Work Text:
Von allem was passieren konnte, war das wahrscheinlich das Schlimmste.
Basti Blick schweifte von dem immer noch weiter redenden Lehrer zu seinem Partner für die Musikperformance.
Der Blonde starrte ihn bereits mit viel Ekel an und Basti war sich sicher, dass sein Gesichtsausdruck ähnlich aussah. Warum er? Warum nicht Einer, der Musik versteht und sie nicht misshandelt?
Seufzend warf der Schwarzhaarige seinen Kopf nach hinten. Hinter seiner Stirn braute sich bereits eine Migräne zusammen.
Er murmelte leise: “Warum mit ihm?”
Basti wandte sich wieder dem Lehrer zu, der immer noch weitere Paare aufrief. Heiko hatte sich umgedreht und sein Blick war voller Sympathie. Der Blonde hatte, soweit wie Basti mitbekommen hatte, einen recht guten Partner bekommen, jemand der nicht Tote schändet.
Der Schwarzhaarige schüttelte leicht den Kopf und Heiko drehte sich wieder um.
Basti seufzte erneut und blickte wieder nach links. Sein “Partner” hatte seinen Kopf auf die Bank gelegt und schien entschieden zu haben, dass jetzt das perfekte Timing für ein Nickerchen war.
Basti knirschte mit den Zähnen und machte sich daran, aufzuschreiben, was Herr Nori von ihrer Performance wollte.
♬*✧˖°✮♩
Basti atmete leise aus. Die Noten schallten noch immer in seinen Ohren wieder.
Mit geübter Präzision legte er seine Violine wieder in den Koffer und fuhr sich mit einer Hand durch seine Haare, bevor er sich den Bleistift nahm und seine Notizen an das Stück machte.
Er war sich ziemlich sicher, dass Herr Nori seinen Teil des Stückes lieben wird, das Problem wird sicher sein sogenannter “Partner” sein.
Der Schwarzhaarige holte sein Handy aus seiner Tasche, um die Zeit zu checken. Nur um mit den Augen zu rollen - natürlich war der andere zu spät.
Er seufzte und nahm seine Violine wieder und wollte erneut das Stück durchgehen, bis plötzlich jemand mit sehr viel Kraft die Tür aufriss.
“Na sieh einer an, Mister Streber ist schon da. Und sogar überpünktlich!" schallte eine nervige und ohrenbetäubende Stimme in den Raum hinein. Sofort pochte die Migräne wieder gegen seine Stirn.
Basti drehte sich langsam um und da war er. Sein “Partner” für das Stück.
Kevin.
Aka die wahrscheinlich nervigste Person auf dem Internat und ein Chaot in allem was er machte und berührte. Der Schwarzhaarige fragte sich wirklich, wie es der Blonde überhaupt auf das musikalische Internat geschafft hatte.
“Kevin. Schön zu sehen, dass du es auch hierher geschafft hast.”, sprach er und versuchte, seine Stimme möglichst gleichmäßig zu halten. Auch wenn die Wut unter seiner Haut brannte.
“Ja, man muss ja, ne?” antwortete der Blonde und strotzte in den Raum und knallte seinen Violinenkoffer mit viel Schwung auf dem Tisch. Basti zuckte zusammen, sein Herz schmerzte für die arme Violine des anderen.
“So was müssen wir machen?” Fragte Kevin und drehte sich zu dem Schwarzhaarigen.
Natürlich hatte der Blonde nicht zugehört, warum hatte Basti sich überhaupt die Hoffnungen gemacht?
“Wir sollen das Stück ‘Liebesfreud No.1’ neu auffassen und zwischen uns aufteilen. Und schließlich, in 3 Wochen, am 15.12. präsentieren.” erklärte Basti, bevor er mit seiner freien Hand die Notenblätter griff und Kevin reichte.
Er hoffte, dass er das Datum gut betont hatte, aber so wie er den Blonden kannte, würde dieser eh nichts machen bis kurz vor Schluss. Er knirschte leise seine Zähne, Gott, wie sehr er doch den anderen hasste.
“Ich habe mir die Mühe gemacht und das Stück schon für uns geteilt und teilweise neu interpretiert.” Der Blonde nahm tatsächlich die Blätter und schien diese durchzugehen.
Basti hob eine Augenbraue.
Konnte der Blonde überhaupt Noten lesen? So wie er spielte, war sich der Schwarzhaarige da nicht so sicher.
Nach einer Pause, die viel zu lange anhielt, behauptete Kevin endlich: “Meine Fresse, wie scheiße ist das denn…”
Basti schloss die Augen und schnaubte. Bevor er sie wieder öffnete und diesmal den Blonden an funkelte, dieser betrachtete ihn allerdings schon mit einem abwertenden Blick.
Kevin öffnete erneut seinen Mund und Basti bereitete sich darauf vor, wieder einmal absolut unnötige und dumpfe Kritik zu hören.
Er hatte in seinen 8 Jahren auf dem Internat immer noch eine gute Kritik von Kevin zu hören und er bezweifelte, dass er sie je hören würde.
“Like, solltest du nicht nen Streber sein? Selbst unser Mathelehrer komponiert bessere Sachen, als das hier! Das ist scheiße langweilig.”
Basti schnaubte, bevor er sprach: “Immerhin habe ich überhaupt etwas gemacht! Wir haben die Aufgabe vor einer Woche erhalten und du bist weder zu den Terminen aufgetaucht, noch hast du anderweitig versucht, an dem Stück zu arbeiten!”
Kevin rollte nur die Augen und oh, was hätte Basti jetzt dafür gegeben, dem Blonden einmal richtig ins Gesicht zu hauen.
Der Andere hat aber auch ein Gesicht, was darum bittete.
“Ich meine, kannst du mich wirklich dafür verurteilen, keinen Kontakt mit dir zu wollen?” Basti wollte schon reingrätschen, doch der Blonde fuhr unbeirrt fort: “Is ja nicht so, als ob du mir nicht auch aus dem Weg gehst.”
Der Schwarzhaarige holte tief Luft.
Der Blonde hatte leider nicht ganz unrecht, er hatte den anderen ignoriert oder war absichtlich andere Wege gegangen, nur damit sie sich nicht sehen. Hieß allerdings nicht, dass er das dem anderen gestehen oder sich entschuldigen musste.
Beim Gedanken, sich bei Kevin zu entschuldigen, musste er sich ein Lachen unterdrücken. Nur über seine Leiche.
Der Blonde würde schon sehen, dass sein Teil besser war und er wird es am Ende bereuen, sein interpretiertes Stück zu kritisieren. Mit dem Gedanken bereitete der Dunkelhaarige seine nächsten Worte vor.
Mit einem leichten Grinsen, das den Blonden wütender machte, antwortete Basti selbstsicher: “Wenn du denkst, du bekommst es besser hin, dann beweis es.”
“Oh und wie ich dir das beweisen werde, du Bastard.” knurrte der Blonde, bevor er ohne groß zu zögern sein Zeug griff und wieder aus dem Raum stürmte. Nicht aber, ohne sich an der Tür umzudrehen und ihm kindisch den Mittelfinger zu zeigen.
Basti rollte die Augen, was ein Vollidiot.
Der Schwarzhaarige holte tief Luft und versuchte seinen Puls zu beruhigen, bevor er sich wieder daran machte, ein anderes Stück zu üben.
Er wollte jetzt lieber nicht über ihre gemeinsame Performance denken. Obwohl ihn der Gedanke, es Kevin endlich ein für alle mal zu beweisen, Schmetterlinge in seinem Bauch flattern ließ.
♬*✧˖°✮♩
Kevin stöhnte und warf seinen Kopf gegen die Wand und wartete. Nach anhaltender Stille schielte der Blonde nach unten, nur um zu sehen, dass Dominik nicht einmal von seinem Mathebuch hoch geschaut hatte.
Kevin stöhnte lauter, immer noch nichts. Genervt stieß er mit seinem Fuß gegen den Braunhaarigen, welcher ihn genervt einen schnellen Blick zu warf.
Nur um sich prompt seinem Buch wieder zu widmen.
Der Blonde gab schließlich auf und lehnte sich nach vorne, bevor er laut zu klagen begann: “Der Streberbastard, Dominik! Er! Man, ich hätte sogar Stegi genommen, aber nicht ihn! Er ist soooo langweilig und unkreativ. Wirklich ich verstehe nicht, wie man wenn es um Musik geht, so eingeschränkt und unkreativ sein kann, like er–”
“Ist sooooo ein unsympathischer und nach Regeln spielender Idiot, man könnte meinen, bla bla bla.” Beendete der andere seinen Satz mit einem Gähner.
Kevin öffnet seinen Mund um erneut zu erklären, was das für ein bescheuertes Schicksal ihn getroffen hatte, nur damit Dominik endlich anschaute und unterbrach: “Bro, ich weiß du hasst ihn und so, aber ich hasse Mathe auch und siehe da was mache ich? Richtig, kein Mathe, weil du die ganze Zeit dazwischen laberst.”
“Do–”
“Ne Kevin! For real, man könnte meinen, du bist obsessed mit ihm oder so! Du redetest seit Wochen über nichts anderes!” Sein Mund fiel zu. Klar, hatte er sich echt häufig über den Schwarzhaarigen aufgeregt, aber das war schon immer so!
Und er musste ein Projekt mit ihm zusammen machen!
Was zugegebenermaßen nichts geändert hat, die beiden hatten sich nur einmal vor 2 Wochen unterhalten und machten jetzt ihren Teil ohne Kommunikation.
Aber es war eine Schande, überhaupt zusammen spielen zu müssen!
Er blickte zu Dominik, welcher seine Sachen zusammen packte. Ein Funken der Hoffnung kam in seiner Brust auf und er fragte mit einem leichten Lächeln: “Gehen wir zum See?”
Doch der andere schüttelte nur den Kopf.
“Ne, wir gehen in die Bibliothek.”
Kevin stöhnte, doch der andere nahm bereits sein Zeug und ging Richtung Tür. Perplex sprang Kevin auf und rannte seinem Freund hinterher. Er war noch nicht fertig mit Klagen!
♬♪♫
Murrend lief Kevin zu den Proberäumen, seine Geige nun auf seinem Rücken.
Nachdem man ihn aus der Bibliothek geschmissen hatte und sein sogenannter Freund ihm nicht beistehen wollte, sondern bei dem verräterischen Bibliothekar blieb, hatte er sich entschieden, dass jetzt ein guter Zeitpunkt war, seinen Teil des Stücks zu komponieren.
Kevin war sich ziemlich sicher, dass er es in einer Woche fertig machen konnte. Sobald ihm eine Idee kam, war er nicht mehr aufzuhalten.
Mit einem kleinen Hüpfer in seinem Schritt, checkte er die Pläne und Listen für die Proberäume und zu seinem Glück waren noch ein paar frei. Was vor Weihnachten wahrlich keine Selbstverständlichkeit war.
Während er den besten der leeren Räume auswählte, blieb sein Blick bei einem bestimmten Nachnamen hängen.
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er die Zeit checkte und mit einem schnellen Gekrakel setzte er seinen Namen darunter. Nach kurzem Überlegen schrieb er 2 Stunden hin und lief in Richtung von Raum 7.
Nicht sein Lieblingsraum, weil er recht abgeschottet war und der Ausblick auf den Hof ihn langweilte, allerdings würde er es heute ausnahmsweise einmal aushalten.
Ohne zu überlegen, schritt er an die Tür heran. Ganz gedämpft konnte er leise Musik hören, die zum Sterben langweilig klang. Mit einem weiteren Grinsen dachte der Blonde, dass Bastis Musik wahrscheinlich die Toten wieder auferstehen ließ, nur damit sie vor seiner Musik wegrennen konnten.
Ohne zu zögern riss er die große, dunkle Tür auf. Der schwarzhaarige Geigenspieler zuckte zusammen und stoppte seine Musik, bevor er herumfuhr. Die Überraschung wandelte sich schnell in Ärgernis um, sobald Basti ihn sah.
“Was machst du hier?” murrte Basti, bevor er sich umdrehte und schnell etwas auf seine Noten notierte. Kevin rollte die Augen - immer den Noten nach, wie war das nicht langweilig?
"Nun, ich hab den Raum gebucht von 15 bis 17 Uhr. Und du überziehst ganz schön.” Antwortete Kevin gelassen. Der Anblick, wie der Schwarzhaarige noch einmal schnell zu ihm blickte und ihn entgeistert anschaute, war den Ärger mit dem Bibliothekar wert.
“Du? Am üben?” fragte der Schwarzhaarige ungläubig, immer noch keine Anstalten machend, seine Sachen zusammen zu packen.
Kevins Grinsen fiel und er begann ungeduldig auf seinen Sohlen vor und zurück zu wippen.
Der Schwarzhaarige wandte sich wieder gelassen seinen Noten zu und Kevin sprach schließlich mürrisch: "Ja, immer mal wieder. Aber was soll ich sagen-” Er begann erneut zu grinsen, bevor er fortsetzte: “Naturtalente wie ich brauchen halt nicht so viel Übung, anders als andere Personen hier.”
Der Schwarzhaarige lachte. Und Kevin konnte nicht anders, als es mit dem Lachen eines arroganten Idioten zu vergleichen. So eine dreckige Persönlichkeit musste man erst einmal haben. Eine Schande nur, dass sein gutes Aussehen leider nicht seiner schlechten Persönlichkeit entsprach.
Mit knirschenden Zähnen wollte der Blonde den anderen endlich aus dem Raum schmeißen, doch dieser sprach bereits.
