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Der Weltraum des Menschen ist die Erde

Summary:

Richard und Markus sind beide mehr oder weniger in Rente und haben jetzt endlich Zeit, das zu tun, was sie sich vor Jahren aus Spaß im Podcast versprochen haben:
Zusammen in einen Leuchtturm ziehen.
Und irgendwie auch den Rest ihres Leben zusammen zu verbringen..

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Chapter Text

Markus fragte sich unweigerlich, ob Richard den Gag mit dem zusammen in einen Leuchtturm ziehen irgendwann auflösen würde, denn gerade packte er seine Hemden in einen Karton und schmiss mindestens die Hälfte weg. 90% von ihnen sahen sowieso gleich aus.
Er hatte übrigens auch kein Interesse daran, den Gag aufzulösen, falls man es überhaupt noch als solchen bezeichnen konnte. Noch vor ein paar Jahren, als sie im Podcast hinter einer dicken Schicht Ironie zum ersten Mal darüber nachgedacht hatten, in einen leerstehenden Leuchtturm zu ziehen, war er nicht mal in seinen kühnsten Träumen davon ausgegangen, dass das tatsächlich irgendwann passieren würde.

Aber beschweren wollte er sich sicher nicht, er hatte schließlich fast ohne nachzudenken zugestimmt. Nun ja, nach dem freiwilligen Ende seiner Sendung hatte er überraschend viel Zeit. Er würde jetzt nicht von sich sagen, dass er in Rente war, den Podcast mit Richard machte er schließlich noch, aber verglichen mit seinem vorherigen Arbeitspensum war jeder Tag jetzt wie ein Mittelmeerurlaub. Gut, was das Wetter anging, vielleicht nicht, in Hamburg war er den Sprühregen aber wenigsten gewohnt. Vielleicht würde das Wetter direkt an der Nordseeküste, am Norddeutschen Strand, sogar etwas besser sein.

Als sie das im Podcast besprochen hatten, ging es auch um das Weltall, das war noch immer eine seiner persönlichen Lieblingsfolgen, wenn er ehrlich war. Er hörte sie sich sogar nochmal an, während er seine Sachen für den Umzug (oder eher die Zweitwohnung) packte. Nach so vielen Jahren Medienarbeit war er es eigentlich gewohnt, sich selbst reden zu hören, ihn verfolgte ja auch das Klischee, dass er das nur allzu gern tat, aber den Podcast hörte er sich grundsätzlich nicht selbst an. Obwohl er nicht eingebildet war, musste er zugeben, dass die Folge ziemlich gut war, so rein thematisch. Sie hatten darin einige Randnotizen des Jahres 2024 besprochen, darunter auch eine Stellenausschreibung als Leuchtturmwärter, woraufhin Richard sich sofort bereiterklärt hatte, den Job irgendwann zu machen.

Markus war natürlich voll darauf aufgesprungen und hatte einfach unüberlegt angeboten, mit ihm in den Leuchtturm zu ziehen. Richard nahm den Vorschlag zwar nicht ernst, aber versuchte dennoch, Gründe zu finden, warum das nicht ging. Markus musste schmunzeln, als er in sein früheres Ich zurückversetzt wurde, das versuchte, Richard von dieser, zu diesem Zeitpunkt sehr hypothetischen Überlegung zu überzeugen.
Richards Hauptargument war natürlich, dass da oben viel zu wenig Platz war und sie dann in einem Schlafzimmer schlafen müssten. Selbstverständlich nur aus der Angst, Markus würde schnarchen, was dieser auch wahrheitsgemäß bejaht hatte, na klar.

Und dann noch dieser merkwürdige Halbsatz von ihm, von wegen ‚Minimaler Sicherheitsabstand zwischen den Betten‘, da hätte er auch gleich ‚no homo, bro‘ sagen können. Er wollte beim Hören dieser Stelle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber die waren gerade zu beschäftigt damit, Teller in einen Umzugskarton zu legen, in der Hoffnung, diese würden die Fahrt irgendwie überleben. Naja, wenigstens waren sie da beide jetzt weiter, wer sagte denn, dass zwei Freunde nicht ohne Sicherheitsabstand in einem Bett, oder zumindest wie geplant in einem Raum, schlafen konnten?
Er war im Nachhinein sehr froh über den Vortrag über fragile Männlichkeit, den ihm sein Sohn aus dem Affekt heraus gehalten hatte, als Markus anscheinend mal wieder leicht über die Strenge geschlagen hat. Und darüber, dass er seine neuen Erkenntnisse auch Richard mitgeteilt hatte, das war für sie beide irgendwie eine Entlastung gewesen.

