Chapter Text
Franz liebte Spiele im Herbst. Es war nicht mehr so heiß, dass er sich vor jeder Bewegung zweimal überlegte, ob sie sich auch wirklich lohnte, weil ihm danach definitiv der Schweiß über den Nacken laufen würde, aber auch noch nicht so kalt, dass er bei jedem Sprint das Gefühl hatte, er müsste seine vereisten Sehnen erst wieder auftauen, damit sie nicht barsten. Und ganz besonders der Weg in die Halle war im Herbst immer etwas ganz Besonderes.
Wenn er früh morgens auf dem Fahrrad durch die Straßen Leipzigs fuhr, den sanften Wind im Gesicht spürte und die ersten Sonnenstrahlen zwischen den Häusern hervorlugen sah, dann fühlte er sich vollkommen frei, konnte oftmals ein Grinsen, oder zumindest ein Lächeln, nicht vermeiden. In diesen Momenten war er sich sicher, dass er alles richtig gemacht hatte im Leben.
Na ja, fast alles – dass sie jetzt Ende Oktober mit 2:18 Punkten und keinem einzigen Saisonsieg abgeschlagen auf Platz 18 in der Bundesliga-Tabelle standen, war nicht sonderlich berauschend, aber wenn Franz davon einmal absah, konnte er sich eigentlich nicht beschweren. Er war vom Bundestrainer sogar wieder für die Nationalmannschaft nominiert worden, obwohl er diese Saison noch nicht sein gewohntes Niveau abrufen konnte. Und obwohl Franz eigentlich froh sein müsste, diese Woche einmal nicht aussichtslos gegen eine weitere Niederlage ankämpfen zu müssen, vermisste er es fast, dass er heute nicht dem Sonnenaufgang entgegenradeln konnte.
Stattdessen erwachte er in einem sterilen Hotelzimmer mit weißer Bettwäsche, die viel zu steif war, um wirklich bequem zu sein. Die Vorhänge hatte er gestern Abend schon früh zugezogen und vergeblich gehofft, dass der durchscheinende Stoff doch etwas Licht von draußen blockieren würde. Jetzt war es stockdunkel – kein Verdienst der vollkommen nutzlosen Vorhänge, sondern eine Kombination aus dem typischen Tag-Nacht-Rhythmus des Herbsts und Franz‘ frühem Erwachen an Spieltagen, ganz besonders an Auswärts-Spieltagen oder in der Nationalmannschaft. In fremden Betten zu schlafen, war noch nie seins gewesen, aber mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, sodass er meist nur ein oder zwei Stunden weniger Schlaf hatte als üblich.
Müde streckte er sich in dem viel zu großen, fremden Bett, wobei sein Rücken leise knackte. Offensichtlich gefiel nicht nur seinem Geist die ungewohnte Matratze nicht sonderlich gut. Mit einem schnellen Blick auf die Uhr stellte er fest, dass er bis zum Frühstück noch viel zu viel Zeit hatte, es war einer von den schlechten Tagen, zumindest was die Ruhe anging. Noch einmal einschlafen, wollte er trotzdem nicht, konnte er auch gar nicht. Seine Gedanken hatten schon wieder viel zu sehr zu rasen begonnen. An Spieltagen war das immer so. Da war immer diese kribbelnde Anspannung in ihm, die erst dann nachließ, wenn das Spiel angepfiffen wurde und er nichts mehr im Kopf haben musste als den Ball ins Tor zu bringen. Warum das Frühstück an solchen Tagen immer so spät angesetzt war, wenn sowieso die halbe Mannschaft schon ab 6 Uhr wach war, hatte er noch nie verstanden, musste er wahrscheinlich auch nicht, irgendeinen Sinn würde das schon haben.
Nachdem Franz unter weiterem Knacken noch einmal seinen Rücken durchgedrückt hatte, stand er schließlich auf und schlurfte zum Fenster hinüber, seine Schritte hallten unnatürlich laut in dem leeren Zimmer wider. Er zog die unnützen Vorhänge beiseite, keinerlei Änderung der Lichtverhältnisse im Inneren. Mehrfach blinzelte er, um überhaupt irgendetwas erkennen zu können, nicht einmal Straßenlaternen am Wegesrand gab es auf dem Hotelgelände.
