Work Text:
„Adam?“
Er blinzelt gegen das weiße Licht an, versucht, die Quelle der Stimme auszumachen, die ihn aus seinem Halbschlaf hat hochschrecken lassen. Vor ihm an der Tür formen sich schemenhaft die Umrisse einer jungen Frau und ihr Gesicht nimmt langsam Schärfe an. Ein Gesicht, das Adam verdammt bekannt vorkommt, er weiß nur nicht ganz –
Dann schaltet sich sein Hirn an, er erinnert sich wieder, wo er ist, und auf einmal ist auch klar, wer da in der Tür stehen muss.
„Caro.“
Es ist eine Feststellung, keine Frage. Jetzt, wo er richtig wach ist, weiß er nicht, wie er sie nicht sofort erkannt hat. Klar, das letzte mal, als er sie gesehen hat, ist fast zwei Jahrzehnte her. Da war sie gerade sechzehn und sah noch um einiges anders aus als jetzt. Den viel zu tiefen Seitenpony hat sie gegen einen Mittelscheitel eingetauscht, die braunen Haare sind jetzt notdürftig hochgesteckt und die Zahnspange, die sie für eine Weile tragen musste, hat sie wohl auch nicht mehr. Aber die grünen Augen sind noch dieselben. Und sehen genau aus wie Leos. Damals wie heute.
Ihr Blick fährt langsam an ihm herunter, über die zerzausten, fettigen Haare, die unter seiner Kapuze hervorblitzen, über das müde Gesicht, die Augen, die vermutlich verdächtig verquollen aussehen, den grünen Hoodie, auf dem seit Tagen ein fetter Kaffeefleck prangt und den er trotzdem nicht wechseln will.
„Du siehst verdammt beschissen aus“, sagt Caro, aber irgendwo in ihrer Stimme liegt eine sanfte Wärme.
Adam grinst schief. Vielleicht hat sie sich in den letzten 20 Jahren doch nicht so sehr verändert. Ihren großen Bruder und seinen besten Freund zu nerven war eine Kunst, für die Caro damals ein ganz besonderes Auge hatte. Manchmal, besonders als die anderen beiden Schwestern noch kleiner waren, da haben sie Leo und Adam auch gemeinsam Streiche gespielt. Und trotzdem hat man gemerkt, dass sie's nie wirklich böse gemeint hat. Im Gegenteil.
Vorsichtig richtet Adam sich in dem viel zu kleinen, viel zu harten Krankenhausstuhl auf, streckt seine langen Beine aus, hört seine Gelenke knacken. Will die Kapuze seines Hoodies, in die er sich nachts eingekuschelt hat, abnehmen.
Erst dabei fällt ihm auf, dass er Leos Hand umklammert hält. Vorsichtig, behutsam, und trotzdem fest. Mit beiden seiner Hände. Als hätte er Angst, Leo könnte ihm entgleiten, wenn er kurz die Augen schließt.
Augenblicklich lässt er Leo los, wobei ihm nicht entgeht, wie Caros linke Augenbraue sich kurz fragend hebt.
„Dasselbe könnte ich auch zu dir sagen“, murmelt er.
„Scheint fast, als hätten wir gerade andere Sorgen im Kopf, als ob wir frisch geduscht und top gestylt sind.“ Caro lächelt traurig. „Das Pflegepersonal hat mir gesagt, dass du die ganze Nacht da warst. Sie wollten dich nicht wecken und rauswerfen. Meinten, du sähst aus, als könntest du den Schlaf gebrauchen.“
Sie zögert. Ergänzt dann, behutsam und vorsichtig: „Ich soll dich trotzdem erinnern, dass Besuchszeit eigentlich nur bis neun ist.“
„Ich weiß.“
Wenn er könnte, er würde jede Nacht bleiben. Woanders kriegt er auch nicht mehr Erholung, und hier ist er wenigstens bei ihm, bei Leo. Kann sich vergewissern, dass er noch da ist, noch atmet, wenn er selbst schweißgebadet aus einem seiner Albträume aufwacht, in denen er immer und immer wieder diesen einen Moment durchlebt, der seine Welt aus allen Angeln gerissen hat. Immer wieder spürt er die glühende Hitze auf seiner Haut, hört das Klingeln in seinen Ohren, fühlt den beißenden Rauch in seiner Lunge. Und sieht Leo unter sich, regungslos in seinem Schoß.
Am liebsten wäre er auch den ganzen Tag hier. Im Büro kriegt er eh nichts geschissen. Aber Esther hat schon Recht, wenn sie sagt, sie brauchen alle ein bisschen Struktur in ihrem Alltag. Vielleicht ist er Caro deshalb noch nicht begegnet.
