Chapter Text
Manchmal stellte sich Fips die Frage, was er verbrochen hatte, um einen Bruder wie Zeke zu verdienen.
Anders herum. Was er eben nicht verbrochen hatte, dass er mit der Quasselstrippe, die den Namen Zeke trug, verwandt war.
Am liebsten würde er dey mit irgendwas bewerfen. Sich die Küche als Zuflucht vor dem ewigen Gelaber auszusuchen, war dabei kein schlauer Zug. Das Essen war ihm zu schade, die Eier, die in Kartons überall verteilt waren, brauchte er noch für Ostern, und er wollte jetzt auch nicht wirklich die Küchenutensilien auf dem Boden dreckig machen. Dann musste er wieder spülen…sofern man irgendwie die Lust dazu fand, bei dem Haufen dreckigen Geschirr in seiner Küche das alles zu erledigen.
Am liebsten wollte er Zeke wortwörtlich aus der Wohnung schmeißen. Das wäre ein richtiger Arsch move. Zeke hatte irgendwie deren Beutel mit Sand verloren und wäre gegen alles und jeden gelaufen, wenn er dey auf die offene Straße geschickt hätte.
So gerne Fips seinen blinden Bruder auch gerne mal etwas vor die Nase führt, wäre das ein Schritt zu weit gewesen. Gleichzeitig wollte Fips ihm auch nicht die Genugtuung geben, dass er dey bei allem hilft. Sand über die komplette Wohnung zu streuen, nur damit sein Bruder hier nichts kaputt machte, war schon fast zu viel des Guten.
Dass Zeke regelmäßig in seine Wohnung einbrach, war schon fast normal. Trotzdem nervte ihn deren Gelaber abgrundtief.
Am liebsten wollte er sich einfach die Ohren zuhalten und ihn ignorieren. Das ging schwer, wenn er die ganze Zeit aktiv versuchte, die Aufmerksamkeit des Osterhasen zu bekommen.
Irgendwann riss diesem dann doch der Geduldsfaden. „Kannst du mal für eine Minute deine Scheiß Klappe halten!“, fuhr Fips dey an, als er sich genervt an die Kücheninsel lehnte und mit seinen Händen die Schläfe massierte. Verdammt! Rhun fing an, auf ihn abzufärben.
„Was willst du dagegen tun?! Du scheiß Känguru!“, entgegnete Zeke ihm. Mit einem belustigten Grinsen auf dem Gesicht trat der Ältere vor ihn und lehnte sich an die Küchenzeile. Deren Hände griffen ziellos, um den Rand zu finden.
„Ich bin ein fucking Hase!“
„Das kannst du mir noch so oft sagen. Ich hab kein Plan, wie du aussiehst!“ Mit einem Satz versuchte dey sich auf die Theke zu setzen. Sein Hinterkopf stieß dabei an die Hochschränke. Zeke fluchte genervt und drehte seinen Kopf und tastete nach dem Kabinett.
Fips sah ihn mit gerunzelter Stirn an: „Wie, du weißt nicht, wie ich ausseh? Du spürst doch mit deinem Sand ständig alles ab.“
Der Grund, warum Zeke überall Sand mit hin schleppte, war, dass er dadurch sehen konnte. Fast schon unbemerkt schwebten die Sandkörner durch seine Magie durch die Luft, um ihn ein Raumgefühl zu geben. Zumindest so weit, dass er nicht gegen alles krachte, wenn er durch den Raum lief.
„Bro, ich hab doch keine Ahnung davon, wie etwas aussieht, wenn ich es nicht wirklich berühren kann!“
Fips verstummte daraufhin. Klar, er wusste, dass Zeke niemals so viele Details aufnehmen kann, wie ein normaler Mensch mit seinen Augen. Trotzdem, solange der Sand etwas berührt, kann Zeke es spüren. Dass dabei Details keine Rolle spielen, darüber hatte Fips noch nie groß nachgedacht.