Mit einem lauten Gähnen wandte er sich wieder vom Fenster ab und ging zu dem Schrank hinüber, den er widerwillig eingeräumt hatte, eigentlich lebte er lieber direkt aus dem Koffer. Bei jedem Schritt kribbelten seine Beine erwartungsvoll, sie lechzten danach, auf sein Fahrrad zu steigen und loszufahren. Nicht einmal der Fakt, dass seine Brille dabei wieder beschlagen würde, störte ihn jetzt sonderlich stark, er brauchte einfach diese Bewegung, er musste die überschüssige Energie loswerden, durch die Straßen fahren, um Kurven rasen. Vor seinem inneren Auge konnte er schon die Halle sehen. Jedes Mal, wenn er kurz davor war, sie zu erreichen, beschleunigte er noch einmal, um dann mit einem möglichst lauten Quietschen zu bremsen.
Franz‘ Blick fiel auf die säuberlich gestapelten Klamotten vor sich. Kein Fahrradfahren heute. Die Energie würde in ihm angestaut bleiben, und er müsste die nächsten Stunden alleine im Hotel verbringen und darauf warten, dass es endlich Frühstück mit den anderen gab. Erneut verfluchte Franz sich dafür, dass er sein Buch zu Hause vergessen hatte. Er war zwar kein großer Lesefreund, aber immerhin hätte er dann etwas zu tun gehabt. So konnte er nur stundenlang hin und her laufen oder sich im Aufenthaltsraum alleine mit Gesellschaftsspielen beschäftigen, bis er sich irgendwann fragen würde, ob er überhaupt noch mental stabil war. Ein Besuch im Kraftraum hätte ja auch eine gute Ablenkungsmöglichkeit dargestellt, aber den sollten sie an Spieltagen nicht nutzen, weil das zu viel Energie verbrauchen würde, die sie noch für das Spiel brauchten.
Während Franz seine Beschäftigungsoptionen gedanklich durchging, fiel ihm eine weitere Sache ein, die in der Nationalmannschaft – neben ihrer Tabellenposition – besser war als im Verein: er konnte Zeit mit Renārs verbringen, der sonst in Hannover lebte und spielte, gut 260 Kilometer von ihm entfernt. Was genau das zwischen ihnen war, konnte Franz nicht mit Sicherheit sagen, aber was es auch war, es hatte sich während der WM im Januar entwickelt, die Franz genau deshalb trotz der sportlichen Schwierigkeiten positiv in Erinnerung geblieben war. Es hatte langsam begonnen, vorsichtig und verborgen vor den Augen ihrer Mitspieler, aber es hatte sich toll angefühlt. Nach der WM hatten sie nie wieder darüber gesprochen – hatten sie, um ehrlich zu sein, auch währenddessen nicht. Franz nicht, weil er zu viel Angst davor hatte, was es bedeuten, oder viel eher, was es nicht bedeuten könnte, und Renārs nicht, weil – nun ja, genau das wusste Franz nicht, sie hatten ja nicht darüber gesprochen. Vielleicht hatte das Ganze Renārs ja gar nichts bedeutet, vielleicht war es für ihn ganz normales Verhalten unter Kollegen gewesen. Bei diesem Gedanken zog sich Franz‘ Magen schmerzhaft zusammen.
Denn das, was er wusste, war, dass es für ihn keine einfache Nationalmannschafts-Bekanntschaft war, die er so leicht wieder vergessen konnte. Ihm hatte die gemeinsame Zeit mit Renārs unglaublich viel Freude bereitet, alles hatte sich so viel einfacher und leichter angefühlt, selbst Niederlagen waren mit ihm nicht mehr ganz so schwer zu ertragen. Und eigentlich hatte Franz gedacht, dass es Renārs genauso gehen würde, dass ihm Franz‘ Gesellschaft ebenfalls gefiel. Franz hatte geglaubt zu merken, dass Renārs in seiner Gegenwart mehr redete als für gewöhnlich, mehr lachte, mehr Spaß hatte. In den Monaten nach der WM war dieser Eindruck allerdings immer mehr verblasst. Auch bei Hannover war Renārs glücklich, sie hatten kaum mehr Kontakt gehabt, alles war so geblieben wie vor der WM, und eigentlich hatte Franz akzeptieren wollen, dass er sich das, was bei der WM passiert war, wohl doch nur eingebildet hatte. Bis jetzt der Nationalmannschaftslehrgang gekommen war, der ihm einen Strich durch seine fragile Rechnung gemacht hatte.
Die Distanz der vergangenen Monate war wieder geschmolzen, sie hatten geredet und gelacht, zusammen trainiert, wo es nicht nötig war, und wieder hatte keiner das angesprochen, was undefiniert zwischen ihnen lag.
