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Deutsch
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Published:
2024-10-02
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4,731
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1/1
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Leo Hölzer und das hypothetische Klassentreffen des Todes

Summary:

Adam trug ein Hemd. Und bei Leo gingen die Alarmglocken im Kopf los, als er seine Wohnungstür öffnete an diesem Freitagabend.

Krabbenfischen im Eismeer vor Alaska ist ungefährlicher als das organisierte Wiedersehen mit früheren Schulkollegen. Was Leo sehr genau weiß und weshalb er ganz sicher nicht an etwas teilnimmt, das mittlerweile ein eigenes Krimi-Genre bildet.

Notes:

Also eigentlich war das so ja nicht geplant, sondern hing an der Frage, was Leo denn alles tun würde, um Adam von einem Klassentreffen fernzuhalten (der will den doch nicht schon wieder unter Mordverdacht sehen!). Dann kam das halt alles ein wenig anders. Sinah, der Last-Minute-Spanier ist extra für dich. 😘

Die Buchtitel gibt es wirklich alle und ich weiß auch nicht, was Frau Merkel auf ihren Klassentreffen so erlebt hat.

Merci an die üblichen Verdächtigen, danke für die Sprints, die Hilfen und das Händchenhalten bei der Titelsuche ❤️ Mögen eure Klassentreffen frei von Mordermittlungen bleiben! (Und wenn doch nicht, dann ist hoffentlich eine passende Staustufe in der Nähe.)

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Adam trug ein Hemd. Und bei Leo gingen die Alarmglocken im Kopf los, als er seine Wohnungstür öffnete an diesem Freitagabend.

Es war nun nicht so, dass Adam nie Hemden trug. Das machte er schon gelegentlich. Widerwillig, unter lautstarkem Vorab-Protest und mit einem Gesichtsausdruck, der eisige Mordlust versprach, während er zu dieser modischen Zumutung gezwungen wurde, für Gerichtstermine oder Gespräche mit der Dezernatsleitung. Adam besaß Hemden. Mindestens zwei, die Leo kannte; ein weißes mit silbernen Streifen und ein ganz schlichtes hellgraues.

Die Gerichtstermine waren gar nicht so schlimm; ein grimmig dreinschauender Ermittler war für die Staatsanwaltschaft jedes Mal ein gefundenes Fressen, wenn es darum ging, die Schwere des Verbrechens zu unterstreichen. Leo war sich nie ganz sicher, welches Vergehen in Adams Augen schwerer wog, aber hinterfragte es nicht. Insgeheim waren das Termine, die er sich in seinem inneren Kalender rot anstrich, weil es bedeutete, dass er den ganzen Tag ein wohliges Kribbeln im Bauch genießen durfte, mit einem Adam, der ein wenig ruppiger als sonst war. Ein wenig strenger. Fordernder. Und das in einem Hemd, das ihm verboten gut stand, weil der feine Stoff und die geraden Linien irgend etwas mit ihm machten, das die verknautschte, verwaschene Bequemlichkeit seiner üblichen Shirts und Jeansjacken nicht hinbekam.

Mit etwas Glück wurde Leo dann als Sahnehäubchen obendrauf in diversen Parkgaragen Zeuge davon, wie Adam sich aus besagtem Hemd - und gelegentlich auch einer wirklich verflixt gut geschnittenen Stoffhose! - schälte und wieder in seine bevorzugten Outfits schlüpfte. Das half zwar dann Adams Laune meistens nur in homöopathischen Dosen, aber brachte ganz neue Tagträumereien für Leo hervor.

Wäre Leo philosophisch geneigt, er hätte sich hier tiefgründige Gedanken über Schlangen und Häutung und Abschütteln von ungewollten Situationen machen können. Aber wenn Adam da in knackengen Boxer Briefs vor ihm herumturnte und seine Beine wieder in eine Jeans fädelte, war Philosophie üblicherweise eher Nebensache. Da war Leo eher froh, wenn er noch wusste, wie man ein Auto startete oder wo er das Parkticket verstaut hatte.

Ähnlich liefen die Trips zur Dezernatsleitung in den fünften Stock, nur dass Adam sich da dann nicht direkt danach im Büro das Hemd vom Leibe riss.

Nicht mehr.

Hatte er mal gemacht. Leo war vor Schreck der Kugelschreiber in die Kaffeetasse gefallen, Pia hatte sich hustend an ihrem Keks verschluckt, und Esther war Adam so scharf angefahren, dass der sich zwar als unmittelbare Reaktion demonstrativ Zeit gelassen hatte, um sich seinen Hoodie überzuziehen, aber seitdem für die Garderobenwechsel in der Kopierkammer verschwand.

Bisher hatte Leo der Versuchung widerstehen können, in diesen Momenten dringende Kopierbedürfnisse vorzutäuschen.

