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Leider der, der ich immer war

Summary:

Flo hätte nicht gedacht, dass er jemals als Fahrlehrer enden würde. Die größten Vereine des Fußballs haben sich um ihn gerissen. Doch sein Kreuzbandriss hat seinen Traum platzen lassen und sein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Um ja nicht mehr mit seiner Verletzung in Verbindung gebracht zu werden, hat Flo Fußball aus seinem Leben verbannt.

Als jedoch Jamal vor seiner Fahrschule steht, wird Flo gezwungen, seine Vergangenheit nochmal zu durchleben und muss feststellen, dass Verdrängung nicht für immer funktioniert.

Notes:

Hallo Freunde und Fremde,
mein Plan war eigentlich, dieses Projekt erst zu posten, wenn es fertig ist. Es ist nicht fertig, noch lange nicht, aber es sitzt seit Mai in meinen Docs und will endlich frei gelassen werden. Ich hoffe, dass es mir Motivation gibt, das Ganze fertig zu schreiben.

Ich hab keine Ahnung, ob ich einen Uploadplan habe, ich hoffe einfach mal, dass alle zwei Wochen etwas kommt. Seht es mir nach, falls das nicht klappt, ich bin bloß eine Abiturientin ohne Zeit.

Viel Spaß beim Lesen :)

Chapter 1: Prolog

Chapter Text

Fuck, es ist warm. Nicht warm, glühend heiß. Trotz glitzernden, dünnen Stoffs, den ich als Oberteil trage und den ständigen Trinkpausen, zu denen Anne uns drängt. Es ist heiß. Aber an reingehen oder aufhören denke ich gar nicht. 

 

„Flo!“, ruft Anne mich und hält mir eine Flasche mit blauer Kappe hin. Ihre Fingernägel glitzern in den Farben des Regenbogens, passend zu ihrem Hut, den sie sich vor einer halben Stunde ergattert hat. Ich trinke die Hälfte der Flasche leer. Inzwischen habe ich aufgehört mitzuzählen, wie oft ich den Inhalt inzwischen hinuntergekippt habe. Und wo Anne das unendliche Wasser her hat, hinterfrage ich gar nicht erst. 

 

Sky fächert sich inzwischen in Dauerschleife mit deren Fächer kühle Luft zu. Dabei ist dey noch freizügiger als ich angezogen, auch wenn ich erst dachte, dass das unmöglich ist, ohne nicht direkt nackt zu sein. Aber ich habe nicht mit deren kurzer Hose gerechnet. Ein Oberteil hat Sky gar nicht erst angezogen.

 

Thea gibt ihre Flasche mit roter Kappe an Anne zurück. Auch sie wurde zum Trinken genötigt, worüber sie sich jedoch nicht beschwert. Sie schenkt sich selbst mit ihrem Regenbogenschirm ein wenig Schatten vor der knallenden Sonne. Aber sobald sich jemand dazu stellen will, wird er von Thea verscheucht. Das probiert man nur einmal. 

 

Ein wenig Wasser aus der Flasche kippe ich in meine Hand, um es mir direkt ins Gesicht zu spritzen. Es hilft, es kühlt meine erhitzte Haut. Dann gebe ich ebenfalls meine Falsche an Anne zurück, die sie in ihren Beutel steckt. Dieser Beutel ist ein Mysterium an sich. Da passt so ziemlich eine halbe Wohnung rein, jedes Mal zaubert Anne andere Dinge heraus. Ich bin mir sicher, dass sich ein ganzer Erste-Hilfe-Kasten, 2 Bücher, 2 Deos, ein paar Fidgets und 2 Wechselshirts darin befinden. Und noch 5 Wasserflaschen, alle mit unterschiedlich farbigem Deckel, damit keine Flaschen vertauscht werden.

 

Viktor klaut sich in der Zwischenzeit Skys Fächer. „Hey, gib den zurück“, verlangt Sky. Deren Hand will sich den Fächer zurückgreifen, jedoch dreht Viktor sich geschickt weg, sodass Sky in leere Luft greift. „Pass auf, Sky. Luftschläge sind ungesund“, meint Viktor nur und fächert sich in aller Ruhe weiter Luft zu. 

 

Das alles passiert unter lauter Musik, die sich alle 10 Sekunden ändert. Wagen um Wagen zieht an uns vorbei, während wir am Rand der Parade stehen und eine kleine Pause einlegen. 

