Work Text:
Die Sonne hatte es gerade erst geschafft, sich über den Horizont zu kämpfen und tauchte alles in trübes Zwielicht. Einen Tag vor Heiligabend ließ der Schnee immer noch auf sich warten. Dresden präsentierte sich in seinem besten, nasskalten Grau, als Karin aus dem Auto stieg, den Kragen des Mantels hochschlug und Richtung Präsidium lief.
„Ein miserables Wetter ist das“, ertönte eine vertraute Stimme an ihrer Seite, kurz bevor sie den Eingang erreichte. „Früher gab es mal sowas wie weiße Weihnachten, können Sie sich wahrscheinlich gar nicht mehr dran erinnern.“
Karin schmunzelte. „Guten Morgen Herr Schnabel, vielleicht erleben wir ja morgen noch ein Wunder.“
„Das glauben sie doch selbst nicht.“, war die missmutige Antwort.
Karin verkniff sich einen Kommentar. Wenn Schnabel schlechte Laune hatte, dann ließ er sie sich nur ungern wegnehmen. Eine Tasse Kaffee, ein bisschen Ruhe und ein paar Lebkuchen, die dieser Tage großzügig im Präsidium verteilt wurden und das würde sich schon alles wie von selbst einrenken. Zu tun gab es derzeit zudem herzlich wenig und wenn das so blieb, würden sie heute Abend alle rechtzeitig Feierabend machen können und die Weihnachtstage tatsächlich frei haben. Egal ob weiß oder grau, das waren fantastische Aussichten.
Drinnen wartete allerdings eine Überraschung, die alle Maßnahmen, die Schnabel’sche Laune zu verbessern fürs erste hinten anstellten. Sorge stieg in Karin auf, dass sie sich vielleicht zu früh auf die freien Tage gefreut hatte. Sie konnte sie bereits durch das Glas der Tür erkennen und hielt sich dicht hinter ihrem Vorgesetzten, sollte sie eingreifen müssen.
Denn das Büro von Schnabel war nicht leer, stattdessen saß eine hochgewachsene Frau mit roten, leicht zerzausten Locken auf seinem Bürostuhl und klickte seelenruhig mit seiner Maus herum, offenbar sehr interessiert an dem, was vor ihr auf dem Bildschirm passierte.
Als die Tür knallend aufflog, blickte sie nur kurz in ihre Richtung, und wandte sich dann sofort wieder dem Bildschirm zu.
„Und wer oder was sind sie?“, verlangte Schnabel zu wissen, so laut, dass sich mehrere Köpfe interessiert in ihre Richtung drehten.
„Selb.“ Die unbekannte Frau riss sich vom Bildschirm los und schenkte Schnabel ein etwas zu fröhliches Lächeln, welches nicht ganz ihre Augen erreichte, gleichzeitig streckte sie zur Begrüßung eine Hand aus. „Hauptkommissarin Linda Selb, BKA.“ Als das offenbar erwartete Erkennen ausblieb, fügte sie hinzu: „Die Kollegen hatten eine Email geschrieben. Eigentlich sollte ich erst nach den Feiertagen kommen, aber es ist Sturm angesagt, also bin ich heute schon angereist, bevor an der Küste alles unter Wasser steht. Das macht Ihnen sicher doch sicher nichts aus, nehme ich an?“
„Hey“, flüsterte es hinter Karin. Überrascht zuckte sie zusammen, sie hatte gar nicht gehört, wie Leo sich heimlich angeschlichen hatte, zu gebannt von dem Schauspiel, das sich ihr gerade darbot. „Hey", flüsterte sie zurück und trat einen Schritt beiseite, damit Leo besser sehen konnte.
Schnabel schien es für einen Augenblick die Sprache verschlagen zu haben. Er ergriff die ihm angebotene Hand nicht sofort, und Selb ließ sie wieder sinken, bevor er ihr plötzliches Auftauchen genug verarbeitet hatte, um die Geste zu erwidern.