“Ein Barbar wie du, ist eher eine Naturkatastrophe.”
“Raus aus meinem Proberaum, Gehage!”
“Oh, nennen wir uns jetzt beim Nachnamen Herr Teller?”
“Raus Arschloch!”
Der Schwarzhaarige lachte erneut, packte aber tatsächlich seine Sachen zusammen. Im hinausgehen, säuselte Basti noch: “Viel Glück mit deinem Teil des Stückes! Ich liege doch richtig in der Annahme, dass du die letzten 2 Wochen zu faul warst, etwas zu machen?”
Kevin warf ihm einen verabscheuenden Blick zu, während seine Hände sich zu Fäusten ballten. Er war so kurz davor, dem anderen eine in die Fresse zu hauen.
“Verpiss dich.”
Mit einem Augenrollen, verschwand der andere und ließ Kevin in dem jetzt stillen Raum zurück.
Wie er doch Personen wie Basti hasste, Leute, die nie Fehler machten, bei denen immer alles perfekt war. Leute, die sich nie ihren Arsch aufreißen mussten, um auf das Internat zu kommen. Immer zu Klassenbester, immer den Noten nach, ja keine Abweichung.
Mit zitternden Händen griff der Blonde seine Geige und spielte das schrecklich komponierte Stück des anderen, bis er endlich seinen Groove fand und einfach drauflos spielte.
Er würde es dem anderen zeigen. Herr Nori würde sicher seine Passage mehr lieben, als die des anderen, er war sich dessen sicher!
Mit einem Furor, den er selten so hatte, spielte der Blonde die meiste Zeit an dem Stück und versuchte die richtigen Noten zu finden.
Er ignorierte jede Nachricht, die sein Handy kurz aufleuchten ließ. Er konnte sich später mit seinen Freunden unterhalten, nachdem er dem Schwarzhaarigen gezeigt hatte, was für eine “Naturkatastrophe” er doch war.
Seine zwei Stunden endeten erfolgreich mit einem neu interpretierten Stück.
♬*✧˖°✮♩
Basti zog seinen dicken Schal enger. Der Violinenkoffer auf seinem Rücken wippte bei jedem Schritt leicht rauf und runter. Unter seinem Atem summte der Schwarzhaarige das Violinkonzert No. 5, seine Ohren dröhnten immer noch von der Orchesterprobe.
Basti betrachtete die leeren Bäume und die leichte Schneeschicht, die alles eingepudert wirken ließ. Wenn man die Kälte ignorierte, war der Winter schon eine schöne Jahreszeit.
An ihm vorbei rannten ein paar junge Schüler, welche scheinbar trotz der 3 stündigen Probe immer noch voller Energie waren. Aber Basti konnte es ihnen nicht verübeln, die meisten hatten bestimmt einfach Mittagshunger oder waren bereits in Weihnachtsstimmung.
Bei Zweiterem musste Basti leicht lächeln, die Vorweihnachtszeit auf dem Internat war immer eine andere Welt.
Alles war geschmückt, es gab immer wieder spezielle Essensangebote, der Schnee und überall Weihnachtsmusik. Klar, bedeutete das auch mehr Proben, mehr Tests - aber größtenteils möchte Basti die Musik, die sie um diese Zeit spielten.
Die Stimmung wurde auch getragen von den lang ersehnten freien Tagen, wo es einem erlaubt war, tatsächlich nach Hause zu fahren.
Bei dem Gedanken trübte sich Basti Stimmung. Er biss sich auf die Lippe und wurde langsamer. Aus seiner Tasche kramte er sein Handy hervor und öffnete den Textverlauf mit seinem Vater. Der ältere Mann hatte ihm immer noch nicht geantwortet.
Er blieb stehen. Sein Herz krampfte und er unterdrückte sich ein Schniefen.
Der Schwarzhaarige blickte sich hilflos um, nur um Schüler aller möglichen Altersgruppen an ihm vorbeilaufen zu sehen. Mit viel Kraft steckte er sein Handy wieder ein und stapfte in Richtung des Dormitoriums.
Er versuchte das Brennen in seinen Augen zu ignorieren.
Ein weiteres Weihnachten, das er wahrscheinlich alleine verbringen würde.
♬♪♫
Stöhnend zerknüllte der Schwarzhaarige das Notenblatt und warf es in den Papierkorb. Die Uhr auf seinem Schreibtisch zeigte, dass es bald 16 Uhr war.
Er ließ seinen Kopf auf den Tisch fallen, seit 2 Stunden kämpfte er mit ‘Liebesfreude’. Eigentlich hatte er es ja schon seit Wochen fertig und er war so geübt darin es zu spielen, dass er es aus dem Kopf zusammen bekommen würde. Allerdings fehlte etwas und es trieb ihn in den Wahnsinn.
Ohne groß nachzudenken stand er auf, griff seine Jacke, Schal und Violine und machte sich auf zu den Proberäumen, mit viel Glück konnte er bestimmt noch einen ergattern.
Stellte sich heraus, dass eine höhere Macht ihm gut gegenüberstand, denn er kam gerade genau zur richtigen Zeit. Er bedankte sich bei dem Pianisten, welcher aussah, als fehle ihm seit mehreren Wochen Schlaf und betrat den kleinen, stickigen Raum.
Sofort öffnete er das Fenster und blickte in die jetzt dunkle Landschaft in der leise und besinnlich Schnee nieder rieselte.
Basti betrachtete eine Weile, wie der Weg mit unzähligen Fußspuren wieder in neuem Schnee verschwand und somit jede Spur des Gewusels am Tag verschwinden ließ.
Schließlich schloss er das Fenster und machte sich stattdessen bereit, das Stück noch einmal durchzugehen. Sein Kopf fühlte sich ruhig und still an und ohne groß nachzudenken, begann er die ersten Töne einer Melodie zu spielen, die er das letzte Mal vor Jahren gehört hatte.
Seine Hand griff, die Noten, die sich tief in seine Seele gebrannt hatten, seine Sicht verschwamm und sein Körper zitterte, doch die Noten strömten nur so aus ihm hervor. Seine Ohren fingen an zu piepen und die Töne wurden schwerer und schwerer zu hören, bis sie plötzlich wieder klar klangen und im selben Moment stoppte er.
Das Lied hing unfertig in der Luft, doch Basti hatte längst vergessen, wie das Ende klang. Damals hatte er nie Noten niedergeschrieben und so war dieses Lied auch für immer dazu verdammt kaputt und unfertig zu sein.
Wie ein Puzzle, bei dem man die letzten paar Teile verloren hat. Wie seine Familie.
Er wischte sich die Tränen aus seinen Augen. Das Schniefen klang lauter wieder als die Noten, die er gespielt hatte.
Und wie ein Stein der Eis durchbrach, wurde ihm bewusst, was bei “Liebesfreud” fehlte. Sein Magen drehte sich und das Piepsen war zurück.
Der zweite Teil.
Das Ende.
Kevins Teil.
Basti wollte sich übergeben. Aber das Gesicht von Herrn Nori tauchte vor seinem inneren Auge auf und der Schwarzhaarige biss sich auf die Zunge und atmete tief aus.
♬♪♫
Ungeduldig lief er in dem kleinen Proberaum auf und ab. Er checkte nochmals die Zeit. Natürlich.
Der Blonde war wieder zu spät.
Basti ballte seine Hände zusammen und knirschte die Zähne. Wenn der andere ihn hier sitzen ließ, wurde Basti ihm tatsächlich eine beim nächsten Mal reinhauen.
Schließlich setzte er sich halb auf einen der Tische und schaute aus dem Fenster. Es hatte mittlerweile angefangen zu stürmen und der Schnee jagte nur so am Fenster vorbei, der Wind ließ den neu gefallenen Schnee aufwirbeln und die Außenwelt sah aus wie die Antarktis.
Basti hoffte, dass der andere zumindest durch den Blizzard laufen musste.
Er wusste nicht, wie lange er aus dem Fenster schaute, allerdings griff er nach einer gefühlten Ewigkeit wieder sein Handy, nur um zu sehen, dass der andere mittlerweile knapp eine Stunde zu spät war.
Basti überlegte ernsthaft, ob er noch warten sollte oder ob er lieber an seinen Hausaufgaben arbeiten sollte. Die Entscheidung fiel ihm überraschend einfach. Mit viel Schwung sprang er runter von dem Tisch und begann seine Noten und den Raum wieder ordentlich zu machen.
Nur damit keine 5 Minuten später die Tür aufgerissen wurde und Kevin herein trat.
Basti starrte den Blonden mit hochgezogener Augenbraue an, doch dieser gähnte nur und schmiss seine Jacke mitsamt Violine auf einen der nahegelegenen Stühle. Basti ließ seinen Blick an dem anderen heruntergleiten.
Kevin hatte weder Krawatte noch Weste an, sein Hemd war auch nur zum Teil reingesteckt und seine Haare waren ein helleres blond als sonst.
Ein perfektes Beispiel für jeden einzelnen Verstoß gegen die Kleiderordnung.
Ein weiterer Grund, warum er den anderen hasste, neben dem Weg, wie Kevin spielte. Indem er die Stücke lieber interpretierte, wie sie klingen sollen, als das, was der Künstler tatsächlich niedergeschrieben hatte - aka reine Blasphemie und Totenschändung.
Bei dem Gedanken, dass dem Blonden sicher nicht kurzzeitig eine Gehirnzelle gewachsen war und er doch nach Noten spielte, bereitete er sich auf das Schlimmste vor.
“Und was willst du?” murrte Kevin genervt, bevor er sich gegen die Wand lehnte. Basti setzte sich wieder halb auf den Tisch und sprach mit ebener Stimme: “Wir sollten das Stück einmal zusammen spielen, das hab ich dir allerdings auch geschrieben.” Den letzten Teil betonte er besonders und warf dem Blonden einen spitzen Blick zu.
Kevin konnte ihn mit seinem erzwungenen nonchalanten Dasein nicht verarschen.
“Sure. Solange du keinen Herzinfarkt von meinem Teil bekommst.” Antwortete Kevin mit einem Grinsen, das Basti Puls auf 180 schießen ließ.
“Lass uns das kurz halten, ich spiele die kleine Passage bevor sie in deinen Teil geht. Wenn es nicht passt ändern wir was.” Der Schwarzhaarige hörte ein kleines Schnauben und um ehrlich zu sein klang das auch für ihn dumm.
Natürlich werden ihre Teile nicht korrelieren, aber vielleicht war es nicht so schlimm, wie er sich das ausmalte.
(Er unterdrückte sich ein Lachen. Na klar. So wie er wusste, durfte er den Scheiß wahrscheinlich auch wieder ausbessern.)
Der Schwarzhaarige wartete, bis der andere seine Violine bereit hatte und holte noch einmal tief Luft.
Basti stellte sich Kevin gegenüber, die beiden glichen sich auf ihrer Position und der Schwarzhaarige begann sanft seine Passage zu spielen. Er versuchte nicht auf die Gesichtsausdrücke des anderen zu achten, er wusste sowieso schon, was der andere von seinen Noten hielt.
Schließlich erreichte er das Ende und blickte auf und mit einem kleinen Nicken gab er dem Blonden Bescheid. Doch dieser zog nur die Augenbraue hoch. Basti ließ seine Note in der Luft hängen und Kevin schien endlich zu realisieren, dass der andere fertig war, denn er stieg mit einem Stirnrunzeln ein.
Zu Bastis entsetzen in einem anderen Tempo, als dem worauf Basti geendet hatte. Aber das war noch lange nicht das Schlimmste an Kevins Teil, nein das Schlimmste war, dass er nicht einmal die Seele von “Liebesfreud” erkennen konnte.
Kein Ton, keine Note, kein Tempo, keine Melodie war geblieben, so dass man zumindest noch erkennen konnte, was das inspirierte Stück war. Nein, das, was Kevin spielte, war ein komplett neues Stück.
Sein Entsetzen und Abscheu musste sich sehr auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn der andere brach seinen Teil mittendrin ab.
“Nen Herzinfakt wäre mir lieber gewesen. Sogar ich hatte meinen Gesichtsausdruck bei deinem Dreck besser unter Kontrolle gehabt, als du!” knurrte der Blonde und Basti schüttelte seinen Kopf leicht und löste sich aus seiner Trance.
“Was zur Hölle war das?” Fragte er und der Blonde starrte ihn ebenfalls entgeistert an, bevor er sarkastisch antwortete: “Mein Teil, Arschloch?”
Basti entfloh ein Lachen. Was ein Scheiß der andere ihm hingerotzt hatte. Er legte seine Violine beseite und der Blonde tat es ihm gleich, sichtlich ebenfalls bewusst, dass dieses Gespräch in keinem neuen Übungsversuch enden würde.
“Wann hast du das geschrieben? In einer Stunde?” Sobald er die Fragen gestellt hatte, zog sich das Gesicht von Kevin in eine wütende Grimasse.
Es vergingen ein paar Sekunden, bis er schließlich antwortete: "Ja, tatsächlich. Und guess what? Es ist besser als das, was du die letzten 3 Wochen fabriziert hast!”
Basti lachte erneut, dieses Mal allerdings in einem schrillen Ton. Die Worte stürzen nur so aus seinem Mund: “Wolltest du es mir nicht beweisen, dass du es besser kannst? Sogar ein Dreijähriger komponiert bessere Sachen! Man erkennt nicht einmal das Original!”
“Ha! Du musst gerade reden! Bei dir erkennt man nicht einmal den Unterschied ZUM Original! Wirklich dabei kann man einschlafen! Nen bissl Tempo täte deinem Leben gut!” Fauchte Kevin wütend zurück.
