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Manche Leute schossen gern über ihr Ziel hinaus. So hatte zum Beispiel der Kerl, der Peter betäubt und entführt hatte, nicht an Chloroform gespart.
Sein Kopf fühlte sich an, als befände er sich unter Wasser. Zweifellos hatte sein Schädel während der Autofahrt gegen die Fensterscheibe oder den Boden des Kofferraums gerattert, jedenfalls tat er höllisch weh. Peter quittierte das mit einem Ächzen und versuchte, sich an die Stirn zu fassen. Zu seiner Überraschung ging es - seine Arme waren nicht gefesselt. Aber er steckte in Handschellen.
Noch überraschter stellte er fest, dass er nicht etwa auf einem Stuhl in einem Keller oder einer Lagerhalle saß, sondern in einem sehr bequemen Bett lag. Man hatte ihn sogar zugedeckt. Verwirrt schlug Peter die Augen auf.
Er befand sich in einem Hotelzimmer - und keinem von der günstigen Sorte. Helle Tapeten, hochwertige Kunstdrucke, edle Möbel, ein Balkon vor dem großen Fenster… und auf diesem Balkon standen zwei Männer, von denen Peter einen sofort erkannte.
Er setzte sich verblüfft auf und rieb sich die Augen. Aber es bestand kein Zweifel. Diese schlanke Silhouette würde er überall wiedererkennen.
Die Balkontür war nur angelehnt. Der andere Mann rauchte eine Zigarre, deren Geruch sich langsam einen Weg in Peters Nase bahnte. Über dem Geräusch von regem Straßenverkehr, aus dem er problemlos folgern konnte, dass er in einem der schicken Sterne-Hotels in LA gelandet sein musste, driftete die seichte Melodie von schnell gesprochenem Französisch zu ihm herüber.
Peter räusperte sich deutlich, um seine Entführer auf sich aufmerksam zu machen.
Der Raucher schien ihn nicht zu bemerken, aber sein Kumpane ließ den Blick augenblicklich ins Zimmer wandern. Er hob eine Augenbraue mit einem süffisanten Lächeln, hob eine Hand, um seinen Gesprächspartner zu unterbrechen, und stieß die Balkontür auf. Mit ein paar gelassenen Schritten war er bei Peter angekommen und ließ sich galant in dem großen Ohrensessel neben dem Bett nieder.
“Hallo, Peter.”
“Monsieur Hugenay”, grüßte Peter ihn. “Darf ich fragen, was das hier soll?”
Er hatte keine Angst vor dem Kunstdieb. Victor Hugenay hatte den drei Fragezeichen nie Grund dazu gegeben, sich tatsächlich vor ihm zu fürchten. Er war nicht gewalttätig, nicht kaltblütig oder mordlustig wie manch andere, mit denen sie es schon zu tun gehabt hatten. Er war einfach nur ein Dieb.
Justus hätte ihn vermutlich gar als Freund bezeichnet, aber ganz so weit war Peter dann doch noch nicht.
Auf Hugenays Gesicht breitete sich ein charmantes Lächeln aus. “Aber natürlich”, sagte er. “Bitte entschuldige, falls mein… Compagnon etwas grob zu dir war. Ich habe ihm eingehend klar gemacht, dass ich derartiges Verhalten nicht dulde.”
Peters Blick huschte zurück zu dem Mann auf dem Balkon, der immer noch rauchte, und fragte sich, ob er die andere Hand immer in so einem seltsamen Winkel in die Hosentasche steckte. Hugenay hatte sich wohl sehr deutlich ausgedrückt.
“Hatte schon Schlimmeres”, winkte Peter also ab. Tatsächlich hatte sein Kopf sich etwas beruhigt, jetzt wo er aufrecht saß und frische Luft durch die Balkontür strömte. Er hob die Hände, um deren Gelenke ziemlich lose die Handschellen klirrten. “Aber was, ähm…?”
“Ah, reine Vorsichtsmaßnahme”, erklärte Hugenay. “Ich konnte ja nicht riskieren, dass du sofort Reißaus nimmst, sobald du aufwachst. Wobei mir gerade klar wird, dass ausgerechnet dich diese Handschellen wohl nicht aufgehalten hätten, nicht wahr?”
“Vermutlich.” Peter betrachtete das Metall, dann wackelte er probehalber mit den Zehen unter der Bettdecke. Sie hatten ihm die Schuhe ausgezogen, jedoch nicht die Socken. “Ich würde die jetzt auch gerne loswerden. Wenn Sie nichts dagegen haben?”
Hugenay lachte auf und lehnte sich im Sessel zurück. “Oh, ich bitte darum!” Seine Augen funkelten vor Amüsement.
Peter musste schmunzeln über seine Begeisterung. Immerhin war er hier der Meisterdieb. Trotzdem tat er ihm (und sich selbst) den Gefallen.
