Chapter Text
Kapitel 1
~~*~~*~~
„Schmeckt es?“
Du nickst enthusiastisch und zauberst Pentalla damit ein Lächeln ins Gesicht.
„Schön.“
Deine Freundin ist der ungeschlagene Häuptling am Feuer, niemand kocht so gut wie sie. Am liebsten würdest du durch die Klanlande ziehen und vor allen damit angeben, dass es in Salzbiss das beste Essen gibt, aber dann würde vielleicht jemand sie überreden, wegzuziehen. Das würde bedeuten, ohne sie auskommen zu müssen. Dieses Risiko ist dir dann doch zu hoch.
Pentalla setzt sich mit ihrer Schüssel in den Händen neben dich und fragt: „Wann kommt dein Vater nochmal?“
Den Löffel im Mund, zeigst du mit den Fingern.
„Drei Tage?“ Sie löffelt sich selbst eine Portion in den Mund, dann hält sie inne. „Moment! Hast du mir nicht vor drei Tagen dasselbe gesagt?“
Du nickst, den Mund voll mit Wurzelgemüse.
„Wenn er sich beeilt, ist noch was übrig.“
Empört schüttelst du den Kopf und stehst geradewegs auf, um dir einen Nachschlag zu holen, begleitet von ihrem Lachen.
Dein Vater ist Kaplan des Wüstenklans und entweder in seiner alten Heimat Pfeilhand oder in eurer Hauptsiedlung Brennspeer. Als das letzte Mal ein Trupp zu euch kam, um eine Ladung Salz abzuholen, hat dir einer der Soldaten ausgerichtet, dein Vater würde demnächst zu Besuch kommen. Du freust dich auf ein Wiedersehen mit ihm, noch mehr aber darauf, endlich mal wieder Streit mit ihm zu spielen. Du bist wegen deiner Mutter in Salzbiss aufgewachsen, und zwar selbst häufiger in Brennspeer, aber wenn ihr zeitgleich da seid, ist dein Vater meistens zu beschäftigt, um in Ruhe mit dir zu spielen.
Heute werde ich ihn gekonnt in die Pfanne hauen, so wie Pentalla diese Eier. Genial!
Neuerdings probiert Pentalla alle möglichen Gerichte mit Eiern aus: Eintöpfe, Pfannengerührtes, Backwaren. Nach Enteneiern und denen von Gänsen ist sie jetzt auf die Idee gekommen, Möwennester zu plündern, davon gibt es in der Gegend ziemlich viele. Sie schwört, die Sorte der Vögel würde einen Unterschied machen. Leider bist du ihr keine Hilfe, weil du alles köstlich findest, das sie produziert.
„Da kommt er!“
Du siehst auf, dein Blick trifft den Soldatentrupp aus Brennspeer, der durch das Tor hereinströmt, deinen Vater in ihrer Mitte. Sie sehen gestresst aus, einer der Soldaten blutet am Bein. Augenblicklich stellst du deine Schüssel ab und eilst zu ihnen.
Gerade, als du den Trupp erreichst, sagt der Vordermann zu eurem Anführer: „Dieses verfluchte Schnappmaul! Das Erste haben wir umgangen, aber Nummer zwei kam aus dem Nichts.“
Sie sind also in eine Auseinandersetzung mit Maschinen geraten. In der Umgebung von Salzbiss leben mehrere Horden Schnappmäuler. Normalerweise wagen sie sich nicht so nahe an die Siedlung heran. Der Angriff muss vor einer Weile erfolgt sein.
„Konntet ihr es erledigen?“, fragt Kittay, der Anführer eurer Siedlung.
„Ja, der Kadaver liegt draußen. Wir wollten erst die Verwundeten versorgen und den Kaplan sicher herbringen.“
Kittay sieht zur Seite, sein Blick trifft dich. „Fertig mit Essen? Dann kannst du plündern.“
Du ziehst einen Flunsch, im selben Moment schiebt dein Vater sich zwischen den Soldaten durch. Er legt die Hand auf deine Schulter und sagt: „Dein alter Herr läuft nicht weg, roter Pfeil.“
Roter Pfeil ist dein Spitzname von klein auf. Erstens ist Rot deine Lieblingsfarbe. Wenn du könntest, würdest du dich nur mit roter Farbe beschmieren und Gelb und Schwarz weglassen. Zweitens schießt du aus Vorliebe mit Brandpfeilen. Es geht nichts über ein hübsches Feuer.
