Work Text:
Das erste Weihnachten zurück in Rocky Beach hatte Bob sich irgendwie ziemlich anders vorgestellt. Er hatte sich ausgemalt, zusammen mit Justus und Peter die meiste Zeit in der Zentrale zu verbringen, Glühwein zu trinken, und sich über das auszutauschen, was sie in den ersten paar Monaten auf dem College erlebt hatten.
Was er sich nicht vorgestellt hatte, war, dass Peters neue Freundin Natalie, die er auf einer Ersti-Party der UCLA kennengelernt hatte, und deren Großeltern zufällig auch aus Rocky Beach kamen, ihnen jetzt bei Schritt und Tritt an den Fersen klebte. Peter bestand zwar weiterhin steif und fest darauf, dass Natalie definitiv nur eine Freundin und nicht seine Freundin war, aber Bob glaubte ihm das nicht so richtig.
Dafür wuschelte Natalie ihm viel zu oft bei jeder noch so winzigen Gelegenheit durch die Haare, oder kam ihm ständig und komplett casually viel zu nah, während Bob nur langsam hinter den beiden hertrotten konnte.
„Pete, probiere meinen mal“, verlangte Natalie grinsend und streckte Peter ihre Tasse mit dampfendem Punsch entgegen. Etwas überrumpelt nahm dieser die Tasse entgegen und nahm einen vorsichtigen Schluck.
„Auch gut“, befand Peter schließlich und fuhr sich dann einmal kurz mit der Zungenspitze über die Lippen. „Aber den Eierpunsch mag ich trotzdem irgendwie lieber.“
Natalie lehnte sich etwas zurück und sah Peter herausfordernd an. „Was nur nochmal offensichtlich macht, dass du anscheinend so gar keinen guten Geschmack hast.“
Peter lachte leise und nahm aus Prinzip einen besonders großen Schluck aus seiner eigenen Tasse. Und dann landete Natalies Hand prompt auf Peters Arm. Schon wieder. Missmutig starrte Bob die besagte Hand an, die in einem super-süßen, roten Fäustling steckte, den Natalie vermutlich selbstgestrickt hatte und der für den südkalifornischen Winter eigentlich viel zu warm war.
Bob biss seine Zähne aufeinander und leerte den letzten Rest des Glühweins in seinem Becher. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass der ganze Zucker bereits seinen Magen verklebte. Oder vielleicht war das auch nur das frisch verliebte Pärchen vor ihm, dass diesen Effekt auf ihn hatte.
„Möchtest du noch was trinken, Bob?“, riss Peters Stimme ihn in diesem Moment aus seinen Gedanken.
„Hm?“
„Dein Glühwein ist leer, oder?“, hakte Peter noch einmal nach und deutete auf Bobs Hände, die sich fest um die leere Tasse auf dem Stehtisch vor sich geklammert hatte. „Möchtest du noch was trinken?“
„Äh, klar, warum nicht.“ Bob streckte seine Tasse in Peters Richtung und dieser nahm sie mit einem schiefen Lächeln entgegen. Etwas in Bobs Magengegend zog sich heftig zusammen und er hatte das Gefühl, dass für den Bruchteil einer Sekunde nur sie beide existierten.
„Ich helfe dir beim Tragen“, verkündete Natalie in diesem Moment und Bob konnte sich gerade noch beherrschen, nicht genervt mit den Augen zu rollen. Stattdessen presste er nur neutral seine Lippen aufeinander und sah den beiden hinterher, wie sie sich durch die zahlreichen Weihnachtsmarktbesucher hindurchschlängelten.
Während Peter den Weg in Richtung Punschstand leitete, hüpfte Natalie ihm leichtfüßig hinterher und hakte sich nach einigen Metern prompt und wie selbstverständlich in Peters Armbeuge ein. Dumpfe Enttäuschung legte sich über Bobs Körper und er hatte das Gefühl, dass er nun trotz der milden Temperaturen etwas fröstelte.
Die beiden passten gut zusammen, dass musste selbst Bob zugeben – auch wenn dieser Fakt gleichzeitig ein ganzes Schneegewitter in seinem Bauch auslöste. Peter war groß und sportlich und sah in dem smarten, dunkelblauen Mantel, den er heute trug, einfach unverschämt attraktiv aus. Natalie wiederrum war das perfekte, gesellschaftlich gewünschte Stückchen kleiner als er, trug einen riesigen, grün-rot gestreiften Weihnachts-Strickpulli und einen kurzen, dunkelbraunen Rock. Auf ihrem Kopf saß außerdem eine dunkelrote Schiebermütze, die gekonnt schief auf ihren dichten, dunklen Locken platziert worden war.
Sie sah aus wie ein verdammtes Manic-Pixie-Dreamgirl aus einer Weihnachts-Romcom. Und Bob hätte aktuell lieber eine dreistündige Abhandlung über Justus‘ neueste Hyperfixation ertragen, als sich weiterhin gemütlich mit Peter und ihr um einen Stehtisch zu drängen, Glühwein zu trinken und dabei so zu tun, als ob seine inneren Organe sich gerade nicht aktiv selbst zersetzen würden.
Er seufzte leise.
Ihm war auch klar, dass es nicht Natalies Schuld war, dass sie mit ihrer Anwesenheit unabsichtlich seine Pläne durchkreuzt hatte, Justus und Peter von den neuesten Realisationen über seine Sexualität zu berichten. Immerhin hatte niemand außer ihm selbst über diese Plänen Bescheid gewusst. Und wenn er jetzt genauer darüber nachdachte, war vielleicht der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt auch nicht der allerbeste Ort, um sich vor seinen Freunden als queer zu outen. Privatsphäre konnte hier nämlich sicherlich nicht garantiert werden.
