Work Text:
„Jetzt geht das wieder los...“
Yasmin konnte nur mit den Augen rollen beim Anblick von Gerd Matuschek mit seinem Arm voll roter Rosen in der Tür der Kanzlei, in seinem glänzenden Seidenhemd und dem übergroßen Grinsen einer Unterweltsgestalt, die ihr Glück, in die Freiheit entlassen worden zu sein, noch gar nicht fassen konnte. Warum sich Frau von Brede immer noch mit diesem Typen abgab, war ihr ein Rätsel.
„Hätten die ihn nicht noch ein bisschen länger da behalten können?“
Gudrun, die neben ihr in der Küchentür stand, stupste sie leicht von der Seite an. „Nun gönn ihr doch ein bisschen Spaß.“
Yasmin verschränkte die Arme und starrte ihre Freundin an. „Spaß? Das ist ein Zuhälter, ein Berufsverbrecher, der Schlägertrupps kommandiert, und wer weiß was sonst noch.“
Gudrun zuckte mit den Schultern. „Wo die Liebe hinfällt. Hey, jetzt schau nicht so entgeistert.“
Yasmins sich überschlagende Gedanken, von wessen Liebe Gudrun da genau redete, wurden zum Glück unterbrochen vom erneuten Bimmeln der Türglocke, als Ehrenberg mit seinem Hund die Kanzlei betrat. Er sah gerade noch die Tür von Frau von Bredes Büro hinter dem wohlbekannten Besucher zuschlagen, und sein Gesichtsausdruck war ungefähr so deprimiert, wie Yasmin sich fühlte.
„Ich geh zum Sport, schönen Abend noch,“ verabschiedete sich Gudrun nach ein paar bedeutungsvollen Blicken, und verschwand in den dunklen Abend.
Nichts war bessere Ablenkung als ein bisschen Arbeit, also schnappte Yasmin sich ihren Chef und brachte ihn auf den neuesten Stand der verpassten Anrufe, geheimen Ermittlungen, und Termine für den nächsten Tag. Doch sie war nicht einmal halb mit ihrer Liste durch, da wurde es laut im Nebenraum – so laut, dass sie innehielt.
Matuschek versuchte, sich für irgendwas zu rechtfertigen, und dann hörte Yasmin Worte, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließen.
„Fass mich nicht an, jetzt fass mich bitte nicht an!“
Sollte sie reingehen? Es war ihr egal, ob der Typ stärker war, bewaffnet oder gefährlich, wenn er es wagen sollte, ihrer Chefin auch nur ein Haar zu krümmen, dann würde Yasmin da reinmarschieren und ihn fertig machen, ihm mit der Lampe den Schädel einschlagen, mit dem Brieföffner die Kehle -
„Raus!“ schrie Frau von Brede, und so hatte sie sie noch nie gehört. „Raus!“
Die Bürotür flog auf und sie treib Matuschek vor sich durch den Raum, warf ihm rasend vor Wut seine verdammten Rosen entgegen, und hielt ihm die Tür auf. Er setzte ein letztes Mal an, doch er kam nicht mehr zu Wort. Der Schmerz in Frau von Bredes Stimme war klar und so schneidend, dass es Yasmin weh tat sie zu hören.
„Hau ab! Raus!“
Sobald er über die Schwelle getreten war, knallte Frau von Brede die Tür hinter ihm zu, und ein erstickter Schluchzer drang aus ihrer Kehle.
Yasmin musste irgendwann aufgestanden sein, denn sie stand hilflos vor ihrem Schreibtisch, und sah zu, wie ihre sonst so taffe Chefin weinend auf der Fensterbank zusammensackte. Ehrenberg stand genauso ratlos da, bis er fragte, „Alles in Ordnung?“
Was für eine dumme Frage, dachte Yasmin. Offensichtlich war absolut gar nichts in Ordnung. Aber Frau von Brede sah auf und nickte beschwichtigend.
„Ja,“ sagte sie, die Stimme nun ganz leise und zerbrechlich. „Ich bin nur froh, dass Teddy wieder da ist.“
Kaum hatte sie diesen lächerlichen Satz über die bebenden Lippen gebracht, senkte sie wieder den Kopf. Wie ein Häufchen Elend saß sie dort, die Hände im Schoß hielten sich in einer vergeblichen Suche nach Halt aneinander fest, während sie leise weinte.
