Chapter Text
Mr und Mrs Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
Die getigerte Katze, welche an einem trüben und grauen Dienstag, an dem unsere Geschichte beginnt, an der Einbiegung zum Ligusterweg stand, war jedoch ganz und gar nicht normal. Gewöhnliche Katzen konnten keine Straßenschilder lesen. Sie saßen auch nicht so steif da, wie diese hier. Und vor allem fraßen normale Katzen Mäuse, und verwandelten sie nicht in Taschenuhren.
Wie sonderbar diese Katze vor seinem Haus war, konnte Vernon Dursley nicht erahnen. Sie war gerade dabei eine Karte zu lesen, um zu überprüfen, ob sie an der richtigen Adresse war, als der große, bullige Mr Dursley aus dem Haus mit der Nummer 4 trat. Er würdigte der Katze nur einen kurzen Blick und wollte gerade zu seinem Auto gehen, ehe er dann doch den Kopf rasch zurückwandte und verdutzt das Tier auf seiner Gartenmauer anstarrte. Hatte er gerade richtig gesehen? Die sonderbare Katze jedoch hatte die Karte bereits verschwinden lassen und erwiderte den Blick des Mannes. Vernon Dursley schüttelte den Kopf, als würde er so seine seltsame Beobachtung vergessen können, und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Die Katze wusste nicht, dass er sie im Rückspiegel seines Autos dabei beobachtete, wie sie das Straßenschild mit der Innschrift Ligusterweg las. Sie war sich sicher, dass sie an der richtigen Adresse stand, doch sie konnte einfach nicht glauben, dass diese Leute aus diesem Haus tatsächlich ein Kind großziehen sollen, dass selbst nach ihren Standards ganz besonders war.
Die Katze erhob sich von der Mauer und streckte ihre etwas steif gewordenen Glieder, ehe sie in den Garten von Vernon Dursley streifte. Dort konnte sie durch ein Fenster einen Blick auf den Rest der kleinen Familie erhaschen. In der Küche saß in einem Hochstuhl ein blondes, sehr dickes Kleinkind, welches sich glücklich von seiner Mutter mit Spaghetti füttern ließ. Dass diese zur Hälfte daneben gingen und eine riesige Sauerei hinterließen, schien keinen der beiden zu stören. Die Mutter, Petunia Dursley, war eine große, etwas hagere Frau, mit einem langen Hals und ebenso blondem Haar wie das ihres Kindes. Als der Teller leer war und Mrs Dursley begann dem Jungen das klebrige, wohl einst weiße, Lätzchen abzunehmen, begann dieser so laut zu brüllen, dass selbst die Katze vor dem Fenster zusammenzuckte. Petunia reagierte darauf, indem sie ihrem Sohn eine zweite, oder vielleicht auch schon dritte, Portion Nudeln holte, die dieser genüsslich schmatzend verdrückte. Etwas angewidert wandte sich die Katze von der Szene ab und beschäftigte sich damit die benachbarten Häuser in Augenschein zu nehmen. Den ganzen Tag über beobachtete die Katze die Geschehnisse im Ligusterweg.
Einige Stunden später bog das Auto von Vernon Dursley wieder in die Auffahrt der Nummer 4. Er schien ganz und gar nicht erfreut vom Anblick der getigerten Katze.
„Schhhh!“, zischte er laut, um sie zu verscheuchen.
Die Katze regte sich nicht. Sie blickte ihn nur aus ernsten Augen an. Mr Dursley atmete, bemüht sich zu beruhigen, tief ein und aus und öffnete seine Haustür.
Den Rest des Abends verbrachte die Katze damit, auf einer Gartenmauer zu sitzen und den Nachrichten in den seltsamen, leuchtenden Geräten der Bewohner zu lauschen. Während diese in ihre Betten gingen und vor sich hinschlummerten, zeigte die Katze keine Spur von Müdigkeit. Sie saß noch immer da wie eine Statue, die Augen, ohne zu blinzeln, auf die weiter entfernte Ecke des Ligusterweges gerichtet. Kein Härchen regte sich, als eine Straße weiter eine Autotür zugeknallt wurde oder als zwei Eulen über ihrem Kopf hinwegschwirrten. In der Tat war es fast Mitternacht, als die Katze sich wieder rührte.