Es hätte also genauso gut passieren können, dass ihnen plötzlich Skinny Norris in die Arme gelaufen wäre, während Bob gerade Justus und Peter erklärte, dass er in den letzten Wochen das erste Mal einen Penis in der Hand gehabt hatte – der nicht sein eigener gewesen war – und dass er genau das nun in Zukunft gerne öfter machen würde.
Offensichtlich wäre es ihm nicht so lieb, wenn halb Rocky Beach dabei mithören würde, und seine Mutter ihn am nächsten Tag am besten bereits beim Frühstück darauf ansprach – diese Konversation mit seinen Eltern hatte er sich immerhin noch für die Zeit zwischen den Feiertagen aufgehoben. Oder, naja, eventuell auch erst für den Zeitpunkt, an dem die Sache wirklich relevant für sie werden würde – also dann, wenn er bereits seit einigen Monaten in einer stabilen Beziehung mit einer nicht-weiblichen Partner*in war oder vielleicht einfach, wenn er irgendwann doch mal erklären musste, warum er eigentlich so besonders interessiert an politischen oder gesellschaftlichen Themen war, die mit queerer Identität zu tun hatten.
Bob stützte sich auf seinen Ellenbogen ab und lehnte sich am Stehtisch ein wenig nach vorne. Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus.
Natürlich war es auch nicht Natalies Schuld, dass Peter nun mal hetero war und Bobs Gefühle – die ja auch für ihn selbst noch ziemlich neu waren – eben nicht so erwidern konnte, wie er sich das wünschte. Vielleicht sollte Bob sich einfach für seinen Freund freuen. Immerhin schien Natalie Peter ehrlich und ernsthaft zu mögen und ihm nicht ständig etwas vorschreiben oder ihn anderweitig kritisieren zu wollen, wie das in vergangenen Beziehungen immer wieder der Fall gewesen war.
Aber trotzdem – nur weil Natalies Großeltern zufällig auch in Rocky Beach lebten und ihre Familie dort die Feiertage verbrachte, hieß das ja nicht, dass Peter sie jetzt die ganze Zeit mit anschleppen musste.
Und außerdem war-
„Alles okay bei dir?“, durchschnitt Justus‘ vertraute Stimme in diesem Moment Bobs rasende Gedanken. Mühsam riss er seinen Blick von Natalie los, die sich gerade hinter Peter auf ihre Zehenspitzen gestellt, und ihr Kinn auf seiner Schulter abgelegt hatte, während dieser ihre Getränke bei dem kleinen Glühwein-Stand bestellte.
„Klar. Warum sollte ich nicht okay sein?“, gab Bob betont gleichgültig zurück, auch wenn ihm klar war, dass er niemanden mit dieser halbherzigen Ausrede zufriedenstellen würde und ganz besonders nicht Justus Jonas. Wie vorhergesehen kniff Justus skeptisch seine Augenbrauen zusammen.
„Vielleicht, weil du so aussieht, als würdest du Natalie am liebsten die Nase abbeißen?“
Ein trotziges Tss kam über Bobs Lippen und er schüttelte den Kopf. „Tu ich überhaupt nicht.“
Justus schien zwar verständlicherweise kein Stück überzeugt, doch er ließ das Thema trotzdem fallen, als Natalie und Peter im nächsten Moment zurück an den Stehtisch traten und die neuen Tassen an ihre Gruppe verteilten.
Während Peter, Natalie, und überraschenderweise auch Justus, sich die nächste Stunde lang prächtig amüsierten und sich über Gott und die Welt und all die aufregenden Dinge unterhielten, die sie in den letzten Wochen erlebt hatten, beschlich Bob zur selben Zeit das Gefühl, bloß immer betrunkener zu werden. Das lag vor allem daran, dass sein eher kleiner Gesprächsanteil darin resultierte, dass er seine Getränke um einiges schneller leerte als die anderen und sich außerdem regelmäßig auf die Suche nach Nachschub machte, nur um Natalies und Peters Flirtereien kurzeitig zu entkommen.
Als Bob allerdings gerade mit seiner vierten Tasse des Abends zurück an den Tisch marschiert kam, lief ihm plötzlich ein Kind im knallgrünen, glitzernden Tannenbaum-Kostüm genau vor die Füße.
Im letzten Moment konnte er einen kleinen Schlenker in seinen Weg einbauen, und so dem laufenden Christbaum noch einmal gerade rechtzeitig ausweichen.
Das Ausweichmanöver hatte allerdings nicht nur das Kind davor bewahrt, von einem erwachsenen Mann über den Haufen gerannt zu werden, sondern hatte Bob in seinem leicht angetrunkenen Zustand auch gleichzeitig vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht und er verfehlte seinen eigentlichen Platz neben Justus komplett.
Stattdessen stolperte er noch einige, unkoordinierte Schritte weiter und versuchte dabei krampfhaft seinen Punsch nicht über eine der nichtsahnenden, unbeteiligten Personen auszukippen, die sich auf allen Seiten eng um ihn herumdrängten.
Doch gerade als Bob glaubte, dass er sein Gleichgewicht nun definitiv nicht mehr fangen würde, spürte er eine feste Hand an seinem Oberarm, die ihn geistesgegenwärtig zurück in die Balance zog.