„…Du hast also wirklich keine Ahnung davon, wie ich aussehe?“, fragte er suspekt. Irgendwo machte es ja Sinn…trotzdem war es für ihn schwer vorstellbar. Sie waren immerhin Brüder…wenn man aber genauer darüber nachdachte…
„Pfff, solange ich es nicht abtaste, weiß ich auch nichts von deinem Gesicht. Schon so lange her, dass ich vergessen hab, wie es aussieht.“, winkte Zeke etwas amüsiert ab.
In deren Inneren machte sich aber wieder so eine komische Leere breit. Dey konnte schon seit Jahrhunderten nicht mehr sehen, ehrlich gesagt brauchte dey das auch nicht. Trotzdem sehnte dey sich immer nach der Nähe zu seinen Brüdern, obwohl dey nicht einmal wusste, wie genau sie aussehen. Könnte dey plötzlich sehen, würde dey sie sicherlich nicht einmal mehr erkennen. Dieser Gedanken plagte dey schon seit Ewigkeiten, war aber nicht so relevant.
Zeke wusste, wie deren Brüder sich anfühlten, sei es durch den Sand, die Magie oder körperlichen Kontakt. Manchmal sehnte dey sich aber nach mehr Wissen.
Sie haben sich alle äußerlich verändert. Man kann Zeke also nicht verübeln, wenn er kein aktuelles Bild mehr im Kopf hat.
Fips war kurz in Gedanken vertieft und versuchte seine Frage so vorsichtig wie möglich zu formulieren. „Würdest du es mal…abtasten wollen?“
Schwarze Augenhöhlen starrten ihn an, als Zeke den Kopf schief legte, überrascht von dem plötzlichen Vorschlag.
Deren Finger kribbelten schon etwas bei dem Vorschlag. Noch nie hat irgendwer dey mal angeboten, das Gesicht auf diese Art zu sehen. Schon oft hat er mal gehört, dass man sowas macht, einfach um etwas Comfort zu geben. Dey hatte aber nie das Privileg gehabt, es bei jemandem zu machen. Niemand hatte es je vorgeschlagen und er fragte persönlich auch nicht danach.
„Wenn du damit okay bist“, zuckte Zeke mit den Schultern und versuchte seine innere Aufregung herunterzuspielen. „Ich würde es mal probieren; mindestens um zu gucken, ob ich mich richtig erinnern kann…“
Fips nickte knapp, obwohl Zeke es offensichtlich nicht sehen konnte. Er trat auf dey zu, damit sie näher aneinander standen.
Zeke musste grinsen und sprach deren Gedanken laut aus. „Du hast doch kein Problem damit, wenn man dir ins Auge fasst, oder?“
„Ewww!“, Fips trat angeekelt einen Schritt zurück und verzog sein Gesicht. „Bloß nicht die Augen, lass deinen kranken Fetisch da raus, du Psycho!“
“Dann sei froh, dass ich vorher ausnahmsweise mal gefragt habe!”, lachte Zeke auf.
“Nicht lustig…”, murrte Fips leise und stellte sich vor Zeke.
Da Zeke auf der Küchenzeile saß, war deren Kopf deutlich höher und Fips musste ausnahmsweise mal zu dey aufsehen. Sonst war Zeke immer ein Stück kleiner als er.
Zeke konnte Fips vor sich spüren - wie die feinen Sandkörner in der Luft sich bei seinem Näherkommen bewegten und durch sein Atmen in der Luft vibrierten.
Grob konnte Zeke erahnen, wo sich Fips’ Gesicht befand und griff langsam dahin.
Fips ergriff vorsichtig deren Hände. Zeke spürte die weiche Haut und die metallenen Ringe, als Fips deren Hände an sein Gesicht führten.
“Darf ich?”, fragte Zeke nochmal vorsichtig, bevor er das Gesicht berührte.
