Work Text:
>> Faister POV <<
Es hat doch als Witz angefangen.
Einfach mal dahergeredet hatte ich, ich sollte doch mal einen Test machen, der zeigen sollte, ob man schwul war. Ich selbst weiß nicht mehr so recht, ob ich das wirklich ernst gemeint hatte. Aber jetzt, jetzt, wo ich hier, live an meinem Schreibtisch saß, vor eben so einem Quiz, da verging mir der Spaß ein wenig.
Naja, was war schon dabei? Mach einfach, Großer.
Mach einfach, großer. Das war seit Neuestem mein Motto. Niek hatte es mir einmal ins Ohr geflüstert, in einem düsteren Club, während einer Party. Ich war so betrunken gewesen, ich wusste noch kaum etwas von diesem Abend.
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Der dröhnende Bass und die gedämpften Lichter waren zusammen genauso überfordernd wie die großen Menschenmassen um mich herum. Ich hatte einen Drink in der Hand, es war nicht der erste dieses Abends gewesen. Es war ein „Cosmopolitan".
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Eben weil es nicht mein Erster gewesen war, schien die Erinnerung leicht verschwommen und weiter entfernt, als sie sein sollte. Das war erst zwei Wochen her gewesen, doch der Abend schien unerreichbar.
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Obwohl der Bass mir leicht zu schaffen machte, tanzte ich fröhlich herum. Ich war nicht alleine. Niek war an meiner Seite. Die Stimmung war so ausgelassen, viele Drinks wurden ausgeschenkt. Es war der perfekte Abend, zusammen mit einem guten Freund. Ich lächelte Niek an, er lächelte zurück.
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Ab diesem tänzelnden Moment verschwamm meine Erinnerung immer mehr. Nur ein Satz, der blieb: „Mach einfach, großer."
Und darum machte ich jetzt.
Ohne etwas zu sagen öffnete ich den Test. Was war schon dabei?
Die erste Frage war harmlos. Simpel und harmlos. Sie lautete: „Which drink do you prefer?", wie passend. Passend, zu meiner Erinnerung.
Unter den Antwortmöglichkeiten war auch der Cosmopolitan. Das Getränk, das ich damals getrunken hatte. An diesem Namen blieb ich hängen. Hatte er gut geschmeckt?
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Das Glas war geschmückt mit einer Zitrone. Der Bass war so stark, dass das Getränk glatt Wellen schlug. Ich führte das vibrierende Glas an meinen Mund. Kurz schloss ich meine Augen, um den süßlichen, fruchtigen und leicht sauren Geschmack besser vernehmen zu können. Ich öffnete sie wieder, nur um Niek direkt vor meiner Nase stehen zu sehen. Ich sah das Glas an, dann wieder Niek. Das Getränk passte zu ihm.
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Ja, es hatte gut geschmeckt. Sehr gut sogar.
Gut genug, dass ich es über die anderen Auswahlmöglichkeiten stellte. Ich füllte das kleine Kästchen aus, scrollte schnell nach unten und räusperte mich.
Nächste Frage. „What's your ideal Friday night looking like?
Neben „Game Night", „Dinner Date" und „Movie Night" gab es noch „Clubbing" zur Auswahl.
Clubbing.
Clubbing, hallte es in mir wieder.
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Es war eng in diesem Discoraum. Eine große Kugel drehte sich über die bunt blinkende Tanzfläche. Der Lärmpegel war viel zu laut. Wohl fühlte ich mich nicht. Alles war überfordernd, überfordernd und nochmals überfordernd!
Ich hatte aufgehört mit dem Tanzen, meinem Partner schien das aufgefallen zu sein. Er merkte immer, wenn etwas faul war. Fürsorglich legte mir Niek seine Hand auf die Schulter und strich leicht über sie, in einem Versuch, mich zu beruhigen. Der Versuch trug Früchte. Meinem nervösen Lächeln wich ein zufriedenes Grinsen, langsam begann ich wieder, mit der Musik mitzuwippen.
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Lange verharrte mein Mauszeiger auf dem Wort.
Nein, Clubben war nichts für mich. Lediglich Niek hatte den Abend gerettet. Ja, so war es zwar schön gewesen, doch ich bleibe lieber zuhause, in meinem Zimmer, an meinem PC.
Ich ließ einen Kommentar, um meine Zuschauer zufriedenzustellen, doch mental war ich schon lange nicht mehr beim Stream oder beim Chat. Ich flog durch meine eigene Gedankenwelt wie in einem Raumschiff.
„Game Night", war meine Antwort.
