Work Text:
Nachdem der Schatz gefunden und der Verbrecher abgeführt worden war, wandte Justus sich an den Inspektor. „Ich halte Ihre Vorgehensweise immer noch für fahrlässig. Auf eine Person zu schießen, die mit entsicherter Waffe auf mich zielt, hätte gefährlich werden können.“
Kershaw sah ihn mit verabscheuendem Blick an. „Ich sagte dir bereits, dass du dich aus meinem Job raushalten sollst.“
„Da muss ich vehement widersprechen“, entgegnete Justus ernst. „Ich hätte verletzt oder gar getötet werden können. In einem solchen Fall muss ich mich einmischen.“
Kershaws Blick wurde so finster, dass Justus sich zwingen musste, dem stand zu halten. Zähnefletschend äußerte der Inspektor: „Wenn sich ein Schuss gelöst hätte, hätte mich das nicht im Geringsten gestört.“ Der Hass, der ihm dieser Mann entgegen brachte, schien bodenlos.
Justus war wie vor den Kopf gestoßen. Sein Gegenüber hatte billigend in Kauf genommen, dass er angeschossen worden wäre. Die Wut, die er diesem Mann gegenüber empfand, flammte auf wie ein Feuer in das Öl gegossen worden war. Er konnte diesen Typen einfach nicht ausstehen.
Entsprechend ärgerlich und beinahe etwas provokativ fragte er: „Was habe ich Ihnen getan? Seit wir uns kennen, behandeln Sie mich wie ein Insekt, das sie am liebsten zertreten würden. Ich finde dieses Auftreten über die Maßen unangebracht und verlange, dass es aufhört.“
Kershaws Augenbrauen schossen nach oben. „Ach, du verlangst es?“
„Ja“, stellte Justus klar.
„Na dann.“ Zwei Worte, die zynisch klangen.
„Was ist Ihr Problem?“, fragte Justus nach, der bereits spürte, wie die Wut weiter in ihm aufflammte. Er konnte diese Visage einfach nicht ertragen.
„Du!“, fauchte Kershaw. „Und deine kleinen Freunde, ihr seid mein Problem.“
„Warum?“, wollte Justus wissen.
„Ich mag keine Amateure bei der Polizei“, stellte der andere klar.
Justus schnaubte. „Erzählen Sie nicht so einen Unsinn, Kershaw, das erklärt Ihren Hass nicht mal ansatzweise.“
„Eine andere Erklärung wirst du von mir nicht kriegen.“ Sein Gegenüber klang beinahe trotzig.
Das konnte Justus auch. „Inspektor Cotta kann Ihnen versichern, dass wir keinesfalls Amateure sind. Wir haben jahrelange-“ „Ich bin eben nicht Cotta“, unterbrach der andere seinen beginnenden Monolog barsch.
„Das ist mir klar“, kam es herablassend von Justus.
Kershaws Augen funkelten dunkel, als er ihm entgegen spie: „Ich lasse mir schließlich nicht einmal in der Woche von einem Jüngling einen blasen, um ihn dann im Gegenzug an polizeilichen Ermittlungen teilhaben zu lassen.“
Justus war im ersten Moment sprachlos. Er hörte Peter und Bob nur überrascht einatmen. Auch sie waren ganz offensichtlich baff aufgrund dieser Anschuldigung.
Justus atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen, denn wenn er es nicht tat, würden er handgreiflich werden. „Ich kann Ihnen versichern, dass meine Beziehung zu Inspektor Cotta rein beruflicher Natur ist. Es mag Sie überraschen, aber der Inspektor lässt mich teilhaben, weil ich ihm nützlich bin.“
Kershaw lachte nur gehässig. „Ja, auf deinen Knien vielleicht.“
Justus funkelte ihn an. „Ich verbitte mir diese sexuellen Anspielungen zum Inspektor und mir. Wir haben eine berufliche Beziehung. Manchmal hilft er uns, manchmal wir ihm. Ich weiß und kann Dinge, die Cotta nicht kann.“
„Das bezweifle ich“, fauchte Kershaw.
„Warum? Hat der aktuelle Fall nicht wieder einmal gezeigt, was die drei Fragezeichen im Stande sind zu tun?“
Kershaw presste die Kieferknochen aufeinander, bevor er zischend meinte: „Nur weil ihr mal Glück habt, heißt das nicht, dass es eurer Tun rechtfertigt.“
„Da wir jeden unserer Fälle aufklären, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich jedesmal um Glück handelt, bei Null“, gab Justus überheblich zurück.