Als Antwort legte Fips nur deren Hände an seine Wange. Er ließ langsam los, um Zeke die Freiheit zu geben, selber zu spüren.
Zekes Hände waren rau und warm, anders als die weichen, eher kühlen Hände von Fips selber.
Mit deren Daumen fuhr Zeke über die Wangen, bis dey den Ansatz von Fips’ Ohren spürte. Zeke merkte, wie Fips mit den Ohren zuckte, empfindlich beim Kontakt.
Dey strich mit dem Zeigefinger so vorsichtig wie möglich durch das weiche Fell auf der Hinterseite. Zeke hatte schon des öfteren über die Ohren gestrichen, und jedes Mal aufs neue war dey fasziniert davon, wie weich sie doch waren.
Mit dem Daumen spürte Zeke, dass sich der Kiefer des Jüngeren anspannte. Fips spürte ein gewisses Unbehagen, wenn eine Person die Ohren berührte, auch wenn er Einwilligung gab oder der Person vertraute.
Zeke ließ von den Ohren ab und strich so leicht wie möglich die Wangen runter bis zum Kinn. Die weiche Haut ersetzt durch ein paar raue Bartstoppeln.
Zeke gluckste: "Hätt´ nicht von dir gedacht, dass du dir einen Bart wachsen lässt. Sorry, Bro, aber für mich wirst du nie einen haben, sowas zerstört mein Weltbild.”
Bevor Fips einen Kommentar diesbezüglich aussprechen konnte, fuhren Zekes Hände über seine Lippen, das Lippenherz, bis hoch zur Nase.
Die Nase zuckte kurz beim Kontakt, doch Zekes Hände wanderten federleicht darüber. Fips war in der Regel sehr empfindlich, aber deren Berührungen spürte man so wenig, dass es nicht unangenehm war.
Fips lenkte seinen Blick nach oben, weg von den Händen, in das Gesicht seines Bruders. Zekes Augenbrauen waren in Konzentration zusammengezogen. Ungewollt musste Fips aber wieder in die leeren, schwarzen Höhlen starren. Ihm überkam eine leichte Gänsehaut. Sein Kopf versuchte die ganze Zeit, sich vorzustellen, wie das Gesicht früher aussah. Mit den alten dunkelbraunen Augen, die jeder seiner Brüder hatte, und mit den sonnengebräunten Wangen, nun durch schwarze Streifen irritiert.
Zekes Finger glitten über eben diese Gesichtspartie bei Fips, hoch zu den Augen. Sanfte Kreise fuhren Zekes Daumen um die Augenhöhle, während Fips aus Reflex seine Lider fest zukniff.
“Naaa, Angst, Hase? Willst wohl nicht, dass etwas mit deinen Augen passiert.”
“Pass lieber mal auf deine Nase auf, gebrochen ist die sehr schnell.”
Nachdem Zeke noch über seine Augenbrauen strich und die Stirn bis zum Haaransatz, ließ dey das Gesicht langsam los.
“Sollte das eine Drohung sein?”, legte Zeke den Kopf schief und sah Fips hämisch an: "Bold to assume, dass ich es nicht genießen würde.”
“Lass endlich diesen Masochisten Scheiß! Ist ja schrecklich”, beschwerte sich Fips und ging einen Schritt zurück.
“Lass mich kurz überlegen…” Zeke tippte sich nachdenklich ans Kinn “Nö.”
Dey sprang von der Küchenzeile herunter und landete vor Fips.
“Hat es dir was gebracht? Biste zufrieden?”, fragte Fips genervt, aber auch neugierig. So nah, so vertraut standen sie sich schon seit Jahrhunderten nicht mehr gegenüber, vielleicht sogar noch nie, wenn Fips ehrlich zu sich selber war.
Zeke, der schon ein paar Schritte Richtung Wohnzimmer gegangen ist, drehte sich um.
“Jep! Jetzt weiß ich mit Sicherheit, dass du hässlich bist, im Gegensatz zu mir.”