Auf jeden Fall war der Anblick von Adam in einem Hemd für Leo immer einer, der sofortige Aufmerksamkeit verlangte. Der ordentliche Kragen, den er zurechtzupfen wollte. Die Knopfleiste, die doch wirklich darum bettelte, dass Leo sich um diese zwei obersten Knöpfe kümmerte, die Adam immer offen ließ und wo bei der richtigen Bewegung die Zungenspitze der Schlange auf seiner Brust neckisch hervorblitzte. Die engen Manschetten an den Handgelenken, die diese wunderbaren, großen Hände mit den langen, schmalen Fingern so perfekt zur Geltung brachten.

Und normalerweise war der Anblick von Adam in einem Hemd etwas, auf das Leo sich mental vorbereiten konnte. Das passierte berechenbar. Da konnte er sich darauf einstellen und das vorfreudige Kribbeln genießen.

Aber jetzt stand Adam hier gänzlich unerwartet vor Leos Tür, deutlich nach Feierabend und nachdem sie sich erst vor knapp zwei Stunden voneinander verabschiedet hatten. Im silbergestreiften Hemd und in der dunkelgrauen Jeans, die bei Leo immer für ein kleines Durcheinander im Kopf sorgte, wenn er in einer Situation war, wo er die Gedanken schweifen lassen konnte. Die blondgefärbten Haare ordentlich gestylt, und außerdem roch Adam verboten gut nach Aftershave und Duschgel und Haarwachs: die Mischung, die Leo jede Autofahrt genießen ließ, weil sie sich da dann so nahe waren, nur sie beide.

Machte nur alles keinen Sinn an einem Freitagabend, wo sie ganz sicher keinen Gerichtstermin und schon gar kein Gespräch mit irgendwelchen wichtigen Leuten im Präsidium hatten. Das hätte Leo gewusst und dann würde er nicht in Jogginghose und seinem altem Saarathon-2018-T-Shirt hier herumgammeln.

“Ich dachte, ich hol dich ab”, war Adams Erklärung für sein Aufkreuzen, als er sich an Leo vorbei in die Wohnung drängelte, als wär er hier immer noch zuhause. Was er leider nicht mehr war, auch wenn Leo ihn liebend gerne als Mitbewohner zurücknehmen würde. Aber auch wenn Adam sein Experiment “Wohnen bei Heide im Bunker” mittlerweile als katastrophalen Fehlschlag aufgegeben hatte, war er nicht wieder in Leos Gästezimmer eingezogen, sondern hatte jetzt eine eigene kleine Wohnung ein paar Straßen weg von hier.

Das machte schon Sinn und ließ sich rational mit einer Notwendigkeit für selbst gesetzte Grenzen und dem Schaffen von Raum für sich selbst erklären, aber auch wenn Leo ihm das alles von Herzen gönnte, durfte er ihn dennoch vermissen. Und ihm jetzt fast schon glücklich zuschauen, wie er sich im Flur wie selbstverständlich die Schuhe von den Füßen trat und sauber beiseite stellte, bevor er ein paar Schritte den Flur entlang machte.

Leo blinzelte ihm verwirrt hinterher. “Mich abholen?”

“Klar. Ist doch schon fast sieben.” Adam blieb stehen, drehte sich halb und musterte ihn von oben bis unten. “Hätte nicht gedacht, dass du das so locker nimmst. Aber hey, eigentlich gar keine schlechte Idee. Diese Hose zwickt jetzt schon an Stellen, wo ich es nicht brauchen kann.”

Wie um das Problem zu demonstrieren, fasste Adam sich an den Hintern und zupfte den Stoff zurecht. Die Geste half nicht gerade bei Leos Bemühungen, hier irgendwie zu kapieren, um was es gerade ging.

“Wo wollen wir hin?” fragte er schließlich. Irgendwas hatte er hier vergessen. Irgendwas Wichtiges, wenn es für Adam ein Hemd bedingte.

Scheiße, war heute etwa diese Preisverleihung für die besten Nachwuchskollegen? Da gab Leo sich doch immer Mühe, dabei zu sein, aber er war überzeugt gewesen, dass das erst in zwei Wochen angesetzt war. Er hatte sich doch noch geärgert, weil das mit dem Termin für die Schießprüfung zusammenfiel.

War die etwa auch heute gewesen?

Shit. Shitshitshit. Eiskalt fuhr es ihm den Rücken hinunter. Wenn er das verpasst hatte-

“Leo.”

