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Adeste Fideles | Oh kommet, ihr Christen [GER]

Summary:

Es ist Weihnachten und Gabriel hat Geburtstag! Für diesen Anlass hat Gilbert ein kleines Geschenk vorbereitet, doch wie sollte er es seinem geliebten Freund übergeben? Und dann ist da auch noch ein Schneesturm, der ihnen das Leben schwer macht. Ob sie in der Kirche Unterschlupf finden können und dennoch ein schönes Weihnachtsfest feiern können?

Work Text:

Adeste Fidelis | O Come, All Ye Faithful

 

Adeste fideles
laeti triumphantes,
venite, venite
in Bethlehem.
Natum videte
Regem angelorum.
Venite adoremus
Dominum.

Vor vielen, unzähligen Jahren, in einer Epoche fernab der unseren und inmitten der Geburtsstunde der abendländischen Kultur, lebten einst zwei Knaben. Diese waren mit einem Geschenk gesegnet, das sie selbst wohl eher als ihr zu tragendes Kreuz betrachteten: Immortalität. Oder besser gesagt: eine Nahezu-Immortalität. Diese Kinder, geboren aus dem willkürlichen Zusammenschluss von Menschen waren Gabriel, die Personifikation des Templerordens und Gilbert, die Personifikation des Deutschen Ordens. Zusammen mit ihrem Freund Joan, dem personifizierten Johanniterorden, bildeten sie ein Trio wie kein anderes, denn sie waren Teil der Ritterschaft, als auch Teil einer mönchisch lebenden Gemeinschaft. Zwei gar so unterschiedliche Lebensarten, die sich scheinbar kaum vereinen ließen, konzentrierten sich in ihrer Existenz.

Doch waren sie dazu berufen, ihrem Orden, der ihnen das Leben in erster Linie geschenkt hatte, zu dienen und zu repräsentieren, so waren sie im Herzen und im Kern ihres ganzen Seins noch Kinder, für die eine solche Aufgabe eine riesige Herausforderung darstellte. Zu viel Verantwortung, zu viel seelische Last schleppten die jungen Knaben schon seit Kindestagen mit sich herum. Es war ihr Alltag geworden, sie kannten es nicht anders. Dennoch behielten und schätzten sie die wenigen kostbaren Momente der Unbeschwertheit und des Frohsinns tief in ihrem Herzen.

So geschah es auch mit dieser Erinnerung an einen kalten Wintertag im Dezember…

***

„Gilbert!“, rief ein Junge aufgeregt und seine goldenen Locken wippten ebenso fröhlich auf und ab wie er es tat. Mit einem süßen Lächeln auf den Lippen und einem dicken Mantel in den Armen stapfte er durch den tiefen Schnee, geradewegs auf seinen Freund Gilbert zu.

„Na, wurde aber auch Zeit, dass du mal antanzt, Gabriel“, murrte Gilbert und rieb sich fest die Oberarme. Der Junge zitterte in der eisigen Winterluft am ganzen Leibe. Auf seinem Rücken trug er seinen vollbepackten Jutebeutel. Und von wärmender Kleidung konnte er im Moment nur träumen. „Ich bin hier draußen fast erfroren! Und das nur wegen dir! Ich hoffe, du bist jetzt glücklich damit.“ Gilbert bibberte weiter und Gabriel legte behutsam den dunklen, dicken Mantel um seine fröstelnden Schultern. „Entschuldigung“, säuselte er leise, „mein Großmeister und der Komtur haben mich aufgehalten. Und dann wollte ich noch schnell in die Stallungen schauen, um dir einen dicken Mantel zu bringen. Ich habe gehört, die Kaufleute stecken seit Wochen wegen den kräftigen Schneefällen in der Kyiv fest. Wundert mich ehrlich gesagt nicht. Wie soll man bei so einem Wetter auch über den Landsweg vorankommen. Von der Burg aus kommt man ja nicht mal bis zum nächsten Dorf, ohne fast komplett im Schnee zu versinken…“ Gabriel sah auf sich herab. Er war bis zu den Oberschenkeln von Schnee bedeckt und es fröstelte ihn in den Zehen. Er hatte sich durch den hohen Schnee mit Mühe durchgekämpft, um Gilbert am versprochenen Verabredungsort zu erreichen: an der alten Lichtung nahe dem Wald. Vor wenigen Tagen, als die dicke Schneedecke noch einfacher zu bewältigen war, hatten sie sich schon an der Lichtung getroffen und Gilbert hatte ihn gebeten am heutigen Tage, dem 24. Dezember – Heilig Abend –hier zu erscheinen. Warum, verriet er jedoch nicht.

Nun beäugte Gilbert den schneebedeckten Gabriel mit seiner roten Nasenspitze von oben bis unten. Sogleich war sein Ärger wie weggeblasen und stattdessen machte sich das Mitleid in seinem Herzen breit. Gabriel hatte sich immerhin durch Eis und Schnee gekämpft, um ihn zu sehen. Er hätte ja genauso gut zuhause bleiben können, aber er war dennoch gekommen. „Ach, Gabriel…“, er schüttelte den Kopf, lächelte aber. „Naja, egal, jetzt bist du ja hier!“

„Natürlich bin ich hier!“, Gabriels Augen funkelten mit der Wintersonne um die Wette, während sein kleiner Körper vor Kälte zitterte, „Also, was wolltest du mir so unbedingt zeigen?“

Und Gilbert begann zu stammeln, als er dieses Funkeln sah und druckste herum. Angespannt spielte er mit dem Trageseil seines Beutels und bohrte dabei seine Fingernägel in die Fasern hinein. „N-naja…“

Jetzt wo Gabriel so vor ihm stand, spürte Gilbert plötzlich die Nervosität in sich hochkommen und er fragte sich, was er nun tun oder sagen sollte. War es schon der rechte Zeitpunkt, um…?

Nein, noch nicht. Nein, Gilbert war noch nicht soweit. Das war dann doch zu peinlich. Und so wie sie beide fröstelten, war es vielleicht eine bessere Idee, sich zuerst einen wärmeren Unterschlupf zu finden.

„Das zeig ich dir später! Erst will ich aus diesem furchtbaren Schnee hier raus! Komm mit, wir suchen uns ein Plätzchen zum Aufwärmen bevor wir noch erfrieren. Du siehst noch schrecklicher unterkühlt aus als ich!“ Ohne auch nur einen weiteren Blick auf Gabriel zu werfen, schnappte er seine Hand und stapfte mit ihm durch die Winterlandschaft.

Dass ihm nun mit einem Mal die Hitze in den Kopf stieg und sein Herz höherschlug, ignorierte er gekonnt. Das war bestimmt nur die Anspannung. Immerhin hatte er sich bei seinem Vorhaben unsagbar viel Mühe gegeben.

„Gilbert, weißt du denn überhaupt, wohin wir gehen? Die Siedlung liegt doch in der anderen Richtung?“, schoss es Gabriel direkt heraus und Gilbert blieb abrupt stehen, änderte augenblicklich seinen Kurs. Beinahe wäre er statt in die Siedlung in den Wald marschiert.

Wie peinlich! Gilbert wollte ihm Boden versinken! Wie konnte er nur jetzt schon alles vermasseln!?

„Ich weiß!“, log er augenblicklich und setzte einen selbstsicheren Grinser auf. Niemals könnte er zugeben, dass er, der coolste und mutigste Ritter weit und breit, einen so banalen Fehler gemacht hatte. „Die Strecke durch den Wald ist nur zur Winterzeit so viel schöner! Du wirst schon sehen!“

„Wie du meinst?“, Gabriel legte den Kopf schief. Irgendwie konnte er das Gilbert nicht ganz abkaufen. Er verhielt sich äußerst komisch. Ob er wieder etwas angestellt hatte und es versuchte zu vertuschen, wie er es schon so oft getan hatte? Oh, dieser Frechdachs. Er lernte wohl nie dazu…

Zum Himmel hinaufsehend erspähte Gabriel dicke, dunkle Wolken. Das Licht der Sonne nahm stetig ab und die ersten Schneeflocken rieselten sanft auf die Erde. Oje…

Gabriel zog die Augenbrauen besorgt zusammen. Das sah nach einem erneuten Schneesturm aus. Allzu lange sollten sie sich doch nicht hier draußen aufhalten. Hoffentlich war Gilberts Trip durch das Waldstück kein langes Unterfangen…

***

Leise rieselte der Schnee; still und starr ruhte der vereiste See.
Weihnachtlich glänzte der Wald. Und sie freuten sich,
denn Weihnacht‘ war bald.

In ihren Herzen wurde es warm.
Still schwieg Kummer und Harm
Sorge des Lebens verhallte
und die beiden freuten sich,
denn Weihnacht‘ kam bald.

Heut war heilige Nacht,
ein Chor von Meisen erwachte
und sie hörten wie lieblich es schallte.
Und sie freuten sich, denn
Weihnacht‘ kam bald.

Selig lächelte Gabriel, die wärmende Hand von Gilbert fest umschlossen, während sie zügig und doch andächtig genug durch das kleine Waldstück schlenderten. Von Weitem entdeckten sie junge Rehe, die nach Futter suchten. Silberner Raureif benetzte Äste und Tannennadeln und hauchte dem Wald eine geradezu himmlische Ruhe ein. Es ward als schliefe beinahe alles in diesem kleinen Teil der Welt und der herabrieselnde Schnee besänftigte jede wache Seele mit seinem Glitzern.

„Du hattest recht, Gilbert, es ist wirklich wunderschön hier…“, Gabriels Stimme war warm und weich, „Danke, dass du mich hierher gebracht hast…“ Gilberts Mundwinkel zuckten etwas nach oben, als er das Lob vernahm und in seiner Magengegend kribbelte es. Verlegen kratzte sich der Junge am Hinterkopf und wäre seine Nase nicht bereits von der Kälte rot angelaufen, hätte Gabriel wohl bemerkt, dass Gilberts Gesicht soeben um eine Nuance röter wurde.

