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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2025-05-24
Words:
1,111
Chapters:
1/1
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19
Kudos:
92
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1
Hits:
450

Der beste Mörtel ist auch nur aus Sand

Summary:

Seine Mauer fällt.
Sie fällt und bricht und kracht und splittert.
Weder leise, noch langsam, schon gar nicht unbemerkt.
Nein, sie fällt unvorhergesehen, an einem ganz normalen Tag im Büro, gerade, als er die Treppen vom Dach hinunter läuft, zwei Schritte hinter Pia, einen halben Schritt vor Leo.

Notes:

Zu Risiken und Stilbrüchen fragen Sie bitte ihren Arzt oder Autor.
(Started making it, had a breakdown, bon appetit)

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Seine Mauer fällt.
Sie fällt und bricht und kracht und splittert.
Weder leise, noch langsam, schon gar nicht unbemerkt.
Nein, sie fällt unvorhergesehen, an einem ganz normalen Tag im Büro, gerade, als er die Treppen vom Dach hinunter läuft, zwei Schritte hinter Pia, einen halben Schritt vor Leo.
Zugegeben, wäre man nicht Adam Schürk, wäre es vielleicht ein bisschen vorhersehbar gewesen.
Aber wenn man eben Adam Schürk ist und diese Mauer in jahrelanger, geradezu lebenslanger Kleinst-, Größt- und Schwerstarbeit aufgerichtet hat, kann man wirklich nicht damit rechnen, dass die einfach zusammenbricht.
Dabei war sie so solide, die Mauer. Dachte er zumindest.
Schützte sein Umfeld vor ihm und ihn vor sich selbst, schirmte ab gegen Emotionen und Stress und was sonst noch in den Schatten seiner Seele lauerte.
Aber jetzt bricht sie zusammen, rasend schnell und die Splitter der Backsteine bohren sich so schmerzhaft in seine Lunge, dass sein Blick verschwimmt.
Vielleicht hat er einfach einen Herzinfarkt, denkt er noch, als er sich beim Treppenlaufen verstolpert, sein Knöchel sich nach Außen verbiegt und sein Knie infolge des durch sein Bein ziehenden Schmerzes unter ihm nachgibt.
Irgendwie wäre das weniger beängstigend als der Gedanke, dass gerade wirklich alles in sich zusammenfällt.
Sie wollten doch nur Pause machen.
Kurz frische Luft schnappen und dann die Berichte zu dem endlich gelösten Fall fertigstellen.
Und jetzt stolpert er auf der Treppe, schlägt mit dem Knie, das unter ihm nachgegeben hat, als erstes am Boden auf und kann spüren, wie die Haut unter der Jeans aufplatzt.
Mist.
Blut wäscht sich so schlecht aus dem hellen Stoff.
Sein Sichtfeld ist verschwommen, Leo taucht vor ihm, über ihm, auf, sagt irgendetwas.
Glaubt er zumindest.
Er hört nämlich nichts, abgesehen von dem Rauschen und Krachen der zusammenbrechenden Mauer. Aber das hängt irgendwo hinter seinem Trommelfell, sonst würde er es wohl kaum im ganzen Körper spüren.
Stärker als den Bass bei dem letzten Rise Against Konzert, an dem er ziemlich genau vor dem Boxenturm gestanden hatte. Zumindest bis die Moshpits losgegangen waren und „stehen” ganz grundsätzlich im Widerspruch zu der Bewegung der Masse, nunja, stand.

Jedenfalls bewegen sich Leos Lippen und Adam versucht, sich darauf zu konzentrieren, um hoffentlich irgendwelche Worte ausmachen zu können.
Doch bei einem zunehmend trüber werdenden Sichtfeld ist das wirklich nicht einfach.
Er nickt.
Keine Ahnung, was Leo gefragt hat. Ob er überhaupt etwas gefragt hat.
Aber bestimmt hat er gefragt, ob alles okay sei, also nickt Adam.
Es ist eine Lüge. Aber ob Leo das merkt oder nicht, kann er sowieso weder hören noch sehen, also ist es eigentlich auch ein wenig egal.

Sowieso fühlt sich alles ein wenig egal an, gerade, auf dem Boden sitzend und mit diesem Rauschen in den Ohren. Nichts ist irgendwie relevant, er weiß nicht einmal, warum er auf dem Boden sitzt. Er sollte die Hose waschen, möglichst schnell. Das Blut geht doch sonst nicht raus. Warum ist da überhaupt Blut an seinem Knie? Er kann sich nicht erinnern, gestürzt zu sein.