- dann würde es schon einen Nachholtermin geben, aber Leo würde mitleidig-vorwurfsvolle Blicke kassieren, und das konnte er sowas von nicht brauchen. Der Teamleiter vom LKA 1, der die halbjährliche Schießprüfung verpasst hatte, weil er seine Termine nicht im Griff hatte. Das würde er erklären müssen, und dann zum Sonder-Schießtraining mit den komplett unfähigen Leuten vom Raub antreten müssen, bevor er die Überprüfung ablegen durfte.

Leo holte zittrig Luft und überlegte, ob er jetzt noch beim Schießstand anrufen sollte. Der Bockelmann war sicher noch dort, und außerdem schuldete der Leo noch einen Gefallen. Eine Erwähnung des kleinen Zwischenfalls im April, und der würde schon noch eine Stunde dranhängen, um Leo die Zertifizierung abnehmen, sauber mit heutigem Datum und ordentlich gestempelt.

Er nickte entschlossen. Ja, so würde es klappen.

“Warte, ich hol nur grad die Waffe aus dem Safe, dann können wir fahren.”

Adam legte den Kopf schief. “Waffe? Wieso das denn?”

“Ja, wie soll das denn sonst klappen?”

Jetzt sah Adam fast schon besorgt aus, wie er da in schwarzen Socken in Leos Flur stand, die Arme verschränkt und die Stirn in Falten gelegt. “Wozu brauchst du denn eine Waffe beim Klassentreffen? Schon klar, da werden einige Arschlöcher rumlaufen, aber… wirklich?”

Zum mindestens zweiten Mal in ein paar Minuten legte Leos Hirn eine Vollbremsung ein.

“Klassentreffen?”

Adam nickte. “Heute. Beim Italiener in der Nauwieserstraße.”

Viel mehr, als Wörter zu wiederholen, war gerade nicht drin. “Heute?”

Das hatte er komplett vergessen. Verdrängt. Da war vor Wochen eine Einladung an seine private Mailadresse gegangen. Klassentreffen, fünfzehnjähriges Abi-Jubiläum, wir würden uns freuen, dich zu sehen.

Leo hatte die Augen gerollt ob der höflichen Lüge und das Mail gelöscht. Und dann auch das zweite, eine Woche später. Dass dann noch ein SMS hereingeflattert gekommen war, weil irgend jemand tatsächlich die Frechheit besessen hatte, Caro nach seiner Nummer zu fragen, war dann der letzte Tropfen gewesen. Ein kühles, Ich habe kein Interesse, streicht mich bitte aus den Kontaktlisten war seine einzige Reaktion gewesen. Die Antwort mit der Bitte um ein Gespräch hatte er ignoriert.

Wir können doch sicher reden, falls etwas vorgefallen ist, von dem du dich verletzt gefühlt hast. Wir fänden es schön, wenn du kommst.

Für so etwas hatte er nun echt keine Zeit. Oder Lust, oder Nerven. Immerhin hatte niemand gewagt, ihn tatsächlich anzurufen.

“Leo, alles in Ordnung?”

Er holte tief Luft. Adam war der einzige aus der Schulzeit, mit dem er noch Kontakt haben wollte. Der einzige, der ihm diese Jahre erzwungener Gesellschaft nicht zur Hölle gemacht hatte, aktiv durch Taten oder passiv durch Nichtstun.

“Ja. Ich hab’s nur vergessen, dass das heute ist.”

“Du. Vergessen.” Adams Blick war skeptisch. Vielleicht zurecht; Leo vergaß eigentlich nichts, das er nicht vergessen wollte. Und meistens schaffte er nichtmal das, sondern durfte sich dann fröhlich um vier Uhr morgens in seinen Albträumen damit auseinandersetzen.

“Ja, verdammt. Vergessen.”

Da war viel zu viel Wissen in Adams Augen.

“Noch ist Zeit genug, wenn du dich umziehen willst.”

Leo schüttelte den Kopf und hoffte, dass er entspannter wirkte, als er sich im Inneren fühlte, wo sich gerade sein Magen in einen harten Klumpen verkrampfte, allein beim Gedanken daran, sich mit diesen Leuten abgeben zu müssen.

“Ich hab nicht zugesagt. Die haben sicher Plätze reserviert.”

“Als ob da nicht ein, zwei Personen mehr einkalkuliert worden sind. Oder irgendwer ausfällt.” Adam kam auf ihn zu, unausweichlich in der Enge des Flurs, bis Leo keine Wahl mehr hatte, als in die Küche auszuweichen. “Geht erst in dreißig Minuten los, und die coolen Leute kommen ohnehin zu spät.”

“Wieso bist du eigentlich eingeladen?” Es war ein kläglicher Versuch des Hinauszögerns und Ablenkens, aber es war ein Strohhalm, an den Leo sich klammerte.

Adam zuckte mit den Schultern und kam hinter ihm her in die Küche. “Der Faltner aus der Fußball-AG von damals ist einer der Organisatoren. Der hat mitbekommen, dass ich wieder in Saarbrücken bin, und hat sich vor ein paar Wochen gemeldet. Meinte, dass ich als Fast-Abiturient auch kommen kann.”

