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the craft of the father

Summary:

Er ist noch derselbe, trotz allem. Seine Iris spiegelt das Blau-Grau eines aufgewühlten Himmels. Philipps physische Präsenz umgibt ihn wie Petrichor, der Geruch vor oder nach einem Sommerunwetter. Fabian ist sich nicht sicher, ob es sich diesmal um die Erinnerung an Regen oder dessen Ankündigung handelt.

 

***

“Tut mir leid, falls du dir einen anderen Interviewer vorgestellt hast.”

Philipp lächelt verbittert. “Ich hätte mir jemanden gewünscht, der nicht mein Ex ist, das ist alles.”

***

Seit ihrer schmerzhaften Trennung sind zehn Jahre vergangen. Fabian ist Vater. Philipp ist Kanzlerkandidat. Irgendwie treibt das Schicksal, launisch wie es ist, sie wieder und wieder zueinander.

Notes:

Das hier ist die versprochene Fix-It Fic zu i don't wanna call it off (but you don't wanna call it love). Ihr müsst das Prequel nicht zwingend gelesen haben, aber für die emotionale Wirkung empfehle ich euch, dass ihr das tut.

Mein Dank hier gilt vor allem unwetterlich, Gaya, Madi und dem ganzen Rest des Kösthor-Discord-VC, die sich meine Rants über Ex-Freundinnen in Gay Fanfics, Kanzler Amthor und die gesamte politische Landschaft der nächsten zehn Jahre mit beinahe engelsgleicher Geduld angehört haben.

Der Titel kommt von This Woman's Work von Kate Bush.

Chapter 1: Eine Kaffeediebin und ein Kind

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

“—in seiner letzten Rede hat CDU Kanzlerkandidat Philipp Amthor klare Position bezogen, was die klimapolitischen Pläne seiner Partei—”

Sirin dreht sofort das Radio leiser, als Fabian in die Küche tritt, aber er hat bereits etwas zu viel gehört, um einen guten Tag zu haben. Der Himmel draußen scheint seine Stimmung zu spiegeln. Wäre das Wetter besser, dann wäre seine Ex-Verlobte jetzt auf der geteilten Hinterveranda und würde zusehen, wie eine kleine Schar Spatzen von Hecke zu Hecke hüpfen und sich den Morgentau aus den Federn schütteln. Aber es ist Spätfrühling, und Berlin ist entsprechend trüb und lebensbeneinend, also sitzt sie auf dem Küchentresen — nicht auf den Barhockern davor, sondern auf dem Tresen selbst — und lächelt ihn trocken an.

Er seufzt und fährt sich mit den Fingern durch seine von der Dusche noch immer nassen Haare. “Was machst du hier?”

Zur Erklärung hebt sie ihre Tasse in die Höhe. “Hab vergessen, Kaffee zu kaufen.”

“Ich dachte, wir sind nebeneinander wohnen geblieben, damit Darian uns beide um sich hat, und nicht, damit du mir Lebensmittel klauen kannst.” Er versucht, nicht allzu belustigt zu klingen. Das fällt ihm leichter, als es das sonst tun würde, aber er scheitert trotzdem.

Als sie vor gut sechs Jahren in die Hauptstadt zogen, damals noch als Paar, fanden sie ihr Heim in der Doppelhaushälte, in der Fabian und Darian auch heute noch leben, während Sirin ihr Studio und ihre Musikschule in der anderen Hälfte einquartierte. Heutzutage wohnt sie dort permanent — was nicht zwingend heißt, dass Fabian davor sicher ist, dass sie ihm den Joghurt aus dem Kühlschrank stibitzt.

Auch Sirins Lächeln sieht nur halb beschämt aus. “Meine Therapeutin sagt, ich muss lernen, auch im Alltag mehr Chaos zuzulassen. Also… Naja, du siehst ja selbst.” Sie macht eine ausladende Geste, zeigt auf ihren Sitzplatz auf dem Tresen, auf die Kaffeemaschine und auf ihr Outfit, in dem sie offensichtlich geschlafen hat. Er ist ziemlich sicher, dass ihre Haare noch ungekämmt sind und es sich bei dem weißen Fleck an ihrem Kragen um Zahnpasta handelt. Ihre Brille trägt sie bereits, aber auch die sitzt leicht schief auf ihrem hohen, geraden Nasenrücken. “Oh, apropos Chaos, wo ist der Kleine?”

“Schläft noch.” Und das ist auch gut so, denn er ist noch nicht ganz wach genug, um für seinen Sohn ein fröhliches Gesicht aufzusetzen. Er spürt Sirins unangenehm scharfsinnige Augen in seinem Nacken, als er sich einen Kaffee eingießt. “Was?”