„Also los!“ Kittay zückt seine Waffe. „Ich komme mit.“
„He, ich bin auch dabei!“, ruft Pentalla von irgendwo hinter euch.
Einer der Brennspeer-Soldaten schließt sich euch an. Zu viert sucht ihr die Stelle auf, wo der Trupp das Schnappmaul erlegt hat. Zum Glück seid ihr früh genug, es ist noch kein Plünderer auf den Kadaver aufmerksam geworden. In geübter Manier zerlegt ihr die Maschine. Das Beutelgewebe ist zerstört worden, wirklich schade, aber die übrigen Teile sind intakt. Vollbepackt mit eurer Ausbeute tretet ihr eine Stunde später den Rückweg an. Als ihr Salzbiss erreicht, knurrt dein Magen erneut.
Hoffnungsvoll siehst du Pentalla an, sie versteht sofort und seufzt. „Schon wieder Hunger?“
Du grinst. Deine beste Freundin braucht keine Worte. Ebenso wenig braucht sie dein Vater, der am Tor steht, sich mit den Wachen unterhält und sich euch freudig zuwendet.
„Erfolgreich?“ Er küsst dich auf die Stirn, du machst eine halbherzig abweisende Geste. Du bist peinlich, Papa! Lass das!
„Ich mache euch was zu essen“, sagt Pentalla. „Es ist nicht mehr viel Eintopf da, Kaplan Jetakka, das tut mir leid. Deine Tochter hat fast alles gefuttert.“
Empört bläst du die Backen auf, dein Vater lacht, ebenso euer Anführer, der dir deine Beute abnimmt. „Ich bringe dir deinen Anteil später.“
Dankend salutierst du, dann nimmst du deinen Vater am Arm und ihr zieht euch zu deinem Schlafplatz zurück, während Pentalla ihre Kochstelle ansteuert.
Kaum an deinem Platz angekommen, klappst du dein Streit-Brett aus. Wenig später sitzen dein Vater und du einander gegenüber, habt eure Figuren auf dem Brett positioniert und versucht, die Strategie des jeweils anderen zu erraten.
Du hast ihn vermisst.
Selten werden Tenakth so alt wie dein Vater, besonders die Kinder der Wüste, dem stolzesten aller Klans, dessen Angehörige niemals buckeln oder kneifen. Deine Eltern mögen kurz nach deiner Geburt getrennte Wege gegangen sein, aber du liebst sie beide und du bist dankbar für die Zeit, die dir mit deinem Vater bleibt.
„Hm, da habe ich dich wohl erwischt“, sagt er, schmunzelt und zieht seinen Verwüster, um deinen Rollrücken vom Brett zu fegen.
Du liebst ihn, aber manchmal ist er so unfair.
Euer Spiel ist auf seinem Höhepunkt, als Pentalla mit zwei dampfenden Schüsseln kommt und sie euch in die Hände drückt. Sie schaut dir über die Schulter. „Darf ich?“
Du nickst. Sie zieht eine deiner Figuren. Du siehst das Gesicht deines Vaters und weißt sofort, dass sie einen Fehler gemacht hat.
Er grinst. „Tja, das war's wohl.“ Anschließend zieht er zwei seiner Figuren und hat seine sieben Punkte zusammen.
Du schaust Pentalla vorwurfsvoll an und sie lacht beschämt. „Ich habe zum zweiten Mal heute für dich gekocht. Das macht es wett, okay?“
Gute Ausrede.
„Danke, Pentalla. Ich habe gesehen, du warst schon fertig mit deinem Dienst“, sagt dein Vater und lädt sie ein, sich zu euch zu setzen.
„Ach, das macht nichts. Für euch gerne.“ Sie kommt der Aufforderung nach. „Wie steht es in Pfeilhand? Besser als zuletzt?“
Ein Schatten huscht über sein Gesicht und lässt dich beim Essen innehalten.
