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Ein Rezeptionsdrama in vier Akten

Summary:

Adams Job an der Hotelrezeption ist einfach: Er lächelt, checkt Gäste ein und lässt sich von Pia beim Kartenspielen abziehen. Als eine Gruppe von der Mordkommission eincheckt, ahnt er noch nichts Böses. Aber Leo Hölzer verdreht ihm den Kopf von vorne bis hinten. Und dabei mag er doch eigentlich gar keine Bullen.

Trotzdem schafft er es in Leos Anwesenheit nicht, wie ein normaler Mensch zu handeln. Während er lernen muss, mit den Blamagen umzugehen, amüsiert Pia sich wunderbar. Und vielleicht findet er ja auch noch heraus, warum Leo ihm so verdammt bekannt vorkommt?

Notes:

disclaimer: ich habe keine ahnung davon, wie hotels funktionieren, das ist alles frei erfunden damit adam und leo das machen, was ich will >:)

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

“Warum bist du nass, Adam?”

Pias Stimme war das, was Adam gerade nicht hören wollte. Eigentlich wollte er gerade gar nichts hören. Eigentlich wollte er, dass der Boden unter ihm aufging und er einfach darin versinken konnte.

Also ließ er den Kopf auf den Tisch der Rezeption fallen und stöhnte auf, so leidend, dass Pia ihm nur auf die Schulter klopfte und dann in Ruhe ließ. Er war sich sicher, dass sie die Stellung auch ohne ihn halten konnte, zumindest bis er darüber hinweg war, dass er sich gerade die Blamage des Jahrhunderts geleistet hatte. 

Und dabei hatte der Tag doch so gut angefangen.

Es war ein wirklich angenehmer, frühsommerlicher Tag gewesen. Nicht zu warm, aber gerade warm genug, dass die meisten Gäste es vorgezogen hatten, ihren Tag draußen zu verbringen. Die Vögel zwitschern, die Sonne schien und er war in einer selten guten Laune. 

Außerdem, je leerer das Hotel, desto besser, dann konnten er und Pia nämlich Karten spielen und die Arbeit fühlte sich gar nicht so schlimm an. 

Eigentlich war die Arbeit an der Hotelrezeption auch gar nicht schlecht. Er hatte feste Arbeitszeiten, wurde pünktlich bezahlt, und meistens bekam er von der Küche auch noch gutes Essen. Adam hatte wirklich schon schlechtere Arbeitsbedingungen gehabt. Und seine Kollegen waren auch nett- oder zumindest freundlich genug. 

Besonders an solchen Tagen wie heute, wo die Gäste aufgrund des guten Wetters gute Laune hatten, er wenig zu tun hatte und die Stimmung einen fast schon sommerlichen Flair hatte, fand er es gar nicht schlimm, den ganzen Tag an der Rezeption zu sitzen. 

Normalerweise waren ihre Gäste meistens Familien oder Schulklassen- Wer sonst fuhr auch an den Arsch der Welt, wo die einzigen Attraktionen weit und breit ein Badesee und die Wanderwege im Wald waren? 

Aber heute hatte direkt in der Früh eine ganze Gruppe an Bullen eingecheckt. Also, laut ihnen waren sie keine Bullen, sondern von der Kripo, genauer gesagt von der Mordkommission. Für Adam war das eigentlich alles der gleiche Scheiß, der ihn absolut nicht interessierte. 

Er mochte keine Bullen und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Pia auch nicht. Adam fragte sie nicht, was sie durch die Nächte trieb und sie fragte ihn nicht, warum er nie von früher erzählte.

Aber sie waren seine Gäste und deswegen lächelte er nett, während Pia sie eincheckte, fragte nach dem Grund für ihren Aufenthalt (eine Schulung mit Teambildungsmaßnahmen) und wies sie darauf hin, bei Fragen immer gerne auf ihn zuzukommen. Und damit dachte er, sei das ganze erledigt und er würde sie nur noch zu Essenszeiten sehen.

Oh, wie falsch er lag.