An der Ecke, die sie beobachtet hatte, erschien ein Mann, mit einem Knall, als hätte er gerade seine Autotür mit etwas zu viel Kraft geschlossen. Doch von besagtem Auto war weit und breit keine Spur. Der Mann ist wie aus dem Nichts erschienen. Der Schwanz der Katze zuckte und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.
Einen Mann wie diesen hatte man im Ligusterweg noch nie gesehen. Er war groß, dünn und sehr alt, jedenfalls der silbernen Farbe seines Haares und Bartes nach zu schließen, die beide so lang waren, dass sie in seinem Gürtel hätten stecken können. Er trug eine lange Robe, einen purpurroten Umhang, der den Boden streifte, und Schnallenstiefel mit hohen Hacken. Seine blauen Augen leuchteten funkelnd hinter den halbmondförmigen Brillengläsern hervor, und seine Nase war sehr lang und krumm, als ob sie mindestens zweimal gebrochen wäre. Der Name dieses Mannes war der Katze sehr gut bekannt. Albus Dumbledore.
Albus Dumbledore schien nicht zu bemerken, dass er soeben in einer Straße aufgetaucht war, in der alles an ihm, von seinem Namen bis zu seinen Stiefeln, keineswegs willkommen war. Gedankenverloren durchstöberte der die Taschen seines Umhangs. Doch offenbar bemerkte er, dass er beobachtet wurde, denn plötzlich sah er zu der Katze hinüber, die ihn vom anderen Ende der Straße her immer noch anstarrte. Aus irgendeinem Grunde schien ihn der Anblick der Katze zu belustigen.
Er gluckste vergnügt und murmelte: „Ich hätte es wissen müssen.“
In einer Innentasche hatte er gefunden, wonach er suchte. Es sah aus wie ein silbernes Feuerzeug. Er ließ den Deckel aufschnappen, hielt es hoch in die Luft und ließ es knipsen. Mit einem leisen „Plop“ ging eine Straßenlaterne in der Nähe aus. Er knipste noch mal – und die nächste Laterne flackerte und erlosch. Zwölfmal knipste er mit dem Ausmacher, bis die einzigen Lichter, die in der ganzen Straße noch zu sehen waren zwei kleine Stecknadelköpfe in der Ferne waren, und das waren die Augen der Katze, die ihn beobachtete. Niemand, der jetzt aus dem Fenster geschaut hätte, hätte nun irgendwas von dem mitbekommen, was unten auf dem Bürgersteig geschah.
Dumbledore ließ den Ausmacher in die Umhangtasche gleiten und machte sich auf den Weg die Straße entlang zu Nummer 4, wo er sich auf die Mauer neben die Katze setzte. Er sah sie nicht an, doch nach einer Weile sprach er mit ihr.
„Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen, Minerva.“
Mit einem Lächeln wandte er sich zur Seite, doch die Tigerkatze war verschwunden. Statt ihrer lächelte er einer ziemlich ernst dreinblickenden Frau mit Brille zu, deren Gläser quadratisch waren wie das Muster um die Augen der Katze. Auch sie trug einen Umhang, einen smaragdgrünen. Ihr schwarzes Haar war zu einem festen Knoten zusammengebunden. Sie sah recht verwirrt aus.
„Woher wusstest du, dass ich es war?“, fragte sie.
„Mein lieber Professor, ich habe noch nie eine Katze so steif dasitzen sehen.“
„Du wärst auch steif, wenn du den ganzen Tag auf einer Backsteinmauer gesessen hättest“, sagte Professor McGonagall.
„Den ganzen Tag? Wo du doch hättest feiern können? Ich muss auf dem Weg an mindestens einem Dutzend Feste und Partys vorbeigekommen sein.“
Verärgert schnaubte Minerva McGonagall durch die Nase.
