Work Text:
Manchmal fragte er sich, warum er sich den ganzen Mist überhaupt antat. Warum er so beharrlich darauf achtete nichts von sich zu posten, niemanden einen Anhaltspunkt zu geben, wie er aussah. Natürlich machte er es für die Privatsphäre - doch wie viel nutzte das einem, wenn man es dann doch ständig paranoid zerdachte, ob man nicht seine Stimme oder seine Hände erkennen könnte?
War es das am Ende wert?
An den meisten Tagen konnte er die Frage guten Gewissens mit 'Ja' beantworten. Aber heute war nicht wie die meisten Tage.
Heute waren die Stream Awards. Und auch wenn es natürlich absolut außer Frage stand, dass er dort hingegangen wäre - die Aftershowparty hatte ihn gereizt.
Alle seine Freunde und Kollegen an einem Ort, mit Sicherheit ohne Fans und eigentlich garantiert auch ohne Kamera.
Aber naja. Sobald Alkohol ins Spiel kam vergaßen die meisten ihr Vorsätze. Deswegen hatte Basti in den letzten Jahren selbst die Aftershow immer wie die Pest gemieden. Irgendein Clip wurde immer gedreht und auch wenn keiner aktiv streamen würde, Bilder und Videos von dem Event hatten es immer irgendwann, irgendwie ins Netz geschafft. Und das konnte er nicht riskieren. Egal, wie oft er von Kevin, Marcel oder den anderen angebettelt worden war.
So hatte er auch in diesem Jahr nicht wirklich zugehört, als Kevin ihn erneut vorgeschwärmt hat, wie gut es wohl werden würde und, dass er doch vielleicht wenigstens einmal über seinen Schatten springen konnte, um dabei zu sein. Er würde auch persönlich dafür sorgen, dass niemand in seiner Nähe am Handy wäre. Es war süß, aber sie wussten beide, dass es unmöglich war.
Irgendwann hatte er es dann aufgegeben. Wie jedes Jahr.
Und dann kam die Einladung in seinen Briefkasten geflattert.
Wie auch in all den Jahren zuvor, hatte er sie sogleich wegschmeißen wollen, doch irgendwas hatte ihn zögern lassen. Was wäre wenn er doch hingehen würde? Einfach, um sie einmal alle im realen Leben zu treffen? Es gab schließlich nicht oft den Moment, wo sie wirklich alle einmal zusammen waren.
Statt in den Müll war die Einladung schließlich in seinen Terminkalender gewandert - und er saß nun hier. Nippte an einem viel zu süßen Getränk mit viel zu viel Alkohol und wartete darauf, dass dieser seine Wirkung entfaltete und ihm endlich die scheiß Angst nahm.
Was war nur aus seinem Leben geworden?!
Wann war er an diesem Punkt angekommen, dass er sich nicht traute sich seinen besten Freunden zu zeigen, aus Angst, dass irgendwo doch zufällig ein Handy angeschaltet war und zufällig im falschen Moment ein Bild von ihm machte? Wann war er so paranoid geworden? Dass er sogar denen, die wussten wie er aussah, aktiv aus dem Weg ging, um ein Treffen zu vermeiden? Er wusste doch, dass er eigentlich so gut wie allen hier vertrauen konnte.
Doch die seltsame, irgendwie sehnsuchtsvolle Stimmung, die ihn dazu gebracht hatte hierherzukommen, ohne Kevin Bescheid zu geben - ohne irgendjemanden Bescheid zu geben, war verschwunden, wurde stattdessen durch dieses grässlich kaltheiße Gefühl der Angst ersetzt.
Wieder starrte er zu dem Tisch rüber, wo Kevin sich gerade angeregt mit Rewi unterhielt. Sollte er die Chance jetzt nutzen, wo sie nur zu zweit waren? Er kippte seinen Drink hinunter und doch blieb er, wo er war, konnte seine Muskeln nicht dazu bringen sich von diesem Stuhl zu erheben.