Er schlug die Decke zurück und machte es sich im Schneidersitz bequem. Dann zog er den kleinen Dietrich aus seiner linken Socke und begann, damit im Verschluss der Handschellen zu stochern.
Die Kette, die seine beiden Hände verband, hing so locker, dass sie ihn in seinen Bewegungen kaum einschränkte, und so brauchte er keine Minute, bis die rechte Hand frei war. Die linke folgte wenige Sekunden später. Rasselnd fielen die Handschellen Peter in den Schoß.
Hugenay applaudierte ihm spielerisch. “Sicher nicht deine Rekordzeit, aber dennoch bemerkenswert”, fand er.
“Ich habe selten eine Stoppuhr dabei, wenn mir der Sinn nach Schlossknacken steht”, meinte Peter. “Aber zugegeben, ich beeile mich mehr, wenn ich in Gefahr bin.”
Da war wieder die einzelne erhobene Augenbraue. “Dann wähnst du dich gerade nicht in Gefahr?”
Peter hielt Hugenays Blick stand. “Sollte ich denn? Sie wirken nicht sehr bedrohlich auf mich, Monsieur. Dafür kennen wir uns inzwischen zu gut.”
“Ah, da hast du natürlich recht. Aber siehst du, genau da liegt das Problem. Scheinbar kenne ich euch noch nicht gut genug. Daher habe ich das Gespräch mit dir gesucht.”
“Kleiner Tipp”, schlug Peter vor, ohne es wirklich so zu meinen. “Beim nächsten Mal reicht ein Anruf. Aber kommen wir zur Sache, worum geht es?”
“Ich hielt es für klüger, dieses Gespräch nicht in aller Öffentlichkeit zu führen”, sagte Hugenay. Als wäre den Jungen nach dem Basketballtraining mit Chloroform betäuben und nach LA entführen die nächstlogische Handlung.
“Nun…” Hätte Peter es nicht mit dem Victor Hugenay zu tun gehabt, hätte er den Ausdruck auf dessen Gesicht für Verlegenheit gehalten. “Ich brauche, sagen wir, einen freundschaftlichen Rat von dir in Sachen Justus.”
Sofort schrillten die Alarmglocken in Peters Kopf los. Er ist viel zu alt für Justus! Er ist ein Krimineller, egal wie höflich! Justus würde immer nach einem Grund suchen, ihn doch noch hinter Gitter zu bringen! Und der ALTERSUNTERSCHIED!
“Wo- äh, was… Wie meinen Sie das?”
“Sieh mal, ich wollte ihm eine kleine Freude machen. Ein Geschenk zum Schulabschluss. Gratulation, übrigens. Das ist ein sehr prestigeträchtiges Stipendium, das du da ergattert hast.”
“Oh.” Peter blinzelte verblüfft. Woher wusste er von dem Stipendium? Dann fiel ihm wieder ein, mit wem er hier redete. “Danke, Monsieur. Aber ich verstehe noch nicht ganz…”
Hugenay lächelte ihn mit blitzenden Zähnen an. “Ich hatte gehofft, du könntest mir vielleicht ein paar Hinweise geben. Ich möchte, dass mein Geschenk an Justus etwas ist, was er noch eine Weile bei sich behalten kann. Nicht einfach irgendetwas Materielles, sondern etwas von Bedeutung, verstehst du? Aber dafür brauche ich Hilfe von jemandem, der ihn sehr gut kennt.”
Peter konnte nicht anders, er prustete los. “Sie haben mich entführen lassen, damit ich Ihnen sage, was Sie Justus schenken können?”
Hugenay blieb vollkommen ernst. “Es war mir den Aufwand wert, oui.”
“Wie wäre es denn mit einem Gutschein für ein Jahr ohne Kunstraub?”, schlug Peter kichernd vor. “Oder, oder Rückgabe eines lange verschollenen Gemäldes oder so?”
Jetzt hatte er es doch geschafft, Hugenay fiel in sein Gelächter mit ein. “Das sagst du so einfach, Peter, aber ich fürchte, damit würde ich ihm keinen Gefallen tun.”
Das Problem war, damit hatte er recht. Justus würde es hassen, ein Jahr lang keine schicksalhafte Begegnung mit Hugenay bei einem Museumsfall zu haben. Er brauchte dieses Katz-und-Maus-Spiel mit dem Kunstdieb. Entweder das, oder er würde sich wieder mit der Mafia anlegen, und darauf konnte Peter wirklich verzichten.
“Na schön, wir überlegen uns was anderes.”
Er lehnte sich ans Kopfteil des Bettes und machte ein nachdenkliches Gesicht. Schließlich fragte er mit kaum unterdrücktem Kichern: “Haben Sie ein Budget?”
Diesmal zog Hugenay beide Augenbrauen hoch.