Auch deine Freundin hat es bemerkt, sie runzelt die Stirn. „So schlimm?“
Dein Vater seufzt leise. „Was soll ich sagen? Als Grudda sich der Rebellion angeschlossen hat, sind ihm rund drei Dutzend Soldaten gefolgt. Wir haben kaum Trupps, um der Maschinenjagd nachzugehen und die Wasserrationen einzukaufen. Drakka hat alle Hände voll zu tun.“
„Was? Er ist noch im Amt?“ Pentalla schnaubt. Besagter Mann ist im Wüstenklan sehr bekannt. Angeblich einer, der stets Ärger sucht.
„Er hat das Zeug dazu. Wirklich, er ist ein guter Kerl“, sagt dein Vater. „Die Situation ist schon lange schwierig. Als Grudda noch da war, haben die beiden fast täglich gezofft. Man sollte meinen, es wäre einfacher, jetzt, wo er weg ist. Aber die Maschinen ...“
„Kann die Kommandantin euch keine Trupps schicken?“
„Brennspeer hat selbst Leute verloren. Regallas Erfolg bei der Gesandtschaft hat viele überzeugt. Es wandern Soldaten zu ihr ab.“
„Yarra sollte ihre neutrale Haltung aufgeben, sich zu Hekarro bekennen und die Rebellen aus der Wüste jagen.“
„Du bist eine der wenigen, die so denkt, Pentalla.“
„Tun wir es nicht, unterwandern die Rebellen uns. Die Vorstellung muss Yarra wahnsinnig machen.“
„Sie ist misstrauisch, aber die Neutralität dient unserem Schutz.“
Pentalla sieht nicht überzeugt aus. „Wenn du das sagst, Kaplan. Wie hat Drakka denn vor, die Situation zu lösen?“
„Es gibt keine wirkliche Lösung“, sagt dein Vater. „Er jagt mehr und härter als sonst, oft geht er nach der Rückkehr ein zweites Mal allein raus.“
„Allein kann er die Siedlung nicht versorgen.“
„Das weiß er. Wenn die Maschinen nur nicht immer gefährlicher würden. Ich sehe mich selbst bald wieder jagen.“
Auf keinen Fall!
Die ganze Zeit hast du der Unterhaltung gelauscht, nun knallst du deine halbleere Schüssel auf den Boden und machst die beiden somit auf dich aufmerksam. Du suchst den Blick deines Vaters und zeigst entschieden auf dich.
Fragend sieht er dich an. „Was möchtest du?“
Du zeigst auf ihn, machst mit den Fingern eine Laufbewegung in Richtung der Streit-Figuren, zeigst anschließend auf dich selbst.
Für einen Moment herrscht Stille, dann hat Pentalla deinen Einwand verstanden. Leicht schockiert spricht sie es aus: „Du willst nach Pfeilhand, um bei der Maschinenjagd zu helfen?“
Dein Nicken bestätigt ihre Interpretation.
„Roter Pfeil, das musst du nicht. Sie kommen zurecht“, wehrt dein Vater ab.
Du stemmst die Hände in die Hüften, zeigst auf ihn und schüttelst entschieden den Kopf.
„Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin nicht umsonst Kaplan geworden.“
Ja, du hast deinen Dienst getan. Ich will dich nicht verlieren, weil Regalla und Grudda den Wüstenklan halb zerrissen haben.
Zu gerne hättest du ihm das gesagt, doch deine Stimme bleibt stumm, wie immer seit damals. Dir bleibt nichts anderes übrig, als deine Gesten entschlossen zu wiederholen und anschließend Pentalla deine Schüssel in die Hände zu drücken.
Sie sieht skeptisch drein. „Wird Drakka deine Hilfe überhaupt annehmen?“
Du zuckst mit den Schultern und nickst zu deinem Vater.
„Stimmt, er wäre blöd, die Tochter des Kaplans abzuweisen, wenn sie helfen will.“
Dein Vater ist sichtlich unzufrieden mit deinem Entschluss, aber er weiß, dass eine Diskussion mit dir aussichtslos ist. Stummsein hin oder her, du bist die Tochter deiner Mutter, du bist vom Wüstenklan. Die Entscheidung ist längst gefallen.