Yasmin warf einen Blick zu ihrem Chef, doch der machte keine Anstalten, auf Frau von Brede zuzugehen, im Gegenteil. Er schaute weiterhin betreten zu Boden, und dann rüber zur Garderobe.
„Apropos Teddy, es wird höchste Zeit, dass er sein Abendessen bekommt.“
Yasmin sah entgeistert zu, wie er seine Sachen nahm und dann auch noch den Hund zu sich rief, sodass Frau von Brede nun vollends verlassen auf der langen Fensterbank zurückblieb, hinter ihr nur der kalte, dunkle Winterabend.
Ein kleines „Bis Morgen“ brachte sie hervor, bevor der nächste Schluchzer ihren auf einmal so klein und zart wirkenden Körper schüttelte.
Auf gar keinen Fall würde Yasmin die Arme jetzt allein lassen, und wenn sie sich noch so sehr bemühte, kein Geräusch von sich zu geben, in den Kissen zu verschwinden, wie um bloß niemandem zur Last zu fallen.
Yasmin nahm sich kurzerhand die Packung Taschentücher in ihrer Schublade, ging die paar Schritte durch den Raum, und setzte sich vorsichtig neben sie. Frau von Brede hob den Blick, und Yasmin hielt ihr stumm die Packung entgegen, während sie versuchte, das Mitleid nicht ganz so deutlich im Gesicht geschrieben zu tragen.
„Sie sollten auch besser nach Hause gehen,“ sagte Frau von Brede mit belegter Stimme, und zog gleich mehrere Tücher auf einmal aus der Box.
„Ich denke gar nicht dran.“
Das kleine Lachen, was daraufhin aus Frau von Bredes Kehle drang, war eine wahre Wohltat in Yasmins Ohren, und hinterließ auf dem Weg von dort zu ihrem Herzen ein goldenes Kribbeln.
“Müssen Sie immer so sturköpfig sein?” fragte sie dann, und tupfte sich vorsichtig die Augen trocken. Das leichte Makeup war nur ein wenig verschwommen, es musste wirklich wasserfest sein, und wahrscheinlich auch entsprechend teuer. Nicht, dass Yasmin viel über das Makeup ihrer Chefin nachdachte, oder darüber, wie es ihre eisblauen Augen noch mehr zum Leuchten zu bringen schien.
Mit leicht schräg gelegtem Kopf antwortete sie: “Wenn Sie sich sonst nicht helfen lassen wollen, auf jeden Fall.”
Frau von Brede wandte den Blick ab und sah in den leeren, dunklen Raum der Kanzlei.
“Zum Helfen ist es ein bisschen zu spät.”
Obwohl es Yasmin unter den Nägeln brannte, zu erfahren, was denn passiert war, wusste sie nicht, wie sie danach fragen sollte. Einen Schritt zu nah an die Privatangelegenheiten von Frau von Brede, und die Tür wurde ihr schneller zugeschlagen, als sie ‘Rechtsanwaltsfachangestellte’ sagen konnte. Bevor ihre Chance jedoch ganz vorbei war, sagte sie schließlich:
“Aber sie haben doch gewonnen. Sonst wäre er ja nicht auf freiem Fuß.”
Frau von Brede nickte langsam, und blickte betreten zu Boden. Yasmin hatte das Gefühl, dass ihr ein großes Stück des Puzzles fehlte.
“Das ist ja gerade das Problem.”
“Wieso denn das?”
“Weil er’s war,” gestand Frau von Brede leise, und als sie Yasmin ansah, glänzten neue Tränen in ihren schönen Augen. “Er hat mich angelogen, und ich hab ich mich voll einspannen lassen, hab das Opfer erpresst, damit es seine Anzeige zurückzieht - seine komplett berechtigte Anzeige.”
Yasmin registrierte mit Entsetzen, was das bedeutete. Wenn das herauskommen sollte, würden sie wieder die Kanzlei Ehrenberg sein, und Frau von Brede könnte sich einen neuen Job suchen, am besten einen mit exorbitantem Gehalt, um die verpufften Pensionsansprüche wettzumachen. Ganz zu Schweigen von dem ausgenutzten Vertrauen. Yasmin spürte die Wut in sich aufsteigen, und es war Matuscheks Glück, dass er nicht mehr in der Nähe war.
“Was für eine erbärmliche Ausrede von einem Menschen - wenn der mir nochmal über den Weg läuft, dann kann er aber was erleben!”