„Woah, alles gut?“
Peters Stimme war plötzlich so nah an Bobs Ohr, dass ihm der Klang sofort einen kleinen Schauer über den Rücken laufen ließ. Peters Griff war stabil und trotzdem vorsichtig um seinen Arm und er zog Bob nah an sich heran, während er ihm im gleichen Moment die Tasse abnahm und diese souverän auf dem Tisch vor ihnen abstellte.
„Äh, ja, alles okay. Danke“, murmelte Bob leise und spürte, wie ihm nun auch der Rest seines Bluts, das sich nicht durch den Alkohol bereits dort angesammelt hatte, in die Wangen schoss. Unsicher wand er sich in Peters Griff. Nicht, weil ihm die Nähe unangenehm war – ganz im Gegenteil – sondern weil Bob sich plötzlich sicher war, dass alle um sie herum ihm sofort seine Emotionen von der Nasenspitze ablesen konnten, wenn er sich nicht ein wenig zusammenriss.
Bob stellte sich etwas gerader hin, doch Peter schien sich wohl immer noch Sorgen um seine Standfähigkeit zu machen und hielt ihn weiterhin fest, was es unmöglich machte, mehr als einen halben Schritt von ihm wegzutreten. Und dann, fast wie beiläufig, rutschte Peters Hand Bobs Arm hinunter und fand seinen Weg zu seinem unteren Rücken. Die Berührung war leicht und selbstverständlich, als ob Peter versuchte, ihn durch die Berührung präsent zu halten. Bob wurde heiß. Einen Moment verharrte Peters Hand noch an Ort und Stelle und plötzlich wünschte Bob sich, dass er sie einfach nie wieder dort wegbewegen würde. Er schüttelte heftig seinen Kopf – er hatte sich geschworen solche Gedankengänge, wenn überhaupt, nur in der privaten Umgebung seines eigenen Bettes zu hegen.
Das Kopfschütteln war allerdings ein großer Fehler gewesen, denn sein ohnehin schon leicht aufgeschüttelter Gelichgewichtssinn verdrehte sich nun unaufhaltbar weiter und Bob merkte, wie er ein wenig nach rechts driftete und prompt mit Peters Seite kollabierte.
Ohje. Vielleicht war es wirklich etwas zu viel Glühwein auf einmal gewesen.
Doch Peters Hand, die vorher eher beiläufig in der Berührung geschwebt hatte, legte sich nun wieder mit voller Intention auf Bobs Rücken.
„Komm mal mit, ich glaub du setzt dich mal lieber kurz hin“, bestimmte Peter und führte Bob im nächsten Moment und entgegen seiner Proteste in Richtung der niedrigen Reihe an Heuballen, die in einem weitläufigen Ring direkt an die Stehtische anschlossen, und so wiederrum den großen Tannenbaum einrahmten, der das atemberaubende Centerpiece des Weihnachtsmarktes darstellte.
Widerstandlos ließ Bob sich auf den Ballen sinken, den Peter auserkoren hatte, und versuchte dabei gekonnt die bedeutsamen Blicke zu ignorieren, die Justus ihnen vom Stehtisch aus zuwarf. Die ganze Aufmerksamkeit, die sich plötzlich auf ihn gerichtet hatte, war Bob unangenehm. Eigentlich hatte er sich gekonnt im Hintergrund halten wollen, um so den anderen den unkomplizierten, winterlichen Abend zu lassen, den sie sich vorgestellt hatten.
In diesem Moment zog ein dezentes Klingeln irgendwo zu ihrer Rechten die Aufmerksamkeit der meisten Personen auf sich. Der Einzige, der weiterhin ruhig an seiner Tasse nippte, anstatt seine Nase in Richtung des Ursprungs zu recken, war Justus. Natalie drückte sich währenddessen auf ihre Zehenspitzen hoch und blickte neugierig in Richtung des Geräusches.
„Was bedeutet das Klingeln?“
Justus lächelte milde. „Damit wird verkündet, wenn am Feuerzangenbowle-Stand der große Zuckerhut über dem Kessel angezündet wird. Es ist wohl eine der größten Attraktionen auf dem Weihnachtsmarkt von Rocky Beach.“
Natalies Augen leuchteten auf und selbst Bob musste zugeben, dass ihr diese kindliche Freude ziemlich gut stand. „Okay, das muss ich sehen. Denkt ihr, wir kommen noch ein wenig näher ran?“.
„Klar“, grinste Justus. „Du musst dich wahrscheinlich nur zwischen ein paar Boomern durchkämpfen, die versuchen, das beste Foto für ihren WhatsApp-Status zu schießen.“
Natalie lachte, verschränkte dann ihre Arme vor der Brust und stellte sich ein wenig aufrechter hin. „Ich glaub, dagegen kann ich mich auf jeden Fall behaupten.“ Sie wandte sich an den Rest der Runde: „Kommt ihr mit?“
Justus zuckte gleichgültig mit den Schultern, als wollte er sagen „Warum nicht“. Peter hingegen reagierte erstmal gar nicht auf die Frage – sein Blick wanderte stattdessen sofort zu Bob. Dieser versuchte, sich davon nicht allzu sehr verunsichern zu lassen und schüttelte leicht seinen Kopf. „Ich glaub ich bleib hier noch kurz sitzen. Aber geht ihr ruhig.“
„Dann bleib ich auch hier“, kam es prompt aus Peters Richtung.
