Chapter Text
I.
Ein verlassener roter Container, angeschwemmt am Rande der Insel. Ein Unglück, dessen Geschichte niemand Zeuge war.
Zombey hatte mitbekommen, wie die Leute darüber berichteten. Einen schlimmen Sturm soll es gegeben haben. Das Schiff war alt, die Ladung nicht richtig gesichert. Dieser rote Container war nicht der einzige, der an die Küste geschwemmt wurde. Am Strand des Festlandes hatte man bereits zwei weitere geborgen.
Keiner wusste, was aus dem Schiff geworden ist. Es wurde gemunkelt, dass es untergegangen war, mitsamt der Besatzung. Es gab keine Überlebenden.
Andere wiederum sagten, dass Piraten das Containerschiff angegriffen hatten, weil es wertvolle Fracht an Board hatte.
Doch hier waren nur die leeren Container angespült wurden. Wenn man darin Schätze transportiert hätte, lagen sie nun auf dem Grund des Ozeans und irgendein mutiger Abenteurer würde sich vielleicht irgendwann mal auf die Suche nach ihnen machen.
Sollten sie doch, finden würden sie vermutlich eh nichts wertvolles, dachte sich Zombey. In solch großen Containern wurde maximal Baumaterialen transportiert, vielleicht sogar etwas Kupfer wenn man Glück hatte. Aber an alle, die sich Berge aus Diamanten erhofften, würden enttäuscht werden.
Dennoch war er hier. Die Geschichte war halt schon irgendwie spannend. Ein verlassener Container, angespült an die Küste. Und da er sich eh ein bisschen in der Gegend umschauen wollte, konnte er sich auch diesen roten Kasten mal anschauen, der da eine ganz schön gewaltige Spur der Verwüstung hier am Strand hinterlassen hatte.
Zombey sammelte sein Boot ein und ging näher heran. In der Ferne hörte er Donnergrollen, als er um den Container herumging. Es war den ganzen Tag schon bewölkt gewesen und natürlich würde das angesagt Gewitter genau dann ausbrechen, wenn er so weit weg von seinem Zuhause war.
Die Totenstille, die dem Donner folgte, half auch nicht gerade, das Ding weniger unheimlich wirken zu lassen. Ein leichter Schauer rannte ihm über den Rücken. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu singen, als er näher an den Container getreten war.
Er wirkte so fehl am Platz. Ein Fremdkörper, der nicht hier hingehörte. Als hätte man ihn hierhin platziert, an eine Stelle wo er zwar nicht auffiel aber immer noch rausstach und einfach perfekt fehl war am Platz.
Und dann fiel es ihm auf.
Es war zu perfekt. Zombey wusste, dass das Grundstück, wo der Container gestrandet war, jemanden gehörte. Und er hatte auch gehört, dass dieser jemand, der letzte wäre, der diesen Container so unberührt hier stehen lassen würde. So unberührt, dass man die Schleifspur sehen konnte, den zerstörten Strand, die aufgewühlte Erde.
Was er hier vor sich sah, war genau das, was man sich unter einem gestrandeten Container vorstellte. Gäbe es einen Lexikon-Eintrag dazu, wäre dieser Strandabschnitt als Bild daneben.
Und zu perfekt gab es in dieser Welt nicht. Die Sache hatte einen Haken. Und spätestens jetzt, war Zombeys Neugier endgültig geweckt und er wollte wissen, was es mit diesem mysteriösen, rotem Ungetüm auf sich hatte.
Vorsichtig schlich er zu der Tür, die einen kleinen Spalt offen stand und schielte hinein. Bis auf ein paar Fässer war der Innenraum leer. Absolut unspektakulär. Absolut unauffällig.
Er ging hinein.
Die Fässer waren genauso leer, wie der Container. Im ersten Moment hatte er noch gedacht, dort würde man wahlloses Zeug finden, was jeder hatte, der gerade anfing neu zu bauen.
Aber nein, sie dienten anscheinend nur der Deko. Nur, um von außen zu wirken, als wären sie ein provisorisches Lager. Es machte die ganze Situation nicht weniger mysteriös. Warum sollte man sich auf dieser kleinen unbedeutenden Insel solche Mühe machen, einen Container so in die Landschaft einzuarbeiten, dass er schon wieder perfekt hineinpasste?