Basti spuckte kalt und ohne groß nachzudenken hervor: “Tempo? Oh, ich hab genug Tempo! Schließlich mach ich tatsächlich auch was, anders als du! Ich hab uns schließlich überhaupt dazu bewegt etwas zu machen! OHNE MICH hättest du nicht einmal eine Idee was wir machen müssten!”
Kevin schnaubte, bevor er näher an ihn heran trat: “HA! ICH HÄTTE ES AUCH OHNE DICH HERAUSGEFUNDEN!” Basti knirschte die Zähne und trat ebenfalls näher an den anderen. So dass die beiden wenige Zentimeter voneinander entfernt waren.
Basti sprach leise, aber mit so viel Arroganz wie nur möglich in seiner Stimme: “Wir werden ja sehen, was Herr Nori besser findet und News Flash, es wird nicht dein Teil sein!” Er versuchte, den letzten Teil etwas zu säuseln. Wenn der Blonde schon ihr Stück ruinierte, dann würde er den Abend von ihm ruinieren.
Der nächste Moment war ein Blur aus Bewegungen, bevor ihn blitzartig ein stechender Schmerz im Gesicht traf. Der Schwarzhaarige taumelte ein-zwei Schritte nach hinten. Seine Nase brannte und sein Mund pochte mit Schmerz.
Ein paar Sekunden war es totenstill. Bis Basti realisierte, was passiert war.
Er fuhr sich mit seiner Hand an die Nase, nur damit diese blutig wiederkam. Seine Sicht verschwamm leicht an den Ecken und sein Gesicht, welches sich in eine leichte Grimasse verzog, schmerzte.. Sein Blick schoss zu Kevin, so schnell, dass ihm leicht schwindelig wurde.
Der Andere starrte ihn geschockt an und sein Mund hing weit offen. Wenn Basti nicht gerade komplett benommen wäre, würde er darüber lachen, dass der Blonde so aussah, als hätte man ihm ins Gesicht gehauen und nicht er Basti.
Der Schwarzhaarige öffnete langsam seinen Mund, aber sein Gehirn hing immer noch fest und sein Gesicht pochte mit Schmerz, das Blut lief immer noch aus seiner Nase über seinen nun leicht offenen Mund.
Doch er bekam kein Wort heraus, bevor Kevin sein Zeug griff und aus dem Zimmer stürmte. Basti starrte dem anderen für ein paar Sekunden hinterher, bevor sein Gesicht sich in eine Grimasse verzog.
Heiße, glühende Wut brannte unter seiner Haut und sein Puls raste. Er griff seine Jacke und packte seine Sachen schnell weg, bevor er Richtung Toiletten rannte, um sein Gesicht zu inspektieren.
Während er seine blutende Nase stillte, überlegte er, welchem Lehrer er das erzählen sollte. Seine Wahl fiel auf Herrn Nori, der Spiegel zeigte sein Grinsen, welches schmerzte. Basti versuchte sein immer noch im Proberaum hängendes Gehirn dazu zu bringen, sich zu erinnern, wo genau der Lehrer an einem Samstag sein konnte.
Doch alles schien etwas schwammig und so sehr er das nicht zugeben wollte, der Schmerz war sehr ablenkend. Ein paar vereinzelte Tränen rollten seine Wangen herunter. Der Schwarzhaarige versuchte, sich wieder auf die gute Seite der Situation zu konzentrieren.
Die Aktion neben den ganzen anderen Sachen, die der Blonde schon gemacht hatte, war sicher der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen würde. Diesmal würde der Blonde vom Internat fliegen.
Und würde wahrscheinlich auch alle anderen Chancen, auf andere Internate oder Schulen zu kommen, ruinieren.
Für immer niedergeschrieben in seiner Akte.
Basti starrte in den Spiegel. Und wie der Wassertropfen von einem der Wasserhähne im Waschbecken landete, so landete auch eine Realisation für Basti. Die Situation würde auch auf seinen Daten verewigt werden und sein Vater würde definitiv einen Anruf von dem Direktor erhalten.
Sein Grinsen fiel und der dumpfe, pochende Schmerz trat wieder in den Vordergrund. Seine Beine fühlten sich wie Gelee an und der Schwarzhaarige hielt sich mit einer Hand am Waschbecken fest, bevor er langsam Richtung Boden sank.
Sein Vater würde davon hören.
Er würde davon hören.
Und es war egal, dass Basti nicht der Aggressor war. Egal. Es würde vermerkt werden.
Er fühlte sich benommen und sein Gehirn spielte immer wieder das Gespräch, das er vor Beginn des Schuljahres mit seinem Vater hatte, ab.
Die leeren und emotionslosen Blicke, die nichtssagenden Worte, die unbeantworteten Nachrichten und Anrufe.
Im leeren und stillen Raum hörte niemand sein Schluchzen und die Tränen, sowie das Blut, das den kalten Fliesenboden traf.
♬*✧˖°✮♩
Kevin sprintete den Gang entlang, vorbei an anderen Schülern, die ihm teilweise komische Blicke zu warfen. Und okay, vielleicht waren diese gerechtfertigt, der Blonde war schließlich seit 10 Minuten wach und hatte in 3 Minuten Probe. Er sah also bestimmt dementsprechend so aus.
Mit einem Fluchen bog er scharf ab und riss die Tür zum Raum auf. Mehrere Köpfe drehten sich zu ihm, doch er ignorierte die anderen und rannte stattdessen zu seinem Stuhl. Sobald er ihn erreicht hatte und saß, blickte er sich um. Zum Glück war der Lehrer noch nicht da.
Jemand stubste ihn an und Kevin drehte sich immer noch leicht keuchend zu dem braunhaarigen Jungen.
Die beiden starrten sich an und Kevin versuchte sich daran zu erinnern, wer das war, doch ihm wurde die Sache erleichtert, als der Junge seinen Mund öffnete: “Hey…! Äh, ich bin neu hier, und ähm…ich wollte fragen, ob wir “White Christmas” oder “Oh du Fröhliche” als erstes spielen?”
Kevin hob eine Augenbraue. Schließlich antwortete er mühsam: “Keinen Plan, aber Herr Ross wird sicher Bescheid geben.” Er wollte wirklich nicht mit den anderen reden, konnte der nicht einmal seine Ruhe respektieren?
Der Junge schien überrascht und wollte sichtlich weiterreden, doch genau in dem Moment trat der Lehrer hinein. Der Blonde war noch nie glücklicher darüber, den älteren Mann zu sehen.
Kevin warf noch schnell einen Blick über seine Schulter, doch er konnte Dominik nicht sehen, kein Wunder bei so vielen wie heute dabei waren. Seufzend richtete der Blonde wieder seine Aufmerksamkeit nach vorne, der Lehrer hatte mittlerweile angefangen seinen Monolog zu führen.
“Wie ihr bereits seht, haben wir Besuch von der örtlichen Musikschule! Die Jungs werden heute mit uns Proben für das Konzert an diesem Wochenende. Ich erinnere euch ihr seit Gruppe 2, bedeutet euer Auftritt ist am Samstag–”
Kevin dröhnte den Mann aus und holte stattdessen seine Geige hervor. So oft wie er das mittlerweile gehört hatte, konnte er bereits im Schlaf mitsprechen.
“Okay, wir beginnen mit “White Christm-” Endlich. Der Blonde setzte seine Geige an und warf dem Neuankömmling neben ihm einen Blick zu, dieser schien fast panisch und angsterfüllt.
Kevin rollte seine Augen, wenn der Rest der Musikschule auch so aufgeregt war, würde das wieder eine lange Probe werden.
♬♪♫
Stöhnend schmiss er seinen Geigenkoffer auf den Rücken. Er hatte recht behalten, die Probe ging fast eine Stunde länger, als eigentlich geplant.
Kevin wartete brav auf Dominik und beobachtete die anderen Schüler, welche aus dem Gebäude drängten. Die Musikschüler blieben in einer großen Gruppe zusammen und beobachteten gespannt das Getrubel der Internatsschüler.
Gelangweilt wippte er vor und zurück und der Schnee knirschte laut unter seinen Füßen. Als er den Braunhaarigen immer noch nicht aus dem Gebäude kommen sah, schnaubte er und wollte sich schon daran machen wieder reinzugehen und seinen Freund zu holen. Doch eine Hand und “Ähm sorry nochmal!” hielten ihn auf.
Der braunhaarige Junge von der Probe schaute ihn entschuldigend an. Kevin murrte genervt: “Was gibts?”
"Ähm, welche Stufe bist du?” fragte der Junge, mit leicht roten Wangen. Und Kevin hoffte, dass es nicht in die Richtung ging, die sich langsam andeutet. Der Junge war absolut nicht sein Typ.
Und er war ziemlich nervig, wenn sie nicht gespielt hatten, hatte er immer wieder seinen Mund aufgemacht und Kevin etwas gefragt oder versucht ein Gespräch mit Blonden zu starten. Normalerweise war Kevin ja sowieso keiner, der immer zu still war, aber bei einer Orchesterprobe hatte ihn die Unprofessionalität des anderen genervt.
“Zwölfte…” Antwortete er langsam und blickte etwas hilflos zum Eingang - immer noch kein Dominik.
“Ah! Same! Das ist jetzt vielleicht etwas komisch aber–” Doch noch bevor der Junge zu Ende sprechen konnte, erklang ein schriller Handyton und Kevin dankte allen Göttern und Supermächten.
"Sorry, da muss ich rangehen!” entschuldigte sich der Blonde und lief quer Feld ein, während er sein Handy hervor kramte. Ohne zu schauen, wer anrief, nahm er ab, es war wahrscheinlich eh Dominik.
“Schatz! Du hast tatsächlich direkt abgenommen, wow!" Erklang eine freudige Stimme und Kevins Herz sank. Oh oh. Kein Dominik.
“Hi Mom…” antwortete er leicht außer Atem. Er schluckte und versuchte sich zu beruhigen, er hatte das so lange nun schon durchgeplant, was er sagen würde, dass eigentlich nichts passieren konnte.
“Ich wollte fragen, wie es denn zu Weihnachten aussieht? Ich weiß ihr habt immer furchtbar viel zu tun, aber wir–” “Ja, genau deswegen, äh wollte ich dich auch sprechen– ähm hör zu…” Kevin zögerte leicht und ging mental noch einmal alles durch.
Doch seine Mutter sprach schon, bevor er konnte: “Deine zwei älteren Brüder schaffen es übrigens auch dieses Mal! Und sie bringen ihre Partner mit! Also ein komplett volles Haus, ich weiß ja dass–” Doch Kevin blendete den Rest aus.
Seine Brüder kamen. Mit ihren Partnern. Neben den Familien seiner Tante und die seines Onkels.
Alle waren da.
Alle.
Sein Atem zitterte und Furcht ergriff sein Herz. Vor seinem inneren Auge spielten sich die Weihnachtsszenen ab. Alle umwarben seine Brüder mit Fragen und Gesprächen, ihre Partner als weiteren Beweis, dass die beiden wieder einmal alles richtig machten.
Kevin konnte den Blick seiner Tante sehen, die Blicke auf seinen blonden Haaren, die Blicke auf seiner Geige, die geflüsterten Sätze.
‘Er spielt immer noch?’ ‘Wenn er doch nur seine Noten so ernst nehmen würde, wie das dumme Instrument.’ ‘Seine Noten sind dieses Jahr noch mehr abgerutscht.’ ‘Natürlich färbt er sich die Haare.’ ‘Seine Brüder waren reine Selbstläufer, die Klassenbesten.’
Gehemmt nahm er eine seiner frisch gefärbten Haarsträhnen in die Hand. Seine Mutter hatte endlich pausiert und holte ihn aus seiner eigenen Welt mit den Worten: “Kevin, Schatz?"
“Ja, bin noch da…", murmelte der Blonde leise. Seine geplanten Worte schienen noch schwerer mit dem neu erlernten Wissen. Doch er ergriff seinen letzten verbleibenden Mut, seinen Plan fortzusetzen.
Er öffnete seinen Mund: “Ich muss leider weiter, ich hab noch eine Probe in ein paar Minuten! Ähm, wie wär's am Montag? Dann sind wir mit allen Noten durch?”
Verdammt.
Das war nicht, was er geplant hatte.
“Ah…Okay ja, dann bis zum Montag! Ich hab dich lieb, Schatz." “Ich dich auch.” antwortete er leise und legte auf. Kevin holte noch einmal tief Luft, okay, er hatte noch einmal Zeit, alles zu überdenken und zu planen. Heute war schließlich erst Donnerstag, der 15. - noch vier Tage.
Der Gedanke ließ seinen Magen sich umdrehen. Es schien schwerer zu schlucken und die Welt sah etwas grauer aus. Wie gern er doch jetzt einfach seine Geige gespielt hätte.
Die Überlegung beruhigte sein schweres Herz und er atmete langsam aus. Er hatte vier Tage. Das war mehr als genug.
Der Blonde nickte und drehte sich um. Er lief geradewegs wieder zurück auf den gestreuten Weg.
Die Musikschüler drängten sich wieder ins Gebäude und Kevin lächelte erleichtert. Er wartete weiter am Eingang, bis er sich entschied, Dominik einfach zu schreiben.
Während er auf eine Antwort wartete, gähnte er und vergrub sich tiefer in seiner Jacke. Hätte er gewusst, dass er die meiste Zeit in der Kälte verbringen würde, hätte er sich wärmer angezogen.