„O ja, alle Welt feiert, sehr schön“, sagte sie ungeduldig. „Man sollte meinen, sie könnten ein bisschen vorsichtiger sein, aber nein – selbst die Muggel haben bemerkt, dass etwas los ist. Sie haben es in ihren Nachrichten gebracht.“ Mit einem Kopfrucken deutete sie auf das dunkle Wohnzimmerfenster der Dursleys. „Ich habe es gehört. Ganze Schwär-me von Eulen … Sternschnuppen … Nun, ganz dumm sind sie auch wieder nicht. Sie mussten einfach irgendetwas bemerken. Sternschnuppen unten in Kent – ich wette, das war Dädalus Diggel. Der war noch nie besonders vernünftig.“
„Du kannst ihnen keinen Vorwurf machen“, sagte Dumbledore sanft. „Elf Jahre lang haben wir herzlich wenig zu feiern gehabt.“
„Das weiß ich“, sagte Professor McGonagall gereizt. „Aber das ist kein Grund, den Kopf zu verlieren. Die Leute sind einfach unvorsichtig, wenn sie sich am helllichten Tag draußen auf den Straßen herumtreiben und Gerüchte zum Besten geben. Wenigstens könnten sie Muggelsachen anziehen.“
Dabei wandte sie sich mit scharfem Blick Dumbledore zu, als hoffte sie, er würde ihr etwas mitteilen. Doch er schwieg und sie fuhr fort: „Das wäre eine schöne Bescherung, wenn ausgerechnet an dem Tag, da Du-weißt-schon-wer endlich verschwindet, die Muggel alles über uns herausfinden würden. Ich nehme an, er ist wirklich verschwunden, Albus?“
„Es sieht ganz danach aus“, sagte Dumbledore. „Wir müssen für vieles dankbar sein. Möchtest du ein Brausebonbon?“
„Ein was?“
„Ein Zitronenbrausebonbon. Eine Nascherei der Muggel, auf die ich ganz scharf bin.“
„Nein danke“, sagte Professor McGonagall kühl, als sei jetzt nicht der richtige Moment für Zitronenbrausebonbons. „Wie ich schon sagte, selbst wenn Du-weißt-schon-wer wirklich fort ist – “
„Meine liebe Minerva, eine vernünftige Person wie du kannst ihn doch sicher beim Namen nennen? Der ganze Unsinn mit ‚Du-weißt-schon-wer‘ – seit elf Jahren versuche ich die Leute dazu zu bringen, ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen: Voldemort.“
Minerva McGonagall zuckte zurück, doch Dumbledore, der zwei weitere Bonbons aus der Tüte fischte, schien davon keine Notiz zu nehmen.
„Es verwirrt doch nur, wenn wir dauernd ‚Du-weißt-schon-wer‘ sagen. Ich habe nie eingesehen, warum ich Angst davor haben sollte, Voldemorts Namen auszusprechen.“
„Das weiß ich wohl“, sagte Professor McGonagall halb auf-gebracht, halb bewundernd. „Doch du bist anders. Alle wissen, dass du der Einzige bist, den Du-weißt- … ähm, na gut, Voldemort fürchtete.“
„Du schmeichelst mir“, sagte Dumbledore leise. „Voldemort hatte Kräfte, die ich nie besitzen werde.“
„Nur weil du zu – ja – nobel bist, um sie einzusetzen.“
„Ein Glück, dass es dunkel ist. So rot bin ich nicht mehr geworden, seit Madam Pomfrey mit gesagt hat, ihr gefielen meine neuen Ohrenschützer.“
Professor McGonagall sah Dumbledore scharf an und sagte: „Die Eulen sind nichts gegen die Gerüchte, die umherfliegen. Weißt du, was alle sagen? Warum er verschwunden ist? Was ihn endlich aufgehalten hat?“
Offenbar hatte sie den Punkt erreicht, über den sie unbedingt reden wollte, den wirklichen Grund, warum sie den ganzen Tag aus einer kalten, harten Mauer gewartet hatte, denn weder als Katze noch als Frau hatte Minerva McGonagall Dumbledore mit einem so durchdringenden Blick festgenagelt wie jetzt. Was auch immer „alle“ sagen mochten, offensichtlich glaubte sie es nicht, bis sie es aus dem Mund von Dumbledore gehört hatte. Der jedoch nahm sich ein weiteres Zitronenbrausebonbon und schwieg.
