Chapter Text
"Rarely does the dream boy come along
He don’t exist"
— I’ll Have To Dance With Cassie, God Help The Girl
Lesley stand vor dem Ganzkörperspiegel in Jelenas Zimmer und betrachtete kritisch ihr Gesicht darin. Geschminkt erschien es ihr beinahe fremd. Seit der Trennung von Marina in ihrem dritten Jahr am College hatte sie nie mehr als einen Lippenpflegestift aufgetragen. Die Wimperntusche, Revlons Rum Raisin und den braunen Kajal hatte sie sich neu kaufen müssen.
„Denkst du, das geht so?“, fragte sie über die Schulter. „Ich dachte, er wäre bloß ein guter Bekannter“, gab Jelena zurück und verdrehte demonstrativ die Augen.
„Hey“, Lesley blinzelte unschuldig, „Auch für gute Bekannte kann man sich zurechtmachen.“
„Klar. Und darum kreuzt du vor der Arbeit hier auf und leihst dir meine Lieblingsbluse. Oder bin ich kein so guter Bekannter?“, Jelena hob eine Augenbraue. Lesley fasste sich gespielt bestürzt an die Brust, „Hast du mir die ganze Zeit was vorgemacht? Ich hätte schwören können, du stehst nicht auf Frauen.“
Mit einem Schnauben klappte Jelena ihr Buch zu, „Für dich würd’ ich glatt eine Ausnahme machen. Aber wenn auf der Bluse nachher nur ein Fleck ist, sind wir die längste Zeit Freundinnen gewesen.“
Sie hatte den Jacarandabaum hinter der Stadtbücherei in ihrer dritten Woche bei Booksmith auf der Suche nach einem Platz für ihre Mittagspause entdeckt. Damals war sie täglich zwischen ihrem Wohnheimzimmer in Ruxton und Rocky Beach gependelt und hatte die Stadt in ihrer freien Zeit erkundet und sich heimlich ausgemalt, wie ein Leben hier aussehen würde. Für ihre Exfreundin war niemals etwas kleineres als Manhattan in Frage gekommen, aber Lesley war selbst die Busfahrt durch North Hollywood manchmal zu stressig.
Nach der Trennung hatte sie sich häufig auf die Bank unter dem Baum verkrochen, Edith Wharton gelesen und sich geschworen, bis an ihr Lebensende alleine zu bleiben. Marina war in den Semesterferien in New Jersey bei ihrer Familie gewesen und hatte sich wochenlang nicht gemeldet, um ihr bei ihrer Rückkehr zu eröffnen, daß sie jemanden kennengelernt hatte. (Gabby, ein Model mit gebleichten Augenbrauen, das sich auf Instagram in schwarzen Lederkleidern räkelte und glutenfreien Schokoladenkuchen und beerenfarbene Lippenstifte bewarb, wie Lesley nach ein wenig unkluger Recherche herausgefunden hatte.)
Rocky Beach war zu ihrem Refugium geworden. Mr. Smith hatte ihr eine Wohnung vermittelt und Lesley hatte ihr Zimmer in Ruxton zum Semesterende hin aufgeben können. Sie fuhr nur noch zwei Mal die Woche zum College, um ihre letzten Kurse abzuschließen, und verließ den Campus jedes Mal ohne Wehmut.
Der Jacarandabaum war einer ihrer liebsten Orte geblieben, obwohl sie ihr neues Zuhause mochte. Sie hatte sich die Einrichtung im Gebrauchtwaren-Center am Stadtrand gekauft und Pflanzen auf die Fensterbank gestellt. Und zum ersten Mal hatte sie Bilder an die Wand gehängt, das Plattencover von Patti Smiths Wave, und Kunstdrucke, die Rothaarige von Toulouse-Lautrec und ein Selbstportrait von Jeanne Hébuterne. Es gefiel ihr, in der Küche in aller Ruhe Kaffee aufzusetzen und beim Kochen ungestört Radio hören zu können. Und trotzdem war es schön, neben dem Sessel in ihrem Schlafzimmer einen anderen Platz zu haben, an dem sie lesen und ihren Gedanken nachhängen konnte.
