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Finny lief 5 Mal an der Tür der Nachbarn vorbei, lief, weil deren Fahrrad eben schon seit einer Woche kaputt war und dey nun zur Schule laufen musste. Ein maximal 15 Minuten Weg wurde zu 40 Minuten.
Und das alles nur, weil Finnys Mutter gesagt hatte, dass dey doch mal bei dem Nachbarn fragen sollte, der mindestens 5 Fahrräder in seinem Schuppen zu stehen hatte, ob der das nicht machen könnte. Finny sah nicht wirklich ein, warum sie das nicht zu dem Laden in der Innenstadt bringen konnten. Dey hatte noch nie mit den Nachbarn geredet. Eigentlich sollte man doch nicht mit Fremden reden.
Den Mann hatte Finny manchmal gehört, hinter der großen Hecke im Garten, durch die man nicht gucken konnte, manchmal auch von deren Zimmer aus, durch das Fenster, wenn er sägte und hämmerte. Was er sägte und hämmerte, konnte man auch nie sehen.
Die Frau schien neuerdings öfters zu Hause zu sein, denn das Auto stand immer da vorne in der Straße. Das war sonst nie da.
An der Haustür drehte sich Finny um und runzelte grimmig die Stirn, rieb sich über diese und die Nase und stampfte die Steinstufen hinunter. Die kurzen blonden Locken wippten dabei auf und ab. Finnys Rucksack verlor halt auf der Schulter, rutschte achtlos nach unten. Dey ignorierte das dumpfe papp und das leise ritsch als der Rucksack auf den Rasen kippte.
Die Nachbarn hatten großen Steinkies vor der Tür, keinen Rasen. Finny nahm einen der runden Steine auf und steckte ihn in die Shorts, für später. Dann baute sich dey vor der massiven Holztür auf und drückte den kleinen Messingknopf. 40 Minuten waren wirklich nicht okay. 40 Minuten waren scheiße.
Zuerst passierte eine Weile gar nichts. Finny wurde langsam nervös, scharrte mit den ausgelatschten Chucks, wandte sich lustlos hin und her, linste durch den Türspalt. Es war nichts von drinnen zu hören. Dann wurde die Tür mit einem Ruck aufgerissen. Finny zuckte heftig zusammen.
"Ja?"
Die Haare der Frau steckten in einem Zopf, der bereits viele viele Haarsträhnen verloren hatte. Ihre Füße steckten in Crocs und auf dem Arm, der sich nicht gerade an der Tür stützte, balancierte sie ein kleines Kind mit Speckärmchen und etwas in Gesicht, was aussah wie Frischkäse. Die Frau hatte auch etwas am Gesicht und an der Trainingsjacke.
"Oh, hi!"
Die Frau lächelte warm, ließ die Tür los und rückte das Kind zurecht, das die Finger auf ihre Jacke patschte und diese noch mehr vollschmierte. Die Frau sah kurz an sich herunter, seufzte nur und lächelte Finny an.
"Hi! Alles okay bei dir?"
Finny verwirrte die Frage. Betreten sah dey zur Seite.
Das Kind brabbelte und wippte in dem Arm der Nachbarin hin und her. "Ja, schon gut, geht gleich weiter", sagte sie zu ihrem Kind.
"Ähm-"
Finny merkte wie deren Gesicht heiß wurde, also sagte dey einfach warum sie hier war, sollte die Frau daraus machen, was sie wollte.
"Mein Fahrrad ist kaputt", sagte Finny, nickte dazu nervös.
Zuerst passierte gar nichts auf dem Gesicht der Frau, dann öffneten sich ihre Lippen zu einem oh.
"Mein Mann macht das. Ich habe echt von Fahrrädern keine Ahnung."
Finny schluckte. Deren Magen krampfte sich zusammen, als da nichts mehr kam, die Nachbarin ins Leere zu schauen schien.
"Ähm-", machte Finny nochmal.
"Können Sie vielleicht mein Fahrrad reparieren?"
Das Kind zappelte und wurde mit einem Seufzen auf den Boden gelassen. Es hinterließ kleine Käse-Fingerabdrücke auf der Jeans der Frau. Finny unterdrückte ein Grinsen.
"Klar, bestimmt. Mein Mann ist hinten im Garten, geh doch einfach 'rum, ja?"
"Okay."
Was sagt man da?