„Was sie sagen“, drängte sie weiter, „ist nämlich, dass Voldemort letzte Nacht in Godric´s Hollow auftauchte. Er war auf der Suche nach den Potters. Dem Gerücht zufolge sind Lily und James Potter – sie sind tot.“
Dumbledore senkte langsam den Kopf. Professor McGonagall stockte der Atem.
„Lily und James … Ich kann es nicht glauben … Ich wollte es nicht glauben … Oh Albus …“
Dumbledore streckte die Hand aus und klopfte ihr sanft auf die Schultern.
„Ich weiß … ich weiß …“, sagte er mit belegter Stimme.
Minerva fuhr mit zitternder Stimme fort. „Das ist nicht alles. Es heißt, er habe versucht, Potters Sohn Harry zu töten. Aber – er konnte es nicht. Er konnte diesen kleinen Jungen nicht töten. Keiner weiß, warum oder wie, aber es heißt, als er Harry Potter nicht töten konnte, fiel Voldemorts Macht in sich zusammen – und deshalb ist er verschwunden.“
Dumbledore nickte mit düsterer Miene.
„Ist das wahr?“, stammelte Professor McGonagall. „Nach all dem, was er getan hat – nach all den Menschen, die er umgebracht hat –, konnte er einen kleinen Jungen nicht töten? Das ist einfach unglaublich … ausgerechnet das setzt ihm ein Ende … aber wie um Himmels willen konnte Harry das überleben?“
„Wir können nur mutmaßen“, sagte Dumbledore. „Vielleicht werden wir es nie wissen.“
Professor McGonagall zog ein Spitzentaschentuch hervor und betupfte die Augen unter der Brille. Dumbledore zog eine goldene Uhr aus der Tasche und gab ein langes Schniefen von sich. Es war eine sehr merkwürdige Uhr. Sie hatte zwölf Zeiger, aber keine Ziffern; stattdessen drehten sich kleine Planeten in ihrem Rund.
Dumbledore jedenfalls musste diese Uhr etwas mitteilen, denn er steckte sie zurück in die Tasche und sagte: „Hagrid verspätet sich. Übrigens nehme ich an, er hat dir erzählt, dass ich hierherkommen würde?“
„Ja“, sagte Professor McGonagall. „Und ich nehme nicht an, dass du mir sagen wirst, warum du ausgerechnet hier bist?“
„Ich bin gekommen, um die Kinder zu ihrer Tante und ihrem Onkel zu bringen. Sie sind die Einzigen aus der Familie, die ihnen noch geblieben sind.“
„Du meinst doch nicht – Du kannst einfach nicht die Leute meinen, die hier wohnen?“ rief Minerva McGonagall, sprang auf und deutete auf Nummer 4. „Albus – das geht nicht. Ich habe sie den ganzen Tag beobachtet. Du kannst keine zwei Menschen finden, die uns weniger ähneln. Und sie haben diesen Jungen – ich habe gesehen, wie er seine Mutter den ganzen Weg die Straße entlang gequält und nach Süßigkeiten geschrien hat. Harry Potter und hier leben?“ Sie sah ihn an, als hätte er seinen Verstand verloren. „Und was meinst du mit ‚Kinder‘, als gäbe es mehr als eines?“
„Tatsächlich hatten Lily und James Potter mehr als nur ein Kind.“, antwortete Dumbledore. „Letztes Jahr, am 31. Juli, wurde nicht nur der kleine Harry geboren, sondern noch ein Baby, ein Mädchen. Harry Potters Zwillingsschwester ist ebenfalls noch am Leben und wird, genauso wie ihr Bruder, zu ihren Verwandten gebracht.“
Nun hatte Professor McGonagall endgültig ihre Fassung verloren. Ihr Mund, welcher oft zu einer schmalen Linie zusammengepresst ist, stand offen, und obwohl sie sonst so eloquent ist, wollten ihr keine Worte einfallen, die ihrem Schock und ihrer Überraschung Ausdruck verleihen konnten.
