Work Text:
Justus blickte seinen Freund Peter nun schon seit einigen Minuten an. Dieser saß nichts ahnend auf ihrem Sofa in der Zentrale und las irgendeine Zeitschrift. Justus hingegen war mit etwas ganz anderem beschäftigt, seitdem sie ihren Fall rund um die „Fußball-Gangster“, wie Bob ihn genannt hatte, beendet hatten. Ihr Dritter war gerade in der Bibliothek, sodass der Moment günstig für ein Zwiegespräch war. Denn Justus hatte etwas auf dem Herzen.
„Peter?“, fragte er schließlich. „Ja?“ Sein Freund blickte von seiner Zeitschrift auf und direkt zu Justus, der da am Schreibtisch saß und sich mit dem Drehstuhl im zugewandt hatte.
„Darf ich dir eine Frage stellen?“, erkundigte er sich.
„Na klar“, rief Peter locker.
Justus setzte ein wenig zögerlich hinzu: „Zu Kelly.“
Peters Blick änderte sich merklich, wurde distanzierter, beinahe so als sei er auf der Hut. „Okay“, stimmte er dann aber dennoch zu.
Justus atmete einmal tief durch, dann stellte er seine Frage: „Warum bist du mit ihr zusammen?“
„Was?“, entwich es Peter sichtlich überrascht.
Justus äußerte freimütig seine Gedanken: „Nun ja, mir erschließen sich natürlich nicht alle Details einer Beziehung und gerade auf diesem speziellen Gebiet der fleischlichen Gelüste fehlt mir die Erfahrung. Daher könnte es natürlich sein, dass Kelly dahingehend verborgene Talente besitzt und eure Beziehung erstrebenswert macht, aber für mich stellt sich dennoch die Frage, warum du mit ihr zusammen bist?“
Peters Augenbrauen schossen hoch und mit eindeutig belustigtem Unterton erkundigte er sich:„Fragst du mich gerade ernsthaft, ob ich nur wegen gutem Sex mit Kelly zusammen bin?“
Justus fand daran gar nichts komisch und so sprach er ernst: „Ja.“
Peter entkam ein längeres Seufzen, dann sprach er: „Nein.“
„Nein?“, hakte Justus nach, war überrascht von dieser Antwort, konnte sich aber keinerlei Reim darauf machen. Und so fragte er nach: „Aber warum dann?“
Peter presste kurz die Lippen aufeinander. „Wieso fragst du danach?“, wollte er wissen.
Justus seufzte. „Ihr seid kein besonders harmonisches Paar“, stellte er fest. „Ihr streitet euch nur, habt soweit ich das beurteilen kann, bis auf eure Sportlichkeit keine gemeinsamen Interessen und wenn ihr zusammen seid, wirkst du so, als wärst du gerne sonst wo, nur nicht bei ihr. Es hat den Anschein, dass ihr euch nicht mal mögt. Daher stellt sich für mich die berechtigte Frage: Warum seid ihr zusammen?“
Mit jedem Wort mehr, dass Justus gesprochen hatte, sah er, wie sein Freund in sich zusammen sank. Ein Stückchen von seinem Selbstbewusstsein verlor und nun in sich gekehrt wirkte - so wie er es meist in Kellys Gegenwart war. Etwas in seinem Gesicht wirkte so verletzlich, beinahe zerbrochen, dass es Justus’ Mitgefühl schürte.
Peter öffnete einige Male den Mund, dann schloss er ihn wieder. Schließlich entkam es ihm nur leise flüsternd: „Sind wir ja gar nicht.“
Aber Justus hatte ihn gehört. „Wie darf ich das verstehen?“, fragte er und bemerkte, dass er das Gefühl der Unwissenheit nicht mochte.
Peter seufzte erneut. „Also nicht richtig“, sprach er leise, doch löste das den Knoten in Justus’ Kopf kein Stück. „Das musst du mir erklären“, bat er.
„Ich weiß“, nickte sein Freund, dann atmete er tief durch. „Es begann vor einem Jahr. Kelly kam auf mich zu mit einer Bitte.“ Peter dachte kopfschüttelnd daran zurück. „Sie offenbarte mir, dass sie eine Karriere als Profi-Cheerleaderin anstrebte, aber lesbisch ist. Ihre Eltern wunderten sich schon, dass sie keinen Freund hatte. Um sämtliche Gerüchte im Keim zu ersticken und sich eine Karriere zu ermöglichen, bat sie mich ihren Freund zu spielen.“
Justus hatte schweigend zugehört, dann nickte er. Das klang soweit logisch und entsprach Peters hilfsbereitem Wesen. „Okay, du hast einer Freundin in Not geholfen. Sehr nobel von dir. Aber warum machst du das immer noch mit?“, fragte er nach, da sich ihm dieser Teil nicht erschloss.
