Chapter Text
Sie waren bereit, bereit alles zu geben und alles zu verlieren. Die wilden Kerle standen auf den Tribünen im Teufelstopf und schauten sich um. „Morgen früh ist die Zeit gekommen,” sagte Leon, der Anführer, ohne sich zu den anderen umzudrehen. Viel zu lange hatte er auf diesen Moment gewartet und jetzt, als er zum Greifen nah schien, hatte er Angst. Ja, richtig gehört. Leon, der beste Slalomdribbler der Welt, hatte Angst. Und Angst war etwas das Leon nicht oft verspürte, jedenfalls nicht so das man es ihm ansehen würde. Das letzte Mal das er sich erinnern konnte wirklich Angst gehabt zu haben war vor etwa zwei Monaten als er und Fabi einen Streit hatten, welcher damit endete, dass Fabi die Mannschaft verließ. Leon erinnerte sich daran als ob es gestern gewesen wäre.
~Etwa zwei Monate zuvor~
„Ist das wirklich was du willst?” fragte Fabi, der schnellste Rechtsaußen der Welt. Leon sagte nichts und schaute zu Boden. „Okay, ich seh schon…“ sagte Fabi und drehte sich von Leon weg, während ihm eine Träne über seine Wange lief. Leon, der bis vor kurzem noch zu Boden starrte, hebte nun seinen Kopf. Sein Mund öffnete sich doch es kamen keine Worte heraus, nur ein stilles schluchzten. Für einen kurzen Augenblick dachte er darüber nach Fabi hinterher zu rennen und sich zu entschuldigen, in der Hoffnung er würde bleiben. Doch als er endlich den Mut zusammengefasst hatte war Fabi bereits auf sein Fahrrad gestiegen und in den Wald hineingefahren. Leon blieb alleine zurück, eine unbeschreibliche Leere um ihn herum. Auch nachdem er Fabi schon lange nicht mehr sehen konnte blieb er an der selben Stelle sitzen. Vielleicht erhoffte er sich Fabi würde umdrehen und zurückkommen, doch dies geschah nie.
~Zurück in der Gegenwart~
Leon konnte es sich nicht verzeihen was an diesem Tag geschah. Oft versuchte er es doch es gelang ihm nie. Seine Gedanken wanderten öfter zu Fabi als er zugeben wollte und auch jetzt, während sie auf den Teufelstopf hinabblickten, konnte er seine Gedanken nur schwer auf das bevorstehende Spiel fokussieren. „Woran denkst du Leon?” Vanessas Frage riss ihn aus seinen Gedanken. „Fabi.” Vanessa schaute ihn an. Er hatte die letzten Monate viel mehr von Fabi gesprochen als sonst und Vanessa fühlte sich öfters vergessen oder in den Hintergrund gedrängt. Mehr als einmal hatte sie darüber nachgedacht, ob Leon tiefere Gefühle für Fabi hegte als er zugeben wollte. Diesen Gedanken vergaß sie allerdings sofort wieder, da sie es sich nicht vorstellen konnte. Immerhin waren sie seit ihrer Kindheit befreundet. „Ich würde dir raten ihn zu vergessen.Das ist nicht böse gemeint aber Leon, wir müssen der Tatsache ins Auge blicken. Er ist jetzt schon seit fast zwei Monaten weg und es ist sehr wahrscheinlich, dass er nicht mehr wiederkommen wird.” Leon sagte nichts. Was sollte er auch sagen? Alles, was Vanessa sagte, stimmte aber es war leichter gesagt als getan. „Du hast ja noch nie deinen besten Freund verloren. Weißt du eigentlich, wie ich mich damit fühle? Wir waren Jahrelang die besten Freunde und jetzt ist er auf einmal weg. Da kann ich ihn nicht einfach so leicht vergessen.“Sagte Leon, seine Stimme etwas lauter als gemeint. Die anderen schauten ihn überrascht an. Ihnen war nicht bewusst, wie sehr es Leon belastete. Vanessa fühlte die Veränderung in der Stimmung, versuchte aber nochmal mit Leon zu reden, in der Hoffnung er würde sie verstehen. „Du hast recht, ich hatte nie so einen besten Freund wie du aber ich weiß wie es sich anfühlt wenn die Person verschwindet die immer für einen da war. Vielleicht willst du es einfach noch nicht wahrhaben aber er kommt nicht zurück und es ist besser für uns alle wenn wir uns an diesen Gedanken gewöhnen.“ Ab da war die Konversation für Leon beendet. Er schaute die anderen entschuldigend an, bevor er von den Tribünen stieg und zu seinem Bike ging. Marlon wollte seinem Bruder folgen, doch Vanessa hielt ihn zurück. Marlon schaute sie verwirrt an, aber sie schüttelte nur den Kopf und auch die anderen entschieden ihm etwas Zeit für sich zu geben. Sie setzten ihr Training fort um auf andere Gedanken zu kommen.