Nächste Frage.
„How many gay friends do you have?"
Ich musste überlegen.
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Sein Arm, der auf meiner Schulter gelegen hatte, wanderte jetzt weiter hinunter. Fast schon lieblich nahm er meine Hand in seine. Ich spürte, wie mich die Wärme umschloss. Mir gefiel es. Auch mit seiner anderen Hand ergriff er meine, legte sie über seine eigene. Er sah hoch in meine Augen, ich sah in seine. Ich vernahm ein besonderes Funkeln. Ein wunderschönes Funkeln. Sein Mundwinkel zog sich leicht nach oben, doch er hielt dem Blickkontakt nicht stand. Ich auch nicht.
„Weißt du, Faister?"
Er sagte es so kleinlaut, es klang fast mäuseartig.
„Was?"
Ich klang lieblich. So lieblich, wie seine kleine Geste gewesen war.
„Was ist, wenn... wenn ich nicht so ganz hetero bin? Würdest du das schlimm finden?"
Seine sonst so zuversichtliche Stimme klang klein und verletzlich, ängstlich.
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Was ich geantwortet hatte, war mir entfallen. Ich wusste nur noch, dass da so ein komisches Ziehen in meinem Bauch gewesen war. Und ich wusste, ich hatte ihn angestarrt.
Sollte ich ihn jetzt als „schwulen Freund" zählen?
Ich murmelte vor mich hin: „Eins", klappte dazu passend einen Finger in die Höhe.
Meine Kurzschlussreaktion hatte mir wohl die Entscheidung abgenommen.
Weiter überlegte ich, wen ich den kennen könnte, der schwul war. Ich sah in den Chat:
„Keinen HAHAHA"
Oh, stimmt, den gab es ja auch noch. Das war ein schwuler Bekannter von mir, den hatte ich ganz vergessen.
Anstatt mit „Zwei" weiterzumurmeln, beschloss ich, Niek einfach nicht dazuzuzählen.
Ich wählte die Option „one" aus.
Langsam begann sich das komische Gefühl aus meiner Erinnerung auch in Echt auszubreiten; ich wollte nur noch so schnell wie möglich dieses Quiz abschließen.
Blitzschnell öffnete ich die nächste Frage. So traf sie mich auch. Blitzschnell wie der Blitz.
„Have you ever liked someone of the same sex?"
Wie automatisch wählte ich „Never". Schnell wollte ich weiter, meine Gedanken gestatteten mir das aber nicht. Sie schiffen wieder ab.
„Nicht schlimm", hatte ich gemurmelt. Nicht mehr. Nur „Nicht schlimm."
Dieses Gefühl im Bauch konnte ich jetzt besser definieren.
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Oft hatte ich Niek angesehen. Niek, wie er Fortnite spielte, Niek, wie er Essen bestellte, Niek, wie er streamte. Aber es war anders. Dieses Mal, als ich Niek anblickte. Nicht mal ins Gesicht hatte ich ihm gesehen, sondern nur jeden noch so kleinen Schimmer von ihm hatte ich versucht zu erhaschen. Immer wenn mir das gelang, trat dieses Ziehen auf. Er tanzte so nah bei mir, ich konnte nicht mehr anders als ihn zu sehen. Nur ihn zu sehen. Er nahm mein ganzes Blickfeld ein.
Mein Bauch fühlte sich an wie ein Ameisenhaufen. Alles kroch und kitzelte und kullerte.
Ich erinnerte mich daran, als ich im Bett gelegen hatte. Nieks Stream war nebenbei am Laufen gewesen. Mit rosigen Wangen irgendwie verliebt lächelnd hatte ihn angesehen. Er war mir vielleicht etwas zu wichtig gewesen. Er war mir vielleicht etwas zu wichtig.
Ich war zu betrunken, um große Worte zu spucken. Stattdessen nahm ich einfach eine seiner Hände von meiner Hand und nahm sie in die andere. So konnte ich wenigstens die liebe Geste zurückgeben.
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Ich war schon zur letzten Frage gewichen. Ich wusste nicht, warum ich das tat, doch ebenso automatisch wie ich vorher auf „Never" geklickt hatte, fuhr ich mit dem Mauszeiger eine kleine Milisekunde zurück, um meine Antwort auf „Sometimes" abzuändern.
Ich ging nicht darauf ein. Lieber schnell die letzte Frage beantworten und diesem Kopfkino ein Ende setzen.
„Have you ever kissed a person of the same sex?"
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„Wirklich nicht?", fragte er, mit einem Blick angefüllt mit etwas Hoffnung.