Ein volles Glas wurde direkt vor ihm auf den Tisch gestellt und riss ihn aus seinen Gedanken. Verwirrt schaute er auf und nachdem der Raum aufgehört hatte sich zu drehen, sah er einen schmunzelnden, jungen Mann, der ihn wissend anschaute. Er hatte etwas längere braune Haare, die ihm charmant ins Gesicht fielen und offene blaugraue Augen, die ihn unter hochgezogenen Augenbrauen mitleidig musterten. Auch das noch.
"Du siehst aus als könntest du ein Glas Wasser vertragen." Eine samtweiche Stimme, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Er konnte sie aber beim besten Willen nicht zuzuordnen.
"Äh... danke?"
"Was dagegen wenn ich mich kurz zu dir setze?" Basti sdeutete mit der Hand auf den freien Stuhl und der Fremde setzte sich. Sein Blick wanderte zurück zu Rewi und Kevin, die immer noch in ihr Gespräch vertieft waren. Wie laut würde er Kevins Namen rufen müssen, dass er ihn hörte und ihn zur Not retten kam? Um die Musik zu übertönen, vermutlich sehr laut.
"Kennen wir uns?", fragte er misstrauisch, während er wieder seinen Gegenüber musterte. Er trug einen klassischen schwarzen Smoking, kombiniert mit einem lilafarbenen Hemd und roter Fliege. Seltsame Wahl, aber es sah tatsächlich in keinster Weise lächerlich aus - im Gegenteil.
"Ich bin ehrlich: keine Ahnung. Also safe hab ich bestimmt schon mal deinen Stream geschaut, aber so auf den ersten Moment, könnt ich dich jetzt nicht zuordnen", antwortete der Fremde, "Sorry, ich merk grad selbst erst, wie gruselig das eigentlich klingt. Aber du fällst uns schon den ganzen Abend auf, wie du so sehnsüchtig in Richtung der GHGs schaust und vor dich hin grübelst. Du hast so eine richtige schwarze Wolke um dich und bevor noch jemand die Security holt oder es zu einer unschönen Szene kommt, dacht ich mir, dass ich dich genauso ansprechen kann, denn von uns hat die ehrlicherweise keiner erkannt und da war schnell die Frage im Raum, ob es hier irgendwie ein Stalker reingeschafft hat."
Basti lachte nur freudlos und vergrub das Gesicht in den Händen. Der Abend war ein einziger Reinfall. Und jetzt wurde er auch noch als Creep abgestempelt und sollte hinauskomplimentiert werden. Warum genau hatte er das alles nochmal als gute Idee empfunden?
"Ja, ne alles gut. Sorry, ich wollte eigentlich nicht wie so creepy rüberkommen, ich verspreche, ich bin hier wirklich eingeladen worden. Aber irgendwie..."
"...Irgendwie hat sich der Abend anders entwickelt, als du dachtest, oder?" Basti nickte nur und nahm dann endlich einen Schluck von dem Wasser, dass der Fremde ihm hingestellt hatte. Er hatte zwar bisher noch nichts von dem Alkohol gespürt, aber er wollte auch nicht wie Hugo da drüben enden. Der versuchte grad alles, um Rewi und Kevin zu entkommen, die ihm vermutlich seinen Drink wegnehmen wollten. Er schien es aber auch echt zu übertreiben.
"Mein Abend hat auch gerade eine unerwartete Wendung gemacht, also willkommen im Club. Ich glaube nur, dass meine Wendung deutlich besser war als deine."
Verdammt diese Stimmfarbe, diese Stimmlage - er kannte den Streamer. Da war er sich inzwischen sicher. Doch es fügte sich einfach kein Bild vor seinem inneren Auge zusammen. Wer auch immer er war, er musste ohne FaceCam streamen. Oder er war einer der Newcomer, die dieses Jahr das erste Mal dabei waren.