„Immer wieder gerne, Goldie. Ich dachte mir, ein kleiner Weihnachtsspaziergang würde uns beiden gut tun. So zur Abwechslung zum anstrengenden Alltag im Advent“, Gilbert lachte und Gabriel erkannte das Spitzbübische in seiner Mimik – etwas, das ihm tatsächlich sehr gefiel, „Boah, wie ich mich freue, dass heute Abend dieser ganze Fastenmist endlich sein Ende hat. Ich habe so Appetit auf etwas Anständiges zu beißen!“

„Das sagst du jedes Jahr! Ich könnte schwören, letztes Jahr hast du dich auch schonmal darüber beschwert…und dasselbe auch erst zu Ostern!“, kicherte Gabriel und streichelte seine Hand mit dem Daumen. Sofort spürte Gilbert ein wohliges Kribbeln unter der Haut und Gabriel knöpfte ihm somit ein weiteres, verliebtes Grinsen ab.

„Ts, ne, das bildest du dir nur ein!“, gespielt empört sah Gilbert weg, sein Lächeln jedoch nicht verbergen könnend, „Und selbst wenn, ist es nur die Wahrheit! Dir hängt diese elende Fastensuppe bestimmt auch schon aus dem Hals raus!“ – „Vielleicht“, schmunzelte Gabriel. Und tatsächlich hatte Gilbert recht. Auch Gabriel freute sich, endlich nach vier Wochen wieder eine anständige, sättigende und allen voran schmackhafte Mahlzeit zu genießen.

Doch plötzlich entfloh ihm ein kleines Niesen. Hoffentlich wurde er nicht auch noch krank. So kurz vor Weihnachten konnte er das echt nicht gebrauchen! Er hatte noch so viel zu tun. So viele Messen, so viele kleinteilige Christtagsrituale standen ihm noch bevor. Der Weihnachtsstress begann doch erst jetzt so richtig!

„Gesundheit…“, entgegnete Gilbert sofort und zog seinen Freund näher zu sich.

„Merci beaucoup…“, schniefte Gabriel dankbar, „Sind wir bald da? So langsam wird es schon dunkel und die Flocken werden immer dicker…Es hat schon vorhin nach einem Schneesturm ausgesehen, aber jetzt wird es wohl nicht mehr lange dauern…“ Gabriel hatte recht. Aus dem einstigen sonnigen Wintertag war ein düsterer Abend geworden. Nach und nach legten sich Nebelschwaden nieder und verschlangen die Bäume und Sträucher.

„Ehh, also…“, da zuckte Gilbert plötzlich zusammen und er fuhr hektisch herum. Oje, oje, oje! Warte mal, wo waren sie überhaupt? Sie hatten sich doch nicht im Ernst schon verlaufen? Und das nur, weil sich Gilbert einmal mehr in seinen eigenen Monolog hineingeredet hatte und den Fokus verlor!

Sich auf die Lippe beißend blickte er entschuldigend zu Gabriel, der natürlich sofort verstand, was in seinem kleinen Gehirn vorging.

„Gilbert, soll das heißen, dass wir uns verlaufen haben?!“ – „Naja…also-also das hast jetzt du gesagt…Ich würde eher…“, stotterte er herum und spielte mit seinen kalten Fingerlein, „Ich würd eher sagen, dass wir einen Umweg genommen haben! Aber verlaufen? Pah! Ich verlaufe mich nie! Ich weiß nämlich genau, wo wir sind! Und wir sind in Nullkommanichts hier raus, das versprech‘ ich dir! Wart’s nur ab!“

Aus der kleinen Notlüge heraus ballte er seine Hände zu Fäusten und stapfte mutig und selbstbewusst durch den immer dichter werdenden Nebel. „Ich verlaufe mich nicht! Mein Name ist doch nicht Roderich!“

„Gilbert.“ Gabriel hob skeptisch die Augenbraue, wohl wissend, dass ihm sein übermütiger Freund wieder etwas vormachte.

Oh, und wie er sich verlaufen hatte! Das war doch offensichtlich!

Aber Gilbert hörte nicht auf Gabriels Worte und wanderte weiterhin blind durch den Schnee. „Hab Vertrauen in mich, Gabriel! Ich führe uns aus diesem verwunschenen Zauberwald hinaus, so wahr ich Gilbert Beilschmidt heiße!“

„Gilbert“, versuchte es Gabriel wieder, dieses Mal mit Nachdruck, aber gerade das wollte Gilbert unter keinen Umständen hören. Nein, nein!

„Hah! Siehst du“, prahlte der Albino stolz und hob arrogant den Kopf in die Höhe, „da vorne seh ich schon etwas! Das ist bestimmt das erste Ha-AHHH!“ Plötzlich spürte Gilbert einen Ruck. Sein linker Fuß blieb am Boden hängen und er stolperte mit Wucht bäuchlings nach vorne in den weißen Pulverschnee, der sich nun wie eine mächtige Staubwolke für einen Augenblick lang aufbäumte. Er hatte sich unter einer Baumwurzel verheddert.

„Gilbert!“ Gabriel eilte zu seinem Freund und kniete sich zu ihm in den Schnee, „Hast du dir weh getan?“ Mit sorgenvollem Klang in seiner Stimme und einem erschrockenen Funkeln in den, ach, so himmelsblauen Augen beäugte der knapp Ältere seinen impulsiven Freund; strich ihm sanft mit den Händen über den oberen Rücken.

Eine Gänsehaut breitete sich über Gilberts Körper aus und er zuckte direkt nach oben, zog sein hochrotes Gesicht aus dem Schnee heraus und wischte sich die eisigen Flocken aus dem Gesicht. Mann, war das peinlich! Nun dachte Gabriel, wer weiß was, von ihm! Dabei wollte er ihm doch beweisen wie cool er war und wie er alles unter Kontrolle hatte! Da vorne war bestimmt schon der Anfang des Dorfes! Er hatte immerhin eine Wand gesehen! „Dieser beschissene Baum! Muss der da mitten im Weg seine Wurzeln ausschlagen?“, fluchte Gilbert und versuchte sein Gesicht mit seinen leider ebenso kalten Fingern zu wärmen.

Gabriel seufzte. Wenn er fluchen konnte, konnte er sich zumindest nicht ernsthaft verletzt haben. Zumindest war das ein Trost. Dennoch konnte Gabriel es nicht lassen, seinen lieben Freund eines Besseren zu belehren. „Gilbert, wir sind in einem Wald. Das ist eine Fichte. Das ist ein Flachwurzler.“ – „Ja, mir doch egal! Das ist ein Baum. Seine Wurzeln haben unter der Erde zu sein und nicht dort, wo ich laufe!“ Grimmig stand er vom Boden auf und klopfte sich den überschüssigen Schnee vom Körper.

„Egal, aber dort hinten ist tatsächlich was! Sieht nach einer Hauswand aus. Gehen wir dort hin, bevor wir beide noch zu Eisleichen werden“, meinte Gilbert nun etwas ruhiger und griff sachte nach Gabriels Hand. Im Gegensatz zu seiner war diese wenigstens warm. „Pass du aber wenigstens auf, dass du nicht stolperst…Nicht so wie ich“, gab Gilbert dann doch murmelnd zu, ohne dabei Gabriel anzusehen. Dann zog er den knapp größeren Jungen mit sich – voller Vorsicht, wohl bemerkt – und führte ihn sicher den sich abflachenden, verschneiten Hügel hinab.

Und Gabriel spürte auf einmal eine wohlige Wärme in seinem Herzen, gefolgt von einem sachten Kribbeln und einer Hitze, die sich quer über seine Wangen ausbreitete. Woher war plötzlich diese Zuvorkommenheit hergekommen? Er verhielt sich ja wie ein kleiner Kavalier! Wie süß, dachte er sich und er lächelte sanft, bis sie am Fuße des Hügels angekommen waren.

„So, hier sollte wieder alles eben sein…“, nuschelte Gilbert, die Hand Gabriels jedoch nicht loslassend. Der Nebel war dichter geworden und zum herabfallenden Schnee mischten sich nun vereinzelt Hagelkörner hinzu. So ein Mist! Hoffentlich erreichten sie das Gebäude am Ende des Weges schnellstens wie nur möglich. Doch da trafen schon die ersten großen Körner Gabriel auf den Kopf und er zischte vor Schmerzen auf, hielt sich die Arme über den Kopf. „Au! Oh, Mann! Lass uns schneller gehen, Gilbert! Der Sturm wird ja immer schlimmer!“

„Ja! Schnell!“, stimmte Gilbert sogleich zu, zog sich die robuste Kapuze aus Filz über den Kopf und legte den Arm schützend über den Kopf seines Freundes. „Komm, hier kann dir nichts passieren…“ Überrascht und sichtlich gerührt von der Geste und Gilberts Fürsorge, brachte Gabriel im ersten Moment keinen Ton heraus. Doch erneut fühlte sich seine Brust so federleicht und kribbelig an. Was war das nur für ein Gefühl?

Was es auch war…es erfüllte ihn mit einer noch nie gekannten Freude…

Aber auch Gilbert konnte von ähnlichen Gefühlen klagen. So klopfte sein Herz umso doller, je näher er Gabriel war und seine Glieder spannten sich an. Eine Stimme, tief in seinem Inneren, bat ihn, alles richtig zu machen. Jede Bewegung wurde dreimal überdacht, jedes spontan herausgebrachte Wort wurde im Nachhinein fünffach analysiert. Oh, Gilbert wollte Gabriel unbedingt gefallen. Nicht nur war Gabriel von allen Orden so hochgeschätzt und ein Vorbild für so viele seiner Art, er war auch für Gilbert selbst etwas Besonderes. Denn hätte es ihn nicht gegeben, wäre Gilbert vielleicht nicht hier…Gabriel konnte gar nicht ahnen, wie viel Gilbert ihm zu verdanken hatte. Es war Gabriels Sanftmut und großes Herz, das ihn einst über die schweren ersten Runden seines Lebens brachte: Sein Aussehen und seine wilde Art hatten seine Deutschritter abgeschreckt, doch schon zu Beginn seines Lebens, in das er so spontan reingeworfen wurde, war Gabriel zur Stelle gewesen und sah in Gilbert etwas Gutes, das kein anderer jemals gesehen hatte. Nicht einmal Gilbert selbst.

Gabriel war sein Herz. Er war die Liebe selbst, die Gilbert in seinem Leben erst erkennen musste und erst lernen musste, anderen weiterzugeben.