Frau von Brede schien das nicht sehr zu trösten. Sie schniefte leise in das nächste Taschentuch.
“Ich war so blöd.”
“Sie haben ihrem Freund vertraut. Das ist nicht blöd, das ist ganz normal. Und es ist wirklich das Letzte, ein solches Vertrauen zu missbrauchen.”
Dass sie bei Matuscheks Vorgeschichte und Persönlichkeit vielleicht vorsichtiger hätte sein müssen, sprach Yasmin nicht laut aus.
“Ich habe wirklich gedacht -” Frau von Bredes Stimme brach ab.
Yasmin legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter, und war erleichtert, als kein Widerstand gegen diese zarte Geste erfolgte. Sanft strich sie Frau von Brede über den oberen Rücken, der Stoff ihres schwarzen Blazers kühl und glatt, die Frau darunter vollkommen aufgewühlt. Yasmin sagte nicht, dass sie nicht weinen sollte, sie ließ sie einfach die überbordenden Gefühle ausdrücken, und war froh, für sie da sein zu können.
Dann lag irgendwann ihr Kopf auf Yasmins Schulter, und ehe sie sich's versah, hatte Yasmin ganz automatisch den Arm um sie gelegt. Frau von Brede drehte sich noch weiter zu ihr, aus einem wurden zwei und so hielt Yasmin sie auf einmal in ihren Armen, ihre Chefin, ihre… Nein.
Es war besser, nicht so genau darüber nachzudenken, was ihr diese Frau eigentlich bedeutete. Sie sollte es nicht in Worte packen, nicht einmal in ihren Gedanken, sie sollte ganz schnell darüber hinwegkommen. Aber all das war leichter gesagt als getan, vor allem jetzt, wo ihr Haar Yasmins Wange kitzelte, wo ihr Duft alles war, was sie wahrnehmen konnte, wo sie sich an ihr festhielt und so verletzlich und schutzbedürftig war wie nie, die sonst so offensichtlichen Unterschiede zwischen den beiden spurlos verschwunden.
Doch irgendwann war der Moment vorbei, Frau von Brede löste ihren Griff, Yasmin öffnete die Augen – und sah direkt in das verheulte, aber bezaubernde Gesicht, das sie garantiert in ihren Träumen verfolgen würde. Frau von Brede aber bewegte sich nicht zurück, sie erwiderte Yasmins Blick nur wie gebannt über die wenigen Zentimeter, die sie beide trennten. In der Stille konnte Yasmin ihr Herz förmlich hämmern hören, oder sie hätte es gekonnt, wenn sie nicht so abgelenkt gewesen wäre von dem Anblick der blauen Augen, eingerahmt von kleinen Fältchen, die sie noch nie von so nah, so lange hatte ansehen können, die sie in den Bann zogen und nicht mehr loslassen wollten.
Frau von Bredes hohe Wangen schimmerten feucht von den Tränen im warmen Licht der Deckenlampen, und als sie blinzelte, fiel eine weitere von ihren Wimpern und glitt langsam nach unten. Einem Impuls folgend, der tiefer saß als jeder rationale Gedanke, hob Yasmin die Hand und fing sie mit einem sanften Strich ihres Daumens ab. Warm und zart fühlte sie sich an, die Haut unter ihrer Fingerkuppe, ihrer Handfläche, als sie die halbkreisförmige Bewegung von Frau von Bredes Nasenflügel zu ihrem Ohrläppchen beschrieben, die vielleicht eine Sekunde dauerte, aber sich anfühlte wie eine wunderbare Ewigkeit.
Etwas wandelte sich in Frau von Bredes Gesicht – selbst die letzten Mauern schienen gefallen, und sie sah Yasmin an, als hätte sie sie nach langer vergeblicher Suche, entgegen aller Befürchtungen, gerade endlich gefunden.
„Sie haben etwas so viel Besseres verdient,“ sprach Yasmin leise in die Stille. Ihre Hand sank herab und strich auf ihrem Weg an Frau von Bredes Oberarm entlang.