Und jetzt saß er hier mit seinem billigen Anzug und triefte die Rezeption voll, und Pia konnte ihr Lachen hinter ihrem mitleidigen Blick nur mehr schlecht als Recht verstecken. 

“Halt einfach die Fresse, Pia, das ist nicht witzig.”

Und alles nur wegen diesem beschissenen Bullen, der einfach nicht in der Lage war, normal in einem Hotel einzuchecken. Und dabei leider auch verdammt gut ausgesehen hatte.

 

“Störe ich?”

Adam wollte ja sagen, einfach aus Prinzip. Eigentlich hatte er nichts wirklich wichtiges zu tun, und hatte es sich gerade gemütlich gemacht für sein tägliches Doomscrolling. Aber wenn ein Gast fragte, wollte er manchmal ja sagen, nur um ihn zappeln zu lassen.

Stattdessen setzte er ein gezwungenes Lächeln auf, legte sein Handy beiseite und schaute direkt in das Gesicht des attraktivsten Bullens, den er je gesehen hatte. 

“Wie kann ich ihnen helfen?”

"Ich bin im Zimmer 20. Irgendwie funktioniert bei mir weder die Elektrizität noch das Warmwasser? Könnten Sie sich das vielleicht mal anschauen?”

Er konnte sich auch was ganz anderes anschauen, schoss Adam durch den Kopf, als er den Mann vor ihm musterte. Das grüne Shirt, das er trug, saß beinahe sündhaft eng und betonte genau die richtigen Stellen und am Ende war Adam ja auch nur ein Mann. (Auch wenn er nicht auf Bullen stand- einfach aus Prinzip).

“Ich bin Leo. Falls… Falls Sie die Info brauchen”

Er hatte gestarrt. Scheiße. 

“Ähh danke Leo. Gerne können wir mal schauen, was mit deinem Zimmer nicht stimmt. Wir sind auch nicht ausgebucht, notfalls quartieren wir dich einfach um. Momentan ist noch nicht so viel los” 

Und das hatte er vor, wirklich. Er war weder Elektriker noch sonst eine Art von Hausmeister und wurde definitiv nicht genug bezahlt, um Hobby-Handwerker zu spielen. Nein, er würde kurz in Leos Zimmer gehen, nicken, und ihm dann eines der freien Zimmer geben. Er würde sich nochmal entschuldigen, dem Hausmeister Bescheid geben und dann würde er versuchen, zu vergessen, wie gut Leos Hose seinen Arsch betonte.

Und vielleicht würde er auch herausfinden, warum Leo ihm so bekannt vorkam. 

Das war, bevor er Leos Zimmertür aufgeschlossen und die Keycard eingesteckt hatte, um den Strom zu aktivieren. 

Das Quieken, dass Leo entwichen war, und die fast resignierte Art, wie er die Augen für eine Sekunde länger als nötig geschlossen hielt, sprachen schon für sich.

Er hatte wohl die Keycard nicht eingesteckt. Es war der einfachste Fehler, den ein Gast machen konnte. Und einen, den er nicht von einem Bullen erwartet hatte. War ja aber irgendwie klar gewesen, dass der nicht einmal so etwas simples hinbekam. Und trotzdem konnte er es Leo nicht wirklich übel nehmen. 

“Nicht so oft in Hotels unterwegs, Herr Kommissar?”, fragte Adam lachend und zwinkerte dem Mann vor ihm zu. Dem war das ganze sichtbar unangenehm, und seine Ohren hatten eine niedliche Röte angenommen. 

“Jetzt sollte sogar das Wasser warm werden. Ich überprüfe das noch schnell, aber wenn das alles war, brauchen wir dich nicht einmal umzuquartieren”

Und dann stellte er sich unter die Dusche und drehte das Wasser auf. In seinem Anzug.  

 

Nicht sein klügster Schachzug. 

Adam hatte keine Erklärung. Er konnte sich nicht mal verteidigen. Es war so absolut hirnrissig dumm gewesen. Was war er denn, ein hormongesteuerter Teenager, der beim Anblick eines heißen Mannes seine komplette Selbstbeherrschung verlor? Allem Anschein nach, ja. 