Das schien ihr aber wenig auszumachen. Unbeeindruckt zuckte sie mit den Schultern. „Ich war so frei, mich schon mal in die Akten einzulesen. Die IT ist noch nicht hinterhergekommen mir den Account einzurichten, also habe ich kurz ihren Computer benutzt. Sie sollten ihr Passwort ändern.“
Karin hätte schwören können, dass Schnabels Ohren langsam anfingen zu dampfen. „Jetzt hören Sie mal!“
Der Rotschopf namens Selb blieb völlig unbeeindruckt. „Keine Sorge, ihre privaten Aktivitäten behalte ich für mich”, zwinkerte sie Schnabel zu.
„Das ist nicht…! Darum geht es doch… Finger weg von meinem Schreibtisch!“
Schnabel drehte sich um und blickte mit einer Mischung aus Empörung und Hilflosigkeit zwischen Leo und Karin hin und her. „Ist das zu glauben?“
Karins Gesicht tat weh, so sehr versuchte sie krampfhaft den Ausdruck darauf neutral zu halten. Leo hatte es offenbar direkt aufgegeben und hatte sich eine Hand vor den Mund geschlagen, um ihr Lachen zu ersticken.
„Jetzt stehen Sie nicht da und halten Maulaffen feil, besorgen Sie der Kollegin vom BKA Ihren eigenen Schreibtisch! Aber lassen Sie sich erst Ihren Ausweis zeigen, da kann ja jeder kommen. Und Sie“, er drehte sich erneut zu Selb um, „Raus hier, und zwar sofort!“
„Geht klar Chef“, erwiderte Karin, während Leo sofort die Flucht antrat lehnte sich Karin an Schnabel vorbei und blickte zu der Kollegin. „Wenn Sie mir bitte folgen würden, Frau Selb?“
Die BKA Beamtin sprang behände vom Stuhl auf, der sich durch die Bewegung munter zu drehen begann, schenkte Schnabel ein weiteres, irgendwie raubtierhaftes Lächeln, und folgte Karin dann aus dem Raum. Dabei summte sie ein paar Noten vor sich hin, die verdächtig nach „Last Christmas“ klangen.
„Ist er immer so?“, fragte sie im Plauderton, als sie Karin den Flur entlang folgte. „Herr Schnabel ist…“, Karin räusperte sich und blieb stehen, sobald sie außer Hörweite des Büros waren, „… von der alten Schule, sozusagen. Und hat es nicht so mit Veränderungen. Naja, und er hat halt auch nicht mit Ihnen gerechnet. Und ich auch nicht, ehrlich gesagt. Wieso sind Sie hier? Ach, ich bin übrigens Karin Gorniak, meine Kollegin Leonie Winkler haben sie vielleicht gerade noch weglaufen sehen.“
Selb nahm das alles mit einem beflissenen Nicken zur Kenntnis und ging dann direkt zum Wesentlichen über. „Der Wilhelmsen-Fall. Es gibt da eine mögliche Verbindung zu einem Cold-Case in Bremen und ich wurde geschickt, um mit ihrem Team zusammenzuarbeiten. Wenn es sich bei unserem Fall um den gleichen Täter handelt wie bei Ihrem, dann können wir das ganze vielleicht zusammen aufklären.“
Karin verkniff sich ein Aufstöhnen, das sich aus ihrer Kehle lösen wollte. Der verdammte Fall beschäftigte sie schon seit Wochen, sämtliche Spuren waren ins Nichts gelaufen und eigentlich waren die Akten schon auf dem halben Weg ins Archiv, um selbst zum Cold Case zu werden. Zwar war die Aussicht auf eine Lösung des Falles nicht unwillkommen, die Vorstellung, noch einmal durch die Akten zu blättern, die sie bereits in und auswendig kannte, war allerdings alles andere als ein Grund zur Freude. Sie nickte also einfach nur zur Bestätigung.