„Yasmin…“ Frau von Brede seufzte. „Sie haben leicht reden.“
„Was soll denn das heißen?“
„Ab einem gewissen Alter kann man sich glücklich schätzen, wenn sich überhaupt irgendjemand für einen interessiert.“
Yasmin schnaubte empört. „So ein Unsinn!“
Frau von Brede lächelte milde. „Ich weiß, wovon ich rede.“
„Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass es vielleicht nicht die Fältchen sind, die bestimmte Leute abschrecken, sondern die Erfahrung, das Selbstbewusstsein, die Macht, die eine Frau hat, wenn sie nicht mehr Anfang/Mitte Zwanzig ist?“
Frau von Bredes Gesichtsausdruck zufolge hatte sie das noch nicht, und Yasmin verlieh ihrem Frust Ausdruck.
„Es ist so eine verdammte Ungerechtigkeit! Alle werden älter, aber bei Männern darf man es sehen, es ist sogar erstrebenswert, und bei Frauen soll jedes Anzeichen sofort überschminkt, gefärbt, gestrafft werden? Wer Frauen nur nach dem Aussehen beurteilt, hat sowieso noch ganz andere Probleme. Wir sind genauso Menschen, wir wachsen und lernen und altern, und das ist gut so! Die Attraktivität einer Person besteht aus soviel mehr als nur dem Äußeren… Sie zum Beispiel, Sie haben eine unfassbare Ausstrahlung, die Sicherheit, mit der Sie auftreten, und wie Sie ein Plädoyer halten, wie Sie eine Anklage in der Luft auseinandernehmen können, Sie haben einen tollen, manchmal zynischen Sinn für Humor, Sie wissen genau wie Sie bekommen, was Sie wollen, wie Sie mit Menschen umgehen müssen, Sie sind elegant und manchmal tollpatschig, was in Kombination wirklich niedlich ist, und das soll nicht heißen, dass Sie nicht auch gut aussehen, das tun Sie, und nicht nur wegen der teuren Klamotten. Haben Sie in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut? Also wirklich geschaut, und nicht nur nach Problemchen gesucht? Denn dann sollten Sie sehen, dass wer auch immer Sie an seiner Seite hat, sich sehr glücklich schätzen darf.“
Yasmin hielt fast atemlos inne, und begann zu realisieren, was sie da gerade alles aus sich hatte heraussprudeln lassen, und was es vielleicht über sie selbst verraten konnte. Aber es war nun mal die Wahrheit, und sie hatte es so satt, dass Frauen wie Ihre Chefin solche Komplexe entwickelten, nur weil irgendwelche reichen alten Säcke Geld mit ihrer Unsicherheit verdienen wollten, von der Kontrolle über ihr Leben und ihre Gedankenwelt mal ganz abgesehen.
Doch entgegen ihrer Befürchtungen schien Frau von Brede die Mauern nicht wieder hochgezogen zu haben – im Gegenteil. Sie sah Yasmin mit leicht geöffneten Lippen und großen Augen an, und schien ausnahmsweise mal sprachlos zu sein.
Yasmin lächelte über diesen ungewohnten Anblick, und die Tatsache, dass sie zumindest nicht mehr weinte. „Ich meine das ernst. Sie brauchen sich da wirklich keine Sorgen machen.“
Frau von Brede atmete tief und langsam aus. „Und Sie?“
Verdutzt hob Yasmin die Augenbrauen. „Ich?“
„Machen Sie sich nie Sorgen?“
Yasmin zögerte. Sicher machte sie sich Sorgen, vor allem wenn sie sich offensichtlich – schon wieder! – in eine Frau verliebt hatte, die wahrscheinlich doppelt so alt war wie sie, wahrscheinlich nicht an Frauen interessiert und aus noch ganz anderen Gründen außer Reichweite war, aber das konnte sie der entsprechenden Frau schlecht ins Gesicht sagen. In ihr wunderschönes, zartes Gesicht...
„Yasmin?“
Yasmin riss sich zusammen. „Es bringt nichts, sich Sorgen zu machen. Entweder man findet jemanden, man wird gefunden, oder eben nicht, aber darüber zu grübeln ändert rein gar nichts, es deprimiert einen nur.“
Frau von Brede nickte sanft. „Ja, da haben Sie wohl Recht. Es ist nur schon so lange her, dass ich…“
Yasmin fielen ein Dutzend unangemessene Weisen ein, diesen Satz zu beenden, doch dies war nicht der Moment für Sticheleien.