Und jetzt saß er hier triefend nass an der Rezeption und Pia konnte ihr Lachen nicht mehr verstecken. Und egal, wie finster er sie anstarrte, er konnte sie ja verstehen. Er war einfach ein absoluter Idiot, und wäre er an ihrer Stelle, würde er auch lachen. 

“Schürki hat sich verguckt und das ausgerechnet in nen Bullen… Ich kanns echt nicht glauben”, schnaubte sie und schüttelte den Kopf. 

Das wars. Keine Hörnchen mehr für Pia. Die durfte sie sich jetzt schön selber kaufen, obwohl er viel näher am Bäcker wohnte. Das Privileg hatte sie sich jetzt ein für alle Mal verspielt.

“Ich hab mich nicht einmal vorgestellt”

Pia lachte nur und Adam ließ seinen Kopf wieder fallen. 


 “Wie kann ich dir helfen, Leo?”

Da stand er schon wieder mit einem leicht schuldbewussten Grinsen auf dem Gesicht. Diesmal trug er ein weißes Shirt, und Adam musste sich zusammenreißen, um nicht zu starren. Das war ja aber auch wirklich unfair. 

“Habt ihr zufällig einen Verbandskasten? Oder zumindestens Pflaster?”

“Ja klar. Was ist denn passiert?” 

Adam verließ seinen Platz hinter der Rezeption und warf Pia, die ihn mit großen Augen anstarrte, nur einen bösen Blick zu. Daraufhin versicherte sie ihm nur, sie würde seinen Teil übernehmen, aber ihr Blick sprach Bände. Soll sie sich doch denken, was sie will, war ihm doch egal. 

“Ne Kollegin hat den Teambuilding-Kram ein bisschen zu ernst genommen und hat sich den Finger ziemlich böse geschnitten. Nichts ernstes, aber verarzten sollten wir es trotzdem”

“Ja, da finden wir sicher was, wir müssen nur gerade zum Werkraum rüber”

Der Weg war nicht weit, eigentlich nur einmal den Flur runter und dann durch die “Nur für Personal”-Tür. Die gesamte Zeit konnte er fühlen, wie Leo ihn anstarrte und nichts sagte. Kurz wunderte er sich, ob er etwas im Gesicht hatte. Aber dann waren sie am Werkraum angekommen und Adam hatte ein ganz anderes Problem. 

Die Tür war kaputt. Also nicht die Tür, sondern das Schloss. Wie es dazu gekommen war, blieb lieber zwischen ihm und Pia und einer Flasche Alkohol, aber ihr Chef wusste nichts davon und so sollte es auch bleiben. Und sie wollten sich auch um die Reparatur kümmern- wirklich. Es gab nur andere Dinge, die sie erst machen mussten, und so oft mussten sie den Raum auch nicht öffnen. 

Und jetzt stand er hier, vor diesem verdammt gut aussehenden Bullen, und kriegte diese beschissene Tür nicht auf. Konnte er sich nicht noch mehr blamieren? 

“Die Tür klemmt”

Ah, er spielte mal wieder Captain Obvious. Na super. Das mit dem intelligenten Antworten hatte er anscheinend auch verlernt. Und diese blöde Tür ging immer noch nicht auf.

“Ach wirklich?”, meinte Leo nur belustigt. 

“Wir hatten noch nicht die Zeit, sie reparieren zu lassen”, murmelte Adam und wandte sich wieder der Tür zu. Wie auch immer dieses blöde Ding sich verkantet hatte, gehörte ja auch verboten. Aber er konnte nicht mehr tun, als mit dem Schlüssel herumzustochern und die Klinke zu rütteln, bis es irgendwann klickte. 

“Sag mal, kennen wir uns von irgendwo her?”

“An dich würd ich mich aber erinnern”, antwortete Adam gedankenverloren, während er immer noch versuchte, die Tür aufzuschließen. 

Das wollte er eigentlich nicht sagen. Gott sei Dank öffnete sich in dem Moment aber endlich die Tür und er gab Leo noch kurz ein Zeichen, dass dieser warten solle, bevor er im Raum verschwand. Das Chaos, dass hier herrschte, war zugegebenermaßen selbst verursacht und brach wahrscheinlich zehn Sicherheitsvorschriften, aber jetzt war es nun mal so.