Richard war zwar nicht wie befürchtet im Alter taub geworden, aber Markus’ Schnarchen sollte trotzdem kein Problem sein, denn nachdem der wahnsinnige Sendungsstress von ihm abgefallen war, war es fast gänzlich verschwunden, er schnarchte allerhöchstens, wenn er erkältet war. Diese Information war für Richard der Tropfen gewesen, der das leuchtturmförmige Fass zum überlaufen brachte. Nachdem Markus ihm das gesagt hatte, zeigte Richard ihm die Immobilie, die neue Besitzer suchte. Und genau wie er erinnerte sich Markus sofort an diese eine Folge zurück, an deren Ende sie sich gegenseitig genau das, was jetzt vor ihren Augen lag, versprochen hatten.
Und irgendwie fanden sie nun auch keine Gegenargumente mehr. Keine Gründe, es nicht zu machen.

Richard hatte sich natürlich auch noch nicht aus dem Berufsleben verabschiedet, aber von öffentlichen Auftritten hatte er seit längerem eher abgesehen. Trotzdem, ohne seine Gedanken aufs Papier, oder eher den Laptopbildschirm, zu bringen, konnte er vermutlich nicht leben. Aber viel Raum nahm er beim Schreiben ohnehin nicht ein und er hatte Markus gesagt, das Klima an der Nordsee und der Blick aufs Wasser würden ihn bestimmt inspirieren. Seine gesellschaftskritischen Bücher hatten sich seiner Meinung nach irgendwann auserzählt, deswegen war er gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurückgekehrt und schrieb Romane. In die er, wie Markus mit der Zeit bemerkte, auch seine eigenen Gefühle behutsam verpackt einbettete.
Und so schlecht liefen diese auch nicht, zwar waren die Verkäufe schon ein wenig zurückgegangen, aber die generelle Rezeption war großteilig besser als die seiner vorherigen Bücher.

Markus atmete einmal kräftig durch die Nase aus, als ihm auffiel, dass sich das hier gerade so anfühlte, als wären Richard und er jetzt zusammen und würden ihre zwei Haushalte zusammenlegen. Eine organisatorische Mammutaufgabe war das aber glücklicherweise nicht, denn der Leuchtturm sollte ja gewissermaßen nur ihre Zweitwohnung sein, wenn sie sich gegenseitig zu sehr nervten, hatten sie also auch eine Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. Wobei Markus eigentlich nicht davon ausging, dass das passierte.
Dafür verstanden sie sich einfach zu gut. Sonst würden sie das hier auch nicht machen. Natürlich zeigte ihnen der Podcast auch immer wieder ihre inhaltlichen Differenzen auf, aber menschlich kamen sie sehr gut miteinander klar.

Markus‘ Handy spielte einen Ton ab.
Das musste Richard sein! Ein Lächeln flog über sein Gesicht, als er die Nachricht öffnete.
Es war ein Foto des, nein, ihres Leuchtturms, Richard war schon einen Tag früher da als Markus.
Während Markus das Bild begutachtete, kamen eine Reihe neuer Fotos auf ihn zu. Jetzt konnte er den Leutturm auch mal von innen begutachten. Die Wohnfläche war zwar kein Vergleich zu seiner eigentlichen Wohnung, aber doch größer, als man es in einem solchen Gebäude erwarten würde.