Kevin blickte sich gelangweilt um, doch auf dem Hof waren kaum noch Leute, alle wahrscheinlich im Unterricht oder im Warmen. Das war bis auf einen dunklen Punkt in der Ferne, welcher immer schneller in seine Richtung kam.
Der Blonde wollte sich schon lustig machen, darüber, dass er nicht der einzige war, der zu spät zur Probe kam, doch das Grinsen rutschte ihm schneller vom Gesicht als es aufgetaucht war.
Denn die näher kommende Person war genau die Person, der er seit Tagen aus dem Weg ging. Die Person, die ihn nachts vor Schuldgefühlen wach liegen ließ. Die Person, die, wenn sie etwas sagen würde, ihm vom Internat hauen konnte.
Kevin gefror auf der Stelle, sein Atem wurde schneller und er versuchte, sich kleiner zu machen. Als ob dies helfen würde in der weißen, menschenleeren Landschaft. Doch der Schwarzhaarige warf ihm nicht mal einen Blick zu und rannte stattdessen zu der Tür, riss diese auf und verschwand dahinter.
Kevins Herz schmerzte leicht und er wusste nicht wieso. Es war besser für ihn, wenn der andere ihn ignorierte. Eine Entschuldigung steckte in seiner Kehle fest. Und plötzlich war er wieder zurück an dem verfluchten Samstagabend.
Bastis offenes und geschocktes Gesicht, die tränenden Augen und der Schmerz ließen das Bild des Schwarzhaarigen, welches sich Kevin über Jahre aufgebaut hatte, zu Staub zerfallen.
Seine blutende Nase und Kevins panisches Fliehen durch die leeren Gänge der Schule. Das laute Herzklopfen in seinen Ohren und die lauter schallenden Schritte.
Kevin starrte auf die Tür, hinter der der andere verschwunden war. Und sein Gehirn konnte nur wie ein kaputter Kassettenspieler den Moment abspielen, wo Basti das erste Mal, seit Kevin ihn kannte, klein und menschlich aussah.
Die Schuldgefühle klebten an ihm, wie Kaugummi an einem Schuh. Mit jedem Schritt und Tritt fühlte er sie, nie stark genug, sich davon zu befreien. (Er wollte sich auch nicht von ihnen befreien, wie denn auch?)
Er hatte Angst.
Was, wenn der andere einem Lehrer davon erzählt? Kevin würde ohne Fragen fliegen. Seine gefärbten Haare, sein zu spät kommen, seine fehlende Aufmerksamkeit - alles war bereits an der Grenze, aber dies würde ihn weit darüber hinausschießen.
Wieder einmal das schwarze Schaf in der Familie. Ein weiterer Grund, auf Feiern ignoriert zu werden.
Schniefend lief er zurück zu seinem Zimmer. Er hatte noch ein paar Stunden, bis er den Schwarzhaarigen wieder sehen musste. Er zweifelte nicht daran, dass die Schuldgefühle ihn in einer Starre, aus nichts tun und unruhig warten, lassen würden.
♬♪♫
Die Stunden waren gerast. Und nun war er hier.
Vor dem Zimmer, in dem sich Herr Nori, die Werke anhörte.
Der Blonde hielt seine Geige fest in der Hand. Der Stuhl, auf dem er saß, war unbequem, aber das war bei weitem sein kleinstes Problem.
Nervös schielte er zu seiner linken Seite. Neben ihm saß Basti, der hatte ebenfalls seine Geige in der Hand und starrte aus dem Fenster, so dass Kevin sein Gesicht nicht sehen konnte.
Bitter dachte er, dass es wahrscheinlich besser wäre, sonst würde er wahrscheinlich komplett zusammenbrechen und wer weiß was er da machen würde.
Sein Gehirn war ein Chaos aus Gedankenfetzen und Worten, doch nichts machte Sinn. Panisch nahm er war, dass das wahrscheinlich ein sehr schlechter Headspace war, um das Stück nach seinen Gefühlen zu spielen, aber irgendwo hatte er schon lange aufgegeben.
Die Tür öffnete sich und zwei weitere Schüler kamen mit breiten Grinsen und erleichterten Blicken aus dem Raum. Die beiden nickten dem Paar zu, welche die nun leeren Gänge der Schule herunter liefen und lautstark lachten.
Kevin blickte zu Basti, welcher ihn bereits anschaute - ihre Gesichtsausdrücke spiegelten einander und Kevin wusste, dass sie genau dasselbe dachten.
So werden sie nicht aus dem Raum gehen.
Der Schwarzhaarige blickte wieder zum Fenster und normalerweise hätte Kevin gedacht, dass Basti auch nichts nervös machen könnte, aber nun mit der neuen Perspektive auf den anderen, nahm er das schnelle Tippen des anderen auf der Geige wahr.
Zitternd atmete er aus und starrte die verfluchte Tür an. Keine Sekunde später öffnete sich diese und Herr Nori kam lächelnd zum Vorschein.
“Perfekt! Herr Gehage und Herr Teller kommen Sie rein! Ich bin schon sehr gespannt, wie sie ihre doch sehr unterschiedlichen Stile kombiniert haben!”
Kevin wollte sich übergeben.
♬♪♫
Kevin senkte seine Geige langsam. Sein Magen drehte sich und seine Hände zitterten. Er hielt seinen Blick auf dem Notizheft von Herrn Nori. Er konnte seinem Lehrer nicht in die Augen schauen.
Die Stille schallte laut in seinen Ohren wieder, nur übertönt von dem Rauschen seines Blutes.
Ihr Lehrer räusperte sich, bevor er den Raum wieder in die Stille fallen ließ.
“Nun…das war eine Überraschung. Eine recht negative.” Er pausierte und Kevin riss seine Augen endlich weg von dem Buch und schielte leicht zu dem Schwarzhaarigen neben ihm.
Dieser starrte stur Richtung Boden, seine Haare fielen gerade so, dass Kevin sein Gesicht nicht ausmachen konnte. Aber er musste wahrlich nichts sehen, um zu wissen, wie der andere sich fühlte.
Kevin richtete seine Aufmerksamkeit ebenfalls auf den Boden.
“Kann ich Sie fragen, was genau passiert ist? Normalerweise sind sie beide mit die talentiertesten ihrer Stufe…Also, wie kamen diese zwei komplett unterschiedlichen Stücke zustande?” Er betonte den letzten Teil und Kevins Magen drehte sich schneller.
Leicht panisch blickte er zu dem Schwarzhaarigen, doch dieser schaute weiter nach unten, kein Muskel bewegte sich. Einerseits beruhigte ihn es, da ihr ‘Kampf’ nicht zu Licht kommen würde, andererseits musste er jetzt für die beiden reden.
Was, wenn er etwas falsches sagt und Basti dann von Samstag erzählt?
Der Blonde schluckte und blickte wieder auf seine Geige. Jeder Versuch, etwas zu sagen, starb auf dem Weg zu seiner Zunge. Die Angst und Panik hielt ihn in einem Todesgriff. Sein Mund war wie zugeschweißt.
Stille kehrte wieder ein und Kevin wartete, dass der Herr Nori ihnen ihre gemeinsame und einzelne Note sagte und die beiden aus dem Raum rennen konnten und nie wieder miteinander interagieren mussten. Ein Fehltritt, der wehtat, aber in der Zukunft nur wenig Einfluss haben wird. Oder zumindest hoffte der Blonde dies.
Herr Nori seufzte, bis er schließlich weitersprach: “Nun gut. Ich denke, Sie sind sich beide bewusst, dass ich ihnen hierfür nichts über einer Vier geben kann. Und selbst das ist vielleicht etwas zu viel für dieses Stück.”
Kevin nickte, obwohl sich jede Bewegung steif anfühlte. Sein Herz schmerzte und der Stein in seinem Magen setzte sich tiefer und tiefer ab. Klar, es war zu erwarten gewesen, aber das machte die Sache nicht weniger schmerzhaft.
Der Blonde wollte nicht einmal hören, wer von den beiden den besseren Teil hatte, er wollte sich einfach in seinem Zimmer verkriechen.
Stille kehrte ein.
Die Stille hielt an.
Zögerlich blickte Kevin zu ihrem Lehrer, der die beiden mit einem erschöpften und fragenden Blick anschaute. Er fing Kevins Blick auf und fragte schließlich: “Gibt es noch etwas, was Sie sagen wollen oder warten Sie darauf, dass ich sie entlasse, weil wenn dem so ist: Sie sind entlassen."
Kevin blinzelte und aus dem Augenwinkel konnte er wahrnehmen, dass sich der Schwarzhaarige das erste Mal seit dem Ende ihrer Vorführung bewegte.
Langsam öffnete Kevin seinen Mund und die nächsten Worte fielen von seinen Lippen: “Es gibt keine Einzelnoten?” Herr Nori schien überrascht, bevor er den Kopf schüttelte und antwortete: “Nein. Das war ein Projekt, welches auf Zusammenarbeit ausgelegt war.”
Ein kleines ‘oh’ entfloh Kevin, bevor er langsam seinen Kopf senkte und alles tat, dass seine Sicht nicht noch mehr verschwamm.
Wofür war ihr ganzes Wetteifern dann gewesen? Wofür waren die ganzen Sticheleien, ihr Streit und ihre physische Auseinandersetzung? Wofür?
Kevin stockte.
Für nichts.
Er ballte seine Fäuste zusammen und hoffte, dass seine Tränen nicht fallen würden. Doch noch bevor so etwas passieren konnte, bewegte sich etwas sehr schnell in seinem Augenwinkel.
Perplex schaute der Blonde auf und erwischte nur noch, wie Basti weinend aus dem Zimmer verschwand.
Oh.
Kevin hätte lachen können. Die beiden waren sich doch recht ähnlich, wenn sie wollten.
Sein Herz krampfte leicht, während er die nun offen stehende Tür betrachtete. Wenn er lauschen würde, könnte er sicherlich Bastis Schritte, vielleicht sein Weinen in der Ferne hören - doch seine eigenen Ohren dröhnten alle Geräusche aus.
Kevin schniefte leise, sich erst jetzt bewusst werdend, dass er ebenfalls in kompletten Tränen dar stand.
Sein Körper erzitterte bei jedem Schluchzen, doch kein Ton drang hervor, nur ein stilles Erbeben, das seine Brust schmerzen ließ.
Leicht beschämt blickte er zu dem Lehrer, welcher seinen Blick nun ebenfalls zu ihm richtete.
Sofort wandte Kevin seinen Blick ab.
Herr Nori seufzte und Kevin nahm das als sein Zeichen nun auch zu gehen. Er machte sich auf seinen Geigenkoffer zu nehmen, doch Herr Nori sprach bereits: “Ich werde ihnen eine Chance geben, ihre Note auszubessern. Am 9. Februar möchte ich ein komplett von ihnen neu komponiertes Stück. In Zusammenarbeit.”
Kevin schaute geschockt auf seine Tränen, rollten immer noch seine Wangen wie heiße Lava hinunter. Doch der Lehrer war noch nicht fertig, denn er setzte fort: “Und ich möchte, dass sie mir ihre Ideen erklären, neben der Vorführung.”
Der Blonde war wie festgefroren. Der Lehrer war mittlerweile aufgestanden und hatte sein Zeug zusammengepackt. Schließlich brachen endlich Worte aus seinem Mund hervor, ein zusammen geschlungenes: “Danke! Herr Nori w–”
Doch Herr Nori schüttelte den Kopf und unterbrach ihn: “Bitte informieren Sie Herrn Gehage, so dass Sie ein Stück präsentieren können, dass Ihrer Fähigkeiten würdig ist.”
Mit einem schnellen Nicken verließ er den Raum und ließ Kevin immer noch halb im Zusammenpacken zurück.
Ein leichtes Lächeln breitete sich aus. Sie hatten eine weitere Chance bekommen!
Mit einer schnellen Bewegung wischte sich Kevin die Tränen aus seinen Augen. Klar hatte sie gerade wahrscheinlich auf allen Ebenen für Herrn Nori versagt, aber er hatte ihnen auch eine Chance zum Ausbessern gegeben.
So freudig wie Kevin, die eine Sekunde war, so schnell traf ihn die Realität.
Zusammen.
Der Stein war wieder in seinem Magen. Das war immer noch eine Partnerarbeit. Das bedeutete, sein Wunsch, nicht mehr mit dem Schwarzhaarigen zu interagieren, war futsch. Kevin schluckte den immer größer werdenden Kloß in seinem Hals hinunter und versuchte langsam ein und auszuatmen.
Klar.
Er konnte das schaffen.
Er musste ja nur einen wahrscheinlich sehr wütenden Basti finden. Total einfach. Und das Gespräch wird erst recht kinderleicht.
Nervös schloss Kevin die Tür hinter sich und ging langsam den Gang hinunter. Die Deadline war erst gegen Februar und normalerweise hätte sich der Blonde nicht einmal einen Kopf gemacht bis Mitte Januar, aber das Wort “Partnerarbeit” verfolgte ihn.
Seine Gedanken glitten wieder zurück. Wann hat Basti für ‘Liebesfreud’ angefangen? Viel zu früh für Kevins Geschmack. Allerdings–
Kevin schluckte. Zusammenarbeit.
Okay, er konnte das. Er konnte über seinen eigenen Schatten springen. Er würde morgen mit dem Schwarzhaarigen sprechen.
Sein Herz begann schon bei dem Gedanken an zu rasen. Kevin atmete tief ein. Er konnte das.
Für die bessere Note, für seine eigene musikalische Seite.
Er konnte seiner Familie nicht beweisen, dass er auch noch in dem schlecht war, was sie sowieso nur mit sehr viel reden, zugelassen hatten.
