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Winterwunderland

Summary:

Als die Band kurz vor Weihnachten im Studio eine neue Platte aufnimmt, ist einer von ihnen nicht so richtig in Weihnachtsstimmung. Manchmal braucht es einen kleinen Anstoß, um die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Work Text:

Es konnte einfach nicht wahr sein, dachte Jean, als er zähneklappernd die Straße hinauflief, die zum Aufnahmestudio führte. Ausgerechnet heute war sein Auto auf halber Strecke einfach ausgegangen. Zum Glück konnte er sich noch auf einem Parkstreifen am Rande der Straße ausrollen lassen. Aber nachdem keiner seiner Kollegen ans Handy gegangen war, musste er sich fluchend zu Fuß auf den Weg machen. Sie hatten sich in einem kleinen Hotel in der Nähe eingemietet und zum Glück war der Weg nicht allzu weit, aber er ärgerte sich, dass er nun mit Abstand als Letzter ankommen würde.

Die anderen hatten sich schon alle heimelig eingerichtet und sich im ganzen Raum verteilt. Heute würden sie zwar nur ein paar neue Melodien einspielen, aber er würde trotzdem mit Schlagzeug und Klavier zum Einsatz kommen. Das Schlagzeug stand noch halb zusammengebaut in einer Ecke und Jean war zum ersten Mal nicht froh, dass es keiner gewagt hatte, weiter aufzubauen.

„Morgen”, gab er nur knapp in die Runde, nachdem er seine Jacke ausgezogen und neben der Garderobe auf den Boden gelegt hatte, da kein Haken mehr frei gewesen war.
„Ist da jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden?” frotzelte Luzi.
Jean verdrehte nur die Augen. Er hatte heute noch schlechtere Laune als die letzten Tage schon und sein Bauchgefühl verriet ihm, dass es nicht besser werden würde.

„Hat schon jemand Kaffee gemacht?”, fragte er hoffnungsvoll in die Runde.
„Gibt heute keinen. Müssen erst Neuen besorgen”, sagte Elsi, der fast genauso frustriert von der Tatsache zu sein schien wie Jean.
„Hier”, Alea reichte ihm einen Becher Tee, „der sollte dich wieder durchwärmen.” Jean gab nur ein Grunzen als Antwort von sich und nahm die Tasse. Aleas Fürsorge rührte ihn für gewöhnlich und zauberte ihm ein Lächeln auf die Lippen, aber heute war er genervt. Es lag vielleicht auch daran, dass Alea einen der kitschigsten und hässlichsten Weihnachtspullover der Welt anhatte. Und dabei auch noch eine gute Figur darin machte.

Die Stunden zogen sich wie Kaugummi und Jean brachte entweder kein Wort über die Lippen oder gab bissige Kommentare von sich. Er merkte, dass er sich langsam selbst auf die Nerven ging und versuchte, sich mehr zusammenzureißen.
„Vielleicht sollten wir mal wieder ein Weihnachtslied covern? Oder ein Neues schreiben?”, schlug Frank vor, der sichtlich irritiert von der Stimmung im Raum war.
„Boar, nur weil wir kurz vor Weihnachten haben, müssen wir doch nicht gleich einen auf besinnliche Lieder machen. Das Album kommt außerdem im Sommer raus, das ergibt so überhaupt keinen Sinn”, konnte Jean sich jetzt nicht mehr zurückhalten, so viel zum Thema mehr zusammenreißen.
„Was ist eigentlich in dich gefahren, du Miesepeter? Seit Tagen verbreitest du schlechte Laune.”
„Jean übt für sein Casting als Grinch”, fügte jetzt auch Luzi leicht säuerlich hinzu. Man sah ihm an, dass er sich ziemlich ärgerte über die schlechte Stimmung, die der Trommler verbreitete.

Nein, Jean war alles andere als in Weihnachtsstimmung, da hatte Luzi recht. Als Grinch sah er sich dabei überhaupt nicht. Der hatte nichts gegen Weihnachten, sondern wollte einfach nur seine Ruhe vor Menschen. Vielleicht war das genau, was Jean auch gerade wollte, einfach seine Ruhe und nicht den anderen zwanghaft die Weihnachtsvorfreude vermiesen.
„Du kannst auch aus allem einen Elefanten machen”, sagte er einfach nur darauf, um die Stimmung nicht noch weiter anzuheizen. Was leider nicht den erhofften Effekt hatte, da er sich nur ein paar böse Seitenblicke einfing.