Pentalla sammelt die Schüssel deines Vaters ein und steht auf. Sie sagt: „Ich gehe zum Spülbecken und dann ins Bett. Es war ein langer Tag. Wir sehen uns morgen. Gute Nacht, dir auch, Kaplan.“
„Gute Nacht, Pentalla.“
Deine Freundin verlässt deinen Platz, dein Vater wartet, bis sie außer Hörweite ist, bevor er ansetzt: „Du musst das nicht-“
Dein wütender Blick lässt ihn verstummen. Die Nase hoch erhoben, sammelst du die Streit-Figuren ein und stellst sie aufs Brett.
Ihr spielt bis spät in die Nacht hinein.
~~*~~*~~
Einige Tage später hast du Salzbiss verlassen und Brennspeer erreicht. Ihr werdet hier heute Nacht eine Rast einlegen, eure Vorräte auffüllen und euch ausruhen. Bei der Abreise habt ihr das zweite Schnappmaul getroffen, von dem der Trupp erzählt hatte, und so sucht ihr als Erstes die Händler auf, um eure Beute einzutauschen.
Kommandantin Yarra ist unterwegs. Sie kommt ebenfalls aus Salzbiss und ist der ganze Stolz der Siedlung. Manche sagen, sie wäre selbst ein Brocken Salz, auf den man beißt, wenn man sich mit ihr anlegt. Du erinnerst dich gerne an die Zeit zurück, in der ihr mit eurem Trupp gejagt habt. Ohne sie ist es nicht dasselbe, deshalb besuchst du sie, so oft du kannst.
Die Zeit bis zu ihrer Rückkehr verbringst du damit, neue Brandpfeile herzustellen und anschließend ein Übungsduell auf dem Nahkampfplatz zu beobachten. Die Hitze ist sengend, von allen Seiten hörst du die Tenakth über die Temperatur murren. Wasser in der Wüste ist knapp, eures kommt aus der Wunde in Brennspeer, zusätzlich esst ihr Kakteen. Du hast noch eine Feige im Mund, als die Wachen am Eingang salutieren, dann strömt der Trupp der Kommandantin herein.
Yarra sieht müde aus.
Sie würde es niemals zugeben, wenn jemand sie fragt, viel eher würde sie demjenigen eine Kopfnuss verpassen. Allerdings läuft sie geradewegs an der Menge vorbei und die Rampen hoch zur Kommandozentrale, ohne deinen Vater oder dich zu bemerken. Sie ist definitiv ausgezerrt.
Er wirft dir einen wissenden Blick zu. „Geh du zuerst.“
Alles weiß er nicht über euch beide, aber in diesem Punkt hat er recht. Wenn Yarra schlechte Laune hat, ist es, als würde man einen Behemoth mit Steinen bewerfen: Man kann jeden Moment plattgetrampelt werden. Es erfordert Fingerspitzengefühl, sie in diesen Momenten zu händeln. Kein Wunder, dass er das dir überlässt.
Du drängelst dich zwischen den Tenakth durch, die ihre Aufmerksamkeit wieder dem Duell zuwenden, und folgst Yarra. Die Kommandozentrale bietet einen wunderbaren Überblick über Brennspeer, da sie höher liegt als alle anderen Plätze.
„Lange nicht gesehen“, sagt Maxx, eine der Wachen am Eingang. Ihr wart früher in einem Trupp, wenn auch nur kurz, weil er Yarra nach Brennspeer begleitet hat und du deines Alters wegen zurückbleiben musstest.
Du klopfst ihm auf die Schulter und nickst Nivvika, der anderen Wache, zu. Praktisch jeder von ihnen kennt dich. Anschließend betrittst du das Areal der Kommandantin.
Yarra hält sich einen Geier als Haustier. Seine Stange ist leer, er ist ausgeflogen. Sie steht neben der Stange. Nicht nahe genug am Rand der Plattform, um von unten gesehen zu werden, aber nahe genug, um den Blick über ihre Siedlung schweifen zu lassen. Sie ist so in Gedanken versunken, dass sie dich nicht hereinkommen hört.