Das vereinzelte Trommeln von Tropfen, die auf das metallene Dach prallten, rissen ihn aus seinen Gedanken. Natürlich musste es jetzt anfangen mit regnen. Wenn das den Hausherren nicht sofort zurückholen würde, wüsste er auch nicht. Er sollte schleunigst wieder von hier verschwinden. Irgendwas sagte ihm, dass Schnüffler hier nicht gerne gesehen waren.
"Wer jetzt was sagt, kriegt 20 Subs!", hörte er da eine Stimme von draußen. Irritiert hielt Zombey inne. War er zu langsam gewesen?
"50 Subs!"
Ehe er auch nur irgendwie versuchen konnte, aus dem Container zu fliehen, stand er ihm auch schon gegenüber.
Ein makelloser Anzug, eine kleine Rose am Revers, blasse Haut und dunkles. leicht zerzaustes Haar. Die schwarzen Brauen über den hellblauen Augen zogen sich irritiert zusammen, als der Hausherr den Eindringling bemerkte. In seiner Hand hielt er einen großen, schwarzen Aktenkoffer.
"Hi. Suchst du auch Schutz vor dem Regen?", fragte Zombey ganz unschuldig. Sein Herz klopfte viel zu schnell, aber zum Glück blieb seine Stimme ruhig.
Der Typ starrte ihn einen Moment lang einfach nur an.
"Was genau machst du hier?" Seine Stimme klang gefährlich leise und feindselig. Fuck.
"Hab ich das nicht gesagt? Ich suche Schutz vor dem Regen."
"In meinem Container?"
"Naja, sonst ist auf der Insel ja nicht viel, was Schutz bietet, oder?" Der Typ folgt seinem Blick raus zu den Bäumen, die vor der Tür standen und wieder zurück.
Es war eine schlechte Ausrede und das wussten sie beide.
"Ich bin übrigens Zombey." Gewagte Flucht nach vorne. Wenn er tat als wäre nichts, würde er es hier vielleicht wieder unbeschadet rausschaffen. Er hielt ihm die Hand hin. Die rechte wohlgemerkt, damit sein Gegenüber nicht den Koffer aus der Hand nehmen müsste. Irgendwas sagte ihm, dass er das gar nicht gut finden würde. Der Koffer sah wichtig aus. Doch statt seine Hand zu nehmen, tastete der Typ nach seinem Schwert.
"Basti...", sagte er aber dennoch zögerlich. Zombey konnte sehen, wie Basti ihn musterte, einschätzte, ob er eine Gefahr war oder wirklich nur ein verirrter Reisender, der Obdach gesucht hatte. Das Zögern würde er nutzen müssen, wenn er hier heil rauskommen wollte und er hatte schon eine Idee wie.
"Na dann Basti - nett dich kennengelernt zu haben. Ich denke ich mach mich aber mal wieder auf den Weg, bevor der Regen noch stärker wird. Eins noch, bevor ich gehe," Er wühlte kurz in seinem vollen Rucksack herum und holte eine Glas mit Honig hervor,
"Hier ein Glas Honig von meinen Bienenstöcken von zu Hause. Weil du so süß warst und mir hier kurz Unterschlupf gewährt hast."
Bevor Basti ihn erneut abweisen konnte, griff er nach seiner Hand und drückte ihm das Glas hinein. Dann schulterte er seinen Rucksack und verließ den Container. In der Tür drehte er sich noch einmal um.
"Was zur-", setzte Basti an, aber Zombey unterbrach ihn:
"Also, man sieht sich. Und falls du willst, dass der Container weniger Fehl am Platz wirkt, dann pack doch wenigstens was in die Fässer." Mit diesen Worten salutierte er spöttisch und machte sich auf dem Heimweg.
Er konnte Bastis Blick im Nacken spüren, bis er die Insel verlassen hatte.
Mit einem immer noch viel zu schnell schlagenden Herzen, setzte Zombey sich in sein Boot und ruderte zurück zum Festland. Das war gerade noch einmal gut gegangen. Mit dem Honig hatte er Basti definitiv den Wind aus den Segeln genommen. Wenn er sein Schwert gezogen hätte, hätte er vermutlich keine Chance mehr gehabt. Beim nächsten Mal müsste er definitiv vorsichtiger vorgehen.
Denn er würde mit Sicherheit wieder kommen und versuchen Basti sein Geheimnis zu entlocken. Irgendetwas an dem Mann in dem schicken Anzug, der in einem gestrandeten Container zu leben schien, hatte seine Aufmerksamkeit geweckt und jetzt musste er das Geheimnis lösen. Musst herausfinden, was es mit dem Container am Strand auf sich hatte.