Dumbledore, amüsiert über das uncharakteristische Verhalten seiner Kollegin, lächelte in die Nacht hinein und begann zu erklären: „Lily und James haben erst spät in der Schwangerschaft erfahren, dass sie Zwillinge erwarten. Um ihre Tochter zu schützen, haben sie beschlossen, nur ihren engsten Freunden, und mir, von ihrer Existenz zu erzählen.“
„Dann… dann heißt das Harry Potter ist nicht der einzige, den Voldemort nicht töten konnte?“, fragte Minerva, als diese ihre Stimme wiedergefunden hatte.
Dumbledore schüttelte den Kopf. „Harrys Überleben war weitaus spektakulärer als das seiner Schwester.“
„Aber wie hat sie überlebt? Wie konnte ein kleines Kind einem der mächtigsten dunklen Zauberer der Geschichte entkommen?“
Dumbledores Augen funkelten, als er seine Erklärung zu Tage trug. „Er hat sie nicht gesehen.“
Bevor die Hexe weitere Fragen stellen konnte, ertönte ein tiefes Brummen, das immer lauter wurde. Sie schauten nach links und rechts die Straße hinunter, ob vielleicht ein Scheinwerfer auftauchte. Der Lärm schwoll zu einem Dröhnen an und als sie beide zum Himmel blickten – da fiel ein riesiges Motorrad aus den Lüften und landete auf der Straße vor ihnen.
Hagrid fiel im Ligusterweg noch mehr auf als Albus Dumbledore. Er war doppelt so groß wie ein normaler Mann und sehr dick. Mit seinem zottigen, langen, dunklen Haar und Vollbart, die fast sein gesamtes Gesicht verdeckten, sah er äußerst wild aus. In seinen ausladenden, muskelbepackten Armen hielt er zwei Bündel aus Leintüchern.
„Hagrid“, sagte Dumbledore mit erleichterter Stimme. „Endlich. Und wo hast du dieses Motorrad her?“
„Hab es geborgt, Professor Dumbledore, Sir.“, sagte der Riese und kletterte vorsichtig von seinem Motorrad. „Der junge Sirius Black hat es mir geliehen. Ich hab sie, Sir.“
„Keine Probleme?“
„Nein, Sir – das Haus war fast zerstört, aber ich hab sie gerade noch herausholen können, bevor die Muggel angeschwirrt kamen. War gar nicht einfach die Kleine zu finden, sie hat sich vor mir versteckt. Hat die ganze Fahrt über kein Auge zugemacht. Der Junge aber ist schon eingeschlafen, als wir über Bristol flogen.“
Dumbledore und Professor McGonagall neigten ihre Köpfe über die Leintuchbündel. In dem einen steckte ein kleines Mädchen, fast noch ein Baby, das sie mit großen, hellwachen Augen anblickte. Genauso wie ihr Bruder hatte sie rabenschwarzes Haar. Der tief schlafende Junge im anderen Bündel, hatte jedoch einen merkwürdigen Schnitt auf der Stirn, der aussah, wie ein Blitz.
„Ist es das, wo – ?“, flüsterte Minerva McGonagall.
„Ja“, sagte Dumbledore. „Diese Narbe wird ihm immer bleiben.“
„Kannst du nicht etwas dagegen tun, Albus?“
„Selbst wenn ich es könnte, ich würde es nicht. Narben können recht nützlich sein. Ich selbst habe eine oberhalb des linken Knies und die ist ein tadelloser Plan der Londoner U-Bahn. Nun denn – gib sie uns, Hagrid –, wir bringen es besser hinter uns.“
Dumbledore nahm Harry in die Arme, während McGonagall das kleine Mädchen aus dem Armen des Riesen nahm. Sie wandten sich dem Haus der Dursleys zu.
