Work Text:
"Neeee, bitte nicht!"
"Jan, wir müssen."
"Ich will aber nicht."
"Jetzt komm schon, hilft doch nichts."
"Wenigstens noch fünf Minuten!"
"Jan, es ist halb acht. Steh auf!"
"Mahhh..."
Rosa seufzt. Ein tiefes, ihr Lungenvolumen voll auslastendes Seufzen, das sie aber aufgrund der 77 Kilo auf ihrem Körper kaum zustande bringt. Sie muss fast husten.
Jan liegt auf ihr drauf wie die schwerste Decke der Welt. Unverrückbar und unermüdlich müde. Knurrend drückt er sein Gesicht in Rosas Halsbeuge, ignoriert seit nun fast einer halben Stunde ihre erst vorsichtigen, dann immer penetranteren Versuche ihn aus dem Bett zu kriegen. Mittlerweile hat sie fast alle ihre Möglichkeiten ausgeschöpft. Vom nervigsten Weckerklingelton der Welt über Pieksen in die Rippen bis hin zur Erinnerung, dass noch fast frisches Brot von gestern und Aprikosenmarmelade in der Küche sind, die er essen kann, hat nichts geholfen. Jan liegt auf ihr schwer wie ein Stein und will nicht aufstehen.
Und Rosa aufstehen lassen will er auch nicht. Sie hat also weder die Möglichkeit ihren ersten von drei bis sieben täglichen Kaffees zu trinken noch ihn an den langen Beinen gewaltsam aus dem Bett zu ziehen.
"Jan, lass mich wenigstens raus. Ich will aufs Klo und meinen Kaffee", versucht Rosa es nochmal mit der Mitleidsnummer. Nicht dass er ihren flehentlichen Blick sehen würde. Der werte Herr Pawlak bockt wie ein trotziges Kind. Fehlt nur, dass er gleich ein paar Tränen vergießt.
"Ne, ich will noch kuscheln", ist seine nuschelige Antwort.
Rosa boxt ihn leicht in den Arm. "Boah Jan, wir haben die letzte halbe Stunde gekuschelt und wir kuscheln heut Abend wieder, versprochen, aber wir müssen jetzt aufstehen, sonst kommen wir zu spät."
"Mir egal."
"Ja, dir. Mir nicht."
"Du hast mich nicht mal richtig gekuschelt!" protestiert ihr Montagmorgenkranker weiter.
Jetzt reicht's aber. Was sind das denn wieder für Unterstellungen? Rosas Augenbrauen schieben sich zusammen. "Hä?! Klar hab ich. Du liegst seit sieben Uhr auf mir drauf!"
"Mein' Kopf gestreichelt hast aber nicht..." grummelt er.
"Sag mal..." In ihrer Verzweiflung hebt Rosa ihre Hand und krault kurz mehr oder weniger liebevoll durch Jans wüste braune Haare. "So. Zufrieden? Die dürftest dir übrigens auch mal wieder schneiden lassen. Oder willst du dir wieder so 'n komischen Dutt wachsen lassen?"
"Neien..."
"Gut. Und jetzt steh verdammt nochmal auf, bevor uns Faber das SEK vorbeischickt."
"Manno, Rosaaaa!" Jetzt jault er fast. Mühsam hebt er den Kopf von ihrer Schulter und blinzelt sie mitleiderregend an. "Ich will nich'."
"Wenn du wüsstest, was ich alles nicht will, aber trotzdem mach", erwidert sie schonungslos und piekt nochmal mit ihrer rotlackierten Fingerspitze in seine Schulter.
Aber die Akupunktur bringt auch nichts. Jan schlingt seine Arme nur fester um sie und knirscht mit den Zähnen. Rosa macht kurz die Augen zu und überlegt sich eine neue Strategie. Letztlich ist aber das beste, was ihr einfällt, sich zu einer Seite zu rollen und so hoffentlich Jans Klammergriff zu entkommen. Sie sammelt ihre Kraft, holt Schwung und rollt sich tatsächlich erfolgreich zur Seite. Jan quiekt erschrocken und lässt für eine Sekunde locker.
Und die nutzt Rosa sofort. Mit so viel Kraft wie sie aufbringen kann vor ihrer ersten Tasse Kaffee schiebt sie sich von ihm weg und stolpert aus dem Bett. Vorhänge zur Seite, Fenster auf, Sieg für sie.
Niederlage für Jan. "Rosaaa, sei doch einmal gemütlich!"
"Nö", erwidert sie grinsend und zieht ihm rabiat die Decke weg.
Jan windet sich unter der Kälte, die ins Schlafzimmer zieht wie ein Wurm und winselt wie ein Welpe. Aber Rosas Mitleid hält sich weiterhin in Grenzen. "Du bist so gemein", grummelt ihr bester Freund und schnieft armselig.
"Ich weiß", schmunzelt Rosa. "Na komm schon." Versöhnlich hält sie ihm die Hand hin, um ihm aus dem Bett zu helfen. Mit Schwung geht's bestimmt leichter.
Jan verzieht das Gesicht, starrt sie feindselig an, dann aber seufzt er ergeben und greift nach ihrer Hand. Rosa zieht und Jan...
Jan zieht auch.
Zieht sie zurück ins Bett mit so viel Schwung, dass Rosa auf ihn drauf fällt. Kurz fällt Stille über den Raum.
"Okay, jetzt reicht's", flüstert Rosa. Sie hat die Nase voll von dem Zirkus und das Gefühl, dieser Morgen allein hat sie schon mehr Anstrengung gekostet als der restliche Tag es können wird. Jans Augen weiten sich leicht angstvoll, bereit für eine verbale Ohrfeige. Rosa greift nach rechts, Jan zuckt zusammen, sie drückt ihm sein Handy in die Hand.
"Du rufst jetzt Faber an und meldest uns beide krank."