„Ich freu mich schon :-)“ antwortete er.
„Geht mir genauso.“ kam von Richard zurück.
Wie konnte es sein, dass jemand, der den lieben langen Tag Texte schrieb, immer so staubtrockene Nachrichten schickte?? Mittlerweile wusste er, dass Richard das netter meinte, als es aussah, trotzdem konnte er nicht anders, als das ein wenig bizarr zu finden.
Naja, egal. Markus freute sich jedenfalls riesig!
Und das, obwohl er viel zu viel Zeit dafür aufgewandt hatte, Richard zu überzeugen, nicht alle Bücher, die er besaß, mitzunehmen, weil die Wohnung dann wahrscheinlich nicht mehr betretbar wäre.
Diese Auseinandersetzung hatte Markus ausnahmsweise sogar gewonnen und Richard nahm nur so viele Bücher mit, wie in das Bücherregal passten. Da er zur Zeit ausschließlich Romane schrieb, brauchte er ohnehin weniger Recherche-Sachbücher als noch vor einigen Jahren. Und Markus selbst laß jetzt, wo er Zeit hatte, zwar mehr Bücher, aber die waren eigentlich alle in E-Book-Form vorhanden.

Er klebte den Pappkarton zu und schickte einige Stoßgebete dafür raus, dass sein Geschirr heil ankommen würde. Dann stellte er die Kiste zu den anderen. Bald müsste er eigentlich fertig sein mit dem Packen, sie hatten sich schließlich abgesprochen, wer was mitnahm. Außerdem war es kurz vor 18 Uhr und er hatte seit dem Mittagessen nichts mehr gegessen.
Der Gedanke an etwas Essbares überzeugte ihn letztendlich, mit dem Packen aufzuhören und sich ein Brot zu schmieren. Während er aß, schaltete er mal wieder den Fernseher an und wunderte sich darüber, dass dieses Medium einfach nicht sterben wollte. Naja, wahrscheinlich würde es mit seiner Generation weitestgehend zu Grunde gehen, was im Umkehrschluss bedeutete, dass es noch einige Zeit zu leben hatte.

Und sein Heimatsender strahlte immer noch den lieben langen Tag Bares für Rares aus. Na wenn es das war, was die Leute sehen wollten. Und anscheinend war es auch das, was Markus sehen wollte, denn er interessierte sich dann doch dafür, wie viel die Silberkette aus 1890 eigentlich Wert war. Während Horst Lichter im Hintergrund die Händlerkarte übergab, dachte Markus nochmal darüber nach, dass Richard David Precht mit ihm in einen Leuchtturm ziehen wollte. Ganz kurz fühlte er sich, als würde er Achterbahn fahren, ohne sich sicher zu sein, warum.
Selbst nach all den Jahren war seine Bewunderung für Richard nicht abgeklungen, wie denn auch? Er schrieb nach wie vor tolle Bücher, war sehr eloquent und, das musste man schon zugeben, auch ein objektiv attraktiver Mann. Mit seinen Haaren und seinem Lächeln und auch ein bisschen mit seiner Sturheit. Er durfte Markus sehr gerne in Grund und Boden argumentieren..

Markus seufzte und entschied sich, dass er heute nicht mehr packen würde. Er war sowieso so gut wie fertig. Stattdessen verbrachte er den Abend in irgendwelchen Tagträumen bei laufendem Fernseher, bis er sich schließlich um 21:30 Uhr entschied, ins Bett zu gehen.
Morgen musste er früh raus.

Als sein Wecker klingelte, war er schon wach.
Ihm war es fast ein bisschen peinlich und er hatte auch nicht vor, das Richard zu sagen, aber er hatte nicht sonderlich viel geschlafen, weil er aufgeregt war.
Gestern Nacht hatte ihm Richard noch ein Foto der teilweise eingerichteten Wohnung geschickt, das er jetzt begutachtete. Sie sah wirklich gemütlich aus. Ein Teppich würde dem Boden aber definitiv gut tun, das schrieb er Richard auch gleich, um es nicht zu vergessen. Dieser antwortete binnen Sekunden mit einem Daumen-hoch-Emoji. Markus wäre sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mal sicher gewesen, ob Richard wusste, was Emojis waren.