“Und du wolltest dir das antun?”

Wieder zuckte Adam mit den Schultern. “Ist nicht, als hätte ich heute was Besseres vor. Außerdem will ich wissen, wer von den Arschlöchern von damals jetzt ein frustrierter Bürofuzzi geworden ist.”

“Und dafür hast du dich schick gemacht?”

Adam schenkte ihm eines dieser kleinen, verschmitzt-schiefen Lächeln, die Leos Knie immer ein wenig weich werden ließen. “Schick findest du das?”

“Steht dir. Das Hemd.” Leo rieb sich die plötzlich feuchten Hände an seiner Jogginghose trocken und hoffte, dass Adam ihm nichts anmerkte. Anschmachten war in Ordnung. Adam es merken zu lassen, war es nicht, auch wenn Leo den hoffnungsvollen Verdacht hatte, dass da mal was werden könnte aus ihnen. Aber sicher nicht heute. Da würden sie vorher drüber reden müssen, und Leo hatte nicht den geringsten Schimmer, wie er das anstellen sollte. “Das Hemd ist gut. Und die Jeans sind auch gut. Da wird… wie hieß sie? Viktoria? Sich richtig freuen.”

“Viktoria kann mich kreuzweise, die dumme Ziege.” Das klang beruhigend vehement; Musik in Leos Ohren. Viktoria, verbissen-lächelnd-mobbendes Zentrum der Klasse und immer auf Machtdemonstration aus. Leo hatte es nie auf ihre Liste der akzeptablen Mitschüler geschafft - und es auch gar nicht erst versucht - aber sie hatte irgendwann beschlossen, dass Adam in ihr Beuteschema passte, und bis zum Schluss nicht lockergelassen mit der Flirterei.

Klang, als müsste Leo sich zumindest in der Hinsicht keine Sorgen machen. Wobei er sich die schon seit zwanzig Jahren nicht mehr machte. Nicht mehr seit dem denkwürdigen Tag, an dem Adam ihr vor der versammelten Klasse erklärt hatte, dass sie zu viel Brust und zu wenig Schwanz für seinen Geschmack hatte, und sie dann stehen gelassen hatte.

Das war auch der Tag gewesen, an dem Leo angefangen hatte, sich gewisse Hoffnungen zu machen. Hoffnungen, die er bis heute sorgsam hegte und beschützte und Träume, die er sich manchmal erlaubte.

Adam sah sich in der Küche um. Zupfte ein gelbes Blatt von Leos Efeutute auf dem Fensterbrett, die auch wieder ein wenig mehr Aufmerksamkeit vertragen konnte. “Sicher, dass du nicht mitkommen möchtest?”

“Ganz sicher.” Leo streckte die Hand aus und nahm ihm das Blatt ab. Drehte dann den Spieß um. “Sicher, dass du da überhaupt hin willst?”

Adam zuckte mit den Schultern. “Das wird nichts Aufregendes werden, aber was soll schon passieren?”

“Weißt du, wie viele schlechte Krimis ich gelesen habe, die auf einem Klassentreffen anfangen?”

“Auf so eine bescheuerte Idee kommt doch niemand.”

Leo schnaubte amüsiert, zog sein Handy raus und tippte kurz ins Suchfeld auf der Webseite seiner Stammbuchhandlung, dann las er vor: “Tödliches Klassentreffen auf Usedom. Tödliches Klassentreffen, ein Stuttgart-Krimi. Das gespenstige Klassentreffen. Blutiges Klassentreffen.”

“Du übertreibst doch.”

“Das Klassentreffen - ein Urlaubskrimi”, fuhr Leo unbeirrt fort. “Mörderisches Klassentreffen. Mein letztes Klassentreffen. Noch ein Tödliches Klassentreffen. Klassentreffen des Todes. Der Mörder und das Klassentreffen. Frau Merkel und das mörderische Klassentreffen.”

Adam zog die Nase kraus. “Was hat denn die Merkel auf ihrem Klassentreffen bitte gemacht?”

“Entweder einen Mord aufgeklärt oder einen begangen.”

“Hat die nicht Leute für sowas?”

“Früher sicher. Für beides.” Leo schüttelte den Kopf, halb lachend, halb genervt. “Aber du siehst: ganz schlechte Idee, da hinzugehen, außer du willst heute unbedingt noch Überstunden einlegen. Am besten, du warnst Henny gleich vor, dass sie eine Nachtschicht wird einlegen müssen.”

