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Rhun atmet tief durch und schaut den Pfad entlang, der sich vor ihm den Berg hinaufschlängelt. Irgendwo am Ende des Pfades soll sich ein ganz besonderer Markt befinden, geöffnet nur einmal im Jahr für eine einzige Nacht. Dort soll es Dinge geben, die niemals in die Hände Sterblicher gelangen sollten. Es war reiner Zufall, dass er von diesem erfahren hat, eine Gruppe seiner Gäste hatte in seiner Nähe davon geredet. Sein Interesse wurde sofort geweckt und er hat angefangen zu recherchieren. Monate hat es ihm gekostet, herauszufinden, wo der Markt stattfinden wird und was er in etwa zu erwarten hat. Doch jetzt, so kurz vor seinem Ziel, stockt er. Er sollte nicht so nervös sein. Es gibt keinen Grund dafür. Nur Menschen ist der Markt verboten. Er sollte nicht besorgt sein. Er kann kein Mensch sein, kein Mensch würde mit 20 Jahren aufhören zu altern, kein Mensch würde über magische Fähigkeiten verfügen, kein Mensch würde so aussehen wie er. Es sollte für ihn sicher sein den Markt zu betreten, aber dennoch zögert er. Was ist, wenn er eben doch nicht ins Bild passt? Er sieht sich selbst nicht als Hexe, er ist ein Alchemist. Seine magischen Kräfte sind nicht durch Bündnisse mit irgendwem entstanden, er wurde mit ihnen geboren. Er ist weder ein Dämon noch ein Geist, und selbst wenn es noch viele weitere magische Geschöpfe gibt, von welchen, die so sind, wie seine Brüder und er, hat er nie gehört. Sie scheinen nicht nur unter Menschen eine Anomalie zu sein.
„Zum ersten Mal hier?“
Sofort wandert Rhuns Hand zu dem Tuch, das seine untere Gesichtshälfte verbirgt, um zu kontrollieren, ob es noch richtig sitzt.
Ein glockenhelles Lachen entkommt der Frau. „Dir ist bewusst, dass du dich hier nicht verstecken musst? Es gibt hier viele, die anders aussehen.“
„Ich …“ Rhun schluckt. Er sieht die Frau zum ersten Mal richtig an. Sie hat schwarzes, langes Haar in einen einfachen Zopf geflochten, der ihr bis zur Mitte ihres Rückens reicht. Dazu grüne Augen und rosige Lippen, die in einem sanften Lächeln liegen. Ihr Kleid und Umhang sind einfach gehalten, die Füße stecken in einem Paar Stiefeln und in ihren Händen befindet sich ein Korb.
„Mein Name ist Martha. Verrätst du mir deinen?“
Rhun überlegt. Er weiß, dass er seinen Namen nicht so einfach verraten sollte, aber … „Rhun.“
„Hallo, Rhun. Möchtest du mich den Berg hinaufbegleiten?“
Erneut zögert Rhun. Martha lässt ihm alle Zeit, die er braucht, wartet nur ruhig und mit diesem sanften Lächeln, das immer noch auf ihren Lippen liegt.
„In Ordnung“, erwidert Rhun schließlich leise.
„Gut.“ Martha geht an ihm vorbei den Pfad hinauf und Rhun folgt ihr. Sie gehen schweigend. Rhun weiß nicht wirklich, was er sagen soll, und Martha scheint auch kein Gespräch zu suchen.
Erst als Rhun schon das Licht von Fackeln zwischen den Bäumen erkennen kann, spricht Martha ihn wieder an: „Du solltest dich an mich halten, sobald wir auf dem Markt sind. Viele sind zu den Neulingen etwas … nun, nennen wir es grob. Was nicht wirklich Sinn ergibt, da die Neuen unsere Zukunft sind, aber viele sehen in ihnen nur Frischfleisch, mit dem sie ihren Spaß haben können. Ich kann dich den richtigen Leuten vorstellen und dir die zeigen, vor denen du dich besser fernhalten solltest, solange du dir noch keinen Namen gemacht hast.“
„Warum hilfst du mir?“
Martha lächelt wieder dieses sanfte Lächeln. „Ich habe es bereits gesagt, die Neuen sind unsere Zukunft. Ich halte es für wichtig ihnen einen guten Einstieg zu ermöglichen und sie nicht abzuschrecken. Vor allem bei denen, die scheinbar allein in unsere Kreise geraten sind oder keine Vertrauten mehr haben. Außerdem bist du interessant. Deine Magie ist etwas ganz Besonderes, das kann ich spüren. So jemanden wie dich, sollte definitiv nicht allein gelassen werden, das könnte sonst schlimm enden.“
Rhun zieht seine Augenbrauen zusammen. „Ich verstehe“, sagt er schließlich. Noch einmal kontrolliert er den Sitz seines Tuches, dann treten die beiden auf schon zwischen den Bäumen hervor.
Der Markt übertrifft sämtliche Vorstellungen, die er bisher zu ihm hatte. Er ist voller Wesen unterschiedlichen Aussehens, die Rhun niemals alle benennen könnte. Sie stehen an den zahlreichen Ständen, sind am Feilschen, oder stehen in Gruppen zusammen und diskutieren. Der Markt wird nicht nur von den zahlreichen Fackeln erhellt, die zwischen den Ständen und entlang der Wege stehen, sondern auch von schwebenden Lichtern. Es ist laut und die Luft eine Mischung verschiedener Kräuter. Martha führt ihn zielsicher durch die Gänge, hin zu zwei Frauen, die etwas abseits vom Trubel stehen.
„Wen hast du uns denn da mitgebracht?“, fragt eine von ihnen, kaum dass sie vor ihnen zu stehen kommen.
„Das hier ist Rhun. Und Rhun, dies hier sind Anna und Emma. Sie sind Freunde von mir.“
Emma, diejenige, die sie bereits angesprochen hat, kichert hinter vorgehaltener Hand. „So süß und so jung.“
„Keine Sorge, Jungchen, wir passen schon auf dich auf“, fügt Anna an.
Rhun ist sich nicht sicher, was er von diesem Trio an Hexen – wie er zwischendurch herausgefunden hat – halten soll. Sie sind nett und zuvorkommend und helfen ihm sich zurechtzufinden. Martha stellt ihm allerhand Leute vor und lotst ihn zusammen mit den anderen beiden geschickt von denen weg, vor denen er sich fürs Erste fernhalten sollte. Sie helfen ihm auch beim Erwerb einiger Gegenstände. Martha übernimmt das Handeln fast vollständig und das ist wohl auch gut so, wenn man bedenkt, wie ihn manche der Verkäufer ansehen. Doch obwohl sie so freundlich und hilfsbereit sind, ist da dennoch etwas an ihnen, durch das er das Gefühl hat, sich vor ihnen in Acht nehmen zu müssen. Doch trotz dieser Bedenken verrät er ihnen, wie sie ihn wiederfinden können. Er hofft sehr, dass er dies nicht bereut, aber was Martha ihm verspricht, ist einfach zu verheißungsvoll, um es zu ignorieren.