Markus wälzte sich aus dem Bett, duschte, zog sich um und fing an, die restlichen Kisten in sein Auto zu räumen. Weil er schon etwas Vorarbeit geleistet hatte, dauerte das gar nicht so lange. Bevor er losfuhr, nahm er sich noch einen Apfel, den er während der Fahrt aß. Er hatte zwar eine deutlich kürzere Anreise als Richard, aber trotzdem zog sich die Fahrt. Das lag wahrscheinlich daran, dass gerade Samstagmorgen war und viele Menschen auf den Straßen irgendwo hin wollten. Zu Verwandten, Bekannten, mal wieder die Oma im Seniorenheim besuchen, einen Tag mit Freunden in der Stadt, ein Date in einem Café mit jemandem, den man schon Jahre kannte…

Stimmt, Markus wollte sich eigentlich noch vor der Abfahrt einen Kaffee machen. Das hatte er jetzt glatt vergessen, aber seine Müdigkeit hielt sich gerade sowieso eher in Grenzen. Das lag vielleicht auch ein bisschen an dem hyperaktiven Morningshowmoderator, der ihn durch das Radio anschrie und den Namen des Senders extra oft wiederholte, damit Menschen, die bei Telefonumfragen mitmachten (Rentner), gar nicht anders konnten, als den Namen ebendieses Senders zu nennen.
Radioquotenmessung war auch eine Sache für sich. Die Quotenbox beim Fernsehen wurde nach Jahrzehnten der Alleinherrschaft mittlerweile durch die gute alte, sowieso im Smart-TV integrierte Überwachung ersetzt, bei DWDL in der Quotennachbesprechung waren seine Daten vermutlich sowieso sicherer als in Elon Musks Bankschließfach.
Aber die armen Schweine von den Meinungsforschungsinstituten mussten noch immer bei Menschen mit Festnetzanschluss (Rentnern) anrufen und ihren Lieblingsradiosender abfragen.

Er selbst war natürlich Radio Hamburg treu geblieben, auch wenn er damals rausgeschmissen wurde. Zu vielen der Kolleginnen und Kollegen hatte er auch heute noch Kontakt. Mit Anja, die damals auf dem Song, der zu seinem Rauswurf geführt hat, mitwirkte, hatte Heinz Strunk einige Jahre zuvor sein erstes Album aufgenommen und eine bunte Auswahl Hackgerichte gegessen.
Ach Hamburg, du kleine Welt.

Markus verstand von städtischem Lokalpatriotismus genau so wenig wie von Rivalitäten zwischen Fußballvereinen, aber Hamburg hatte sich im Laufe der Zeit wirklich zu einer echten Heimat für ihn gemausert. Obwohl natürlich nichts auf der Welt mit den Südtiroler Bergen mithalten konnte!

Jetzt bekam er eigentlich das Kontrastprogramm zu seiner Kindheit, das Meer.

Und wenn er sich das nicht einbildete konnte er das Meersalz auch schon riechen. Das Fenster machte er trotzdem lieber mal zu, es war immerhin noch nicht mal richtig Sommer und erkälten wollte er sich nicht unbedingt. Wenn der Verkehr sich jetzt in normaler Geschwindigkeit weiterbewegte, müsste er in ein paar Minuten da sein. Bei Richard.
Und so saß Markus fünfzehn Minuten, ohne es zu merken, grinsend am Steuer und düste über die Autobahn.
Langsam konnte er die Dünen und das Meer erahnen. Jetzt musste er das Fenster doch wieder aufmachen, die gute Luft konnte er sich nicht entgehen lassen. Wenn man sonst in Hamburg wohnte, wusste man das besonders zu schätzen.

Und da sah er ihn.
Nicht Richard, sondern den Leuchtturm. Richard war aber wahrscheinlich drinnen.
Der Leuchtturm sah wirklich aus, wie man sich ihn vorstellte, rot-weiß gestreift, relativ hoch und unten war der metallene Eingang.

Dort lief Markus auch hin, seine Sachen hatte er erstmal im Auto gelassen. Zu seinem Erstaunen gab es sogar eine Klingel, die er auch gleich drückte. Ein Klingeln ertönte und er hörte Schritte, die die Treppe förmlich hinunter rannten aus dem Inneren des Turms. Dann öffnete sich die Tür und Richard stand endlich vor ihm.
Er hatte, wie so oft, einen Strickpullover an, der ihm (natürlich) super stand.

Ähh, wollten sie sich jetzt die Hand geben, oder nur hallo sagen, oder-
Richard umarmte ihn kurzerhand.

