und wer sich selbst nie so die Erde untertan gemacht hat, der ist hier nichts wert. Mein Studium versteht er nicht, obwohl er stolz ist, dass ich auf der katholischen Hochschule bin.  Ich erzähle ihm nicht, dass wir Begriffe wie Gender und queer benutzen, Wörter, die es hier gar nicht gibt. Matthi meint, dass die Jugendlichen heutzutage nicht einmal mehr wissen, welches Geschlecht sie haben, wie sollen sie sich da für einen Job entscheiden. Matthi ist eigentlich mein Lieblingscousin. Im Frühling helfen wir zusammen bei der Krötenwanderung, graben Eimer ein, tragen die vollen über die Straße. Matthi hat ein lautes Lachen und immer Dreck unter den Fingernägeln. Er macht eine Ausbildung zum Schweinebauern auf dem Hof seines zukünftigen Schwiegervaters. Es ist für ihn kein Widerspruch, Tiere zu lieben und sie zu töten.

Ich schneide ein Stück Schnitzel ab, schiebe es auf meine Gabel, dann in meinen Mund. Leon presst sein Knie mittlerweile so sehr gegen meins, dass es wehtut. Ich kaue, schlucke runter, frage Basti, ob es Neues von der freiwilligen Feuerwehr gibt. Opa wird still, um ihm zuzuhören. Leons Knie schiebt sich weg von meinem. Im Flüchtlingsheim zwei Orte weiter hat es wieder gebrannt. Sicher waren die das selber, sagt Basti, weil sie ein Schöneres wollen. Du weißt, dass das nicht stimmt, sage ich. Basti sieht mich böse an. Er trinkt sein Bier in großen Schlucken.

 

 

Leon stiefelt schweigend neben mir die Straße entlang. Wir machen einen Spaziergang, bevor es Kuchen gibt, wie jedes Jahr. Die Straße hoch, an der Kirche vorbei, zur Wendeschleife, wieder zurück. Die Berge wölben sich um uns herum dem Himmel entgegen. Kein Wunder, das die Leute hier so katholisch sind, wenn sie jeden Morgen mit dieser Aussicht aufwachen. Hier glaubt man nicht an Gott, hier ist Gott dein lebenslanger Nachbar.

Matthi, Basti und Marie trotten ein Stück hinter uns her. Leon und ich gehen extra schneller, damit wir Maries Praxis-Stories nicht hören müssen. Marie erzählt Geschichten immer so, als wären alle Menschen auf der Welt nur dazu da, um sie persönlich zu ärgern. Ein bisschen ist sie da wie Leon. Er hasst sie trotzdem; ist der Meinung, Matthi wäre nur mit ihr zusammen, weil sie große Brüste hat. Aber die allein tragen keine siebenjährige Beziehung. Glaube ich zumindest. Leon und ich werden jedes Jahr gefragt, wann wir denn endlich mal ein nettes Mädchen mitbringen – beziehungsweise werde ich es gefragt. Bei Leon kann sich jeder denken, warum er kein nettes Mädchen mitbringt. Er braucht das auch gar nicht, eine Freundin, allerhöchstens für den Sex. Manchmal frage ich mich, was meine Antwort wäre, wenn er auch das von mir verlangen würde. Aber Leon fragt sowieso nie. Leon nimmt einfach.

Matthi macht ein paar große Schritte, bis er auf unserer Höhe ist.

„Was seid’n ihr so still?“ Er grinst. „Nix Spannendes passiert in der Stadt?“

„In der Weltmetropole Grünwald.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und schließe kurz die Augen. Das Blau des Himmels strahlt noch durch meine Lider. Ich würde Matthi gern erzählen, dass Jojo seine Ausbildung in Hellabrunn angefangen hat, weil Matthi Hellabrunn als Kind so geliebt hat, aber immer, wenn wir von Jojo erzählen, nennen Matthi und Basti ihn „den Schwuli“, also erzählen wir überhaupt nichts.

Ich drehe mich zu Basti um. Er hat die Hände in den Taschen und die Schultern hochgezogen. Sein Profilbild auf WhatsApp ist immer noch das Foto von uns auf meinem Achtzehnten, die Arme ineinander verdreht, die Flaschen an die Münder gesetzt. Er hat sich krass abgeschossen an dem Abend, ich musste ihn zu uns nach Hause schleppen. Da lag er dann, auf der Matratze in unserem Kinderzimmer, in der alten Traktor-Bettwäsche, und hat mich mit müden Augen angeglotzt. Du siehst aus wie’n Mädchen. Es klang fast vorwurfsvoll. Er muss wissen, dass es nicht stimmt. Ich bin größer als er, und stärker auch, Freiwillige Feuerwehr hin oder her. Manchmal ist es fast, als würde er sich vor meinen langen Haaren oder den Ohrringen ekeln. Ich gucke wieder auf meine Schuhspitzen, die in der Sonne glänzen. Da geht ein Riss durch die Straße, durch die Berge und Felder, einmal um die Wendeschleife herum. Man würde sich alle Knochen brechen, wenn man hineinfiele.