Hätte ja niemand ahnen können, dass sie den Verbandskasten vor der Klassenfahrt-Saison wirklich brauchten. Es dauerte länger als ihm lieb war, den ganzen Krimskrams beiseite zu schieben, aber irgendwann hatte er es dann soweit und hielt den kleinen Kasten in der Hand. 

Es gab ihm genug Zeit, einmal durchzuatmen. 

Leo schaffte es, ihn aus dem Konzept zu bringen, wie niemand sonst. Es machte Adam fertig. Er kannte sich so nicht, und er war sich nicht sicher, ob das gut war. Aber was auch immer auf ihn zukam, er würde sich dem stellen- er brauchte nur mut . Also öffnete er die Augen und ging wieder zurück zu Leo in den Flur.

Er schloss die Tür des Werkraumes wieder hinter sich, den Verbandkasten sicher in seiner Hand. Es schien Leo nicht zu eilen, also ging er davon aus, dass die Verletzung seiner Kollegin doch nicht allzu schlimm war. Trotzdem würde es nicht gut aussehen, wenn einer seiner Gäste nicht rechtzeitig medizinische Hilfe bekommen hätte. 

Und Ärger auf der Arbeit konnte er gerade gar nicht gebrauchen. Also sollte er sich doch ein wenig beeilen. 

Leos Hand, die sich um seinen Oberarm schloss, stoppte ihn. Auf einmal war er Leo so nah, dass er seine Wimpern zählen konnte. Leo hatte Sommersprossen, ganz blass, kaum sichtbar, die über seine Nase und über seine Wangen tanzten. (Adam verspürte den Drang, sie zu zählen, aber er konnte sich nicht bewegen, wenn er es gewollt hätte.) 

Er konnte Leo nur anstarren, sein Gesicht mitsamt jedem kleinen Detail kartografieren, in sein Gedächtnis einprägen, um ihn nie wieder zu vergessen. 

Und dann steckte Leo ihm einen Zettel in die Brusttasche seines Anzuges, ganz sanft und beinahe vorsichtig. Er musste blinzeln, einmal, zweimal, bis er seine Stimme wiederfand, und als er den Mund öffnete, klang es unsicherer als er wollte.

“Ich geh nicht mit Bullen aus”

Das stimmte. Er war viel rumgekommen in seiner Zeit unterwegs und hatte viele Menschen kennengelernt. Ernst geworden war es nie mit irgendwem, aber Polizisten hatte er immer schon aus Prinzip gemieden. Da wäre immer ein Geheimnis zwischen ihnen und das wäre niemals gut gegangen. 

“Ich bin aber kein Bulle”

“Stimmt, du bist nur von der Mordkommission.”

Leo nickte nur, und klopfte ihm ein letztes Mal auf die Brust, genau da, wo seine Nummer steckte. Ein- zweimal. Adams Blick wanderte zu Leos Lippen, ganz kurz, als diese sich zu einem Lächeln verzogen. Er konnte nicht anders. Als er wieder hochsah, sah Leo ihn nur an.

“Überlegs dir, ja?”

Mit einem letzten Zwinkern drehte Leo sich um, nahm Adam den Verbandskasten einfach ab und ging in RIchtung einer der Konferenzsääle. Adam stand noch eine Weile da und sah ihm hinterher, die Nummer in seiner Tasche schwer.

Und dann fiel ihm ein, dass er sich immer noch nicht richtig vorgestellt hatte.


“Die Herren und Damen von der Mordkommission haben gefragt, ob sie eine Erfrischung bekommen könnten.”

Pia stand vor ihm mit ihren Armen verschränkt  und sah ihn erwartungsvoll an. Adam verdrehte nur die Augen. Natürlich waren die Bullen sich zu fein, selbst für ihre Verpflegung zu sorgen.

“Sag mal, sind wir eine Wohltätigkeitsveranstaltung? Die werden sich doch wohl selber Wasser holen kö-”

Pia unterbrach ihn.