Wenig später hatten sie sich entschlossen, die Aufnahmen für eine längere Pause zu unterbrechen, da es wenig Sinn ergab, dass jeder in seiner Ecke vor sich hin schmollte.
Jean hatte das Bedürfnis, eine Runde frische Luft zu schnappen, nahm sich seine Jacke vom Boden und ging vor die Tür. Draußen angekommen, schlug ihm die eisige Kälte entgegen. Und er verfluchte es, keinen dicken Schal mitgenommen zu haben, in den er sich jetzt einkuscheln konnte.
„Scheiß Wetter, nicht mal Schnee gibt es!” grummelte er vor sich hin, also kein anderer als ausgerechnet Alea, aus der Tür trat und sich zu ihm gesellte.
„Der kommt noch”, strahlte ihn der Sänger an und hielt ihm sein Handy mit einer Wetter-App unter die Nase. Jean konnte nichts erkennen, was auch nur im Geringsten nach Schneefall in den nächsten Tagen aussah und verkroch sich tiefer in seine Jacke.
„Kannst du dich denn so gar nicht auf Weihnachten freuen?”
„Nein.” Und das war auch schon das Ende ihres Gesprächs. Er hörte den Sänger neben sich seufzen. Jean wusste auch nicht, warum es ihm so schwerfiel, gute Laune zu bekommen. Normalerweise war das in Aleas Nähe überhaupt kein Problem für ihn. Das kleinste Anzeichen eines Lächelns und Jeans Herz schmolz förmlich dahin. Nur in den letzten Tagen war ihm alles zu viel. Er hatte sich bis vor ein paar Wochen auf die Weihnachtszeit gefreut, doch dann wurde der Himmel von Tag zu Tag grauer. Spontan hatten sie einen Termin bekommen, die ersten Arbeiten am neuen Album in ihrem Wunschstudio anfangen zu können, da eine andere Band wegen Geldprobleme abgesprungen war. Alle hatten zugestimmt und normalerweise wäre Jean happy gewesen, endlich wieder seine kreativen Muskeln spielen lassen zu können. Diese waren aber überhaupt nicht in Form und er ärgerte sich über sich selbst nichts Vernünftiges zustande zu bringen. Sie hatten zwar schon einige Songs, aber noch fehlten ein paar und normalerweise wäre jetzt der Zeitpunkt, in dem die Kreativität sie alle heimsuchte.

Zusätzlich hatten sich Verwandte angekündigt für Weihnachten und Jeans Plan spontan einfach zu verreisen und dem ganzen Weihnachtsstress mit der Familie zu entkommen war gescheitert, bevor er überhaupt planen konnte. Und dann war sein Auto auf der Fahrt zum Studio liegengeblieben, das hatte ihm den Rest gegeben. Er wollte nur seine Ruhe.

Als er jetzt den Sänger neben sich erneut seufzen hörte, hatte er genug. Mit einem Schnauben stieß er sich von der Hauswand ab und wollte genervt wieder ins Innere des Hauses. Vor ihm flog mit einem großen Schwung die schwere Studiotür auf. Das Geräusch, als das harte Holz auf den Dickschädel von Jean traf, echote in der kalten Luft des Hofes als er in sich zusammensank und auf dem Boden liegen blieb.


*

Als er die Augen öffnete, sah er einen Schnee verhangenen Himmel. Er lag weich, aber nicht besonders warm mitten in einem Hügel aus weißem Schnee. Kurz fragte er sich, ob Aleas Wetterapp recht hatte und es in der Zwischenzeit geschneit hatte. Warum hatte er das dann nicht mitbekommen? Er hob vorsichtig seinen Kopf und schaute sich um. Aus seiner Position sah er nichts als weiß und noch mehr weiß. Er legte den Kopf wieder ab. Wie lange musste er hier geschlafen haben, dass sich so viel Schnee auftürmen konnte? Er konnte sich auch nicht erinnern sich schlafen gelegt zu haben und warum sollte er das draußen in der Eiseskälte tun, wo er sich den Tod holen würde? Ganz langsam kam die Erinnerung daran, dass sie im Studio gewesen waren.

Jean grübelte noch, was genau passiert war, als er ein Geräusch auf sich zukommen hörte. Es klang, wie sein Name begleitet von Fußschritten. Er kannte die Stimme. Es war die von Luzi und ein paar Sekunden später sah er auch schon das besorgte Gesicht des Dudelsackspielers über sich auftauchen.