„Ich weiß, Sie wären nicht ins Gebäude gekommen ohne, aber nur damit ich später keinen Ärger kriege, könnten Ssie…“ Da hielt ihr Selb bereits ihren Ausweis vor die Nase. Karin überflog ihn und nickte erneut. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung, die BKA-Beamtin im Schlepptau. „Danke. Ich bringe sie später zur IT, aber vorher brauche ich einen Kaffee. Auch einen?“
„Gern.“
Sie hatten mittlerweile die Teeküche erreicht. Leo hatte sich offenbar genug beruhigt, um die Kaffeemaschine neu zu befüllen und war gerade dabei den Geschirrspüler auszuräumen. Als Karin und Selb eintraten, blickte sie auf und ihr Mundwinkel zuckte. „Da haben Sie unserem Chef einen ganz schönen Schreck eingejagt. Seien Sie in Zukunft etwas netter zu ihm, ja? Kaffee?“
„Ja, gerne.“
Leo holte drei saubere Tassen aus der Maschine, stellte sie auf die Arbeitsplatte und holte dann die Zuckerdose aus dem Schrank. Zwei Würfel glitten in eine der Tassen. Bevor sie die Chance hatte, Selb nach ihren Vorlieben zu fragen, kam diese ihr zuvor. „Ich trinke meinen Kaffee schwarz.“
Leo nickte, befüllte die Tassen und reichte Karin die Tasse mit Zucker, die sie dankend annahm. Einen Moment herrschte Schweigen, als alle drei an ihrem Kaffee nippten.
„Wollen Sie Ihre Kollegin nicht küssen?“, fragte Selb plötzlich, als wäre das das Selbstverständlichste auf der Welt.Karin verschluckte sich fast an ihrem Kaffee. „Wie bitte?“, fragte Leo mit erstaunlich rotem Kopf.
„Na, das macht man doch so, oder nicht?“
Karin konnte nicht folgen, fühlte sich ertappt, erstaunlich ertappt und vermutlich war sie mittlerweile genauso rot wie Leo. Wenn es doch nur um das *Wollen* ging und nicht um sämtliche Umstände, die dagegen sprachen.
„Ich weiß ja nicht, was Sie über Sachsen so gehört haben“, setzte sie an um die peinliche Stille zu überwinden, „aber–“
„Sachsen? Nee, da!“ Selb lachte und deutete nach oben, über Karins Kopf und ja, da hing ein Mistelzweig.
Sie schaute den Zweig an, dann Selb, dann Leo und dann die Wand hinter Leo, als ihr in der Sekunde, in der sich ihre Augen trafen, plötzlich ganz warm im Bauch wurde. Die Tasse in ihrer Hand begann verdächtig zu zittern, also stellte sie sie schnell in die Spüle, auch wenn sie noch halb voll war.
„Karin“, sagte Leo mit einem Hauch Verunsicherung in der Stimme. Ihre Wangen waren immer noch gerötet, aber Sorge schlich sich nun in ihren Blick. „Ist alles okay?“
„Ja, ich… Ich muss… Papierkram… anrufen… ich hab vergessen, dass…“ Ohne die beiden noch eines Blickes zu würdigen, machte Karin auf dem Absatz kehrt und ergriff die Flucht.
„Ist Sie immer so?“, hörte sie Selb noch fragen, da war sie aber schon durch die Tür und im Treppenhaus. Ganz toll, sagte sie sich. Ganz toll gelöst Karin. Aber was wäre denn die Alternative gewesen? Leo küssen? Hier? Vor allen?
Nicht, dass es ihr niemals vorher in den Sinn gekommen wäre. Aber in ihren Gedanken waren sie dabei allein gewesen, vielleicht abends auf dem Sofa oder wenigstens alleine im Dienstwagen, auf irgendeinem abgeschiedenen Parkplatz bei einer langweiligen Observation, nicht in der verdammten Teeküche.