***
Nachdem Franz sich angezogen hatte – es war immer noch viel zu früh für Frühstück – ging er in Richtung des Aufenthaltsraums, in der Hoffnung, dort vielleicht ein paar Mitspieler aufzufinden, die ebenfalls schon wach waren und nur darauf warteten, dass jemand mit ihnen eine Runde Uno oder Kniffel spielte – wobei Franz sich nicht sicher war, ob er sich auf Kniffel genug fokussieren könnte.
Die Tür zum Gemeinschaftsraum war nur angelehnt, als er ankam, das große Deckenlicht war zwar aus, aber dennoch drang ein schwacher Lichtschimmer durch den Türspalt zu Franz hinüber. Vorsichtig stieß er die Tür auf, die den Blick auf zwei Gestalten freigab, die auf dem kleinen Sofa in der Ecke saßen. Direkt an der eingeschalteten Stehlampe saß Juri, die langen blonden Haare noch offen, ein Buch in der Hand, in das er mit leicht zusammengekniffenen Augen starrte. An ihn lehnte sich die zweite Gestalt, sie war etwas kleiner mit braunen Haaren, die noch wild durcheinander waren, die Knie hatte sie an die Brust gezogen und auf der Nase saß eine Brille, die man sonst nur äußerst selten zu Gesicht bekam. Franz‘ Herz schlug augenblicklich etwas schneller und unwillkürlich stellte er sich vor, er säße dort an Juris Stelle und Renārs würde sich so an ihn lehnen. Ein Stich der Eifersucht durchzuckte ihn.
Als er näher kam, entdeckte er, dass in dem Sessel, der dem Sofa gegenüber stand, noch jemand hockte, die große und schlaksige Gestalt von David hatte sich dort zusammengekauert und murmelte leise vor sich hin, in seinen Händen Blätter mit unzähligen, sich wild überlagernden Linien – typische Torwart-Analysen zu den Würfen der Gegner. Juri sah kurz von seinem Buch auf, lächelte Franz zu, bevor er sich wieder hineinvertiefte, es war das Buch, mit dem er schon die letzten Tage ständig herumgelaufen war, um Dänisch zu lernen. Renārs hatte Franz‘ Ankunft gar nicht bemerkt, er hatte die Augen geschlossen und seine Brust hob und senkte sich langsam, eine Hand locker auf Juris Arm gelegt.
Etwas schwungvoller als nötig, ließ sich Franz auf das Sofa neben Renārs fallen, der hochschreckte und sich verwirrt umschaute, seine Hand klammerte sich in Juris Arm, dem ein empörtes „Autsch“ entwich, bevor er seinen Arm wegzog Franz musste sich beherrschen, um ein befriedigtes Lächeln zu vermeiden. Renārs‘ Augen kamen auf Franz zum Stillstand, woraufhin sich seine Gesichtszüge wieder entspannten und er sich wieder in die Kissen zurückfallen ließ.
„Morgen…“, murmelte er und rieb sich einmal über die Augen, wobei seine Brille leicht verrutschte. Franz lächelte nur müde, gerne hätte er die Brille wieder zurechtgerückt oder Renārs direkt in seine Arme gezogen, aber er zwang sich dazu, sich zurückzuhalten, noch immer verunsichert darüber, wie viel Nähe erlaubt war. Stattdessen huschte sein Blick nur kurz über Renārs, der konzentriert die Lippen zusammenpresste, während er jetzt leicht sein Gewicht verlagerte, um sich unauffällig etwas näher an Franz zu schieben, der nun doch nicht mehr stillhalten konnte, sondern instinktiv einen Arm um Renārs‘ Schultern legte und ihn so an sich zog. Erst danach dachte er darüber nach, was er gerade getan hatte und die Fragen überkamen ihn erneut, wurden jedoch sofort getilgt von der Wärme von Renārs‘ Körper so dicht an seinem.
Der fragend-amüsierte Blick, den David ihnen zuwarf, blieb unkommentiert – was hätten sie auch sagen können, wenn sie selbst nicht wussten, was das hier war. Stattdessen begann David, ihnen irgendetwas über die Taktik der Isländer zu erzählen, über deren Angriffsverhalten und wie sie in der Abwehr dagegenhalten mussten. Franz hörte nur mit halbem Ohr zu, er hatte genau dieselben Worte in den letzten Tagen bestimmt schon fünfmal vom Trainerteam gehört und die Anweisungen mehrfach praktisch ausgeführt, das musste als Vorbereitung reichen, zumal er in der Abwehr sowieso eher selten eingesetzt wurde. In Gedanken war er schon wieder bei Renārs, der Franz‘ einladenden Arm dankend angenommen und sich an ihn geschmiegt hatte, die Augen jetzt wieder geschlossen. Ab und zu entkam ihm ein leises Brummen, um David zu signalisieren, dass er zuhörte, doch auch das wich nach und nach einem immer gleichmäßiger werdenden Atem.