Bob zog überrascht seine Augenbrauen zusammen. „Du musst nicht auf mich aufpassen, Pete.“
„Ich weiß“, erwiderte Peter gelassen. „Aber ehrlich gesagt muss ich mich auch nicht unbedingt zwischen den ganzen Leuten durchkämpfen – ich hab das Spektakel ja schon oft genug gesehen.“
In diesem Moment klinkte Justus sich großzügig in die Unterhaltung ein: „Ich kann Natalie begleiten. Ich weiß sowieso am besten, von welcher Stelle man die beste Sicht hat.“
„Oh, das wäre toll!“, rief Natalie begeistert, bevor ihr Blick noch einmal in Richtung Peter und Bob auf dem Heuballen huschte. Sie biss sich unsicher auf die Unterlippe. „Ist das wirklich okay, wenn wir euch hier kurz allein sitzen lassen?“
Peter nickte entschlossen und scheuchte Justus und Natalie mit einer leichten Bewegung seiner Hände in Richtung der Menschenmenge, die bereits damit begonnen hatte, sich wie ein großer Schwarm an Fischen in Richtung der Feuerzangenbowle zu bewegen.
„Jetzt geht schon“, setzte Peter noch einmal mit Nachdruck hinterher. „Bob und ich kommen hier gut allein klar.“
Bob wartete, bis Justus und Natalie in der Menge verschwunden waren, bevor er Peter erneut einen skeptischen Seitenblick zuwarf.
„Du weißt schon, dass du mich wirklich nicht babysitten musst, oder?“
Peter schnaubte bloß leise und ging prompt neben dem Heuballen in die Knie. Auf einmal befand er sich etwas unter Bobs Augenlinie und legte ihm außerdem eine vorsichtige Hand aufs Knie.
„Erzählst du mir jetzt endlich, was los ist?“
Überrascht blickte Bob zu Peters Hand. Es war das zweite Mal, dass Peter in den letzten zehn Minuten so selbstverständlich Körperkontakt initiiert hatte, und Bob hatte in den letzten paar Monaten auf dem College beinahe vergessen, was genau das in ihm auslöste. Beinahe.
„Es ist nichts los“, murmelte Bob und hob seine Schultern. „Ich hab wohl einfach ein bisschen zu schnell getrunken. Passiert.“
„Hm, ja, ist klar“, gab Peter schmunzelnd zurück. „Und deswegen schaust du mich auch den ganzen Nachmittag schon so an, als hätte ich dein Lieblings-Notizbuch im Klo versenkt.“
„Ich hab ganz normal geguckt.“
Prompt verzog Peter sein Gesicht zu einer miesepetrigen Grimasse, von der Bob ziemlich sicher war, dass sie seinen eigenen übellaunigen Gesichtsausdruck imitieren sollte. Er seufzte leise.
„Ich glaub, ich war einfach ein bisschen überrumpelt, dass du deine Freundin heute mitgebracht hast. Ich dachte, das wird eher so ein… naja, so’n drei Fragezeichen-Ding, heute Abend. Aber wenn du lieber Zeit mit Natalie verbringen willst als mit Justus und mir, dann hättest du das ja auch einfach sagen können.“
Peter blinzelte überrascht und einen Moment lang sagte er gar nichts. Schließlich entspannten seine Gesichtszüge sich aber wieder ein wenig, und sein Blick wurde beinahe sanft und Bob fühlte sich sofort noch schlechter, als er das eh schon tat.
„Ich glaub, du hast da wirklich was völlig falsch verstanden.“
Skeptisch runzelte Bob die Stirn. Er war sich ziemlich sicher, dass es gar nicht so viel gab, was er an dieser Situation falsch verstehen konnte. Peter und Natalie gaben immerhin ein super Paar ab und Bob selbst war eben hoffnungslos verliebt und dementsprechend ein wenig eifersüchtig.
Auch wenn es für ihn unangenehm war, war es eben auch nicht besonders kompliziert.
„Ach, wirklich?“ Bobs Stimme klang schnippisch, und am liebsten hätte er seine Worte sofort zurückgenommen. „Dann erklär’s mir doch mal, wenn ich es so falsch verstehe.“
„Es war überhaupt nicht geplant, dass Nat heute Abend mitkommt“, erklärte Peter mit ruhiger Stimme und blickte Bob dabei noch immer direkt an. „Eigentlich hat sie sogar ungefähr hundert Mal nachgefragt, ob es wirklich okay ist, weil sie Angst hatte, dass sie unser Wiedersehen damit total sprengt.“
Bob verzog seinen Mund. Das änderte vielleicht seinen Eindruck von Natalie ein wenig, aber die saure Eifersucht in seiner Magengegend konnte dadurch auch kein Stück ausgeglichen werden. Immerhin hatte Peter sie ja trotzdem mitgenommen und dabei eigenhändig die Dreisamkeit gecrasht, die Bob sich vorgestellt hatte. Er verschränkte die Arme vor der Brust.
„Okay? Aber das ändert ja nichts daran, dass ihr offensichtlich lieber zu zweit wärt.“
Jetzt war Peter damit dran, Bob verwirrt anzublinzeln. „Wieso sollte ich lieber mit ihr zu zweit sein? Ich kann sie doch während des Semesters sehen, wann auch immer ich will. Euch beide sehe ich, wenn überhaupt, viel zu selten oder nur per Videochat. Natürlich seid ihr gerade die Priorität.“
Bob verdrehte seine Augen. „Komm schon, Pete. Ich weiß auch, wie das ist, wenn man frisch verliebt ist. Dann kann man ja eigentlich gar nicht genug voneinander bekommen.“
Prompt rutschte Peter noch etwas näher an Bob heran und blickte ihn ernst an.
