Chapter Text
Innerlich stöhnte Bob auf, als ihn jemand im Vorbeilaufen so heftig anrempelte, dass er seine Bücher jetzt vom Boden aufsammeln konnte. Sagen tat er nichts. Zu wem auch? Die Person war längst lachend um die nächste Ecke verschwunden – natürlich ohne sich entschuldigt zu haben.
Warum musste er hier sein? Hätten seine Eltern nicht noch zwei Jahre mit ihrem Umzug an die Küste warten können? Dann wäre Bob direkt zur Uni gegangen und ins Wohnheim gezogen und alle wären glücklich gewesen. Stattdessen konnte er nun zusehen, wie er hier klarkam – an dieser Kleinstadt-Highschool, an der er niemanden kannte – und das kurz vor seinem Abschlussjahr.
Bob legte die Bücher in sein Schließfach, schloss ab und machte sich auf den Weg zu seinem nächsten Kurs.
„Zu Geografie geht’s hier lang, Neuer!“, rief ihm jemand zu. Bob drehte sich um und sah Kanyarat – von allen Kat genannt – die ihm ein Grinsen zuwarf und nach links abbog, statt wie Bob geradeaus weiterzugehen.
„Richtig,“ murmelte Bob und folgte ihr. Er hatte versehentlich den Weg zum Kunstraum eingeschlagen. Nach zweieinhalb Wochen kannte er sich hier noch nicht so gut aus, wie er es gerne gehabt hätte.
Als Bob den Kursraum betrat, saß Kat bereits mit ihren Leuten zusammen. Der einzige noch freie Platz war ein Tisch in der ersten Reihe neben einem Jungen, der Justus hieß. Justus fiel auf, weil er immer etwas zu sagen hatte und sich dabei unnötig kompliziert ausdrückte. Es kam sogar vor, dass er etwas besser wusste als ihre Lehrer:innen – und das, gemessen an der Reaktion seiner Mitschüler:innen, nicht selten.
Da Justus nicht aufblickte, als Bob sich neben ihn setzte, grüßte Bob ihn auch nicht. Er hatte keine Lust, sich um neue Freundschaften zu bemühen. Es reichte ihm, wenn er die nächsten zwei Jahre unbehelligt überstand. Und das sollte kein Problem sein, denn Bob hatte ein gewisses Talent dafür, nicht weiter aufzufallen – wenn man es so bezeichnen wollte.
„Juuustuuus!“
„Hey, Peter!“
Der Unterricht war so schnell vorüber, wie er begonnen hatte; Ms. Grimes hatte die Stunden bisher sehr kurzweilig und interessant gestaltet. Justus, der vor Bob ging, wurde an der Tür abgefangen – von einem Jungen, dessen Namen Bob gekannt hätte, selbst wenn sie keinen einzigen Kurs gemeinsam gehabt hätten. Peter Shaw: Sport-Ass, gutaussehend und bei allen beliebt – ein Prototyp aus einem amerikanischen Highschool-Film. Bob senkte seinen Blick und schob sich an den beiden vorbei nach draußen.
„Warum bist du hier?“, hörte er Justus sagen.
„Ich hole dich ab! Gehen wir was essen?“, sagte Peter.
„Hast du vergessen, dass ich –“
Dann war Bob außer Hörweite. Was Justus und Peter verband, war Bob ein Rätsel. Er hatte sie schon häufiger miteinander reden sehen. Vermutlich haute Peter Justus regelmäßig wegen seiner Kursnotizen oder seiner Hausaufgaben an.
In der Cafeteria kaufte Bob sich ein Sandwich und eine Apfelschorle und setzte sich wie jedes Mal an einen der Zweiertische. Seine Sachen platzierte er auf dem freien Stuhl gegenüber und zog sein Smartphone heraus. Keine neuen Nachrichten. Er würde es nicht zugeben, aber es traf ihn, dass seine Freund:innen zu Hause ihn anscheinend schon vergessen hatten. In den ersten Wochen war sein Messenger noch übergequollen vor Nachrichten, in denen sie ihm sagten, wie sehr sie ihn vermissten. Bob öffnete den Chat mit seiner besten Freundin, unschlüssig, was er schreiben sollte, als ein helles Lachen von einem Tisch in der Nähe ertönte. Unwillkürlich sah er auf und erblickte schon wieder Peter, umgeben von Leuten aus seiner Basketballmannschaft und ein paar Mädchen. Auf seinem Schoß saß seine Freundin Kelly – natürlich Cheerleaderin, natürlich das vermeintlich schönste Mädchen der Schule – die lachte und sich mit Peter ein Getränk teilte. Das perfekte Paar.