Doch ebenso ahnte Gilbert nicht, wie viel Sympathie Gabriel für ihn aufbrachte. Gabriel konnte es sich selbst nicht so ganz erklären, was ihn so an dem kleineren Rittersjungen faszinierte. So oft er ihn auch für seine Ungestümtheit im Alltag ermahnte, so oft empfand er diese, von Gilbert ausgehende ungestüme Freiheit und Authentizität, auch bewundernswert. Ob er auch eines Tages so frei heraus aus seinem Herzen sprechen konnte? Ob er seine Rolle als der Musterschüler, das Goldkind und das Ideal seiner Ritter eines Tages ablegen konnte? Vielleicht. Zumindest meinte Gabriel einen winzigen Funken dieser persönlichen Freiheit spüren zu können, wenn er mit Gilbert alleine war, fernab seines Ordens…seines Alltags.

Gilbert war sein Licht. Inmitten des grauen, strikten Alltags war er ein Funken für Gabriel, der ihm bewies, dass sein Leben nicht immer gleich sein musste. Er war seine Freiheit.

 

Doch keiner der beiden war so weit, dies schon zu erkennen. Sie standen noch am Anfang einer gemeinsamen Reise, die sie zu besseren Menschen machen würde.
Vielleicht würde Gabriel eines Tages seine Freiheit erlangen, er selbst zu sein und sich so zu geben, wie er war.
Vielleicht würde Gilbert eines Tages die Liebe finden und lernen, dass auch diese eine Kraft innehatte, die Berge versetzte und er könnte lernen, diese Liebe selbst zu teilen.

 

Und dann: endlich. Sie hatten ihren Unterschlupf erreicht, jedoch entpuppte er sich als anders, als sie sich erhofft hatten. Denn je näher sie ihrem Zielort kamen, desto größer und mächtiger erschien das Gebäude. Massive Kalksteinmauern, vom Schnee befleckt, lachten ihnen mitsamt seinen wunderbaren, bunt leuchtenden Spitzbogenfenstern förmlich entgegen. Das Tor war breit und Reliefs zierten die einzelnen Türen; erzählten eine Bildgeschichte. Abgebildet war das Leben einer Heiligen. Gabriel überlegte kurz. Ein Paar Augen und ein Lichterkranz als Attribut…zusammen mit einer weiteren Szene mit Schwert und Palmzweig…Das musste die heilige Lucia sein. Gabriels Mundwinkel zuckten mild nach oben. Hoffentlich würde ihnen die heilige Lucia in dieser immer dunkler werdenden Abendstund‘ etwas aushelfen.

Dann sah der junge Ritter nach oben. Ein eher kurz gehaltener Turm mit klar sichtbarer Glocke und spitzem Dach krönte die schlichte, aber eindeutig gotisch gehaltene Kirche.

„Ist wohl doch noch länger bis zur Siedlung als ich dachte…Die St. Lucia Kapelle ist vom Dorf ausgehend etwas tiefer im Wald versteckt, aber noch länger in dieser Eiseskälte und bei dem Hagel rumzugehen wäre echt beschissen. Lass uns hier drin Schutz suchen, bis sich der Sturm beruhigt hat. Vielleicht hat die Sakristei auch einige Öllampen, die wir ausborgen können, um später nach Hause zu finden“, meinte Gilbert und öffnete mit ganzer Kraft das schwere Tor, „Tschuldige, dass unser Treffen sich so ungünstig entwickelt hat. Das war wirklich nicht so geplant…“ Na toll, jetzt war sein Plan B auch noch ins Wasser gefallen. Da er zuvor schon Panik hatte, Gabriel sein Geschenk an der Lichtung zu überreichen, hatte er vorgehabt, es ihm ansonsten nach dem Spaziergang am Rande der Siedlung zu überreichen, aber auch das ist schiefgelaufen!

Doch Gabriel schüttelte nur den Kopf. Er konnte Gilbert doch nicht wegen so etwas böse sein. Das könnte er nie. „Schon gut, Gilbert, du trägst ja keine Schuld am Wetter. Eher sollte ich dir dafür danken, dass du mich vom Hagel schützen wolltest und mir beim Abstieg geholfen hast…“ Ein schüchternes, aber ehrliches Lächeln malte sich nun auf seine Lippen und traf Gilbert damit nur einmal mehr mitten ins Herz. Nervös kratzte er sich am Hinterkopf und lachte auf. „Ha! Das ist doch selbstverständlich! Das gehört doch alles zur Tugend eines wahren Ritters! Hast du mir damals höchstpersönlich gelehrt! Wie du siehst, ich bin doch nicht ganz so ‚n übler Kerl!“ Die Gunst der Stunde nutzend hielt er seinem Freund nun auch stolz grinsend das Tor auf.

Herzlich kichernd hielt sich Gabriel die Hand vor den Mund. Und Gilberts Augen funkelten hell auf, als er diesem Lachen lauschen konnte.

Irgendwie war er ja schon süß…

Jene Worte teilten wohl beide in Gedanken, ehe Gabriel die Geste annahm und als erstes in die Kirche eintrat.

„Hehe! Na dann, vielen Dank, mein edler Ritter!“, entgegnete er sofort verspielt und schickte Gilbert im Affekt einen flüchtigen Luftkuss zu.

Oh.

Hätte er dies nur nicht getan.

Oh, hätte Gabriel das nur nicht getan, denn nun war es um Gilbert geschehen. Er blieb starr an Ort und Stelle als hätte ihn soeben der Blitz Gottes höchstpersönlich getroffen und sengende Hitze breitete sich in seinem gesamten Körper aus.

Was war nur plötzlich mit ihm passiert? Was war das gerade gewesen?

Seine blasse Haut färbte sich in ein sattes Rot und insbesondere seine Ohren und seine Nase schienen zu glühen.

Oh Gott…

Oh, lieber Gott, hab doch Erbarmen mit dem armen Jungen.

„Gilbert, kommst du?“, riss ihn Gabriel plötzlich aus seiner Starre und Gilbert fuhr verwirrt herum.

„Wie? Was? Achso…“ Erst jetzt realisierte er, dass er wie versteinert bei offener Tür stehen geblieben war. Rasch und peinlich berührt drückte er die massive Holztür zu. Einige Schneeflocken verirrten sich dennoch in den Eingangsbereich der dunklen Kirche. Dann holte er Gabriel in der Mitte des nahezu leerstehenden Kirchenschiffs ein.

Gabriel atmete laut aus. Sein heißer Atem bildete kleine weiße Wölkchen in der kühlen Luft, doch war es schon eine Erleichterung, nicht mehr den eisigen Sturmwind, der ihnen ins Gesicht peitschte, um sich zu haben. Flink rieb sich der Tempelritter die Oberarme, hauchte gegen seine starren, rot leuchtenden Finger und bemühte sich, in der nahezu stockfinsteren Kirche etwas zu erkennen. Gerade noch so erspähte er durch das schwache Abendlicht die Umrisse einiger Holzbänke, Seitenaltäre und Steinsäulen. Der blankpolierte Steinboden reflektierte das Silberlicht und half dem Jungen somit, sich in der Kirche zurechtzufinden.

„Wir sollten den Eingang zur Sakristei suchen…“, murmelte Gabriel, „Hoffentlich hast du recht und wir finden einige Kerzen oder eine Laterne…“

„Ja und hoffentlich liegt auch wo ein Feuerstahl und ein Zunderlappen wo herum. Sonst helfen uns die Kerzen bei bestem Willen auch nichts…“, fügte Gilbert hinzu und tapste mit seinem Freund durch die Finsternis. Gottseidank war die Sakristei nicht schwer versteckt, denn kaum konnten sie den Hauptaltar mit dem Allerheiligsten ausfindig machen, war es ein Leichtes, den gesuchten Raum zu finden.

Dann stieß Gabriel mit dem Vorderfuß gegen eine niedrige Stufe kurz vor dem Hochaltar und er strauchelte für einen Augenblick nach vorn. „Achtung, Stufe!“, warnte er nun seinen Freund, der sich an seinem, im spärlichen Licht blau schimmernden, Mantel orientierte und ihm nachtrottete. „Ah, ja, danke…“, murmelte Gilbert dankbar, denn sonst hätte er hier und jetzt erneut den Boden geküsst.

Und auf einem harten, kalten Steinboden zu landen, stand nicht auf seiner Wunschliste.

Ohne weitere Hindernisse erreichten die beiden Jugendlichen die kleine Sakristei. Der Raum war halbkreisförmig angelegt, schlicht eingerichtet und lediglich ein kleines Buntglasfenster, das den heiligen Georg darstellte, spendete ihnen Licht. Gabriel suchte zunächst nach den Kerzen, während Gilbert nach dem Zündwerkzeug suchte. Nach wenigen Augenblicken fanden sie diese auch. Mit großer Achtsamkeit – Kerzen aus Bienenwachs waren immerhin ein äußerst teures gut – holte Gabriel die Kerzen aus der oberen Etage des Schrankes. Sich auf Zehenspitzen stellend schaffte er dies auch und legte seine Beute sorgfältig auf den danebenstehenden Tisch.

„Das sollte genügen“, murmelte er, doch eine Laterne oder Öllampe konnte er leider nicht auffinden. Verdammt, dachte er, wie sollten sie jetzt nur rechtzeitig zurück zur Siedlung und dann zur Burg kommen? Gabriel hatte zu einer festgelegten Zeit zuhause zu sein. Er konnte doch nicht das Abendbrot, die Messe und die Nachtgebete verpassen! Er hatte seine Pflichten zu erfüllen und wollte gerade zu Weihnachten keinen Ärger bekommen…

Gilbert wusste nichts von Gabriels Sorgen, er freute sich nur, als er endlich zwischen den kleinen Gefäßen voll Weihrauch endlich den gesuchten Feuerstahl und den Zündlappen entdeckte. „Na endlich! Der sollte fürs Erste genügen…“ Da drehte er sich freudig um. „Ich hab alles, Gabriel! Hast du noch ne Laterne wo rumstehen sehen, damit wir später abhauen können?“

Doch Gabriel schüttelte nur trüb den Kopf. „Nein, genau das nicht…Und ohne Laterne bringen uns die Kerzen auch nichts. Der Wind würde ihre Flamme direkt löschen.“

Das Gesicht verziehend, fing Gilbert an zu grübeln. „Hm…Warte mal hier, ich schau draußen nach, ob sich der Sturm vielleicht sogar schon gelegt hat!“ Doch kaum war er voller Tatendrang zum Tor gestürmt, starb in ihm auch das letzte Fünkchen Hoffnung, als er nach draußen sah. Pfeifend zischte ihm der eisige Wind ins Gesicht und um die Ohren; Schneeflocken tanzten wild umher und ein riesiger Berg an Schnee hatte bereits das Kirchentor verschneit, sodass er es kaum noch einen Spalt weiter hätte öffnen können. Es gab keine Chance. Sie waren in dieser Kirche gefangen!