 

Anne greift in ihre Tasche und wie es der Zufall will, hat sie natürlich einen Ersatzfächer dabei, den sie Sky gibt. Mir bietet sie schließlich Wasserspray an. „Danke“, sage ich und sprühe mir das Wasser ins Gesicht. Es tut noch besser als der vorherige Schluck aus der Flasche. Thea reckt mir ihr Gesicht hin, ihre Augen sind geschlossen und ihr Lidschatten in den Farben der bisexuellen Flagge glitzert im Sonnenlicht. Ich drücke also die Düse und verteile Wasser in ihrem Gesicht. 

 

Ich bin ehrlich, das ist einer der schönsten Tage in meinem Leben bisher. Zumindest ist es der Bunteste. In jede Richtung sehe ich grelle Farbe, Glitzer und Konfetti. Anne, Sky, Viktor und Thea haben diesen Tag schon seit Wochen erwartet und mich mit der Euphorie schließlich angesteckt. 

 

Ich stehe an einer Stelle, von der ich dachte, nie stehen zu werden. Neben dem CSD in München, als geouteter schwuler Mann. Ich bin kein Fußballer mehr, sondern Fahrlehrer. Und irgendwie… fühlt sich Freiheit für mich genau so an. 

 

Heute morgen war die WG in voller Aufruhr. Sky ist durch die Wohnung gerannt auf der Suche nach deren Make-Up, das sich natürlich bei Thea versteckt hat. Viktor hat Sky beim Suchen geholfen, hat jedoch ganz viele andere Sachen entdeckt, die ihn abgelenkt haben. Ihm ist aufgefallen, dass unser Schuhschrank schräg stand und nicht die gleiche Holz-Farbe hat wie der Rahmen des Spiegels und gefragt, ob das schon immer so war. Oder dass er dieses eine T-Shirt schon lange nicht mehr gesehen hat und plötzlich seine eigene Suchmission gestartet hat. 

 

Anne war die einzige, die bereit war, zu gehen, als die Uhr die Zeit zeigte, bei der wir uns ausgemacht haben, zu gehen. Ich wäre theoretisch auch fertig gewesen, aber Sky kam auf die Idee, mir ein wenig mehr ‚Stil‘ zu verpassen. Statt kurzer Sporthose und einem einfachen Shirts, hat dey mir ein durchsichtiges Top mit Glitzer und eine enge Hose gegeben. Dann hat er sich noch die Gayprideflag aus Viktors Zimmer geholt und mir wie ein Cape umgebunden. 

 

Thea macht sich auf den Weg in die Parade und wir geben uns Mühe, ihr zu folgen. Sie hat ein schnelles Lauftempo und trotz ihres großen Schirms ist sie manchmal leicht zu übersehen. „Ey, Zwerg, warte auf uns“, ruft Sky ihr hinterher und plötzlich dreht sie sich zu uns um. „Nenn mich nicht Zwerg“, sagt sie und zeigt mit dem Finger bedrohlich auf Sky. 

 

Plötzlich springt Thea auf meinen Rücken und ich habe Mühe, sie zu halten. Die Flagge verrutscht ein wenig und meine Knie geben unter dem überraschenden Gewicht nach. „Thea, sag doch was“. Aber sie hört mir nicht zu. Stattdessen schaut sie zu Sky, demm sie jetzt in die Augen schauen kann. „Wer ist jetzt der Zwerg?“ Sky streckte ihr lediglich die Zunge raus. 

 

Thea, Sky, Viktor und Anne sind wahrscheinlich der größte Chaoshaufen, der existieren kann. Aber ich liebe sie und ich kann mir keine besseren Mitbewohner wünschen. 

 

-ˋˏ✄┈┈┈┈┈┈┈┈┈┈┈┈┈

 

Völlig erschöpft falle ich aufs Sofa. Ich weiß nicht, wie spät es ist, oder wie lange wir unter der heißen Sonne spaziert sind. „Flo, geh erst duschen. Du bist völlig verschwitzt“, mahnt Anne mich. Sofort erhebe ich mich. Jedoch habe ich schon gesehen, dass Sky im Bad verschwunden ist. Ich klopfe an die verschlossene Tür. 

 

„Sky, kann ich mit duschen? Anne will das“, rufe ich durch die Tür und damit durch die ganze Wohnung. Ein paar Sekunden später dreht sich das Schloss und Skys Kopf kommt hervor. Dey mustert mich einmal von oben nach unten. „Sorry, bist nicht mein Typ“, meint dey dann und ohne auf meine Reaktion zu warten, schlägt dey die Tür wieder zu. 

