Chapter Text
Erste Stunde
Es ist das Feuer, das ihr Fleisch zerfrisst, die Schmerzen, die jede Zelle ihres Körpers durchdringen. Es brennt, brennt, brennt, brennt, brennt-
Dann ist alles weg. Es kommt so plötzlich, dass Iris es erst gar nicht merkt. Da ist kein Rauch, kein Feuer, kein Brennen in ihrer Lunge, keine Schmerzen, keine wütenden Dorfbewohner, keine Fesseln, die in ihre Handgelenke schneiden. Da ist nur ein sanfter Wind, das Rascheln der Bäume und die Kälte, die sich langsam in ihre Kleidung frisst, in Kleidung, die erstaunlicherweise unbeschadet ist.
Iris lässt vorsichtig ihre Hände über den Stoff wandern, dann hoch zu ihrem Gesicht. Es fühlt sich alles in Ordnung an, intakt, unverbrannt. Ist das der Himmel? Es muss der Himmel sein. Sie ist gestorben, in den Flammen verbrannt, getötet von den Menschen in ihrem Dorf, weil sie sie für eine Hexe gehalten haben. Oder ist das hier eine Vorstufe zum Himmel? Ein Weg, um sie vorzubereiten? Das würde erklären, warum ihr so kalt ist. Den Himmel hat sie sich immer als einen Ort vorgestellt, an dem es keine Unannehmlichkeiten gibt, an dem man einfach sein kann, ohne sich um irgendetwas Sorgen zu müssen.
Zweite Stunde
Iris weiß nicht wirklich, was sie mit sich anfangen soll. Wenn das hier tatsächlich der Weg in den Himmel sein soll, hätte sie erwartet, dass man ihr einen Hinweis geben würde, was sie machen muss. Sie weiß nicht einmal, wo dieser Ort ist. Eine kleine Lichtung in einem alten, dichten Wald mit einem Brunnen in der Mitte. Sie hat schon überlegt in den Brunnen hineinzusteigen, aber sie ist sich nicht sicher, ob sie ohne Hilfe wieder dort herauskommen könnte, zumal sie auch nicht weiß, wie weit es hinabgeht und ob sie lange genug die Luft anhalten kann. Sie hat es probiert, die Luft anzuhalten, wollte wissen, ob sie auf Luft angewiesen ist, immerhin scheint sie eine Art Geist zu sein, doch es hat angefangen zu brennen, also hat sie es gelassen. Aber vielleicht ist es genau das? Es hat auch gebrannt, als sie gestorben ist, vielleicht muss sie es noch einmal durchleben … Ist das dann überhaupt der Weg zum Himmel?
Dritte Stunde
Sie kann nicht in die Hölle gehen, oder? Sie hat immer gut gelebt, nach der Bibel, hat ihren Mitmenschen geholfen, war freundlich und demütig, hat nie gestohlen oder schlecht über jemanden geredet. Sie wurde zwar verbrannt, weil die Menschen sie für eine Hexe gehalten haben, aber sie war keine, sie hat keinen Pakt mit dem Teufel geschlossen … aber sie ist, war in Eos verliebt. Ist es das? Weil sie jemanden geliebt hat, der anders war, der magische Kräfte hatte, weil sie seinen Platz eingenommen hat? Er war es, der den Himmel verdunkelt hat, für sie, weil das Sonnenlicht ihre Haut verbrennt. Das war es, was die Dorfbewohner ihr vorgeworfen habe, dass sie den Himmel verdunkelt hätte, ihnen die Sonne genommen hätte. Iris weiß nicht, wie sie darauf gekommen sind. Vielleicht ist das ja ihre Aufgabe, herauszufinden, was geschehen ist.
Vierte Stunde
Iris hat sich dazu entschieden zu laufen, einfach in irgendeine Richtung. Sie hofft auf diese Weise etwas zu finden.
Fünfte Stunde
Iris weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, seit sie aufgewacht ist, aber es ist immer noch dunkel. Sie fragt sich, ob die Sonne ihr auch hier Probleme bereiten wird. Zumindest hat sie ihren Schal dabei.
Sechste Stunde
Die Bäume werden lichter und schließlich steht Iris am Rand einer großen Lichtung, in deren Mitte ein imposantes Anwesen steht, illuminiert vom Licht des Vollmonds. Durch einige der Fenster dringt Licht nach draußen. Sie hat dieses Anwesen noch nie zuvor gesehen und kann sich auch nicht daran erinnern, dass jemand aus ihrem Dorf jemals von solch einem Anwesen in ihrer Nähe erzählt hätte. Es muss einem Adeligen gehören und wo Adelige verkehren, ist immer recht bekannt.
