Chapter Text
Es war bereits spät am Abend – und damit die beste Tageszeit, um eine gute Zeit im Wirtshaus „Zum tänzelnden Pony“ zu verbringen. Die Stimmung im Schankraum mit dem warmen Kamin war ausgelassen, es wurde Met getrunken und die Tochter des Wirts hatte die Hände damit voll, Krüge und Speißeplatten zwischen den Tischen hindurch zu manövrieren.. und sich in dem kleinen Trubel Gehör zu verschaffen.
Die Kasse des Wirts wäre morgen Früh wohl aufs Neue gut gefüllt.
Doch nicht jeder war hier, um Zeit mit Freunden und Bekannten zu verbringen und den Tag ausklingen zu lassen. So saß fast unbeachtet am Rand des großen Raums eine Gestalt an einem der kleinen, mehr privaten Tische. Er war allein, beteiligte sich nicht am Trubel und suchte kein Gespräch über Blickkontakte. Stattdessen starrten blaue Augen auf die Tischplatte vor sich oder in den Krug.
Er wäre ziemlich klein gewachsen für menschliche Verhältnisse. Doch groß für einen Zwerg. Er war Schmied und Krieger, was sich nur zu deutlich in seiner kräftigen Statur widerspiegelte. Früher hätte man ihm auch ohne weiteres den Noblen angesehen, Durins Blut. Doch er trug schon lange keine feinen Stoffe mehr, vor allem nicht außerhalb der Hallen seines Vaters - oder gar die blaue Tunika eines Prinzen. Stattdessen war seine Kleidung schlicht und zweckgebunden.
Typische, eiserne Zwergenstiefeln, die schweren, ledernen Arbeitshose eines Schmieds, ein schwarzes Leinenhemd mit breitem Gürtel und darüber ein Mantel aus weichem, dunklen Leder. Schwere Ledermanschetten lagen unter seinem Mantel um die Unterarme und Handrücken, als Schutz gegen Hitze und Metallfunken. Neben dem faustgroßen Hammer an seinem Gürtel ein weitere Insignie eines aktiven Schmieds.
Seinen Bart hielt er gegen die Tradition zweckmäßig kurz - das Schmiedefeuer würde aus dem stolzen Prestigeobjekt seiner Ahnen nur kurzen Prozess machen. Ebenso waren seine Haare an den Schläfen geflochten und schmucklos im Nacken zusammengenommen – so seine üppig gewellten, dunklen Haare hinter den Schultern haltend, wo sie nicht im Weg umgingen.
Kein Fellbesatz, keine Edelmetallbeschläge oder eingefassten Juwelen. Lediglich ins Leder geprägte Khazdul-Ornamente stellten ein Minimum an Dekor dar, auf den die Zwerge sonst so Stolz waren.. und zur Schau trugen, was sie hatten. Doch von einem unscheinbaren Runenring abgesehen verbarg Thorin seinen einzigen Schmuck – ein Amulett aus Mithril um den Hals – unter seiner Kleidung. Seine Herkunft, sein Blut, seine tatsächlichen und möglichen Titel.. das alles ging niemanden außerhalb seiner Sippe etwas an. Nicht, solange sein Volk derart geschwächt war.
Er wollte kein Mitleid.. und noch viel weniger irgendjemandes Spott.
Seht her, Durins letzter Erbe beschlägt gerade mein Pferd! - Was hast du ihm gezahlt? Vielleicht könnte Hoheit danach gleich noch nach meinen Werkzeugen sehen. - Ich hätte auch noch eine alte, wertlose Rüstung zum flicken.. .
Allein die Vorstellung lies ihn unwillkürlich mit den Zähnen knirschen. Nein, das bekäme niemanden Gesundheit gut.
Es fraß so schon genug an seinem Stolz, das man sich über 'irgendeinen' Zwerg – wohlhabend und sonst wählerisch bei ihren Handelspartnern.. und nun stand einer mittellos vor ihnen - belustigte; doch er schluckte es hinunter. Stolz war alles, was er noch hatte - und ironischerweise nichts, was er sich im Moment leisten konnte.
Ihre Sippschaft im südlichen Teil der Blauen Berge konnte nicht den Lebensunterhalt und Güter für den Neuanfang eines ganzen Volkes stellen. Und selbst wenn, wäre es nicht ratsam gewesen es anzunehmen.
Also tat er, was er tun konnte, um seinem Volk zu helfen und eine neue Zukunft für sie zu schaffen. Dafür war er sich auch nicht als Wanderarbeiter zu schade. Noch bei seinen Tätigkeiten wählerisch. Als Schmied, Spangler, Fassbinder, Kesselflicker, Mienenarbeiter, Köhler, Holzfäller, Maurer, Steinmetz und jede andere Arbeit, von der er etwas verstand oder bei der Körperkraft gefragt war.