“Adam, sie haben bezahlt. Sie sind nur… andersweitig beschäftigt und ich dachte wir können ihnen ja einmal entgegenkommen.”

“Warum gehst du dann nicht?”

Er klang wie ein motzendes Kleinkind, aber das war ihm sowas von scheiß egal. Er hatte jetzt wirklich keine Lust, von seinem gemütlichen Platz aufzustehen. Und außerdem war es draußen jetzt schon viel zu warm. 

“Oh siehe da, ich muss dringend den Kunden von gestern anrufen, das kann jetzt leider nicht warten”

Pias verschmitztes Grinsen ließ ihn Böses ahnen, aber weil sie tatsächlich zum Telefon griff und Anstalten machte, ihrer Arbeit nachzugehen, erbarmte er sich.

“Dafür werd ich aber eindeutig nicht bezahlt”, murrte er noch in ihre Richtung und schnappte sich das Tablett voller kleiner, offener Wasserflaschen, dass Pia ihm schon bereitgestellt hatte. Warum sie die nicht einfach im Kasten lassen konnte, verstand er auch nicht. Aber er hatte es sich noch nie angemaßt, zu verstehen, was in Pias Kopf vorging. 

Es war einer der ersten Tage, die den Sommer wirklich einläuteten. In der Sonne war es schon beinahe unausstehlich warm, und der Wind diente als willkommene Erfrischung für alle, die es trotzdem nach draußen gezogen hatte. 

Die Bullen hatten ihr Lager am See aufgeschlagen, und taten, was auch immer man auf einer Teambildungsfortbildung so machte. Für Adam als Laien sah das Ganze den Spielen, die Schüler auf einer Klassenfahrt spielten, verdächtig ähnlich. Aber was wusste er schon?

Und dann sah er Leo und wusste gar nichts mehr.

Hatte der Mann nur T-Shirts in seinem Schrank, die ihm eine Nummer zu eng waren? Aber an den Anblick hatte Adam sich ja fast schon gewöhnt, so oft wie Leo an der Rezeption vorbeischlich. Meistens zwinkerte er Adam auf seinem Weg noch zu, bevor er wieder tat, was auch immer er vorhatte.

Aber jetzt stand Leo mitten auf der Wiese in einem seiner engen T-Shirts und winkte Adam zu. Und dabei trug ein Schulterholster.

Unterbewusst nahm Adam wahr, dass es vermutlich für eine Waffe war und er Waffen ja gar nicht mochte. Aber eigentlich fiel ihm nur auf, wie gut das Schulterholster Leos Schultern betonte, wie es sich an die trainierten Muskeln anschmiegte, sich unter der Bewegung von Leos Arm verformte, und wie weich seine Knie auf einmal waren.

Dann kam Leo auf ihn zugejoggt, ein beinahe verschmitztes Grinsen im Gesicht. Adam kam gar nicht dazu, ihn zu fragen, was ihm dieses Lächeln ins Gesicht gezaubert hatte.

“So warm ist doch heute gar nicht?”

Und erst da merkte Adam, dass das Wasser schon lange nicht mehr auf dem Tablet stand. Stattdessen war seine Uniform nass und er stand inmitten der Wasserflaschen, die auf dem Gras unter ihm verteilt lagen. 

 

Oh. 

 

Verdammter Leo von der beschissenen Mordkommission in seinen blöden Shirts mit dem dummen Schulterholster. Warum musste der auch so gut aussehen? Das gehörte doch echt verboten.

“Ach halt doch die Fresse”

Leo schenkte ihm daraufhin nur ein lautes Lachen und fragte, ob er ihm helfen solle. Wenn das das Ergebnis war, konnte er sich wohl damit arrangieren, sich schon wieder vor Leo blamiert zu haben.

Er sollte sich wohl entschuldigen, so sprach man nicht mit Gästen, zumindest laut seinem Chef. Leo schien es aber nicht zu stören, also würde Adam einen Teufel tun.

