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Joel öffnete die Augen. Alles war dunkel, also noch nicht morgens, stimmt, sein Wecker klingelte ja auch noch nicht. Colin und Noah schliefen, das konnte er anhand ihres gleichmäßigen Atmens hören. Gut, es war ja auch -er schaute auf seine Armbanduhr, die auf dem Nachttisch lag- 2:55 Uhr. Und morgen, ach ne, heute war Dienstag, also Schule.
Komisch eigentlich, sonst wachte er nachts nie auf, dafür machte er ja seine Sportroutine. Egal, warum dachte er überhaupt darüber nach, er sollte einfach wieder einschlafen..
Er schloss die Augen, aber plötzlich war ihm, als wäre da ein Leuchten. Ein neon grünes Leuchten.
Geistesabwesend hielt Joel sich sein Kissen vors Gesicht, aber irgendwann hielt er es einfach nicht mehr aus und riss die Augen auf.
Nur um.. nichts zu sehen. Das Licht war weg, vielleicht hatte er es sich auch nur eingebildet.
Aber als er die Augen wieder schließen wollte, sah er es nun wirklich vor sich. Von draußen kam ein grünes Leuchten, da war er sich sicher, denn es war immer noch da, nachdem er sich ungefähr fünf mal die Augen gerieben hatte. Und das hier war auch kein Traum, denn er konnte seine Uhr klar und deutlich sehen und er hatte alle seine zehn Finger. Diese Tipps hatte er irgendwann mal in einem Blog-Eintrag gelesen, aber er erinnerte sich grundsätzlich nie an Träume, deswegen waren die einzigen Situationen, in denen er das alles anwenden konnte, solche, in denen er sich wünschen würde, zu träumen, es aber offensichtlich nicht tat.
Kurz überlegte er, Noah oder Colin zu wecken, aber er entschied sich in weiser Voraussicht dagegen, die beiden brauchten ihren Schlaf. Also stand er auf und schlich vorsichtig zum Fenster, den Blick noch immer auf das merkwürdige Leuchten gerichtet. Es flackerte.
Nie im Leben bekam das hier niemand mit, dafür war es zu hell.
Aber was konnte das sein? Irgendwelche Schüler:innen, die etwas für ein Projekt bastelten? Dafür war es definitiv zu spät, das hätte Frau Schiller rechtzeitig unterbunden. Joel fasste sich ein Herz und öffnete das Fenster.
Nur leider bedachte er dabei nicht, dass noch eine Flasche seiner Fenchellimo auf dem Fensterbrett stand und fegte diese schwungvoll zu Boden.
Er war schon mitten in seiner Entschuldigung an Colin und Noah, die jetzt bestimmt wach waren, sodass er nicht bemerkte, was eigentlich passiert war, bis das Licht heller wurde.
Die Flasche.. leuchtete und SCHWEBTE??! Sie war nicht am Boden zerplatzt und seine Mitbewohner waren auch nicht wach. Im Gegenteil, sie schienen fester zu schlafen als je zuvor, denn sie waren offensichtlich nicht mal von Joels lautstarker Entschuldigung geweckt worden.
Jetzt bekam er ein wenig Angst, was war das hier? Er schaute nervös auf seine Armbanduhr, die er hastig angelegt hatte. 2:55 Uhr.
Warte, 2:55 Uhr?? Das war es doch schon vor schätzungsweise 5 Minuten gewesen, seine Uhr musste kaputt sein, schade um das schöne Ding. Auch wenn er versuchte, sich einzureden, dass alles normal war, merkte Joel, wie sich auf seiner Stirn Schweißperlen bildeten. Ein kalter Luftzug kam zum Fenster herein, er sah, dass es nach wie vor offen war. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
“Nesrin, Annika? Ihr könnt aufhören, mich zu verarschen, ich habs kapiert!” rief er in die stille Nacht hinein, so als wäre er sich ganz sicher. Zu seinem Befürchten kam gar nichts, kein Kichern, einfach überhaupt nichts und Colin und Noah lagen immer noch seelenruhig in ihren Betten, so als wäre alles normal und sie würden ihn nicht hören.
Jetzt war ihm der Schlaf seiner Zimmernachbarn auch egal, das hier war ein Notfall, er wusste zwar noch nicht so wirklich, was für einer, aber definitiv ein Notfall! Joel ging zu Colins Bett und versuchte, diesen zu wecken, er würde sich wahrscheinlich weniger darüber aufregen, als Noah.