Ein bißchen war er noch immer ihr Geheimnis; sie hatte sich fest vorgenommen, nur mit besonderen Menschen auf der Bank darunter zu sitzen. Mit Jelena war sie nach dem Kino hierher gekommen, nachdem sie beide über das Ende von Celeste & Jesse Forever geweint hatten. Als ihre Schwester sie das erste Mal in Rocky Beach besucht hatte, hatten sie hier Sandwiches gegessen und Eiskaffee getrunken. Paul, einen Künstler, der am Stadtrand in einer Art Kommune lebte, hatte sie bloß mit in den Park genommen, nachdem er sie mit den Worten: „Auf deinen Photos sahen deine Haare röter aus“, begrüßt hatte. Zu einem zweiten Date war es nicht gekommen und Lesley hatte die App gelöscht.
Bei Bob Andrews war sie sich zunächst unsicher gewesen. Sie hatte ihn durch Jelena bei einer Lesung in der Buchhandlung kennengelernt. Er war im letzten Jahr an der High School, aber er gab sich große Mühe, weltgewandt und kulturell ein wenig versnobt aufzutreten. Und er war charmant. Er hielt ihr die Tür auf, er zwinkerte ihr zu, wenn er bei Booksmith einkaufte und sie andere Kunden bediente, er schrieb ihr Kurznachrichten, in die er geschickt kleine Komplimente einfließen ließ.
Und schließlich hatte sie doch nachgegeben und sich in ihrer Mittagspause mit ihm verabredet. „Du bringst Kaffee mit, und ich Sandwiches und Cupcakes, deal?“, hatte sie gesagt und dabei das Herzklopfen bis in den Hals gespürt. Seit Marina war sie nicht so aufgeregt gewesen.
Bob hatte kurz erschrocken geguckt, als hätte sie ihn überrumpelt, aber dann hatte er genickt: „Klar. Wie trinkst du deinen?“
„Ohne Milch, mit drei Löffeln Zucker.“
„Also, die Sache ist die“, sagte Jelena, „Mach’ dir vielleicht keine zu großen Hoffnungen. Ich kenne ihn seit…“, sie überlegte kurz, „Ich kenne ihn seit fast drei Jahren. Er war in der Zeit bestimmt auf hunderten von Dates. Es ist nie was daraus geworden.“
Lesley zuckte mit den Schultern. Sie hatte die Haare zu zwei Zöpfen hochgesteckt, zu einem losen Dutt, aber offen gefielen sie ihr doch am besten. „Ich will ihn ja bloß besser kennenlernen“, sagte sie und ärgerte sich darüber, wie trotzig es klang. „Nicht, daß du mir als Freundin hier nicht mehr ausreichst“, fügte sie in einem lockereren Tonfall versöhnlich hinzu.
Im Spiegel sah sie, wie Jelena hinter ihr ein nachdenkliches Gesicht machte.
Mr. Smith beäugte sehnsuchtsvoll die Cupcakes, die sie im Kühlschrank im Pausenraum deponiert hatte. Seit Weihnachten war er mehr oder weniger erfolgreich auf Diät und brachte als Mittagessen Rohkost und Proteinshakes mit. „Zwei dürfen Sie sich nehmen, wenn Sie wollen. Ich treffe mich nachher zum Picknick mit einem Freund. Da darf ich nicht mit leeren Händen aufkreuzen.“
„Ach, wissen Sie, mein Klassentreffen steht an. Da würde ich mich gerne von meiner besten Seite zeigen und… nein, ich sollte wirklich nicht“, resolut schloss er die Kühlschranktür.
Lesley lächelte ihn an. „Ich denke nicht, daß Ihre beste Seite etwas mit Möhren oder Cupcakes zu tun haben. Falls Sie es sich anders überlegen: es ist ein Salz-Karamell-Frosting.“
Im Laden gab es am Vormittag wenig zu tun. Sie sortierte die vorbestellten Bücher, die niemand abgeholt hatte, in die Regale ein, und überlegte sich, welche der Neuerscheinungen Sie im kommenden Monat im Schaufenster ausstellen sollten. Die Sommerferien standen bevor, und die Schüler bekamen bald ihre Literaturlisten.