„Hi”, sagte er mit kratziger Stimme.
„Was liegst du hier herum? Wir suchen dich schon überall. Wir haben so viel Arbeit und brauchen dich!”
Was für Arbeit, dachte Jean, und seit wann hat Luzi diese spitzen Ohren? Und so eine komische, geringelte Zipfelmütze? Zugegeben, es war nicht das schlimmste Kleidungsstück, was er je getragen hat, aber es war ihm viel zu groß und das am Ende des Stoffes sah doch tatsächlich nach einer kleinen Glocke aus.
„Was für Arbeit?”
„Stell dich nicht dümmer als du bist”, sagte Luzi und zog an seinen Armen, damit er endlich aufstand. Langsam und mit einem Stöhnen, da sein Körper sich wie Blei anfühlte, stemmte sich Jean aus dem dicken Haufen aus Schnee hoch. Er hatte keine Ahnung, was hier gerade los war, aber er würde Luzi folgen, um es herauszufinden.

„Du hast deine Mütze liegengelassen!”
Jean drehte sich noch einmal um und zu seiner Überraschung lag dort im Schnee eine Mütze, die genauso aussah wie die von Luzi. Perplex hob er sie auf und hielt sie unsicher in der Hand.
Seine innere Verwirrtheit schien Luzi nicht zu bemerken und so zog er ihn weiter zu einem Haus, das Jean bisher nicht bemerkt hatte. Es kam ihm bekannt vor. Er könnte schwören, dass sie gerade in diesem Haus ein Album aufnahmen. Aber das Dach war ein komplett anderes. Dieses hatte schöne Giebel anstatt des Flachdaches und einen Schornstein, aus dem weiche, weiße Schwaden von Rauch aufstiegen. Auch die Bäume sahen unnatürlich aus. Die Tannen waren entweder kerzengerade oder elegant kurvig geschwungen. Und auf allem lag wie Watte aussehender, glitzernder Schnee.
Jean wusste nicht, wie er die Welt um sich herum beschreiben sollte, es sah aus, als ob jemand eine Prise Puderzucker über alles gestreut hat.

Als sie das Haus betraten, empfing ihn sofort eine wohlige Wärme. Sie standen in einem großen Zimmer, dessen Decke Jean nicht sehen konnte, von der jedoch ein sonniges, warmes Licht ausging.
„Da seid ihr ja endlich! Hast du versucht, dich mal wieder vor der Arbeit zu drücken?”, hörte er Elsis Stimme zu seiner rechten. Auch dieser trug diese lächerliche Mütze mit dem Glöckchen dran und hatte sich spitze Ohren angeklebt.
Jean hörte ein Kichern von der anderen Seite. Es kam von Falk, der gerade eine Schubkarre voll mit wunderbar eingepackten Geschenken durch den Raum fuhr und einen Augenblick später durch ein großes Tor, von dem Jean schwören konnte, es war eben erst erschienen, verschwand. Natürlich hatte auch Falk eine Mütze auf.

Luzi zog ihn weiter durch den Raum zur anderen Seite, an dem Jean einen Kamin ausmachen konnte, auf dessen Sims zierliche Schneekugeln standen und kleine Söckchen herabbaumelten. Er merkte, wie ihm die Wärme wohltuend in die kalten Knochen fuhr, er musste noch länger als gedacht im Schnee gelegen haben. Bisher war ihm nicht mal aufgefallen, dass er gefroren hatte.
Er wurde an einen langen Tisch gezerrt, auf dem jede Menge Spielzeuge lagen und ganz viel Verpackungsmaterial. Inmitten des Chaos saß Till im Schneidersitz und nähte einen Teddybären. Er grinste Jean verschmitzt an, als er den Faden nach dem letzten Stich mit den Zähnen durchbiss.
„Hier, mach dich mal nützlich und pack den ein”, sagte er und hielt Jean den Teddy unter die Nase. Perplex nahm er ihn und hielt ihn sich an die Brust. Er hatte das Gefühl, sich an etwas festhalten zu müssen, und da kam der Teddy genau richtig. Dann bemerkte er auch bei Till die Ohren und eine sehr schief sitzende Mütze.