“Hey, Colin. Aufwachen! Wach auf!” Nichts. Joel schnippte noch ein paar Mal vor seinem Gesicht und rüttelte an seinen Schultern, bis er letztendlich aufgab. Bei Noah das Gleiche.
Das hier war ganz sicher ein böser Traum, dachte er sich und machte sich auf, einfach wieder ins Bett zu gehen, aber erst, nachdem er sicher war, dass Noah und Colin atmeten.
Doch bevor er das noch immer geöffnete Fenster schließen konnte, hörte er eine piepsige, fast schon unecht klingende Stimme.
“Hey! Mach mal das Fenster auf.”
Obwohl alles, was er an gesundem Menschenverstand hatte, dagegen sprach, der Anweisung zu folgen, machte Joels Körper sich selbständig und lehnte sich aus dem geöffneten Fenster. Tja, das war ein Fehler.
Ehe er sichs versah wurde er wie von einer Hand hinten am Kragen gepackt und aus dem Fenster gezogen. Er schrie um Hilfe, aber nichts und niemand konnte ihn hören. Das einzige, was er zur Verteidigung bei sich hatte, war die Limoflasche, die eben noch gerettet worden war.
Als er seinen Blick nach unten wandern ließ, dachte er felsenfest, dass es jetzt endgültig vorbei war. Morgen würden sie ihn irgendwo am Boden finden, oder sie würden ihn nie finden und er würde jetzt verschleppt werden.
Wäre es ihm jetzt möglich, logisch zu denken, hätte er 20m über der Erde wahrscheinlich weniger gezappelt, aber glücklicherweise, wenn man das denn so nennen konnte, hielt die Fremde Macht ihn fest in der Luft, bis plötzlich etwas auftauchte, dem Joel schon lange abgeschworen hatte.
Ein UFO. Ein originales 60er Jahre mäßiges, untertassenförmiges unbekanntes Flugobjekt.
Das würde ihm niemand, wirklich niemand glauben.
Also vorausgesetzt, er hätte die Möglichkeit, es überhaupt irgendwem zu erzählen.
Das metallene Dings öffnete eine Klappe an der Unterseite und Joel wurde langsam hineingezogen. Kurz bevor er drin war, wurde ihm schwarz vor Augen. Ohnmächtigsein dauert immer entweder wenige Sekunden, oder mehrere Stunden. Als er wieder erwachte, konnte er beim besten Willen nicht sagen, was gerade zutraf.
Was er dagegen sagen konnte, war, dass er panisch war und sofort hier raus musste. Vergeblich versuchte er, sich zu bewegen, zu schreien, irgendwas. Langsam öffnete er seine Augen, die er bis jetzt zugekniffen hatte, in der Hoffnung, er würde jetzt einfach in seinem Bett liegen.
Leider falsch gedacht. Vor ihm war eine metallene Einrichtung, alles sah so aus wie diese US-amerikanischen Kühlschränke. Wie high-tech, aber so, wie man sich das vor 50 Jahren vorgestellt hatte. Wie eine Filmset.
Warte.
“NOAH?“
Keine Antwort.
Er traute Noah einiges zu, aber das hier war wohl leider selbst für ihn zu krass. Anstelle von Noah kam etwas auf ihn zu, oder eher jemand. Sie sah aus, wie eine stinknormale, menschliche, mittelalte Frau, die Joel noch nie gesehen hatte.
Doch als sie anfing zu reden, merkte er, dass sie definitiv kein Mensch war, denn obwohl ihre Lippen sich nicht bewegten, wusste er, dass das Gesagte, das gerade in seinem Kopf abgespielt wurde, von ihr kam.
“Joel Lucas. Ich hoffe, du kannst mich hören.“ Wie auf Kommando nickte er.
“Wir sind hier, um Informationen zu erlangen. Ich spreche zu dir in einer Scheingestalt, die deiner Spezies ähnelt, da meine Wirkliche dich zu sehr aufwühlen könnte.“
Joels Hirn schaltete auf Durchzug.
“Warum ich?“ war das Einzige, das er herausbekam.
Plötzlich wurde er wieder hochgezogen, er lag ja noch am Boden, und auf einen Stuhl gesetzt. Seine Hand krampfte, er hatte die Fenchellimoflasche immer noch fest umklammert.
“Wir haben uns diese Gegend angeschaut und du schienst geeignet.“ gab das Wesen mit seiner hallenden Stimme nichtssagenden zurück.
“Und, ihr tut mir sicher nichts?“ fragte Joel, dem diese Möglichkeit, zu seinem psychischen Nachteil, gerade erst in den Sinn kam. Doch die Kreatur verneinte.