Markus wäre am liebsten für immer so verharrt, aber das war ihm nicht gegönnt. Sie lösten sich wieder und Richard ergriff das erste Wort: „Guten Morgen, Markus.“
„Guten Morgen, Richard.“ antwortete Markus mit einem Lächeln auf den Lippen. Wenn das hier schon wie der Podcast anfing, könnte er das Spiel auch noch ein bisschen weiterspielen.
„Richard, wo erreiche ich dich?“ Richard musste nun auch schmunzeln.
„Nett, dass du fragst, ich bin gerade mit meinem Kollegen und sehr guten Freund in einen Leuchtturm gezogen.“
„Ach was? Ich auch!“

Sie traten beide durch die Stahltür, die erstmal nicht auf einen gemütlichen Innenraum hindeutete. Aber der Schein trügte offensichtlich, denn drinnen sah es, wie Markus auch schon auf den Fotos gesehen hatte, wirklich ganz ansehnlich aus. Gut, es standen noch überall Kartons, vermutlich mit Richards Zeug, auf dem Boden.
„Und?“ fragte Richard. „Wie findest du’s?“
„Eigentlich noch schöner als auf den Fotos.“
„Und uneigentlich?“
„Auch.“ Markus lächelte.

Das alles fühlte sich immer noch irgendwie unwirklich an, obwohl er jetzt hier stand und sich die einzelnen Etagen anschaute.
„Ich kann dir ja mal die Zimmer zeigen.“ sagte Richard und ging voraus, Markus folgte ihm.
Die Treppe musste wohl noch aus der Zeit sein, als dieser Leuchtturm aktiv in Betrieb war, denn die Stufen sahen gerade aus, aber wenn man drauftrat, merkte man, dass sie ein klein wenig windschief waren. Wäre er hier in seiner Studentenzeit gewesen, hätte ihm diese Treppe betrunken, also er, nicht die Treppe, vermutlich das Genick gebrochen. Zum Glück war er schon lange kein Student mehr und sich auf Partys gottlos zu besaufen, war auch nicht so sein Ding.

Er zeigte ihm das Badezimmer, das so aussah, wie man sich ein modernes Bad in einem Leuchtturm eben vorstellte, blau gefliest. Thematisch natürlich mit einigen Anker- und Strandmotiven versehen, sei es der Seifenbehälter, die dekorativen Fliesen, oder der Duschvorhang. Wenn es einen begrüßen könnte, würde es vermutlich „Ahoj!“ sagen.

Danach die, zugegeben sehr hübsche, kleine Küche.
Diese war eher schlicht in Beige- und Brauntönen gehalten und auch kahler als das Badezimmer. Aber der runde Grundriss, der hier ja zwangsmäßig gegeben war, tat der Küche sehr gut, genau wie die Holzvertäfelung, die auch zu den Schränken passte.

Sie stiegen die Treppe weiter hoch. Selbstverständlich bemerkte Markus, dass Richard dabei eine Etage „übersprang“. Er machte sich aber nicht die Mühe, das anzusprechen, vor allem, weil er sich einigermaßen denken konnte, warum Richard das vorerst tat.

Ganz oben war das Wohn- und Arbeitszimmer. Dieses beinhaltete ein relativ großes Bücherregal, welches noch leer war. Aber Richard war offensichtlich schon fleißig gewesen, denn vor dem Regal waren ein paar Kisten, in denen seine Bücher waren, gestapelt.
„Ich muss mir noch überlegen, wie ich die Bücher sortiere.“ murmelte er und sah aus, als würde er gerade in diesem Moment über irgendwelche Ordnungssysteme nachdenken.
Ansonsten stand dort noch ein Schreibtisch inklusive Bürostuhl, der so aussah, als wäre er nur hier reingestellt worden, um sagen zu können, dass es hier ein Arbeitszimmer gab. Denn insgesamt war dieser Raum deutlich mehr Wohnzimmer als Büro, was auch durch das, zugegeben, relativ hässliche Sofa und den Fernseher klar wurde.

Ansonsten hingen noch ein paar Bilder an der Wand, in erster Linie vom Meer, was eigentlich absurd war, weil man es ein paar Zentimeter weiter, wenn man aus dem Fenster blickte, in echt sehen konnte. Zumindest wenn das Wetter, wie heute, gut war. So langsam wurde es tatsächlich mal Frühling. Markus hatte schon nicht mehr daran geglaubt, wenn er ehrlich war. Wobei, dank dem Klimawandel wurde diese Jahreszeit wahrscheinlich deutlich eher eingeleitet als noch vor ein paar Jahrzehnten. Nicht mal über den Frühlingsanfang konnte man sich heutzutage noch ehrlich freuen!

