Work Text:
In dieser Nacht lagen sie ausnahmsweise nicht zusammen im Bett. Stattdessen hatten sie das Fenster geöffnet, eine Decke auf dem Tisch und Fensterrahmen ausgebreitet und jetzt lagen sie da, den Blick in die Sterne gerichtet. Heute war der Höhenpunkt der Orioniden und Hand in Hand warteten sie auf die ersten Sternschnuppen.
Sie mussten nicht lange warten.
„Da!“, rief Joel und deutete auf den Himmel, „Hast du sie gesehen?“
Noah nickte.
„Was hast du dir gewünscht?“, fragte Noah.
„Das darf man doch nicht verraten!“, ermahnte ihn Joel, „Sonst geht es nicht in Erfüllung!“
Und überhaupt würden sie heute Abend noch genug Wünsche frei haben.
Dass das zwischen uns bleibt.
Dass Colin nicht wütend ist, wenn wir ihm eines Tages davon erzählen.
Dass wir irgendwann mit Freddy zusammen in einer Wohnung leben.
Dass mein Pastinakenimperium Erfolg hat.
Dass ich ein erfolgreicher Filmemacher werde.
Joel hatte für den heutigen Abend extra eine Playlist erstellt und gerade hörten sie Meteor Shower von Cavetown.
Meteor shower, quick take cover
But the hues in our hair compliment one another
I'd sell my own bones for sapphire stones
'Cause blue's your favorite color
Er mochte Lieder, in denen es um Verbundenheit ging, aber das Wort Liebe nicht explizit erwähnt wurde. Allerdings auch erst seit neuestem. Bevor das mit Noah angefangen hatte, hatte er hauptsächlich entspannende Yoga-Musik und motivierende Deutschpop-Songs gehört. (Noah hatte ihn gebeten, bitte nie wieder Max Giesinger abzuspielen, wenn er in der Nähe war.) Aber jetzt suchte er nach Songs, die das beschrieben, was da zwischen ihnen war. Die Verbundenheit, das gegenseitige Vertrauen. Nicht sowas wie „Can’t Help Falling In Love With You” oder “Marry You” (das wollte Joel nur wegen des Ehefreibetrags). Liebe war so viel mehr als nur romantische Gefühle füreinander.
Es ist nicht das, was man empfindet
Nicht nur das, was man fühlt
Nicht, was man voller Sehnsucht sucht
Liebe ist das, was man tut
Nachdem Joel herausgefunden hatte, dass er aroace war, hatte er nach Vorbildern gesucht und kaum welche gefunden. Die einzigen, die ihm einfielen, waren Cavetown, Alice Oseman und ihre Charaktere Isaac aus Heartstopper und Georgia aus Loveless. Mittlerweile war er schon zufrieden, wenn zwei Charaktere bei einer Lovestory mal nicht zusammenkamen und trotzdem befreundet blieben.
Und wie sie so dalagen und den Sternschnuppenregen beobachteten, ohne Worte, nur sie beide Hand in Hand und die Musik, wollte Joel so gerne etwas sagen wie „Ich liebe dich“. Aber ihm fiel einfach nichts passendes ein.
Ich mag dich – zu wenig
Ich hab dich lieb – zu kindisch
Du bist mir wichtig – zu steril
Du bedeutest mir viel – zu vage
Wie konnte es sein, dass in einer Sprache mit Wörtern wie „Rindfleischettikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ so ein wichtiges Wort fehlte?
Er starrte in den Himmel, auf der Suche nach irgendetwas, das diesen Moment annähernd beschreiben konnte.
Und als er so in die Sterne sah, fiel es ihm plötzlich ein.
Er drehte sich zu Noah und flüsterte: „Du bist mein Polarstern.“
„Dein was?“
„Er ist immer da, egal, was passiert. Und wenn man sich in der Dunkelheit verirrt hat, kann man sich nach ihm richten.“
„Mensch Joel, du bist so kitschig!“, antwortete Noah, aber an seinem Lächeln erkannte Joel, dass es ihm doch gefiel. Wie so viele Dinge, die er „kitschig“ nannte. Stirnküsse, das Lebkuchenherz mit „I mog di“, Händchenhalten, während sie mit Freddy spazieren gingen.
„Aber ich mag diese Metapher“, fügte er hinzu, „Ich glaub die merk ich mir für ein Drehbuch.“
