Chapter Text
Julian hatte gerade erst das Taxi verlassen und war gerade dabei, seine Koffer hinauszuhieven, da schlang sich schon ein Paar starker Arme um ihn und drückte ihn so fest an sich, dass er beinahe in dem Meer aus dunkeln Locken ertrank, die sich in sein Gesicht schoben. Instinktiv stieß er die Luft aus, pustete die Haare, die sich einen Weg in seinen Mund gebahnt hatten, aus dem Weg.
Auf die Umarmung tat er im allerersten Moment gar nichts, bis er sich daran erinnerte, dass er sie wahrscheinlich erwidern sollte, das wäre eine angebrachte Reaktion. Er ließ seine Tasche los, die mit einem dumpfen Geräusch neben ihnen auf dem Boden landete, und hob seine Arme, um sie um Kai zu legen und ihn zu umarmen. Anders als früher fühlte sich Julians Umarmung im Gegensatz zu der von Kai schwach an, doch das störte ihn erstaunlicherweise kaum. Früher hätte ihn das geärgert, er hätte alles unternommen, um selbst stärker zu sein als Kai, jetzt erinnerte ihn die Umarmung an eine andere, die er aus Dortmund kannte und ihm in den letzten Monaten so oft Halt geboten hatte.
Während Julian in den Dortmunder Armen gelegen hatte, hatte er den Mann mit diesen starken Armen gefragt, ob er mit Kai und ihm in den Urlaub kommen wollte, er hatte abgelehnt, hatte gesagt, dass er die Romantik nicht zerstören wollte. Wahrscheinlich war das besser so, trotzdem war Julian für einen Moment lang enttäuscht gewesen, spürte jetzt wieder diesen Stich, der nur unterbrochen wurde von dem plötzlichen Schmerz, der durch seine Zehen schoss.
Erschrocken sprang er zurück und schüttelte dabei Kais Arme ab. Sein Koffer war umgefallen, natürlich genau auf seinen Fuß, der jetzt wie wild pochte und nach Aufmerksamkeit schrie, die Julian ihm widerwillig gab, während er leise fluchend seinen Koffer wieder aufstellte und ihn diesmal auch festhielt.
Kai eilte ihm zur Hilfe, ihre Finger streiften sich für einen Moment, als Kai den Koffer nahm, damit Julian sich um seinen Fuß kümmern konnte. Julian bemerkte Kais besorgt gerunzelte Stirn, beschloss aber, das vorerst zu ignorieren, bis Kai sich dann zu Wort meldete und ihm jegliche Chance gab, ihn zu ignorieren, wenn er nicht wie ein vollkommener Idiot wirken wollte.
"Geht's? Soll ich dir irgendwie helfen? Sorry, ich hätte besser aufpassen sollen."
Julian nickte nur knapp, rieb sich noch einmal über den Fuß und stellte sich dann wieder gerade hin, um den Anschein zu erwecken, dass alles in Ordnung wäre. Er presste die Lippen aufeinander, der Schmerz war noch nicht abgeklungen, aber Kai sollte sich keine unnötigen Sorgen machen, also sagte er schnell: "Alles gut, mir geht's prima. War nur die Überraschung. Und ich hätte ja selbst aufpassen können."
Kais besorgte Miene lichtete sich etwas, stattdessen erschien ein anfängliches Grinsen auf seinen Lippen und seine Augen begannen etwas zu leuchten, als er Julian jetzt ausgiebiger musterte. Das Grinsen wurde breiter, schien gar nicht mehr verschwinden zu wollen, während Julian sich gerade nichts sehnlicher wünschte, als diesem durchdringenden Blick entgehen zu können. Noch einmal zog Kai ihn in seine Arme und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Stirn.
"Ich hab dich so vermisst, Jule.", nuschelte er in dessen Haare, bevor er ihn wieder von sich wegschob, um ihn erneut inspizieren zu können.