Siebte Stunde
Iris wagt sich langsam zwischen den Bäumen hervor. Sie kann nicht nur die ganze Zeit zwischen den Bäumen herumstehen, sie muss etwas machen. Es ist ein Risiko, aber sie hat das Gefühl, dass sie es wagen muss, wenn sie etwas erreichen möchte.
Um das Anwesen herum ist ein Wassergraben. Es liegt alles still. Vor der Eingangstür wird Iris wieder bewusst, dass sie nicht weiß, wie spät es ist. Vielleicht sollte sie besser bis zum Morgen warten, bevor sie jemanden belästigt … aber die Alternative wäre im Wald zu bleiben und sie weiß nicht einmal für wie lange.
Achte Stunde
„Kann ich irgendwie helfen?“
Sie zuckt zusammen. Eine Frau steht in der nun geöffneten Tür. Iris ist sich nicht sicher, wie sie das Öffnen der Tür nicht mitbekommen hat.
„Ist alles in Ordnung?“
„Ich …“ Iris wird klar, sie weiß es nicht. Tränen steigen in ihre Augen. Sie hat keine Ahnung, was sie hier macht, wo sie hier ist, was überhaupt passiert ist, und jetzt belästigt sie auch noch diese Menschen?
„Ach, Kind.“
Sie bekommt kaum mit, wie die Frau sie sanft an den Schultern fasst und in das warme Anwesen hineingeleitet.
Neunte Stunde
Iris sitzt auf einem Sessel, vor ihr eine dampfende Tasse Tee. Die Frau, deren Name Paulina ist, wie Iris nun weiß, sitzt auf dem Sofa, eine eigene Tasse mit Tee vor ihr, eine weitere, leere, für den Platz neben ihr. Sie warten in Stille.
Zehnte Stunde
Dieses Mal hört Iris wie sich die Tür öffnet und dann wieder schließt. Vielleicht will derjenige auch, dass sie es hört. Es folgen deutliche Schritte auf dem Dielenboden, bis sie abrupt stoppen. Iris wagt es nach oben zu sehen. Vor ihr, auf der anderen Seite des Tisches, steht ein Mann, vielleicht in ihrem eigenen Alter, seine Kleidung ist einfach, ein Tuch gebunden über die untere Hälfte seines Gesichts und braune Augen, die ihr viel zu bekannt vorkommen, die aber gleichzeitig so viel älter erscheinen. Vor ihr steht nicht Eos, das erkennt sie sofort, es muss also einer seiner Brüder sein, und auch er erkennt sie, das sieht sie, sogar noch bevor er ein ungläubiges „Iris?“ von sich gibt. Vielleicht waren sie auch da, als sie verbrannt ist … nur viel, viel zu spät.
Elfte Stunde
Es ist Rhun, bei dem sie gelandet ist. Das war dann auch das Einzige, was sie erfahren hat, bevor er angefangen hat durch den Raum zu laufen und dabei manchmal mehr, manchmal weniger verständlich vor sich hinspricht, wobei es mehr wirkt, als würde er mit jemandem reden, den nur er hören kann. Eos hatte ihr mal erzählt, dass Rhun das manchmal macht, aber eigentlich nur in der Sicherheit ihres Zimmers. Nun ja, da dies scheinbar sein Haus ist, kommt das wohl aufs selbe drauf aus. Iris überlegt, was Eos ihr noch über Rhun erzählt hat:
Rhun liebt es zu lesen und zu lernen, und er mag die Stille.
Eos stand Rhun am nächsten, sie waren die ruhigsten ihrer Brüder und konnten so gut auch mal gemeinsam still sein.
Er fühlt sich nicht wohl dabei, wenn er Regeln brechen soll, selbst wenn er es eigentlich selbst will.
Als er und seine Brüder um die zehn, elf Jahre alt waren, hat Rhun für mehrere Jahre kein einziges Wort gesprochen. Er hat erst wieder zu sprechen angefangen, einen Tag nachdem er fast gestorben wäre, aber nur sehr zögerlich. Währenddessen und in der Zeit danach hat er sich oft hinter seinen Brüdern versteckt und war sehr schreckhaft und panisch.
Es gab noch zwei weitere Male, bei denen Rhun beinahe gestorben wäre. Eos hat seine Erklärungen dazu sehr vage gehalten, aber dabei die Nonnen, bei denen sie aufgewachsen sind, mehrfach verflucht.
Rhun fühlt sich in der Dunkelheit am wohlsten.
Als sie schon etwas älter waren, ist etwas passiert, das einen großen Keil zwischen Rhun und ihren Bruder Klaus gebracht hat. Eos hat ihr nicht erzählt, um was es genau ging. Er meinte, es wäre zu persönlich, als dass er es ihr ohne Rhuns Einverständnis sagen könne.
