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Additional Tags:
Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2026-01-19
Completed:
2026-01-19
Words:
3,182
Chapters:
4/4
Hits:
22

Zwischen Mond und Pfirsich

Summary:

Für ein Theaterprojekt, welches zu einer Zaubershow wurde, entstanden diese vier Texte als Nacherzählungen traditioneller japanischer Mythen. Seitdem ist viel passiert. Die Texte aber, in die ich so viel Herzblut gesteckt habe, wollte ich auf diesem Weg erhalten.

Chapter 1: Momotarô

Chapter Text

昔、昔

Es begab sich zu einer längst vergangen Zeit, an einem weit entfernten Ort, dass sich ein altes Ehepaar in der glühenden Sommerhitze auf den Weg  machte, ihr Tagewerk zu verrichten. Schon am Morgen war es so heiß, dass sich die Tiere in den Wald zurückgezogen hatten und die Blumen ihr Gesicht von der Sonne abwendeten. Am Fluss trennten sich die beiden. Der Mann zog zu den immergrünen Bergen, wo er sein kleines Reisfeld beackerte. Die Frau blieb am kühlenden Fluss zurück, wo sie unter der hellweißen Sommersonne die Wäsche wusch.

Mühsam war ihre Arbeit. Wieder und wieder schlug sie die Wäsche auf die graublauen Steine am Fluss, wrang Tuch und Stoff aus, dass das Wasser nur so spritze und ihr genüssliche Kühlung brachte. Erschöpft lehnte sie sich zurück, da sah sie auf dem Fluss einen riesigen, rosanen Pfirsich treiben. Kaum mochte sie ihren Augen trauen. Doch der Pfirsich kam unbeirrt auf sie zugetrieben.

„Na, sowas… das ist doch nicht zu glauben. Das sieht ja köstlich aus.“, rief sie voller Freude, sprang auf und streckte sich über das plätschernde Wasser. Mit etwas Mühen schaffte sie es schließlich, den Pfirsich zu greifen und aus dem Wasser zu ziehen. Glücklich vor sich hinmurmelnd, begutachtete sie die perlmutt schimmernde Frucht. Und so packte sie denn den Pfirsich kurzerhand auf die noch feuchte Wäsche und machte sich auf den Weg nach Hause. Wie sehr sich ihr Mann wohl freuen würde!

Ungeduldig wartete die Frau auf ihren Mann und als dieser am Abend endlich durch die Tür trat, überfiel ihn die Frau direkt: „Onkelchen, jiisan, schau doch nur. Welch Glück uns heut widerfahren ist. Schau dir nur diesen prächtigen Pfirsich an! Eine süßere Frucht werden wir wahrlich niemals finden.“

Der alte Mann jauchzte vor Glück auf und sprang, alle Müdigkeit des Tages vergessend, in die schattige Wohnung. Sogleich machte er sich daran, den Pfirsich in zwei Hälften zu teilen. Doch was war das? Bevor er das Messer an den Pfirsich setzten konnte, sprang dieser wie von Zauberhand in zwei Hälften und ein kleiner, draller Junge kam zum Vorschein.

„Schau an, schau an! Jetzt bin ich da. Habt keine Angst, ihr lieben gute  Menschen. Jede Nacht habt ihr zum Himmel gebetet, dass er euch ein Kind schenke und nun bin ich hier, euer Sohn zu sein.“

Vor Glück lagen sich der Mann und die Frau weinend in den Armen, hatten sie die Hoffnung, auf ein eigenes Kind doch schon fast aufgegeben. Herzlich nahmen sie den Jungen bei sich auf und nannten ihn Momotarô, den Pfirsichjungen.

Bald wuchs Momotaro zu einem kräftigen jungen Mann heran. Er war über allen Maßen geschickt und kräftig. Dem Ehepaar war er ein Segen, half er ihnen doch in allen erdenklichen Bereichen, sodass sie ihre alten Knochen schonen konnten und die Tage kaum noch Mühe bereiteten.