„Die hatte ich immer richtig schnell durch, weil ich die meisten Sachen eh schon kannte“, hatte Bob ihr erzählt, in einem dieser Momente, in denen er ihr schrecklich jung erschien, „Ich hab’ dann immer Miss Bennett genervt, bis sie mir ein paar Sachen rausgesucht hat.“
Im Grunde hatten sie sich um zwei, drei Jahre verpasst, die manchmal wie eine Barriere zwischen ihnen lagen. In die High School war Lesley selbst eines von den Kindern gewesen, das jede freie Minute mit dem Lesen verbrachte. Die Bücherei war ihr zweites Zuhause gewesen. Sie war sich sicher, daß Bob sie gemocht hätte und es nicht so schrecklich kompliziert geworden wäre.
Im Streit, kurz vor ihrer Trennung, hatte Marina sie verkopft gennant. „Im Ernst, Les. Das Leben würde dir viel leichter fallen, wenn du nicht jede Kleinigkeit zerdenken würdest.“
Die Türglocke erklang und Lesley schüttelte die Erinnerung ab. Zehn Minuten noch bis zu ihrer Mittagspause. Sie wandte sich der jungen Frau zu, die den Laden betreten hatte. Sie trug die dunkelblauen Jeans bis über die Knöchel hochgekrempelt und darüber ein kariertes Flanellhemd. Die schwarzen Locken reichten ihr knapp bis zum Kinn. Ohne sich auch nur umzusehen steuerte sie auf die Kasse zu.
„Kann ich helfen? Ich muss gleich in die Pause, aber wenn es schnell geht…“, innerlich hoffte sie, daß es eine einfache Bestellung war, oder ein Buch, das sie abholte.
„Bist du Lesley?“, entgegnete die Frau stattdessen.
Lesley nickte langsam. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erklären, woher sie ihren Namen kannte.
„Hi. Ich bin Liz. Bob meinte, ich sollte dich abholen, weil es bei ihm etwas später wird“, sie machte eine wegwerfende Handbewegung, „Kennst du wahrscheinlich schon.“
„Ich… glaube, ich brauche mehr Kontext“, sagte Lesley. In ihrem Magen verknotete sich die Angst, bloß auf einen blöden Streich hereingefallen zu sein. Eine Mutprobe, der sich Bob unterzogen hatte, wie in einer Neunziger-Jahre-Komödie.
„Ihr seid doch zum Mittagessen verabredet, oder? Er wollte, daß ich mitkomme. Er meinte, du wärst neu hier, und könntest ein paar mehr Leute kennenlernen“, Liz sah sie prüfend an, „Er hat dir doch bescheid gesagt, oder?“
„Das muss er wohl vergessen haben.“ Lesley versuchte ein verkrampftes Lächeln.
Liz schloss die Augen kurz und atmete tief durch die Nase ein. „Ich bring’ ihn um. Hör’ mal, ich ruf’ ihn kurz an und… vielleicht kann er ja einfach selbst in den Laden kommen“, sie zog ihr Handy aus der Hosentasche und murmelte, mehr zu sich selbst, „Dieser Vollidiot.“
„Aber ich meine“, Lesley räusperte sich, „Neue Leute könnte ich schon kennenlernen. Hi. Ich bin Lesley. Dimple.“
„Elizabeth Zapata“, sagte Liz und ließ die Hand sinken, „Du studierst in Ruxton, richtig?“
„Ja. Und du? Gehst du mit Bob zur Schule, oder woher kennst du ihn?“
„Exfreundin, beste Freundin, such’ dir was aus“, Liz zuckte die Schultern, „Wir kennen uns seit dem Kindergarten.“
Exfreundin. Beste Freundin. Er war in der Zeit bestimmt auf hunderten von Dates. Es ist nie was daraus geworden.
Verfluchte Jelena.