 

Schmunzelnd gehe ich in die Küche. Anne und Thea stehen am Herd und beugen sich zusammen über einen Topf Nudeln. Ich stemme mich auf die Anrichte und schaue ebenfalls in den Topf. „Wie lange brauchen die noch?“, frage ich dann. Thea hebt den Kopf, um mich anzusehen. „9 Minuten“. „Du kannst schon mal den Tisch decken“, schlägt Anne mir vor. Mit einer kleinen Kopfgeste bedeutet sie mir, von der Anrichte runterzugehen. Nirgends darf man in dieser Wohnung sitzen. 

 

Tisch decken ist bei uns ein sehr dehnbarer Begriff geworden. Meistens essen wir im Wohnzimmer, weil dort am meisten Platz ist. Wir haben zwar eine Kücheninsel, an der auch Barhocker stehen, aber seit bei einem die Lehne abgebrochen ist und sich niemand um einen neuen Stuhl gekümmert hat, essen wir auf dem Sofa und dem Sessel. 

 

Ich stelle also 5 Schüsseln neben den Herd, greife Besteck und schleppe es ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa hat sich unser Kater Romeo breit gemacht. Das schwarze Tier hebt sich deutlich von dem blauen Stoff ab. Er scheint nicht zu schlafen, sondern lediglich zu liegen und auf Aufmerksamkeit zu warten. 

 

Sobald Romeo bemerkt, dass ich den Raum betrete, sieht er auf und blitzt mich mit seinen grünen Augen an. „Hallo, Kugel“, grüße ich ihn. Auch wenn er Romeo heißt, haben wir alle irgendwann angefangen, ihn nur noch Kugel zu nennen. Nicht weil er wie eine aussieht, sondern weil sein Lieblingsspielzeug Kugeln sind und dann ist es einfach hängen geblieben. 

 

Sky kommt endlich aus dem Badezimmer und gibt mir die Dusche frei. Also gehe ich in mein Zimmer, sammle mir ein paar saubere Klamotten vom Boden zusammen und mache mich auf den Weg ins Bad. 

 

Es tut gut, sich endlich den Schweiß abwaschen zu können. Das warme Wasser fühlt sich wie ein Segen für meine Haut an. Ich stehe bestimmt 5 Minuten einfach so unter dem Wasserstrahl und lasse mich berieseln. Dumpf höre ich ein Klopfen an der Tür. „Essen ist fertig“, ruft Thea durch die geschlossene Tür. 

 

Schnell trockne ich mich ab und ziehe mir die Klamotten an, auch wenn sie wegen meiner Haare nass werden. Im Wohnzimmer sitzen schon alle meine Mitbewohner. Viktor hat es sich mit Romeo auf dem Sessel bequem gemacht, Anne und Sky sitzen auf der Couch und zwischen ihnen unsere orange Katzendame Julia -Thea hat die beiden Katzen in ihrer Shakespeare-Phase benannt. Thea sitzt mit dem Rücken ans Sofa gelehnt. Sie alle haben einen Teller mit Nudeln auf dem Schoß, auch für mich steht eine dampfende Schüssel bereit. 

 

Ich quetsche mich zu Sky und Anne, worüber Julia nicht sehr erfreut ist. Im Gegensatz zum Kater hat sie keinen kreativen Spitznamen, sie ist einfach unsere kleine Julia. 

 

Eine Weile später stehen auf dem Couchtisch die Schüsseln übereinander gestapelt, während wir zusammen einen Film schauen. Viktor kuschelt mit Romeo auf dem Sessel und Thea hat sich zu Sky, Anne und mir aufs Sofa gesetzt. Julia hat es sich im Kratzbaum bequem gemacht, nachdem sie beinahe 2 Gläser umgeworfen hat. Ich liege mit meinem Kopf auf Skys Schulter, während Anne es sich auf mir bequem gemacht hat. 

 

Den Film hab ich schon tausendmal gesehen, deswegen höre ich nur halb zu. Ich drifte schon ein wenig in den Schlaf, als mein Handy plötzlich vibriert. Anne löst sich von mir, damit ich danach greifen kann. Eine Nachricht meiner Chefin. Ich soll einen neuen Fahrschüler übernehmen.

 

Hallo Florian,

Hast du gerade Kapazitäten für einen neuen Fahrschüler? Ich schicke dir die Nummer zu und ihr macht euch einen ersten Termin aus. Sein Name ist Jamal

Viele Grüße

Steffi Spindler