„Länger als meine vier Jahre?“
„Fast doppelt so lange,“ antwortete Frau von Brede mit einem leichten Lächeln. „Zumindest seitdem ich wirklich glücklich verliebt war.“
Yasmins Herz schlug schneller, als sie sich die nächsten Worte zurechtlegte. Nach all den Jahren war dieser Moment nicht einfacher geworden, schon gar nicht bei einem solchen Gegenüber.
„Meine letzte Freundin hat mir so das Herz gebrochen, dass ich danach eine ganze Zeit lang gar nichts von der Liebe wissen wollte.“
Die Worte brauchten einen Moment, bis sie ganz bei Frau von Brede angekommen waren, und Yasmin beobachtete mit Anspannung die Reaktion darauf – gefrorenes Lächeln, leicht geöffnete Lippen, mehrfaches Blinzeln. Ein rosa Schleier legte sich über ihre Wangen, und sie faltete die Hände im Schoß zusammen.
„Das – das tut mir Leid.“
Bemüht nonchalant zuckte Yasmin mit den Schultern. „Ich bin drüber hinweg.“
„Also…“ Frau von Brede stockte, und wurde noch etwas roter. „Mit meiner letzten Freundin bin ich tatsächlich noch befreundet, auch wenn ich sie nicht mehr so oft sehe, seit sie nach Berlin gezogen ist.“
Überrumpelt von dieser Offenbarung war es jetzt Yasmin, die wie eingefroren da saß, und deren gesamtes Hirn sich anfühlte, als würde es gerade neu verkabelt. Von einem Azubi.
„Nun schauen Sie mich nicht so an,“ lachte Frau von Brede, „sonst kriege ich wirklich noch Komplexe.“
„En- entschuldigung,“ brachte Yasmin hervor, und erwachte aus ihrer Schockstarre. Dass Frau von Brede auch Frauen mochte, hätte sie wirklich nicht gedacht – gehofft, sicher; gebetet, vielleicht. Plötzlich war ihr deutlich bewusst, wie nah sie immer noch beieinander saßen, wie sich ihre Knie fast berührten, und wie schön die blonden Haare vor der dunklen Welt da draußen leuchteten.
„Warum haben Sie das nie erwähnt?“
Frau von Brede zuckte mit den Schultern. „Es ist nie ein Thema gewesen. Und es ist doch für meine Arbeit völlig egal.“
Ja, aber für mich nicht, schrie Yasmins innere Stimme, doch sie ließ sie nicht nach draußen gelangen. Mit einem Seufzer lehnte sie sich gegen die Kissen, drehte sich dafür leicht weg von ihrer Chefin, und verschränkte die Arme, um ihre Hände ruhig zu halten.
„Was ist?“
„Dann verstehe ich Ihre Sorge noch viel weniger,“ sagte Yasmin, und suchte Frau von Bredes Blick. „Wenn Frauen eine Option sind, ich meine… wissen Sie, wie viele Lesben über Cate Blanchett den Verstand verlieren? Oder Meryl Streep? Corinna Harfouch? Adele Neuhauser? Frauen über 50, über 60, die von 20-jährigen angebetet werden, gerade weil sie älter sind, Charisma haben und Selbstvertrauen? Auch wenn sie nicht den sogenannten Schönheitsidealen entsprechen? Und das gilt nicht nur für Promis.“
Frau von Bredes Blick ruhte auf Yasmin, während sie das sagte, und nach einer Weile veränderte sich etwas darin, und Yasmin wurde warm.
„Sind Sie eine davon?“ Mit der letzten Silbe hob Frau von Brede ihre eine Augenbraue – eine Geste, bei der Yasmin immer ganz flau im Magen wurde vor lauter Schmetterlingen – und sah Yasmin etwas herausfordernd, etwas verspielt an.
Bildete sie sich das ein, oder könnte es wirklich sein…? Yasmin musste nicht lange überlegen, um die Herausforderung anzunehmen.
„Manchmal, ja,“ antwortete sie, das Kinn hoch und ihren Oberkörper leicht nach vorne gelehnt.
Frau von Brede hielt ihrem Blick stand, und lehnte sich nun ebenfalls ein Stück vor. „Mh.… Und welche von den Damen wäre Ihr Typ?“
„Mein Typ…,“ wiederholte Yasmin leise, und versankt fast in Frau von Bredes funkelnden Augen. „Ich würde sagen... blaue Augen wie ein Frühsommerhimmel, und blondes Haar, nicht zu kurz, nicht zu lang, ein starker Sinn für Gerechtigkeit, und die Sturheit, ihn auch durchzusetzen.“
Mit jedem Wort war der rosa Schimmer auf Frau von Bredes Wangen deutlicher hervorgetreten, und ihre Pupillen waren so geweitet, dass ihre Augen mehr zum Nachthimmel wurden, während sie nicht von ihrem Gegenüber wichen.
