Work Text:
Es war Sonntag und seit langem konnte Leo den Tag wirklich nur für sich selbst nutzen. Keine Bereitschaft, keine persönlichen Probleme seiner Kolleg*innen, die zu Arbeitsproblemen wurden, und auch keine Familie, die Hilfe beim Dachbodenaufräumen brauchten oder ein Parkpicknick mit den Nichten planten. Nichts und niemand der seine Zeit in Anspruch nahm.
Nur scheinbar unendliche Stunden, die er auf dem Balkon mit Kaffee und einem von Theas Büchern verbringen würde. Sie hatte ihm bei ihrem letzten Besuch eine Auswahl an Novellen, Gedichtsammlungen und Sachbüchern in sein Regal gestellt, mit den Worten, dass er sich besonders als Polizist intersektional weiterbilden sollte um nicht zu sehr seine Privilegien als selbstverständlich anzusehen. Und weil es genügend dumme Bullen gab. Das sagte sie mit einem Zwinkern, jedoch hatte Leo die Kritik stark herausgehört, und deshalb hatte er an diesem freien Tag einen Stapel mit einigen der von Thea vorgeschlagenen Büchern auf seinen Balkontisch gelegt.
Es klingelte an der Wohnungstür als Leo gerade Kaffeepulver in seine kleine Bialetti füllte -ein kleines Ritual, welches er an Tagen wie diesen seiner regulären Kaffeemaschine vorzog -und er schaute auf sein Handy. 8 Uhr an seinem freien Sonntag, er hatte laut Kalender keine Termine geplant, die er vergessen hatte und seine Familie hatte sich auch nicht kurzfristig bei ihm eingeladen. Vielleicht war es seine Nachbarin aus dem 3. Stock, die ihm manchmal Frischgebackenes oder Pflanzenableger vorbeibrachte.
Gähnend öffnete er die Tür, schon damit rechnend, dass er Monika wohl auch noch einen Kaffee anbieten werden müsste. Doch es war nicht die 73-jährige, die seine Ruhe am Sonntagmorgen unterbrach, sondern Adam der am Treppengeländer vor der Tür lehnte. Adam, in seiner Jeansjacke, mit scheinbar vom Schlaf verwuschelten Haaren und einem verlegenen Grinsen im Gesicht.
„Morgen.“
„Äh. Guten Morgen?“ gab Leo zögernd zurück. Adam schaute ihn erwartungsvoll an und machte keine Anstalten mehr zu sagen. Oder sein Auftauchen zu erklären.
Leo trat einen Schritt vom Eingang weg und deutete Adam wortlos an einzutreten. Dieser drückte sich an ihm vorbei, streifte sich seine Schuhe ab und ging ebenfalls ohne ein Wort mit entspannten Schritten in Leos Küche. Öffnete den Kühlschrank. Schloss ihn wieder. Und schnappte sich das Sieb mit Trauben von der Spüle, die Leo gerade erst gewaschen hatte.
Leo folgte ihm aus dem Flur zurück in den Wohnbereich und sah Adam fragend dabei zu wie er sich ein paar der Trauben in den Mund steckte.
„Konnte nicht schlafen,“ sagte dieser schließlich, als würde das nun sein Auftauchen erklären, und fügte hinzu, „und mir war langweilig.“
„Aha,“ erwiderte Leo trocken. „Natürlich. Nach-“ er schaute auf die Backofenuhr „10 Stunden Feierabend ist ja auch echt die Grenze an zumutbarer Freizeit erreicht.“
„Jop.“ Eine weitere Traube landete in Adams Mund. Er kaute grinsend, mit halboffenem Mund und hatte immerhin den Anstand ein bisschen verlegen dabei auszusehen. Wenn er auch mindestens 2 Stunden vor einer auch nur ansatzweise akzeptablen Zeit hier auftauchte. „Traube?“
Leo musste lachen und schüttelte den Kopf. Was ein Idiot. Was für ein liebenswerter Idiot.
„Kaffee?“ fragte er stattdessen.
„Ja.“ Adam stellte die Trauben zurück auf die Ablage, drehte den Mocca Pot zu und stellte ihn auf den Herd, als hätte er das schon tausendmal gemacht. Die Sonne schien durch das Küchenfenster und sie gab Adam einen weichen Ausdruck, als wären die Sorgen für einen Moment von seinen Schultern gehoben worden. Leo fehlte für einen Moment der Atem, als er seinen besten Freund beobachtete, der in seiner Küche wie zu Hause aussah. Ihn überkam ein Gefühl, welches er in den letzten Wochen immer häufiger spürte. Ein Drang von ‚Ich will mehr‘. Mehr von dem, was er bis jetzt immer haben konnte.