Mit seinen Kräften kann Rhun Türen zu anderen Orten öffnen. Er kann auch Dinge bewegen, ohne sie zu berühren. (Das kann Eos auch. Iris war beeindruckt, als er es ihr gezeigt hat.) Da war auch noch irgendwas mit Zähnen, das hat aber selbst Eos noch nicht richtig verstanden, scheinbar etwas, in das Rhun noch hineinwachsen müsste. (Iris fragt sich, ob Rhun es schon geschafft hat.)
Rhun hatte lange Zeit Probleme damit seine Kräfte zu nutzen. Erst als er sich sein Zepter aus Knochen und allerhand anderer Dingen gebaut hat, wurde es besser.
Sie haben Rhun zum zweitjüngsten erklärt. Die Reihenfolge ging scheinbar davon aus, um wenn sie sich am meisten Sorgen machen müssten. Eos hat sich um Rhun aber immer am meisten gesorgt. (Das wundert Iris, nach allem, was sie über Rhun erfahren hat, nicht im Geringsten.)
Zwölfte Stunde
Iris ist sich ziemlich sicher, dass Rhun gerade am Ausflippen ist. Er wurde in seinem Murmeln irgendwann sehr energisch, da hat Paulina ihn auf das Sofa neben sich bugsiert und ihm eine Tasse mit Tee in die Hände gedrückt. Das hat ihn verstummen lassen. Vorsichtig hat Paulina ihm das Tuch nach unten gezogen und damit hat Iris erfahren, warum er es überhaupt getragen hat: Auf seiner linken Wange bildet sich ziemlich verwaschen weiße Zähne ab, mit schwarz-gräulichen Partien zwischendrin.
Dreizehnte Stunde
Nachdem sie sich „alle eine Runde beruhigt haben“, nach Paulinas Ausdruck, sind sie endlich so weit herauszufinden, warum Iris, zwanzig Jahre nach ihrem Tod, wieder hier ist. Das erste, auf was sie sich einigen, ist, dass sie den anderen Brüdern fürs erste nichts hiervon erzählen. Besser keine alten Wunden aufreißen, sollte es nicht permanent sein, meinte Rhun. Dann ist er dorthin aufgebrochen, wo auch immer sie ihre … ihren Körper hingebracht haben, um zu sehen, ob er noch dort ist. (Ihr Körper ist noch dort und damit meinte Rhun, dass sie etwas, dessen Namen sie weder richtig aussprechen kann noch richtig verstanden hat, wohl ausschließen können.) Mittlerweile ist es draußen hell geworden. Iris fragt sich, wann das genau passiert ist, und was das für die Zeit bedeutet, die sie bereits zurück ist.
Vierzehnte Stunde
Iris hält still, während Rhun mit Paulinas Unterstützung ihren Körper untersucht. Er hat die Hoffnung, ein Mal oder etwas ähnliches zu finden, dass ihnen weiterhelfen kann. Rhun ist vorsichtig, doch auch gründlich. Sie schämt sich nicht, als sie an den Punkt angelangen, ab dem ihre Unterkleidung im Weg ist.
Fünfzehnte Stunde
Sie haben nichts gefunden und Rhun ist wieder rastlos geworden. Als Iris gefragt hat, wohin es Eos und ihre anderen Brüder getrieben hat und was sie heute für ein Leben leben, ist er für einen Moment regelrecht in seiner Bewegung eingefroren, dann hat er sich auf dem Absatz umgedreht und ist aus dem Raum gestürmt. Paulina sah einen Moment so aus, als würde sie ihm folgen wollen, bleibt dann aber doch, wo sie ist, und Iris beschließt, ihre Fragen zu Eos und ihren anderen Brüdern zurückzuhalten. Vielleicht ist in letzter Zeit ja etwas zwischen ihnen passiert.
Sechszehnte Stunde
Paulina nimmt Iris mit in die Küche und gemeinsam bereiten sie ein einfaches Frühstück aus Haferbrei und geschnittenen Äpfeln vor. Sie machen auch für Rhun eine Portion fertig, doch er taucht nicht auf.
Siebzehnte Stunde
Rhun ist schließlich doch wieder aufgetaucht und hat Iris gebeten ihn zu der Stelle zu führen, an der sie aufgewacht ist.
Achtzehnte Stunde
Sie laufen wieder durch den Wald. Paulina hat sich ihnen ebenfalls angeschlossen. Der Wald ist immer noch dicht und dunkel, aber es gibt hier und dort ein paar hellere Flecken.