„Yasmin…“
Es war ein Flüstern, das Yasmin einen wohligen Schauer über den Rücken jagte, während ihr Herz hämmerte. Dann spürte sie Frau von Bredes Hand auf ihrer, und glaubte, sie würde implodieren.
„Frau von Brede…“
„Isa.“
„Isa.“ Yasmin lächelte, und hob ihre freie Hand, um eine Strähne blondes Haar hinter Isas Ohr zu streichen. Ein Ziehen durchzog ihren Unterleib, als sie Isa unter ihrer Berührung erbeben und sich auf die Unterlippe beißen sah. Yasmin rückte noch ein Stück näher, so nah, dass sie Isas Atem nicht nur hören, sondern auch spüren konnte.
„Darf ich?“
Isa nickte.
Yasmin lächelte, und senkte den Blick, bevor sie sich vorlehnte und sanft gegen Isas Lippen strich. Im nächsten Moment spürte sie Isas Hand in ihrem Nacken, und war überrascht von der Wucht, mit der Isa sie küsste, sie an sich drückte, überwältigt von dem Gefühl, als sich ihre Lippen teilten und sie Isa schmecken konnte. Yasmin legte einen Arm um sie, vergrub ihre Hand in Isas Haaren, und spürte das Echo von Isas kleinem Stöhnen wie einen elektrischen Schlag. Isas Hand wanderte über Yasmins Rücken nach unten, und hinterließ eine Spur von Gänsehaut, als sie ihre Taille umfasste, und langsam weiter nach oben glitt.
Pfiffe und Johlen rissen die beiden sehr plötzlich zurück in die Realität. Isa, wunderschön errötet und leicht zerzaust, sah sie verdutzt an, dann wandte Yasmin den Blick hinter sie, nach draußen, wo ein paar halbstarke Typen standen, die sie anlachten. Yasmin packte eine ungeheure Wut, und bevor sie nachdenken konnte, sprang sie auf und stürmte zur Tür heraus. Doch die Jungs waren wohl mehr halb als stark, und hatten die Flucht ergriffen, sodass Yasmins Beleidigungen ihnen nur hinterher hallten.
Von der kalten Nachtluft abgekühlt, aber immer noch wütend, stapfte Yasmin die Paar Schritte zurück in die Kanzlei. „Was für Wichser,“ fluchte sie, als sie die Tür hinter sich schloss. Doch ihre Wut wurde von etwas anderem überlagert, als sie Frau von – als sie Isa sah, den Kopf in den Händen. Yasmin ging vor ihr in die Hocke und legte ihr eine Hand auf das Knie.
„Das waren nur ein paar Idioten, die sich aufspielen wollten.“
Isa schüttelte leicht mit dem Kopf. „Das ist es nicht,“ sagte sie mit belegter Stimme, und schniefte.
Yasmin fühlte einen schweren Stein auf ihren Schultern. „Weinst du?“
Die Stille sprach für sich, und Yasmin suchte nach Worten. „Hey. Isa.“ Vorsichtig legte sie ihre Hände über Isas, und war erleichtert, dass sie sie wegnehmen ließ. „Was ist los?“
Isa wischte sich die frischen Tränen weg, und atmete tief durch. „Erst lasse ich mich von einem Kriminellen einspannen, sämtliche Berufsregeln zu brechen und meine Existenz zu riskieren und jetzt vergreife ich mich zur Krönung noch an meiner Assistentin…“
„Von Vergreifen kann ja wohl keine Rede sein,“ hielt Yasmin entschieden dagegen. „Da wüsste ich mich schon zu wehren. Aber wie du gemerkt hast, war das nicht der Fall. Im Gegenteil.“
Isa sah sie mit ihren schimmernden Augen an, und Yasmin konnte nicht anders, als sanft zu lächeln.
„Du bist sogar schön, wenn du verheult bist.“
Immerhin ein kleines Auflachen. Isa streckte die Hände auf, und zog Yasmin zu sich auf die Fensterbank.