Adam hier, neben ihm in der Küche. Kaffee kochend, Trauben essend, so wunderschön von der Sonne umstrahlt und da. Da für Leo, ohne ein Ablaufdatum, ohne das Wissen, dass er abends wieder heim gehen würde. Weil man das eben so macht, zwischen Freunden.
Adam schaute auf und blickte mit einem leichten, müden Lächeln Leo an. Die Sonne im Rücken. Wie hätte eine Beziehung mit irgendeiner anderen Person denn funktionieren sollen, wenn es Adam in Leos Leben gab? Wenn niemand ihm so nahekommen konnte? Der Wunsch ihn zu küssen, war seit jenem Tag im Auto nicht mehr ganz verschwunden, hatte immer direkt unter der Oberfläche gewartet, und auch jetzt konnte sich Leo kaum etwas Schöneres vorstellen, als Adam sanft an der Hüfte zu ihm zu ziehen und ihre Lippen zusammen zu drücken. Die Trauben auf seiner Zunge zu schmecken.
„Milch?“ fragte Adam, unterbrach Leos Gedanken und nachdem dieser seinen Kopf geschüttelt hatte, goss er den Kaffee in Leos grüne Schaftasse (ein Geschenk von Caro aus Irland) und machte sich dann daran sein eigenes Monster and Kaffee, Eiswürfel und Hafermilch zu mischen. Wie immer ignorierte er Leos schockiertes Kopfschütteln und folgte ihm auf den Balkon.
☀️
Sie hatten sich in den Balkonstühlen gemütlich gemacht und ihren Kaffee getrunken, während sie den Vögeln und dem entfernten Verkehr lauschten. Adam hatte sich das erste Buch vom Stapel geschnappt, mit hochgezogenen Augenbrauen gefragt, seit wann Leo denn an Politik interessiert war, und dann angefangen durch die Seiten zu blättern.
„Bananas, Beaches and Bases. Hm. Alliteration.”
“Was?”
“Der Titel? Ist ne Alliteration.“
„Ah okay.“ Das war Leo gerade ein bisschen egal, etwas anderes schien ihm im Moment sehr viel wichtiger. „Sag mal Adam, gibt es einen Grund, weshalb du so früh hier auftauchst?“
„Konnte nicht schlafen.“ Adam legte das Buch zurück auf den Tisch.
„Ja, das hast du erwähnt. Und gibt es dafür einen Grund?“
„Weiß nicht. Ja. Nein. Keine Ahnung. Ich glaub nach all dem Stress, bin ich es einfach nicht mehr gewohnt allein zu sein. Mit meinen Gedanken. Die waren heute irgendwie besonders scheiße.“
„Möchtest du drüber reden?“
„Ne. Hier sein hilft schon.“ Adam ließ seinen Blick schweifen und schien die Tauben auf der Dachrinne des Hauses gegenüber zu beobachten. Dann schaute er wieder zurück zu Leo. „Passt es, dass ich hier bin? Hast du heute noch Pläne?“
„Ne passt. Meine Pläne sind es, diesen Balkon heute nicht mehr zu verlassen.“ Leo lächelte ihm beruhigend zu. Er wollte nicht, dass Adam wieder geht. Nicht heute, und wenn möglich gar nicht mehr.
„Ok.“
☀️
Und so ging der Sonntag ins Land. Sie kochten gemeinsam Mittagessen –Leo verdonnert Adam dazu Gemüse zu schneiden, und er selbst übernahm das Kochen - sie aßen gemeinsam auf dem Balkon, die Teller auf ihren Knien balancierend, und sie tranken einen weiteren Kaffee. Währenddessen redeten sie. Und schwiegen sie. Und Leo fühlte sich einfach so, so wohl. Und wünschte sich, dass es genauso blieb, denn so hatte er sich eine Beziehung immer vorgestellt. Man war da, gemeinsam, und wusste, dass man Zeit hatte. Und dass der andere genau hier sein wollte und dass das auch genug war.
„Sag mal Leo-“ Adam unterbrach das Schweigen, dass sich über sie gelegt hatte.
„Hm?“ Leo sah von seiner Gedichtsammlung auf.