Franz‘ eigenes Herz schlug in seiner Brust so laut und so schnell, dass er befürchtete, Renārs müsse es bemerken und davon aufwachen, aber nichts dergleichen geschah. Der Hannoveraner schlief tief und fest, er sah sogar noch friedlicher aus als zuvor als er an Juri gelehnt hatte, fand Franz, was ein kurzes triumphierendes Grinsen über seine Lippen huschen ließ. Er hasste diese Wirkung, die Renārs auf ihn hatte, und gleichzeitig wollte er sie keinesfalls missen. Jedes Mal, wenn er in Leipzig war und sich einsam fühlte, schweiften seine Gedanken zu genau solchen Momenten ab, sehnten sie sich herbei und begannen zu fantasieren. Er hatte sogar schon darüber nachgedacht, ob er nicht nach Hannover wechseln sollte, nur damit er Renārs öfter sehen könnte, die Überlegung hatte er sich allerdings ganz schnell wieder aus dem Kopf geschlagen. So etwas war niemals eine gute Idee, ganz besonders nicht in seiner Situation. Er musste an seine Karriere denken. Und doch lösten diese Momente etwas in ihm aus, das er sich nicht so recht zu erklären wusste.
Zwar war es nicht das erste Mal, dass er so mit jemandem Arm in Arm lag, oder sich mit jemandem teilweise völlig ohne Worte verständigen konnte – zweiteres war als Handballer auf der Platte sowieso von unbedingter Notwendigkeit – aber trotzdem war es bei Renārs irgendwie anders, und das machte Franz mehr Angst als er sich eingestehen wollte. Er hatte das Gefühl, diese Verbindung ging tiefer als nur schlichte Sehnsucht nach einem Trost von seiner Einsamkeit zu Hause. Da war mehr, es fühlte sich nicht nur an wie ein Ersatz oder eine Ausweichmöglichkeit, eine Ablenkung. Doch wie viel mehr, und ganz besonders was für eine Art von mehr, das konnte Franz sich bei bestem Willen nicht beantworten.
Wieder einmal wünschte er sich Lucas herbei – Lucas Krzikalla, seinen langjährigen Teamkollegen beim DHfK und seit ein paar Jahren auch inoffiziellen Therapeuten, wenn ihn etwas beschäftigte und er nicht genau wusste, wie er darüber reden sollte. Lucas war es zu verdanken, dass Franz mittlerweile wusste und akzeptierte, dass er bi war. Vor zwei Jahren, nach seiner Rückkehr zum DHfK hatte Franz nach ihrem Spiel gegen Flensburg völlig aufgelöst in der Kabine gehockt und Lucas hatte ihm klargemacht, dass er wahrscheinlich nicht nur auf Frauen stand, und dass das absolut keine Schande war.
Franz konnte sich noch genau an die Situation erinnern. Nach dem Spiel war er sofort in die Kabine gestürmt, hatte sich das klebrig verschwitzte Trikot vom Leib gerissen und den Kopf in die Hände gestützt. Er hatte am ganzen Körper gezittert, Tränen waren ihm über die Wangen gelaufen, sodass er die Handballen fest auf seine Augen gedrückt hatte, um den Fluss zu stoppen. Irgendwann hatte sich jemand neben ihn gesetzt – Lucas. Er hatte nichts gesagt, einfach abgewartet, bis Franz sich beruhigt hatte, er hatte die anderen Jungs gebeten, noch kurz draußen zu warten, damit sie alleine waren. Lucas war zu dem Zeitpunkt gerade einmal ein Jahr öffentlich geoutet gewesen und dennoch hatte er eine Sicherheit ausgestrahlt, die Franz beeindruckt hatte. Er selbst hatte nie ein Problem mit Lucas‘ Sexualität gehabt, aber der Gedanke, dass er selbst auch auf Männer stehen könnte, war ihm damals zu bizarr vorgekommen, zu abwegig, vielleicht sogar zu eklig, um ihn ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Ohne Lucas würde er heute vielleicht immer noch an diesem Punkt feststecken.
Unsicher wanderte sein Blick jetzt zu Renārs, auf dessen Lippen sich ein schwaches Lächeln gebildet hatte. Lucas‘ Worte kamen ihm wieder in den Kopf und mit einem Mal traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz.
Er hatte sich in Renārs verliebt.