♬*✧˖°✮♩
Basti starrte die immer kleiner werdende Form des Blonden an.
Er seufzte und fuhr sich durch seine Haare. Er wusste nicht ganz, was er davon halten sollte. Klar, die Chance, ihre Note auszubessern, war super, aber… nochmal in Partnerarbeit?
So sehr Basti sich auch hasste, wollte er nicht noch einmal versuchen, mit dem Blonden zusammenzuarbeiten. Er brauchte wirklich nicht noch einen weiteren Schlag ins Gesicht, metaphorisch und wortwörtlich. Bei dem Gedanken begann seine Nase in einer Art von Phantomschmerz wehzutun.
Während er die Vor- und Nachteile des Projektes durchging, lief er in den Park.
Die schneebedeckte Landschaft um ihn herum beruhigte seine rasenden Gedanken. Die Äste waren immer noch eingepudert und bis auf das Braun der Baumstämme, war alles andere weiß. Ein besänftigender Anblick.
Basti seufzte.
Vielleicht war das ein riesiger Fehler, aber was genau hielt ihn davon ab, diesmal einfach ein besserer Partner zu sein? Wenn es wieder nicht funktionierte, könnte er immer noch Herrn Nori Bescheid geben und die Note hinnehmen.
Er legte seinen Kopf in den Nacken, sein Atem ließ weiße Rauchwolken gen Himmel steigen.
Er hatte Weihnachten Zeit alles zu verarbeiten, so wie er es kannte, war sowieso bis auf ein paar vereinzelte, Niemand auf dem Internat. Alle Zuhause bei ihren Familien.
Sein Herz zog sich zusammen und er schniefte leise. Er könnte besser sein.
♬♪♫
Wie sich herausstellte, war alles wie immer - was eine Überraschung.
Die meisten fuhren die Woche darauf nach Hause und, soweit wie Basti gezählt hatte, waren bis auf vier oder fünf andere Schüler, alle weg. Die meisten Lehrer waren ebenfalls nicht da und das restliche Personal war noch weiter heruntergefahren worden.
Die leeren Internatsgänge waren so gruselig, wie sie einsam waren. Kein Geschrei, kein Gerenne, keine Laute.
Die geschmückten Räume waren stets leer und bis auf das ein oder andere Personal, welchem Basti vielleicht einmal pro Tag begegnete, sah er niemanden. Die Jungs, die da waren, schienen allesamt jünger und hatten sich bereits zusammengetan.
Und so wandelte Basti einsam und gelangweilt die stillen Gänge zu den Proberäumen entlang. Vielleicht brachte ihn ja Musik in eine bessere Laune, auch wenn er dies bezweifelte.
Mit Sorgfalt öffnete er eine der Türen, nur um halt zu machen. In dem Raum war bereits jemand, der gelangweilt über ein paar Notenblättern saß. Jemand von dem Basti dachte, dass er ihn die nächsten Wochen erst einmal nicht zu Gesicht bekommen würde.
Der Blonde schaute auf und in dem Moment, wo sich ihre Blicke trafen, hätte der Schwarzhaarige schwören können, dass der andere zusammen zuckte.
Basti murmelte ein kleines “Entschuldigung” und machte die Tür wieder zu. Doch er bewegte sich nicht davon weg. Seine Gedanken waren am rasen - soviel zu seiner entspannten Winterpause.
Stöhnend bewegten sich seine Füße endlich und er lief zu einem der entferntesten Proberäume, er musste ja nichts provozieren. Aber immerhin hatte er Kevin bis jetzt überhaupt nicht gesehen, was Gutes versprach. Vielleicht bekam er seine Pause ja doch noch.
Während er seine Violine ablegte und seine Blätter hervor kramte, erklang ein schriller Ton. Basti gefror auf der Stelle, er hatte nur für eine Person Benachrichtigungen an…
Panisch griff er sein Handy, um eine neue Nachricht zu sehen. Sein Herz raste und seine Hände wurden feucht, er versuchte sich zu beruhigen, es war schließlich nur eine Nachricht von seinem Vater.
Er öffnete den Verlauf und sein leichtes Lächeln, das sich ohne seine Erlaubnis auf sein Gesicht gekämpft hatte, fiel. Was hatte er auch anderes erwartet?
Der Satz ‘Warum hast du eine 4-?’ starrte ihn an. Darauf folgte eine weitere Nachricht: ‘Ich erwarte, dass du das gerade biegst.’
Kein “Frohe Weihnachten” oder "Entschuldigung, dass wir uns seit fast einem halben Jahr nicht gesehen haben, meine Arbeit hat mich davon abgehalten.” nichts. Nur eine Frage nach seinen Noten. Natürlich.
Basti lachte ohne jede Freude, klar, was hatte er auch erwartet? Was hatte er erwartet.
Er ließ seinen Kopf auf die kalte Holzplatte des Tisches sinken. Die Stille und Leere des Internats bissen an seinem Dasein. Mitten im nirgendwo, in der Natur umgeben von Schnee, zu zehnt, über Weihnachten und Neujahr.
Er schniefte leise, doch die Tränen blieben in seinen Augen. Was er doch dafür geben würde, in die Zeit zurück zu reisen. In eine Zeit, in der seine Mutter noch lebte und sie die beißende Einsamkeit seines Herzens besänftigte.
Bastis Blick fiel auf seine Violine. Und ein Tumult an Emotionen überschlagen ihn, wie Wellen den Sand. Die Sicht verschwamm und sein Schniefen klang lauter und lauter wieder, doch der Schwarzhaarige hatte seine Fähigkeit, sich zu kümmern, verloren. Es würde sowieso niemand kommen.
Egal wie laut er war.
Das Instrument blieb weiter klar in seiner sonst so verschwommenen Sicht und Basti hätte sie am liebsten zerstört.
Doch so schnell wie der Gedanke gekommen war, so schnell entsetzte ihn dieser.
Langsam und behutsam fasste er seine Violine an und strich über das Fichtenholz. Egal wie sehr ihm das Instrument manchmal Probleme bereitete, egal wie sehr sein Vater die Töne von ihr hasste, egal wie sehr Basti seine eigene Musik hasste, er konnte nicht loslassen.
Nicht wenn es das einzige war, was er noch von seiner Mutter hatte.
♬*✧˖°✮♩
Kevin starrte die weiße Popcorndecke an, während die Musik in seine Ohren plärrte. Normalerweise wäre das zu wenig Stimulation für ihn gewesen, aber der Blonde war tief damit beschäftigt, eine Entscheidung zu fällen.
Eigentlich hatte er geplant wieder nach Hause zu fahren über Weihnachten und Neujahr, allerdings mit Ankündigung, dass seine Brüder plus seine Tante da sein würden…
Der Blonde biss sich auf die Lippe. Tief im Inneren hatte er sich sowieso schon lange entschieden, dieses Weihnachtsfest nicht mit seiner Familie zu verbringen.
Machte es nicht weniger schmerzhaft, aber je älter er wurde, desto mehr fielen ihm Worte, Sätze und Aktionen seiner Familie auf, die ihn fragen ließen, ob das wirklich der Weg ist, wie man einen seiner eigenen Familie behandelte.
Trotzdem war es ein riesiger Schritt für ihn und etwas ließ ihn immer noch hapern. Ein letzter Funken an Hoffnung, dass er vielleicht noch akzeptiert wird mit all seinen Quirks, seinem Verhalten, seiner Persönlichkeit.
Ein letzter Versuch, alles richtig zu machen.
Ein scharfes Lachen drückte sich aus seinem Mund.
Kevin war weit davon entfernt, alles "richtig" zu machen. Er hatte seine Haare gefärbt, war fast am Durchfallen in drei Fächern und hat seinem… Hatte einem anderen Jungen ins Gesicht geschlagen.
Selbst wenn er sich wie ein absoluter Engel verhalten würde (und selbst das brachte seine Tante und seinen Vater immer noch zum Merkern und beklagen), würde sich nichts ändern.
Kevin spielte mit seiner Tagesdecke, während seine Gedanken weiter rasten.
Wenn er hier blieb, wäre er für die nächsten Wochen quasi alleine. Fast keiner blieb über Weihnachten auf dem Internat, nicht einmal die Lehrer. Er biss sich auf die Lippe. Keine optimalen Bedingungen, um seine Schuldgefühle und alles andere, was sich in ihm zusammenbraute, zu ignorieren.
Dann wiederum, hatte er wirklich eine Wahl?
Die andere Option war schließlich, mit seinen Brüdern verglichen zu werden, dann prompt ignoriert, bis seine Tante dann beim Essen wieder alles ansprach, was ihrer Meinung nach falsch war mit Kevin. Aka alles.
Dann würde sich sein Vater einmischen und die beiden würden einander hochschaukeln, bis es in kompletter unangenehmer Stille endete und Kevin würde wieder prompt ignoriert und ausgewichen werden.
Und das für zwei Wochen.
Der Blonde schoss hoch.
Zeit eine Ausrede zu planen, aber diesmal richtig.
♬♪♫
Kevin würde sich nicht unbedingt ein Genie nennen, aber die Ausrede, die ihr zusammengestellt hatte, war erste Weltklasse.
Der Blonde unterdrückte sich ein Grinsen, welches aus seinen Lippen versuchte, hervor zu brechen.
“Oh…das ist aber schade. Aber ich verstehe das natürlich. Du warst schon immer–” Kevin dröhnte seine Mutter aus und betrachtete stattdessen den Schneefall von seinem Bett aus.
Die letzten Tage hat es nur geschneit und scheinbar war es immer noch nicht vorbei. Kevin runzelte leicht die Stirn, er hätte einen Schneemann gebaut oder eine Schneeballschlacht gestartet, aber ohne eine weitere Person war das alles langweilig.
Er lehnte sich gegen seine Wand und betrachtete wieder seine Decke. Mit Dominik hier, wäre keine Minute langweilig, aber der Blonde gönnte es seinem Freund endlich nach Hause zu kommen.
Anders als Kevin… Die Worte seiner Mutter strömten über ihn und er wartete ungeduldig darauf, dass sie fertig wird.
Seine Mutter seufzte schließlich und der Blonde spitzte seine Ohren. “Okay, Schatz, ich muss gleich weiter…Ich wünsche euch viel Spaß bei eurer Aufführung im Waisenhaus. Ich hab dich lieb, wir reden noch mal an Weihnachten, ja?”
“Klar. Ich hab dich auch lieb.” murmelte er und keine Sekunde später legte sie auf und Kevin sprang energiegeladen von seinem Bett.
Er war frei!
Was sollte er jetzt machen?
Ohne groß weiter nachzudenken, begann er breit zu grinsen und kramte unter seinem Bett, versteckt unter ein paar losen Dielen, seinen halb kaputten und steinalten Laptop hervor.
Euphorisch fuhr er ihn hoch und anders als sonst waren ihm die ewigen Ladezeiten, das erste Mal egal. Schließlich hatte er fast zwei Wochen frei!
Die nächsten paar Tage lebte er quasi in seinem Zimmer, er ging nur raus, um sich Frühstück, Mittag und Abendessen zu holen. Die zwei Küchenfrauen, warfen ihm immer wieder böse Blicke zu, weil er immer stets zu spät kam und sie meistens schon am Wegräumen waren und er fühlte sich auch schlecht, aber er vergaß die Zeit halt.
Am 22. entschied er sich tatsächlich einmal produktiv zu sein. Er würde an einer ersten Idee für die Partnerarbeit arbeiten.
Egal wie sehr er versuchte es zu leugnen, die Schuldgefühle aßen immer noch an ihm. Und vielleicht brachte ihn Musik ja in eine bessere und nicht zu repetitive Routine.
Wenn die erste Januarwoche her rollte, konnte Kevin Basti seine Idee zeigen und die beiden könnten von dort weiter arbeiten. Ein Stein drehte sich in seinem Magen um, bei dem Gedanken.
Er hoffte wirklich, dass sie nicht dasselbe wiederholen würden.
Kevin griff seinen Geigenkoffer fester und atmete tief ein. Er würde etwas sanfter mit seiner Kritik sein und sein Bestes versuchen. Und wenn es nicht klappte, dann lag es halt wirklich am Schwarzhaarigen.
Mit dem Gedanken öffnete er den nächstbesten Proberaum, er glaubte kaum, dass er sich Gedanken machen musste, ob jemand einen besetzte. Und tatsächlich, der kleine Raum war leer, grinsend legte er seinen Koffer auf den Tisch und schmiss sich auf den Stuhl.
Mühsam kramte er Notenblätter und Schmierblätter hervor und begann seine Ideen niederzuschreiben. Er würde sehen, was er daraus machen könnte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der er kleine Notenpassage und Themenideen niedergeschrieben hatte, blickte er auf alles nieder und…
Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Er knüllte das letzte beschriebene Blatt zusammen.
Der Rest sah nicht unbedingt blenden aus, aber der Blonde war sehr darauf gepacht, heute zumindest etwas hinzubekommen, dass er wie ein verrückter auf seine Sachen starrte und seinen kreativen Kopf versuchte, zu einer Idee anzureizen.
Er wurde aus seinem Stillstand gerissen, als jemand die Tür öffnete. Kevin fragte sich ernsthaft wer ebenfalls so wahnsinnig war wie er, sich kurz vor Weihnachten hinzusetzen und zu üben.
Der Moment, als er schwarze Haare, blaue Augen und eine blasse Haut wahrnahm, war ihm alles klar. Natürlich es gab nur eine Person, die so wahnsinnig war.
