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Herzensangelegenheit

Summary:

Adam fragt Vincent, ob er ihm beim Einzug in seine neue Wohnung hilft. Vincent kommt.

Notes:

Work Text:

Vincent hatte mal gesagt, wenn er weggeht, dann solle er sich nicht melden, weil es ihm dann noch schwerer fallen würde weg zu sein, besonders wenn es so weit weg war. Er könne sich aber trotzdem melden. Kompliziert war das, aber irgendwie hatte Adam das auch verstanden, besonders wenn er daran gedacht hatte, wie es damals gewesen war, als er Leo nicht mehr wiedergesehen hatte, bevor er ging. Da hatte er wahrscheinlich genau das Gleiche gedacht, er konnte sich nicht genau an diese Zeit erinnern. Da war es leichter gewesen einen Cut zu machen, neu anzufangen, keinem Druck zu haben eine Verbindung zu halten, die er gerade nicht mit Leben füllen wollte.

Wie oft hatte er Vincent anrufen wollen.

Und dann auch wieder nicht, weil er auch wusste, was Vincent sagen würde, dass Vincent ihn drängen würde aufzugeben, das hier aufzugeben und vielleicht hätte er genau recht damit gehabt.

Jetzt saß er wieder in einem Hotel fest, hatte alles zurückgelassen, weil die Sachen, die er mit Leo ins Haus getragen hatte, ihm sowieso nichts bedeuteten. Das Haus und sein Inhalt bedeutete ihm etwas. Seine Kehle wurde eng, wenn er an die letzte Nacht dort dachte, an die Erkenntnis, dass seine Mama gar nicht wusste, vielleicht nie gewusst hatte, dass er einfach er war, dass er sie einfach gebraucht hatte. Die Erkenntnis, dass er nie eine Mutter gehabt hatte, nicht so richtig jedenfalls, klebte weiterhin nur am Randbereich seines Bewusstseins, zu schmerzhaft, um tiefer einzudringen. Er war wieder am Anfang und so richtig wollte er nicht mehr hier sein.

Wenn du mich brauchst, komme ich.

"Fuck-"

Adam angelte nach seinem Handy auf dem Hotelnachttisch. Vielleicht hatte Vincent ja seine Nummer geändert und es ihm nicht gesagt. Vielleicht hasste Vincent ihn jetzt auch. Es war so lange her.

Er hatte keine Ahnung, was er schreiben sollte. Er konnte ihn doch nicht sofort um etwas bitten, das war doch extrem scheiße von ihm, also schrieb er:

Lebst du noch?

Ja, das war wahrscheinlich auch irgendwie unhöflich. Vincent hatte sich ja auch nicht gemeldet. Er hätte auch sofort reagiert.

Er lag wach und starrte an die Decke, bis er noch einmal auf sein Handy sah und eine Antwort fand:

Lebst DU noch?!

Und gleich danach:

;-)

Es war ein unbeschreiblich gutes Gefühl an Vincents breitem Lächeln zu sehen, dass er ihn weder hasste noch ihm übel nahm, dass er sich so lange nicht gemeldet hatte. Vincent schloss ihn fest in die Arme.

Vincent sah anders aus, eher eben schwarz, mit einer recht sportlichen Jacke, die Haare kürzer, aber immer noch wild und da glitzerte auch noch der alte Ring auf seinem T-Shirt. Auf seinen suchenden Blick hin machte Vincent eine Pose, die Arme ein Stück ausgebreitet.

"Wer ist gestorben?", sagte Adam mit roten Ohren und Vincent gluckste, zuckte mit den Schultern.

Er zog seinem Rollkoffer hinter sich her, lief neben Adam.

"Ich hab noch nicht ganz herausgefunden, was ich auf der Arbeit anziehe und was nicht. Das Hin und Her nervt mich. Ist wie so ein Doppelleben. Wer hat dafür schon die Energie? Aber das Problem hast du ja nicht."

"Hey-", protestierte Adam halbherzig. Er grinste.

"Und?" Vincent wurde auf ein mal ernst. "Wie schlimm ist es?"

"Ich weiß nicht, was du meinst." Sein Magen rutschte.

Vincent schüttelte den Kopf und die Stelle wo er ihn sacht am Arm berührte kribbelte.

Das erste Ding in dem Transporter war Vincents Koffer.

"Was?"

"Wir fahren jetzt zu deiner Mutter", sagte Vincent.

"Nee-"

"Doch, Adam."

Sein Herz sprang ihm in den Hals. Er musste wegsehen.

Ich würde lieber sterben. Würde er nicht. Er wünschte sich nichts mehr, als es noch einmal mit ihr zu versuchen. Deshalb darf er es nicht.

"Sie schuldet es dir, wenigstens deine Sachen herauszurücken."

"Ich weiß. Ist mir egal."

Ist es nicht.

Für einen Moment war es still in der Fahrerkabine.

"Okay", sagte Vincent leise. "Dann lass mich dir was schenken."

"Nee, musst du nicht."