„Du hast gesagt, dass Küssen ok ist.“
Woher kam denn jetzt dieser Gedanke? „Kommt drauf an. Ja? Wieso?“
„Ok.“ Adam schaute wieder in die Ferne. Das tat er oft, und Leo hatte es schon früher bemerkt und sich gewundert, woher das wohl kam. Ob es etwas mit früher zu tun hatte. Oder von den unsichtbaren und unverdrängbaren 15 Jahren. Jetzt machte es ihn nervös. So wie alles ihn nervös machte, was mit seiner Sexualität zu tun hatte.
„Adam, woher genau kommt das jetzt?“ Er glaubte seine Nervosität in seiner eigenen Stimme zu hören.
Adam drehte sich in seinem klapprigen Balkonstuhl zur Seite und legte seine Finger leicht auf Leos Knie. Tippte sie in einen stillen Takt. Ganz sanft. Fragend.
„Ich würde dich gerade sehr gerne küssen,“ sagte Adam leise.
Das war nicht das, was Leo erwartet hatte. Seine Augen huschten von Adams Finger zu seinem Gesicht, suchend, ob er eine Lüge in dem Gesagten finden konnte. Er fand nichts, nur Adams ehrliche, etwas ängstliche Augen, die Leos Schultern, seine Finger und dann den Boden mustern zu schienen.
„Ok,“ antwortete Leo.
„Was ok?“
„Küss mich.“
Adams Augen schnellten nach oben, als hätte er wirklich nicht mit dieser Antwort gerechnet. Was hatte er denn gedacht? Dass Leo ihm je so etwas abschlagen könnte, wenn er so ehrlich war, so – ja, fast schon schüchtern.
Langsam hob er seine rechte Hand von Leos Knie und bewegte sie auf Leos Gesicht zu, vorsichtig, als hätte er Sorge ihn zu verängstigen und einzuengen. Er strich leicht mit seinem Daumen über Leos Wange, hob die andere Hand und legte sie an Leos Hals. Leo fühlte sich völlig eingenommen von Adam, er war überall, er hatte seinen Duft in der Nase, seine Haut auf seiner, er war ihm so nah. Adams Daumen strich nun über Leos Unterlippe und Leo atmete zitternd ein. Sein Herz klopfte wie verrückt. Und dann legte Adam seine Lippen auf Leos. Ganz sanft. Ihm blieb die Luft weg. Ein weiterer Kuss, dann einen auf seinen Mundwinkel, seine Wange, sein geschlossenes Augenlid. Es zerriss Leo fast das Herz, so sanft liebkoste Adam sein Gesicht und er wusste, dass er so etwas nie wieder erleben könnte, wenn nicht mit Adam. Niemand könnte diese Gefühle bei ihm auslösen. Diese Geborgenheit. Diese Gewissheit, dass er ihm nicht vorwerfen würde, dass Leo nicht mehr geben konnte.
Ein letzter Kuss auf den Mund. Adam streichelte noch immer seine Wange und er war Leo immer noch so nahe, er spürte seinen Atem auf seinen Lippen.
„War das okay?“
„Ja,“ antworte Leo, doch seine Stimme war rau und er räusperte sich, bevor er seine Augen öffnete und in die von Adam blickte. „Ja. Mehr als okay. Ich-“ er unterbrach sich, suchte nach den richtigen Worten. „Ich glaub du hast mich kaputt gemacht.“
„Was?“ lachte Adam leise.
Leo nahm Adams Hand von seinem Gesicht und legte sie auf sein Herz. Adam lachte noch einmal und nahm im Gegenzug Leos Hand und spiegelte die Position. Leo spürte das Rasen in Adams Brust, das seinem in Schnelligkeit und Stärke gleichkam, und er lächelte. Adam wirkte so locker, aber es war schön zu wissen, dass es ihn auch mitnahm.
Leo lehnte sich vor und küsste Adam noch einmal und er spürte das Flattern in seiner Brust und die Reaktion von Adam verstärkte es noch umso mehr. Adams Lider hatten sich geschlossen, als Leo sich vorbeugte, sie waren immer noch geschlossen und sein Atem stockte als sich ihre Lippen berührten.
Leo hatte nicht damit gerechnet, dass Adam eine solche Reaktion zu einem Kuss haben würde, besonders nicht zu einem so leichten, unschuldigen Zeichen von Zuneigung und das Wissen ließ etwas in ihm leichter werden. Konnte das genug sein für Adam? Konnte Leo wirklich jemand für Adam sein, der ihn nicht enttäuschte?
Noch ein letzter Kuss, so sanft, fast nur ein Hauch, die Vögel im Hintergrund, die Sonne die unterging und Leos Hand auf Adams Herz, fast synchron.