Kevins Herz begann zu rasen und in dem Moment, wo sich ihre Augen trafen, zuckte er zusammen.
Seit wann waren Bastis Augen so eisblau?
Für Kevin starrten sich die beiden eine Ewigkeit an, bis Basti ein leises “Entschuldigung” murmelte und verschwand. Der Blonde sprang sofort auf und machte halt. Warum war er aufgesprungen?
Es gab nichts, was Kevin ihm sagen wollte. (Eine Entschuldigung suchte sein gesamtes Wesen heim.)
Langsam ließ er sich wieder auf den harten Stuhl fallen. Sein Herz war immer noch am Rasen und seine Wangen fühlten sich unangenehm warm an. Zitternd griff er seinen Stift und versuchte, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren, aber Bastis Präsenz klebte an ihm.
Die beiden waren hier. Auf dem Internat über die Ferien.
Kevin schluckte und er konnte den Rest seines Verstandes sehen, wie er ihn in den leeren Gängen zurückließ.
Würde er keine Pause von dem Schwarzhaarigen bekommen? War das Karma, dafür was er gemacht hatte? Er schüttelte den Kopf.
Doch nichts wurde klarer, alles war immer noch an zwei Orten gleichzeitig und seine Gedanken drehten sich um Bastis markantes Gesicht.
♬*✧˖°✮♩
Basti hat sich nicht verkrochen, auch wenn ihm das die kleine nervige Stimme in seinem Kopf sagt. Er fühlte sich nur wohler in seinem Zimmer. Das hatte überhaupt nichts mit Kevin zu tun!
Basti fluchte leise und da war er wieder. Bastis Gedanken hatten sich, seit er den Blonden in dem Proberaum gesehen hatte, nur um ihn gedreht. Wie ein Fluch, ließ ihn sein Gehirn nicht in Ruhe.
Die meisten seiner Fragen drehten sich darum, ob er wirklich die ganze History die er mit dem Blonden hatte, hinter sich lassen und zusammenarbeiten könnte.
Und natürlich, ob Kevin dies auch konnte.
Ein weiterer Teil in ihm schrie fragend, ob Kevin den Schlag bereute. Doch Basti wollte wahrlich keine Antwort darauf.
Seufzend schmiss er seine Kopfhörer weg und stand auf von seinem Bett. Eigentlich war es schon lange Ausgangssperre, doch die Unruhe nagte an seinen Knochen. Ein schneller Blick aus seinem Fenster verriet, dass er sich wohl mit den Internatsgängen abfinden musste.
Das Gute war, dass über Weihnachten die Security Guards entspannter waren. Die meisten drehten aller zwei Stunden eine Runde und wenn Basti alles richtig in Erinnerung hatte, sollte der jetzige Wachmann gerade durch sein.
Er blickte kurz auf sein Handy, der Bildschirm zeigte keine Nachricht, nichts Überraschendes. Er entschied sich, dieses komplett auszuschalten, bevor er es neben seinen Schlüsselbund einsteckte.
Zeit für einen 23 Uhr Spaziergang an Weihnachten.
Die Stille der Internatsgänge konnte unheimlich sein, aber gerade war es Basti lieber. Nur seine Schritte schallten einsam und allein wieder. Ab und zu hörte er den Wind am Haus vorbei huschen.
Er wusste nicht, wie lange er durch die Gänge schlich wie ein Geist, doch seine Gedanken wurden unterbrochen von einer gedämpften Stimme.
Basti spitzte die Ohren, die Stimme klang viel zu hoch für einen von der Security. Basti schlich langsam näher an einen kleinen Aufenthaltsraum und drückte sein Ohr gegen die Holztür, doch dahinter erklang nur Stille.
Er dachte schon, er hätte sich alles eingebildet, als die Stimme wieder begann zu reden. Seine Hand schwebte über der Türklinke. Er wusste bei allen guten Göttern nicht, warum ihn das Gespräch und die Person so interessierten.
Eine Person die ebenfalls so spät an Weihnachten noch die Internatsräume heimsuchte.
Sein Herz raste und seine Hände fühlten sich schwitzig an, er atmete leise aus. Langsam und behutsam drückte er die Klinke herunter und lauschte, doch die Person auf der anderen Seite redete weiter.
Basti öffnete die Tür einen kleinen Spalt und wollte schon hinein schielen, bis er gefror. Die Stimme schallte in seinen Ohren wieder. Und wie er diese Stimme in seinen schlimmsten Albträumen wiedererkennen würde.
Ohne hineingeschaut zu haben, wusste er, wer das war.
Basti schluckte und trat von der Tür weg, er wollte umdrehen und kehrt machen, doch seine Beine waren wie festgefroren.
Kevin war still und machte ab und zu leise “mhm”s und “aha”s und Basti realisierte, dass der andere wahrscheinlich telefonierte.
“Mom–ja natürlich!” Unterbrach der Blonde die andere Person, seine Mutter.
Und natürlich telefonierte dieser mit seiner Familie! Es war schließlich Weihnachten! Ein kalter Stich durchbohrte sein Herz.
Ganz toll. Das Thema, was er versucht hatte zu umgehen, traf ihn doch wieder. Sein Handy lag schwer in seiner Tasche. Wahrscheinlich immer noch ohne Nachricht, ohne Anruf, ohne Irgendwas.
Bastis Hände ballten sich zu Fäusten und seine Sicht auf seine Schuhe verschwamm. Er wischte sich leicht über die Augen und seine Füße gehorchten ihm endlich und begannen wegzugehen.
Doch Kevins Stimme schallte laut und klar durch die leeren, langen Gänge.
“Nein, äh die Aufführung im Waisenhaus war super!” Kevins Stimme zitterte leicht und Basti gefror erneut. Seine Gedanken überschlagen sie, hatten sie eine Aufführung gehabt? Hatte er etwas verpasst? Sein Magen drehte sich und Schweiß brach aus. Er versuchte seine Erinnerungen zu durchsuchen, doch er fand nichts bei dem Chaos, was in seinem Kopf stattfand.
Ohne weiter groß nachzudenken, griff er in seine Jackentasche und betete, dass die Aufführung freiwillig gewesen war, er brauchte nicht noch mehr auf seinem Tisch, die 4- suchte ihn genug heim.
“Nein, wie schon gesagt, es war eine äh spontane Sache. Ja, genau. Ja, ein Geiger ist ausgefallen und ich hab ihn ersetzt…” Kevins Stimme wurde leiser und leiser, je mehr er redete. Basti hielt inne und kniff die Augen zusammen. Er kannte den Blonden nun wahrlich nicht gut, aber selbst er konnte hören, dass Kevin hier log.
Und wie eine Bestätigung war ihre Schulwebseite fertig mit laden. Ganz oben stand in großen, schwarzen Buchstaben: "Winterpause vom 19.12. bis 02.01. - keine Aufführungen oder Proben.”
Mit neuem Interesse drehte sich der Schwarzhaarige um. Warum log Kevin? Warum war er nicht mit seiner Familie? (Basti ignorierte den brennenden Neid, er wünschte, er könnte sich aussuchen, ob er Weihnachten mit seiner Familie verbringen wollte oder nicht.)
“Nein, Nein! Ist komplett fine! Ja-...Ich dich auch.” Sprach der Andere wieder und stille kehrte ein. Ein lautes Seufzen erklang und Bastis Füße bewegten sich, gegen seinen Willen, wieder zur Tür zurück. Ohne weiter groß darüber nachzudenken, öffnete er diesmal die Tür komplett und trat in das leicht erleuchtete Zimmer.
Sofort schoss der Blonde von seiner Position auf einen der Sessel auf. Sein Gesicht war voller Panik und Basti unterdrückte sich ein Lachen. So laut wie der andere gewesen war, selbst mit verschlossener Tür, hätte der Security Guard ein einfaches Spiel gehabt.
Der Blonde entspannte sich etwas und wollte sichtlich etwas sagen, doch verbiss er sich es.
Basti öffnete seinen Mund und die nächsten Worte fielen aus seinem Mund mit einem Grinsen: “Mein Güte, haben wir noch nie was von der Ausgangssperre ab 21 Uhr gehört?”
Sofort zeichnete sich auf Kevins Gesicht ein genervter Ausdruck wieder und Basti Muskeln spannten sich an. Vielleicht klang das immer noch zu antagonistisch. Er sollte sich den Tonfall wahrscheinlich bei dem anderen unterdrücken, nicht dass er an Weihnachten noch eine blutige Nase bekam, das war das Letzte, was er heute noch brauchte.
Während er in seinen Gedanken schwelgte, sprach der Blonde endlich, in einem Tonfall der Bastis glich: “Oh, und was machst du dann hier, Mister-Ich-breche-keine-Regeln?”
Der Schwarzhaarige rollte mit den Augen und antwortete etwas toxischer klingend als er wollte. (Aber warum muss sich der Blonde auch immer in seinen Kram einmischen? Basti schob den Gedanken beiseite, dass er das Gespräch gesucht hatte.)
"Nun, wenn du so laut telefonierst, dass man es am anderen Ende des Internats hören kann…” Um seinen Punkt zu unterstreichen, zuckte er leicht mit den Schultern.
Sofort fiel das Gesicht des anderen und Panik breitete sich wieder aus. Basti unterdrückte sich das Grinsen, während sich ein selbstgefälliges Gefühl in seinem Magen ausbreitete.
Er wollte gerade weiterreden und versuchen, den anderen noch nervöser zu machen, doch Kevin unterbrach ihn: “Was–...was hast du gehört?”
Basti wollte schon antworten “alles”, doch er zögerte. Seine Augen fielen auf Kevins Hände, welche sich unsicher ineinander verzagt hatten. Doch das war nicht, was Bastis Aufmerksamkeit hatte, nein, es war das leichte Zittern.
Plötzlich traf ihn wieder die Erinnerung, dass Kevin gelogen hatte, sichtlich, um nicht das Weihnachtsfest mit seiner Familie zu verbringen. Seine Antwort starb auf seiner Zunge und er schluckte den bitteren Geschmack hinunter.
Schuld machte sich in ihm breit, heiß und schwer flüssig wie Lava.
Vielleicht war er etwas zu antagonistisch dem anderen gegenüber. Kein Wunder, dass ed das letzte Mal, als die beiden mehrere Sätze gewechselt hatten, damit geendet hat, dass er eine blutige Nase hatte.
Vielleicht war dieses eine bessere Person sein, wirklich nötig?
Basti öffnete seinen Mund und versuchte, jeden noch so feindlich klingenden Ton aus seiner Stimme zu nehmen: “Nicht viel? Ich meine…” Er zögerte. Macht es das jetzt wirklich? Er seufzte leise, bevor er sich entschied, seine Frage auszusprechen: “Warum hast du gelogen? Wir haben keine Aufführungen über die Ferien.”
Klar, er konnte sich die Antwort denken, aber… Er verstand es nicht, warum würde man Weihnachten nicht mit seiner Familie verbringen wollen?
Sofort spannte sich Kevin wieder an und er würde mit jeder Sekunde bleicher. Basti hatte schon Angst, der andere fiele um, doch Kevin begann stattdessen zu lachen. Ein Lachen, das wahrscheinlich den Preis für das schlechteste Fake-Lachen gewinnen würde. Basti unterdrückte sich zusammenzuzucken.
"Was meinst du?” Kevins Stimme ging drei Oktaven höher und Basti zog seine Augenbrauen nach oben.
Er versteht den Blonden überhaupt nicht, kopfschüttelnd, seufzte er erneut, bevor Kevin zitierte: “Die Aufführung im Waisenhaus war super?”
Basti konnte förmlich sehen, wie der Blonde gefror. Aber er war geduldig, nicht dass er wirklich eine Antwort von dem anderen erwartete, aber er würde auch nicht als erstes das Gespräch beenden.
Die Stille in dem kleinen Aufenthaltsraum war erdrückend.
Der Schwarzhaarige blickte sich währenddessen um. Der quadratische Raum war gefüllt mit einer Couch und zwei Sesseln, die um einen Tisch. Eine Wand war ein leerer Kamin, die anderen waren gefüllt mit Schränken von Büchern. Das einzige Licht kam von einer Stehlampe, neben dem Sessel, von dem Kevin aufgesprungen war.
Basti ließ seine Hand leicht über den Sessel neben ihm gleiten, Leder mit einer Wolldecke.
Die Stille hielt an.
Basti biss sich auf die Lippe, vielleicht würde er doch als erstes nachgeben und einfach wieder gehen. Klar, dass ihnen noch bevorstehende Projekt, wäre sicherlich akward, aber es würde diesen komischen Moment sicher nicht toppen.
Mit dem Gedanken räusperte sich Basti, doch Kevin schien endlich die Situation erfasst zu haben und schnaubte in einem Ton, der viel zu laut in den menschenleeren Hallen niederschallte: “Und was geht dich das schon an? Huh?”
Basti pausierte. Er versuchte, seine anbauende Genervtheit und Ärger zu unterdrücken und sich zu erinnern, dass er derjenige gewesen war, der so invasive Sachen gefragt hatte.
Es war abzusehen, dass der Blonde defensiv reagierte. Basti würde es wahrscheinlich nicht anders handhaben.
Vielleicht war es Zeit, etwas offener zu sein, um die wahrscheinlich kurz bevorstehende Eskalation der Konversation zu verhindern?
“Ist okay, wenn du nicht antworten willst. Ich bin die letzte Person, der du etwas rechtfertigen musst. Ich bin ja schließlich auch hier…” Zwar aus einem anderen Grund, aber der Schwarzhaarige verbiss sich dies.