- Währenddessen Leon -
Leon stieg auf sein Bike und fuhr los. Ihm war egal wohin Hauptsache weg. Weg von seinen Freunden, weg von Vanessa und weg von dem Stress. Er fuhr bis er eine Lichtung mit einem kleinen See fand. ‚Seit wann ist der denn da?‘ fragte er sich, hatte jedoch keine Antwort. Er hatte viel Zeit in seiner Kindheit in diesem Wald verbracht jedoch schien ihm dieser See noch nie aufgefallen zu sein. Leon stellte sein Bike ab und lief näher ran. Das Wasser glänzte türkisblau in der Sonne und Leon verspürte das Bedürfnis hineinzuspringen. Er beugte sich über das Wasser und ließ seine Finger hindurchgleiten. Es hatte eine angenehme Lauwarme Temperatur, genau passend zur Jahreszeit. Leon schaute sich um ob er auch wirklich alleine war, bevor er seine Schuhe und nach und nach auch seine anderen Kleidungsstücke auszog bis er irgendwann nur noch in seiner Sporthose dastand. Mit einem letzten prüfenden Blick über die Schulter ging er langsam in den See. Seufzend schwamm er zur anderen Seite. Lange war es her, dass er sich wirklich entspannen konnte. Als Anführer hatte er immer viel zu tun und erst jetzt merkte er, wie sehr er sich selbst vernachlässigt hatte. Er tauchte ins Wasser und öffnete die Augen. Es war klar genug, um alles erkennen zu können. Als er wieder auftauchte und das Wasser aus seinen leicht brennenden Augen wischte, erkannte er am anderen Ende des Sees die Umrisse einer Person. Leon schwamm näher heran, um die Person besser erkennen zu können. Wie erstarrt blieb er stehen als ihm bewusst wurde wer da gerade vor ihm stand. „Fabi…” Flüsterte er, seine Stimme nur noch ein Hauch. „Lange nicht gesehen.“ Antwortete Fabi. Er hatte sich verändert, wenn auch nicht viel. Er trug immer noch die selbe Fußball Kleidung wie früher, nur seine Haare waren länger geworden. Es schien als hätte er sie schon eine Weile nicht mehr geschnitten, da sie ihm nun über die Ohren ging. Die neue Frisur war ungewohnt aber nicht unbedingt schlecht, in Leons Augen.
In seiner Überraschung hatte Leon ganz vergessen, dass er immer noch halb im See stand. Doch das war im ganz egal, er war nur überrascht über Fabis plötzliche Erscheinung. „Was ist? Habe ich dir die Sprache verschlagen?” fragte Fabi amüsiert. „Nein… schön dich zu sehen.“ Antwortete Leon mit einem unsicheren Lächeln. Immerhin war er sich nicht sicher ob Fabi nicht doch noch sauer auf ihn war von ihren letzten Streit. Doch entgegen aller Sorgen lächelte Fabi zurück. „Stört es dich, wenn ich dir Gesellschaft leiste?” Im Moment traute er seiner Stimme nicht also schüttelte er nur den Kopf. Fabi zog seine Schuhe aus, setzte sich ans Ufer und ließ seine Beine ins Wasser baumeln. Leon, der noch im See war, setzte sich nun neben ihn. Gerade wollte er etwas sagen, als Fabi ihm zuvor kam. „Willst du dich nicht anziehen?” Stimmt. Leon hatte ganz vergessen, dass er sein Trikot noch nicht wieder angezogen hatte und das auch wenn es Sommer war er es nicht riskieren wollte krank zu werden. Schnell drehte er sich um und zog sich sein Trikot über den Kopf bevor er sich entspannt zurück auf den Boden setzte. Lange Zeit sagten die beiden nichts und schauten einfach nur auf den See hinaus.