“Du bist komisch heute. Ist was passiert?”

Seine Emotionen vor Sirin zu verbergen, war schon immer, als würde man Kokain vor einem Drogenspürhund verstecken. Seufzend zieht er einen der Barhocker zurück und lässt sich darauf fallen. “Ich hab gestern noch lange mit Mareike aus der Redaktion telefoniert.”

Sirin runzelt die Stirn. “Und sie hat dir gesagt, dass das mit dem ‘Fabian geht wieder vor die Kamera, nachdem er acht Jahre im Autorenraum vergammelt ist’ Ding doch nichts wird?"

“Im Gegenteil,” murmelt er in seine Tasse. “Ich könnte schon nächste Woche anfangen.” Als ihr Gesichtsausdruck sich verständlicherweise noch immer nicht aufklärt, setzt er hinzu: “Das ZDF will nochmal eine Doku über den Wahlkampf der Union produzieren. Ich soll dafür die Interviews führen, einmal im Bundestag mit den Abgeordneten, einmal nur mit Ph— mit Amthor.”

Hinter seinen Schläfen fängt es jetzt schon wieder an zu pochen, wenn er nur daran denkt. Schweigend rutscht Sirin zu ihm rüber und legt ihre Hand auf seiner Schulter ab. Selbst nach zehn Jahren und selbst nach ihrer Trennung erdet ihn ihre Präsenz.

Er hasst es, dass er sie manchmal noch immer mit dem Unionspolitiker vergleicht, aber in letzter Zeit, wo Amthor überall ist, und gerade heute, kann er nicht anders. Sirin ist konstant auf eine Art, wie Philipp es nie war. Es ist nicht nur der Fakt, dass er sie fünf Jahre lang geliebt hat, oder dass sie einen wundervollen Sohn zusammen haben, oder dass er sich sicher war, dass er sie eines Tages heiraten würde. All diese Dinge hätte er sich auch mit Philipp vorstellen können.

Aber in Fabians Wäschewanne liegt gerade eine Strickjacke, die Sirin vorgestern bei ihm vergessen hat. An den Wochenden frühstücken sie zusammen. Sie gehen mit Darian in den Zoo und besorgen die Geburtstagsgeschenke noch immer zusammen. Wenn ihm um kurz vor Mitternacht im Halbschlaf noch ein Gag einfällt, ist sie es, der er schnell eine Nachricht schreibt, bevor er es vergisst. Manchmal, wenn Fabian im Garten arbeitet, schweben durch ein offenes Fenster Fragmente ihres Gesangs an seine Ohren.

Sirin ist kein Geist, ihre Präsenz in seinem Leben ist keine Heimsuchung. Was sie und Philipp grundsätzlich unterscheidet, ist, dass sie immer da war, immer da sein wird, ohne, dass Fabian darum betteln muss.

“Was ist damals eigentlich zwischen euch passiert?” Fragt sie nach einer längeren Stille.

“Kannst du dir das nicht denken?”

“Schon, aber wenn du drüber reden willst…”

Es ist nicht das erste Mal, dass sie ihn liest wie ein Buch; es wird vermutlich auch nicht das letzte Mal sein. Dennoch würde er lügen, wenn er sagen würde, dass ihm ihre quasi-prophetischen Fähigkeiten nicht manchmal ein wenig Angst einjagen. Es ist ein bisschen wie Statistik, sagt sie dann immer. Alles hat Muster, alles hat Rhythmus, wenn man weiß, wie man danach sucht. Er findet es trotzdem gruselig.

Er seufzt aus voller Brust. “Was soll schon groß passiert sein? Wir waren mal im selben Hotel eingebucht und haben uns zufällig an der Hotelbar getroffen und zusammen getrunken, bis es spät wurde. Ich bin dann noch mit ihm hoch auf sein Zimmer. Den Rest kannst du dir denken. Und irgendwie ist das dann wieder und wieder passiert, bis, ach, keine Ahnung. Bis er entschieden hat, dass schwul sein ihm doch nicht so richtig in den Kram passt.”

Den Part, wo er bis über beide Ohren verknallt in den Mann war, lässt Fabian bewusst aus. Zu der Erkenntnis ist sie wahrscheinlich bereits alleine gekommen.

Sirins Mund zieht sich zusammen, als hätte sie auf etwas Saures gebissen. “Arschloch,” zischt sie. “Aber was erwartet man auch sonst von der Union?”