„Ich will nichts davon hören, dass das ein Fehler war.“
„Das war es nicht,“ bestätigte Isa nach einem Moment, und lächelte. „Das war vielleicht das einzige, was ich heute richtig gemacht habe.“
„Gut.“ Yasmin spürte, dass sie strahlte, aber sie konnte, sie wollte es nicht unterdrücken.
„Auch wenn ich noch nicht weiß, was das genau bedeutet.“ Isa konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. „Ich bin immer noch deine Chefin.“
„Das diskutieren wir aber nicht jetzt aus.“
„Ich würde lieber darüber diskutieren, als die Akten im Fall Langer abzuschließen.“
„Das willst du doch nicht ernsthaft jetzt noch machen?“
Isa sah sie an, als verstünde sie die Frage nicht.
„Du gehst jetzt nach Hause, und wenn ich dich persönlich hinbringen muss.“
„Okay,“ sagte Isa, der Anflug eines Lächelns auf den Lippen, die Yasmin eben noch geküsst hatte.
„Okay? Das war verdächtig einfach.“
„Wenn du mich nach Hause bringst, wie soll ich da nein sagen?“ Isa legte ihr eine Hand auf die Wange, und hielt den Blickkontakt, bis sie ganz dicht vor ihr war. Dann küsste sie Yasmin.
Die Kanzlei war schnell abgeschlossen, und auch der Weg zu Isas Wohnung war ihn ihrem schwarzen Sportcabrio eine Sache von vielleicht zehn Minuten. Yasmin saß auf dem Beifahrersitz und bemühte sich, nicht zu oft und nicht zu offensichtlich Isa anzustarren, die am Steuer und im spärlichen Licht des Wagens unerhört attraktiv aussah.
Isa parkte vor einem mehrstöckigen Altbau mit Stuckgiebeln über den Fenstern und kleinen Balkonen an der kurzen Eckseite, und Yasmin fragte sich, welcher wohl zu ihrer Wohnung gehörte. Mit ihrer Aktentasche in der Hand ging Isa voraus, und Yasmin folgte ihr, immer noch leicht ungläubig, dass das hier wirklich passierte, dass sie gleich bei Isa zu Hause sein würde. Eine breite Treppe führte sie in den zweiten Stock, wo Isa stehen blieb und die weiße Holztür mit kleinem, verspielten Milchglasfenster aufschloss.
„Komm rein,“ sagte sie leise, und hielt Yasmin die Tür auf. „Aber es ist nicht aufgeräumt.“
Yasmin hob vielsagend die Augenbrauen, bevor sie sich die Schuhe auszog. Sie würde jede Wette eingehen, dass Isas Definition von ‚nicht aufgeräumt‘ bei Yasmin vielleicht zweimal im Jahr erfüllt wurde, wenn sie einen besonders schlimmen Putzanfall bekam. Es roch zumindest perfekt, nach Holz und Vanille und Isa.
Kaum hatte sie das Wohnzimmer betreten, bliebt Yasmins Blick an einem Bild hängen – eine minimalistische, stilisierte Zeichnung einer nackten Frau in feinen schwarzen Linien auf weißem Hintergrund – und sie lächelte. Hätte sie das mal vorher gesehen, das hätte zumindest eine Frage beantwortet. Aber Isa war nicht der Typ, der leichtfertig jemanden in ihr Privatleben ließ. Umso mehr fühlte Yasmin sich geehrt, und hielt ihre Neugier ein bisschen im Zaum.
„Möchtest du was trinken?“ riss Isas Stimme sie aus ihren Gedanken. „Ich hätte Wein da, oder ich könnte uns einen Tee machen?“
„Ein Tee wäre mir lieber,“ sagte Yasmin, und beobachtete vom Türrahmen aus Isa in der geräumigen Küche, wie sie den Wasserkocher anstellte. „Deine Wohnung ist hübsch.“
„Danke.“
Yasmin ging ein paar Schritte auf Isa zu, und konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen. „Aber nicht so hübsch wie du.“
Isa lächelte sie schelmisch an. „Wenn du meinst.“
„Meine ich.“
Der pfeifende Wasserkocher unterbrach die beiden, und Isa goss eine kleine Kanne Kräutertee auf. Sie stellte die beiden Tassen auf ein Tablett und bedeute Yasmin, ihr zu folgen. Auf dem großen, dunkelgrünen Sofa nahmen sie Platz, und redeten über alles und nichts, bis der Tee irgendwann alle war, und Yasmin auf die Uhr schaute.
