Work Text:
Er musste es Colin sagen. Das hatten ihm auch Ava und Joel gesagt und beide waren unglaublich supportive gewesen.
„Wenn du sagst, du bist ein Junge und heißt Noah, dann bist du auch einer. Da hat niemand sonst was mitzureden“, hatte Ava gesagt.
Außer Ava und Joel wusste es bisher nur Herr Chung. Dem hatte Noah vorher eine Email geschrieben und ihn gebeten, seinen Namen überall zu ändern, wo es rechtlich möglich war, aber seinen Eltern bitte nichts davon zu erzählen. Wenn er schon auf dieses Scheißinternat gehen musste, dann wenigstens unter seinem richtigen Namen.
Es hatte funktioniert. Er war ins Jungszimmer eingeteilt worden und alle benutzten den Namen Noah und er/ihm Pronomen für ihn. Nur seine Haare konnte er immer noch nicht schneiden. Das würde auffallen, wenn er in den Ferien nach Hause fuhr. Außerdem war schon eine Menge Überzeugungsarbeit nötig gewesen, um seine Mutter zu überreden, ihm seine jetzige Frisur zu erlauben.
„Viele Mädchen tragen das jetzt so“, hatte er gesagt und seiner Mutter Fotos von Frauen mit dieser Frisur gezeigt.
Am liebsten hätte er sie ganz kurz geschnitten, aber das hätte seine Mutter ihm nicht erlaubt. Und sein Vater erst recht nicht. Er konnte es jetzt schon kaum erwarten, endlich 18 zu werden, auszuziehen und all die Schritte zu unternehmen, die er jetzt noch nicht gehen konnte.
Jetzt saß er neben Colin auf diesem Baumstamm, eine Flasche Limo in der Hand und starrte auf den Boden.
Wenn Colin irgendwas Dummes dazu sagte, konnte er immer noch zurück zum Internat gehen. Ava und Joel würden sich schon um Colin kümmern und ihn zur Rede stellen.
„Ich…muss dir was sagen“, begann er, ohne Colin dabei anzusehen.
„Was?“, fragte Colin.
„Weißt du, warum ich letztes Schuljahr weggelaufen bin, als du mich geküsst hast? Und warum ich dich dieses Schuljahr angeschrien habe, dass du gehen sollst?“
„Wegen deinen Eltern?“
„Auch“, sagte Noah, „Und wegen noch was.“
Er atmete tief ein und wieder aus.
„Ich bin trans“, sagte er schließlich.
Jetzt war es raus.
„Also…willst du ein Mädchen sein?“, fragte Colin.
„Nein“, antwortete Noah. „Andersrum. Ich bin ein Junge. Nur haben das alle nicht gewusst. Ich auch nicht, bis vor ein paar Jahren.“
Er schaut kurz zu Colin hinüber, um seine Reaktion zu beobachten. Colin schaut interessiert und irgendwie verständnisvoll.
"Ich bin ein Junge. Ich muss mich einfach nur mehr dafür anstrengen."
Noah hatte sich wirklich schon das schlimmste ausgemalt. Dass Colin einfach gehen würde, dass Colin ihm vorwerfen würde, ihm etwas vorgemacht zu haben, dass er ja eigentlich gar kein richtiger Junge sei, und und und.
Aber Colin tat das nicht. Stattdessen rutschte er etwas näher an ihn ran.
„Und du hattest Angst, dass ich das nicht akzeptiere?“, fragte Colin.
Noah nickte.
Und er erzählte ihm alles.
Wie ihm beim Kuss schlagartig bewusst wurde, dass es nicht bei einem Kuss bleiben würde. Dass Colin dann natürlich auch mindestens mit ihm kuscheln wollen würde und Noah keine Ahnung hatte, welche Berührungen er ertrug. Oder wie er es Colin sagen sollte, wo er ihn nicht berühren sollte und warum, oder wieso er sein Oberteil nicht ausziehen wollte.