Generell kann er sich nicht erinnern, nicht denken. Fühlt sich so sterben an? Herzinfarkt, Panikattacke, bestimmt eines davon. Oder spontane Demenz.
Adam kneift die Augen gegen die Kopfschmerzen zusammen und überlegt, was zuletzt passiert ist.
Der Fall.
Montagmorgen ist sehr klar. Er war am Tatort. Wo genau der war, weiß er gerade nicht, aber es spielt auch keine Rolle. Er muss sich jetzt konzentrieren.
Also. Der Tatort. Ein toter Jugendlicher.
So weit, so normal.
Henny und irgendetwas mit blauen Flecken und schlecht verheilten alten Brüchen.
Da wird seine Erinnerung bereits schwammig.
Präsidium, Hörnchen, Verhöre.
Funkzellenabfrage.
Wieder Henny. Oder Pia?
Unsicher, wen er wann wo gesehen hat. Normalerweise hat er ein gutes Gedächtnis für Personen.
Warum rauschen seine Ohren eigentlich so sehr? Blutdruckprobleme? Knalltrauma — nee, das fühlt sich anders an. Mehr piepsend.
Egal, zurück zum Fall.
Familie des Opfers.
Mutter, Schwester, Hund.
Sein Vater. Halt, nein, sein Vater.
Warte, warte, da stimmt irgendwas nicht.
Aber er hat keine Zeit, darüber nachzudenken, was genau nicht stimmt, denn sein Vater — also, Adams Vater — steht über ihm, wütend, und es ist keine Zeit zu denken, gerade genug Zeit, die Arme über den Kopf zu heben.
Es kommt kein Schlag.

Stattdessen greift er sein Handgelenk. Adam versucht, sich dem Griff zu entwinden, bemerkt erst einen Moment später, dass die Hände weich und leicht sind und sich sofort lösen, als er zurückzieht.

Er zwingt die Augen auf, senkt langsam seine Deckung. Das Rauschen in den Ohren lässt nach. Pia. Pia und Leo. Präsidium.

Ja, logisch. Sein Vater ist tot.
Aber eben war er doch hier und—
Nein. Einbildung. Rewind. Der Vater des Opfers. Der letztendlich auch der Täter war, oder hatte Adam das nur gedacht?

Eine Garage. Nicht die Garage, das ist wichtig, aber eine Garage. Da hatte er gestanden und seine Tochter bedroht, mit— das wäre alles so viel leichter, wenn Adams Kopf keine Bilder mischen würde.
Nochmal.
Er hatte da gestanden und seine Tochter bedroht mit einem Messer.
Ein Knall.
Spaten auf Schädelknochen, ekliges Geräusch, Blut, so viel Blut, Benzin, Leo, Leo, LEO!
Nein. Falsch.
Ein Knall.
Schuss. Klirrendes Metall auf Betonboden. Dumpfes Geräusch, weil Leo sich auf ihn wirft. Blut, aber nicht viel.
Ja. Richtig.

Okay.
Täter gefasst, Fall abgeschlossen.
Nee, anders.
Täter gefasst. Geständnis dokumentiert. Feierabend, „Berichte machen wir morgen.”
Adam nochmal auf dem Weg in die Rechtsmedizin.
Grundlos.
Grundlos?
Angezogen, wie magnetisch.

Brüche. Hämatome. Schmerz, Angst, Benzingeruch. Brechreiz.
Leo.

Da wird die Erinnerung wieder klarer.
Er hat gekotzt, hinter dem Gebäude in irgendeiner Ecke.
Allein, erst, und dann war Leo aufgetaucht und hatte ihn gehalten. Sanft über seinen Rücken gestrichen, irgendwas geflüstert von Rauslassen und Atmen und Alles wird gut. Adam hatte sich gehasst und Leo geliebt.

Erklärt nicht, warum er auf dem Boden sitzt.
Mit Blut am Knie.
Also weiter.

Der nächste Morgen nach dem Abend, an dem Leo ihn nicht allein lassen wollte. Den Weg zum Präsidium gemeinsam zurückgelegt, gute Stimmung, Bericht schreiben.
Fotos nochmal ansehen, diese schlimmen Fotos, als ob Adam noch nie Schlimmeres gesehen hätte als einen toten, nahezu unverletzten Jugendlichen mit Winterjacke auf einer Wiese.

Gummibärchen und „komm, lass mal Pause machen” und ein, zwei Zigaretten.
Der Plan, fertig zu werden, endlich abzuschließen mit dem Fall und dem Bericht und allem.

Die Treppe, seine bröckelnde Mauer, nicht bröckelnd, brechend.

Leo, die Konstante, immer noch vor ihm, bei ihm, damals und heute und bitte für immer.

Adam streckt hilflos die Arme aus, rappelt sich auf, stolpert, fällt, bricht, wie seine Mauer.
Wird gefangen von starken Armen, überraschend weich, klammert sich fest.
Zittert, atmet, würgt, atmet, presst das Gesicht gegen die warme Haut an Leo Hals.
Weint.
In Leos Armen ist es egal, dass seine Mauer kaputt ist. Da war der Mörtel schon immer nur loser Sand.

Notes:

Danke fürs Lesen!

Solltet ihr euch zwischendurch gefragt haben „was zur Hölle tut er da, was ist dieser Stil, was passiert hier?” – tut mir leid, so richtig kann ich euch das auch nicht beantworten, ich weiß es nämlich selbst nicht genau.
Dinge sind passiert, Sprichwörter wurden modifiziert und jetzt sind wir halt hier.

Lasst gerne Kommentare und/oder Kudos da! ^^