Richard war anscheinend fertig damit, im Kopf die Bücher einzusortieren und wandte sich wieder Markus zu.
„Zum Schluss schauen wir uns noch das Schlafzimmer an.“ sagte er. Markus konnte sein Gesicht nicht sehen, weil er vorausging, aber er war sich sicher, dass Richard gerade verunsichert aussah. Der Fakt, dass der durchschnittliche Leuchtturm eigentlich keine zwei Schlafzimmer hatte, so auch dieser hier nicht, war eigentlich der Grund gewesen, nicht zusammenzuziehen, aber irgendwann waren sie beide mit dem Gedanken, in einem Raum zu schlafen, klargekommen.
Vor allem, weil sich Markus‘ Schnarchen mit dem riesigen Stressabfall selbst beseitigt hatte.

Markus folgte Richard eine Etage nach unten, das war die, die sie übersprungen hatten. Er wollte hoffen, dass sich Richard einfach das Beste zum Schluss aufhob, aber seinem Verhalten nach konnte er hier nicht sonderlich optimistisch sein.
Sie traten in den Raum ein und Markus wurde überrascht…

Von einem stinknormalen Schlafzimmer.
Sogar ein recht schönes, wie er zugeben musste.

Aber Richard sagte leicht zerknirscht: „Ich war mal so frei.“ und deutete auf die Betten. Als er genauer hinschaute, bemerkte Markus, dass sie circa einen halben Meter voneinander entfernt standen. Also was genau meinte Richard? Klar, offensichtlich war sein Satz auf die Betten bezogen, die übrigens identisch waren. Hieß das, dass er sie auseinander geschoben hatte und sie vorher wie ein Doppelbett aneinander standen?
Oder wollte er ihm damit bedeuten, er habe die Betten näher zueinander gestellt?
Markus sah keine dieser beiden Möglichkeiten als wahrscheinlicher als die andere an, wobei er sich eine davon deutlich eher wünschte.

Jetzt war schon zu viel Zeit vergangen, seit Richard diesen kleinen Halbsatz gesagt hatte, um ihn nochmal zu fragen, worin er denn jetzt genau ‚mal so frei‘ war. Also ließ er es.
Zumindest vorerst.
Stattdessen schaute er sich endlich mal den Raum selbst an. Dieser war, so wie die Küche, eher beige gehalten und auch recht schlicht. Trotzdem sah er, auch aufgrund der nicht besonders beachtlichen Größe, sehr gemütlich aus. Und hier gab es nicht nur normale Fenster, sondern sogar einen Balkon. Den hatte Markus beim Herfahren gar nicht gesehen, denn er zeigte direkt zum Meer.

Er ging sofort durchs Zimmer, um die Balkontür zu öffnen. Richard folgte ihm.
Markus öffnete die leicht knarzende Tür und ein kühler Luftzug kam ihm entgegen. Die Sonnenstrahlen fielen jetzt noch direkter in das Zimmer hinein. Sie traten beide auf den Balkon.
„Wirklich schön hier.“ sagte Markus und Richard stimmte ihm mit einem „Hm.“ zu, während sie das Meer betrachteten, dass sich auf und ab bewegte und Markus ruhig anlächelte. Er lächelte zurück.

Plötzlich kam ihm eine Idee.
„Richard, meinst du, man kann da schon rein?“
„Ins Meer? Ich würde sagen, höchstens bis zu den Knien.“
„Wollen wir?“ fragte Markus und ging, ohne auf eine Antwort zu warten, in Richtung Treppe nach unten. Er war sich sicher, Richard würde spätestens, wenn Markus unten war, mitkommen.

Und er sollte Recht behalten.
Als er schon fast am Wasser war, drehte er sich noch einmal um und schaute auf den Balkon, wo Richard nun nicht mehr stand. Stattdessen kam er jetzt auch aus der Tür und lief auf Markus zu.