Caro rückt sich einen zweiten Stuhl zurecht und lässt sich neben Adam zu Leos linker Seite darauf niedersinken.
Ein trauriges Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Hi, Leo“, murmelt sie sanft. Drückt kurz seine Hand, die, die Adam eben noch gehalten hat. „Wie geht’s ihm?“
Adam kann nur mit dem Kopf schütteln. „Unverändert.“
Eine Weile schweigen sie nebeneinander her. Sitzen einfach da, neben Leo, und nebeneinander, und es fühlt sich so fremd an, wie es sich eben anfühlt, wenn man jemanden, den man auch vorher nur flüchtig kannte, fast zwei Jahrzehnte lang nicht gesehen hat. Und gleichzeitig fühlt es sich so vertraut an, wie es sich eben anfühlt, wenn man weiß, dass die Person neben einem genau dasselbe fühlen muss wie man selbst.
Und irgendwie tut’s gut. Weil sie nicht reden müssen, um zu verstehen, was im Anderen vor sich geht.
Dann schaut Caro irgendwann zu ihm rüber.
„Ist das Leos?“
Adam runzelt verwirrt die Stirn.
„Der Pullover.“
Oh.
„Ich – der war… “ Ihm steigt die Hitze ins Gesicht. Dafür, wie bescheuert kurzatmig er klingt, schämt er sich fast mehr, als für die Antwort auf Caros Frage.
Die schaut ihn aber nur ruhig an, mit diesem tiefen, geduldigen Blick, der aussieht wie Leos, aus grünen Augen, die aussehen wie Leos.
Und plötzlich ist es, als würde jeglicher Widerstand aus Adams Kopf weichen. Er seufzt, lässt die Schultern sinken. Kapituliert. Weil er plötzlich nicht mehr weiß, wozu er lügen sollte.
„Ja“, sagt er darum einfach nur still.
Und Caro, die hält kurz inne und nickt dann einfach, als wäre da überhaupt nichts bei. „Seine Lieblingsfarbe. Die erkenne ich wieder, wenn ich sie seh.“
Adam schluckt. Ja, der Hoodie hat Leos Lieblingsfarbe. Tannengrün. Darum hat er ihn auch nicht einfach liegen lassen können. Nicht, wenn alles daran so schrecklich nach Leo schreit, aussieht, riecht. Und vor allem nicht, wenn er sich anfühlt wie das Nächste, was er gerade an eine Umarmung von Leo bekommen kann. Gut, genau so muss er das vielleicht nicht vor Caro ausbuchstabieren.
„Ich - den hatte er im Büro liegen. Ich wollte einfach was von ihm bei mir haben.“ Seine Stimme klingt seltsam belegt. „Ich weiß nicht, ob das komisch ist.“
Caro schüttelt bestimmt den Kopf, schweigt kurz, als würde sie nachdenken. „Ich bin froh, dass er dich hat, Adam“, sagt sie schließlich.
Adam lächelt schief. „Ich weiß nicht. Eigentlich richte ich nur ein scheiß Chaos in seinem Leben an.“
Caro runzelt die Stirn.
„Manchmal glaub ich, er wär ohne mich besser dran“, ergänzt er, leiser.
Er weiß nicht so recht, wo das gerade herkommt. Warum er einer so gut wie fremden Person gerade Dinge erzählt, die er so klar nicht mal Leo selbst gegenüber hat aussprechen können.
„Das glaub ich nicht.“
„Oh, wenn du wüsstest.“
Ihre Worte sind tröstend und nett gemeint, das weiß er, und er schätzt die Geste, wirklich. Aber im Grunde hat sie doch keine Ahnung. Keine Ahnung davon, wie viel Scheiße Adam schon gebaut hat. Wie viel Vertrauen Leo ihm immer und immer wieder geschenkt hat, nur damit er es bricht wie nen fucking Glückskeks in seiner Hand. Keine Ahnung davon, wie viel Distanz da immer noch zwischen ihnen ist, seit der Sache mit dem beschissenen Geld. Keine Ahnung davon, dass sie sich zwar irgendwie wieder angenähert haben, aber es sich trotzdem so anfühlt, als wäre Adam jetzt an der Reihe, Leo ein wenig egal zu sein. Vielleicht nicht vollkommen, vielleicht nicht absolut scheißegal, aber ein kleines bisschen. Und das tut weh genug. Weil er’s Leo nicht mal vorhalten kann. Weil er doch Recht hat. Und weil sie jetzt hier sitzen, in einer verdammten Klinik, in der Adam von Tag zu Tag klarer wird, wie verdammt nicht egal Leo ihm doch ist. Wie sehr er ihn braucht. So sehr, dass er sich die Kehle wund schreien könnte. Und Leo, der braucht ihn nicht. Im Gegenteil.