Dass Colin irgendwelche anderen Dinge mitbekommen würde, die nicht zu dem Bild passten, dass er von ihm hatte.
Und dass er dann mit ihm Schluss machen würde.
Also hatte er versucht, seine Gefühle für Colin zu verdrängen und ihn so weit von sich wegzustoßen, wie es nur ging.
Aber Colin war hartnäckiger, als er dachte. Und wenn Colin nicht freiwillig gehen wollte, dann musste Noah eben dafür sorgen, dass er ging, koste es, was es wolle.
„Du hast geglaubt, dass ich deswegen mit dir Schluss mache?“, fragte Colin, „Ich hab mich in dich verliebt. Genauso wie du jetzt bist, mit allem, was dazugehört.“
Noah wagte es, Colin anzusehen. Der schien ihn gerne berühren zu wollen, zögerte aber.
„Und was die Berührungen angeht“, sagte er, „Das testen wir ganz langsam aus und finden zusammen raus, was für dich okay ist und was nicht.“
Eine davon würde Noah jetzt gerne austesten, jetzt, wo er in Colins grüne verständnisvolle Augen sah.
„Kannst du meine Hand halten?“, fragte er.
„Klar.“
Sachte legte Colin seine Hand in seine und jetzt tat es Noah wirklich leid, dass er das damals auf der Skaterampe nicht zugelassen hatte. Colins Hand fühlte sich nämlich richtig gut in seiner an, besonders, als er auch noch sachte mit seinem Daumen über Noahs Daumen strich.
„Okay?“, fragte Colin.
„Okay.“
Noah Augen sprangen zwischen Colins Augen und seinen Lippen hin und her. Er wusste zwar, wie es sich anfühlte, Colin zu küssen, aber damals war er komplett überrumpelt gewesen. Bestimmt fühlte es sich viel besser an, wenn er das auch tatsächlich wollte.
„Können wir uns küssen?“, fragte er.
Colin nickte.
Noah schloss die Augen und schon bald spürte er Colins Lippen auf seinen. Es fühlte sich tatsächlich anders an, sehr viel besser als beim ersten Mal. Noah küsste zurück, um Colin wissen zu lassen, dass es ihm gefiel und Colin arbeitete sich zaghaft weiter vor, küsste ihn langsam immer mehr und wartete jedes Mal Noahs Reaktion ab.
Und in den Pausen fragte er nach.
„Darf ich dir durch die Haare streichen?“
„Darf ich meine Hand in deinen Nacken legen?“
„Darf ich deinen Rücken streicheln?“
Und Noah fragte ihn dasselbe.
Zwei Jahre später
Es hatte den Termin extra so gelegt, dass er nur kurze Zeit nach seinem 18. Geburtstag war.
Jetzt hatten seine Eltern ihm gar nichts mehr zu sagen.
Kurz nachdem er mit Colin nach Köln gezogen war, hatte er sich seine Haare schneiden lassen und Colin liebte es, durch seine kurzen Haare zu wuscheln.
Jetzt standen sie zusammen in der Apotheke, Colin hielt seine Hand ganz fest und Noah hielt dem Apotheker seine Krankenkassenkarte hin.
„Da müsste ein E-Rezept drauf sein“, sagte er.
Und dann hielt er sie in den Händen.
Die blaue Pappschachtel auf die er so lange gewartet hatte.
Am nächsten Morgen stand er ganz früh auf, um das Gel aufzutragen. Colin stand neben ihm und sah ihm dabei zu. Dass er Noah jetzt einige Zeit lang an den Stellen, wo er aufgetragen hatte, nicht berühren durfte, war zu verschmerzen. Noah grinste nämlich wie ein Honigkuchenpferd.
„Jetzt müssen wir das obligatorische Video aufnehmen“, sagte Colin und zückte sein Handy.
„Hi, ich bin Noah und das ist meine Stimme ein paar Sekunden auf Testosteron.“