Zusammen waren die Flaschen schnell aufgehoben und zurück nach drinnen gebracht, wo Pia schon mit neuen Flaschen auf sie wartete- diesmal zugedreht. Sie lächelte ihn nur an, beinahe süffisant, und er erlaubte sich den Gedanken, wie er sie in den See schmiss-  Nur ganz kurz.

Sie trugen die Flaschen diesmal zusammen zu den anderen, die sich in den Schatten der Bäume geflüchtet hatten. Weil Adam es sich nicht leisten konnte, entschuldigte er sich am Ende doch für die Unannehmlichkeiten, und war schon wieder auf dem Weg zurück zur Rezeption, wo er es kaum erwarten konnte, im Boden zu versinken, als er eine von Leos Kolleginnen hörte.

“Guck mal, das Hölzerchen verdreht sogar den Angestellten hier den Kopf. Nur zuhaus kriegt er es nicht hin”

“Sei einfach mal leise, Baumann”, konterte Leo in einem rauen Ton, aber er zwinkerte Adam zu, bevor er sich wieder zu seinen Kollegen umdrehte und Adam noch einen langen Moment stehen blieb, mit tausend Gedanken zu viel. 

Es dauerte, bis Adam den Namen mit etwas in Verbindung bringen konnte. Zu tief vergraben hatte er die Erinnerungen an seine Kindheit, hatte versucht, all das zu vergessen. Erst als er nachts im Bett lag, erschlug es ihn, so plötzlich , als wäre ein Spaten auf ihn niedergeprallt.

Leo Hölzer aus Saarbrücken. Der Junge, der damals so furchtbar gemobbt wurde. Dem Adam nicht helfen konnte. 

Leo Hölzer aus Saarbrücken, der Adam den Kopf komplett verdreht hatte. Damals wie heute.

Leo Hölzer aus Saarbrücken. Die Stadt, in der sein Vater in einem Koma lag, das Adam verursacht hatte. 

Die nächsten zwei Tage meldete Adam sich krank. 

Eigentlich wollte er gerade nur weglaufen. All seine Sachen packen und ans andere Ende von Deutschland ziehen. Es war albern gewesen von ihm, zu denken, dass er sich hier ein Leben aufbauen könnte. Von der Eifel bis ins Saarland war es schließlich nicht weit. 

Er war damals einfach gegangen. 

Leo war in seiner Stufe gewesen, damals in Saarbrücken. Sie hatten nur Chemie zusammen, zweimal die Woche. Aber Adam hatte Augen im Kopf. Er wusste, dass Leo geschlagen wurde, wenn auch nicht zuhause. Er hatte sie gesehen, wie sie Leo auf den Boden gedrückt hatten, bis dieser nur noch wimmern konnte. 

Er kannte dieses Gefühl zu gut.

Aber er hatte Leo nicht helfen können. Zu groß war die Angst vor seinem Vater gewesen, vor den Konsequenzen, die ihn erwartet hätten. Zu groß war die Chance gewesen, dass er genauso enden würde wie Leo. (Er und Leo erkannten einander, in ihren Blicken. Sie wussten, sie waren einander ähnlich, und vielleicht reichte das auch.) 

Dann war es eskaliert. Dann schlug er zu. 

Sein Vater lag dann im Koma. Seine Mutter war genauso nutzlos wie schon immer. Was er durchgemacht hatte, interessierte keinen. Nicht die Krankenpfleger, die seine Verletzungen versorgt hatten. Nicht die Polizei, die seine Aussagen aufgenommen hatte. Nicht seine Lehrer, die immer nur weggeschaut hatten.

Ohne seinen Vater hatte ihn nichts mehr in Saarbrücken gehalten. Er war in Thailand gewesen, in Namibia, in den USA und dann lange in Berlin. Aber da waren Menschen, überall. Hier in der Eifel, in den seichten Bergen und Tannenwäldern war es ruhiger. Hier fühlte er sich beinahe wie zuhause. 

Er konnte nicht mehr einfach weglaufen. Er mochte seinen Job. Er mochte Pia. Er mochte es, die Schulklassen zu beobachten, und er mochte es auch, die Familien kommen und gehen zu sehen. Ohne es zu merken, hatte er Wurzeln geschlagen, und jetzt konnte er nicht mehr wegfliegen, wenn es unangenehm wurde.