„Wir sind nicht zusammen, Bob. Und Nat steht auch ganz sicher nicht heimlich auf mich, oder was auch immer du dir da gerade einbildest.“ Eine kleine, ernste Falte bildete sich zwischen Peters Augenbrauen. „Und ehrlich gesagt könntest du mir das auch ruhig mal glauben, wenn ich dir das gerade schon zum dritten Mal sage.“
„Pete, come on.“ Bob lehnte sich ein kleines Stückchen zurück und verdrehte die Augen. „Jeder, der halbwegs bei Sinnen ist, steht doch ein bisschen auf dich.“
Eine Sekunde lang herrschte Stille zwischen ihnen und Bob fragte sich, ob er damit gerade viel zu viel offenbart hatte.
Jeder steht ein bisschen auf dich?
Das war ja gerade so, als wollte er, dass Peter zu dem Schluss kam, den Bob ihm eigentlich aktiv zu verschweigen versuchte. Schließlich atmete Peter langsam und kontrolliert aus.
„Nat ist lesbisch. Und ich hab sie eingeladen, weil sie bei ihrer Familie nicht geoutet ist und die Stimmung da über Weihnachten jedes Mal echt schlimm ist. Sie musste da einfach mal für ein paar Stunden rauskommen. Außerdem seid Justus und du halt auch zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben – ich dachte da wäre es auch irgendwie schön, wenn ihr euch Mal kennenlernt.“
Bobs bissiger Kommentar, den er sich bereits zurechtgelegt hatte, erstarb auf seiner Zunge. Stattdessen fühlte er sich jetzt ein bisschen dumm und hatte außerdem ein ziemlich schlechtes Gewissen. „Oh.“
Als Bob nichts Weiteres sagte, blickte Peter plötzlich verunsichert drein. Aber was hätte Bob auch sonst dazu sagen sollen?
Peter druckste etwas herum, bis er schließlich weitersprach. „Und, keine Ahnung – ehrlich gesagt hatte ich auch ein bisschen Angst, dass es komisch zwischen uns sein könnte, weil wir uns jetzt so lange nicht in echt gesehen haben.“ Er schluckte. „Ich dachte, vielleicht könnte sie sowas wie ein Puffer sein, wenn es auf einmal total weird wird.“
Bob zog seine Augenbrauen zusammen. „Warum sollte es komisch zwischen uns sein?“
Kraftlos zuckte Peter mit den Achseln. „Ich weiß auch nicht. Ich hatte das Gefühl, dass du in den letzten Wochen ein bisschen distanzierter warst als sonst.“
Wieder blieben Bob seine Worte trocken im Hals stecken. War er wirklich distanziert gewesen? Jetzt, wo er so darüber nachdachte, kam es ihm gar nicht so unwahrscheinlich vor, dass er sich in den letzten Wochen ein wenig zurückgezogen hatte. Aber wie hätte er auch offen und ehrlich von seinem Alltag erzählen sollen, wenn die meisten seiner sozialen Verpflichtungen auf einmal aus diversen Plena für die queere Unigruppe oder Karaoke-Abenden mit seinen neuen Freunden aus besagter Unigruppe bestanden.
Er hätte vor Justus und Peter natürlich nicht sofort erwähnen müssen, wo genau er seine neuen Freund*innen kennengelernt hatte, aber irgendwie hätte sich das noch mehr nach Lügen angefühlt als diese einfach komplett zu verschweigen.
Und er hatte Justus und Peter ja jetzt ohnehin über die Ferien davon erzählen wollen.
Außerdem hatte Bob nicht erwartet, dass es Peter aufgefallen sein könnte, dass er sich zurückgezogen hatte. Immerhin schien Peter, genauso, wie er das schon immer getan hatte, so schnell in seinem neuen sozialen Umfeld angekommen zu sein, dass er seine Schulfreunde gar nicht mehr so sehr brauchte.
„Vielleicht…“, setzte Bob schließlich langsam an und ließ seinen Blick über den gut besuchten Weihnachtsmarkt schweifen. „Vielleicht war ich in letzter Zeit wirklich ein bisschen komisch. Aber ich verspreche, das lag nicht an dir.“
„Okay. Woran lag es dann?“
Bob hob die Schultern. „Vielleicht dachte ich irgendwie, dass es schwieriger wird, richtig Anschluss zu finden, wenn ich noch zu sehr an alten Freundschaften hänge.“
Peter schnaubte leise und Bob konnte an seinem Tonfall sofort erkennen, dass er ihn mit seiner Aussage verletzt hatte. Und Bob hätte sich sowieso am liebsten selbst geohrfeigt. Offensichtlich hatte das nichts mit dem wirklichen Grund für seine Distanziertheit zu tun – es war bloß eine verdammt dumme und unglaublich an den Haaren herbeigezogene Ausrede gewesen, die ihm automatisch über die Lippen gestolpert war, wie so oft, wenn seine Gefühle sich auf einmal zu real anfühlten.
Enttäuscht schüttelte Peter seinen Kopf. „Wow. Okay. Gut zu wissen, dass drei Monate am College eine zehnjährige Freundschaft für dich anscheinend direkt in den Hintergrund gerückt haben.“
Im nächsten Moment drückte Peter sich aus seiner hockenden Position hoch und hatte sich bereits halb abgewandt, als Bob ihn sachte am Arm zurückhielt.
„Pete, sorry, so meinte ich das nicht. Du bist-“ Bob stockte mitten in seinem Satz.
