Work Text:
Der Fall ist endlich abgeschlossen und sie sitzen schweigend auf dem Sofa im Präsidium, die Beine ausgestreckt, die Hände auf dem Bauch verschränkt. Irgendwo im Hintergrund brummt eine Kaffeemaschine, Regen prasselt leise gegen die Fensterfront.
Es raschelt neben ihm.
„Leo“, sagt Adam. Leo öffnet ein Auge, dann das nächste. Adam hat sich aufgesetzt, die Arme auf den Oberschenkeln abgestützt. „Ich werde zurück nach Berlin gehen.“
Für eine Sekunde drückt eine absolute Stille auf Leos Ohren, dann schluckt er, setzt sich ebenfalls auf. Durch seinem Bauch spannen sich innerhalb von Sekunden heiße Fäden, zerren an seinen Organen.
„Was?“
Es geht ihm nicht gut in Saarbrücken, er kann den Job nicht mehr machen, seine Entscheidung ist final. Er will sich diesmal verabschieden.
Leo ringt sich ein „Okay“ ab, seine eigene Stimme hört sich fremd für ihn an, wie weit entfernt. Er fragt irgendwas wegen der Kündigung, vergisst Adams Antwort sofort, fragt, ob die anderen schon Bescheid wissen.
„Nee. Ich wollte erst mit dir reden.“
„Ich dachte, du hast dich schon entschieden.“
„Ja- Ach, man. Ich wollt’s dir zuerst sagen, okay?“
Auf dem Parkplatz nimmt Adam ihn in den Arm. Die Knöpfe seiner Jeansjacke drücken gegen Leos Brust, gegen das Beben, dass sich in ihm breitmacht. Er hält die Luft an, damit es nicht ausbricht, konzentriert sich darauf, seine Hände an Adams Rücken entspannt zu halten, seine Finger nicht zu verkrampfen.
Nachts findet er nicht in den Schlaf.
Er ist allein im Gym, es ist noch dunkel draußen, und er stemmt solange Gewichte, bis der letzte Faden in ihm reißt, der Schweiß alle Unruhe aus ihm herausspült, das Zittern seiner Muskeln endlich das Beben in ihm ausgleicht.
Es kommt nicht wieder, auch dann nicht, als Adam sich irgendwann wirklich, endgültig verabschiedet. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht, als er seinen Rucksack auf den Beifahrersitz wirft.
„Meld’ dich mal“, sagt Leo und Adam nickt, zieht ihn an sich, antwortet leise: „Versprochen.“
Nur ein paar Tage nach seinem Umzug taucht ein Foto in der Team WhatsApp Gruppe auf. Adam bei blauem Himmel an der Spree. Er hat kleine Lachfältchen um die Augen. Pia schreibt Siehst happy aus!
Irgendwann folgt eins von einem Croissant mit der Bildunterschrift Bei Kaffee Pia :)
Leo schafft es in den ersten Wochen ein paar unverfängliche Nachrichten zu schreiben, ihm viel Glück für das Vorstellungsgespräch zu wünschen, ihm zu dem neuen Job zu gratulieren, dann kommt ihnen ein Fall dazwischen und dann weiß er nicht mehr, was er noch schreiben könnte.
Adam meldet sich auch weniger, die gemeinsame WhatsApp Gruppe rutscht in den Chats immer weiter nach unten, Leos Leben geht weiter, pendelt sich ein. Sie telefonieren kein einziges Mal.
Der neue Kollege ist nett, etwas älter als er, Leo versteht sich auf Anhieb mit ihm.
„Mach nicht mehr so lange, ja?“, sagt er eines Abends, grinst ihn freundlich an.
„Klar“, entgegnet Leo, lächelt müde zurück.
„Morgen Gym steht noch?“, fragt Markus und Leo nickt, klappt den Laptop zu. Draußen geht die Sonne unter, taucht das Büro in ein dunkles Orange.
Er könnte jetzt- nur kurz, und dann nach Hause fahren, kochen, aufs Sofa fallen, Caros Sprachnachricht endlich abhören.
Adams Kontakt ist ganz oben in der Liste.
Es tutet nur zwei Mal, dann knackst es und für eine Sekunde herrscht Stille, dann: „Hey, Leo.“ Er kann das Lächeln aus Adams Stimme hören, atmet erleichtert aus, lächelt automatisch mit.
„Hi, stör’ ich?“
Da ist ein Rauschen im Hintergrund und das Geräusch von großen Schritten.
„Nee, perfektes Timing, bin gerade auf dem Heimweg.“
„Ah, gut.“
„Und du? Noch im Büro?“
Leo schnaubt, fühlt sich ertappt. Er dreht sich auf seinem Stuhl Richtung Fenster.
„Ja, ich wurde schon ermahnt. Ich wollte auch nur kurz… also einfach mal hören, wie es dir geht?“
„Gut“, entgegnet Adam sofort und Leo fühlt, dass es ernst gemeint ist. „Hab mich langsam wieder eingefunden hier, ist ja doch was anderes als Saarbrücken.“
Und dann beginnt Adam zu erzählen, von den Jugendlichen auf der Arbeit, von dem Regal, das er gerade selbst gebaut hat und dass er bisher in Berlin keinen adäquaten Hörnchen-Ersatz finden konnte.
Es ist seltsam leicht mit ihm zu reden, sich für ihn zu freuen, seine Stimme zu hören. Er hätte das früher machen sollen.
„Und bei euch alles klar?“, fragt Adam und dann erzählt Leo. Von Markus und wie gut er sich in das Team eingefunden hat, von den neuen höhenverstellbaren Schreibtischen, die Adam gefallen würden, und irgendwann auch von seinem Neffen, den er jetzt jede Woche sieht.
„Das ist schön, das freut mich, echt. Ich hab, ah- ich hab mir Sorgen gemacht am Anfang? Dass das doch nicht cool war, dass ich’s vielleicht doch bereue, aber das war das Richtige für mich, ich bereu’s nicht.“
Leo weiß nicht, was er darauf sagen soll, macht ein zustimmendes Geräusch und presst die Lippen aufeinander. Eine Weile lang hört er von Adams Seite nur das Rauschen des Verkehrs, das Ticken einer Ampel, dann ein Räuspern.
„Ich, äh, ich hab gedacht, vielleicht willst du ja zu meinem Geburtstag mal vorbeikommen? Nichts wildes, Vincent kommt, und Lisa, Pia vielleicht auch. Würde mich freuen.“
„Oh“, macht Leo. In Saarbrücken hat Adam kein einziges Mal seinen Geburtstag gefeiert. Soweit Leo weiß. „Also ja, gerne. Muss ich mal in den Kalender schauen.“
„Cool, ja, dann sag einfach Bescheid.“
„Mach ich.“
Leo kritzelt Geschenk Adam auf einen pinken Haftnotizzettel, ergänzt dann noch Pia und Hotel? und klebt ihn in seinen Terminkalender.
„So, ich bin jetzt quasi Zuhause“, sagt Adam und die Schritte verstummen. „War schön von dir zu hören, ich hatte ehrlich gesagt… also- ach egal, hat mich gefreut.“ Ein Schlüssel klimpert im Hintergrund.
Leo lächelt, fährt mit dem Zeigefinger nochmal über den Zettel, drückt ihn an den Rändern fest.
„Ja, mich auch, Adam.“