Julians Antwort bestand aus einem schiefen Lächeln. Jeder Versuch, etwas auf Kais Worte zu erwidern, scheiterte an dem dicken Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte und jegliches Wort vertilgte, bevor Julian überhaupt daran denken konnte, es auszusprechen. Er räusperte sich einmal, aber der Kloß blieb. Also hob er stattdessen zaghaft eine Hand und strich Kai damit über die Wange, auf der sich seine kleinen Lachfältchen abzeichneten, die Julian früher so sehr gemocht hatte - und die er natürlich immer noch mochte. Seine Finger tanzten vorsichtig über die weiche Haut, die kurzen Bartstoppeln kitzelten an seinen Fingern und ließen das Lächeln auf Julians Lippen endlich ein wenig echter werden. Kai merkte das nicht, oder er war schlau genug, es nicht anzumerken.
Julians Finger glitten ein Stück nach unten, strichen behutsam über Kais muskulöse Arme, über die sein eng anliegendes Shirt spannte. Beeindruckt wanderten Julians Augen über Kais Oberarme, seine Finger zeichneten die Muskeln nach, von denen er selbst auch gerne mehr hätte.
"Hab gesehen, dass du viel trainiert hast die letzten Monate.", meinte er langsam, seine Finger immer noch in Bewegung, weil er genau wusste, wie verrückt er Kai damit machen konnte. Nach einer kurzen Pause, um Kai spüren zu lassen, was er tat, fügte Julian mit spielerisch wackelnden Augenbrauen hinzu: "Da macht es dir doch sicher nichts aus, mein Gepäck zu tragen, oder? Du, als starker Mann, solltest ja keinerlei Schwierigkeiten damit haben."
Kai wehrte natürlich sofort ab, Julian hatte nichts anderes erwartet, aber trotz der anfänglichen Einwände und Beschwerden ließ er sich schließlich doch dazu überreden, zumindest einen Teil des Gepäcks zu dem kleinen Ferienhaus zu tragen, dass er sich und Julian für die nächste Woche gemietet hatte. Die Kombination aus erweichenden Blicken, zarten Berührungen und ab und zu einem Vorwurf à la "Du wolltest unbedingt ein Haus so weit fernab von der Zivilisation buchen." hatten ihren Dienst geleistet, sodass Julian jetzt beschwingt neben Kai her lief und das zufriedene Grinsen kaum verstecken konnte, während er immer wieder auf Kais Arme starrte, deren Muskeln bei jeder Bewegung so mühelos spielten.
Kurz flammte der Gedanke an Nico in Julians Gedächtnis auf, auch dessen Bizeps war während seiner Verletzung enorm gewachsen. Letztens beim Feiern hatte er Julian mit so einer Leichtigkeit hochgehoben, das war beinahe erschreckend gewesen. Schnell verbannte Julian den Gedanken wieder. Er war hier mit Kai, nur mit Kai. Sie zwei ganz alleine, ohne Medientermine, Trainings, zu neugierige Fans oder Mitspieler, die ihnen dazwischengrätschen konnten. Ein romantischer Paarurlaub nur zu zweit. Irgendwie erschreckend.
Ein schlechtes Gewissen stieg in Julian auf und er biss sich auf die Innenseite der Wange. Erschreckend? Was stimmte denn nicht mit ihm? Noch vor einem halben Jahr hätte er alles dafür gegeben, so schnell wie möglich einen Urlaub mit Kai machen zu können, und jetzt fand er diese Vorstellung erschreckend?
Als sie nach einem gut dreißigminütigen Marsch endlich an dem kleinen Ferienhaus ankamen, das Kai gebucht hatte, staunte Julian nicht schlecht. Offensichtlich hatte sich Kais Geschmack gebessert seit sie zusammen bei Leverkusen gespielt hatten. Das Haus war nicht groß oder protzig, viel mehr fügte es sich nahtlos in die Umgebung mit den kleinen Dünen und dem lichten Wald ein. Zwei Stockwerke, sehr verwinkelt und mit genügend Fenstern, um auch tatsächlich Tageslicht hereinzulassen.
Anerkennend pfiff Julian durch die Zähne, was Kai sofort zum Grinsen brachte. Normalerweise suchten sie immer zusammen ein Ferienhaus für den Urlaub aus, aber dieses Mal hatte Julian das Kai überlassen, mit dem stressigen Endspurt in der Liga und der anschließenden Klub-WM hatte er kaum noch einen Nerv für etwas anderes als Fußball gefunden. Und scheinbar hatte Kai es ja auch ohne ihn geschafft, was Julian ehrlicherweise mehr überraschte als er erwartet hatte.
