Work Text:
Egal, wie oft sie nebeneinander einschliefen, wenn der Morgen kam und Fabian die schlafschweren Gliedmaßen ausstreckte und mit geschlossenen Augen nach Philipp tastete, fand er jedes Mal lediglich ein leeres Bett. Nicht einmal eine Kuhle war zu sehen, wo sein Körper gelegen hatte. Die Laken waren glattgezogen. Das Kissen war aufgeschüttelt. Seine Kleidung, die aufgrund ihrer vorherigen Aktivitäten unweigerlich im gesamten Schlafzimmer verstreut worden war, war wieder ordentlich in seiner Reisetasche verstaut. Außer Philipp selbst, der vermutlich bereits an seinem Laptop saß und Emails beantwortete, deutete nichts darauf hin, dass dieser jemals bei ihm übernachtet hatte.
Es war die Arbeit, sagte er immer, wenn Fabian ihn darauf ansprach. Ausschlafen war ein Luxus, der einem hochrangigen Politiker nur selten zuteil wurde. Das mochte zwar stimmen, aber es änderte nichts daran, dass er es auch als Ausrede verwendete. Obwohl sie das beide wussten, war dies allerdings eine der wenigen Wunden, in die Fabian den Finger nicht legte. Genau wie der Fakt, dass sie sich nur in seiner Wohnung trafen; wenn er Berlin besuchte, bestand Philipp darauf, dass Fabian sich ein Hotelzimmer nahm. Er wusste nicht einmal genau, wo sein nicht-ganz-Freund überhaupt wohnte.
Koffein. Verdammt, er brauchte Koffein. Ächzend schleppte er sich aus dem Bett. Seine Schulter gab beim Strecken ein ungutes Knacken von sich. Alt wurde er also auch noch, na großartig.
Draußen war es noch dunkel. Philipp saß wie üblich am Küchentisch, blickte angestrengt auf seinen Laptop und kaute auf seiner Unterlippe. Mittig auf seiner Stirn hob sich eine Sorgenfalte ab. Wahrscheinlich beobachtete er die Umfragewerte seiner Partei, wie er es seit dem Ampel-Aus beinahe obsessiv tat. Nur kurz hob er den Kopf und murmelte ein vom Schlaf noch raues “Morgen” als Fabian schläfrig in die Küche tappte, bekleidet in Boxershorts und einem ausgeblichenen T-Shirt.
Fabian goss sich gähnend einen Kaffee ein. Mit einem Schmunzeln nahm er zur Kenntnis, dass die Hafermilch bereits auf der Arbeitsfläche stand. Eines Morgens hatte er den Unionspolitiker doch tatsächlich dazu überredet, diese zu probieren, und obwohl er seinen Kaffee ‘offiziell’ noch immer schwarz trank, schien er einen Gefallen daran gefunden zu haben. Was wohl schwerer war, sich in der CDU als schwul oder als Hafermilchtrinker zu outen?
Wie ein Heiligenschein aus Plastik leuchtete die billige Schneeflocken-Lichterkette hinter Philipps Rücken. Normalerweise holte Fabian die Deko erst kurz vor Heiligabend aus dem Keller, wenn überhaupt. Aber Philipp hatte darauf bestanden, und gemeinsam Kabel zu entwirren, krampfhaft Batterien zu suchen und dann auf dem Sofa Kakao mit Schuss zu trinken, war so heimelig, dass er ohne großen Protest mitgemacht hatte. Gut, vielleicht hatte er sich die ganze Zeit vorgestellt, wie es wohl wäre, eine gemeinsame Wohnung zu schmücken, und vielleicht war das besinnliche Zusammensitzen recht schnell in Knutschen ausgeartet, aber wer konnte ihm das schon vorwerfen? Er grinste in seine Tasse hinein und nahm einen Schluck.
Das Tippen von Philipps Fingern auf der Tastatur verstummte, als er aufblickte. “Wir sollten reden.”