Du bist alles für mich? Du bist so viel mehr als mein bester Freund?
Das konnte er nicht sagen. Bob fasste sich mit seiner freien Hand an die Stirn, plötzlich war ihm total schwindlig.
Peters Arm war unter seinen Fingern noch immer angespannt, doch Bob lockerte trotzdem seinen Griff. Wenn er gehen wollte, dann wollte Bob sicherlich nicht derjenige sein, der ihn davon abhielt.
„Ich bin… was?“, fragte Peter, seine Stimme noch immer etwas kühl und Bob wusste, dass er gerade eine Chance bekam, dass hier geradezurücken, die er in diesem Moment eigentlich nicht so richtig verdient hatte. Also holte Bob tief Luft, und fasste sich ein Herz.
„Du bist wichtig, okay?“, sagte Bob leise. „Und dass ich in letzter Zeit ein wenig komisch war, liegt vor allem daran, dass ich viel über mich selbst nachgedacht hab.“ Bob schluckte. „Oder eigentlich ist es korrekter zu sagen, dass ich mir in den letzten Wochen zum ersten Mal wirklich erlaubt habe, über was nachzudenken, das schon echt lange in meinem Kopf rumschwirrt. Keine Ahnung, ob das damit zu tun hat, dass ich das erste Mal so richtig unter andere Leute gekommen bin, oder ob es so oder so passiert wäre…“
So richtig wusste Bob nicht, wie er an dieser Stelle weitermachen sollte, doch dann nickte Peter ihm ermutigend zu und ließ sich dann langsam neben Bob wieder in die Hocke sinken. Obwohl alles in ihm sich noch immer dagegen strebte, fuhr er trotzdem fort: „Okay… also ich glaub ich bin bisexuell. Oder vielleicht pan. Ich bin noch nicht sicher, mit welchem Label ich mich gerade am wohlsten fühle.“ Bob setzte sich etwas gerader hin und blickte Peter dann direkt an. „Aber ich bin auch jeden Fall zu hundert Prozent queer. Da bin ich mir sicher.“
Wieder nickte Peter ernsthaft.
„Danke, dass du mir das anvertraut hast“, sagte Peter leise und irgendwie hatte Bob das Gefühl, dass seine Hand, die schon wieder auf Bobs Knie lag, auf seinem Bein plötzlich ein wenig höher gerutscht war. Aber vielleicht kam ihm das bei der ganzen Nervosität auch bloß so vor. „Ich weiß, dass das ‘ne große Sache ist.“
Bob hob die Schultern. „Ja, keine Ahnung. Ich glaub, nachdem ich den Gedanken erstmal wirklich zugelassen hab, hat auf einmal einiges sehr viel mehr Sinn ergeben.“
Peter runzelte die Stirn. „Was zum Beispiel?“
Bob hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.
„Äh, du weißt schon, so Kindheits-Crushes, die ich damals nicht so richtig als solche einordnen könnte.“
Ein kleines Schmunzeln stahl sich auf Peters Gesicht. „Du meinst wie zu der Zeit, als du komplett obsessed mit Jess aus Gilmore Girls warst?“
Irgendwas in Bobs Magengegend zog sich bei der Erinnerung zusammen. Er hatte da Mal so eine Phase gehabt, in der er jedes Buch gelesen hatte, dass Jess Mariano in der Serie selbst gelesen oder auch nur erwähnt hatte. Jetzt im Nachhinein war ihm das Ganze ehrlich gesagt ein bisschen peinlich, aber gleichzeitig hatte Peter damit genau ins Schwarze getroffen – und trotzdem die verletzlichste Wahrheit knapp verpasst. Bob war nicht ganz sicher, ob er gerade lachen oder weinen wollte.
Er entschied sich dazu, seine Lippen zu einem vorsichtigen Lächeln zu verziehen.
„Ja, zum Beispiel sowas.“
Peter adjustierte seine hockende Position ein wenig, und Bob fiel erst in diesem Moment auf, dass er praktisch noch immer zu seinen Füßen kniete. Oh Mann.
„Weißt du, manchmal…“ Peter biss sich kurz auf die Unterlippe, bevor er weitersprach und auch sein Blick war auf einmal nachdenklicher geworden. „Keine Ahnung, ich hab in letzter Zeit auch ein bisschen nachgedacht. Also über mich selbst.“
Bob runzelte seine Stirn.
„Wie meinst du das?“
Peter zuckte mit den Schultern. „Naja, ich dachte halt auch immer, dass ich zu hundert Prozent hetero bin. Oder besser gesagt hab ich da eigentlich noch nie so richtig drüber nachgedacht, bevor ich mit Natalie drüber geredet hab, wie das alles für sie so war vor ihrem Coming Out. Aber was ich eigentlich sagen will – vielleicht bin ich es nicht.“
Bob blinzelte ihn an. „Bist du nicht… was?“
„Hundertprozentig hetero.“
Bob fühlte sich, als wäre ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden.
„Okay“, sagte er schließlich, angestrengt bemüht, ruhig zu bleiben, obwohl er am liebsten sofort nach vorne geschnellt und Peter in einem hektischen, unglaublich überstürzten Kuss zu Boden getackelt hätte.
Was überhaupt keinen Sinn ergab.
Denn bloß, weil Peter vielleicht ein bisschen Queerness an sich selbst entdeckt hatte, hieß das noch lange nicht, dass das irgendwas mit Bob zu tun hatte. Eigentlich bedeutete es eher das genaue Gegenteil, denn wenn es etwas mit Bob zu tun hätte, dann hätte Peter offensichtlich schon viel früher etwas bemerkt. Oder?