„Was ist hier eigentlich los?”, fragte er mehr sich selbst als die anderen. Bekam darauf aber nur ein paar hochgezogene Augenbrauen von Till.
“Was soll los sein? Wir versuchen seit Tagen die Geschenke für die große Schlittenfahrt fertigzustellen, und du hast dich sehr rar gemacht.”
Jean verstand zwar die Worte, die er hörte, aber sie ergaben keinen Sinn für ihn.
„Was für eine Schlittenfahrt?” Er spürte, wie jemand neben ihn trat. Es war Alea, der ihn mit gerunzelter Stirn sehr ernst ansah. Die Mütze und die spitzen Ohren nahm Jean mittlerweile, ohne mit der Wimper zu zucken, hin. Als er nun so von Alea gemustert wurde, merkte er, wie ihm ganz warm wurde und seine Ohren heiß. Sie fühlten sich größer an als sonst. Unbewusst griff er nach ihnen und eigentlich hätte ihn nicht wundern sollen, aber er fühlte, wie sein Ohr länger war als es sein sollte und oben spitz zusammenlief.
„Was…”, mehr als einen Hauch, brachte er nicht hervor. Er merkte, wie eine leichte Panik in ihm aufstieg.
„Alles ist gut, Jean. Wo hast du ihn gefunden, Luzi?”
„Draußen im Schnee. Er hat sich dafür ein Nickerchen hingelegt.” Wieder hörte er ein Kichern, aber Jean wollte nicht wissen, von wem es kam.
Alea sah ihn nun wieder kritisch an und dann fing er an, seinen Kopf zu untersuchen. Etwas oberhalb der Stirn fanden seine Finger eine schmerzhafte Stelle.
„Au…”
„Ah, sieht aus, als ob du eine schöne Beule hast. Hat dich wieder eines der Rentiere umgerannt?” Als Jean ihn nur verständnislos anschaute, machte Alea eine wegwerfende Handbewegung und wuschelte seine Haare dabei frech durcheinander, als er keine weiteren Wunden finden konnte.
„Ist auch egal. Also Kurzfassung, der Weihnachtsmann hat sich einfach in den Urlaub begeben. Hat was von ´er ist jetzt in Rente´ gefaselt und ist verschwunden. Jetzt versuchen wir seit Tagen hier alles fertig zu bekommen und dann geht es nachher auf große Fahrt, die Geschenke an die Kinder verteilen. Wir haben nur noch nicht geklärt, wer den Weihnachtsmann spielt.”

„Das wäre dann mein Auftritt”, sprach eine warme Stimme hinter Jean. Es war Lasterbalk, der sich einen, selbst für ihn, zu großen roten Mantel umgeschnallt hatte. In der Hand hielt er einen falschen weißen Rauschebart. Die Situation wurde immer skurriler.
Und was zum Teufel machte Lasterbalk eigentlich hier? Der war doch bei seiner kleinen Familie, da er seine Pläne so schnell nicht hatte ändern können. Und nun stand er in voller Weihnachtsmann Montur im Raum.
„Ey, wir hatten noch nicht zugestimmt, dass du der Mantelträger bist. Ich finde, Falk eignet sich viel besser als Weihnachtsmann!”
„Ich bin der Größte, ich trage den Mantel!” erklärte Lasterbalk und ließ keine weitere Diskussion zu.
Alea und Jean sahen sich an und mussten beide grinsen.
„Wir haben hier noch die letzten Geschenke, da kannst du dich dann nochmal nützlich machen”, sagte Alea, drückte ihm Klebeband in die Hand und ging.
In Ermangelung einer besseren Idee fing er an, sich nützlich zu machen.

Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, konnte aber nicht mehr wie eine Stunde gewesen sein, da waren alle Geschenke mal mehr, mal weniger gut eingepackt und geklebt.
Die anderen wuselten an ihm vorbei und beluden weiter Säcke mit Päckchen, bis auf einmal Lasterbalk wieder den Raum betrat und ein Glöckchen läutete.
Er hatte den Mantel hinten mit Klammern fixiert und anscheinend auch in der Länge gekürzt. Fast hätte er als Kaufhausweihnachtsmann durchgehen können. Nur die spitzen Ohren, die unter der viel zu großen roten Mütze herausschauten, störten das Bild.
„Jungs, es ist Zeit!”, sagte er in die Runde und unter Jubel begaben sie sich zu dem mit Geschenksäcken überladenen Schlitten. Er sah wundervoll aus, mit seinen goldenen Kufen und den ganzen bunten Lichtern. Auch sah Jean nun die angespannten Rentiere, keines mit roter Nase, ungeduldig hin und her tanzen.