Die Worte überströmten Fabian wie kaltes Wasser, und mit einem Mal war er hellwach. “Klingt gefährlich,” witzelte er, obwohl sein Brustkorb, schwer mit Vorahnung, wie zugeschnürt war und seine Stimme sich selbst für ihn seltsam erstickt anhörte. “Darf ich meinen ersten Kaffee noch austrinken, bevor wir uns streiten?”
“Fabian, bitte.” Philipp rieb sich die Schläfe und schob seinen Laptop in Fabians Richtung. “Ich meine es ernst. Schau.”
In seinem Browser waren, wie eigentlich zu jeder gegebenen Zeit, zwanzig oder dreißig Tabs auf einmal geöffnet. Von schmierigen Klatschblättern bis zu Social Media Posts mit wilden Spekulationen drehte sich heute morgen aber alles nur um ein Thema: den Knutschfleck, den Fabian am Nachmittag zuvor auf seinem Hals hinterlassen hatte, und den gestern Abend das ganze Land in Frau Maischbergers Talkshow hatte bestaunen können. Auch jetzt war er noch deutlich über seinem Hemdkragen zu sehen.
“Hm,” machte Fabian. “Nicht optimal, aber es weiß ja keiner, dass das ein Kerl war. Ich achte nächstes Mal drauf, keine Beweise zu hinterlassen, versprochen.”
“Ich glaube, es ist besser, wenn es ein nächstes Mal gar nicht gibt.” Philipp weigerte sich stur, Fabians Blick zu erwidern.
Nein. Das war es nicht, was er meinte. Richtig? Wahrscheinlich hatte er sich einfach verhört oder ihn missverstanden. Genau. Das musste es sein. “Nie wieder zur Maischberger? Ist das nicht ein bisschen—”
“Bitte stell dich nicht dumm. Das ist unter deiner Würde.” Auch Philipps Stimme klang belegt, doch seine Worte waren scharf und schneidend. “Ich glaube— Also, ich glaube, wir sollten uns nicht mehr privat sehen.”
Stille. Selbst das Absetzen seiner Kaffeetasse und das Knarzen des Stuhls, als Philipp von ihm aufstand, klangen in Fabians Ohren wie ein Donnerschlag. “Was?”
“Ich bin momentan ohnehin mit dem Wahlkampf beschäftigt, und wir sind uns doch beide einig, dass das hier eh nie wirklich von Dauer—”
“Nein, sind wir nicht,” fiel Fabian ihm ins Wort. “Ganz und gar nicht.”
Wenn er den Rest seines Lebens in diesem Fegefeuer von Beziehung zubrachte, war das okay für ihn — glaubte er, hoffte er. Er musste nicht Philipps offizieller Partner sein, solange er die Person war, die er nach einem langen Tag anrief, um sich über Friedrich Merz auszukotzen; derjenige, der ihn mit Memes und dummen Witzen aufheiterte, wenn er mit zwei Stunden Verspätung im Zug steckte; jemand, den er ab und an vermisste, wenn die Leere seiner Wohnung ihm Abends zu leise vorkam. Es war in Ordnung, dass er nicht Philipps große Liebe war, weil es ihm genügte, überhaupt irgendwer für ihn zu sein.
Philipps Hände zitterten und er brauchte mehrere Anläufe, um seinen obersten Hemdknopf zu schließen. So unsicher hatte Fabian ihn noch nie erlebt, nicht einmal als sie sich zum ersten Mal in seiner Wohnung trafen, eines Nachts, nachdem Philipp seinen Anschlusszug verpasst hatte. Obwohl sie an dem Punkt bereits mehrere Nächte zusammen in Hotels verbracht hatten, hatte er wenig gesprochen, Fabian einmal beinahe gesiezt, und darauf bestanden, auf der Couch zu schlafen. Am Ende war er, wenn auch über ein paar Umwege und mit reichlich nervösem Herumgedruckse, trotzdem in seinem Bett gelandet.
Jetzt allerdings wollte Fabian nichts mehr, als ihn in den Arm zu nehmen, doch als er einen Schritt in Philipps Richtung machte, wich der fast wie automatisch zurück. “Sei doch bitte vernünftig, Fabian. Diese Art von … Arrangement hält sowieso selten. Ich habe dich wirklich gern, und genau deshalb sollten wir aufhören, bevor wir einander verletzen.”