Als er 15 Jahre wurde, jedoch, rief er seine Zieheltern zu sich und sah sie mit ernster Miene an: „Nun müsst ihr mich ziehen lassen. Denn westlich von hier gibt es die Insel Onigashima, auf der fürchterliche Oni, rothäutige Dämonen mit geschwungenen Hörnern auf dem Kopf, ihr Unwesen treiben. Immer wieder plündern sie die Küstenstädte und richten großen Schaden an. Auch uns werden sie bald erreichen und Hunger und Verwüstung mit sich bringen. Es ist meine Aufgabe, auszuziehen und sie zu besiegen.“

Auch wenn es den Eltern schwerfiel, so wussten sie doch, dass Momotarô, der ihnen vom Himmel geschickt war, sich durch nichts aus der von dieser Aufgabe abbringen lassen würde. Schweren Herzens packte die Frau ihm ein paar Vorräte zusammen. Ihre eigens hergestellten Hirseklöße, Kibidango, aß ihr kleiner Momotarô doch immer noch am liebsten. Der Mann nahm sein altes Schwert aus einer Truhe. Es war so viele Jahre her, seit er es im Dienste des Kaisers geschwungen hatte. Und doch hatte die Klinge keinen Rost angesetzt. Er vertraute es Momotarô an. „Führe das Schwert weise und schwinge es niemals aus Wut.“

Da nickte Momotarô und machte sich gerührt von der Fürsorge seiner Eltern und mit einer Träne im Auge auf den Weg, die Oni zu vertreiben.

Als er gerade das kleine Dorf verlassen hatte, das seine Heimat war, da kam ihm ein Hund mit wedelnder Rute entgegen und bellte ihn an: „Momotarô, Momotarô wohin des Weges?“
„Nach Onigashima, um die Oni zu vertreiben.“
„Lass mich mitkommen. Gib mir nur einen deiner köstlichen Kibidango und ich helfe dir, den Oni den Garaus zu machen.“ 

Momotarô zögerte nicht. Er gab ihm einen der süßen Kibidango aus seinem kleinen Vorrat und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

In einem Waldstück, in dem die hellgrünen Blätter nur so rauschten, sprang über dem Kopf von Momotarô ein hellbrauner Affe behände von Ast zu Ast.

„Momotarô, Momotarô wohin des Weges?“
„Nach Onigashima, um die Oni zu vertreiben.“
„Lass mich mitkommen. Gib mir nur einen deiner köstlichen Kibidango und ich helfe dir, den Oni den Garaus zu machen.“

Auch ihm gab Momotarô ohne Zögern einen Kibidango aus seinem Vorrat. Nun waren sie zu dritt und gingen frohen Mutes weiter Richtung Küste. Da trafen sie auf einen Fasan in seinem bunten Federkleid, der die Gruppe aus klugen Augen ansah: „Seid ihr auf dem Weg, die Oni von ihrer Insel zu vertreiben? So lasst mich euch ebenfalls begleiten. Ich kann für euch weit hoch in den Himmel fliegen und die Lage erkunden. Gebt mir nur einen Kibidango gegen den Hunger.“

Momotarô tat dies und jetzt, da sie zu viert waren, war er sich sicher, dass sie die Oni bezwingen würden.

Sie bestiegen ein kleines, aber seetüchtiges Boot und wagten sich mit wallendem Segel auf die Gischt schlagenden Wellen des Meeres hinaus. Kaum hatten sie das Ufer verlassen, da flog der Fasan auf einer salzigen Meeresbrise auch schon hoch in die Luft. Er erspähte die Insel der Oni und umkreiste diese mehrere Male: „Ergebt euch, ihr finsteren Dämonen,“ rief der Fasan mit kräftiger, durchdringender Stimme. „Denn Momotarô ist auf dem Weg zu Euch, um eure Untaten zu beenden.“

Sogleich liefen die Oni wild durcheinander und suchten ihre Waffen. Hektisch und ungeordnet stürzten sie übereinander her. Momotarô nutzte das Chaos zu seinem Vorteil. Mit dem Affen und dem Hund an seiner Seite schlug er geschwind einem nach dem anderen die pechschwarzen Hörner ab, die ihnen ihre Zauberkraft verliehen. So brach Momotarô die Macht der Oni, welche sich sogleich ergaben.

Mit seinen Mitstreitern durchsuchte Momotarô sodann das Lager der Oni, um das geplünderte Gut wieder einzusammeln. Mit vereinten Kräften und voll beladenem Boot ruderte das Vierergespann zurück zum Festland, wo Momotarôs Eltern schon sehnsüchtig auf ihn warteten.

Überglücklich schlossen sie ihren Sohn in die Arme. „Welch ein Glück uns dieser eine Pfirsich doch gebracht hat,“ riefen sie aus.