Wie sollte er das jetzt Gabriel beibringen? Oje, oje, oje, dieser Heiligabend ging so dermaßen gewaltig schief schon seit er begonnen hatte.
Gabriel wird so traurig sein…

Gilbert biss sich auf die Unterlippe und schloss das Tor. Mit seinen Fingern umschloss er fest den Türgriff, bis seine Knöchel weiß hervortraten.

Sie mussten hierbleiben…Allein. In der finsteren Kirche. In der Kälte. Ohne Speis, ohne Trank.

Nur sie zwei.

Allein.

„Wir sind hier eingeschneit, nicht wahr?“, fragte Gabriel vorsichtig, einen tristen Ton in seiner Stimme tragend. Gilbert zögerte und gerade, als er sich umdrehen wollte, stahl ihm Gabriel das Wort. „Schon gut, du brauchst nichts sagen, ich hab es selbst gesehen. Wir stecken hier fest…“

„Es tut mir leid, Gabriel.“ Demütig und voll Reue starrte der junge Ritter zu Boden. Tatsächlich war dem ‚allercoolsten und tapfersten Ritter, der je gelebt hatte‘ zu weinen zumute. Sein goldgelockter Freund bemerkte seinen tief vergrabenen Kummer, als er einen Blick in seine glasigen, rubinroten Augen erhaschte, trat einen Schritt näher und sprach mit sanfter Stimme zu ihm.

„Nein, dich betrifft keine Schuld, Gilbert. Was kannst du denn dafür?“ Als Gabriel ihm mit all seiner himmlischen Barmherzigkeit, trotz der nervenaufreibenden Umstände, entgegentrat, obwohl auch er sichtlich frustriert war, gab es Gilbert das Letzte und er presste die Lippen zusammen; hielt die Tränen mit aller Kraft zurück.

Mit bebender Stimme, zischte er, ohne jedoch Gabriel ins Gesicht sehen zu können. „Ja, ich hab uns beide doch auf diesen Spaziergang gezwungen, obwohl wir die Wolken gesehen haben! Hätte ich nur nicht drauf bestanden, wären wir nicht hier!“ Nun war es geschehen, die ersten Tränen rollten seine blassen Wangen herab. Grimmig zog er die Augenbrauen zusammen, sich über sich selbst ärgernd.

„Gilbert…“ Besorgt hob Gabriel die Hand an, doch Gilbert hörte nicht. Er war in seinem Frust gefangen, der mit einer solchen Kraft auf ihn einprasselte, als wäre er auf einem Holzschiff auf hoher See bei starkem Sturm gefangen. Gilbert schluchzte auf und schrie verzweifelt. „Und jetzt verpasst du das Abendessen, die Christmette, die Matutin, alles! Und dann kriegst du wegen mir Anschiss! Und das vielleicht noch an deinem Geburtstag, vorausgesetzt, wir kommen hier bis morgen raus…“

Geburtstag? Gabriel hielt inne, hielt die Luft an. Gilbert wusste von seinem Geburtstag? Nach und nach fügten sich alle Hinweise in ein Gesamtbild ein und Gabriel ahnte allmählich, weswegen Gilbert sich an diesem Tag besonders eigenartig verhielt.

„…Gilbert…“, wisperte Gabriel berührt; die Hand über seiner linken Brust ruhen lassend und er spürte, wie sich eine ihm zuvor unbekannte Herzkammer scheinbar öffnete. Gabriels Herz wurde bleischwer und federleicht zugleich. Es kribbelte fröhlich, während der Schmerz an seinen Herzsträngen zog.

Freud und Leid, sie waren ein unzertrennliches Paar…

Doch Gilbert war vollkommen in seinem Kummer gefangen, nahm Gabriels Reaktion nicht wahr und schlug frustriert gegen die kalte, steinerne Kirchenwand. „Ich hab alles kaputt gemacht! Schon wieder und das nur, weil ich nicht die Eier dazu hatte, dir….ach, Scheiß drauf!“, würgte er seinen Satz ab und erfüllte somit Gabriels Herz mit Mitleid.

Es tat ihm so unsagbar leid, falls seine Traurigkeit und sein Stress der Grund waren, der Gilbert derartig fertig machte. Er sollte es sich nicht so zu Herzen nehmen…

„Ich…Aber, Gilbert, jetzt hör doch zu…“, Gabriel fasste ihn sanft an den Schultern, strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über seine Arme und umschloss schließlich seine kühlen Hände – wärmte sie mit den seinen, „Du konntest dennoch nicht wissen, dass der Sturm so stark wird, dass er die Tür verschneit…Du konntest nicht wissen, dass wir uns versehentlich verlaufen.“ Lieb lächelnd schaute Gabriel in Gilberts tränenüberströmtes Gesicht. Nach und nach schienen die Tränen vergossen zu sein und Gilberts wehleidendes Herz wurde ruhiger, als er Gabriels Liebe bewusst wahrnahm.

Gabriel sprach weiter sanft auf ihn ein. Seine blauen Augen funkelten und mit dem Daumen strich er liebevoll über seine aufgekratzten Hände.

„Und wärst du nicht gewesen, hätten wir auch nicht diese Kirche als Unterschlupf gefunden. Du hast sie gefunden. Und sie ist unsere Zuflucht. Du hast mir geholfen, als der Hagel auf uns einschlug…du hast getan, was du konntest. Es tut mir leid, falls du wegen mir und meinem Stress dachtest, du trägst die Schuld. Ich nehme dir nichts übel. Wirklich nicht. Ich bin eher dankbar, dass du trotz der beschwerlichen Situation dein Bestes versucht hast. Ich meine, immerhin sind wir hier. Hier drin sind wir sicher. Wir erfrieren nicht. Du hattest die Idee, Kerzen zu suchen und wir haben sie gefunden. Du hast den Feuerstahl gefunden. Wir werden diese Nacht überleben. Und das dank dir, Gilbert.“

Überrascht und geradezu überwältigt von Gabriels Lob sah Gilbert seinen knapp älteren Freund ungläubig an, während sein Herz in ungeahnten Höhen schlug. Dann, um keine weitere Sekunde zu vergeuden, umarmte er Gabriel so fest er nur konnte. Wie sollte er denn sonst seine Dankbarkeit zeigen? Gabriel war so lieb zu ihm…

Und Gabriel spürte, wie ihn eine Welle des Glücks mitriss. Denn auch sein Herz pochte umso heftiger in seiner Brust und er umarmte Gilbert ebenso fest zurück. Eine wohlige Wärme umgarnte die beiden jungen Ritter – eine Wärme, die sie beide allerdings nicht benennen konnten. Denn so, wie sie nun beieinander standen - Arm in Arm, Brust an Brust, Herz an Herz – fühlten sie sich auf wundersame Weise komplettiert. Ganz so, als würden ihre Seelen unter Gottes Gnade zu einer einzigen werden.

Nach einigen hinausgezögerten Sekunden löste Gilbert jedoch die Umarmung. Nun wirkte er bereits viel ruhiger und ausgeglichener, was Gabriel erfreute. Sich verlegen räuspernd schaute er zur Seite. „Wir sollten uns dennoch überlegen, wie wir auf uns aufmerksam machen. Falls der Sturm bis morgen früh vorbei ist, müssen wir uns Hilfe organisieren, die uns freischaufelt. Aber wie…“

Gabriel grübelte. Sein Blick schwankte zwischen den Buntfenstern, den Strebepfeilern und schließlich hinauf zur Empore.

Sie sollten auf sich aufmerksam machen…Sie waren nahe der Siedlung, aber noch zu sehr im Wald versteckt, sodass ein visuelles Zeichen ungünstig war…Das bedeutete, ihnen blieb vielleicht noch…

Ein kleines abgerundetes Tor an der linken Wandseite fiel ihm ins Auge. Es war mit einem schwarzen Gittertor versperrt, aber dahinter befand sich eine schmale Wendeltreppe, die nach oben führte.

„Der Kirchturm!“, platzte es Gabriel augenblicklich heraus, „Die Glocke!“ Und seine Augen strahlten auf wie ein Sternenhimmel. „Gilbert, lass uns auf den Glockenturm steigen und die Glocke läuten! Dann wird uns jemand erhören und uns so bald wie möglich befreien!“

Auch Gilberts Gesicht leuchtete voller Hoffnung auf. „Das ist eine tolle Idee! Die könnte ja glatt von mir stammen! Los! Auf was warten wir dann noch!“ Und schon stürmte der kleine Ritter zum Gittertor und rüttelte so lange daran, bis er es endlich öffnen konnte. Der uneben verarbeitete Stein blockierte nämlich die eiserne Tür. Dicke schwarze Streifen hatten sich nun auf den Steinbogen gemalt. „Wer zuerst oben ist, darf die Glocke läuten! Drei, zwei, eins, los!“, rief er Gabriel von Weitem zu und flitzte nahezu fliegend die Wendeltreppe hinauf. „Hey, das ist nicht fair! Du hattest einen Vorsprung!“, maulte Gabriel nun, aber legte einen Zahn zu, um Gilbert einzuholen und lachte frech auf. „Na warte, ich hol dich ein!“

„Niemals! Dafür bist du eh zu langsam!“, rief der Albino höhnisch zurück, „Ätsch!“ Und mit einem großen Sprung, der zwei Stufen auf einmal nahm, schaffte es Gilbert nun tatsächlich als erstes hinauf in den Glockenturm. Doch Gabriel war ihm dicht auf den Fersen gewesen und hätte ihn tatsächlich fast eingeholt. „Hah…“, keuchte Gabriel und stemmte die Hände in die Knie, „fast hätt ich dich geschnappt.“

„Ja, aber nur fast! Ha ha!“ Gilbert grinste frech und voller Stolz, doch auch er war völlig aus der Puste. Der Holzboden unter ihnen knarzte bei jedem Schritt und dicke Holzbalken stützten den Turm sowie die mächtige Bronzeglocke. Bei ihrem Anblick hielt Gabriel andächtig inne. Die feinen, wunderschönen Gravierungen im Metall zeigten einmal mehr eine Geschichte auf. Diesmal jene des heiligen Nikolaus. Sie zeigten die Legende der Mitgiftspende, des Kornwunders sowie die Stillung eines Seesturmes.

