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Die Lichter leuchteten mindestens genauso stark wie Markus’ Augen.
Das dachte zumindest Richard, der Markus von der Seite anschaute. Sie waren gerade zusammen auf einem Weihnachtsmarkt, obwohl das auch eher zufällig zustande gekommen war. Heute war Heiligabend.
Wobei jetzt gerade wohl eher Heiligmorgen war, denn die Uhr zeigte 10:30 Uhr. Trotzdem war es gefühlt so dunkel, als wäre es nachts. Markus hatte Richard hierhin geschleppt und weil Richard nicht wusste, ob sowas bei Mitbewohnern so üblich war, war er einfach mitgegangen. Jetzt standen sie also hier. Am 24. Dezember nach einem Weihnachtsbaum suchend. Richard wollte den Kopf in seine Hände legen, aber die waren so kalt, dass er Angst hatte, sein Kopf würde dann gefrieren. Die Extremitäten sterben immer als erstes ab, weil bei ihnen die Blutzufuhr gleich gekappt wird. Seine Nase war also auch, sogar ohne Kopf in die Hände legen, stark gefährdet.
“Muss das sein?” Hatte er Markus gefragt, als dieser ihn heute Morgen geweckt hatte.
“Bei meiner Familie gabs ne Planänderung, ich fahre erst am zweiten Weihnachtsfeiertag nach Südtirol. Für heute und morgen brauchen wir doch einen richtigen Weihnachtsbaum.”
Richard hatte nur geseufzt und war dann aufgestanden. Es war nunmal Markus, der ihn gefragt hat, da konnte er einfach nicht nein sagen.
Und wegen genau dieser Mentalität stand er jetzt hier auf dem großteilig noch nicht mal geöffneten Weihnachtsmarkt und fror sich, salopp gesagt, den Arsch ab.
Ein paar der Standbesitzer hatten sich anscheinend erbarmt und ihre Lichterketten und Beleuchtung jetzt schon eingeschaltet. Das änderte aber leider wenig daran, dass der Stand, der vor ein paar Tagen hier auf dem Markt Weihnachtsbäume verkauft hatte, jetzt restlos verschwunden war. Wenn Richard über diesen Morgen eine Geschichte schreiben müsste, würde er vermutlich einen Krimi schreiben, aber eher einen für Kinder.
“Richard, Markus und das Weihnachtsbaumgesuche” oder sowas. Aber das musste er nicht, und selbst wenn, mit Romanen hatte er bisher eher wenig Erfolg gehabt. Sowie auch mit allem anderen, wenn er ehrlich zu sich war.
Egal, heute war Weihnachten, nicht Volkstrauertag.
Markus war mittlerweile ziemlich weit vor ihm und klapperte Weihnachtsbaumverkäufe ab, die alle ausnahmslos nichts mehr hatten oder einfach nicht mehr da waren. Richard schlug vor, wieder nach Hause zu gehen, aber Markus schmetterte seinen Vorschlag knallhart ab.
“Nee, wir können doch noch am Stadtrand schauen, da war auch noch ein Weihnachtsbaumverkauf.“
Dann also zum Stadtrand. Zum Glück fuhr Markus, Richard war nämlich nicht so der geborene Autofahrer. Er hatte einen Führerschein, mehr aber auch nicht.
Vom Beifahrersitz aus, mit Markus neben ihm, bemerkte Richard mal wieder, wie gut aussehend Markus doch war. Er ermahnte sich selbst, ihn nicht so offensichtlich anzustarren. Es war fast schon unfair, dass sein Mitbewohner die Definition von ‚normaler, heterosexueller Mann‘ war.
Markus hielt an. Anscheinend waren sie jetzt angekommen, hier war aber kein Schild, oder irgendwas.
“Hm, irgendwo hier muss es doch noch einen Baum geben, der nicht aussieht wie ein frisch geschlüpfter Vogel.“
“Ey, nichts gegen Vögel, das sind tolle Tiere..“ murmelte Richard, aber Markus war schon zu weit vorgelaufen, um ihn zu hören.
Aber auch dieser Verkaufsstand war wie leergefegt. Scheint ja fast so, als würden die meisten Leute (alle) ihren Baum vor dem 24. kaufen.
