Chapter Text
"Du warst aber ein ganz, ganz braver Junge, Herr Kater", sagt Mama Bootz, als sie die Tierklinik wieder verlassen. Thorsten würde sich ja darüber beschweren, dass er schon lange kein Junge mehr ist, aber er ist sich sicher, dass Mama Bootz das selbst dann egal wäre, wenn sie wüsste, dass er eigentlich gar kein Kater ist.
Zurzeit ist er heilfroh, dass sie ihn in ihren Armen hält und trägt. Er mag Krankenhäuser nicht. Seitdem die Ärzte ihm fälschlicherweise versprochen haben, dass Lilli es schaffen wird, fehlt ihm das Vertrauen. Schon als menschlicher Patient fühlt er sich hilflos und ausgeliefert. Jetzt als Kater umso mehr.
Niemand erklärt, was geschieht, niemand geht auf seine Wünsche ein und niemand achtet auf seine Würde. Gepackt und festgehalten zu werden, während fremde Menschen ihm Schmerzen zufügen, ist nicht angenehm. Weder körperlich noch psychisch.
Aber Mama Bootz drückt ihn an sich, während nach und nach sein Herz zu rasen aufhört und auch das Zittern wieder verschwindet.
"Was hältst du davon, wenn wir beide uns jetzt etwas gönnen? Eine Belohnung?"
Alles, was sie möchte. Hauptsache, sie hält ihn weiterhin fest und streicht beruhigend über seinen Kopf.
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Etwas gönnen bedeutet offenbar, dass sie gemeinsam das nächste Einkaufszentrum besuchen. Thorsten ist froh, dass er noch eine Galgenfrist hat, bevor er für die Heimfahrt wieder in die Transportbox muss. Wenn Mama Bootz unbedingt shoppen gehen möchte, ist er der Letzte, der sich darüber beschwert. Sie hält ihn sicher an sich gedrückt, die grauenvolle Box hat sie im Wagen gelassen.
Thorsten schließt seine Augen, schmiegt sich noch mehr an und ist schon beinahe eingeschlafen, als ihn irgendwann ein interessanter Geruch wieder wacher werden lässt.
"'Malz und Käse' klingt interessant. Ob dir sowas schmeckt, Herr Kater? Oder doch lieber ein Katzen-Stick? Das sieht aus wie die Snackwürstchen, die ich mir manchmal zum Fernsehen gönne."
Jetzt hat sie ihn aber neugierig gemacht. Thorsten öffnet seine Augen und dreht den Kopf. Offenbar sind sie in einem Laden für Tierbedarf gelandet. Mama Bootz steht vor dem Regal mit Katzenleckerlis. Dass es so viele verschiedene Dinge für Katzen gibt, wundert Thorsten.
Mama Bootz hält ihm erst das eine und dann das andere Tütchen hin.
Die Malz-Paste klingt seltsam. Er kann sich nicht vorstellen, dass ihm die schmeckt. Also dreht er demonstrativ den Kopf weg.
"Also die Katzen-Sticks. Mal sehen. Die gibt es mit 'Geflügel und Leber' oder 'Huhn und Katzengras' oder aber 'Kabeljau und Seelachs'."
Gras?
Seit wann fressen Katzen Gras?
"Du kannst dich wohl nicht entscheiden", missinterpretiert Mama Bootz seine Verwirrung. "Dann nehmen wir einfach Geflügel und Leber. Das klingt am neutralsten."
Ja, stimmt Thorsten ihr zu. Für diese Sorte hätte er sich wahrscheinlich auch entschieden.
"Und wenn wir schon mal hier sind …"
Sie nimmt noch eine weitere Packung Würstchen und macht sich auf die Suche. Wonach weiß Thorsten nicht.
Nach kurzer Zeit landen sie beim Transportzubehör.
Thorsten seufzt. Er würde viel lieber wieder zurück zu den Snacks als hier unzählige Boxen aufgereiht zu sehen, die ihn allesamt daran erinnern, dass er nur allzu bald auch wieder in so ein scheußliches Ding hinein muss.
Aber Mama Bootz macht keine Anstalten weiterzugehen. Im Gegenteil. Sie schaut sich interessiert um.
Ich habe schon eine Box. Ich brauche ganz bestimmt keine zweite.
Mama Bootz beäugt eine Weile das Regal, bevor sie eine Tasche aus festem, grauem Stoff herauszieht.
"Was hältst du hiervon, Herr Kater?" Sie dreht das Ding hin und her und begutachtet es ausführlich. "Viel leichter zu tragen und ich kann dich mir ganz bequem über die Schulter hängen."
Thorsten hebt den Kopf. Die Tasche wirkt wie eine Mischung aus Handtasche und Sportgepäck mit Mesh-Fenstern an der Seite. Kein Hartplastik, keine Gitterstäbe. Deutlich weniger klaustrophobisch als die Transportbox. Und es sieht tatsächlich bequem aus.
"Ich weiß doch, dass du die Box nicht magst." Mama Bootz lächelt ihn an und streicht ihm mit dem Finger über die Stirn. "Du armer Schatz hast etwas Besseres verdient. Hier kannst du auch wunderbar rausgucken und bekommst alles mit. Ich denke, wir nehmen die Tasche."
Thorsten miaut zustimmend.
Natürlich nehmen sie nicht nur die Tasche.
Mama Bootz entdeckt außerdem ein Halsband mit reflektierendem Aufdruck. "Sehr schick, das passt wunderbar zu deinem hübschen Fell."
Dann nimmt sie noch einen faltbaren Napf. "Wenn wir beide mal länger unterwegs sind oder ein Picknick machen möchten."
Und als Letztes eine kuschelig weiche Decke. "Damit machen wir deine neue Tasche gleich viel gemütlicher."
Trotz neuer Tasche trägt sie Thorsten weiterhin im Arm. Das findet er auch viel schöner. Er ertappt sich dabei, dass er laut zu schnurren begonnen hat. Es ist ein seltsames Gefühl. Ein Vibrieren, das im Kehlkopf beginnt und in seinem Brustkorb widerhallt. Es beruhigt und erleichtert. Fast wie das Seufzen eines Menschen. Und doch ist da irgendwie auch Energie mit im Spiel. Er versteht es nicht ganz, sieht aber auch keinen Grund, damit wieder aufzuhören.
Mama Bootz beginnt zu lachen. "Wie ein kleiner Dieselmotor."
Wenn, dann bitte Sportwagen, antwortet Thorsten.
Im ersten Stock des Einkaufszentrums setzt sich Mama Bootz in ein Café. Die neue Tasche, in der sämtliche Einkäufe aus der Tierhandlung Platz gefunden haben, landet auf dem Boden. Thorsten darf es sich auf Mama Bootz' Schoß bequem machen. Während sie ihren Cappuccino trinkt, füttert sie Thorsten mit einem der Snackwürstchen. Immer wieder streicht sie über seinen Kopf und massiert sanft hinter seinen Ohren.
Thorsten ist so entspannt, wie schon lange nicht mehr. Das Würstchen schmeckt richtig gut und das Kraulen ist purer Luxus. Sein eigenes Schnurren übertönt sämtliche Geräusche des Einkaufszentrums. Er kann gar nicht anders, als die Augen zu schließen und den Moment in vollen Zügen genießen.