„So und jetzt bin ich dran!“, Gilbert rieb sich seine Hände aneinander und umgriff das dicke Seil, um die Glocke durch die dazugehörige Vorrichtung betätigen zu können. „Schau mir gut zu, Gabriel, wie ich das ganz alleine schaffe! Du wirst Augen machen, wie stark ich eigentlich bin!“, prahlte der Junge grinsend und zog direkt mit aller Lässigkeit der Welt an dem Seil.

Doch leider konnte er die schwere Glocke so nicht zum Läuten bringen. Blöd guckte er auf die Glocke, die sich keinen Zentimeter bewegte. Tja, dachte sich Gilbert nun, dann musste er es eben mit aller Kraft versuchen! Und so probierte er es erneut: diesmal mit all seiner Kraft. Doch mehr als eine kleine Schwingung brachte er auch so nicht hervor.

„Was ist das für ein Scheiß? Warum geht das nicht? Bestimmt klemmt da irgendwas, so wie die blöde Tür vorhin…“, fluchte er und wollte offensichtlich nicht zugeben, dass es doch schwerer war, die Glocke zu läuten als zuvor gedacht.

„Soll ich dir helfen, Gilbert?“, Gabriel kam ihm näher, doch Gilbert wies ihn gekonnt ab.

„Nein, ich kann das alleine! Die ist bestimmt nur etwas verrostet, hehe…“ Nervös kichernd verstärkte er seinen Griff um das Seil, schloss die Augen und atmete aus. Und…jetzt!

Mit aller Kraft und seinem gesamten Körpergewicht klammerte er sich nun an das Seil und brachte die Glocke…leider nur minimal zum Läuten.

Genervt raunte und jammerte er auf und strich sich die weißen Strähnen aus dem Gesicht. „Ach komm schon!“ Er wollte doch gerade eben vor Gabriel angeben und einmal mehr hatte er haushoch versagt. Wie peinlich war das denn bitte?!

Doch auf Gilberts Reaktion hin konnte Gabriel nicht anders als herzlich auflachen. Amüsiert grinsend ging er auf seinen Freund zu und schnappte sich ebenfalls das Seil. „Zu zweit geht es einfacher, Gilbert. Bitte lass mich helfen, okay? Dann klappt es bestimmt!“ Gilbert wollte schon protestieren, aber als er das süße Lächeln auf Gabriels Lippen entdeckte, wurde er schlagartig schwach. Wie könnte er da Nein sagen?

„Wenn du meinst, dass es dann wirklich funktioniert: bitte, dann probieren wir es…“, nuschelte Gilbert ganz locker, als ob in ihm nicht gerade das Chaos ausbrach.

„Gut“, Gabriel lächelte und machte sich bereit, „Ich zähle bis drei! Eins, zwei…drei!“

Und hopp! Schon zogen beide Kinder an dem Glockenseil und endlich…Endlich bekam das mächtige Bronzeobjekt ihren nötigen Schwung, sodass das Pendel mit lautem Klang gegen das Metall preschte.

Dong. Dong. Dong.

In der Sprache der Glocken schallte es von fern und nah: Bitte helfet uns armen Seelen! Bitte sagt, ein Retter ist da.

Dong Ding Dong.

Und das Läuten wurde leiser…langsamer, aber es klang noch nach.

Hoffentlich…Oh hoffentlich hatte jemand ihren Hilferuf gehört.

Schnaufend ließ Gilbert das Seil los und schaute aus dem Fenster des Glockenturmes. Von weitem erkannte man die Spitzen der Dächer der Siedlungshäuser, die ansonsten in einem Meer voll Nebel versanken. „Ich hoffe das genügt fürs Erste, ansonsten müssen wir es morgen früh noch einmal versuchen…“

„Ich hoffe es auch…Gabriel stützte sich mit den Armen auf den Fensterrahmen und blickte ebenfalls in die Ferne. „Es hat aufgehört zu stürmen, aber der Schnee will scheinbar dennoch nicht aufhören…Sieh doch…die Sträucher sind auch alle unter einer dicken Schneedecke verschwunden.“

Gilbert nickte und verzog das Gesicht. „Vielleicht war es doch gut, dass wir hier drin Unterschlupf gefunden haben…Komm, lass uns wieder runtergehen. Hier oben werden wir von der kalten Luft ansonsten nur noch krank.“

Gesagt getan: Gilbert und Gabriel gingen die Wendeltreppe wieder nach unten ins finstere Kirchenschiff. Mittlerweile war es notwendig, sich dauerhaft mit einer Kerze auszurüsten, weswegen Gilbert und Gabriel ihre Kerzen mit Feuer erleuchteten. Goldener Schein umgab die Kinder und von weitem wirkten sie selbst wie wandelnde Sterne.

Gabriel hielt eine Hand vor die Flamme, um sie vor dem Erlöschen zu bewahren. Die davon ausgehende Hitze wärmte seine Hände und in seinem Herzen wurde es wohlig warm. Gilbert schlenderte neben ihm, imitierte seinen Freund und schielte hin und wieder zu ihm rüber.

Gilbert erkannte ein liebliches Funkeln in Gabriels Augen, als dieser die Schönheit des Kerzenlichts betrachtete. Ihm machte das Licht wohl eine Freude…Oh, wie Gilbert ihm gern eine Freude machen würde…

Doch da begann sein Magen plötzlich lautstark zu knurren und er legte peinlich berührt die Hand über seinen Bauch. Jedoch hatte Gabriel sein Magenknurren bereits gehört und lachte leise auf. „Ich glaub, da hat jemand Hunger!“ – „Was du nicht sagst…“, grummelte Gilbert und rümpfte die Nase. Dann spürte er, wie jemand seine Hand umschloss. „Komm, setzen wir uns in der Vierung hin und machen eine Esspause.“ Wieder lächelte ihm Gabriel wie ein Engel entgegen.

„Hast du denn etwas mitgenommen?“, fragte er hungrig und voller Erleichterung, etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Nickend holte Gabriel seinen Beutel hervor. „Es ist zwar nicht viel, aber ich teile es gerne mit dir…“

Gerührt bedankte sich Gilbert und huschte mit Gabriel Hand in Hand zur Vierung, um sich nahe der Chorfläche an eine Säule lehnen zu können. Hinter jener Säule stand ein kleiner Seitenaltar auf einer Erhöhung im nördlichen Querhaus. Nachdem Gilbert seinen Mantel am Boden ausgebreitet hatte, um nicht mit Gabriel am kalten Boden sitzen zu müssen und nachdem sie beide ihre Kerzen vor sich abgestellt hatten, öffnete Gabriel schon seinen Jutebeutel. Darin befanden sich neben einem nahezu vollen Trinkgefäß einige frische rote Äpfel, die er wohl aus dem Erdkeller der Burg mitgenommen hatte, ein Säckchen getrocknetes Obst, Nüsse und ein kleiner Laib Brot.

„Sagtest du nicht, du hättest nicht viel?“, Gilbert hob skeptisch die Augenbraue und Gabriel kratzte sich nervös am Hinterkopf. Seine Wangen färbten sich dabei leicht rot. „A-Ach, da hab ich mich wohl verschätzt! Auf jeden Fall – greif ruhig zu!“ Doch da stoppte sich Gabriel selbst. „Oh, wir haben vergessen zu beten!“

Gilbert verdrehte die Augen. Er hatte aber jetzt Hunger. Der Herrgott wird’s ihm schon verzeihen. Mit hungrigem Magen lässt sich immerhin nicht so gut beten. Aber wenn es Gabriel glücklich machte…

So kniete er sich so wie Gabriel hin, verschränkte die Finger ineinander und schloss die Augen, während Gabriel für sie beide das Gebet sprach.

„Vater unser, der du bist im Himmel. Bitte sei unser Gast und segne diese Gaben, die du uns bescheret hast. Wir danken dir für all das Gute, das wir haben. Amen“, sprach Gabriel voller Andacht und Gilbert murmelte es ihm nach. Erst sein verspätetes ‚Amen‘ war tatsächlich hörbar und dann war es gottseidank so weit. Gabriel griff nach dem Laib Brot und teilte es in zwei, gab Gilbert das größere Stück davon ab. „Ich hoffe, dass es genügt. Ansonsten kannst du noch gerne ein paar Äpfel nehmen, wie es dir beliebt. Ich komme mit weniger aus.“

„Danke.“ Leicht lächelnd nahm Gilbert das Stück Brot an. „Das ist sehr lieb…“ Und dies meinte er ernst. Es war wirklich sehr lieb von Gabriel, mit ihm zu teilen. Zudem war das Brot noch frisch. Es musste wohl erst an diesem Morgen gebacken worden sein. Genüsslich knabberte er daran und schnappte sich hier und da einige getrocknete Früchte, während das Feuer der beiden Kerzen flackerte. Nach und nach rann das Wachs an ihren Seiten herab und erstarrte kurz darauf. Gilbert dachte nach…und nahm einen weiteren Bissen vom Brot.

Gabriel hatte vorhin so selig…so glücklich ausgesehen, als sie zu zweit mit den Kerzen in der Hand die Kirche durchschritten hatten. Seine Augen hatten wie die Sterne am Himmelszelt gefunkelt…

Dann nahm Gilbert sich einen der süßen Äpfel und biss hinein. Heimlich beobachtete er Gabriel im sanften Kerzenschein.

Gabriel hatte morgen Geburtstag. Sie sahen sich an seinem Geburtstag kaum, da er auf Weihnachten fiel…Deswegen wollte Gilbert ihn schon heute treffen und nun waren sie in dieser Kirche eingeschneit. In seinem Beutel ruhte noch das Geburtstagsgeschenk, das er ihm überreichen wollte.

Und als Gilbert einige der Nüsse aufknackte und von ihnen naschte, kam ihm die Idee, wie er den Abend noch retten könnte!