Und jetzt hatte es ihn eingeholt. 

Am dritten Tag musste er wieder auf die Arbeit. Nur noch zwei Tage, bis Leo wieder weg war, und er das alles ein für alle Mal hinter sich lassen konnte. (Aber ob er das wollte, wusste Adam nicht).

Pia schien seine griesgrämige Laune und die tiefen Ringe unter seinen Augen nicht zu stören. Sie begrüßte ihn überschwänglich (“Na guck mal, wer wieder von den Toten auferstanden ist”) und zog ihn sogar in eine Umarmung. Er hatte die leise Vermutung, es hatte eher etwas mit den Hörnchen zu tun, die er ihr mitgebracht hatte, als mit ihm selbst. Oder damit, dass sie sich alleine wahrscheinlich furchtbar gelangweilt hatte. 

“Ich bin sicher nicht die einzige, die sich freut, dass du wieder da bist”

“Was soll das denn jetzt heißen?”

Seine Antwort klang rauer als gewollt, und er zuckte zusammen. Pia konnte ja nicht wissen, dass Leo gerade ein schwieriges Thema für ihn war. 

“Ach komm schon, soo dumm kannst du dich gar nicht stellen”

Stille. Als Adam keine Anstalten machte, zu antworten, stand sie auf und fing an zu gestikulieren. Es sah ein bisschen albern aus, wie sie versuchte, Leos Größe zu zeigen, und Adam musste schmunzeln.

“Groß. Durchtrainiert. Braunes Haar. Von der Mordkommission Saarbrücken? Leo Hölzer. Naja, der hat auf jeden Fall ziemlich oft nach dir gefragt. Vielleicht hat er sich ja an deinen außergewöhnlich guten Service gewöhnt”

Der Sarkasmus wischte ihm das Lachen aus dem Gesicht, und er wusste, er schaute ein wenig säuerlich. Daran erinnert zu werden, wie er sich vor Leo nicht ein- sondern direkt dreimal blamiert hatte, war nicht angenehm. Eigentlich versuchte er immer noch, das ganze zu vergessen.  

Aber sie sah ihn mit einem so hoffnungsvollen Blick an, dass er ihr nur resigniert antworten konnte. Wenn Pia sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es schwer, sie davon abzubringen. 

“Pia, ich weiß nicht… Das ist schon ne ziemlich dumme Idee, er ist ja Gast hier.”

Es war das Falsche, was er gesagt hatte. Pia baute sich vor ihm auf und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Jetzt war die Entschlossenheit klar in ihrem Gesicht zu sehen, und Adam wusste, er hatte verloren. (Dass das gar nicht so schlimm war, musste er Pia ja nicht sagen). 

“Du wirst jetzt auf gar keinen Fall einen Rückzieher machen! Der steht ja mal sowas von auf dich. Und dir hat der auch komplett den Kopf verdreht.”

“Ich-”

“Keine Widerrede. Morgen feiern die zum Abschluss irgendwas und wir sind eingeladen. Da gibts du dem gefälligst mindestens deine Nummer, klar?”

Er hielt es nicht für den richtigen Moment, Pia zu beichten, dass er Leos Nummer längst kannte. Und dass er auch wusste, in welchem Haus Leo aufgewachsen war und dass seine Schwester Caro hieß. Stattdessen nickte er und verbrachte den restlichen Tag damit, Leo aus dem Weg zu gehen. 


Die Musik war zu laut.

Es war ein schöner Abend gewesen. Zur Feier einer gelungenen Woche hatten die Saarbrückener eine kleine Grillfeier veranstaltet, am Ufer des Sees. Pia und Adam waren eingeladen um sich “für den vollumfänglich wunderbaren Service zu bedanken”. Was auch immer das heißen sollte, aber wenn er gratis Essen bekam, würde er sich nicht beschweren. 