Du gehst zu ihr und machst dich mit einem festen Tritt auf dem Boden bemerkbar. Sofort fährt sie herum, ein Messer in der Hand, bereit zum Zuschlagen. Als sie dich erkennt, steckt sie das Messer weg.
„Fast hätte ich dich abgestochen.“
Sie ist misstrauischer geworden, schreckhafter, das erkennst du nicht nur an ihrer Reaktion, sondern auch an der erhöhten Anzahl an Wachen in der Siedlung. Die zusätzlichen Männer, vor allem rund um die Wasserquelle, sind dir gleich bei deiner Ankunft aufgefallen.
Ein entschuldigendes Lächeln deinerseits, dann beugst du dich vor und umarmst sie. Yarra hatte schon immer eine aufrechte Haltung, doch nun ist sie angespannt wie die Sehne eines Scharfschussbogens. Du musst die Umarmung eine Weile halten, bis sie sich entspannt und ebenfalls die Arme um dich legt.
Sie wispert: „Dein Besuch ist eine Überraschung.“
Sie ist kleiner als du. Ihre Arme zittern, das schlechte Gewissen überkommt dich. Es geht ihr viel schlechter, als sie zugeben will. Du warst zu lange nicht mehr in Brennspeer. Langsam streichst du mit der Hand über ihren Rücken, wo die Rüstung ihren Körper freigibt. Sie hat abgenommen. Schwindet nach dem Wasser jetzt auch die Nahrung? Der Wüstenklan weiß mit knappen Ressourcen umzugehen, aber das wäre eine Katastrophe. Von Sand und Sonne könnt ihr nicht leben.
Du hörst Schritte auf der Rampe und das Salutieren der Wachen. Du löst die Umarmung, ein paar Wimpernschläge später gesellt sich dein Vater zu euch und begrüßt die Kommandantin. Yarra hat ihre unnahbare Maske aufgesetzt, während sie den Gruß erwidert.
„Was bringt dich so zeitig wieder zu mir, Kaplan?“, fragt sie mit seltsam skeptischem Unterton, der dich hellhörig werden lässt. Seit wann spricht sie so mit ihm? Wieso? Ist etwas vorgefallen?
„Oh, eigentlich machen wir nur Rast, bevor wir nach Pfeilhand weiterreisen“, antwortet er.
Sie runzelt die Stirn. „Wir?“
„Meine Tochter begleitet mich. Sie will in Pfeilhand bei der Maschinenjagd helfen.“
Yarra fährt zu dir herum wie von einem Skorpion gestochen. „Das ist nicht dein Ernst!“
Ihre heftige Reaktion überrascht dich, weshalb du nur dastehst und sie perplex ansiehst.
„Du willst Drakka helfen? Er wird dich auslachen, nein, ausnutzen“, zischt sie und schüttelt den Kopf. „Das ist verschwendete Zeit. Pfeilhand braucht einen anderen Anführer, nur so bekommt ihr die Sache in den Griff.“
Dein Vater widerspricht: „Die Tenakth aus der Siedlung wollten ihn, er hatte keine Herausforderer.“
„Dann ziehen sie in ihren Untergang.“
Normalerweise wäre der Wechsel des Anführers durch einen Kampf entschieden worden, doch bei der schwierigen Situation eures Klans ist jeder unnötige Kampf zu vermeiden. Keiner würde es laut aussprechen, aber alle wissen es. Deshalb verhaltet ihr euch so neutral den Rebellen gegenüber. Dass Drakka also ohne Herausforderer zum neuen Anführer der Siedlung aufgestiegen ist, kann sowohl eine glückliche Fügung als auch eine schwierige Sache sein.
Du legst die Hand auf Yarras Schulter, spürst sie vor Wut zittern, und drückst leicht. Dein Lächeln glättet immerhin die Falten auf ihrer Stirn, spült das Gift aber nicht aus ihren Augen. Bisher wusstest du nicht, dass sie Drakka nahe genug kennt, um so ein Problem mit ihm zu haben. Gemäß dem Gerede unter Soldaten scheint Drakka sich mit einigen im Klan überworfen zu haben. Vielleicht wird sie dir später davon erzählen.