Sie brauchte einen Moment um sich zu sammeln, bevor sie Leo wieder unter die Augen treten konnte, also erklomm sie den nächsten Absatz der Treppe und ließ sich dann auf den Stufen nieder.
Atmen Karin, es ist nichts passiert.
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Selb: Komische Stadt, die sind hier alle so verklemmt
Moormann: Was hast du getan?
Selb: Nichts! Wie kommst du denn darauf?
Moormann: Selb… Was ist los?
Selb: Ich glaube die beiden Kolleginnen hier stehen aufeinander
Selb: Also, wenn die unterm Mistelzweig rot werden und so, dann ist das doch ein klares Zeichen dafür
Moormann: Du bist da um zu ermitteln, nicht um Matchmaker zu spielen
Moormann: Selb?
Selb: Es ist bald Weihnachten! Das Fest der Liebe!
Moormann: Nicht dein ernst
Moormann: Halt dich verdammt noch mal da raus
Moormann: SELB
Selb: thumbs_up sunglasses_emoji
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„Ist ja keine Schande verknallt zu sein.“
Karin zuckte zusammen, fuhr herum, und war wieder mit diesem verdammten Lächeln und den großen, viel zu neugierigen Augen der Kollegin aus Bremen konfrontiert. „Wo kommen Sie denn auf einmal her?“
Die Angesprochene lehnte sich lässig an die Wand und biss in einen Lebkuchen, den sie unterwegs irgendwo stibitzt haben musste. „Ich sag ja nur. Gut kann natürlich immer schief gehen mit Kollegen ins Bett zu gehen, aber das, was Sie beide da jetzt gerade am Laufen haben, ist ja auch nicht gerade gesund?“
Karin verkniff sich die Frage, was genau das denn ihrer Meinung nach sein sollte, so viel hatte sie in den letzten Minuten über die andere Frau gelernt. Direkte Fragen nur stellen, wenn man mit den Antworten leben konnte.
„Ich bringe Sie jetzt in die IT“, verkündete sie stattdessen und nahm bereits die Treppenstufen zwei auf einmal,ohne auf eine Bestätigung zu warten. Beschwingte Schritte folgten ihr und mehr gesummtes „Last Christmas“.
Oben angekommen fackelte sie nicht lang, schob Linda Selb geradezu dem Schmidt von der IT in die Arme (und nahm sich vor, ihm bald zur Entschuldigung eine heiße Schokolade zu bringen, mit Schuss natürlich) und entfernte sich dann so schnell sie konnte, ohne dabei unhöflich zu wirken.
Schnabel hatte sich in der Zwischenzeit an seinem Schreibtisch niedergelassen und studierte mit gerunzelter Stirn seinen Monitor. Neben ihm dampfte eine große Tasse, Karin vermutete dahinter Leo, die irgendwie versuchte, seine Laune in erträglichere Bahnen zu lenken.
Ihren blonden Haarschopf konnte sie allerdings nirgendwo entdecken, weder an ihrem Schreibtisch, noch irgendwo anders in den geteilten Büroräumen. Zum Teil war sie erleichtert, wusste sie nicht, ob sie ihr gerade in die Augen sehen könnte, ohne sich noch einmal zu blamieren. Aber auch besorgt, weil… was wenn… wenn ihr die Situation so unangenehm gewesen war, dass sie die Flucht ergriffen hatte? Weil sie gesehen hatte, was in Karin vorging und nicht wusste, wie sie dem begegnen sollte?
So oder so, es blieb ihnen vermutlich nicht viel Zeit, bis Selb mit Schmidt kurzen Prozess gemacht hatte und wieder hier unten auf der Matte stand, also setzte sich Karin an ihren eigenen Arbeitsplatz, um in den paar Minuten Stille ihre Emails durchzugehen.
Doch so sehr sie es auch versuchte, so richtig wollten sich die schwarzen Buchstaben in ihrem Kopf nicht zu Worte formen, geschweige denn zusammenhängende Sätze. Immer wieder hob sie den Kopf, um nach Leo Ausschau zu halten, jedes Mal wurde sie aufs Neue enttäuscht, wenn sie nur auf einen leeren Türrahmen blickte.