„Was hast du in den letzten beiden Monaten so gemacht?” Fragte Leon eine Frage, die ihm schon lange auf der Zunge brannte, die er aber nicht zu stellen gewagt hatte. „Nicht viel. Und ihr so?” Leon merkte wie Fabi versuchte die Frage zu umgehen, und beließ es dabei. „Wir haben morgen ein Spiel gegen die Nationalmannschaft.” Fabi drehte seinen Kopf leicht in Leons Richtung. „Ist das nicht irre teuer? Weil das letzte Mal als ich den Teufelstopf gesehen habe entsprach er nicht gerade den passenden Richtlinien.“ Leon nickte:“Ja, das ist es, aber wir haben Maxis Vater überredet uns das Geld zu geben.” Fabi schaute ihn anerkennend an. „Wie habt ihr das denn geschafft?” Leons Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. „Ich bin halt ein super Geschäftsmann!“ Beide mussten lachen und Leon war froh das die Stimmung zwischen ihnen entgegen seiner ursprünglichen Erwartungen doch recht entspannt war. „Das stimmt wohl.” Danach war einige Zeit lang Stille und sie genossen einfach das Zwitschern der Vögel, bis die Stille von Fabi unterbrochen wurde:„Was machst du eigentlich hier?” Leon beantwortete die Frage ehrlich und erzählte Fabi die ganze Geschichte:„Wir standen auf den Tribünen und ich musste an den Tag denken, an dem wir uns gestritten hatten. Vanessa meinte ich sollte versuchen dich zu vergessen, da du vermutlich nie wieder kommen würdest. Ich war nicht einverstanden mit dem was sie gesagt hatte und habe mich entscheiden eine Pause zu machen. Und du, was machst du hier?“ „Ich brauchte mal Zeit für mich, um nachzudenken und bin einfach hierher, weil normalerweise niemand hier ist.” „Willst du, dass ich gehe, damit du in Ruhe nachdenken kannst?” „Nein. Bleib. Wir haben uns lange nicht gesehen. Und um ehrlich zu sein, habe ich dich schon ein bisschen vermisst.”
Leons Gesichtsausdruck war so gut, dass Fabi ihn am liebsten eingerahmt hätte. „‚Ein bisschen vermisst?’ Nur ein bisschen? Ich bin enttäuscht.” Leon drehte seinen Kopf spielerisch von Fabi weg, was die Sache noch dramatischer machte. Fabi lächelte überrascht.Er hatte ursprünglich, ähnlich wie Leon, die Angst gehabt, dass es zwischen ihnen unangenehm werden würde doch nun merkte er, dass die Angst sinnlos war. „Okay, okay. Ich habe dich sehr vermisst. Besser?” „Ja.” Damit war die Sache geklärt und keiner der beiden sprach das Thema nochmal an. Sie führten normale Gespräche, bis Leon fragte: „Willst du vielleicht mit uns gegen die Nationalmannschaft spielen?” Diese Frage überraschte Fabi und er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. „Aber was ist mit den anderen?” „Ich pfeife auf die anderen. Ich möchte meinen besten Freund in einem meiner wichtigsten Spiele dabei haben. Wenn er einverstanden ist versteht sich.” Leon sah Fabi erwartungsvoll an. Nach kurzem Zögern stimmte Fabi schließlich zu. „Ein letztes Spiel.” Flüsterte er so leise, dass Leon es nicht hören konnte, was vermutlich auch besser war.
„Lass uns gehen!“ Leon stand auf und reichte Fabi seine Hand, die dieser dankbar annahm. Die beiden stiegen auf ihre Bikes und fuhren gemeinsam zurück zum Teufelstopf.