„Ich sollte dann wohl mal los, sonst komme ich gar nicht mehr nach Hause.“
Isa legte ihre eine Hand auf den Arm. „Du könntest… hier bleiben. Also nur wenn du möchtest.“
Yasmin wurde warm, noch wärmer als ohnehin von dem ganzen Tee, und Isas Hand auf ihrer Haut. „Aber ich habe gar nichts dabei.“
„Ich habe immer ein paar Zahnbürsten im Schrank, und einen Pyjama kann ich dir auch geben.“
„Sag nicht, du hast auch noch ein Gästezimmer.“
„Nein, das nicht,“ antwortete Isa mit leicht höherer Stimme, und beeilte sich, anzubieten: „Ich kann auch hier auf dem Sofa schlafen, du musst nicht, du musst überhaupt nichts-“
„Isa,“ unterbrach Yasmin sie, „So war das doch nicht gemeint. Denkst du, ich habe Angst, du würdest über mich herfallen, nur weil wir in einem Bett schlafen?“
„Vielleicht ist es dir ja zu viel, das alles.“
Yasmin schüttelte langsam den Kopf. „Du möchtest, dass ich bleibe, oder?“
„Ja,“ gab Isa leise zu, „ich wäre lieber nicht allein.“
„Natürlich bleibe ich,“ versicherte Yasmin, und legte eine Hand auf Isas. „Und wenn du doch über mich herfallen möchtest, tu dir bitte keinen Zwang an.“ Sie zwinkerte.
Yasmin bekam einen eleganten, dunkelblauen Pyjama mit langen Ärmeln und Beinen, dessen weicher Stoff sich sehr angenehm auf ihrer Haut anfühlte, und sie versuchte nicht zu genau darüber nachzudenken, dass er sonst von Isa getragen wurde. Sie wusste ohnehin nicht, wie sie so einfach schlafen sollte, in Isas Bett, neben Isa, die sie vor ein paar Stunden noch gesiezt und für unerreichbar gehalten hatte, und wenn sie noch so müde war. Ihr Herz schlug schon schneller, als sie schließlich das Bad verließ, und mit nackten Füßen übers Parkett in Richtung der halboffenen Schlafzimmertür ging, doch als sie dann Isa sah, schlug es noch ein bisschen heftiger.
Isa hatte sich auch umgezogen, saß schon auf dem Bett und sah unglaublich süß in dem rosa Pyjama aus, ungeschminkt und müde und bezaubernd. Yasmin zog die Tür hinter sich zu, lächelte Isa an, die sie einmal von oben nach unten anschaute, und nahm auf der Bettkante Platz.
„Er passt perfekt,“ stellte Isa fest, und lächelte ihr zu. „Bist du soweit?“
„Ja.“ Yasmin schlüpfte unter die Decke. Isa dämmte das Licht auf ein Minimum, dann legte sie sich auch hin und schaute Yasmin liebevoll an. Yasmin streckte eine Hand über die kurze Distanz zwischen den beiden, und fuhr sanft durch Isas Haar.
„Danke, dass du dageblieben bist – vorhin, und auch jetzt.“ Isa nahm Yasmins Hand in ihre, brachte sie vor ihr Gesicht und gab ihr einen Kuss auf den Handrücken. Yasmin hörte selbst, wie sie scharf einatmete, und Isa lächelte sie an. Dann tat sie es nochmal.
„Ich werde zu dir halten, egal was passiert,“ sagte Yasmin leise, bevor sie ein Stückchen vorrutschte, um Isa einen Kuss zu geben. Isa küsste sie sanft zurück, legte einen Arm um sie und zog sie noch ein bisschen näher an sich heran. Yasmin umfasste sie ebenfalls mit einem Arm, ließ ihre Hand auf Isas Rücken ruhen, und lächelte. Sie konnte ihren Herzschlag spüren.
„Kann ich das Licht ausmachen?“ fragte Isa, ein Gähnen unterdrückend.
„Sicher.“ Yasmin hätte sie gern noch länger betrachtet, doch Isa brauchte den Schlaf, und morgen war auch noch ein Tag.
Isa drehte sich kurz um, und der Raum wurde komplett dunkel. Dann schmiegte sie sich zurück in Yasmins Arme, die sie glücklich aufnahmen, und sie hielten, bis sie eingeschlafen war.