Grinsend drehte sich Kai zu ihm um und streckte stolz die Arme aus.
"Na? Was sagst du?", fragte er. Noch bevor Julian eine Antwort geben konnte, hatte er sich wieder der Tür zugewandt und steckte den kleinen Schlüssel in das Schloss, den er vorher aus seiner Tasche hervorgekramt hatte.
Die Tür öffnete sich leise, vollkommen geräuschlos, nicht einmal das leiseste Quietschen gab sie von sich. Julian offenbarte sich der Blick in einen schmalen Eingangsbereich, der mit seiner präzisen Ordnung und den akkuraten Dekoelementen so gar nicht zu ihnen beiden passen wollte. Aber sie würden das Haus ohnehin noch früh genug ins Chaos stürzen, das hatten sie bisher jedes Mal geschafft, hatten sich sogar jedes Mal aufs Neue übertroffen.
Julian ging nicht auf Kais Frage ein, sein Ego musste er nicht mehr pushen als sowieso schon, stattdessen schob er sich mit seinem Gepäck an Kai vorbei in den Eingangsbereich und sah sich um. Helle Wände, moderne, aber schlichte Einrichtung, drei Türen - eine geradeaus und zwei nach rechts - auf der linken Seite eine Treppe, die nach oben zum Rest des Hauses führte.
"Zimmer?", fragte er knapp, sah Kai einen Moment lang erwartungsvoll an und widmete sich dann doch wieder der Einrichtung, was Kai allerdings nicht allzu sehr zu stören schien.
"Erste Tür rechts das Bad, dahinter das Wohnzimmer. Viel zu großes Sofa, Beamer mit Leinwand und ein paar DVDs, hässlicher Esstisch und eine kleine Terrasse mit sehr schönem Blick auf das Meer. Geradeaus die Küche, aber Achtung, alles in blau gestrichen - königsblau."
Julian verdrehte die Augen, grinste aber. War ja klar, dass Kai diesem Witz nicht widerstehen konnte. Er lehnte sich ein Stück zur Seite, um einen Blick durch die halb geöffnete Küchentür zu werfen, und tatsächlich war da drinnen alles, war ihm ins Auge sprang, blau. Die Wände, die Schränke, sogar die Teller, die Kai wohl schon aufgestellt hatte.
Unbeirrt fuhr Kai mit seinen Ausführungen fort: "Oben haben wir ein größeres Bad mit Dusche, eine kleine Abstellkammer und natürlich das Schlafzimmer. Kein Fernseher dort, aber brauchen wir ja auch nicht. Dafür gibt's ein gemütliches Doppelbett, hab vorhin sogar schon mal Probe gelegen und ein kurzes Mittagsschläfchen gemacht. Lässt sich gut drin liegen und wahrscheinlich auch... andere Dinge tun."
Beim letzten Teil seines Satzes hoben sich Kais Mundwinkel an und seine Augen funkelten schelmisch. Julian wurde währenddessen fast schlecht. Sein Magen zog sich kurz krampfhaft zusammen und ein plötzlicher Schmerz durchzuckte seine unteren Regionen. Er konnte nicht genau sagen, was es war, aber irgendwie wirkte der Gedanke an Sex mit Kai gerade alles andere als erregend auf ihn. Er hatte sogar das Gefühl, sein Schwanz würde mit einem Mal noch schlaffer werden als er sowieso schon war.
Trotzdem zwang er sich zu einem Grinsen, von dem er hoffte, dass es mindestens genauso begeistert aussah wie das von Kai. Nicht zu überhastet, aber auch nicht betont langsam nahm er sein restliches Gepäck vom Flur auf und schaute die schmale Wendeltreppe hoch. Das würde sicherlich ein Vergnügen werden.
"Kannst schon mal hier unten Fifa auf der Leinwand anschmeißen. Ich bring schnell meine Sachen hoch und komme dann nach. Und wehe, du bist wieder zu blöd, um das HDMI-Kabel einzustöpseln."