„Nun denn, wir füllen die Vorräte auf. Ich muss mal beim Näher vorbeischauen. Guten Abend, Kommandantin“, sagt dein Vater und verabschiedet sich mit einem Salut von Yarra. Es ist eine Ausrede, seine Rüstung ist in Ordnung, vermutlich will er euch beiden mehr Zeit zu zweit gönnen.
Yarra wartet, bis er gegangen ist, bevor sie mit der Faust gegen die Holzwand schlägt und einen wütenden Ausruf ausstößt.
„Blut der Zehn! Willst du echt nach Pfeilhand? Drakka ist eine Zumutung.“
Es geht mir nicht um die Siedlung, sondern um meinen Vater, denkst du, aber dir fällt kein Weg ein, es Yarra klarzumachen, jetzt, wo dein Vater nicht mehr anwesend ist. Also legst du bloß die Hand aufs Herz und trittst näher. Du willst sie erneut in den Arm nehmen, wo ihr eben doch gestört worden seid, aber Yarra weicht zur Seite aus und hält dich damit auf Abstand.
Das verwundert dich. Was ist los? Bei deinem letzten Besuch vor rund sechs Wochen hat sie auch so komisch reagiert. Fragend siehst du sie an.
„Ich bin nicht in Stimmung für so was.“
Sie ist sauer auf mich. Du zeigst auf dich und anschließend die Rampe hinunter. Die Frage ist klar: Soll ich gehen?
Yarra tritt an dir vorbei. „Ja, geh! Bevor ich etwas sage, das ich später bereue. Komm morgen vorbei!“
Ihre Abweisung schmerzt dich, schließlich habt ihr euch eine Weile nicht gesehen, aber alles an ihr schreit danach, dass sie Ruhe braucht, um wieder zu sich selbst zurückzufinden. Also schluckst du den Schmerz herunter, schenkst ihr ein Lächeln und gehst.
Du verlässt die Kommandozentrale. Wieder unten im Händlerbereich der Siedlung, findest du deinen Vater tatsächlich beim Näher, jedoch scheint er eher einen Schwatz zu halten als zu handeln. Er bemerkt dich, beendet das Gespräch und kommt dir entgegen.
„Schon fertig?“
Du zuckst mit den Schultern und deutest hinüber zu den Kochstellen.
„Gut, essen wir etwas.“
Die Mahlzeiten in Brennspeer sind um Längen schlechter als Pentallas, aber wenn du hungrig bist, bekommst du selbst den widerlichsten Brei herunter. Den Großteil der Zeit über esst ihr schweigend, bis dein Vater das Wort ergreift: „Ist sie sauer, weil du nach Pfeilhand gehst?“
Du zeigst mit dem Daumen nach oben.
„Sie und Drakka können einander nicht ausstehen.“ Dein Vater stochert in seinem Essen herum. „Er ist ehrgeizig und stur, sie ist stur und mag keine Kritiker. Die Lage muss sich bald entspannen, sonst wird es in einem Desaster enden.“
Ich werde mein Bestes geben, versprichst du ihm in Gedanken und drückst für einen Moment seinen Arm, bevor du dich wieder deiner Mahlzeit zuwendest. Anschließend bezieht ihr euer Lager und spielt noch eine Runde Streit.
Mit der Nacht bricht die Kälte herein. Tagsüber, wenn die Sonne am Himmel steht, ist es unerträglich heiß in der Wüste, aber sobald der Mond aufzieht, legt sich eine Kälte über euch, die dem Gebiet des Himmelsklans Konkurrenz macht. Du wartest, bis du das regelmäßige Schnarchen deines Vaters hörst, bevor du dich mit deiner Rüstung in der Hand aus eurem Lager stiehlst und die Rampe zur Kommandozentrale hinaufschleichst.
Maxx hat noch Dienst und hält dich auf. „Sie schläft.“
Du schaust ihn so böse an wie du kannst.
„Sie wird wütend sein, wenn du sie aufweckst.“
Ein selbstbewusstes Kopfschütteln deinerseits folgt, danach schiebst du dich entschlossen an seinem Speer vorbei. Du hörst ihn seufzen und zu den Zehn beten, die Kommandantin möge nicht ihn für die Ruhestörung verantwortlich machen.