“Als ob wir da ermitteln müssten, wenn wir die alle kennen.” Adam zupfte noch ein gelbes Blatt von der Efeutute, nahm Leo das erste Blatt auch wieder ab und brachte beide zur Spüle, wo er sie im kleinen Bio-Eimerchen unten bei den Mülleimern verstaute. Leos Herz machte einen kleinen, wehmütigen Hüpfer bei dem Anblick, wie selbstverständlich Adam sich in seiner Wohnung immer noch bewegte. Da half es auch nicht, dass Leo vom Gästezimmer immer noch meistens als Adams Zimmer dachte.

“Hast auch wieder recht. Befangenheit. Können wir sofort ans LKA 3 abschieben, dann dürfen sich die damit rumschlagen.” Leo lehnte sich gegen den kleinen Küchentisch und schaute zu, wie Adam sich ein Glas aus dem Wandschrank nahm und im Kühlschrank stöberte, bis er die halb leere Packung Orangensaft fand. “Willst du da wirklich hin?”

Adam kippte Orangensaft in sein Glas. Sah dann Leo fragend an und nahm auf sein kleines Nicken hin ein zweites Glas aus dem Schrank. “Ich dachte, du würdest hingehen wollen. Macht man doch so.”

“Muss ich nicht haben.” Leo schaute zu, wie Adam ihm auch einschenkte, halb-halb mit Leitungswasser, und nahm dann das Glas entgegen, als es ihm hingehalten wurde. “Mir reicht es schon, dass ich nicht mehr zum Edeka bei mir um die Ecke kann zum Einkaufen, weil da jetzt der Harald bei der Kassa sitzt.”

Adam brummte mitfühlend. “Scheiße, sowas.” Er nippte an seinem Glas, stellte es dann neben sich ab und stützte sich mit dem Hintern gegen die Arbeitsplatte, wie er es schon hunderte Male getan hatte in den letzten paar Jahren. Leo mochte den Anblick. Er hätte den gerne wieder öfters. “Du willst also nicht mitkommen?”

Langsam schüttelte Leo den Kopf. “Nein, wirklich nicht. Aber wird sicher ein interessanter Abend.” ‘Schön’ brachte er nicht über die Lippen.

“Ich weiß nicht. Vielleicht lass ich es doch bleiben.” Adam hob das Glas wieder an, spielte unschlüssig damit herum, ohne zu trinken. Stellte es doch wieder ab, sorgfältig auf den schmalen nassen Ring, den es auf der Arbeitsplatte hinterlassen hatte.

“Hast doch extra das Hemd dafür ausgegraben.” Und gebügelt, wenn Leo sich nicht irrte. Er hätte gar nicht gedacht, dass Adam ein Bügeleisen besaß, aber das sah alles sehr knitterfrei aus und der Kragen war sehr akkurat gefaltet. Ein wenig verschoben, und es juckte ihn in den Fingern, das geradezuzupfen. Aber er hielt sich zurück.

“Ich kann dort ja schlecht im Hoodie und in der abgeranzten Jogginghose auftauchen, falls du mitgekommen wärst. Da hättest du keine Freude dran gehabt.”

Und wieder eine geistige Vollbremsung, so nonchalant, wie Adam ihm das gerade hinwarf. Adam, der sich in ein Hemd gequält hatte, über das er sonst jedes Mal meckerte. Weil er damit gerechnet hatte, heute Abend mit Leo unterwegs zu sein und ihn nicht blamieren wollte? Gut aussehen wollte für ihn? Adam Schürk, der sich nichts dabei dachte, bei der Arbeit in Outfits aufzutauchen, die den Verdacht erweckten, er wäre unterwegs überfallen worden und hätte sich am nächsten Altkleidercontainer bedienen müssen?

“Ich dachte, du willst wissen, was aus denen allen geworden ist”, rettete Leo sich auf etwas weniger trügerisch-wackeligen Boden.

Adam legte den Kopf schief. “Macht aber keinen Spaß, wenn du nicht dabei bist. Und ich dachte, du würdest da hin wollen. Da lass ich dich doch nicht allein.”

Manchmal konnte Leo wirklich nicht fassen, was dieser Mann mit ihm machte. Ein paar Worte nur und schon stellte er Leos Welt ganz beiläufig auf den Kopf.

“Ich hab mir eben Sorgen gemacht, dass du da hingehst, weil man das so macht. Da sind die ganzen Scheißtypen von damals.” Da war ganz viel Rechtfertigung in Adams Stimme, und auch eine gehörige Prise Wut. “Natürlich komm ich da mit.”

“Adam.”

“Ich weiß, du kannst auf dich aufpassen. Aber du musst da nicht allein durch. Das weißt du auch, oder?” Adam schaute wieder hinunter auf seine Hände und zupfte an seiner Manschette herum, als hätte sich da eine Falte im Stoff eingeschlichen.

“Adam.”

