Chapter Text
Als Sam in den Spiegel blickte, schnürte sich ihm die Kehle zu. Es fühlte sich an als könnte er nicht mehr atmen, als habe er nie gewusst wie man es tat. Sein Mund öffnete sich leicht während die Fingerspitzen sich zittrig dem kalten Glas entgegen bewegten. Vorsichtig, als könne der Spiegel unter ihnen zerbrechen, legten sich die Fingerspitzen an die Wange hinter der kühlen, glatten Oberfläche. Hastig zog er die Hand wieder zurück. Ein Teil von ihm hatte gehofft schon hier einen Irrtum zu finden. Einen Fehler, der ihm erklärte, dass er träumte, oder schlimmeres.
“Nein“, entkam es dem Winchester leise, einem kaum bemerkbaren Flüstern gleich welches ungehört in dem verlassenen Raum verhallte. Noch vorsichtiger führte er die schlanken Finger nun an die eigene Wange. Zaghaft folgte er der Wange empor zu seinen Wangenknochen. Entsetzt weiteten sich die rehbraunen Augen. Im Spiegel verfolgten sie genau dieselbe Prozedur: Auch hier folgten die bekannten Finger dem bekannten Gesicht. Während Sam aber die eigenen Finger an seiner Wange wahrnahm, sah er in dem Spiegelbild wie sie das Gesicht eines Anderen so berührten. Jenes zu kennen hatte es nur unerträglicher gemacht.
Beunruhigt folgte er nun auch mit der zweiten Hand seinem Hals an der anderen Seite herab, bis die linke Hand den Anfang des Hemdes streiften. Erst das blau-weißlich gemusterte Hemd glich wieder dem, dem er sich beiderseits bewusst war.
Natürlich wusste Sam wie sein eigenes Gesicht aussah und das im Spiegel war es nicht. Hastig fuhr er sich in die blonden, viel kürzeren Haare. Panisch strich er immer wieder durch das dunkle Blond. Zitternd fuhr er unter seinen Augen entlang welche schon immer einen braunen Farbton besessen hatten. Um sich zu versichern holte Sam schnell einen kleinen Lederumschlag heraus in welchem alle Ausweise versteckt waren, die er für ihre Mission benötigen könnte. Nacheinander hielt er jede Karte in der Hand, knickte sie leicht um sich zu versichern, dass sie da war. Dann betrachtete er sich das Bild, welches jedes Mal wieder sein eigentliches Antlitz zeigte.
Sam Winchester hatte rehbraune Augen, dunkles braunes Haar, trug eigentlich auf jedem Bild einen Anzug oder ein Hemd, hatte Muttermale an den Stellen, die er sich schon seit langer Zeit immer mal wieder angesehen hatte – man konnte es nicht übersehen.
Daraufhin wieder der vernichtende Blick herauf zum Spiegel. Als er sich an dem Waschbecken an beiden Seiten abstützen musste, fielen die Karten zu Boden. Völlig eingenommen von dem was er sah, meinte er nicht einmal mehr das Klackern des Plastiks zu hören, nicht das dumpfe Geräusch des Lederumschlages der nun auf dem Boden gelandet war. Seine falschen Ausweise lagen darum verstreut, teils etwas feucht von dem Wasser.