Also, nicht, dass das etwas heißen würde, aber er hoffte einfach mal, dass diese Aliens ehrlich waren. Ihm blieb ja sowieso nichts anderes übrig.
“Keine Angst, du darfst zurückkehren, sobald wir alles erledigt haben.“ Was dieses “alles“ war, wurde ihm aber nicht verraten. Joel merkte, dass er zur altbekannten Schnappatmung überging und versuchte gleich darauf, diese zu verlangsamen, was ihm nicht besonders gut gelang.
“Bleib ruhig, wir benötigen nur einige Daten und vielleicht ein paar Dinge aus deiner Schule.“
“Was für Dinge?“ Für diese Aliens etwas vom Einstein klauen, würde er ganz sicher nicht.
“Ach, alles, was du irgendwie bekommen kannst. Am informativsten für uns wären Verbrauchsgegenstände.“
Joel nickte.
Er entspannte seine rechte Hand ein wenig, so viel Druck war definitiv nicht nötig, um eine Flasche zu halten.
Verbrauchsgegenstände… warte mal.
Er versuchte reflexmäßig aufzustehen, was nicht klappte, aber davon ließ er sich nicht beirren.
Stattdessen setzte er immer noch leicht zitternd zum Verkaufsgespräch an.
“Was wäre, wenn ich euch die Lösung für all eure Probleme präsentieren könnte, wenn ihr nur durch einen Geniestreich alle Informationen über die Gewohnheiten der Menschen bekommen könntet?“
Er machte eine Kunstpause, die das Alien offensichtlich als Anweisung, ihm zu antworten, sah.
“Das wäre sehr vorteilhaft.“
“Genau richtig! Und dann könnt ihr einfach friedlich wieder gehen.“
Das Alien nickte zustimmend, diese Gewohnheit hatte es sich offensichtlich von ihm angeschaut.
“Ich präsentiere euch.“ Er nahm die Flasche hinter seinem Rücken hervor.
“Fenchellimo!“
Mit ein paar Special-Effects wäre das besser gewesen, aber man tut, was man kann.
Das Alien verzog keine Miene, also redete er weiter.
“Dieses Getränk verkörpert DAS Lebensgefühl der menschlichen Spezies. Man könnte fast schon sagen, wenn man das trinkt, weiß man alles, was man wissen muss und kann getrost wieder gehen.“
“Trinken das die Menschen?“ fragte es.
“Na klar, sie brauchen das, um zu überleben.“ Ein kleines bisschen Übertreiben konnte auch nicht schaden, außerdem stimmte das zumindest im Entferntesten Sinne.
Das Alien wollte nach der Flasche in Joels Hand greifen, doch er zog sie zurück.
“Wenn ihr mich hier rauslasst bekommt ihr sogar zwei volle Flaschen. Dann könnt ihr wieder auf euren Planeten und habt alles, was ihr von der Erde braucht.“ Er versuchte, so zuversichtlich wie möglich zu klingen und hoffte, das Alien merkte ihm seine Unsicherheit nicht an.
“Zwei?“ fragte es, was Joel als Handelsversuch ansah.
“Okay, wenn ihr mich jetzt gleich gehen lasst, gebe ich euch sogar drei Stück mit!“
Das Alien schien zu überlegen, nickte dann aber zaghaft. Sofort merkte Joel, wie sich das Raumschiff, in dem er hier saß, bewegte.
Ohne es zu wollen, schloss er die Augen. Er fühlte sich einfach nur hundemüde.
Das nächste, an das er sich erinnern konnte, war das Gefühl seines weichen Bettes, auf dem er jetzt wieder lag. Und Colins Stimme.
“Joel? Alles gut? Du hast deinen Wecker nicht gehört.“
Er musste gähnen.
“Ich.. hab nur was komisches geträumt.“
Colin nickte leicht verwirrt und bemerkte mit einem Blick auf die Uhr: “Mach dich schnell fertig, der Unterricht fängt gleich an.“
Joel fühlte sich, als hätte er überhaupt nicht geschlafen und quälte sich aus dem Bett.
Kurz bevor er das Zimmer verließ, nahm er sich noch vor, ein paar Flaschen Fenchellimo mitzunehmen, vielleicht erkannten seine Klassenkamerad:innen heute die schiere Genialität dieses Getränks.
Hm, merkwürdig. Fehlten da ein paar Flaschen, oder waren Noah und Colin auf einmal Fans seiner Limo geworden?