Es brauchte einen Moment, bis Adam wieder den Kopf hob. Und dann brauchte Leo einen Moment, weil er sich in diesem Blick verlor, wunderschön blau und ganz auf ihn konzentriert.

“Ich geh da nicht hin.” Er wartete kurz, weil das jetzt wichtig war und er wollte, dass Adam es verstand. “Aber wenn ich überhaupt darüber nachgedacht hätte, mir das anzutun, dann hätte ich dich gefragt, ob du mitkommst.”

“Wäre ich. Sofort, Leo. Sofort wär ich mitgekommen.”

“Ich weiß.” Leo atmete langsam ein, dann wieder aus. “Ich weiß, dass du mich damit nicht allein gelassen hättest.”

Sie hatten da drüber geredet. Dass Leo immer für Adam da gewesen war, aber ihm zwischendurch das Vertrauen abhanden gekommen war, dass Adam genauso auf ihn achtgeben würde. Dass er mittlerweile verstand, dass Adam ihm immer den Rücken freihalten würde, auch wenn er es manchmal auf eine selten dämliche Art und Weise versuchte. Dass umgekehrt Adam verstanden hatte, dass Leo wissen wollte, was er so veranstaltete, wenn es um sie beide ging.

Manchmal musste es eben trotzdem noch mal gesagt werden.

“Die Idioten von damals sind das doch gar nicht wert”, fuhr er fort. “Wieso sollen die mich heute interessieren? Ich war damals schon froh, wenn ich nichts mit ihnen zu tun haben musste. Da will ich heute doch nicht wissen, wer wie viele Kinder hat, oder wer geschieden ist, oder wem die Haare ausfallen.”

“Hoffentlich Viktoria. Vor ein paar Wochen hab ich die tatsächlich mal gesehen. Die färbt, und nicht gerade gut.”

“Musst du ja wissen, du Experte.”

Adam grinste ihn an und fuhr sich durch seine Haare, wo der Ansatz aktuell wieder ein wenig besser zu sehen war. Leo hoffte insgeheim, dass das noch ein paar Wochen so bleiben würde, weil das eigentlich unverschämt heiß aussah und er nichts lieber getan hätte, als mit seinen Fingern durch diese wirren Strähnen zu kämmen und ein wenig Ordnung hineinzubringen.

“Wegen der muss ich jetzt übrigens zur Tankstelle mit den nicht so guten Hörnchen. Die hat direkt neben der guten Tankstelle am Rastpfuhl einen Esoterik-Shop aufgemacht, da hab ich keine Lust, dass sie mich irgendwann aus der Entfernung auspendelt und mich dann mit irgendwelchen Räucherstäbchen anpustet.” Adam trank noch einen Schluck und stellte dann das Glas wieder ab. Wurde ernster. “Ich wär wirklich mit dir gekommen.”

“Ich weiß.” Kein Zweifel mehr. Schon lange nicht mehr. “Du hast dich in Schale geworfen heute Abend, nur auf den Verdacht , dass ich da hin will.” Das war immer noch ein wenig schwer zu glauben.

“Darf ich mich nicht auch mal hübsch machen?”

“Bist du doch sowieso immer”, rutschte es Leo raus, bevor er sich auf die Zunge beißen konnte.

Scheiße. Er musste sich wirklich in den Griff kriegen hier. Aber das Wissen, dass Adam das alles für ihn getan hatte? Das machte was mit ihm.

Er duckte den Kopf. Beschäftigte sich ganz konzentriert mit dem Orangensaftglas in seiner Hand, weil er Adam gerade nicht in die Augen schauen konnte, nur für den Fall, dass er hier eine Grenze überschritten hatte.

“Ach? Und was war das dann vorige Woche, als mich der Arsch in den Fischteich geschubst hat auf der Flucht? War ich da auch hübsch?”

Das lauernde Grinsen in Adams Stimme war unüberhörbar und machte es Leo möglich, nicht in Panik zu erstarren, sondern die Kurve hin zu ein wenig mehr Leichtigkeit zu kriegen. An einen Zufall glaubte er da nicht, also warf er Adam ein dankbares Lächeln zu, dass der da grad keine große Sachen draus machte.

“Ich musste dich aus dem Schlamm ziehen.”

“Ja und?”

“Du hattest Algen in den Haaren.”

Adam zog eine Augenbraue erwartungsvoll hoch, als Leo einen Blick riskierte. Sein Mundwinkel zuckte.

“Deine Schuhe sind da nie wieder rausgekommen.”

“Ja, das war schade.”

“Du hast ausgesehen wie ein Sumpfmonster.” Hatte er wirklich, und auch buchstäblich atemberaubend gerochen. Leo hatte auf dem Beifahrersitz Plastikplane auslegen müssen.