Nachdem jeder irgendwo auf dem Sitz oder zwischen den Geschenksäcken einen Platz gefunden hatte, gab Lasterbalk das Zeichen zur großen Fahrt. Erst langsam, dann immer schneller nahm der Schlitten Fahrt auf und Jean merkte, wie er sich an der Seitenwand festkrallte, als sie den sicheren Boden verließen und anfingen wie von Zauberhand zu schweben. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.
Der eisige Wind zerrte an seiner Mütze, immer höher stieg der Schlitten. Das Gefühl von Abenteuer kribbelte angenehm in Jeans Bauch.
Alea fing an, zum Klang der Glocken ein Weihnachtslied anzustimmen und in Windeseile sangen sie alle, mal schief, mal im Einklang. Ein Lächeln breitete sich auf Jeans Lippen aus, er ließ sich von der guten Stimmung der anderen mitreißen. Die Welt mochte gerade schief in den Angeln hängen und er war sich nicht sicher, ob sie je wieder grade wurde, doch er liebte jede Sekunde. Weihnachtszauber lag in der Luft. Sie sausten auf einem Schlitten durch die dunkle Nacht und ganz dicht, sodass die Wärme von seinem Oberschenkel zu Jeans Bein durchdrang, saß Alea.

Unter ihnen sausten erste Dörfer dahin. Jean beugte sich über den Rand des Schlittens, um sie genauer betrachten zu können. So winzig wie Bauklötze sahen die einzelnen Häuser aus.
Dann aus dem Nichts gab es einen Ruck. Er spürte, wie er aus dem Sitz gezogen wurde und zur Seite fiel. Ohne einen sicheren Halt rauschte er durch die tiefe Nacht immer weiter dem Boden entgegen.

*

Mit einem Stöhnen schlug Jean die Augen auf. Er fiel nicht mehr, lag vielmehr auf einer weichen Unterlage. Über sich sah er die weiße Decke des Tonstudios. Für einen Moment desorientiert, griff er sich ins Gesicht und rieb sich über die Augen. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in seiner Stirn aus.
„Dornröschen ist wieder wach”, vernahm er die Stimme von Till. Vorsichtig hob er ein wenig den Kopf und sah in die Gesichter seiner Bandkollegen.
„Oh, ihr habt ja wieder normale Ohren.” Die eben noch besorgen Mienen wurden jetzt zu gerunzelten, die sich fragten, was es mit diesen Worten auf sich hatte. Alea fasste sich vorsichtig an sein linkes Ohr und betastete es. Das ließ Jean etwas schmunzeln. Sein Schädel brummte ordentlich, aber anscheinend war er wieder in seiner Welt aufgewacht.
„Ich hatte den verrücktesten Traum”, murmelte er.
„Gut, dass nichts Schlimmeres passiert ist.”
„Du warst für ein paar Minuten ohnmächtig und wir mussten dich ins Haus tragen”, erwähnte Till mit zu viel Freude in der Stimme.
„Luzi wollte schon den Krankenwagen rufen.”
„Mir geht es gut. Nur etwas Kopfschmerzen.” Er griff sich wieder an den Kopf und konnte jetzt eine Beule unter seinen Fingerspitzen spüren.

„Ich glaube, du solltest für heute den Rest des Tages auf dem Sofa verbringen”, sagte Alea und reichte ihm ein Glas Wasser und eine Schmerztablette. „Und wir sollten sicher gehen, dass du keine Gehirnerschütterung hast.” Jean wurde warm ums Herz bei der Sorge, die Alea für ihn zeigte.
„Wir wollten aber doch nachher den Weihnachtsmarkt unsicher machen? Das ist doch blöd, wenn jemand bei Jean zurückbleiben muss.”
Etwas empört war er schon, dass die Bande wohl über seinen ohnmächtigen Körper hinweg Pläne für den Abend gemacht hatte.
„Ich komme einfach mit.” Alle Augen richteten sich bei diesen Worten auf ihn.
„Die spielen da aber Weihnachtsmusik und alles wird sehr festlich sein”, sagte Luzi.
„Ich glaube,” sagte Jean, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, “das werde ich für einen Abend schon überstehen.”
„Wer bist du und was hast du mit unserem Jean gemacht?”, wandte Elsi nun ein und alle fingen an zu lachen.

Was für ein seltsamer Traum dachte Jean, als er nach einigen weiteren Stunden im Flur stand und sich für den Weihnachtsmarktbesuch fertig machte. Gleichzeitig war er sehr froh, ihn gehabt zu haben. Seine Meinung zu Weihnachten hatte sich auf jeden Fall verbessert - für den Augenblick.

Als er seine Jacke vom Haken nahm, fiel ihm auf dem Regal über der Garderobe etwas auf. Es war eine geringelte Mütze mit einem Glöckchen.