„Nein."
Es war ein simpler Wortwechsel, doch er war mehr wert als tausend metaphorisch gesprochene Wörter.
Wir standen Hand in Hand, mitten auf der Tanzfläche.
Ich grinste süffisant. Mir war eine trunkene Idee gekommen.
Ich bemühte mich, unsere Hände gezielt unten zu halten, sodass ich noch näher an Niek herantanzen konnte. Wir standen Brust an Brust, Herz an Herz.
Dann rutschten mir die Worte heraus.
„Darf ich dich küssen?"
Ich sagte es zuversichtlicher, als ich jemals sein hätte können. Er flüsterte zurück, auch zuversichtlich.
„Mach einfach, Großer."
Und so lehnte ich mich nach vorne und küsste ihn.
Unter einem etwas ruhigeren Lied, in getöntem Licht.
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Ich klickte "Yes" an. Ja, ich hatte Niek geküsst. Keiner wusste davon. Nur er und ich.
Vielleicht war ich ja wirklich schwul?
Ich las die anderen Auswahlmöglichkeiten auch durch.
„Only when I'm drunk."
Ja. Ja!
Ja, das passt eher. Ich war ja völligst betrunken gewesen an diesem Abend.
Mit einem Klick auf einen großen, gelben Knopf ließ ich mir meine Ergebnisse anzeigen.
Der letzte Überzeugungsversuch von mir selbst zersprang in 100 kleine Scherben. Das Ergebnis zog mich in ein Loch. Es sprach Bände.
60 Prozent schwul.
Außen drehte sich die Welt weiter, in meinem Kopf war ich in diesem Loch. Die Dunkelheit fraß mich von innen auf.
Ich versuchte normal zu wirken, antwortete gelegentlich auf Kommentare, doch mental, mental war ich weiterhin draußen.
„Ich solle noch einen Test machen"
Das sagten sie.
Aber nein.
Das könnte ich nicht.
Vor allem wusste ich, ich würde das niemals durchstehen, als ich sah, dass dieser Test 25 Fragen hatte.
Ich spielte einfach Songless.
Für den Stream funktionierte die Ablenkung gut. Für mich verschob sie das Problem nur noch.
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Es war 3 Uhr. 3 Uhr Nachts. Und obwohl es drei Uhr nachts war, konnte ich nicht schlafen.
Ich wälzte mich in meinem Bett hin und her, konnte das von heute einfach nicht vergessen.
Dieser Test. 60 Prozent? Wirklich?
Meine Hand streckte sich nach dem Nachttisch aus, um mein Handy zu ergreifen.
Alles, einfach alles nagte so an meinem Ego, ich musste dem einfach nachgehen. Ich musste wissen, ob dieser Test akkurat war.
Etwas zögerten meine Finger, in der Suchzeile „Bin ich schwul?" einzugeben. Aber was getan werden musste, musste getan werden. Sie zögerten auch etwas, auf den sich auftuenden Link zu klicken. Aber was getan werden musste, musste getan werden. „Mach einfach, Großer."
Ich las kurz.
Mir wurde klar, das war derselbe Test, den ich heute Nachmittag abgebrochen hatte. Der mit 25 Fragen. Aber ich blieb. Dieses Mal schloss ich das Fenster nicht wieder. Stattdessen sah ich mir die erste Frage an.
Okay, packen wir's an.
„Mach einfach, Großer."
Ich machte. Und ich nahm mir vor, so ehrlich zu sein, wie ich es noch nie zuvor gewesen war.
1. Frage: Ich habe die Vermutung schwul zu sein, seit...
- langer, langer Zeit.
So lang waren 2 Wochen doch nicht, oder?
-Ach, das ist nur so eine kleine Vermutung
Ich fürchte, es war schon mehr als das. Ich dachte an diesen Abend. Zum vielfachsten Mal heute. Ich war betrunken gewesen. Deswegen hatte ich meine Zweifel. Aber nur deswegen war es noch lange nicht „nur eine Vermutung". Ich sollte lieber auf Nummer sicher gehen.
Wenn ich aber wirklich „nur betrunken" gewesen war, warum gingen mir dann seine Lippen nicht mehr aus dem Kopf?
- ich mal von einem anderen Mann geträumt habe
Habe ich das schon einmal? Nicht dass ich wüsste.
- ich diesen einen Typen gut finde
Fand ich Niek gut?
-diesem einen Erlebnis
Irgendwie ja schon, oder? Seitdem die Disco passiert war.