“Es gibt nichts mehr.“ sagte Markus ungläubig, woraufhin Richard auf ein Neues versuchte, ihn davon zu überzeugen, einfach wieder nach Hause, ins Warme, zu gehen. Aber Markus war nunmal entschlossen, irgendwoher einen Baum zu bekommen und wenn er sich sowas erstmal in den Kopf gesetzt hatte, ließ er nicht mehr davon ab, das wusste Richard auch schon nach der kurzen Zeit, in der sie zusammenwohnen.
Richard merkte so langsam, wie seine Haare, die er natürlich direkt vorher hatte waschen müssen, einfroren, gar nicht so ne tolle Sache. Er lief neben Markus, der offenbar überlegte, wo sie noch suchen könnten. Markus Lippen waren aufgesprungen, Richards wahrscheinlich auch, kein Wunder bei der Kälte. Trotz dieses sehr gewöhnlichen Umstands gab ihm das die Gelegenheit, Markus‘ Lippen noch ein bisschen länger anzuschauen.
Warum konnten sie nicht einfach nach Hause gehen und dann von einem Mistelzweig, den man bestimmt auch noch irgendwo auftreiben könnte, Gebrauch machen. Richard hatte kurz Angst, er könnte bei der Vorstellung rot werden, aber bei der Kälte machte das sowieso keinen Unterschied mehr. Trotzdem schob er die Vorstellung erstmal weit weit weg. Brachte doch sowieso alles nichts.
Markus blieb stehen und schaute die Landschaft an, er dachte über irgendwas nach.
“Wollen wir nochmal nach Hause fahren?“ Ja!
“Und eine Säge holen?“ Nein!
Markus sah aus, als würde er das bitterernst meinen, denn er schaute gerade den Wald an, der nicht weit weg war. Bitte was?
“Du willst.. in den Wald gehen und einen Baum FÄLLEN?“ fragte Richard ungläubig, doch Markus nickte nur.
“Ne, sorry, aber ganz sicher nicht. Es hat gefühlt minus 10 Grad, im Wald erfrieren wir wahrscheinlich. Auch wenn fast kein Schnee liegt.“
Markus antwortete nicht.
“Außerdem; du hast eine Säge?“
Markus ignorierte diese Frage, was wahrscheinlich hieß, dass er tatsächlich eine hatte.
“Wir können doch so einen kleinen vom Waldrand nehmen.“
Richard seufzte und wagte einen letzten kläglichen Versuch, Markus davon abzuhalten, sich eine Säge zu holen.
“Nie im Leben ist das legal.“
“Ach komm, der ist doch nur so 1,50m hoch, außerdem ist hier niemand, den das stören oder dem das überhaupt auffallen würde.“
Okay, damit lag Markus wahrscheinlich sogar richtig. Langsam musste sich Richard geschlagen geben.
“Außerdem ist das dir beim Schwarzfahren doch auch egal.“ warf Markus noch hinterher.
“Ja, okay. Aber da kontrolliert auch nie jemand.“
“Eben, genau wie hier.“
Und dann gingen sie beide einfach zum Auto, Markus fuhr nach Hause, Richard wartete im Auto, bis er wieder aus der Wohnung kam. Aber, zu Richards Erstaunen, nicht etwa mit einer Kettensäge, sondern mit einer normalen Handsäge. Naja, war ja sein Problem. Richard hatte schon zu seinem Einzug klargestellt, dass er handwerklich nicht so gut dabei war.
“Kann man damit einen Baum fällen?“ fragte Richard, als Markus ihm die Säge in die Hand drückte.
“Hab’s noch nie probiert, aber bestimmt. Holzbretter kann man damit jedenfalls durchsägen.“ antwortete Markus und fuhr los.
Und oh Wunder, in der Stadt, durch die sie fahren mussten, war verdammt viel los. Wegen des stockenden Verkehrs schauten einige Leute Richard verwundert an, der die Säge aus Sicherheitsgründen in der Hand hielt. Es fing langsam aber sicher an zu schneien.
Und bald schon waren sie an einem Parkplatz am Stadtrand angekommen. Hier war nur ein einziges Auto geparkt, das war gut. Sie stiegen aus und wurden direkt von einer Windböe und einem halben Schneesturm begrüßt, sehr besinnliche Stimmung auf jeden Fall.