Bobs Laune verdüsterte sich und er wandte den Blick ab. Nicht aus Eifersucht – Kelly war echt nicht sein Typ – sondern weil er an Amy denken musste. Bob und Amy hatten sich getrennt, als er nach Rocky Beach gezogen war. Aber vielleicht war der Umzug auch nur eine willkommene Ausrede gewesen… Dabei hatte er sie im Grunde wirklich gemocht. Und in diesem Moment fehlte sie ihm sogar ein bisschen.
Als der Schultag endlich vorbei war, fuhr Bob nicht nach Hause, sondern machte sich mit dem Fahrrad auf den Weg in die Stadt. Er hatte vor, die Stadtbibliothek zu besuchen, um sich einen Bibliotheksausweis ausstellen zu lassen. Damit erhoffte er sich Zugriff auf die Lokalzeitungen, in denen er nach Stellenanzeigen für einen Nebenjob suchen wollte – irgendetwas halbwegs Interessantes, um sein Taschengeld aufzubessern.
Bob war positiv überrascht. Die Stadtbibliothek machte auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Zwar war er größere Bibliotheken gewohnt, aber diese hatte einen gewissen Charme. Bob ging zum Schalter und sprach die Bibliothekarin an, deren Namensschild ihm verriet, dass sie Ms. Bennett hieß.
„Guten Tag. Ich möchte mir einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen. Bin ich da bei Ihnen richtig?“
„Ja, ganz genau richtig. Hallo,“ sagte Ms. Bennett und lächelte ihn an. „Hast du einen Schülerausweis mit Lichtbild?“
„Ja, den habe ich dabei.“ Bob holte sein Portemonnaie heraus.
„Sehr gut, dann müsste ich den bitte einmal sehen. Außerdem müsstest du mir dieses Formular ausfüllen.“ Ms. Bennett setzte ihre türkise Lesebrille auf, die an einer Kette um ihren Hals hing, suchte das Formular heraus und gab es Bob im Austausch gegen seinen Schülerausweis. Als sie erfuhr, dass Bob erst seit knapp vier Wochen in Rocky Beach wohnte, hieß sie ihn herzlich willkommen. Nach abgeschlossenem Anmeldeprozess gab Ms. Bennett ihm einen kurzen Überblick über die verschiedenen Abteilungen der Bibliothek und erklärte ihm das Ausleihsystem.
„Gibt es hier auch aktuelle Zeitungen?“, fragte Bob. „Ich suche nach Stellenanzeigen für einen Nebenjob.“
„Die aktuellen Zeitungen und Magazine findest du im Lesesaal im ersten Stock. Du kannst sie nicht ausleihen, aber hier vor Ort lesen. Und falls es dich interessiert, schau dir doch mal diese Anzeige an.“ Mit einem Zwinkern deutete Ms. Bennett auf ein Schild, das neben ihr auf dem Schalter aufgestellt war. Bob las es durch. Die Bibliothek suchte selbst gerade nach einer Aushilfe. Bob machte mit seinem Smartphone ein Foto von der Anzeige.
„Danke, ich werde darüber nachdenken,“ sagte er und verabschiedete sich.
„Viel Erfolg bei deiner Suche!“
Auf dem Weg zum Lesesaal streifte Bob durch die Gänge der Bibliothek. Das leise Rascheln von Buchseiten und gedämpftes Flüstern hallte durch den Raum. Auch beim zweiten Hinsehen bestätigte sich sein Eindruck: Die Bibliothek war gut sortiert und strahlte eine gemütliche Atmosphäre aus. Vielleicht lag es an den verwinkelten Ecken, von denen einige mit Tischen und Stühlen und andere sogar mit Sesseln zum Verweilen einluden. Geistesabwesend strich Bob mit seinen Fingerspitzen die Buchrücken entlang. Er hatte sich in Bibliotheken schon immer wohlgefühlt.