Neunzehnte Stunde
Iris hofft wirklich, dass sie sich nicht verlaufen haben. Sie ist sich nicht mehr sicher, wo genau sie langgegangen ist. Sie ist einfach nur gelaufen.
Zwanzigste Stunde
Zwischen den Bäumen wird es heller und dann sind sie auf der kleinen Lichtung mit dem Brunnen.
„Ich habe mich gefragt, ob ich durch den Brunnen muss, um weiterzukommen.“
Rhun wirft einen Blick in den Brunnen. „Das Wasser steht recht tief, um einfach hineinzuspringen.“
„Tief?“ Auch Iris tritt an den Brunnen. „Das … Als ich hier war, war der Brunnen bis fast nach oben gefüllt.“ Jetzt scheint es fast bis nach unten gesunken zu sein. Sie sieht zu Rhun. „Wie ist das möglich?“
„Ich weiß es nicht.“
Einundzwanzigste Stunde
Rhun hat gesagt, dass dieser Wald magisch ist und manche Dinge hier einfach nicht normal funktionieren. Er hat auch den Brunnen abgesucht und dabei einige Runen gefunden, deren Bedeutung er nicht kannte. Jetzt versucht er herauszufinden, was es mit ihnen auf sich hat. Er hat sie am Brunnen zurückgelassen und ihnen gesagt sie sollen das Wasser im Auge behalten.
Zweiundzwanzigste Stunde
Sie warten und beobachten das Wasser – und tatsächlich: Es sinkt.
Dreiundzwanzigste Stunde
Rhun ist wieder da. Er hat herausgefunden, was es mit den Runen am Brunnen auf sich hat. Scheinbar hat sie die Möglichkeit bekommen für einen Tag wieder auf der Erde zu wandeln, geknüpft an ein paar Bedingungen. Die Höhe des Wassers zeigt an, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Sobald es ganz versickert ist, wird sie wieder verschwinden. Es ist nicht mehr viel Wasser übrig. Rhun schätzt, dass sie noch etwa zwei Stunden hat. Sie will zu Eos, ihm sagen, wie sehr sie ihn liebt und dass es nicht seine Schuld ist, bestimmt macht er sich Vorwürfe, doch Rhun sagt, dass das nicht geht. Er erklärt es ihr, wie sie im Dorf ankamen, aber viel zu spät waren, wie sie sie nicht mehr retten konnten, wie Eos einen Menschen mit seinen Kräften getötet hat, wie sie ihn zurückhalten mussten, damit er nicht noch mehr töten konnte, wie sie versucht haben mit Eos zu sprechen, ihm klarzumachen, dass ihn seine Rache nicht weiterbringen würde, und wie sie ihn schlussendlich auf den Mond verbannen mussten, um zu verhindern, dass er die gesamte Menschheit auslöscht.
Letzte Stunde
Iris schreit. Sie schreit, schreit, schreit, schreit, schreit. Sie weiß nicht mal weswegen. Sie weiß gar nichts mehr. Da ist nur dieser Druck in ihr, der unbedingt hinauswill, die Ketten sprengen will, also schreit sie, bis alles schwarz wird und das letzte bisschen Wasser versickert ist.
Die neue Stunde
Rhun kniet keuchend auf allen vieren, sein Zepter in der einen Hand, ein blutiges Messer in der anderen. Warm tropft es auf seine Finger. Sein Körper zittert. Er wollte es ihr nicht sagen, hat geahnt, was passieren wird, doch er konnte es ihr auch nicht verheimlichen, sie hat die Erklärung verdient. Paulina sitzt an seiner Seite, eine Hand warm auf seinem Rücken, die andere an seinem Arm. Rhun rappelt sich hoch, er muss … Paulina hilft ihm, führt ihm zum Brunnen. Er stützt sich am Rand ab, sieht hinab. Es ist kein Wasser mehr da, aber dafür … Er kneift seine Augen zusammen, hält sich seinen Handrücken vor den Mund.
„Es tut mir leid.“
Seine Beine geben nach und er sackt vor dem Brunnen zusammen, Zepter und Messer fallen aus seinen Händen.
„Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid …“ Wie ein Mantra rollt es von seinen Lippen, während heiße Tränen seine Wangen benetzen. Paulina nimmt ihn in ihre Arme, drückt ihn eng an ihre Brust, streicht ihm durch seine Haare. Sie murmelt Worte, die Rhun nicht versteht. Irgendwann wird sein Mantra zu einem Wimmern, während der nicht mehr ganz volle Mond noch immer auf die Lichtung herabscheint und im Brunnen ein Wesen aus Wut und Hass und Angst in Ketten liegt und versucht zu entkommen.