Sie scrollte halbherzig durch ihr Postfach und ja, da war sie, die Mail vom BKA, die Selbs Gastauftritt ankündigte. Zwischen diversen Erinnerungen an Datenschutzschulungen, Resturlaubstagen und Vertretungsplänen versteckt, war die kurze Nachricht aus Bremen schlicht untergegangen. Außerdem, so stellte Karin dann mit einer Mischung aus Belustigung und Frustration fest, war sie erst gestern Abend verschickt worden. Da waren hier im Büro schon längst die Lichter aus gewesen. Kein Wunder also, dass heute morgen nichts vorbereitet gewesen war.
Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, die, so stellte Karin fest, als sie auf die Uhr blickte, doch nur 17 Minuten lang gewesen war, kam Leo dann doch zurück. Sie schenkte Karin ein knappes Nicken gepaart mit einem flüchtigen Lächeln und verbarrikadierte sich dann hinter ihrem eigenen Bildschirm. Worte wechselten sie nicht und Karin sank ein bisschen tiefer in ihren Stuhl, um jeglicher Möglichkeit auf Blickkontakt aus dem Weg zu gehen. Zu viele Augen um sie herum, zu wenig Ruhe, um vielleicht doch darüber zu reden, was da gerade passiert war.
Als Linda Selb schließlich wieder durch die Tür kam, einen Laptop unter dem Arm und mit einer Haltung als gehöre ihr das gesamte Präsidium, hatte Karin bereits einen Plan, um sich die Frau wenigstens für heute vom Hals zu halten. Auch wenn es ihr Leid tat, dafür einen jungen Kollegen opfern zu müssen.
„Ah, Frau Selb! Ich denke, Sie fangen am besten im Archiv an, wir haben da ein paar Altfälle, von denen wir glauben, dass sie ebenfalls mit dem Wilhelmsen-Fall in Verbindung stehen könnten und ein paar der aktuellen Fall-Akten sind auch schon da unten. Bislang haben wir noch keinen stichhaltigen Beweis oder eine Verbindung gefunden, aber vielleicht ergibt sich etwas in Verbindung mit Ihrem Fall aus Bremen?“
Überraschenderweise schien es Linda Selb nichts auszumachen, in den Keller verbannt zu werden. Im Gegenteil, ihre Augen leuchteten geradezu auf. „Und wo finde ich das Archiv?“, fragte sie fast schon aufgeregt.
„Untergeschoss, aus dem Fahrstuhl nach rechts und dann klopfen Sie einfach an der ersten Tür. Ich habe den Kollegen Weber bereits informiert, dass Sie kommen, er wird Ihnen alles zeigen und bei Fragen zur Verfügung stehen.“
„Sehr gut. Dann bis später“, verabschiedete sich Selb fröhlich und verließ den Raum genauso beschwingt, wie sie ihn betreten hatte. Karin sank erleichtert zurück in ihren Stuhl.
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Die Zeit verging schleppend, aber schließlich ging es auf den Feierabend zu. Die Sonne war bereits untergegangen und vor den Fenstern des Büros war es dunkel, genauso dunkel wie heute Morgen, als Karin das Haus verlassen hatte. Sie gähnte.
„Ich will unbedingt auf diesen Striezelmarkt gehen, bekomme ich eine Führung?“ Die laute, fröhliche Stimme ließ sie zusammenzucken. Es war Selb, natürlich. Die Stunden im Keller hatten ihrer Laune keinen Abbruch getan, wie es schien.