Für mich passte nichts so richtig. Dennoch war die letzte Option am nähesten dran, so wählte ich diese aus.
Frage 2: Hattest du schon einmal eine Liebesbeziehung mit einem Mann?
-Ja.
Nein.
Ein Kuss zählt ja nicht.
Oder?
-Nein, nur mit einem Mädchen. Das hat aber nicht so gut funktioniert.
Stimmt, da war diese Zoe. Sie hat mich als Schwuchtel Beleidigt und ist einfach gegangen, 3000 Euro hatte sie mitgenommen. Nach 3 Wochen. Ich glaube, das zählt als gescheiterte Beziehung.
-Nein, ich weiß auch nicht, ob ich das will.
Will ich das?
Ich dachte an Niek. Mal wieder.
Würde es mich stören, mit ihm zusammenzuwohnen?
Würde es mich stören, mit Niek ein Bett zu teilen?
Würde es mich stören, ihn zu lieben?
Ich schluckte.
Ich wollte ehrlich sein.
Also war ich das.
Nein, es würde mich nicht stören. Keines dieser Dinge würde mich stören. War ich sogar schon so weit, dass ich mir so etwas wünschte? Liebte ich Niek schon?
Ich schluckte, las mir die übrigen Antworten nicht einmal durch, nahm einfach stumpf die zweite Option. Weiter wollte ich diesen Test eigentlich nicht mehr machen. Mein Herz raste, ich stockte. Ich stockte, doch versuchte ich mich zu zwingen, weiterzumachen. Mein Körper konnte das aber nicht mehr.
Er warf das Handy weg von sich auf das Bett. Es landete mit dem Bildschirm abgedeckt auf der Matratze, so erlosch dessen Schein. Plötzlich war es dunkel im Raum.
In meinem Kopf blinkten jedoch alle Lichter rot. Dunkelheit hieß Gedankenzeit. Und die Gedanken kreisten um niemanden als Niek. Ich schien ihn wirklich zu mögen. Scheiße. Leicht raffte ich mir an den Haaren.
Ich dachte wieder an den Abend in der Bar.
Ich wusste jetzt, wie gut sich dieser Kuss angefühlt hatte. Alles andere als wild. Nur umsorgt. Zwei Minuten lang hatte ich mich geborgen gefühlt.
Doch dann hatte ich realisiert, was ich da gerade tat. Einen Mann küssen. Niek küssen. Nach zwei Minuten hatte ich ihn grob weggestoßen und war einfach abgehauen. Ich war ein Arschloch gewesen. Der größte Hurensohn auf Erden.
Hier im Bett fing ich an, schnell zu atmen. Es war eine schrecklich gemeine Aktion von mir gewesen. Mir lief eine Träne über die Backe.
Wie gelähmt langsam bewegte sich meine Hand zur einzigen Ablenkung, die da noch war. Mein Handy.
Mit einem zitternden Finger entsperrte ich es.
Normalerweise wäre ich auf mein Lieblingsspiel gegangen, hätte mich so versucht zu beruhigen, doch als ich da diese nächste Frage sah, konnte ich sie einfach nicht ignorieren.
Frage 3: Hast du einen Jungen in deinem Umfeld, den du schön findest?
-Das kann ich nicht beurteilen.
Niek.
-Ja, aber nur im Internet
Niek.
-Ich weiß es nicht. Es gibt mal schöne Jungs.
Niek.
-Ja, ich wünsche mir sogar eine Beziehung mit einem!
Verdammt, ich wollte eine Beziehung mit Niek. Ich wollte alles wieder gut machen.
-Nein, habe ich nicht.
Doch, Niek.
Er ist so schön. Alles an ihm ist so schön.
Seine Tattoos, seine Cap, die immer so lässig saß, sein Lächeln, seine Lippen.
Seine Lippen, die mich geküsst hatten.
Ich hatte ihn geküsst. Er hatte zurückgeküsst. Und davor hatte er gesagt: „Mach einfach, Großer."
Er hatte es gewollt.
Und ich wollte ihn gerade mehr als alles andere auf der Welt.
Mein Handy blieb achtlos liegen, als ich von diesem Bett aufstand. Von einem Bett, das schon viel zu lange viel zu einsam war.
Meine Antwort auf die Frage des Tests klickte ich nicht mehr an. Es hatte keine Priorität mehr.
Im Herausrennen schnappte ich mir meine Autoschlüssel, immer paratliegend.
Das war so eine dumme Idee von mir, ein Vorhaben, das man lieber nicht im Schlafanzug und mit Schlappen hätte angehen sollen. Doch genau so lief ich auf die Garage zu. Ich wollte es, jetzt.