Wenn die Kirche voll Licht erstrahlte, würde es Gabriel ein Lächeln ins Gesicht zaubern…Und wenn er davon für einen Augenblick abgelenkt wäre, könnte Gilbert sich in aller Ruhe die richtigen Worte überlegen und Gabriel das Geschenk überreichen.

Genau! Das war es! Halleluja, die Erleuchtung!

Blitzschnell nahm Gilbert noch einen großen Schluck Wasser und wischte sich über den Mund, dann sprang er auch schon auf und wischte sich die Brotkrümel von seinem Kittel.

Gabriel bemerkte natürlich diese hektische, energiegeladene Reaktion seines Freundes und blinzelte ihn mit großen Augen verwirrt an. „Gilbert?“

Warum war er denn so rasch aufgesprungen? Gabriel konnte es nicht verstehen und aß das letzte Stück seines Apfels, ehe auch er versuchte aufzustehen, doch Gilbert legte seine Hände auf seine Schultern und drückte ihn sanft zurück auf seinen Platz.

„Bleib sitzen!“, bat Gilbert und schnappte sich eine der beiden Kerzen, die ihnen Licht spendeten. Doch Gabriel verstand noch immer nicht.

„Was hast du vor?“, fragte er verwundert. Hatte er etwas gehört?

„Das wirst du schon sehen!“, versicherte Gilbert mit einem frechen Grinser im Gesicht, das Gabriel leicht verlegen stimmte. Wenn Gilbert so grinste, konnte das nur eine hirnrissige Idee bedeuten, die ihn entweder positiv überraschte oder in einem Chaos endete.

„Ich hoffe nur, du machst keinen Unsinn!“, ermahnte Gabriel ihn dennoch aus Liebe. „Ich doch nicht! Wann hab ich denn jemals Unsinn gemacht?“, kicherte der Albino und kletterte die Stufen zum Seitenaltar hoch und entzündete die dünnen, langen Kerzen.

Gabriel hob nur skeptisch die Augenbrauen und schmunzelte. „Soll ich dir eine Aufzählung geben?“, antwortete er frech und beobachtete Gilbert interessiert, wie er durch die Kirche huschte. „Nicht nötig!“, lachte er, „Aber ehrlich, Gabriel, das hier ist kein Unsinn…Du wirst schon sehen, was ich vor habe…“

„Na dann bin ich aber gespannt!“ Gabriel sah wie sehr Gilbert voller Tatendrang strahlte, nahezu Funken sprühte. Diese Begeisterung, die er an den Tag legte, schätzte er immer wieder aufs Neue. Es war bewundernswert und gewissermaßen niedlich…

Also wartete Gabriel ab und beäugte geduldig, wie Gilbert flink und doch andächtig immer mehr Kerzen entzündete. Der Seitenaltar erleuchtete im goldroten Kerzenschein und offenbarte durch das Licht die Schönheit der Gemälde, die er in seinen goldenen, geschwungenen Rahmen inne trug. Gabriels Mundwinkel zuckten nach oben. Dieser Altar beherbergte die Bibelgeschichte des Jonathan und des Davids. Diese Geschichte mochte er sehr. Diese tiefe, innigste Freundschaft, die jene beiden Männer teilten, war etwas, das auch Gabriel sich wünschte. Auch er hätte gern jemanden an seiner Seite. Einen Freund, den er wie sein eigenes Leben liebte. Einen Freund, dessen Seele sich mit der seinen zu einer knüpft. Einen Freund…

Dann wandte sich sein Blick wieder zu Gilbert.

Er stellte sich auf Zehenspitzen, die Zunge vor höchster Konzentration leicht aus dem Mundwinkel gestreckt, und entzündete die Kerzen des gegenüberliegenden Seitenaltares. In der Finsternis hatte sich ein Gemälde der Ruth und Naomi versteckt. Dann ging Gilbert im Laufschritt in Richtung des Hauptaltares, der sich in der größten Apsis verbarg. Schon als Gilbert mit dem Licht in der Hand in dessen Nähe kam, spiegelte sich die Flamme im vergoldeten Kreuz, das mittig auf dem Altar stand. Auch hier ließ Gilbert die Kerzen hell erleuchten. Von den kleinen dicken auf dem Altar bis hin zu den langen schmalen neben dem Allerheiligsten, das tief im goldenen, reich verzierten Tabernakel schlummerte. Das Licht offenbarte immer mehr von der ehemals finsteren Kirche und tauchte sie in eine wohlig warme Atmosphäre, während draußen noch der Schnee vom Himmel fiel. Die Apsiskalotte über dem simplen Altar war das Schmuckstück jenes Gotteshauses: eine himmlische Szene, in weißen und pastellfarbenen Wolken thronte die Jungfrau Maria mit dem Jesuskindlein auf ihrem Schoß, umringt von abertausenden von rosa Rosen und Engeln. Über ihnen wachte der Heilige Geist als Taube, der geradewegs aus einem goldenen Dreieck – der Dreifaltigkeit Gottes – entsprang. Links und rechts knieten Heilige vor dem Jesuskind. Allesamt Figuren des Alten Testaments, die die Ankunft des Messias vorausgesagt hatten: Jesaia, Micha, Maleachi, Mose, Sacharja und Haggai. Auch Johannes der Täufer war abgebildet. Gabriel bewunderte staunend das künstlerische Meisterwerk, verlor sich gar in den Details.

In seinen Augen funkelte es und er konnte sich von der Schönheit, die ihn umgab nicht sattsehen. Denn je mehr Kerzen Gilbert entzündete und nun sogar auf dem Boden verteilte, je heller und bunter erschien das einst so grau und kalt wirkende Haus Gottes. Farbe erhellte jeden noch so kargen Stein, hauchte ihm Leben ein: rot, blau, gold, grün, ein Hauch violett…

Zusammen mit der warmen Farbe des Kerzenscheins verschmolzen alle Wandbilder, Fresken, Wandteppiche und Statuen in ein einziges, alles umgebendes Kunstwerk. Und Gabriel saß mittendrin. Umringt von Wärme. Umringt vom Licht. Spürend, wie sein Herz sich öffnete und weicher wurde, als der Puderschnee, der draußen auf sie wartete, funkelten seine Augen heller vor Freude, als alles Gold der Kirche. Ein erfülltes, gerührtes Lächeln hatte sich auf seine Lippen gemalt. Gabriel war sprachlos.

Und Gilbert? Gilbert kam scheu lächelnd zu ihm zurück, die dicke Kerze in der Hand haltend, deren Flamme sich bereits tief in das Wachs gebrannt hatte. Er hatte sein Bestes gegeben; Herz und Seele in diese Geste gesteckt und hoffte nun aus vollstem Herzen, Gabriel glücklich gemacht zu haben.

Und oh!
Wie er das getan hatte. Gilbert sah es an dem Strahlen, das von Gabriel ausging. Er hatte es geschafft…

„Gilbert…“, brachte Gabriel staunend über die Lippen. Schon wollte Gabriel seinen Freund zutiefst loben und ihm danken, doch da kniete er sich schon rasch zu Boden, stellte die Kerze zwischen sie beide ab und kramte in seinem Beutel herum. „Warte, eines noch…“

Jetzt oder nie…

Er packte das weiche Etwas und zog es heraus, versteckte es hinter seinem Rücken und rutschte etwas näher zu Gabriel, der ihn geradezu…verliebt ansah?

Doch Gilbert hatte diesen Blick noch nicht verstanden, auch wenn auch er im selben Moment von Gefühlen heimgesucht wurde, die er nicht beschreiben hätte können. Er atmete tief ein und aus. Aber sein Herz wollte nicht aufhören zu rasen. Nervös umklammerte er das Geschenk hinter seinem Rücken. Erst dann räusperte er sich und traute sich, in Gabriels verwundertes, aber so zutiefst gerührtes Gesicht zu blicken.

„Gabriel…“, fing der junge Albino an, „Also…also einerseits noch einmal Entschuldigung für die Umstände hier…“

„Umstände?“, unterbrach ihn Gabriel strahlend, „Gilbert, das hier ist atemberaubend schön…Ich kann es nicht beschreiben…In meinem ganzen Leben habe ich noch nie etwas so Schönes gesehen…“ Gabriel lächelte von einem Ohr bis zum nächsten. Oh, wären sie nicht in diesen Schneesturm geraten, hätte er das hier nie gesehen…

„Hehe“, kicherte er nervös und spürte, wie seine Wangen erröteten, „danke sehr…Dennoch tut es mir leid, denn ich weiß, dass du ungern deine Pflichten im Orden vernachlässigst…“

„War es so auffällig?“, fragte Gabriel nun unsicher und sein Lächeln schwand ein wenig. Gilbert realisierte plötzlich, dass er versehentlich das Thema ins Negative gewechselt hatte und druckselte nun wirr und panisch herum. Er wollte doch Gabriel lachen sehen! Oh, jetzt hat er schon wieder was Falsches gesagt!

„Also- also ja schon, das…das fällt schon auf…“, stotterte er und wurde immer röter vor Scham, „Ich meine, aber nicht, weil man es dir so stark ansieht, sondern…also…ich beobachte dich, nein, ich meine, ich kenne dich gut genug, um…eh…um es dir anzusehen. Ich hab deine früheren Nervenzusammenbrüche oft genug gesehen…“

Na toll, Gilbert. Das hast du ja wieder fein hinbekommen. Oh Gott, er war ja so dermaßen peinlich! Er und seine große Klappe!

„Hey, hey…“, eine Hand legte sich auf seine Schulter, „Schon okay…ich denke, ich weiß, was du zu sagen versuchst. Alles gut…“ Verständnisvoll lächelte Gabriel Gilbert an und Ruhe kehrte in Gilberts Seele ein. Wie machte Gabriel das nur immer?

„Danke…“, entgegnete Gilbert ehrlich und schenkte ihm ein mildes Lächeln zurück. „Aber ich habe trotzdem noch etwas für dich…Eine kleine Überraschung als krönenden Abschluss.“

Lächelnd rutschte Gabriel näher; Gilbert konnte seine Körperwärme allmählich um sich spüren. „Und was wäre das?“, fragte er mit ruhiger Stimme.

Nun war es soweit. Gilbert hielt die Luft an.