Und so stapften Richard und Markus durch den langsam tiefer werdenden Schnee, bis sie bei “ihrem“ Baum angekommen waren. Richard war wirklich froh, dass dieser nicht besonders groß und auch nicht dick war. Das sah fast schon machbar aus.
Na gut, dann mal ran ans Werk. Das galt zumindest für Markus, Richard stand nur da, er hatte ja auch keine eigene Säge.
Markus, der offensichtlich auch noch nie einen Baum gefällt hatte, setzte an und rüttelte die Säge hin und her, was zu keinem erkennbaren Effekt führte.
Nach einer Weile fielen ein paar Sägespäne herunter.
“Geht’s?” fragte Richard mit hochgezogener Augenbraue.
“Naja, schauen wir mal.” erwiderte Markus leicht gequält, weil er jetzt mit der Säge mehr Druck auf den Baum ausübte. Man konnte die Spuren der Handsäge schon fast sehen.
Langsam glaubte Richard, sie würden eingeschneit sein, bevor Markus auch nur die Hälfte des Stammes durchsägen würde. Jetzt sah es draußen zwar schön weihnachtlich aus, aber das ist nur schön, wenn man nicht draußen ist.
“Ich glaub, eine Kettensäge wäre besser gewesen.” murmelte Markus resigniert.
Richard nickte zustimmend, während Markus weiter sägte.
Plötzlich hörten sie etwas, so ein Stapfen. Richard blickte erschrocken in den Wald, hielten Bären eigentlich Winterschlaf?
Markus sägte jetzt noch schneller, weiterhin mit mäßigem Erfolg.
Zu ihrer ziemlich unberechtigten Erleichterung kam das Geräusch nicht von einem Bären, sondern von..
einem Menschen!
Der kam nur leider aus dem Wald und stellte sich ihnen nicht sehr freundlich als Förster vor.
“Hey! Was macht ihr da, ihr..” Ihm schien kein passendes Schimpfwort einzufallen. “Studenten!” Das war zwar falsch, aber weder Richard, noch Markus befand sich in der Position, den wütenden Mann zu korrigieren. Besonders deswegen nicht, weil er schnellen Schrittes auf sie zuging. Ihm irgendwas zu erklären machte jetzt sicher auch keinen Sinn, das merkte auch Markus, der seine Säge und danach Richards Hand (!!) nahm und losrannte. Er zog Richard förmlich mit durch den Schnee, die Situation war natürlich nicht so optimal, aber Richard konnte Markus Hand halten, was ihn viel zu sehr freute.
Der etwas schwerfällige Förster fing jetzt auch an zu rennen, während er ihnen wüste Beleidigungen hinteherrief, die zum Glück vom Schnee verschluckt wurden. Sie rannten so schnell sie konnten durch den Neuschnee, eigentlich war es hier sehr schön, also unter normalen Umständen. Leichtathletik war noch nie Richards Stärke gewesen. Deswegen war er froh, dass Markus ihn mitzog, natürlich nur deswegen.
“Wir müssen einen Umweg gehen.” schnaufte Markus, der Richards Hand immer noch hielt, obwohl der Förster schon nicht mehr zu sehen war. Er machte keine Anstalten, die Hand loszulassen.
Richard konnte nur zustimmend nicken, so sehr musste er sich aufs Atmen konzentrieren.
Markus schien das bemerkt zu haben, denn er blieb, als sie in sicherer Entfernung waren, stehen und sah Richard an. Vielleicht bildete Richard sich das nur ein, aber Markus Augen leuchteten dabei mindestens genauso hell wie auf dem Weihnachtsmarkt.
“Geht’s dir gut?” fragte er und strich dabei eine Strähne aus Richards Gesicht.
Als Richard antworten wollte, fiel ihm erst auf, wie sehr er mit dem Atmen beschäftigt war.
“Ja.. geht. Danke fürs Anhalten."
“Kein Ding. Tschuldigung, dass ich dich da mit reingezogen hab, du hast mich ja sogar gewarnt. Und jetzt haben wir nicht mal nen Baum.” er sah ein wenig niedergeschlagen aus.
“Ach, ist nicht schlimm. Wenigstens können wir Weihnachten zusammen verbringen.” antwortete Richard und strich mit dem Daumen über Markus’ Handinnenfläche, die er ja nach wie vor hielt. Das ließ Markus offensichtlich bemerken, dass er Richards Hand die ganze Zeit gehalten hatte, aber anstatt sie zurückzuziehen, sagte er: “Du hast echt kalte Hände.”