Im Lesesaal angekommen, nahm Bob sich zunächst die lokale Tageszeitung vor – die Rocky Beach Today. Die Lokalnachrichten einer Kleinstadt brachten ihn oft ein wenig zum Schmunzeln. Auf der Suche nach den Stellenausschreibungen überflog er die Schlagzeilen: Renovierungsarbeiten abgeschlossen – Stadttheater feiert Wiedereröffnung. Besucherrekord auf diesjährigem Krabbenfest – Bürgermeister Norton kürt beste Crab Cakes. Jungdetektive klären Diebstahlserie auf. Da waren sie! Die Jobangebote. Bob scannte sie mit geschultem Blick. Gastronomie? Wenn sie damit leben konnten, dass er auf dem Weg zum Tisch alles verschüttete… Lagerarbeit? Er spürte den Muskelkater jetzt schon… Hunde ausführen? Wahrscheinlich auch noch bei Regen… Bob faltete die Zeitung wieder zusammen. Nichts davon entsprach seinen Vorstellungen.
Ein Magazin, das Bobs Aufmerksamkeit gewann, war eine Art Veranstaltungskalender für L. A. und Umgebung. Als Bob zum Abschnitt über Rocky Beach blätterte, las er erneut von der Wiedereröffnung des Stadttheaters und den geplanten Aufführungen der kommenden Monate. Außerdem gab es ein paar Open-Air-Konzerte am Strand, die vielversprechend klangen. Er machte Fotos von den entsprechenden Seiten. Dann stieß er auf eine Anzeige: Die Musikagentur Sax Sandler suchte eine Aushilfe. Auch davon machte er ein Foto. Die Bibliothek und die Musikagentur – das war doch ein guter Anfang. Er legte das Magazin zurück an seinen Platz.
Bob überlegte, ob er nach Hause fahren sollte, entschied sich aber dagegen. Stattdessen setzte er sich an einen Tisch, packte seine Sachen aus und begann mit seinen Hausaufgaben.
„Bob, na endlich!“
„Hi, Mom.“
„Du warst lange unterwegs. Könntest du nächstes Mal vielleicht Bescheid sagen, wenn wir nicht mit dem Abendessen auf dich warten müssen?“ Seine Mutter klang ein wenig vorwurfsvoll – wahrscheinlich hatte sie sich Sorgen gemacht.
„Ja, vielleicht kann ich das,“ sagte Bob, während er sich die Schuhe auszog.
„Bob!“
„Tut mir leid. Ich war in der Bibliothek und habe mir auf dem Heimweg etwas zu essen geholt.“ Bob war bis zur letzten Minute in der Bibliothek geblieben, hatte sein Fahrrad durch die Stadt geschoben und sich ein Stück Take-away Pizza gegönnt. Danach war er die Küstenstraße entlang nach Hause gefahren.
„In der Bibliothek also… Ich freue mich ja, wenn du die Stadt erkundest. Hast du ein paar deiner Mitschüler kennengelernt?“ Sie schien zu denken, dass er zusammen mit anderen unterwegs gewesen war. Das würde erklären, warum sie ihm keine Nachricht geschickt oder versucht hatte, ihn anzurufen.
Bob verdrehte die Augen. „Was soll das jetzt, Mom?“
„Ich frage doch nur.“ Sie seufzte. „Bob, ich weiß, dass unsere Entscheidung –“
„Lass gut sein. Wir müssen nicht weiter darüber reden. Es ist alles gesagt.“ Warum musste er immer so gereizt reagieren? Als er den Blick seiner Mutter sah, steuerte er halbherzig gegen. „Mach dir keine Sorgen, ich komme schon klar.“
Ohne ein weiteres Wort stieg er die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Vielleicht stampfte er auch – wie ein trotziges Kleinkind.