“Hast du eigentlich je daran gedacht, dass es mir vielleicht mehr wehtun würde, dich zu verlieren?”
“Einen Splitter zu entfernen tut anfangs auch weh, aber wenn man ihn stecken lässt, entzündet er sich.” Philipps Miene war wie versteinert, aber in seinem Blick loderte blanke Panik. Er berührte den Fleck auf seinem Hals zögerlich, als wäre er ein Brandmal. Sein ganz eigener scharlachroter Buchstabe.
Er schämte sich — nicht über Fabian, sondern über sich selbst. Und deswegen auf Umwegen trotzdem auch irgendwie über Fabian.
Er schnaubte. “Und dass dir das erst jetzt im Wahlkampf einfällt, ist bestimmt nur ein Zufall, oder? Wenn du keinen Bock mehr auf mich hast, oder dir das Risiko zu groß ist, okay, von mir aus. Muss ich nicht gut finden, kann ich aber akzeptieren. Aber tu nicht so, als würdest du mir damit einen Gefallen tun.”
Mit einem Mal spürte er Philipps Hand auf seinem Unterarm. So vertraut die Berührung auch war, hatte sie jetzt eine beinahe fieberhafte Verzweiflung an sich, die Fabian so noch nie an ihm gesehen hatte. “‘Keinen Bock mehr auf dich?’ Ist das dein Ernst? Fabian, du bist— du bist alles, was ich je wollte. Ich … mag dich. So sehr, dass es mir Angst macht. Was meinst du, warum ich dich auf Distanz halte? Weil ich verdammt nochmal weiß, dass, wenn du mir zu nah kommst, ich dich nie wieder loslasse.”
Einen langen Moment starrten sie einander bloß an, Philipp mit wilden, glasigen Augen und bebenden Schultern, Fabian mit einem Knoten in der Brust, der sich jede Sekunde auszudehnen schien. Er wollte nach der Hand reichen, die noch immer seinen Arm umgriff, doch bei der leisesten Berührung zog Philipp sie zurück, als hätte er sich an ihm verbrannt.
Der Knoten zwischen Fabians Rippen schnürte sich zu einem zornig glühenden Ball zusammen. Wie konnte er es wagen, erst jetzt all das zu sagen, auf das er schon seit Monaten gehofft hatte? Jetzt, wo er im Begriff war, ihn zu verlieren?
Alles, was er herausbrachte, war ein ersticktes, “Aber warum …?”
“Weil ich keine andere Wahl habe. Wenn herauskommt, dass ich …” Er stockte. Nicht einmal hier, allein in Fabians Küche, konnte er die Worte sagen. “Mein halbes Leben habe ich auf eine Version von mir hingearbeitet, die nicht sein kann, was— wer ich mit dir bin. Ich kann nicht einfach wegen dir aufhören, die Person zu sein, die mein Land und meine Partei von mir erwarten. Wenn ich das verliere, was bleibt mir dann noch?”
Ich, wollte Fabian erwidern, aber er wusste selbst, dass das nicht genug war.
Die Worte platzten aus ihm heraus, bevor er sie stoppen konnte. “Weißt du, was ich glaube? Dass du dir fast schon gefällst in der Rolle. Unser tragischer Held Philipp Amthor presst sich selbst so lange durch das CDU-Sieb, bis nichts mehr von seiner Persönlichkeit übrig bleibt. Und du merkst nicht einmal, dass niemand was davon hat, außer dein beschissener katholischer Märtyrer-Komplex. Weil du lieber etwas aufgeben würdest, von dem du selber sagst, dass es alles ist, was du je wolltest, als auch nur einen Haarbreit weniger als perfekt auszusehen.”
“Du hast ja keine Ahnung,” fauchte Philipp. “Es ist nicht deine Karriere, die von der Zustimmung von Leuten abhängt, die wahrscheinlich glauben, so zu sein wäre was, das ich mir ausgesucht hätte. Und selbst wenn, du könntest einfach eine Frau heiraten und mit ihr genau so glücklich sein wie mit mir, und wahrscheinlich wäre das sogar besser für dich. Du musst dich nicht zwischen deiner Verantwortung und deinem Verlangen entscheiden.”