"Ich glaube ich sollte einfach gehen, das alles war eh eine Schnapsidee." Er trank sein Wasser aus, doch als er aufstehen wollte, fing der Raum prompt wieder an sich zu drehen. Fuck. Wie viel hatte er bitte getrunken, ohne es zu merken?!
"Ok, vielleicht warte ich auch noch einen Moment", murmelte er und schloss die Augen, in der Hoffnung, dass der Raum davon schneller wieder anhalten würde.
"Oh Shit, du hast echt zu viel getrunken." Er spürte eine warme Hand auf seinem Oberarm. Und das war es schließlich, was das Fass zum überlaufen brachte.
Das Mitleid eines Fremden, der sich um den einsamen Creep in der Ecke einer schlecht beleuchteten Aftershowparty einer Preisverleihung kümmerte. Sein Leben war ein Witz. Es gab mehr als hundert gute Gründe, warum er nicht auf so eine Veranstaltung ging und dennoch war er hier. Hitze breitete sich hinter seinen Augen aus. Und dann brach es aus ihm hervor:
"Ich wollt doch einfach nur... meine Freunde überraschen. Die betteln seit Jahren, dass ich zur Aftershowparty komme, weil sie hier immer so eine gute Zeit haben und die auch mit mir haben wollen. Und jetzt bin ich hier und meine scheiß Paranoia, dass mich irgendjemand irgendwie filmen könnte und mich das doxxen würde, hält mich davon ab sie anzusprechen. Was ist bitte aus meinem Leben geworden?! Als ich beschlossen habe, mich nicht zu zeigen, hätte ich never gedacht, dass mich das mal so einschränken würde."
Die warme Hand blieb standhaft auf seinem Oberarm, erdete ihn, während er sich sein Leid von der Seele jammerte. Es tat erstaunlich gut, dass ihm jemand zuhörte. Dass er denjenigen nicht kannte, machte es tatsächlich fast leichter alles auszusprechen. Auch wenn er damit gerade indirekt verriet, wer er war.
"Sorry... ich wollte dich hier eigentlich nicht zutexten. Ich bin auch gleich weg, versprochen", entschuldigte er sich schließlich.
"Ach, Quatsch. Es ist wirklich alles okay. Tatsächlich bin ich zu dir gekommen, weil du mich sehr an einen Kumpel von mir erinnerst, der vor ein paar Jahren fast genauso grübelnd in der Ecke einer Party saß. Hätte ich einen Euro für jedes Mal, dass sich ein bekannter deutscher Minecraft YouTuber bei mir ausheult, weil es ihn anscheinend ultra einschränkt, sich nicht zu zeigen, hätt ich jetzt tatsächlich zwei Euro. Tamina und Hänno waren eigentlich drauf und dran die Security zu holen." Der Schock darüber, dass sein Gegenüber tatsächlich jetzt wusste, wer er war, war längst nicht so schlimm gewesen, wie gedacht. Irgendwas sagte ihm, dass er hier gerade keine Angst vor ihm haben brauchte.
"Und was macht dieser YouTuber heute?"
"Ha, kein YouTube mehr. Er hat vor drei Jahren aufgehört und lebt seitdem sein bestes Leben. Also vielleicht bin ich auch gar keine Hilfe hier. Nicht das Deutschland noch eine weitere seiner Legenden verliert." Sein Lachen klang angenehm und fast automatisch musste Basti mit lächeln. Er merkte, wie ihm die Nonchalance seines Gegenübers Stück für Stück dabei half, aus seinen Gedankenspiralen herauszukommen. Dann machte es auf einmal Klick.
"Warte... du sprichst von GLP, oder?" Sein Gegenüber grinste nur wissend.
Wenn er mit GLP befreundet war...
Bei Paluten und Taddl wusste er, wie sie aussahen, für Maudado war die Stimme zu tief und kräftig. Also blieb eigentlich nur noch...