„Mach einfach großer."
Endlich würde ich es machen. Für dich, Niek. Hoffentlich für uns. Endlich war ich zu der Erkenntnis gekommen, ich sollte es machen.
Ich kannte die Strecke zu Nieks Haus auswendig, so oft war ich dort schon gewesen.
Die Reifen fuhren leise über die regennasse Straße und durch die von dem fast vollem Mond erhellte Nacht. Am Himmel standen duzende Sterne, es war eine schöne Atmosphäre. Es war ruhig.
Doch weder auf die Schönheit der Außenwelt noch auf die Realität des Autofahrens achtete ich.Voll und ganz war ich bei ihm.
Was wäre, wenn er es komisch finden würde?
Was wäre, wenn ich hiermit alles zerstören würde?
Ich war ein Realist, ich wusste, die Chancen auf ein Entgegenkommen waren groß. Leider zweifelten auch Realisten. Es war mir einfach zu wichtig, als dass ich nicht zweifeln könnte. Er war mir einfach zu wichtig. Und endlich wusste ich das.
Er wohnte in der 2.
Endlich bog ich in seine Straße ein. Es war eine lange Straße mit vielen grünen Bäumchen und vielen bunten Häusern. Eine freundliche Nachbarschaft. Mit jedem Haus, das ich passierte, kam er näher.
20, 18, 16.
Still zählte ich herunter. Mit jeder Nummer verstärkte sich mein Bauchkribbeln. Zunehmend wurde ich nervös.
Und schließlich, schließlich war ich da.
Hausnummer 4 und eine golden schimmernde 2.
Mein Auto rollte langsam in eine kleine, freie Parkbucht. Eine kleine Weile blieb ich noch im Auto sitzen. Noch könnte ich umdrehen, alles so belassen, wie es immer gewesen war.
Seine Stimme hallte wieder in meinem Kopf.
„Mach einfach, großer."
Ich zog meinen Schlüssel aus dem Anzünder und stieß die Fahrertür auf.Ich würde nicht aufgeben. Nicht, wenn es um ihn ging.
Er wohnte in einem kleinen, gemütlichen Mietshaus mit Vorgarten.
Ich verschloss das Auto mit Wucht. Ich erhoffte mir, meine Sorgen würden sich mit derselben Wucht verflüchtigen.
Über einen unregelmäßigen Steinpfad kam ich der hellblauen Tür immer näher. Kaum stand ich auf der klassischen Fußmatte mit einem großem, verschnörkelten „Willkommen" darauf, klingelte ich auch schon. Ich konnte nicht mehr warten.
Ich klingelte mitten in der Nacht bei Niek.
Es klang absurd, doch es geschah.
5 Sekunden vergingen, dann 10.
Dann hörte ich endlich Fußstapfen. Ich hatte gewusst, er würde noch wach sein. Die Schritte wurden lauter, bis sie schließlich verstummten.
Er öffnete die Tür, stand dort, verschlafen im Pyjama, ein mir ähnliches Bild abgebend. Sein Gesicht wurde etwas wacher, hellte etwas auf, als er mich sah.
„Faister?"
Er klang verwirrt und müde zugleich. Seine verstruppelten Haare ließen ihn süß wirken. Fast Lämmchengleich. So knuffig wie immer sah er aus.
„Es tut mir leid. So so leid, Niek." Ich verdrückte Tränen. Noch nie hatte mir etwas so sehr leid getan. Er wusste nicht, was ich meinte. Das musste er auch nicht. Er musste sich einfach nur nicht von der Stelle rühren. Und das tat er nicht.
Ich ergriff die Chance, ging die paar Schritte auf ihn zu, die noch zwischen uns lagen. Langsam, aber mit Zuversicht schloss den Abstand und küsste ihn.
In der kalten Nachtluft.
Ich hatte es gemacht wie ein Großer.
Zuerst war er überrascht. Ging noch nicht auf den Kuss ein. So schwanden all meine guten Hoffnungen kurz. Aber kurz darauf, als er den Kuss dann erwiderte, so wie damals im Club, und ich seine Wärme komplett spürte, entfachten diese Hoffnungen wieder. Obwohl es hier draußen fror, war ich erfüllt und eingelümmelt. Denn Niek war da.
Die Welt schien für nur einen Moment endlich perfekt und heil zu sein.
Es zählten keine Testergebnisse, sondern Zuneigung.
Zuneigung und vor allem: Liebe.