Kais Blick huschte kurz zu seinen Koffern und er runzelte die Stirn. "Soll ich dir nicht beim Hochtragen helfen?"
Schnell schüttelte Julian den Kopf, dass seine blonden Haare flogen. Er wollte das erstmal alleine machen, er brauchte zumindest diesen kurzen Moment der Ruhe für sich alleine, bevor er Kai die nächsten sieben Tage ununterbrochen um sich hätte. Und es konnte sicherlich auch nicht schaden, für sich einen ersten Eindruck vom Haus zu gewinnen, ohne dass er jedes Mal seinen persönlichen Hausguide bräuchte.
Er verschränkte die Arme vor der Brust, um die Unsicherheit zu verbergen, die gerade in ihm aufkeimte. Irgendwie fühlte sich dieser Urlaub gerade doch nicht wie eine gute Idee an, vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er einfach in Dortmund geblieben wäre, in seiner sicheren Umgebung, wo ihn nichts unerwartet überraschen konnte. Aber jetzt war es nun einmal zu spät, da konnte er auch genauso gut versuchen, es zu genießen. Wann würde er schon das nächste Mal die Chance dazu haben, so viel Zeit mit Kai zu verbringen?
"So schwach bin ich jetzt auch nicht, ich schaff das schon alleine. Und du hast doch bloß Angst, dass du wieder an der Technik versagst und ich dich retten muss."
Er boxte Kai gegen den Arm, und bereute es direkt. War das zu freundschaftlich? Nicht intim genug? Die Verunsicherung, die für einen Moment in Kais Blick aufflammte, gab ihm eine deutlichere Antwort als er wollte, aber glücklicherweise ging Kai nicht darauf ein. Er nickte kurz und verschwand dann, fast schon fluchtartig, ins Wohnzimmer, während Julian mit seinen Taschen alleine zurückblieb, die er jetzt mühsam nach oben schleppte, wobei er jedes Mal leise fluchte, wenn er wieder am Geländer oder einer Treppenstufe hängenblieb, bis er endlich oben ankam und das Gefühl hatte, gerade mindestens eine Halbzeit gegen den FC Bayern in den Knochen zu haben.
Normalerweise hatte er doch nicht so viel Gepäck dabei, was hatte er sich dieses Mal dabei gedacht? Und viel wichtiger noch - was hatte er überhaupt alles mitgenommen? Die Erinnerungen ans Packen verschwammen in seinen Gedanken. Erst hatte er noch mit Nico telefoniert, um ihn zu überreden, doch mitzukommen, und danach nach der Absage, war es, als wäre er in einer Art Trance gewesen. Er hatte gar nicht wirklich darauf geachtet, was den Weg in seinen Koffer gefunden hatte. Hoffentlich fehlte bei der Menge wenigstens nicht irgendetwas Gravierendes, sonst stünde ihm nachher ein ziemlich peinlicher Moment bevor, wenn er Kai gestehen müsste, dass er seine Unterhosen oder seine Zahnbürste vergessen hatte.
Er öffnete den Reißverschluss seiner ersten Tasche und zog langsam die T-Shirts hervor, mit denen sie bis zum Rand gefüllt war, einige davon gehörten gar nicht ihm, sondern waren noch Überbleibsel seiner Teamkollegen von der letzten Feier nach der Qualifikation für die Champions League. Nachdenklich trug er sie zum Schrank hinüber, er musste beim Packen ja völlig durch gewesen sein, bevor er auf einmal innehielt. Was tat er denn hier gerade? Normalerweise lebte er doch einfach aus dem Koffer, er sortierte nie seine Sachen ein. Er verschwendete nur unnütz Zeit, die sie zum Zocken verwenden könnten.
Sein Blick huschte zur Tür und er biss sich auf die Zunge, als ihn eine ungute Vorahnung überkam. Mit einem Seufzen, das die Anstrengung der letzten zehn Ligaspiele in sich trug, ließ sich Julian rückwärts auf das Bett fallen, die T-Shirts noch in den Händen, ganz oben ein Dortmunder Trikot mit der Nummer 4. Das Bett federte wirklich erstaunlich gut.