„Naja…du hast morgen Geburtstag, also…“, murmelte er und holte langsam sein Geschenk hinter seinem Rücken hervor, „hab‘ ich die letzten Nächte damit verbracht dir das hier zu Nähen…“

Und als Gabriel das Geschenk im Kerzenschein erblickte, leuchteten seine Augen vor Staunen auf. In seinen Händen hielt Gilbert eine Stoffpuppe, die einem Bärchen ähnelte. Der Stoff war aus simpler Jute, ein Auge war aus einer schwarzen Tonperle gefertigt und das andere mit der Hand selbst hineingestickt. Um seinen Hals trug der Bär eine selbst geknüpfte Gebetskette – ein Paternoster. Sprachlos beäugte Gabriel den kleinen Stoffbären und nahm ihn vorsichtig aus Gilberts Händen. Die Jute fühlte sich zwar rau an, aber der Geruch erinnerte ihn an simple Kindertage. Gefüllt war der Bär mit Stoffresten und sauberer Schafwolle.

„An manchen Stellen sind die Stiche leider etwas hässlich geworden“, fügte Gilbert leise hinzu. „Ich hoffe es gefällt dir trotz der Makel. Alles Gute zum Geburtstag…Und fröhliche Weihnachten, Gabriel“, nuschelte Gilbert nun nervös und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Selig lächelte Gabriel auf den Bären herab. Gilbert hatte sich tatsächlich so viel Mühe für ihn gegeben? Gabriel dachte schon, sein Herz würde aus seiner Brust purzeln, so gerührt war er von der lieben Geste seines Freundes. So drehte er sich zu ihm, mit glasigen Augen und den Freudentränen nahe, dann fiel er ihm auch schon um den Hals und umarmte ihn fest und innigst.

„Merci beaucoup…“, wisperte er in sein Ohr und Gilbert streichelte seinen Rücken, als er die plötzliche Umarmung mit Herzklopfen erwiderte. „Danke…“, wiederholte er nun in Deutsch, wohl wissend, dass es Gilbert wohl umso stärker im Herzen treffen würde, wenn er in seiner Sprache antwortete. Aber Gabriel wollte sichergehen, dass Gilbert seine Dankbarkeit in jeder Faser seines Körpers spüren konnte. Denn kein Wort und kein Lied der Welt hätte soeben beschreiben können, was in Gabriels Seele geschah…was er im Moment fühlte.

Aber Gilbert schien es zu ahnen. Gabriels Nähe und wie er sich ihm zeigte, bewies es ihm.

Er hatte gewusst, dass es Gabriel trotz seines Rufes als das Goldkind, der Musterschüler, der vermeintlich perfekteste Jungritter an Vielem mangelte. Es lag nicht am Geld, Gabriels Orden besaß viel, aber von wahrer Liebe und Zuneigung, die seine menschliche Seite seiner Existenz dringend benötigte, konnte nicht die Rede sein. Sie behandelten ihn zwar besser als es Gilberts Orden tat, aber dennoch belasteten sie ihn mit Verantwortungen, die ein Kind seines Alters nicht tragen sollte. Gabriel war nahe, seelisch auszubrennen. Der Stress ruinierte ihn langsam von innen wie eine Flamme, die sich durch das Wachs fraß, bis nichts mehr von der Kerze übrigblieb. Gabriel war nicht frei. Er durfte ebenso wenig Kind sein, wie es Gilbert sein durfte, deswegen war es Gilbert umso wichtiger, Gabriel Geschenke zu machen, die ihm von seinem Orden unterschlagen worden waren.

Gabriels Griff verfestigte sich und vereinzelt rollten Tränen seine Wangen herab.

Wahrlich, allein die Geste Gilberts bedeutete ihm so unsagbar viel.

Doch irgendwann musste sich auch ihre warme, wohlige Umarmung auflösen.

So trennten sie sich und Gabriel wischte sich leicht lachend die Tränen weg. „Je suis désolée…Ich wollte nicht weinen. Wie peinlich…“ Ein kleines Kichern entfloh ihm.

Und dann begannen Glocken zu läuten. Weit entfernt…doch sie hallten schwach bis in ihre verschneite, von Kerzen erleuchtete Kirche. Im Dorf hatte die Weihnachtsmette begonnen. Gabriel und Gilbert hielten die Luft an. „Mitternacht…“, wisperten sie im Chor, sahen sich daraufhin verwundert an und kicherten.

„Fröhliche Weihnachten, Gilbert…“, brachte Gabriel nun mit einem sanften Lachen heraus und Gilbert grinste ihn mit roten Wangen glücklich an, „Und dir nun offiziell: Alles Gute zum Geburtstag, Gabriel…Auf ein weiteres erfolgreiches Jahr für den zweitbesten Ordensritter, den es gibt!“ Er streckte die Hand stolz heraus und schüttelte ihm lachend die Hand, Gabriel stimmte mit ein, konnte aber nicht anders und musste keck antworten. „Zweitbester?“

„Ja, denn der Beste bin immer noch ich!“, prahlte Gilbert stolz, schloss die Augen und grinste, während er Gabriel versuchte zu imponieren. Jedoch fiel Gabriel nicht darauf rein und hob nur skeptisch (aber schmunzelnd) die Augenbrauen. „Tja, Einbildung ist auch eine Bildung.“

„Uh-huh!“, nickte Gilbert stolz, riss aber kurz darauf die Augen auf „Warte, was? Hey!“

Unschuldig grinste Gabriel wie ein Engelchen an. „Ist was?“, fragte er provozierend und beobachtete amüsiert, wie Gilbert sich verspielt empörte.

„Ts! Keine zwei Minuten im neuen Lebensjahr und schon wirst du mir frech! Nächstes Jahr überlege ich mir das mit dem Geschenk lieber nochmal.“ Gespielt beleidigt verschränkte er die Arme vor der Brust und drehte sich von Gabriel weg.

Doch gerade, als er sich ohnehin wieder umdrehen wollte, lehnte sich Gabriel zu ihm vor und schenkte ihm einen klitzekleinen Dankeskuss auf die Wange, der Gilbert augenblicklich verstummen ließ. Seine Augen weiteten sich und er hielt sich augenblicklich voller Überraschung und Schock die Wange.

Was…?

Erneut lächelte Gabriel ihn an. Dann stand er langsam vom Boden auf und hielt ihm die Hand entgegen. Das sanfte Kerzenlicht erleuchtete ihn im Rücken und ließ ihn strahlen wie einen Weihnachtsengel. Seine goldenen Locken schienen selbst zu Licht zu werden und Gilbert hielt die Luft an. Zögerlich nahm er Gabriels Hand an und stand auf.

„Leider habe ich kein Geschenk für dich…“, entschuldigte sich Gabriel zunächst,“ Das tut mir leid.“ Doch Gilbert schüttelte ruhig und entspannt den Kopf. „Schwamm drüber…“ Er brauchte nichts. Es war Gabriels Geburtstag, auch wenn es Weihnachten war. Er wollte, dass zumindest einmal er (ausnahmsweise) im Mittelpunkt stand und wenn es nur zwischen ihnen zwei geschah.

„Ich würde dir trotzdem gerne etwas geben…“, kleinlaut brabbelte Gabriel vor sich hin und schaute noch einmal völlig verzaubert durch die wunderbar erleuchtete Kirche, „Immerhin hast du so…so viel gemacht und ich würd dir gern meine Dankbarkeit beweisen…“

Die Kerzen flackerten still und lieblich und Gabriel band sich die Gebetskette von seinem Mantel los. Ihre Perlen strahlten in einem satten rosenrot, Gabriels Lieblingsfarbe. Dann legte er die schöne kostbare Kette in Gilberts Hände und sprach: „Es ist nicht viel, aber…Ich würde dir gerne meine liebste Gebetskette überlassen…meinen liebsten Rosenkranz. Es kommt leider nicht auf dasselbe wie dein selbstgemachter Stoffbär oder diese schön gestalteten Gemäuer, aber ich möchte nicht, dass du leer ausgehst. Und mir bedeutet diese Kette sehr viel…Deswegen…Bitte pass gut auf sie auf, ja?“

Dankend und den symbolischen Wert erkennend lächelte ihm Gilbert entgegen und umschloss die Kette mit seinen beiden Händen. „Das werde ich. Ich danke dir, Gabriel. Das ist sehr lieb.“ Dann grinste er keck. „Ich bin mir sicher, dass sie mir Glück und Segen schenken wird, wenn sie schon von dir kommt.“

Beide Jungen lächelten einander an und für einen Moment wurde es still zwischen ihnen.

Es dauerte allerdings nicht lange, da griff Gilbert nach Gabriels Händen, drückte sie leicht und meinte: „Komm. Lass uns ein wenig durch die Kirche schlendern…“ Und natürlich folgte Gabriel auf Gilberts Bitte. In einer Hand trug er jedoch auch sein Geschenk mit sich. Den kleinen Bären würde er wie einen Augapfel hüten.

Als würden sie beide auf einem Weg des Lichtes schreiten, wanderten sie durch die Kirche, erzählten sich Geschichten über Erlebnisse früherer Zeiten. Hier und da hörte Gilbert Gabriel ein leises Ave-Maria wispern. Es war immerhin Weihnachten und ein wenig Festlichkeit wollte der junge Ritter wohl beibehalten. Gilbert betrachtete ihn von der Seite als er bei einem Altar still niederkniete, danach eine vergessene Kerze entzündete und sie vor das Portrait der Heiligen Familie stellte.

Dann verneigte er seinen Kopf und kehrte zu Gilbert zurück und sie setzten sich zum Fuße des Altares. „Drüben im Dorf erzählen sie sicher gerade das Weihnachtsevangelium und oh, bestimmt singen sie auch wunderbar.“

Gilbert legte den Kopf in die Hände. „Und was hält uns daran ab, dasselbe zu tun?“ – „Naja…Ich bin trotzdem nur ein Laie, ich kann doch nicht…“

„Hör zu, mein Freund, ich weiß, du kannst diese Geschichte in und auswendig. Wenn du sie erzählen möchtest – schieß los. Ich werde dir zuhören“, versicherte Gilbert und lockte somit ein weiteres liebes Grinsen auf Gabriels Lippen.