Karin hatte sich auf ihr Sofa gefreut, und war kurz davor, das genauso kund zu tun, da fiel ihr Leo auf. Sie stand hinter Selb den Mantel bereits über dem Arm und ein Lächeln auf dem Gesicht. „Na komm Karin, sei nicht so, ich lad dich auf ‘nen Glühwein ein.“
Karin seufzte. „Na gut. Ein Glühwein" Und dann, warum genau konnte sie selbst nicht sagen, fügte sie hinzu: „Kommt Schnabel auch mit?“
„Ach, meinen Sie, ich sollte Ihn fragen?“ Linda Selb hatte wieder diesen Raubtierblick und drehte sich schwungvoll um, bevor Karin sie aufhalten konnte. Leo sah sie verdutzt an. Karin zuckte nur ratlos mit den Schultern und stellte sich auf eine erneute Schimpftirade ein.
Umso größer war dann die Überraschung, als Schnabel tatsächlich hinter Selb geradewegs auf sie zusteuerte , den Mantel bereits angezogen, den Hut in der Hand. Von der Wut des Morgens war nichts mehr zu sehen. „Die Kollegin sagt, Sie hat noch nie Dresdner Christstollen gegessen“, bemerkte er im vorbeigehen und klang dabei fast andächtig in seiner Bestürzung. Karin, die die Welt langsam gar nicht mehr verstand, zuckte zusammen, als Leo sich bei ihr unterhakte und sie aus dem Präsidium zog.
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Der Weihnachtsmarkt war zu voll, zu laut und zu chaotisch, aber Linda Selb strahlte wie ein Kind im Schlaraffenland, während sie alles in sich aufsaugte. Die unzusammenhängende Musik aus zu vielen verschiedenen Richtungen, die bunten Lichter, die Gerüche der diversen Essensbuden und die Kulisse des Dresdner Altmarkts. Schnabel schlenderte neben ihr her und schien ihr einen ausführlichen Vortrag über die Geschichte der Stadt und des Marktes zu halten, sein Ärger von heute war nun endgültig der Begeisterung für seine Heimatstadt gewichen, jetzt wo die neue Kollegin sich als begeisterte Zuhörerin seiner Ausführungen entpuppt hatte und sogar regelmäßig Fragen einwarf.
Leo und Karin folgten mit ein paar Schritten Abstand, gaben ihr bestes, die Kollegen nicht aus den Augen zu verlieren, was zwischen den ganzen Menschen gar nicht so leicht war.
Irgendwie schafften sie es zwischen aufgeregten Kindern, überforderten Hunden und geschäftig umherwuselnden Erwachsenen zur ersten Glühweinbude und Schnabel, großzügig und erstaunlich gut gelaunt, gab eine Runde aus.
„Auf gute Zusammenarbeit“, sagte Karin, während ihre Tassen aneinanderklirrten, und Schnabel fügte mit einem strengen Seitenblick hinzu: „Auf das respektieren anderer Leute Eigentum“. Aber sein Mundwinkel zuckte. Erstaunlich, wie schnell es Selb gelungen war, den Mann um den Finger zu wickeln, vielleicht sollten sich Leo und Karin ein paar Tipps von ihr holen, bevor sie wieder zurück an die Küste fuhr.
Eigentlich war es gar keine schlechte Idee gewesen, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, dachte Karin und wie zur Antwort - oder zum Hohn - begannen just in diesem Moment die ersten, dicken Tropfen Regen auf sie herabzufallen.
„Herr Schnabel, hier!“ Linda Selb zog den Angesprochenen unter das Dach eines größeren Verkaufsstandes für fertig verpackte Christstollen. „Sie können mir bei der Auswahl helfen, bis der Regen vorbei ist.“
Sie drehte sich noch einmal um und zwinkerte Karin vielsagend zu. Dann waren ihr Chef und die Frau vom BKA aus dem Sichtfeld und Karin ließ sich bereitwillig von Leo in den Unterstand neben der Glühweinbude ziehen. Laut begann der Regen auf das Dach zu trommeln. Eine Weile schwiegen sie, tranken den Rest des Glühweins und die Stille, die keine echte Stille war dank des Regens und Trubels um sie herum, wurde immer drückender.
