Work Text:
Malik und Dilara, wie seine Onlinefreundin Shibuya15 eigentlich hieß, saßen an einem Tisch im Aufenthaltsraum und Joshua konnte nicht anders, als die beiden zu beobachten.
Sie kicherten und lachten und Joshua war sich sicher, dass das nicht an den Chemiehausaufgaben lag. Sie schienen sich irgendwelche Dinge zu erzählen, die man anscheinend nur verstand, wenn man dabei gewesen war.
Eigentlich gönnte es Joshua Malik sehr, dass Dilara ans Einstein gewechselt war. Er hatte erreicht, was er wollte: Malik war geblieben und Dilara gab ihm Halt, während die anderen langsam wieder begannen, ihm zu vertrauen.
Er sollte sich für Malik freuen. Trotzdem tat es irgendwie weh, wenn er etwas mit Malik unternehmen wollte, und der mit den Worten „Sorry, bin schon mit Dilara verabredet“ absagte. Oder wenn Dilara spielerisch einen Arm um ihn legte und „Heute Abend wieder Survival X?“ fragte.
Er hatte dafür gesorgt, dass Malik nicht von der Schule geflogen war und das war der Dank dafür?
Nein. Da war noch etwas anderes. Etwas, das ihn einfach nicht in Ruhe ließ. Worum seine Gedanken manchmal so sehr kreisten, dass er eine ganze Seite im neuen Band der Tarqeq-Kolonie lesen konnte und am Ende doch nicht verstand, worum es eigentlich ging, weil seine Gedanken mal wieder abgeschweift waren.
Was, wenn das kein normales Freundschaftstreffen, sondern ein Date ist?
Was, wenn sie sich jetzt gerade küssen?
Was wenn Malik heute Abend hier reinkommt, und mir sagt, dass sie jetzt zusammen sind?
Und warum regt mich das so auf?
Das war noch schlimmer als die Lovestory zwischen General Jovarix und Xantara in Band 3, bei der er jedes Mal mit den Augen rollen musste.
Was soll das, warum macht er sowas unlogisches?
Jetzt wusste er es.
Vielleicht würde es sich von selbst legen, wenn Klarheit hatte.
Er wusste auch schon, wie.
***
Es war schwer, Malik ohne Dilara zu erwischen, aber er hatte im Chemiemodul kurz auf ihr Tablet geschaut und wusste jetzt, dass sie am Mittwoch zur Ersten, Malik und er aber erst zur zweiten hatten.
Er schüttete sich Milch und Cornflakes in eine Schüssel und setzte sich neben Malik, der gerade seinen ersten und definitiv nicht letzten KiBa an diesem Tag trank.
„Und, kommst du mit Dilara klar?“, fragte er und steckte sich einen Löffel Cornflakes in den Mund. Eine rhetorische Frage, aber er wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
„Ja“, antwortete Malik, „Anfangs hab ich mir ein wenig Sorgen gemacht, dass sie im Real Life nicht so cool ist wie online. Aber sie ist sogar noch cooler!“
„Dann hab ich ja was richtig gemacht.“
„Hast du. Danke, dass du mit Ava den Überraschungsbesuch organisiert hast.“
„Richte ich ihr aus.“
Ava war nach dem Schuljahr zusammen mit Elly nach Köln gezogen, weil sie keinen Bock mehr hatte, sich ständig mit Leuten anzufreunden, nur, damit die dann am Ende des Schuljahrs dorthin zogen. Und so sehr Joshua und Elly sich auch gestritten hatten, manchmal vermisste er seine kleine Schwester schon ein wenig.
„Massuda hat mir übrigens erzählt, dass ein paar Gerüchte über euch kursieren“, fuhr Joshua fort.
„Seit wann interessierst du dich denn für Gossip?“
„Tu ich ja gar nicht“, verteidigte sich Joshua, „Aber ich hab sie auf dem Schulflur getroffen und sie hat mich vollgequatscht. Du kennst sie ja. Jedenfalls gibt es wohl einige Leute, die denken, dass ihr das nächste Traumpaar auf dem Einstein werdet. Sie nennen euch Malara.“
Malik spuckte fast seinen KiBa aus.
„Bitte was?!“
„Es stimmt also nicht?“
„Nein!“, Malik schwieg kurz, dann fuhr er fort, „Klar, wir sind ziemlich gut befreundet. Wir sind seit vier Jahren zusammen in einem Clan und haben echt viel zusammen durchgemacht. Ich war für sie da, als sich ihre Eltern getrennt haben und sie umziehen musste. Aber nur weil ich ein Junge bin und sie ein Mädchen ist, müssen wir doch nicht gleich ein Paar werden!“
„Ja, versteh ich auch nicht ganz.“
„Und überhaupt würde das sowieso nicht funktionieren.“
Jetzt war Joshua neugierig.
„Wieso?“, fragte er.
„Weil ich schwul bin und sie aroace ist“, erklärte Malik, „Sie war die erste Person, bei der ich mich geoutet habe. Und weißt du, was ihre Reaktion war?“
„Was?“
„Okay, können wir jetzt die Windmühle upgraden?“
Jetzt hatte Joshua also die Information, die er unbedingt wollte
Warum ging dieses Gefühl dann also nicht weg?
Stattdessen kam jetzt ein neues dazu: Hoffnung.
Halt die Klappe, Gehirn. Nur, weil er schwul ist, bedeutet das nicht, dass zwischen uns auch was passiert. Vielleicht bin ich überhaupt nicht sein Typ!
Aber was, wenn doch?
Die ganze Sache war wohl doch schwieriger, als er gedacht hatte.