Bessere Person, nicht so antagonistisch sein, wiederholte sich in seinem Kopf.
Ab und zu blitzte vor seinem inneren Auge der Samstag wieder. Der Phantomschmerz in seinem Gesicht war zurück. Er konnte das verhindern, hoffte er.
Der Blonde zögerte, doch seine Schultern entspannten sich. Basti wusste nicht warum, aber er lehnte sich gegen die Armlehne des Sessels. Er betrachtete seine schwarzen Schuhe, welche gegen das dunkelrot des Teppichs hervorstachen.
Auf einmal überkam ihn eine unglaubliche Müdigkeit und er ließ seine verbleibende Anspannung fallen. Entfernt konnte er den Wind gegen das Gebäude schlagen hören und ihm wurde plötzlich einiges bewusst.
Er war hier auf einem Internat mitten im Nirgendwo. Es schneite seit Tagen, kaum jemand war da. Sein letzter Kontakt war mit Heiko über sein Handy vor ein paar Tagen und dem Blonden ihm gegenüber.
Es war Weihnachtsabend, die meisten waren bei ihren Familien, hatten ihre Bescherung gehabt, gefeiert oder waren umgeben von ihren Geliebten.
Und er saß hier, quasi allein.
Niemand hatte ihm frohe Weihnachten gewünscht.
Seine Sicht verschwamm an den Rändern und er zwang sich, weiter auf den Boden zu schauen, sich plötzlich bewusst werdend, dass er nicht die einzige Person in diesem Raum war.
Er schniefte leise, doch es schallte laut und klar im Raum wieder. Seine Hände krallten sich in den Sessel und er betete, dass seine Tränen nicht fielen, dass sie wieder verschwanden.
Doch die Erkenntnis nagte weiter unangenehm an ihm.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als leise Kevins Stimme fragte: “Warum hast du niemanden von dem Schlag ins Gesicht erzählt?”
Basti schaute überrascht nach oben, doch Kevin hatte sich mittlerweile in den Sessel gesetzt und betrachtete seine Schuhe interessiert. Der Schwarzhaarige zögerte, er war sich nicht sicher, wie viel er dem Blonden wirklich erzählen wollte.
Er wischte dich mit einem Ärmel seiner Jacke, die Nässe aus seinen Augen.
Er musste nicht antworten.
Doch sein Mund entschied, bevor sein Kopf etwas überdenken konnte. Vielleicht war er zu müde, einsam oder seine schwindende Kontrolle über sein Leben, welches scheinbar jede Sekunde mehr den Berg herunterging.
"Mein Vater würde davon erfahren, dass ich in einen Kampf verwickelt gewesen wäre. Selbst wenn es nur einseitig gewesen ist.”
Ein kleines “Oh…” erklang und Basti schielte zu dem Blonden, welcher ihn anstarrte. In dem Moment, wo sich ihre Blicke trafen, schaute Basti weg, nicht sicher, was er in den Augen des anderen sehen würde.
Stille kehrte, wie ein alter Freund zwischen die beiden ein und Basti entspannte sich langsam wieder. Es war etwas kathartisches, endlich diese Sachen auszusprechen, auch wenn es nur ein kleiner Teil war.
“Hey…!” Murmelte Kevin plötzlich etwas energetischer. Basti schaute zu dem Blonden, der unsicher herreinschaute und mit seinen Finger spielte. Kevin biss sich auf die Lippe, bevor er zu ihm blickte und leise sprach: “Ich weiß es ist viel zu spät und echt scheiße, das jetzt erst zu sagen, aber…Aber es tut mir leid, den Schlag mein ich…”
Basti pausierte. Huh, das war das, was er am wenigsten erwartet hatte. Etwas Warmes flatterte in seiner Brust und die unangenehme kleine Stimme in seinem Kopf erinnerte ihn daran, dass er genau das seit dem Schlag hören wollte.
Doch statt dass er irgendwas davon äußerte, murmelte er nur leicht beschämt: “Its fine, ich schätze, ich habs irgendwo provoziert…” Er setzte ein kleines, erkämpftes Lachen hinten dran, welches unangenehm wieder schallte.
“Bro, trotzdem das war eine komplette Überreaktion von mir!” Bastis Wangen wurden warm und er schaute sich lieber in dem Zimmer um. Doch der Blonde schien auf seine Antwort zu warten und der Schwarzhaarige öffnete langsam seinen Mund. Was war eine Wahrheit mehr?
“Yeah, es hat scheiße weh getan…” Aus seinem Bann gelöst und der Neugier wegen, drehte er seinen Kopf endlich wieder zu Kevin. Welcher aussah, als täte ihm alles weh. Der Blonde blickte schließlich hoch zu ihm und die beiden hielten Augenkontakt, das erste Mal seit dem Beginn ihrer Konversation.
“Sorry…” murmelte Kevin erneut und Basti zuckte nur mit den Schultern. Er hatte nichts zu erwidern, egal wie sehr er die Entschuldigung möchte, verzeihen tat er dem Blonden nicht. Aber er würde ihn mehr tolerieren.
Er blickte weg und ein kleines Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. Vielleicht wird ihr Kompositionsprojekt doch nicht so schlimm, wie er dachte.
♬*✧˖°✮♩
Kevin starrte den Schwarzhaarigen an. Das minimale Licht der Lampe neben ihm tauchte den Raum in ein sanftes, heimliches Licht. Und Basti passte perfekt in das Bild und er konnte förmlich fühlen, wie sich die Szenerie in sein Gehirn brannte.
Seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben. Er hat es tatsächlich geschafft, sich zu entschuldigen. Klar hatte der Dunkelhaarige seine Entschuldigung nicht wirklich angenommen, aber es war immer noch mehr, als er sich erhofft hatte.
In seinen Gedanken war die Sache mit mehr harten und feindlichen Worten und giftigen Blicken abgelaufen. Nicht so…sanft?
Kevin schüttelte den Kopf. Er konnte die ganze Sache nochmal durchgehen, wenn er nicht neben der Person, die den Tumult in ihm auslöste, saß. Er öffnete seinen Mund, um irgendwie die Stille zu tilgen, doch wurde er unterbrochen von Schritten.
Er schnellte hoch aus dem Sessel und Basti tat es ihm gleich. Der Schwarzhaarige drehte sich zu ihm und hauchte die Worte “Security”, bevor er langsam und leise zur Tür glitt.
Kevin löste sich aus seiner Starre, machte so leise wie möglich die Lampe neben ihm aus und tauchte den Raum in Dunkelheit. Er gab seinen Augen ein paar Sekunden, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, bevor er dem Dunkelhaarigen zur Tür folgte.
Dieser hatte seinen Kopf herausgestreckt und schaute die Gänge hinunter.
Kevins Herz raste. Er wollte wirklich nicht erwischt werden, nachdem er die Ausgangspeere gebrochen hatte. Er brauchte nicht noch einen weiteren Punkt in seiner Akte.
Der Blonde lehnte sich näher an den anderen und schielte ebenfalls die dunklen Gänge hinunter. In der Ferne schallten immer noch die Schritte wieder, doch noch war kein Licht der Taschenlampe zu sehen.
Basti drehte seinen Kopf wieder zu ihm, sein Blick scharf.
“Kennst du den Weg zum Dormitorium bei den Tannen?” Kevin versuchte nicht darüber nachzudenken, dass er den Atem des anderen auf seiner Haut fühlen konnte. Nach ein paar Sekunden, in denen er sich erinnerte, wie ein normaler Mensch funktionierte, nickte er.
Der Andere sah kurz erleichtert aus, bevor er die Tür weit öffnete und hinaus glitt. Kevin folgte ihm, er hielt seinen Atem. Doch der Wachmann schien sich in einem der vielen parallel laufenden Gänge zu befinden. Zumindest schien die Taschenlampe aus einem von ihnen.
Kevin schloss leise die Tür hinter ihm, jede Bewegung war zu schnell, aber gleichzeitig nicht schnell genug. Er drehte sich wieder zu Basti, welcher immer noch in Richtung des näherkommenden Lichtes starrte. Schließlich drehte er sich zu ihm und bewegte seinen Kopf in die Richtung der Treppe.
Kevin nickte. Ohne weitere Kommunikation gingen die beiden los. Jeder Schritt vorsichtiger als der letzte.
Kevins Atem klang laut in seinen Ohren wieder und er war sich totsicher, dass ihre Schritte laut den Gang herunterschallten, doch die immer noch gleichmäßigen Schritte des Wachmanns ließen ihn anders hoffen.
Nach was sich für ihn anfühlte, wie eine Ewigkeit, die sie nicht hatten, erreichten sie die breiten Doppeltüren. Basti wollte schon die Klinke runterdrücken, doch Kevin griff sein Handgelenk und schüttelte den Kopf, als Basti ihn fragend anstarrte.
Er hauchte die Worte “Quietschen” hervor und Basti schien zu verstehen, denn er öffnete langsam die andere Tür.
Kevin warf einen letzten Blick über seine Schulter und Panik stieg sofort auf. Das Licht strahlte nun den Hauptgang entlang. Dort wo sie woher hinunter geschaut hatten. Sein Herz schien aus seiner Brust zu schlagen und kalter Schweiß lief ihm den Rücken hinunter.
Er wurde aus seiner Starre gerissen von einer Hand, die seinen Ellenbogen griff und sanft daran zog. Kevin blickte zu Basti, welcher ihn ebenfalls panisch und fragend anstarrte. Kevin löste sich und die beiden verschwanden hinter den Glastüren.
Basti schloss die Tür etwas schneller als zuvor, aber Kevin hatte gar nichts dagegen. Sobald die Tür zu war, sprinteten die beiden die kalten Steintreppen nach unten.
Plötzlich klickten ein paar Sachen für Kevin und er drehte sich panisch zu dem Dunkelhaarigen und schrie im Flüsterton: “Und was nun?! Wir kommen nicht raus hier, die Türen sind nachts abgeschlossen!”
Er wollte den anderen schon weiter verfluchen, doch dieser gab nur ein kleines Kichern von sich, bevor er lässig einen Schlüssel hervor holte und murmelte: “Und deshalb hab ich einen kopierten Schlüssel.”
Kevin starrte den Dunkelhaarigen an, welcher ihn immer noch angrinste. Er blinzelte. Mister-Ich-breche-keine-Regeln hatte einen kopierten Schlüssel, um nachts rauszukommen? Kevins Welt brach vor seinen Augen zusammen. Nicht einmal er hatte sich getraut, einen Schlüssel zu klauen, egal wie oft er nachts raus wollte. Selbst seine Freunde waren zu feige gewesen!
“Wie–??” murmelte Kevin, doch der Dunkelhaarige schüttelte nur den Kopf und schloss die dunkle große Holztür auf. Er öffnete sie und machte eine kleine Handbewegung und ohne zu zögern, glitt Kevin in die eiskalte Nachtluft.
Es hatte scheinbar endlich nachgelassen mit dem Schneesturm und es fielen nur noch vereinzelte kleine Schneeflocken. Kevin zitterte. Das machte die Sache allerdings nicht wärmer.
Er drehte sich um und Basti hatte scheinbar hinter ihm zu geschlossen, denn er kam Kevin entgegen.
“Lass uns losgehen, eh wir erfrieren.” sprach der Schwarzhaarige und Kevin nickte eilig. Die beiden stapften an dem Internatsgebäude entlang und Kevin war noch nie so froh, sich für seine weißen Sneaker und eine lange Jeanshose mit Hoodie entschieden zu haben, statt Pyjamas.
Sein Blick wanderte zu Basti, der verträumt zu den Bäumen schaute. Der andere war definitiv mehr darauf vorbereitet als Kevin, er hatte einen Pullover und eine Jacke mit dicken Hosen und hohen Stiefeln an. Doch mit der Erkenntnis, dass der andere einen Schlüssel hatte, war ihm auch klar warum.
Was ihn wieder zurückbrachte.
“Warum zur Hölle hast du einen Schlüssel?” Basti warf ihm einen Blick mit hochgezogener Augenbraue zu, bevor er sarkastisch fragte: “Neidisch?”
Oh und wie.
Doch er behielt das für sich. Egal wie nah sie sich in dem Aufenthaltsraum gekommen waren, wollte er dem Dunkelhaarigen so einfach nicht den Sieg geben.
Seine Stille und der missbilligende Blick waren aber scheinbar genug für Basti, denn er lachte.
Kevin schaute weg von dem Dunkelhaarigen und versuchte, sich ein weiteres Schaudern und Zittern zu unterdrücken. Es war echt verdammt kalt.
Stille hüllte die beiden ein, nur unterbrochen von dem Knirschen ihrer Schritte im Schnee. Doch Kevin hatte nichts dagegen, auf einmal übermannt von Müdigkeit und Erschöpfung.
Wer hätte gedacht, dass sein Weihnachten so endet? Mit dem Typen, den er vor einer Woche noch gehasst hatte, stapfte er jetzt durch den Schnee. Auf der Flucht vor dem Wachmann, nachdem die beiden ein für ihre Verhältnisse recht intimes Gespräch gehabt hatten.
Irgendwie stand seine komplette Welt Kopf. Gleichzeitig war er recht taub demgegenüber. Er würde wahrscheinlich morgen früh aufwachen und alles überdenken, aber jetzt genoss er die Stille in seinem Kopf.
Kevin schauderte, nachdem ihn eine weitere Kältewelle erfasste. Doch seine Erlösung nahte, die letzten paar Meter sprintete der Blonde plötzlich mit letzter Energie zur Tür.