Es fühlte sich komisch an, zu wissen, dass sie gingen. Am nächsten Morgen würde Leo weg sein, und mit ihm alles, was Adam an Saarbrücken erinnerte. Aber Adam wusste auch, dass egal wie sehr er es versuchte, er das nicht mehr verdrängen konnte. Das hatte er viel zu lange gemacht. 

Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt, und jetzt musste er ihr sich stellen, ob er wollte oder nicht. Er konnte nicht mehr weglaufen, nicht dann, wenn ihn Saarbrücken mit einem so charmanten Lächeln in einem zu engen Shirt anzwinkerte und sein Herz nur das kleine bisschen höher schlagen ließ.

Pia hatte sich längst zu der Kollegin von Leo gestellt, die ihn am See aufgezogen hatte. Die beiden waren in ein Gespräch vertieft, und so wie es aussah, war Pia noch in ganz andere Dinge vertieft, wenn der Abend so weitergehen würde. Adam nahm sich vor, sie spätestens morgen auszuquetschen. So wie sie ihm die letzte Woche auf die Nerven gegangen war, hatte sie das aber gehörig verdient.

Er und Leo standen etwas abseits, bei einem der Bäume am See. Die Sonne war schon hinter den Bergen abgetaucht, und sie waren nur noch in das sanfte Licht der Lichterketten getaucht, die Pia aufgehangen hatte. 

Den Abend hatten sie damit verbracht, über Kleinigkeiten zu reden, Belangloses, alles, was ihnen in den Sinn kam, während sie der Sonne beim Untergehen zusahen. Es war so, als hätte er Leo schon immer gekannt.

(Vielleicht hätte es so immer sein können, wenn er Saarbrücken nie verlassen hätte. Sein Herz verkrampfte sich schmerzhaft bei diesem Gedanken.)

Er war nicht beschwipst, er hatte nicht einmal getrunken. In Wahrheit wusste er nicht, woher er den Mut nahm. Aber Leo war an den Baum neben ihn gelehnt, ganz lässig und zusammen sahen sie schweigend dem Treiben zu. 

"Vergiss mich nicht, wenn du wieder zurück in Saarbrücken bist.” 

Leo brummte amüsiert und starrte noch für einen Moment in die Ferne, bevor er sich Adam zuwandte. 

“Ich habe dich nie vergessen, Adam Schürk”

Adam blieb die Luft weg.

Da war so viel Ungesagtes zwischen ihnen. All die Jahre, die vergangen waren, hatten es doch nicht geschafft, sie vergessen zu lassen. Sie waren 15, auf dem Schulhof und im Klassenzimmer und dann hinter der Turnhalle. Blicke, die sich trafen, keine Worte zwischen ihnen. Es gab nie Worte zwischen Ihnen. Alles nur Momentaufnahmen wie in einer Polaroid-Kamera, ein bisschen verzerrt, verfälscht, verfärbt eben. 

“Leo ich-”

Adam fiel und fiel und fiel und ehe er auf dem Boden aufkommen konnte, war da Leo's Stimme, die ihn auffing. 

“Du brauchst jetzt nichts sagen”, raunte Leo und legte ihm einen Finger auf die Lippen, ganz sanft. Adam wollte, dass dieser Moment niemals aufhörte. Hier könnte er für immer bleiben, in diesem Moment fernab der Realität, am Ufer des Rursees mit Leos Finger auf seinen Lippen. 

“Wir haben Zeit”

Notes:

upsi diese fic lebt schon viel zu lange in meinen drafts aber ich hatte erst irgendne fiese grippe und dann haben mein Freund und ich uns getrennt- falls das ganze total zusammenhangslos wirkt, my bad, das ist irgendwie mein leben gerade lol

meine inspo: eine reddit-story die ich auf tiktok gefunden habe, und die ich gerade nicht mehr finde :( sollte sie mir nochmal auf meine fyp kommen, verlink ich sie aber hier :3 musste so sehr an die beiden idioten vom spatort denken und 4000 Wörter später sind wir hier

wenn es euch gefallen hat, freue ich mich immer über kudos und noch mehr über kommentare <3 ihr seid alle so mausig, passt auf euch auf und gönnt euch auch mal was gutes- das habt ihr alle verdient <33