„Könnte ich … könnte ich ihnen adieu sagen, Sir?“, fragte Hagrid.
Er beugte seinen großen, struppigen Kopf über die Kinder und gab jedem von ihnen einen gewiss sehr kratzigen, barthaarigen Kuss. Das kleine Mädchen kicherte vergnügt und gab unverständliche Laute von sich. Plötzlich stieß Hagrid ein Heulen wie ein verletzter Hund aus.
„Schhh“, zischte Professor McGonagall, „Du weckst noch die Muggel auf!“
„V-v-verzeihung“, schluchzte Hagrid, zog ein großes, gepunktetes Taschentuch hervor und vergrub das Gesicht darin. „Aber ich k-k-kann es einfach nicht fassen – Lily und James tot - und die armen kleinen Kinder müssen jetzt bei den Muggels leben –“
„Ja, ja, das ist alles sehr traurig, aber reiß dich zusammen, Hagrid, oder man wird uns entdecken.“, flüsterte Minerva und klopfte Hagrid behutsam auf den Arm, während Dumbledore bereits über die niedrige Gartenmauer stieg.
„Wie genau wirst du den Muggeln all das erklären?“, fragte Professor McGonagall ihn, als sie ebenfalls das Grundstück der Dursleys betrat.
„Ich habe ihnen einen Brief geschrieben. Wenn die Kinder alt genug sind, werden ihre Tante und ihr Onkel ihnen alles erklären.“
„Einen Brief?“, wiederholte McGonagall mit erlahmender Stimme und musste nun selbst von Dumbledore gebeten werden, die Muggel nicht zu wecken.
„Wirklich, Albus“, fuhr sie leise fort, „glaubst du, dass du all das in einem Brief erklären könntest?“
„Ich denke es ist besser, wenn sie es aus einem Brief erfahren, als von jemanden, der, so offensichtlich wie ich, nicht in ihre Welt passt.“
Er legte den kleinen Harry sanft vor die Eingangstür, zog einen Brief aus dem Umhang, und steckte ihn zwischen Harrys Leintücher.
Noch immer etwas skeptisch, doch mit großem Vertrauen in Dumbledore, legte Minerva das Mädchen neben ihren Bruder.
Die beiden kehrten zu Hagrid zurück. Eine ganze Minute lang standen die drei da und sehen auf die kleinen Bündel; Hagrids Schultern zuckten, Professor McGonagall blinzelte heftig, und das funkelnde Licht, das sonst immer aus Dumbledores Augen schien, war wohl erloschen.
„Nun“, sagte Dumbledore schließlich, „das war’s … Wir haben hier nichts mehr zu suchen. Wir sollten lieber verschwinden und zu den Feiern gehen.“
„Jaow“, sagte Hagrid mit sehr dumpfer Stimme, „ich bring am besten diese Kiste weg. Nacht, Professor McGonagall – Professor Dumbledore, Sir.“
Hagrid wischte sich mit dem Jackenärmel die tropfnassen Augen, schwang sich auf das Motorrad und erweckte die Maschine mit einem Fußkick zum Leben; donnernd erhob sie sich in die Lüfte und verschwand in der Nacht.
„Wir werden uns bald wiedersehen, vermute ich, Minerva.“, sagte Dumbledore und nickte ihr zu.
„Noch eine Frage, Albus.“, sagte Professor McGonagall. Dumbledore wartete geduldig, bis sie sich die Nase geschnäuzt hatte. „Wie heißt das Mädchen?“
Albus Dumbledore lächelte sie an und sah, mit einem neuen Funkeln in den Augen, zurück zu den Bündeln vor der Haustür der Nummer 4 des Ligusterwegs.
„Raven Potter.“