"Doch, will ich aber."

Es war ihm hoch unangenehm, wieder vor Möbelauslagen zu stehen und keine Ahnung zu haben, was er wollte. Sein Kopf war komplett nebelig, alles schien irgendwie wichtig und unwichtig zugleich zu sein.

"Gut. Wichtigstes zuerst: Bett", sagte Vincent.

Vincent übernahm ohne zu fragen die Führung und überlegte laut vor sich hin und Adam durfte nicken und den Kopf schütteln und Vincent schien das Spaß zu machen. Adam entspannte sich ein gutes Stück.

Am Schluss drückte Vincent ihm einen riesigen Plüschhai in die Arme und Adam ließ diesen einfach nicht los, was ihm sehr nutzlos beim Tragen machte, aber das schien Vincent ebenfalls nicht zu stören. Einen Teil der Sachen konnten sie verladen, der Rest würde die Tage kommen.

Vincent fuhr diesmal und er hielt seinen Plüschhai auf dem Schoß. Der Plüschhai war sein Geschenk. Mehr ließ er nicht zu.

Sie waren durchgeschwitzt, als sie die schweren Kartons alle nach oben geschafft hatten. Vincent streckte die Beine auf dem glatten Holzboden aus, rieb sich die Haare aus der Stirn und japste. "Warum hast du deine Kollegin nochmal nicht angerufen?"

Unangenehm zwackte es in seiner Brust. Ja, warum? Vielleicht, weil er das nicht kaputt machen wollte, was zwischen ihm und Pia angefangen hatte. Vielleicht, weil er nicht einschätzen konnte, was genau es war, dass er immer falsch zu machen schien mit Menschen.

"Du bist doch alles, was ich brauche", sagte Adam, zwinkerte und nahm noch einen Schluck von seiner Cola. Vincent ächzte und ließ den Oberkörper nach hinten auf dem Boden sinken, winkelte ein Bein an.

So ohne die Jacke konnte man erkennen, wie viele Muskeln Vincent eigentlich hatte, dass er auch ziemlich stark war, wahrscheinlich stärker als er. Adam betrachtete seinen Freund und nahm noch einen abwesenden Schluck aus seiner Flasche.

"Na los!", sagte Vincent schwach und sah ihn von schräg unten an. "Wenigstens das Bett."

Adam grunzte.

Er fühlte sich ungewohnt friedlich auf dem Boden, mit Vincent zwischen Brettern und Kleinteilen. Sie arbeiteten effektiv zusammen, sodass bei Sonnenuntergang sowohl sein Kleiderschrank, der Esstisch und Stühle und sein Bett stand. Sie bezogen gerade das Bett, als ihre Essensbestellung an der Tür klingelte.

"Und?", sagte Vincent und führte noch eine volle Gabel zum Mund. "War's schlimm?"

Adam lächelte ehrlich.

"Nee-", sagte er und fügte danke hinzu.

"Gerne!", sagte Vincent gönnerhaft.

Es war so lange ungelenk, wie sie beide in dem Bett schlafen wollten, bis Vincent sich nach dem Duschen neben ihn setzte. Dann hatte er das Bedürfnis, den Körper zur Seite sinken und den Kopf auf Vincents Schoß zu lassen.

"Ich freue mich, dich zu sehen, Adam", sagte Vincent leise und so ernsthaft und warm, er musste wegsehen.

"Obwohl du echt am Arsch der Welt wohnen musst, oh Mann!"

"Musst du gerade sagen!"

"Ja ja!" Vincent rutschte nach unten und zog sich die Decke über, rollte sich auf der Seite zusammen.

Er hätte gerne die Hand nach seinen Haaren ausgestreckt, die Finger hindurchgleiten lassen. Vielleicht hätte Vincent ihn sogar gelassen.

"Es ist auch schön dich zu sehen", sagte er und Vincent linste zu ihm hoch, ein Lächeln in den Augen.

Adam zog sich die Decke über die Schultern, wandte sich ihm zu.

"Wer macht jetzt das Licht aus?", fragte Vincent.

"Du!"

"Och, nö."

Doch Vincent stand auf und klickte die Stehlampe aus.

"Vincent?"

"Hm?"

Er schob die Hand über die Matratze, bis sie einen Arm traf. Vincent nahm sofort seine Hand, drückte sie.

"Ich dachte, du fragst mich nie."

"Ich auch", flüsterte Adam kaum hörbar.

Vincents Daumen glitt über seine Fingerknöchel.

"Du musst mich das aber nicht fragen. Du kannst es dir einfach nehmen."

Er zog Vincent bei der Hand und Vincent kam näher.

"Kann ich nicht. Liegt mir nicht."

Vincent ächzte. "Dreh dich!"

Adam drehte sich schwerfällig von ihm weg und er hielt die Luft an, als ein Arm sich um seine Hüfte legte und eine Nase sich gegen seinen Rücken presste.

"Schlaf jetzt!"

Konnte er lange nicht, aber das war scheißegal so.