Peter fuhr fort: „Erinnerst du dich an den Fall mit der Automafia vor ein paar Monaten?“ „Ja, natürlich.“ „Wir brauchten ein teueres Auto, um die Mafia aus ihrem Versteck zu locken und ich sollte“
Justus unterbrach ihn. „Ja, du solltest Kelly um den Jaguar ihres Vaters bitten. Ich habe mich damals wirklich gewundert, dass du es geschafft hast.“
Peter nickte. „Wir waren zu dem Zeitpunkt ein halbes Jahr zusammen. Sie hat mir als Gegenleistung für das Auto ein weiteres Jahr einer vorgetäuschten Beziehung abverlangt. Ich ging darauf ein“, sprach Peter leise.
Justus’ Augen wurden groß, er konnte nicht glauben, was er da hörte. „Du hast ihr ein Jahr Beziehung für den Jaguar ihres Vaters zugesagt? Peter! Das ist doch verrückt.“
Peter sah ihn liebevoll an. „Ich wollte den Fall lösen.“
„Ich bin der Letzte, der sowas sonst sagt, aber es gibt auch bei einem Fall Grenzen. Und dieser Deal steht in keinem Verhältnis.“
Peter hob beschwichtigend die Hände. „Das ist nicht alles.“
„Was meinst du?“, wollte Justus es genauer wissen.
Peter wischte sich die Hände an den Oberschenkeln ab. War er nervös? Offenbar, denn er tat einen zittrigen Atemzug, bevor er Justus fest in die Augen sah und sprach: „Mir geht es genauso wie Kelly.“
Justus brauchte einige Momente, um zu begreifen, was Peter ihm da gesagt hatte. Ihm ging es genauso wie Kelly: Er wollte Profisportler werden und war-
Er blickte seinen Freund schlagartig an. „Oh“, entwich es ihm verblüfft.
Über Peters Gesicht hauchte ein trauriges Lächeln. „Ja, oh!“, wiederholte Peter.
„Aber du kannst doch auch so Profispieler werden“, meinte Justus.
Peter sah ihn skeptisch an. „Hast du schon mal von einem schwulen Basketballspieler in der Profiliga gehört?“
Justus presste die Lippen aufeinander, konnte die Wahrheit nicht verleugnen: „Nein.“
„Eben“, sprach Peter. „Wir profitieren beide davon. Und wenn wir erst mal ein paar Monate auf dem College sind, meinte Kelly, können wir uns immer noch trennen. Danach wird erst mal keine eine neue Beziehung erwartet und wir sind vermutlich sicher bis wir unseren Abschluss und hoffentlich Profiverträge haben.“
Justus betrachtete seinen Freund für etliche Momente, stellte sich vor, was das bisher und auch in Zukunft für ihn bedeute. „Das ist bitter“, stellte er fest und Peter nickte ohne Umschweife. „Ist es. Und deswegen kann ich Kellys Anwesenheit nicht ertragen. Sie führt mir immer vor Augen, was ich da eigentlich tue: Ich täusche alle um mich herum.“
„Es macht mich zu einem Menschen, der ich nicht sein will. Und deswegen bin ich nicht gerne bei ihr. Was sie angeht“ Peter zuckte mit den Schultern.
„Ich glaube, sie mag mich einfach nicht. Vielleicht bin ich ihr zu schwul.“ Peter lachte, auch wenn es sich ganz schal in seinem Mund anfühlte.
„Weiß es Bob?“, fragte Justus dann, obwohl er die Antwort vermutete.
Peter schüttelte den Kopf. „Und bitte sag es ihm nicht.“
Da hatte sich ein Hauch Panik in Peters Stimme gestohlen, sodass ihm Justus sofort versicherte: „Es ist dein Geheimnis und du entscheidest, wen du daran teilhaben lässt.“
„Danke.“ Peter sah erleichtert aus.
Eine Frage nagte noch an Justus: „Was machst du, wenn du mal einen Mann kennenlernst, den du willst?“
Peter presste die Lippen aufeinander, für einen Moment sah es so aus, als wollte er etwas sagen, dann zuckte er mit den Schultern. „Verzweifeln?“, fragte er mit einem Lächeln, doch Justus war nicht zum Lachen zu mute.
Er sah nur die ganzen bitteren Konsequenzen, die Peters Entscheidung für ihn hatte, angefangen beim Verleugnen seiner Selbst, dem Täuschen seines Umfeldes und dem Verhindern einen echten Liebesbeziehung. All das, um Kelly und auch sich den Traum vom Profisport zu erhalten.
„Du bist ein guter Kerl, Peter“, sprach er sanft. Sein Freund blickte ihn an, die Lippen aufeinander gepresst, dann nickte er. Doch Justus war noch nicht fertig. „Ich wünsche dir von Herzen, dass du eines Tages den Mann findest, der zu dir passt und ihn ganz offen lieben kannst.“
Justus sah die Verzweiflung in Peters Blick und er wünschte sich, er hätte irgendetwas tun können. Doch da brannten nur stumme Tränen in den Augen seines Freundes, bevor er sich wieder seine Zeitschrift nahm und dahinter verschwand.
Justus betrachtete ihn noch für einige Momente mit wehem Herzen. Sein Freund hatte einen schweren Weg gewählt. Justus würde alles in seiner Macht stehende tun, um ihn so gut es ging beizustehen.
???