Markus musste sich zwingen, ihn nicht die ganze Zeit anzustarren. Nach kurzer Zeit waren sie beide zum Wasser gelaufen, gerade herrschte Flut. Er zog Schuhe und Socken aus, um in die Wellen treten zu können. Richard wartete erstmal ab, wahrscheinlich, weil es heute nicht besonders warm war.

Als Markus das Wasser an seinen Füßen spürte, schauderte er erst einmal. Aber der Sand und das Meer führte dazu, dass er sich bestärkt darin fühlte, dass es richtig war, hier zu sein. Mit Richard.
So stand er eine Weile da, den Blick auf das vor ihm liegende Meer gerichtet. So langsam machte die Kälte ihm nichts mehr aus.

Trotzdem bekam er eine Gänsehaut, das lag aber weniger an den Temperaturen als an der Hand, die sich sorglos auf seine Schulter legte.
„Und, wie kalt ist es?“ fragte Richard, der keine Anstalten machte, seine Hand von Markus‘ Schulter zu nehmen.
„Geht.“ antwortete Markus. „Aber du musst schon selbst schauen.“ Er drehte den Kopf zu Richard, der daraufhin leider seine Hand von Markus’ Schulter wegnahm, um seine Schuhe auszuziehen.

Er wunderte sich ein wenig, dass Richard wirklich gar keine Reaktion auf die Wassertemperatur zeigte, aber jedem das Seine (oder so). Er krempelte sogar seine Hosenbeine hoch und ging noch weiter ins Wasser hinein. Markus lief selbstverständlich hinterher und gab sich größte Mühe, auf keine der kleinen Krabben zu treten, die im Meer herumschwommen. Die hatte offensichtlich auch Richard bemerkt.

„Schau mal, eine Schwimmkrabbe!“ Richard hatte sehr behutsam, mit der Eleganz eines Philosophen, der sich hobbymäßig für Zoologie interessierte, eine kleine Krabbe auf seinen Handrücken genommen und Markus watschelte zu ihm hin. Er schaute sich die Krabbe, die Richard ihm hinhielt, mehr oder minder interessiert an. Eigentlich fand er interessanter als das Tierchen selbst, dass Richard es geschafft hatte, dass es ausharrte und ihn nicht zwickte.

Nach ein paar Augenblicken legte er die Schwimmkrabbe dann doch wieder ins Wasser.
„Süß, oder?“ fragte Richard.
„Joa.“ antwortete Markus. Seine Definition von süß waren eher Katzen oder Kaninchen, vielleicht sogar noch Fledermäuse, als irgendwelche dahergeschwommenen Meerestiere, aber Richards Begeisterung nahm ihn trotzdem immer sehr leicht mit.

Es ist übrigens tatsächlich so, dass man mit Menschen, die man sympathisch findet, leichter mitfühlt. Also waren Markus‘ Gefühle wirklich kein Wunder. Er widerstand gerade dem Drang, etwas Wasser in Richards Richtung zu treten, als dieser-

„Hey!“
Das Hose Hochkrempeln nützte herzlich wenig, wenn Richard offensichtlich Markus‘ Gedanken gelesen hatte.
„Schau, ist gar nicht so kalt.“
Markus musste fast schon reflexmäßig lachen, weil Richard ihn so süffisant anschaute, ehe er selbst Wasser in seine Richtung schleuderte.
„Das Wasser ist doch fast so warm wie im Mittelmeer.“ lachte er.
Richard schaute gespielt enttäuscht und schüttelte den Kopf, so als hätte Markus nicht gerade genau dasselbe gemacht, wie er.

Herumalbern war Markus gar nicht mehr gewohnt, aber es tat ihm irgendwie gut.

Trotzdem fiel ihm irgendwann auf, dass seine Sachen immer noch im Auto waren und er die eigentlich mal in den Leuchtturm schaffen sollte. Und umziehen müsste er sich auch mal langsam.
„Ich glaub, ich muss mal meine Sachen holen.“ sagte er zu Richard. Dieser folgte ihm aus dem Wasser.
„Ich helf dir bisschen, dann geht’s schneller.“ antwortete er im Laufen.
„Danke.“ gab Markus zurück und lächelte Richard an.

Und bald schon trugen sie zusammen Markus‘ Kisten in den Leuchtturm.