„Und… wie geht’s dir jetzt damit?“
Peter lachte leise. „Ehrlich gesagt weiß ich das noch nicht so richtig. Und ich weiß auch gar nicht, warum ich das gerade gesagt hab, ich wollte dir echt nicht das Spotlight stehlen.“
Bob schmunzelte. „Ich glaub, du kannst mir gar kein Spotlight stehlen, wenn eh nur wir beide hier sind.“
„Hm“, sagte Peter und nickte nachdenklich. „Ich wollte es dir einfach nur erzählen. Weil du auch wichtig bist.“
Wichtig für die Realisation? Oder einfach wichtig als Freund? Bob konnte diese Frage nicht beantworten.
Doch bevor er nachhaken, oder sonst wie reagieren konnte, durchbrach eine fröhliche Stimme plötzlich die Geräuschkulisse aus Weihnachtsmusik, die um sie herumdudelte und dem Stimmengewirr der anderen Weihnachtsmarktbesucher.
„Da seid ihr ja!“, rief Natalie und grinste sie fröhlich an. In ihrer einen Hand hielt sie eine Tasse und in der anderen noch ihr Smartphone, mit dem sie vermutlich gerade fleißige Aufnahmen von den blauen Flammen gemacht hatte, die den Zuckerhut umhüllt hatten. Justus trat neben sie, seine Hände tief in seinen Jackentaschen vergraben und in dem Moment, in der er Bobs Blick traf, hob er fast unmerklich entschuldigend die Schultern.
Der restliche Abend auf dem Weihnachtsmarkt verlief um einiges harmonischer. Natalie berichtete zuerst begeistert von dem Spektakel um die Feuerzangenbowle und anschließend wanderten sie noch ein wenig von Stand zu Stand und ließen die Eindrücke der bunt-glitzernden, blinkenden und anderweitig sensorisch ziemlich überfordernden Weihnachtsdekorationen, die hier verkauft wurden, auf sich wirken.
Bob fühlte sich mittlerweile nicht mehr betrunken, sondern stattdessen nur angenehm warm und ein bisschen entspannter, sodass ihm selbst die drängenden Menschen nicht allzu viel ausmachten. Sowieso hatte er auch eher die Vermutung, dass seine plötzliche gute Stimmung weniger mit dem Glühwein und mehr mit Peters Hand zu tun hatte, die, seitdem sie ein kleines Stück hinter Justus und Natalie zurückgefallen waren, immer wieder gegen seinen eigenen Handrücken streifte.
Gegen einundzwanzig Uhr begannen die meisten Stände langsam zu schließen, und gemeinsam mit dem letzten Rest der anderen Besucher verließen sie schließlich den Weihnachtsmarkt. Glücklicherweise lag dieser nicht besonders weit entfernt von dem Stadtteil, in dem Justus, Peter und Bob wohnten, weswegen sie nicht mit dem Auto gefahren, sondern stattdessen hergelaufen waren.
Bevor sie sich auf den Heimweg machten, brachten sie Natalie allerdings noch zur Bushaltestelle der Linie, die zum Haus ihrer Großeltern fuhr. Anschließend fielen die drei Fragezeichen in einen vertrauten Schritt nebeneinander ein.
Justus war der Erste, den sie am Schrottplatz ablieferten und daraufhin waren es nur noch Peter und Bob, deren Elternhäuser nur zwei Straßen voneinander entfernt lagen, die schweigend nebeneinander hergingen. Bob war dankbar über die paar vertrauten Minuten, die er Peter wirklich für sich allein bekam, aber gleichzeitig machte es ihn auch irgendwie nervös. Es gab keinen richtigen Grund dafür – der Abend war im Endeffekt doch angenehmer und harmonischer verlaufen, als Bob zu Beginn befürchtet hatte und auch sein Kopf rauschte mittlerweile nicht mehr rastlos umher. Oder zumindest nicht so doll wie zuvor. Trotzdem fühlte Bob sich irgendwie aufgeregt, als würde er am nächsten Morgen einen Test schreiben, der allerdings keinen besonders großen Einfluss auf seine Jahresnote hatte.
Abgesehen von Peter und Bob waren die Straßen menschenleer und die Stille zwischen ihnen fühlte sich an wie eine dicke Schneedecke, die sich schützend über sie gelegt hatte und vom Rest der Welt abschirmte. Dennoch hatte Bob das Gefühl, dass er irgendwas sagen sollte, um das Schweigen zu füllen.
„Pete?“
„Hm?“
Zögerlich wandte Bob sich ein wenig in Peters Richtung. „Sorry nochmal, dass ich mich wie ein Idiot verhalten hab.“
„Ach, alles gut“, winkte Peter grinsend ab und zwinkerte Bob verschmitzt zu. „Dass du ein Idiot bist, weiß ich doch sowieso.“
Bobs Mund fiel auf und empört gab er Peter einen leichten Stoß mit seiner Schulter, der diesen, wenn überhaupt, nur ein paar wenige Zentimeter aus der Bahn warf.