“Ein hübsches Sumpfmonster?”

Mit einem leisen Lachen schüttelte Leo den Kopf. “Das hübscheste Sumpfmonster, das ich je gesehen habe.”

“Ich frag jetzt nicht, wie viele dir schon über den Weg gelaufen sind.” Adam spielte mit seinem Glas, trank den letzten Rest und spülte es dann unter dem Wasserhahn aus. “Hast du noch was vor heute Abend?”

Leo schüttelte den Kopf und schaute demonstrativ an sich hinunter, auf das Saarathon-Shirt, die Jogginghose mit dem Loch am Knie und seine nackten Füße. “Couch. Irgendeine Doku, oder vielleicht wieder mal was lesen. Nichts Aufregendes. Du kannst also ruhig auf das Klassentreffen gehen, wenn du magst. Hier verpasst du nichts.”

Adam schüttelte den Kopf. “Da ist niemand, der mich interessiert.”

Leo legte fragend den Kopf schief. “Hast aber trotzdem die guten Sachen angezogen.”

“Weil ich dachte, du bist dort.” Adam stieß sich von der Arbeitsfläche ab und kam einen Schritt auf Leo zu.

“Soll ich doch mitkommen?” Er hatte wirklich keine Lust, aber wenn Adam es wollte, dann würde er es eben durchziehen. Ein paar Stunden konnte er schon so tun, als wäre ihm die Vergangenheit egal und alles vergessen, wenn es Adam Spaß machte.

“Sollst du- Leo!”

Leo blinzelte ihn an.

“Scheiße, Leo, sag mal, hörst du mir eigentlich zu?” Noch ein Schritt und Adam war so nah, dass Leo ihn fast schon spüren konnte. Wäre da nicht der Tisch hinter ihm gewesen, er wäre zurückgewichen, weil es ihn jedes Mal ein wenig aus der Bahn warf, wenn Adam so nah vor ihm stand, dass er zu ihm aufschauen musste. “Das Klassentreffen interessiert mich einen Scheißdreck! Aber du-”

“Ich-”

Weiter kam er nicht, weil Adam ihn plötzlich küsste. So richtig.

Oh.

Leo entwischte ein überraschtes kleines Keuchen. Das war- Daran hatte er nicht-

Oh.

Zu viel mehr war sein Kopf an dem Punkt gar nicht mehr fähig, weil jeder Versuch eines Gedankens daran verfing, dass Adam ihn küsste.

Adam. Küsste ihn. Und Leo war sich ziemlich sicher, dass das gerade wirklich passierte, weil er sich das im Leben nicht so vorstellen hätte können. Vorgestellt hatte er sich das nun wirklich oft genug, und in unzähligen Varianten. Stürmisch. Verlangend. Unbeholfen vielleicht, oder ganz ohne großes Nachdenken und aus dem Bauch heraus.

Aber irgendwie nie so, wie es jetzt war, mit Adams Lippen anfangs ganz weich an seinen und vorsichtig fragend. Bis Leo mit einem kleinen, glücklichen Seufzen den Kuss erwiderte und Adam sofort mutiger wurde, fordernder, der Kuss fester, bis Leo nicht mehr konnte und sich ein bisschen zurücklehnen musste, um Adam anzusehen und sich in seinem Blick ein wenig zu verlieren.

Viel mehr als “Adam”, zu murmeln war zwar nicht drin, aber das tat er. Legte ihm behutsam eine Hand an die Wange und fühlte, wie seine Kehle eng wurde, als Adam sich in die Berührung lehnte, die Haut ganz frisch rasiert und glatt und warm.

“Leo”, kam zurück in diesem wunderbar weichen Tonfall, den Adam nur für ihn reservierte und der Leo immer ein kleines bisschen dahinschmelzen ließ, weil er diese sanfte Seite an Adam liebte, die nur in den beschützten, ruhigen Momenten zwischen ihnen zum Vorschein kam.

Wieder wurde er geküsst. Küsste mit Begeisterung zurück. Legte seine Hand vorsichtig an Adams Rücken auf dieses glattgebügelte Hemd, wo er die Körperwärme durch den dünnen Stoff spüren konnte, und seufzte zufrieden, als Adam sich ganz willig ein wenig näher ziehen ließ.

“Komm”, murmelte Adam irgendwann. “Machen wir ein Klassentreffen auf der Couch.”

“Klassentreffen, hm?”

Adam strich ihm sachte über die Stirn und küsste ihn dann genau dort. “Mit dem einzigen, der mir aus dem ganzen Haufen jemals wichtig war.”

Und wieder schaffte Adam es, nur mit ein paar Worten Leos Herz zum Stolpern zu bringen. Er hatte keine Ahnung, was man auf so etwas antwortete, also tastete er nach Adams Hand, fing sie ein und hielt ihn einfach nur fest in der Hoffnung, dass der verstehen würde, wie viel wunderbaren Aufruhr er da gerade in Leos Seelenleben verursachte.