Das wird sie nicht.
Ein schwerer Ledervorhang trennt Yarras persönliches Quartier vom Rest der Kommandozentrale. Auf Zehenspitzen tappst du hinüber und schlüpfst am Vorhang vorbei. Sie liegt mit dem Gesicht in deine Richtung und öffnet schlagartig die Augen, als dein Schatten auf sie fällt.
„Ich sagte: morgen.“
Auf keinen Fall!, denkst du, kniest dich hin und krabbelst zu ihr unter das Fell. Nase an Nase liegt ihr beieinander. Lange seht ihr euch stumm an.
Schließlich sagt Yarra: „Ich bin stinksauer auf dich. Pfeilhand ist der letzte Ort, wo ich dich sehen will.“
Du ziehst die Augenbrauen hoch.
„Drakka tut wie ein Idiot, aber er ist mitnichten ein dummer Rüpel.“ Ihr Blick ist ernst. „Er ist jetzt zum Siedlungsvorsteher aufgestiegen, alles dank der Rebellen, und sein Ehrgeiz kennt keine Grenzen. Er wird jede Chance verwenden, um mir nach dem Leben zu trachten, und er wird dich dafür ausnutzen.“
Du kennst diesen Drakka nicht persönlich, zumindest kannst du dich an keine Begegnung mit ihm erinnern. Falls ihr euch jemals gesehen habt, warst du beim letzten Mal ein Kind und bei deinem Vater zu Besuch. Aber er wäre definitiv tot-mutig-dumm, Kommandant werden zu wollen, wenn er nicht einmal die Lage in Pfeilhand allein in den Griff bekommt. Abgesehen davon, dass deine Freundin eine exzellente Kriegerin ist und ihn in den Boden stampfen würde.
„Behalte ihn für mich im Auge.“
Sie will, dass du für sie spionierst?
„Guck nicht so! Das schuldest du mir. Du in Pfeilhand ... Das ist ein Verrat an Salzbiss. Ist dir das klar?“
Die Lage eures Klans muss noch erheblich schlimmer sein, als dir bisher klar war, wenn sie dir einen Verrat unterstellt.
Du antwortest mit einem Nicken und deutest auf deine Augen. Du wirst diesen Drakka observieren, kein Problem, er wird dir sowieso keine große Aufmerksamkeit schenken. Es hat viele Nach-, aber auch Vorteile, die Tochter des Kaplans zu sein.
Zum ersten Mal, seit du angekommen bist, lächelt Yarra dich an. „Falls er eine Intrige plant, hat er gegen dich klugen Schlängelzahn keine Chance.“
Schlängelzahn, das denken dank deiner Tätowierungen viele von dir, aber nur sie nennt dich so, darf dich so nennen.
Du drückst deine Nase gegen ihre, doch sie weicht aus.
„Danke, keine Lust.“
Nach der langen Zeit, die ihr euch nicht gesehen habt, enttäuscht sie dich. Du sehnst dich nach ihrer Nähe, nach einer Umarmung, nach ihren Händen auf deiner Haut. Doch offenbar bist du mit dieser Sehnsucht allein.
Es tut weh. Schon beim letzten Mal war sie so abweisend. Was bedrückt sie, worüber sie mit dir nicht reden will? Sie hat dir stets vertraut, du hast sie nie enttäuscht. Was geht hier vor sich?
Enttäuscht verlässt du ihr Quartier. Maxx atmet sichtlich auf, als du ihn erreichst.
„Wird sie mich köpfen?“, fragt er scherzhalber.
In Anbetracht der Tatsache, dass Yarra vor einer Weile tatsächlich jemanden im Duell geköpft hat, wird dir flau im Magen.
Du ignorierst Maxx und kehrst ins Quartier deines Vaters zurück. Obwohl du dir Mühe gibst, leise zu sein, schlägt er die Augen auf.
„Warst du draußen?“
Du entschuldigst dich mit der üblichen Geste, schlüpfst unter dein erkaltetes Fell und drehst ihm den Rücken zu.
Was ist mit Yarra los?