„Ich glaub ich weiß mehr, als du denkst, Adam.“
Adam schaut überrascht auf. Bemerkt den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hat erst, als er zu sprechen beginnen will. Lässt es dann doch lieber bleiben, weil er sich ein bisschen davor fürchtet, wie seine Stimme klingen könnte.
„Er redet viel von euch“, sagt Caro. Dann, zögerlich: „Zumindest, seit du wieder da bist.“
Sie holt Luft. „Hör zu… ich weiß nicht, was zwischen euch beiden passiert ist. Nicht damals, bevor du verschwunden bist, und auch nicht in den letzten Monaten. Mir ist klar, dass ihr’s nicht immer leicht miteinander gehabt habt. Und wie ich Leo kenne, wird das vor allem auf deine Kappe gehen. Aber du bist Leo wichtig. Bist ihm immer wichtig gewesen, und wirst ihm das wohl immer sein. Verdammt wichtig.“
Sie lässt keine Pause für eine Antwort, wohl weil ihr klar ist, dass die nicht kommen wird, so überrumpelt, wie Adam gerade dreinblicken muss. Stattdessen beugt sie sich runter und kramt in ihrer Tasche. Zieht ein zusammengefaltetes Blatt Papier heraus.
„Schau mal“, sagt sie, eigentlich zu Leo, aber auch halb zu Adam. „Das haben die Kinder für dich gemalt.“
Adam hört das Papier rascheln, als Caro es auseinander faltet.
Dann hört er nur noch Blut in seinen Ohren rauschen.
Da ist Leo, auf dem Bild. Ein Buntstiftleo mit viel zu langen Armen und einem Lächeln, das fast sein halbes Gesicht einnimmt, aber eindeutig Leo, in einem tannengrünen Shirt und mit einem „L“, „E“ und „O“ in krakeliger Kinderhandschrift über seinem Kopf.
Über Leo ist eine lachende Sonne zu sehen, unter ihm eine bunte Blumenwiese.
Und neben Leo, da steht ein zweites Männchen. Es hat blonde Haare, trägt eine denimblaue Hose und eine ebenso denimblauen Jacke, und ein Lächeln auf dem Gesicht, das genauso breit ist wie Leos. Und darüber, da stehen ein „A“, ein „D“, noch ein „A“ und ein „M“. Das D ist falschrum und die Buchstaben sind alle ein bisschen schief und krumm, aber sie formen ganz eindeutig Adams Namen. Und da ist noch etwas, was seinen Atem stocken und sein Herz stolpern lässt:
Buntstiftadam hält Buntstiftleos Hand.
„Wie – ?“, setzt Adam an, aber seine Stimme bricht ein bisschen. Er hat Caro seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Leos Neffen und Nichte kennt er aus Erzählungen, hat auch schon das ein oder andere Foto gesehen, aber woher –
Caro legt ihm behutsam eine Hand auf die tannengrün pulloverte Schulter. Lächelt ihn vorsichtig von der Seite an. „Ich hab doch gesagt, er redet viel von euch. Und Kinder kriegen mehr mit, als man denkt.“
Und auf einmal verschwimmen Bunstiftleo und Buntstiftadam ein wenig vor seinen Augen.
„Ich hab so eine scheiß Angst um ihn, Caro“, ist plötzlich alles, was aus ihm herausbricht.
Dann sind da nur noch Caros Arme, die sich vorsichtig um ihn legen, und seine eigenen, die sich um Caro schlingen, und für einen Moment sitzen sie einfach da und halten sich aneinander fest, zwei vertraute Fremde, die nichts voneinander wissen und doch alles, was zählt. Er hört Caro neben sich schniefen, spürt, wie ihm selbst eine heiße Träne über die Wange läuft und in Caros weiche Strickjacke sickert.
Er weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, bis sie sich wieder voneinander lösen.
„Ihr seid solche Idioten“, murmelt Caro schniefend mit einem erneuten Blick auf Adams – Leos Hoodie. „Kriegt’s doch endlich mal gebacken, wenn Leo hier rauskommt.“
Dann drückt sie Adam die Zeichnung in die Hand, wischt sich die Tränen in einer entschlossenen Bewegung vom Gesicht und greift nach ihrer Tasche. „Ich muss zur Arbeit. Ich komm morgen früh wieder, Leo. Hab dich lieb.“
Damit huscht sie aus dem Zimmer und Adam bleibt allein zurück.
Allein mit Leo.
Leo, dem er nicht egal ist, und einem kritzeligen Kinderkunstwerk, das genau das zu einer stillen, aber unumstößlichen Wahrheit macht. Tannengrün und denimblau auf weiß.