Finny hörte das Echo von deren Mama in deren Kopf, doch dey war schon dabei das Fahrrad zu holen, jetzt war es auch zu spät.
Finny schob das Fahrrad den schmalen Steinpfad zwischen Haus und Zaun hinunter in den kleinen Garten, blinzelte gegen die Sonne und fand sich auf einer eckigen Rasenfläche wieder. Bei dem Haus, auf der ebenso kargen Steinterrasse, standen zwei Liegestühle, ein Tisch, sonst nichts. Auf der Rasenfläche lagen Holzplatten und etwas, das aussah wie Maschendrahtzaun. Auf der geöffneten Tür des Schuppens drang unverständliches Grummeln und dann ein Knall.
"Fuck!"
"Adam? Kommst du mal?"
Finny hatte gar nicht bemerkt, wie die Frau auf die Terrasse getreten war.
In gebückter Haltung schlängelte sich ein hagerer Mann aus dem Schuppen. Sein T-Shirt hatte verschiedene Streifen von schwarzem Schmutz und Farbkleckse, seine Jeans ebenso. Sein Knie leuchtete blass durch die Hose. Er wischte sich unwirsch über den mausbraun-grauen Pony, der sofort in Strähnen zurück in seine Augen fiel.
"Ja?", sagte er und schaute missmutig drein, fokussierte Finny und legte den Kopf schräg.
"Kannst du das Fahrrad reparieren?", sagte die Frau hinter Finny.
Adam seufzte und klopfte sich die Hose ab. Er zog sich die Handschuhe ab und warf sie in Richtung der Holzsammlung auf dem Rasen.
Er krümmte zwei Finger in der Luft.
"Zeig mal her!"
Finny schob das Rad über den Rasen. Der Nachbar nahm dey den Lenker aus den Händen, ging in die Hocke.
"Was hast du denn da gemacht?"
"Weiß nicht", murmelte Finny. Dey wusste es ganz genau, ahnte es zu mindestens, konnte es sich zusammenreimen von der Tatsache, dass dey es so in dem Fahrradständer auf dem Schulhof wiedergefunden hatte.
"Naja- ich denk' schon. Dauert aber."
"Schön", sagte die Frau hinter ihnen.
"Hey, Große-" Adams Gesicht hellte sich auf, als sich die kleinen Speckärmchen in seine Richtung streckten. Die Haut um seinen Mund und seine Augen schien zu knittern als er lächelte.
"Ich bin ganz dreckig."
"Ich glaube, das ist egal", sagte seine Frau und reichte ihm das Kind, das zu mindestens kein Käse zum Abwischen mehr an den Händen hatte. Das klebte alles an der Mama.
Vater und Tochter schauten auf Finny herab, beide hatten die gleichen Augen, die gleiche kleine ernste Falte auf der Stirn.
"Sind Osterferien, oder?"
"Ja." Finny nickte.
"Gut, bis die Schule wieder anfängt hast du das wieder, klar?"
Finny schaute auf den Boden.
Was sagt man da?
Das Kind gab ein Quieken von sich.
"Danke", sagte Finny leise.
"Klar", sagte die Frau.
"Was bauen Sie da?", lenkte Finny ab, deutete in Richtung der Platten.
Adam ließ sein Kind auf den Rasen herunter und musterte den Haufen Holz, stemmte die Hände in die Hüften. "Einen Stall. Pia möchte unbedingt Kaninchen."
"Wir möchten beide Kaninchen", korrigierte Pia, zog den Zopfgummi aus den langen Haaren und fuhr die Finger hindurch, schüttelte sie nach hinten aus. Finnys Gesicht konnte nicht anders, als sich aufzuhellen.
"Klar, sicher." Trotz des sarkastischen Tonfalls lächelte der Mann. Mit einem Ächzen setzte er sich zu dem Kind auf den Rasen, schien das Fahrrad völlig vergessen zu haben.
"Cool", sagte Finny leise.
"Ja, ich bring's dann rüber", sagte Adam und lächelte wieder so, reichte seinem Kind den Zeigefinger und schaute nicht mehr auf.
Finny nickte. Wortlos entfernte dey sich von der Familie. Später hörte dey sie noch durch deren geöffnetes Fenster. Die beiden Eltern unterhielten sich leise, worüber konnte Finny nicht verstehen.
Dey hätte auch gerne Kaninchen.