Aber er lebte mit seinem aktuellen Schicksal doch lieber in Anonymität. Im Moment war er für niemanden Thorin Eichenschild, Sohn des Thrain, Sohn des Thror, Prinz von Erebor, unter dem Berge.
Erfolgloser Hüter eines erschlagenen Bruders, Sohn eines verzweifelten Anführers, Enkel eines ermordeten Königs, Erbe eines verlorenen Königreichs und Drachenhorts und Sieger in einem verlorenen Krieg um Khazad-Dum.
Für jeden außerhalb seiner unmittelbaren Sippe war der allein umherziehende Zwerg „Thyk“. Niemands Sohn, ohne Herkunft und beständig auf der Suche nach bezahlter Arbeit zog er durch Eriador. Desto mehr, desto besser.
Er war vor kurzen aus Comb, einer der größeren menschlichen Städte in diesem Teil des Landes, nach Bree gekommen. Unmittelbar am Grünweg liegend war Comb eine der wenigen verbliebenen wirtschaftsstarken Zentren und hatte einen guten Ausgangspunkt für ihn geboten, nachdem sich seine Gruppe über die Monate ihrer Wanderschaft aufgelöst hatte, um getrennt in verschiedenen Städten Arbeit zu suchen.
Sich aufzuteilen und später für die Rückreise wieder zu treffen, erschien ihnen Gewinnversprechender, denn als Pulk an Arbeitern für jedes schwere Handwerk durch nur wenige Gebiete zu ziehen, wo es kaum genügend Arbeit für jeden von ihnen gäbe.
Sich mit einer Hand über die Stirn reibend bezweifelte Thorin jedoch, dass es in Khuzdul auch nur ein Wort gäbe, um die Ignoranz der Menschen in Comb zu beschreiben. Die letzten Monate dort hatte er in Staunen gelebt, wie wenig man – gerade als Handelsstadt! - über die Welt und ihre Völker wissen konnte.
Selbst ihr Wissensstand über die aktuellen Fürstenhäuser, gleich ob Mensch oder Zwerg, war um gut 100 Jahre veraltet. Jenes über Elben war auch nur in Ordnung, weil diese kaum Fluktuation hatten.
Für Thorin schier unbegreiflich – er hatte von Kindesbeinen an gelernt, nicht nur Gold zu sammeln, sondern auch Wissen und Informationen. Und sie ebenso gut zu hüten.
Sie waren häufig ebenso viel wert wie Edelmetalle und Juwelen. Und die richtigen Informationen, wie er aus bitterer Erfahrung wusste, hätten vielleicht sogar Erebor retten können.
Hätten sie noch Sippschaft – oder zumindest einen Außenposten – in den Ered Mithrin gehabt, wären sie vielleicht vor einem erstarkenden und unruhigen Drachen gewarnt worden. Und hätten vielleicht ihre Heimat vor Smaug bewahren können.
Neuerlich rieb er sich leicht über die Stirn. Wunschdenken und 'Was wäre wenn' würde ihnen Erebor nicht zurückbringen, noch seine Kopfschmerzen mildern. Er war müde – von den Monaten auf Wanderschaft und durchgehender Arbeit, oder der Suche danach. Von zu wenig Essen und Schlaf.
Er gab keine der hart verdienten Münzen für sich aus – was er nicht gegen weitere, kleinere Arbeiten nebenher für sich eintauschen oder als Bedingung aushandeln konnte, das hatte er eben nicht.
Er war ein Zwerg, er war zäh. Er würde sich weder beschweren noch nachlassen, solange es nötig war. Doch für den Moment hatte er eine stattliche Menge Gold in den Taschen und freute sich darauf, für eine Weile wieder unter die Seinen zu kommen. Der Weg wäre von Bree noch weit, sobald seine Wandergesellschaft sich hier in den nächsten Tagen aus allen Teilen Eriabors zusammengefunden hätte. Aber wieder auf der Straße zu sein, wäre ihm deutlich lieber, als noch länger unter Menschen zu bleiben.
Das Gold für sein Volk hütend und misstrauisch gegen Andere, hatte er vorgegeben keines zu besitzen. Also hatte er über den Tag für eine Übernachtung auf dem Dachboden – eine Mahlzeit und zwei Krüge Met - in der Küche eine der offenen Kochstellen neu gemauert und mit den alten Eisen eingefasst. Und dabei bereits Gerüchte über einen ruppigen, doch exzellenten zwergischen Waffen- und Werkzeugschmied namens „Durak“ gehört. Und das man bereits jetzt wohl kein Glück mehr hätte, ihn im nahen Schlucht anzutreffen.
Er lächelte; was ihn plötzlich so jung wirken lies, wie er tatsächlich erst war.
Dwalin war also ebenso bereits auf dem Weg hier her – und wäre ihm hochwillkommen Gesellschaft.