Woraufhin Richard: "Das sagt der Richtige.” antwortete. “Außerdem ist mir auch an sich ziemlich kalt, was vielleicht daran liegen könnte, dass wir gerade eingeschneit werden.”
Markus lächelte und schaute ein paar Schneeflocken nach, die um sie herum zu Boden segelten. “Dann lass uns nach Hause gehen. Der Baum ist doch auch irgendwie nicht so wichtig.”
Richard wollte irgendetwas bissiges antworten, wie ‘Dann hätten wir uns das gleich ganz sparen können.’, aber er ließ es, weil das hier trotz der Kälte und dem Förster zugegeben ziemlich spaßig gewesen war. Und ein paar Lichterketten hatten sie bei sich zuhause schon, dafür hatte Markus vor circa einem Monat schon gesorgt.
Also liefen sie zurück zum Auto, der Förster hatte zum Glück aufgegeben und war schon lange nicht mehr zu sehen. Trotzdem nahmen sie noch einige unnötige Umwege, nur um sicher zu gehen.
Markus fuhr mal wieder, was erstaunlicherweise echt lang dauerte, wer hätte bloß ahnen können, dass an Heiligabend um die Mittagszeit viele Autos auf den Straßen sind, tja.
Nach einiger Zeit hatten sie es endlich geschafft, aber Richard fühlte sich genauso kalt wie vorhin. Das lag vermutlich daran, dass die Heizung von Markus‘ Auto nur noch einseitig (natürlich an der Fahrerseite) funktionierte. Markus hatte zwar einen Job, aber die Reparatur wäre trotzdem zu teuer für ihn und Richard konnte ihm da auch schlecht aushelfen. Aber das war erstmal egal, jetzt waren sie nämlich wieder an der Wohnung angekommen und Richard sperrte die Tür auf.
“Boah ist mir kalt.“ murmelte Richard vor sich hin. Markus musste ihn gehört haben, denn er schlug vor, sie könnten ja einen Weihnachtsfilm schauen und sich dabei aufwärmen. Richard stimmte zu, woraufhin Markus gleich ein paar Decken holte.
Richard hoffte, dass Markus unter Aufwärmen dasselbe verstand wie er: Kuscheln.
Sagen konnte er das natürlich nicht, aber als Markus sich zu ihm setzte und irgendeinen generischen Weihnachtsfilm in den DVD-Spieler schob, merkte er, dass Markus glücklicherweise nicht so abgeneigt war, wie Richard dachte. Er setzte sich neben ihn und legte seinen Arm um Richard, ganz locker, ganz freundschaftlich.
Soweit so gut, Richard lehnte sich ein wenig an Markus und ehe sie sich versahen, lag Markus’ Kopf auf Richards Schulter. So viel Körperkontakt hatten sie noch nie gehabt, dachte Richard, da Markus ihn mittlerweile halb umarmte, er meinte, seinen Herzschlag zu spüren und das gleichmäßige Heben und Senken seines Brustkorbs.
Doch anstelle von Nervosität oder der Angst, irgendwas falsch zu machen, entspannte das Richard ungemein.
Sie beide schauten den Film auch nur mit halber Aufmerksamkeit. War sowieso Story-technisch eher unterstes Niveau. Irgendwas mit einer US-amerikanischen Lokalfernseh-Moderatorin, die über Weihnachten nach Alaska reisen muss und dort eine Reportage über einen gutaussehenden Hobby-Eisbildhauer drehen soll. Kreativität hoch 10.
Markus Nähe war Richard deutlich wichtiger als irgendeine drittklassige Romcom. Eigentlich auch als jeder Blockbuster. Sie sagten beide nichts, aber beide spürten gerade das Gleiche.
Markus drehte seinen Kopf zu Richard, der ihn ohnehin gerade anschaute. Kurz wollte Richard sich beschämt wegdrehen, doch zum Glück ließ er es. Jetzt schauten sie sich an, ihre Gesichter ungefähr 20cm voneinander entfernt und natürlich kam es, wie es kommen musste.
“Darf ich?” fragte Markus vorsichtig und hoffte, dass Richard verstand.
Richard nickte und schon waren Markus’ Lippen auf seinen.