 

 

Ich esse die Sahnecremetorte. Alle anderen Kuchen sind mit Gelatine. Das Stück ist groß und schwer. Etwas drückt von unten gegen meinen Magen.

„Du isst gut.“ Opas Stimme vibriert gegen den Tisch. Ich lächle um die Sahne herum.

Leon hat sich zwei Stücke Himbeergeleetorte geholt. Sie schlackern rot auf seinem Teller hin und her, als er sich setzt. Kleine quadratische Organe. Oma wäre jetzt stolz auf ihn, es war das Einzige, was Leon mir in ihren Augen voraus hatte, das Fleisch essen. Ich habe sie in der Küche überhört, kurz nachdem Mama weg ist, wie sie mit Papa geredet hat, als sie dachten, wir wären schon im Bett. Wechselbalg hat sie Leon da genannt. Ich stand im Flur, weil ich auf dem Klo war, und habe gesehen, wie Papa aufgestanden ist und gehört, wie er sie angeschrien hat, so redest du nicht über meinen Sohn. Wir sind nach Hause gefahren, mitten in der Nacht, und Leon neben mir schrie, weil er müde war und nichts verstand. Ich weiß noch Omas Blick zum Abschied. Triumphal. So hat sie den Rest ihres Lebens noch geguckt und vermutlich ist sie so auch gestorben. Der Sarg war zu, deswegen weiß ich es nicht. Leon war auf der Beerdigung komplett breit. Anders hätte er es nicht ausgehalten, das war seine Verteidigung, ich würde das nicht verstehen, ich sei ja der gute Bruder. Wie er es gesagt hat klang es nach Mittelalter und Mönch und Kloster. In der Bibel hat es immer einen guten und einen bösen Bruder gegeben, eigentlich. Abel hat ständig Schafe erschlagen, bevor sein Bruder ihn erschlagen hat, aber ein Bruder ist eben kein Schaf.

 

 

Der Koch kommt, um sich zu bedanken. Er kommt jedes Jahr. Er erzählt uns, wie er sein Gemüse im Supermarkt auspendelt und wie er den Hirsch geschossen hat, den wir heute gegessen haben. Ich halte den Kopf gesenkt und hoffe, dass er mich nicht erkennt, obwohl er mich noch nie erkannt hat. Vielleicht weiß er nicht mehr, dass ich neben Tommi stand, damals in der Garage, und dass ich auch geweint habe über das tote Reh, das da hing, mit seinen großen leeren Augen. Er hat Tommi ins Gesicht geschlagen und ihn in die Blutlache geworfen, mit dem Rücken zuerst, und ich bin über die Straße hoch zu Opas Haus gerannt, aber da war niemand, und dann habe ich vor lauter Anstrengung in den Flur gekotzt. Ich habe später nicht gesagt, warum, und Oma hat mir kalte Wickel gemacht. Ich habe noch ein Mal bei Tommi geklingelt danach, aber er hat nicht aufgemacht, und in den nächsten Sommerferien war seine Familie im Urlaub als ich da war. Er ist jetzt in Berlin und Junkie, zumindest behauptet Matthi das. Der Koch hat ihn rausgeschmissen. Vielleicht hat das Pendel falsch ausgeschlagen.

Leon hat sein zweites Stück Himbeergelee nicht geschafft, also habe ich es gegessen. Es liegt schwer in meinem Magen, rotes Fett. Der Koch erzählt einen Witz, der nicht lustig ist. Maries Lachen flattert einsam über unsere Köpfe. Gleich spielt das Blasorchester. Ich sage Leon, dass ich auf Toilette gehe.

Die Türen der Klokabinen gehen hier bis zum Boden. Ich schließe hinter mir ab. Oben ist ein kleines Fenster zum Parkplatz. Ich höre die Musiker aufbauen. Opa hat früher mit ihnen Trompete gespielt. Ich kippe den Klodeckel nach unten und klettere drauf, um das Fenster schließen zu können. Dann knie ich mich hin, öffne den Deckel wieder, und übergebe mich. Ich muss mich nicht einmal anstrengen dafür, es drückt immer noch in mir, hoch, hoch, hoch. Gemüseschnitzel, Kroketten, Tortenstücke. Alles klebrige Masse jetzt. Draußen stimmen die Bläser ihre Instrumente. Ich atme tief ein, es rasselt über die Keramik. Jemand stößt spaßeshalber in ein Waldhorn. Es hallt nach, auf dem Parkplatz und in mir, hallt nach, bis ich aus dem Hahn getrunken habe und zu den anderen gegangen bin.