“Adam”, murmelte er nochmal. Lehnte seine Stirn gegen Adams, weil er für einen Moment den Halt brauchte und durchatmen musste gegen das warm-aufgeregte Kribbeln in seinem Bauch. Küsste ihn wieder, und noch einmal, bis er Adams Lachen an seinen Lippen spürte und sich schließlich bereitwillig ins Wohnzimmer ziehen ließ, so nah aneinander geschmiegt, dass sie sich alle paar Schritte sortieren mussten und ein Loslassen trotzdem gerade absolut inakzeptabel gewesen wäre.

Auf der Couch brauchten sie einen Moment, um sich zu sortieren, weil das auf einmal alles so ungewohnt war. Wie setzte man sich denn, wenn man nicht mehr für einen Film oder zum Zocken da landete, sondern zum Knutschen? Besonders, wenn man sich währenddessen nicht loslassen wollte? Leo tat sein Bestes, um Adams Hemd nicht vollends zu zerknittern, aber irgendwann verlor er das Ziel dann doch aus den Augen, als sie endlich gemeinsam in einer Ecke der Couch zusammengekuschelt lagen, Adam halb auf Leo, Leos Hand unter Adams Hemd, das nun gar nicht mehr so ordentlich in den Bund seiner Jeans gesteckt war.

“Sei ehrlich”, sagte Adam irgendwann, als sie beide einen Moment zur Ruhe kamen, sein Kopf ein beruhigendes Gewicht an Leos Schulter. “Du machst das hier nur, damit ich nicht alleine auf dieses Treffen gehe.”

Leo schnaubte amüsiert. Zupfte an den kurzen Haarsträhnen in Adams Nacken, um ihn dazu zu bringen, ihn anzusehen.

“Natürlich.” Er neigte den Kopf, um ihn zu küssen, nur für einen Moment. “Wer weiß, was du da angestellt hättest.”

Adam brummte nachdenklich. “Vermutlich einen Mord aufgeklärt, wenn du recht hast mit diesen Büchern.”

“Bestimmt.” Leo streichelte langsame Kreise über Adams Rücken, spürte warme Haut, die Linie seiner Wirbelsäule, die kleinen Unebenheiten, von denen er wünschte, dass sie nie geschehen wären. “Du ganz allein. KHK Schürk ermittelt im mörderischen Klassentreffen.”

“Wer war es denn in den Büchern? Damit ich einen Vorsprung beim Ermitteln habe und die Personalabteilung nicht wieder über die Überstunden meckert.”

“Lies doch selber.” Ein ganz schneller, getupfter Kuss auf Adams Mund, und Leo war ganz fasziniert, wie spielerisch sich das anfühlte.

Wortloser gebrummter Protest von Adam. Da wollte Leo mal nicht so sein.

“Kommt immer drauf an.” Er legte seine Hand flach auf Adams Rücken, direkt über dem Bund seiner Jeans und spürte, wie Adam sich ihm entgegen schob. Vorsichtig zog er ihn ein wenig näher, brachte sie enger zusammen. “Im letzten war es der hochattraktive spanische Ehemann von einem der Teilnehmer.”

“Wer nimmt denn den Ehemann mit auf ein Klassentreffen? Außer man will all den Idioten zeigen, dass man sich einen sexy Spanier geangelt hat.”

“Hättest du den mitgenommen? Also wenn du einen gehabt hättest?”

Adam rappelte sich ein wenig auf. Schaute Leo in die Augen, mit so viel ruhiger Intensität, dass es fast schon schwierig wurde, stillzuhalten.

“Wozu brauch ich denn einen Spanier?” fragte er schließlich. “Ich hab doch dich. Und dich teil ich sicher nicht mit diesen Idioten."

Wieder machte Leos Herz einen Hüpfer.

“Klassentreffen machen wir nur noch zuhause.” Mit diesen Worten zog Adam ihn erneut in einen Kuss, ganz langsam und bedächtig, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Und die hatten sie, dachte Leo, als er sich noch ein Stücken weiter fallen ließ in Adams Wärme und einfach nur die Nähe genoss, den vertrauten Geruch. Den Geschmack auf seiner Zunge, das weiche Kraulen von Adams Hand in seinem Haar. Das Staunen ganz tief in seiner Seele, dass sie hier gelandet waren.

An diese Art von Klassentreffen konnte er sich wirklich gewöhnen.

Notes:

Vielen Dank für's Lesen! ❤️ Über Kudos, Kommentare oder ein Hallo via Discord oder Tumblr (jeweils als @carmentalis zu finden) freue ich mich immer!