"Zombey?"
"Hey, na?" Und verdammt - es war so offensichtlich. Natürlich kannte er die Stimme. Natürlich musste er automatisch bei seinem trockenen Humor grinsen. Und natürlich ergab auch die Farbwahl seines Outfits einen Sinn. Mit einem Lächeln schüttelte er den Kopf, sein Blick fiel auf das Wasserglas.
"Und du hast es ernsthaft geschafft, die Geschenke-Quest ins Reallife zu übertragen." Das brachte Zombey zum Lachen.
"Tja, ich will halt unbedingt die Hochzeit mit dir. Ich gebe nicht auf, bis wir das durchziehen." Grinsend verdrehte Basti die Augen.
"Nächstes Jahr beim Dress-To-Impress-Event von Mienah ist das Pflicht, egal was die Themen sind." Er hielt Zombey die Hand hin, kopfschüttelnd nahm er sie und schlug ein.
"Oh mein Gott, ich halte die berühmte Hand von BastiGHGs HandCam! Ich werde meine Hand nie wieder waschen!!" Basti prustete erneut los.
Vielleicht war dieser Abend doch nicht ganz so schrecklich. Er traute sich vielleicht nicht seine Freunde anzusprechen, aber mit Zombey zu sprechen, hatte mehr geholfen, als er gedachte hätte - von ihm erkannt zu werden, hatte besser getan, als er gedacht hätte.
"Danke", sagte er aufrichtig, doch Zombey winkte nur ab.
"Hätte ich nicht früher ein, zwei FaceCam Videos gemacht, würde es mir heute vermutlich genauso gehen. So ne Paranoia ist scheiße und auch wenn du es vielleicht besser weißt, in solchen Momenten hat Rationalität keine Chance."
"Ich wusste gar nicht, dass du so weise bist." Ein sanfter Klaps gegen seine Schulter war die Antwort.
"Einmal am Tag hab ich eben meine weisen fünf Minuten, du kannst dich glücklich schätzen, sie erlebt zu haben."
"Soll ich auf die Knie gehen und zu dir beten, oh weiser Lord Zombey?"
"Besser wäre es, aber ich glaube das bringt dir mehr Aufmerksamkeit, als dir lieb ist. Also lassen wir das mal lieber. Du kannst nächstes Jahr in Craft Attack auf die Knie vor mir gehen."
"Ich nehme dich beim Wort." Einen Moment schauten sie sich noch herausfordernd an, dann mussten sie beide loslachen. Es war berauschend, wie befreiend es war. In den ganzen letzten Wochen, seit feststand, dass er auf die Aftershowparty gehen würde, um die anderen zu überraschen, hatte Basti sich nicht so leicht und unbeschwert gefühlt, wie in diesem Moment. Zombey wirkte besser als jeder Alkohol.
"So und damit du nicht völlig umsonst hierher gekommen bist, werde ich jetzt mal wieder den Wingman spielen und Kevin holen. Und nein, du kannst nichts sagen, was mich noch aufhalten könnte." Er stand auf, knöpfte den Knopf an seinem Sakko zu und drehte sich nochmal zu ihm um:
"Wehe du bist weg, wenn ich wieder da bin. Ich will mich hier nicht vor Papaplatte blamieren!" Anklagend richtete er den Finger auf Basti, der nur kapitulierend die Hände hob und auch aufstand.
"Ich komm mit. Es ist Zeit über meinen Schatten zu springen."
"Einzig richtige Antwort."
Er würde nicht länger seiner Angst zuhören. Nein, er würde auf seine Freunde vertrauen und dass sie ihn niemals gegen seinen Willen filmen würden. Er würde darauf vertrauen, dass sie alle geschlossen auf denjenigen losgehen würden, der es dennoch probieren würde. Grinsend stürzte er sich gemeinsam mit Zombey ins Getümmel.