Kershaw raunzte ihn an: „Das bedeutet trotzdem nicht, dass ihr keine Gefahr seid.“
„Wie bitte?“, fragte Justus irritiert. Was sollte das bedeuten?
Kershaw knurrte: „Ihr löst eure kleinen Fälle, zieht weiter und hinterlasst nichts als Asche.“ Die Augen des anderen funkelten ihn mit dunkler Intensität an, dass Justus mit einem Mal ein Verdacht kam. „Sind wir uns schon mal begegnet?“
„Oh! Es fängt an zu denken“, höhnte der Inspektor voller Abscheu.
Justus presste die Lippen aufeinander, es war so schwer, nicht auf diese Provokationen einzugehen. Er hasste diesen Typen mit seiner herablassenden Visage. „Das werte ich als Ja“, sprach er dann nur.
Er blickte Kershaw von oben bis unten an. „Aber das hätte ich mir gemerkt“, murmelte er. „Und auch Ihr Name wäre mir in Erinnerung geblieben.“
„Ich war es auch nicht“, zischte der andere.
„Wer war es dann?“, forderte Bob zu wissen. Kershaws Augen huschten nur kurz zu dem anderen, dann blickte er wieder Justus an. Er schnaufte einige Male. Offenbar hatte er es sich anders überlegt, denn er fragte: „Ihr erinnert euch an Centralia?“
„Die brennende Stadt?“, fragte Peter überrascht zurück.
„Ja!“, fauchte Kershaw. Seine Augen glitten von einem zum anderen, als er zwischen zusammengepressten Zähnen zischte: „Durch euer Eingreifen ist ein weiterer Stollen eingestürzt.“
„Aber“, wollte Justus widersprechen.
„Nichts aber!“, spie Kershaw ihn an. „Ihr seid wegen irgendeines hirnrissigen Falls da runter marschiert, oder?“
„Ja“, sagte Justus, seine Stimme deutlich leiser als zuvor.
„Ihr habt den Verbrecher, der da rumgeballert hat, dort hinuntergeführt, oder?“, verlangte Kershaw zu wissen, obwohl es eine rhetorische Frage war.
„Ja“, sprach Justus erneut und eine vage Vorahnung stieg in ihm auf.
„Was ihr in eurer unendlichen Weisheit aber nicht bedacht habt“, fuhr Kershaw fort und Justus hörte, wie seine Stimme zitterte. „Dass es vierzehn Menschen gab, die in Centralia gewohnt haben. Und der Stolleneinsturz hat drei Häuser in Brand gesteckt.“ Er ballte die Hände zu Fäusten.
Justus atmete tief ein und aus, als ihm etwas klar wurde: „Es gab da jemanden, der Ihnen nahestand.“
Kershaw explodierte: „Nahestand?“, schrie er ihn an, während Spucke aus seinem Mund flog. „Sie war meine Tochter.“ Er schnaufte wie ein wild gewordener Stier.
„War?“, fragte Peter leise, beinahe ängstlich.
Die Augen des Inspektors richteten sich auf ihn. Die Abscheu so greifbar, dass es alle drei Detektive schauerte.
„Ihre Verbrennungen waren so stark“, begann Kershaw zu sprechen, seine Stimme war nicht wieder zu erkennen, klang hohl und gepresst. „Dass sie ihre Schmerzmittel immer weiter hoch dosiert hat.“ Er presste die Lippen aufeinander. „So hoch schlussendlich, dass das Ende unausweichlich war.“
Fäuste ballten sich erneut zusammen, ein Kopf sank hinunter auf die Brust, während der Körper des Mannes vor ihnen geschüttelt wurde von unsichtbaren Qualen.
Dann blickte er auf, sein Blick voller Hass. „Meine Lilli ist gestorben, weil ihr fahrlässig in diese Stollen eingestiegen seid ohne die Feuerwehr oder Rettungskräfte zu informieren. Also erzählt mir nicht, dass ihr keine Amateure seid.“ Für den Bruchteil einer Sekunde zitterte seine Stimme, offenbarte das Leid, das er empfand, und dass keinem der Drei entgangen war.
Schließlich hielten wieder Abscheu und Dunkelheit in seinem Blick Einzug. „Ich bete, dass ich eure Visagen niemals wiedersehen muss.“ Er wandte sich um und lief stampfend davon.
Die drei Detektive blickten ihm hinterher, ergriffen, fassungslos und tief getroffen.
Denn auch wenn sie nicht Schuld am Tod von Lilli Kershaw waren, so hatten doch ihre Ermittlungen unweigerlich zu ihrem Tod beigetragen.
???