Nachdem alles aus dem Auto ausgeladen war, machte Richard einige Dehnübungen und als Markus ihn fragend ansah, sagte er nur: „Rückenschmerzen vorbeugen.“
Markus fragte sich, ob vorbeugen ein anderes Wort für bekämpfen war, denn er selbst, der ja ein paar Jahre jünger als Richard war, hatte definitiv keine Chance mehr, irgendetwas vorzubeugen. Aber wer weiß, vielleicht machte Richard das schon so lange, dass es tatsächlich etwas brachte. Zutrauen würde er ihm das zumindest.
Wobei, Richard war auch oft genug der Unvernünftigere der beiden, oder zumindest ähnlich unvernünftig wie Markus, wenn es um seine eigene Gesundheit ging. Das änderte sich jetzt aber hoffentlich, allein wegen des Ausscheidens aus dem Berufsleben. Und wenn nicht, dann musste Markus ihm eben ein bisschen in die richtige Richtung schubsen..

„Wohin soll das hier?“ unterbrach Richard seinen Gedankenfluss, der eigentlich eher ein innerer Monolog war.
„Hm, ich denke, das kann im Wohnzimmer bleiben.“ antwortete Markus.

So oder so ähnlich ging das noch eine ganze Weile, denn Markus hatte es sich mehr oder weniger zur Pflicht gemacht, seine Umzugskartons nicht wochenlang unberührt herumstehen zu lassen und Richard half ihm bei diesem Vorhaben.

Mittlerweile war es so dunkel draußen, dass sie die Deckenlampe anschalten mussten. Trotzdem war natürlich noch viel zu tun. Nach kurzer Zeit merkte Markus, dass Richard gar nicht mehr hier war. Doch bevor Markus irgendetwas unternehmen konnte, kam Richard von oben die Treppe herunter.

„Markus, komm mal mit!“ rief er freudig. Markus hob eine Augenbraue, aber Richard sagte ihm nicht, warum. Das musste er anscheinend selbst sehen. Also ging er Richard hinterher die Treppe hinauf ins Schlafzimmer und dann raus auf den Balkon. Richard riss die Tür förmlich auf, der Wind fegte die Vorhänge in ihre Richtung, wenn sie nicht festgemacht wären, wären sie glatt bis aufs Bett geflogen. Von draußen aus der Nacht kam ein Sog.
Markus sah jetzt, warum Richard so euphorisch war.

Es war, als hätte jemand unendlich viele Lichter über ihnen ausgekippt. Markus nahm die eisige Kälte gar nicht wahr. Er musste einen Moment Luftschnappen, keine Lichtvermutzung, kein garnichts konnte das hier kaputt machen.

Sterne. Sterne. Sterne. Einfach überall. Soweit das Auge reichte und noch viel weiter.

Diese kleinen Lichtfunken, die sich so nah anfühlten, obwohl er doch wusste, dass sie unerreichbar waren. Irgendwann konnte er seinen Blick abwenden, um Richard anzuschauen. Und um zu merken, dass dieser gerade dasselbe tat. Ihn anschauen. Wenn er selbst gerade annähernd so aussah wie Richard, dann konnte Markus das auch sehr gut verstehen.

Er wusste ja, dass Richard gut aussah, klar, aber das war ein neues Level. Markus sah die Sternensplitter auf seiner Haut wie Glitzer. Und in seinen Haaren, besonders in seinen Haaren. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass Richard sich beschämt wegdrehen würde, er hatte Markus ja schließlich angestarrt und war erwischt worden.
Aber das tat er nicht, im Gegenteil.

Markus fühlte sich, als würden die Sterne, die sich in Richards Augen spiegelten, durch seinen Blick direkt in sein Herz projiziert. Umständlicher Weg, da hätten sie gleich vom Himmel aus dorthin springen können. Kann natürlich auch sein, dass es mehr an Richard lag, als an irgendetwas anderem.

Notes:

Ich hab’s auch endlich mal wieder geschafft, was fertig zu schreiben! Wahrscheinlich werde ich noch weitere Kapitel schreiben, ich weiß nur noch nicht so richtig, ich welche Richtung ich gehen will, aber mal schauen.

Anyway, danke fürs lesen! :)
Und danke an Keo für emotionalen Beistand bei allem, was Pranz betrifft hahaha

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