„Karin.“ Leo klang verunsichert und Karin runzelte die Stirn. „Was denn?“ Statt einer Antwort wanderte Leos Blick nach oben und Karin folgte ihm. Und natürlich, erneut standen sie unter einem verdammten Mistelzweig. Wo kamen die auf einmal alle her?
„Vorhin im Büro, da bist du ganz schön schnell abgehauen“, meinte sie und schaute dabei in die leere Tasse zwischen ihren Händen. „In der Teeküche. Warum?“
Karin hätte den Glühwein doch mit Schuss bestellen sollen. „Leo ich…“ Sie suchte nach Worten, irgendetwas, um die Situation zu entschärfen. Leo sah so verloren aus, wie sie da stand, geradezu verletzt.
„Ist schon okay, war ne komische Situation. Ich dachte nur…“ Sie brach ab, drehte die Tasse immer schneller zwischen ihren Fingern und zog die Schultern hoch. „Ach, egal.“
Karin nahm ihren Mut zusammen und machte einen Schritt auf Leo zu. „Hey, nicht egal, guck mich mal an.“
Als Leo dem nachkam und sich ihre Augen trafen, fing Karins Herz auf einmal viel zu schnell an zu pochen. Verdammt, was wenn sie das alles falsch verstand? Wenn Leo mehr aus Prinzip als aus persönlichen Gefühlen heraus gekränkt von der vermeintlichen Ablehnung gewesen war? Über ihnen trommelte der Regen.
„Möchtest du mich denn gerne küssen?“
An Leos Gesicht konnte sie ablesen, dass sie kurz dachte, es sei ein Scherz, dann aber sickerte die Erkenntnis durch, dass Karin es vollkommen ernst meinte. Leos Augen weiteten sich. Dann nickte sie, ganz leicht. Wärme flutete Karins Bauch und es hatte nichts mit dem Alkohol zu tun. War es am Ende wirklich so einfach?
„Jetzt?“, fragte sie, einfach um ganz sicher zu sein. „Hier?“
Jetzt war es Leo, die einen Schritt auf sie zumachte und damit die Lücke zwischen ihnen schloss.
Und dann standen sie einfach so da. Leo hatte die linke Hand von der Tasse gelöst und legte diese nun stattdessen sanft auf Karins Schulter. Suchte in ihren Augen noch einmal nach Einverständnis und lehnte sich dann nach vorne. Ihre Lippen berührten Karins federleicht, ihr Atem schmeckte nach weihnachtlichen Gewürzen. Ein Kribbeln breitete sich in Karin aus. Es war vorbei, viel zu schnell vorbei, bevor sie die Situation vollständig erfassen konnte. Leos Wangen waren gerötet und sie sah so nervös aus, wie Karin sich fühlte. „Wow“, sagte sie, um die Stille irgendwie zu durchbrechen und zuckte dann fast zusammen, als sie feststellte, wie nichtssagend das war. Aber mehr Worte brachte ihr Gehirn gerade einfach nicht zu Stande, zu überwältigt war sie davon, dass Leo sie gerade tatsächlich geküsst hatte. Einfach so. Also lächelte sie einfach nur und hoffte, dass es reichte.
„Kollegen! Der Regen hat aufgehört, kommt ihr?“
Zeitgleich fuhren ihre Köpfe herum und ja, da standen Schnabel und Selb.
„Ja, wir kommen“, rief Karin zurück und schaute dann Leo an, wollte wissen, wie schlimm die Situation war. Aber Leo lächelte immer noch. „Meinst du, sie haben uns gesehen?“, flüsterte sie und klang dabei mehr amüsiert, als aufrichtig besorgt.
„Ist mir egal“, gab Karin daher zurück und nahm dann Leos Hand, einfach so. Sie tauschten ein Grinsen aus und alle Anspannung des Tages war auf einmal verflogen.
Mit verschränkten Fingern stürzten sie sich zurück in das bunte Treiben.