Fabians Fingernägel bohrten sich in seine Handflächen, als er die Hände zu Fäusten ballte. “Tut mir wirklich leid, dass mich in dich zu verlieben dir so viele Unannehmlichkeiten bereitet hat. Wird nicht wieder vorkommen, versprochen.”
Ein bedeutungsschwangeres Schweigen machte sich zwischen ihnen breit, weitete die Distanz zwischen ihnen wie ein klaffender Abgrund, der größer und größer wurde. Es war das erste Mal, dass einer von ihnen über Gefühle sprach.
“Ich sollte jetzt besser gehen.” Philipp war es, der den Moment brach. Für einen Moment glaubte Fabian, Tränen in seinen Augen zu sehen. Er blinzelte ein paar Mal, sich schamhaft bewusst über die feuchte Verschwommenheit seiner eigenen Sicht.
Fabian stand wie versteinert da, während Philipp begann, hastig seinen Laptop zusammenzupacken und den Rest seines Kaffees die Spüle hinunter zu kippen. Und während er zusah, wie der Mann, den er wider aller Vernunft liebte, sich mit einer beinahe gewaltsamen Säuberlichkeit aus seinem Leben ausradierte, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass es immer so hatte enden müssen.
Als er bei seinen Eltern ausgezogen war, hatte seine Mutter ihm eine Königin der Nacht geschenkt — ein Kaktus, der nur für ein paar Stunden und nur für eine einzige Nacht blühte. Philipp war genauso, denn lieben konnte er ihn nur in Dunkeln. Als wäre es das Tageslicht, das alles real machte. Als könnte die zarte Blüte von Mensch, der mit den Fingerspitzen Muster auf Fabians nackte Schultern malte und ihm vor dem Einschlafen silbrig-filigrane Hoffnungen von mehr zuraunte, sein eigenes Antlitz im Licht der Morgensonne nicht ertragen.
Der Kaktus war innerhalb eines Jahres eingegangen.
“Wie lange?” In Fabians Stimme war kein Ärger mehr zu hören, keine Trauer. Wie ein verletztes Tier, das sich auf den Rücken drehte, den weichen verletztlichen Bauch freilegte und sich seinem Schicksal ergab, spürte er lediglich Resignation. “Wie lange hast du schon geplant, es zu beenden?”
“Seit November. Seit dem Ampelbruch,” gab Philipp zu, nun, wo es keinen Grund zum Lügen mehr gab. “Ich wollte bis nächstes Jahr warten, aber nach der Sache bei Maischberger gestern Abend …”
Einen Monat. Einen ganzen Monat. Wie sollte er jemals wieder seine Lichterketten ansehen, ohne daran zu denken, wie Philipp in ihrem Schein ausgesehen hatte? Wie Kakao mit Rum trinken, ohne sich an dessen Geschmack auf seinen Lippen zu erinnern? Wie Bahn fahren, Kaffee kochen, sein Bett machen, schlafen, duschen, zur Arbeit gehen, atmen, überhaupt existieren, ohne sich jede Minute seines Lebens schmerzlich darüber bewusst zu sein, was ihm fehlte? Wie zum Teufel sollte er nach all dem einfach weitermachen, als wäre nichts passiert, wenn er wusste, dass Philipp währenddessen bereits mit ihm abgeschlossen hatte?
Er folgte ihm in den Flur, sah zu, wie er sich Schuhe und Mantel anzog. Die Reisetasche stand bereits neben der Tür. Idiot. Er war so ein verdammter Idiot.
Immerhin hatten sie beide das gemeinsam.
Philipp griff nach der Türklinke, drehte sich ein letztes Mal um. “Wenn es jemand gewesen wäre, dann du. Ich will, dass du das weißt. Fabian, ich l—”
“Spar’s dir.”
Er wollte es nicht hören. Ändern würde es eh nichts.
Das Bett war gemacht. Alle persönlichen Gegenstände entfernt. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel und die Wohnung in Stille erstickt wurde, blieb ihm nichts mehr von Philipp.