“Hey, du warst mal in der SPD. So viel besser ist das auch nicht.” Er weiß nicht mal genau, warum er das Bedürfnis hat, Philipp zu verteidigen. Wie soll er dem Rest der Welt auch klar machen, dass der Mann, in den er sich damals verliebt hat, auch ganz andere Seiten an sich hatte? Er würde es ja nicht mal selbst glauben, wenn er es nicht am eigenen Leib erfahren hätte.

“Ich war mal bei den Jusos. Und ich dachte, wir reden hier über deine dunkle Verhangenheit, nicht meine,” neckt sie. “Ich kann nicht fassen, dass du mal was mit dem zukünftigen Kanzler hattest. Nein, warte, ich kann nicht fassen, dass du mal was mit Philipp Amthor hattest.”

Wider Willen muss er lächeln, wenn auch leicht. “Als hättest du noch nie fragwürdige Entscheidungen getroffen, was deine Partner und Partnerinnen angeht.”

“Hab ich nie behauptet. Ich hätte zum Beispiel mal fast diese linke GEZ-Hure von der Heute Show geheiratet— Ah!” Sie kreischt kurz auf als er ihr in die Seite kneift und rutscht vom Tresen, um Abstand zwischen sich und Fabian zu bringen.

Frech. Aber vor allem ist er stolz — auf sich selbst, weil er ein so guter schlechter Einfluss ist, doch mehr noch auf sie. Die Sirin von vor zweiundzwanzig, vor zehn, sogar vor fünf Jahren, hätte so einen Spruch wahrscheinlich unterdrückt und bloß den Kopf über ihn geschüttelt.

Er wird davor bewahrt, irgendwas viel zu Kitschiges darüber zu sagen, wie froh er ist, dass sie beide noch so miteinander lachen können. Denn bevor er den Mund öffnen kann, poltern Schritte die Treppe hinunter und es schießt ein Kugelblitz in Kindergröße in die Küche und klammert sich an Sirins Taille. “Mama!”

Darian war schon immer anhänglich, lässt also mehr als billigend zu, dass seine Mutter ihn in die Arme schließt und ihm ein paar Küsse auf Stirn und Scheitel aufdrückt. Er ist noch immer ganz zerrüttelt vom Schlaf und sein tiefschwarzes Haar so sprießt so zerzaust aus seinem Kopf, dass es aussieht, als hätte er in eine Steckdose gefasst. Vermutlich hat er Sirins Stimme gehört und ist ohne Umweg nach unten gehechtet.

“Schön, dass du mich auch so herzlich begrüßt,” kommentiert Fabian trocken, kann aber sein Lächeln nicht verbergen.

Darian hebt seinen Kopf und grinst ihn an. Dort, wo bis vor Kurzem noch ein Schneidezahn war, klafft jetzt seit zwei Tagen eine Zahnlücke. “Aber du bist immer da. Mama nicht.”

Sirins Mundwinkel zucken nervös. Ihr Lächeln verzieht sich zu etwas Bitterem, das sie vor ihrem Sohn zu verstecken versucht, indem sie ihr Gesicht in Fabis Richtung neigt. Ein Teil von ihr, wenn auch klein, wird sich ab und an wahrscheinlich immer schuldig fühlen — als wäre sie nicht Mutter genug für Darian, als hätte sie Hochverrat an ihm begangen, weil sie Fabian den größeren Teil der Sorgearbeit überlässt.

Manchmal hat Fabian Angst, dass diese Schuldgefühle eines Tages ihre Beziehung zu ihrem Kind versauern könnten. Dann aber ermahnt er sich, wie oft er selbst noch an Philipp denkt und wie präsent der alte Schmerz von Zeit zu Zeit noch ist, nachts, wenn er allein in einem zu großen Bett liegt und der Stille lauscht. Was das Nicht-Loslassen-Können angeht, sollte er wahrscheinlich erst vor der eigenen Haustür kehren.

Er hat seine Wunden damals nur notdürftig wieder geflickt. Jetzt, mehr als je zuvor, wird ihm klar, dass er die Vergangenheit nie ganz zur Ruhe gebettet hat. Dass er die Nähte wieder öffnen muss, um das letzte Stück von Philipp, das er zehn Jahre lang unter seiner Haut getragen hat, aus sich heraus zu graben — ein hässlicher, blutiger und längst überfälliger Prozess.

Seine Bartstoppeln kratzen seine Handinnenfläche wie Schmirgelpapier. Er sollte sich besser gründlich rasieren, bevor er wieder vor die Kamera geht.

Notes:

Die wundervolle unwetterlich hat übrigens ihre eigene Version dieser Story geschrieben, die ihr definitiv lesen solltet, weil alles, was sie raushaut, ein unfassbarer Banger ist.