Chapter Text
“Die genauen Anfänge von Seelenverwandtschaften sind unbekannt und liegen in grauer Vorzeit. Was wir aber wissen, ist, dass es Seelenverwandtschaften schon seit Anbeginn der Zeit gab und dass ihre Anzahl seit dem 17. Jahrhundert stetig gesunken ist.
Heute haben Schätzungen zufolge nur noch 20% der Bevölkerung seelenverwandtschaftliche Verbindungen (vgl. Knies 2016). Im 14. Jahrhundert war dies noch bei circa 45% der Bevölkerung der Fall (ebd.) (für einen historischen Abriss, vgl. Kapitel 3).” –
Gudrun von Ribbeck, Seelenverwandtschaft - Entmystifizierung des Unerklärbaren (2016)
Neustadt am Rübenberge, 1994 (Leo ist 7 Jahre alt)
Leo kann sich nicht an eine Zeit erinnern, in der er nicht wusste, was Seelenverwandte waren.
Als Baby wusste er natürlich nichts davon, aber seit er denken kann, weiß er schon, dass es so was gibt. In einer Folge der "Sendung mit der Maus“ wurde das auch genau erklärt. Manche Menschen haben einfach jemanden, den das Universum als den perfekten Partner ausgesucht hat.
Das kann man dann daran merken, dass diese Menschen sich alles sagen können, sich super gut verstehen, sich immer lieb haben und, wenn sich der eine weh getan hat, sich manchmal auch den Schmerz wegnehmen können.
Er mochte den Gedanken, dass es jemanden gab, mit dem er sich immer verstehen würde, aber Seelenverwandte waren leider nicht sehr häufig und es gab sie auch immer seltener.
Armin von der "Sendung mit der Maus" hatte auch erklärt, warum das so war, aber das war Leo egal. Er wusste nur, dass seine Chancen auf eine Seelenverwandtschaft nicht gut waren. In seiner Familie gab es auch niemanden, der eine Seelenverwandtschaft hatte.
Aber dass es sie gab, wusste er so sicher, wie er wusste, dass der Himmel blau war (wobei er sich nicht ganz sicher war, warum der Himmel blau war, aber da hatte er ja auch noch keine Folge der “Sendung mit der Maus” zu gesehen).
Doch diese eine „Sendung mit der Maus“-Folge hatte er bestimmt schon tausend Mal geguckt und konnte trotzdem nicht genug davon bekommen. Seine große Schwester Caro verdrehte immer schon genervt die Augen, wenn er die Videokassette wieder in den Video-Player steckte, aber sie guckte trotzdem fast immer mit. Leo war sich sicher, dass sie insgeheim genauso fasziniert von den Geschichten war wie er.