„Hey!“ Peter lachte und Bobs Herz wurde ein ganzes Stück leichter. „Pass auf, dass du nicht den besten Shooting Guard der Bruins mit deinem Geschubse außer Gefecht setzt!“
Bob hob eine Augenbraue. „Der Beste? Bescheidenheit ist auch nicht mehr dein Ding, oder?“
Wieder lachte Peter sein warmes, lebendiges Lachen. „Das hab ich mir vermutlich von Justus abgeschaut.“
Amüsiert schnaubte Bob und richtete seinen Blick zurück auf die leere Straße vor ihnen. Das Licht der Straßenlaternen und zahlreichen Lichterketten, die zur Weihnachtsdekoration in ihrer Nachbarschaft aufgehangen worden waren, tauchte die ganze Umgebung in ein beinahe surreales Licht.
„Hängt deine Mom eigentlich noch immer den Mistelzweig über eurer Haustür auf?“, fragte Peter, als sie gerade in Bobs Straße einbogen.
„Jap“, sagte Bob und schielte zu Peter hinüber, der seinen Blick noch immer geradeaus gerichtet hatte. „Ich glaube ja immer noch, dass sie den Postboten heimlich ein bisschen heiß findet.“
Peter grinste und stopfte seine Hände noch etwas tiefer in seine Jackentaschen.
Als sie am Haus der Andrews‘ ankamen, waren die Fenster dunkel und Bob schloss daraus, dass seine Eltern noch nicht von der Arbeits-Weihnachtsfeier der LA Post zurück waren, die an diesem Abend stattgefunden hatte. Wie gewohnt öffnete er das Gartentor und wollte sich gerade zu Peter umdrehen, um sich von ihm zu verabschieden, als er bemerkte, dass dieser ihm in den Vorgarten gefolgt war. Überrascht runzelte Bob seine Stirn.
„Ich glaub ich schaff‘s allein zur Haustür, Pete.“
Peter hob die Schultern. „Ich weiß nicht, ob ich dir schon wieder zutraue, allein die Veranda hochzugehen, ohne dabei zu stolpern. Außerdem will ich ja nicht, dass du auf dem Weg noch von irgendeinem Krampus entführt wirst, oder so.“
Gegen seinen Willen schlich sich ein Lächeln auf Bobs Lippen und um sein wieder mal viel zu schnell schlagendes Herz zu überspielen, verdrehte er sicherheitshalber die Augen, bevor er die drei Stufen zur Veranda des Hauses hinauftrat. Als er sich dann nochmal nach Peter umdrehte, musste er allerdings feststellen, dass dieser schon wieder dicht hinter ihm stand – so nah, dass es eigentlich unmöglich Zufall gewesen sein konnte.
Bob suchte nach Peters Blick und versuchte zu deuten, was hier gerade passierte. Bob schluckte und sagte dann mit leichtem Nachdruck: "Gute Nacht, Pete.“
Ein Grinsen umspielte Peters Lippen und er hob eine Augenbraue.
„Hast du da nicht noch was vergessen?“
Verständnislos runzelte Bob seine Stirn und daraufhin deutete Peter mit einem kaum merklichen Nicken nach oben. Bobs Blick folgte der Richtung instinktiv.
Über ihnen hing der besagte Mistelzweig.
Sofort schnellten Bobs Augen zurück zu Peter. Er wusste nicht, ob er gerade skeptisch, überrascht, erfreut oder einfach nur restlos verwirrt sein sollte und dass Peter ihn nur leicht verlegen angrinste, half nicht unbedingt dabei, die Antwort auf diese Frage zu finden.
„Ich denke mal du kennst die Regeln von einem Mistelzweig?“
Bob verengte seine Augen und schüttelte sachte seinen Kopf. „Du spinnst, Pete.“
Wieder zuckte Peter mit den Achseln und biss sich vorsichtig auf die Unterlippe. Irgendwas in Bobs Magengegend zog sich zusammen und er konnte den Blick, mit dem Peter ihn gerade ansah, fast nicht mehr aushalten. Er wollte, dass er eine neckische Bemerkung machte, oder ihm einmal grinsend gegen die Schulter klopfte oder irgendwas tat, was die Spannung zwischen ihnen entzerren würde.
Doch stattdessen zog Peter auf einmal seine rechte Hand aus der Manteltasche und hob sie langsam an Bobs Gesicht, legte sie dann vorsichtig an seine Wange und Bob konnte gar nicht anders, als der Berührung entgegenzukommen. Ein wissendes Schmunzeln breitete sich auf Peters Gesicht aus.
„Spinn ich?“
Hastig schüttelte Bob den Kopf und im nächsten Moment lehnte sich Peter sachte nach vorne, kam ihm so langsam entgegen, dass Bob mehr als genug Zeit gehabt hätte, ihm auszuweichen. Aber das tat er nicht. Bob hielt den Atem an und in dem Moment, in dem Peters Lippen endlich seine trafen, flatterten seine Augenlider zu. Automatisch griff er mit beiden Händen nach dem Kragen von Peters Mantel und zog ihn noch etwas näher an sich heran, woraufhin Peter überrascht etwas Luft aus seiner Nase stieß. Eine Sekunde lang musste Bob grinsen, doch dann wurde Peters Mund unter seinem plötzlich weicher, öffnete sich ein wenig und die Welt um sie herum schien gänzlich in den Hintergrund zu rücken.
Es war genauso und irgendwie doch viel mehr, als Bob sich zuvor ausgemalt hatte und er dachte, dass sie eigentlich genau hier für immer weitermachen könnten.
Als sie sich irgendwann wieder voneinander lösten, drehte Bobs Kopf sich immer noch rasend schnell. Peter trat einen halben Schritt zurück, grinste ihn an und stopfte seine Hände zurück in seine Manteltaschen.
„Frohe Weihnachten, Bob."