„Nun gut…“, begann er, „Aber friss mich nicht, wenn ich nicht den exakten Wortlaut zitieren kann!“ – „Ach, da müsste ich mich selbst ja auch schelten. Ich kann es selber nicht wortwörtlich. Müssen wir auch nicht. Wir sind immerhin nur Ritter, keine Pfarrer, Gabriel…Alles gut.“

Ein wenig Trost spendeten diese Worte durchaus, das gab Gabriel zu. Er nahm wieder einmal alles zu genau, zu ernst. Aber nun räusperte er sich und Gilbert hörte seinem Freund gespannt zu.

„Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen…“

Und kaum hatte Gabriel die Geschichte zu Ende erzählt – wobei Gilbert lediglich Augen für Gabriel hatte – stimmte er ein Liedlein an, das Gilbert noch nie zuvor gehört hatte.

„Adeste fideles, laeti triumphantes,
Venite, venite
in Bethlehem.
Natum videte
Regem angelorum.
Venite adoremus
Dominum.“

Ob er es soeben neu erfand? Gilbert wusste es nicht, aber er war verzaubert von der engelsgleichen Stimme, die seinem Kumpel gehörte. Genießend schloss er die Augen und für einen Augenblick meinte er, die Dorfbewohner zu verstehen, wenn sie sagten, sein Gesang brächte sie zu Tränen. Es berührte sein sonst so gut behütetes, scheinbar hartes Herz.

Oh, noch wenige Monate zuvor hatte er noch das Gegenteil behauptet…Dass Gabriel sein Herz nicht mit seiner Standpredigt über die Liebe berühren könnte oder dass Beten und Singen langweilig wäre. Aber um ehrlich zu sein, wenn Gabriel es tat, war es vielleicht gar nicht so übel. Wenn er sang, war es anders. Wenn er betete, störte es Gilbert nicht. Er konnte sich nicht erklären, woher dieser Sinneswandel kam, aber…es war irgendwie schön.

Und ehe er sich versah, waren die beiden in einem Tanz verwickelt. Gabriel sang, Gilbert begleitete ihn so gut er es konnte. Sie drehten sich, umringt vom goldenen Kerzenlicht, umringt vom Schutz und der Gnade Gottes. Gabriels sanfte Locken glänzten wie Gold, wenn er seine Augen öffneten, funkelten sie und Gilbert spürte, wie er seinem Freund immer mehr verfiel. Wie er sich mit jedem Schritt und jeder neuen Strophe mehr in ihn verliebte. Und dieses Mal…realisierte er es auch und all seine Gesten, die er in der letzten Zeit an den Tag gelegt hatte, machten mit einem Mal Sinn.

Er hatte sich wohl…in Gabriel verliebt. All die Jahre, seitdem er ihn kannte, dachte er, es verband sie lediglich eine unglaublich besondere Freundschaft, aber nun…

Gilbert war baff und wenn Gabriel in sein Gesicht blickte, entdeckte er eine Miene, die er so nicht kannte. Gabriel verstand es nicht, aber Gilbert wirkte, als wäre ihm gerade die Erkenntnis wie ein Blitz durch die Seele gefahren. Und dieser staunende und allmählich verstehende Blick zog nun auch Gabriel in seinen Bann. An was er wohl dachte?

Zu gerne würde Gabriel das wissen. Ob Gilbert eine neue Idee eingefallen war wie vorhin? Der Gedanke daran amüsierte Gabriel und mit dem Verlauf des heutigen Abends schätzte er Gilbert umso mehr.

Hinter der scheinbar rauen Fassade steckte eine derartig liebe Seele, die Gabriel allezeit bei sich wissen wollte. Oh Gilbert…er war wahrlich sein liebster Freund auf Erden. Er hatte ein Herz aus Gold…Gabriel spürte wie seine Mundwinkel nach oben zuckten. Wie oft hatte dieser Junge ihn schon zum Lachen gebracht? An beiden Händen konnte man dies gar nicht abzählen…Doch allein diese Tatsache ließ sein Herz höher hüpfen.

Und als Gabriel in diese rubinrot funkelnden Augen sah und wie seine lichte Gestalt im Dunkeln sowie im Hellen einfach erstrahlte….Er…So langsam vermutete er, vielleicht mehr für diesen lieben Kerl zu empfinden als gedacht. So eine Freude, wie er sie in seiner Nähe empfand, hatte er noch nie zuvor bei jemand anderen gespürt…

Wieder drehten sie sich zum Klang des Gesangs und der sachte Wind, der sich in ihren Mänteln verfing, ließ die Flammen mittanzen. So verging die Nacht um weitere Minuten; um weitere Stunden. Nach einiger Zeit ermüdeten die beiden frisch verliebten Ritter und die ersten Kerzen erloschen von allein. Statt Gesang waren es nun Gähner, die durch die Kirchenhallen schallten und Gabriel und Gilbert kehrten Hand in Hand zu ihrer Schlafstätte nahe dem Seitenaltar zurück, wo auch schon ihre trockenen, warmen Wintermäntel auf sie warteten. Gabriel legte seinen Wintermantel zu einem Kissen zusammen, dass sie sich teilen konnten und Gilbert bot den seinigen dafür an, als Decke zu funktionieren. So legten sich beide Knaben zur Ruh.

Gilbert lag etwas höher, nahm Gabriel in seine Arme. Dieser wiederum hatte den kleinen Stoffbären zwischen sie gelegt und kuschelte sich friedlich an seine Brust. Es war lange her, seitdem sie ein Lager geteilt hatten und doch war es dieses Mal besonders schön. Denn kein Kampf stand bevor…Kein Blutvergießen und keine Diplomatiegespräche, die über das Leben anderer Menschen entschieden, kursierten in ihren Köpfen. Dieses Mal war es eine friedliche, stille Nacht. Ohne Sorg‘, ohne Leid.

Nicht lange und da drifteten sie bereits unter der sicheren Fittiche Gottes in ihren wohlverdienten, sicheren Schlaf, während nach und nach die allerletzten Lichter von alleine verglühten….

***

 

Stille Nacht, heilige Nacht!

Alles schläft, einsam wacht

nur das traute, hochheilige Paar.

Holder Knabe im lockigen Haar,

schlaf in himmlischer Ruh,

schlaf in himmlischer Ruh.

 

Stille Nacht, heilige Nacht!

Gottes Sohn, o wie lacht

Lieb aus deinem göttlichen Mund,

da uns schlägt die rettende Stund,

Christ, in deiner Geburt,

Christ, in deiner Geburt.

Am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen durch das Buntglas geworfen wurden, schliefen die beiden Ritterknaben noch tief und fest. Sanft wie ein seidenes, transparentes Tuch legten sich die bunten Farben des Fensters über ihre ruhenden Körper und den hellen Stein um sie herum. Dass draußen schon Stimmen erklangen, bemerkten die beiden noch nicht. Sie befanden sich noch im Traumland.

Erst als die Stimmen lauter wurden und nach und nach mehr gegen die Kirchentür gehämmert wurde, öffnete Gilbert als erstes die Augen, dicht gefolgt von Gabriel, der sich sogleich müde und völlig verschlafen aufsetzte.

„Was is’n los?“, nuschelte Gilbert müden Blickes und kratzte sich unter seiner Uniform. „Weiß nicht. Wahrscheinlich kommen grad Leute…“, gähnte Gabriel und richtete sich die völlig wirr liegenden Locken.

Erst einige Sekunden verspätet, schoss es ihnen endlich durch den Kopf.

Oh mein Gott, die Rettung ist da!

Als hätte man ihnen ein heftiges, köstliches Frühstück versprochen, hüpften sie beide aus ihrem Schlafplatz hervor und stopften all ihr Hab und Gut wild in ihre Beutel hinein. Endlich! Jemand war gekommen, um sie zu befreien! Und…die Sonne schien! Oh, welch ein Glück sie doch hatten!

In Windeseile räumten sie noch alle Kerzen beiseite, die Gilbert auf dem Boden verteilt hatte und ehe sie sich versahen, erkannten sie auch schon die Stimmen ihrer Retter.

Es waren zwei Männer und ein weiterer Jungspund wie sie, den sie nur allzu gut kannten und schätzten.

„Wir haben es fast geschafft, Männer! Nur noch diesen kleinen Haufen und wir sind drin!“, hörte man es gedämpft von draußen hinter dem Kirchentor.

Das war doch…

“Joan?“ Gilbert und Gabriel sahen sich zur selben Zeit mit derselben Frage an.

Und tatsächlich. Kaum hatten ihre drei Retter die Tür vom Schnee freigeräumt, stand auch schon Joan atemlos in der Kirchenpforte. Die Morgensonne erleuchtete den jungen brünetten Ritter im schwarzen Habit im Rücken. „Gilbert! Gabriel!“, rief er ihnen erleichtert zu. „Ein Glück…Ich hab mir schon Sorgen gemacht, als ich hörte, dass ihr beide gestern Abend nicht mehr zurückgekehrt seid…“

„Joan!“, sofort fielen sie beide ihrem ältesten Freund um den Hals, der sie jedoch sofort hustend von sich wegschob. So eng wollte er sie dann auch nicht bei sich haben. „Oh, Joan, du bist unser Retter in der Not! Wie hast du herausgefunden, wo wir waren?“, fragte Gilbert aufgeregt und war unendlich froh, endlich wieder das Sonnenlicht auf seiner Haut zu spüren.

Joan lächelte. „Naja, jemand von euch musste doch wohl oder übel an der Glocke geläutet haben, oder nicht? Tja, dann habe ich eins und eins zusammengezählt und ta-da! Da bin ich! Irgendwer muss doch euch armen Zwergen helfen und wenn nicht ich, wer denn sonst…“ Liebevoll neckend tätschelte er ihre Köpfe. „Aber sagt mal, hattet ihr beide denn keine Angst so ganz allein im Sturm? Der war wirklich anders heftig gestern…“, wollte Joan nun wissen, als sie alle zusammen die Kirche hinter sich ließen und gemütlich durch den – gottseidank – etwas weggeschmolzenen Schnee ins Dorf spazierten.

„Nein!“, antwortete Gabriel sicher und umfasste sogleich Gilberts Hand, „Denn wir hatten immerhin einander…oder nicht, Gilbert?“

„Darauf kannst du wetten!“, lachte Gilbert sogleich.

 

Und mit diesen simplen, heiteren Worten endete jene süße Erinnerung an den Weihnachtstag vor vielen, vielen Jahren…