Er machte vor der Doppeltür halt und bewegte sich leicht, während er auf den anderen wartete. Dieser kam grinsend angestapft und sprach in einem Ton, der Kevins Puls in die Höhe trieb: “Brauchst du Hilfe?”
"Ja, tatsächlich! Mach auf Arschloch, ich erfriere sonst. Da kannst du dir schon mal überlegen, wie du das den Lehrern erklärst.”
Der andere kicherte leise und Kevin unterdrückte sich ebenfalls ein Lächeln. Er war immer noch am Frieren.
Mit einer Geschwindigkeit, die einer Schnecke glich, schloss der Dunkelhaarige die Tür auf. In dem Moment, wo sie offen war, schoss Kevin hinein und erzitterte erneut. Er drehte sich genervt zu Basti um, welcher vorsichtig hinter ihnen zuschloss.
“In einem Wettkampf mit einer fucking Schnecke hättest du verloren.”
Bastis Lachen schallte laut den Treppenaufgang hinauf und ein leichtes Lächeln brach diesmal tatsächlich über Kevins Lippen herein. Der Schwarzhaarige hatte eine ansteckende Lache.
Plötzlich realisierte er, dass das das erste Mal war, wie er Basti lachen hörte. Ein richtiges Lachen, frei gebrochen von den Lippen des anderen.
Sein Bauch kribbelte bei dem Gedanken und sein Lächeln wurde um ein paar Zentimeter breiter.
Er könnte sich an das Geräusch gewöhnen.
Nachdem sich der Andere wieder eingekriegt hatte, drehte er sich zu Kevin und die beiden stiegen die ersten paar Stufen hinauf.
"Okay, ich schätze das ist, wo sich unsere Wege trennen?” Basti nickte, zögerte aber leicht und selbst Kevin machte keine Anstalten, durch die Tür zu gehen.
“Nun dann…gute Nacht.” Murmelte Basti, bevor er sich endlich aus ihrer gemeinsamen Starre losriss und die Treppen in den ersten Stock nahm. Kevin starrte dem Schwarzhaarigen hinterher, sein Mund fühlte sich staubtrocken an und ein Gefühl von Traurigkeit ergriff ihn.
Er schüttelte sich leicht, doch die Kälte biss immer noch an seinen Knochen. In einer Flut an Gedanken und Emotionen riss er seinen Mund auf und rief Basti lautstark ein: “Danke und frohe Weihnachten, Arschloch!” hinterher.
Seine Wangen brannten und seine Füße gehorchten ihm endlich. Keine Sekunde später verschwand er hinter der Tür des Dormitoriums des Erdgeschosses.
Vielleicht könnten die beiden tatsächlich koexistieren.
♬*✧˖°✮♩
Basti drehte sich mit dem Gesicht zur Wand und versuchte, die Helligkeit, die durch seine geschlossenen Augen trat, zu ignorieren. Nur ein paar Minuten mehr.
Er blieb ganze zwei Minuten liegen, nur um sich schließlich mit einem Seufzer umzudrehen und seine Augen zu öffnen. Er griff sein Handy und schaute auf die Zeit, es war schon längst nach zehn. Er zog eine Grimasse, dann halt kein Frühstück.
Bei dem Gedanken knurrte sein Magen. Mit störrischer Kraft zerrte er liegend an einer der Gardinen, um mehr Licht hereinzulassen, in der Hoffnung, dass es vielleicht seinen trägen Mood ändern würde.
Mit Mühe setzte er sich auf und betrachtete seinen Schreibtisch. Über den Stuhl hing seine Jacke, welche er gestern Nacht anhatte. Bei dem Gedanken von dem Tag davor, ließ sich der Schwarzhaarige stöhnend wieder fallen.
Gott, was war letzte Nacht alles passiert?
Er und Kevin hatten sich unterhalten, der Blonde hatte sich entschuldigt, sie sind vor einem Wachmann weggerannt, sind in der Eiseskälte zurückgelaufen und haben es geschafft, sich trotz allem nicht zu prügeln.
Sarkastisch kam die Idee eines Weihnachtswunders in ihm auf.
Basti stockte.
Wie sollte er sich jetzt verhalten? Auf was für eine Ebene positionierte sie das jetzt? Offiziell waren sie ja keine… Feinde mehr, (Konnte man sie überhaupt je so kategorisieren?) allerdings auch nicht wirklich Freunde.
Bekannte? Fremde? Weirdes Zwischending? Kennenlernphase?
Während er über die belanglosen Labels seinen Kopf zerbrach, leuchtete sein Handy in seiner Hand auf. Ohne groß nachzudenken, klickte er drauf und erwartete eine Nachricht von Heiko, aber nein, stattdessen öffnete sich ein fast leerer Chatverlauf.
Er fuhr hoch, sein Herz raste und sein Gehirn und Körper waren jetzt komplett wach. Da in dem Verlauf, der aus 3 Texts von ihm zu unterschiedlichen Zeiten, jeweils unbeantwortet bestand, war nun eine neue Nachricht.
Eine Nachricht von der Person, die er gerade zu kategorisieren versuchte. Wenn man vom Teufel spricht…
Bevor die erste Nachricht überhaupt in seinem Kopf registriert werden konnte, tauchten allerdings noch zwei weitere auf.
‘Sooooo’
‘bissl weird aber’
‘wollen wir versuchen an dem projekt heute zu arbeiten??’
Basti starrte weiter, seine Hände schwebten über den Buchstaben. Aber was sollte er darauf antworten? Es gab so viel, was gerade in seinem Kopf stattfand. Hin und Hergerissen von einem Gedanken zum nächsten.
Erstens, er hatte sich noch nicht mal durch den ganzen Abend von gestern (heute?) durchgearbeitet.
Zweitens, er war sich immer noch unsicher, wo genau er mit dem Blonden stand.
Drittens, wollte Kevin wirklich gerade an ihrem Projekt arbeiten? Jetzt? Er? Der Typ, der bis zur letzten Minute wartet?
Basti debattierte weiter, ob er einfach die Texts ignorieren konnte oder ob er den anderen auf nett absagen konnte. Das war bis weitere auftauchten.
‘bro ich sehe das du das liest’
‘halloooooo’
‘ingnorieest du mich’
‘*ignorierst’
Gott, wie konnte man nur nervig sein? Basti seufzte und kniff seine Augen zu, die Nachrichten sorgten für physischen Schmerz in Form einer sich an brauenden Migräne. In den drei Sekunden, in denen er seine Augen geschlossen ließ, vibrierte sein Handy erneut. Toll noch mehr.
‘ist das die rache weil ich nie geantwortet hab?’
‘???’
‘im sorry??’
Basti rollte seine Augen, seine Hände begannen langsam zu tippen.
‘okay’
‘bro was für okay??????’
‘auf was?’
‘HEY!???’
‘meine fresse’
‘???’
‘12 Uhr in Raum 7’
‘???’
Basti schaltete sein Handy aus, auch wenn der Blonde immer noch weiter am Schreiben war. Aber der Schwarzhaarige hatte sich entschieden, dass Kevin wahrscheinlich eh nichts mehr zu sagen hatte. Mit neuer Energie stand er auf und lief zu seinem Schrank.
Er hatte eigentlich nicht wirklich Lust an dem Projekt zu arbeiten, selbst mit alledem was passiert war, nagte der Zweifel weiter an ihm.
Die Beiden hatten sich bis jetzt auf einer zwischenmenschlichen Ebene vertragen und verstanden, aber daher rührten ihre Probleme noch nie. Es hatte immer mit Musik zu tun.
Etwas, wo die beiden nie Auge zu Auge gesehen hatten. Und Basti bezweifelte, dass sich da so viel geändert hatte.
Allerdings konnten die antagonistischen und giftigen Worte, Kritiken und Meinung weniger geworden sein. Was das Eskalationspotential reduzierte.
Schließlich versuchte der Schwarzhaarige immer noch, ein besserer Partner zu sein. Und bis jetzt, ohne sich so sehr auf die eigene Schulter zu klopfen, würde er sagen, dass er wirklich gut darin war.
Immerhin hatte ihn das eine Entschuldigung, ein nervenaufreibendes Abenteuer und ein “Frohe Weihnachten” erbracht. Bei letzterem musste er wieder lächeln. Seine Wangen glühten in einer angenehmen Wärme.
Wer hätte gedacht, dass er doch noch ein “Frohes Weihnachten” bekommt und dann auch noch von der Person, die vorher auf seiner Liste ganz unten stand?
Basti schüttelte leicht seinen Kopf und warf noch einen schnellen Blick in seinen Wandspiegel. Er fuhr nochmal über die Falten seines Hemdes, bevor er ins Bad lief, um sich um seine Haare und sein Gesicht zu kümmern.
Währenddessen glitten seine Gedanken weiter, zu einem Punkt der, ebenfalls für Spannungen sorgte. Sofort drangen Herr Noris Worte wieder in sein Gedächtnis: “Ich bin schon sehr gespannt, wie sie ihre doch sehr unterschiedlichen Stile kombiniert haben!”
Ja, ihre komplett unterschiedlichen Stile waren wahrscheinlich das größte Problem.
Ganz davon abgesehen, dass sie auf einem Spektrum an den komplett gegensätzlichen Seiten saßen und ihre Spielstile bei weitem nicht kompatibel waren. Von dem allem abgesehen, arbeiteten die beiden auch noch komplett unterschiedlich.
Und hatten unterschiedliche Vorlieben.
Basti runzelte die Stirn. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr wollte er nicht mehr. So wie er den Blonden kannte, hatte dieser sicherlich andere Ideen für ein “tolles” Stück.
Und so wie Basti sich kannte, hasste er bestimmt jede einzelne.
Der Schwarzhaarige seufzte, wie sollte er, wenn er die Ideen nicht mochte, seine Kritik äußern? Klar, es war immer eine Möglichkeit, sanfter zu sein, aber wie sanft kann man denn wirklich sein, wenn man Kritik gibt?
Und er wollte nicht zu einem Fußabtreter werden, nur weil er nicht richtig “Nein” sagen konnte, auf der anderen Seite wollte er keine Zähne verlieren. Was ließ das über?
Nichts.
Der Schwarzhaarige stöhnte und warf seinen Kopf in den Nacken.
Er hasste es, Sachen zu freestylen, aber alles lief darauf hinaus, dass es ein Learning-by-Doing-Prozess wird.
Hoffentlich einer, der nicht damit endet, dass er und Kevin sich gegenseitig zusammenhauen.
♬♪♫
Kevin starrte weiter die Decke des kleinen, mittlerweile stickigen Proberaums an. Die grauen Platten waren zwar uninteressant, aber noch lange nicht so uninteressant, wie die Notenblätter vor ihm.
Er stöhnte und wandte endlich seinen Blick ab, auf den schwarzhaarigen Jungen neben ihm. Basti starrte immer noch auf ein paar der Notenblätter, die Bleistiftspitze tippte gegen den Tisch.
Doch er schrieb nichts nieder, er betrachtete nur weiter die Noten und versuchte aus ihrem Chaos an Brainstorming etwas zu finden, worauf sie ihre Idee aufbauen konnten. Etwas, was Kevin seit einer halben Stunde aufgegeben hatte.
Kevin hätte am liebsten den Schwarzhaarigen noch etwas genervt, allerdings war er sich nicht sicher, ob das für den anderen als Joke rübergekommen wäre. Wahrscheinlich nicht, die beiden wussten schließlich immer noch nicht, wo genau ihre Grenzen saßen.
Außerdem trug das immer noch einen schlechten Beigeschmack. Aber Basti war halt ein Prämiumopfer für Ragebait, vor allem wenn er so konzentriert dasaß.
Um nicht seinen impulsiven Gedanken nachzugehen, blickte der Blonde aus dem Fenster. Die Sonne war immer noch nicht untergegangen und es würde wahrscheinlich noch eine Stunde dauern.
Etwas, was den Blonden nervös machte, er wollte nämlich eigentlich im Schnee rumrennen, sich mal auspowern, vor allem nach den 3 Stunden, die sie schon hier saßen.
Es war auch perfektes Wetter, um eine Schneeballschlacht zu starten, der Schnee war noch frisch und weich. Es war angenehm sonnig, aber trotzdem kalt. Perfekt halt, bis natürlich auf die fehlenden Personen.
Sein Blick glitt zu dem Schwarzhaarigen, welcher immer noch auf das Papier starrte. Gegen alle seine Vorsätze, schnellte seine Hand nach vorne und legte sich über die Notenblätter. Basti zuckte leicht zusammen, schaute aber tatsächlich auf zu dem Blonden.
“Was?” Okay, ja, der Schwarzhaarige klang nicht sehr entspannt, noch nett und Kevin bereute schon jetzt alles. Er atmete noch einmal tief ein, bevor er seine Gedanken endlich äußerte.
“Wie wär's wenn wir rausgehen?”
Doch statt dass der Schwarzhaarige sofort seiner Idee ein Ende setzte, starrte er nur den Blonden mit hochgezogener Augenbraue an. Kevins Haut begann unter dem Blick des Anderen zu prickeln.
Schließlich fragte Basti: “Und dann was?”
Sein Mund fühlte sich staubtrocken an und er versuchte, sein rasendes Herz zu beruhigen. Er war sonst auch nie so aufgeregt, aber es lag wahrscheinlich daran, dass er den Schwarzhaarigen nicht wirklich gut kannte.
"Na, um im Schnee zu spielen?-” Und wow, sogar für ihn klang das absolut bescheuert und so fügte er noch ein schnelles, “Um Pause zu machen!” hinzu.
Basti starrte ihn mit noch mehr “Bist du Verrückt”-Energie an und Kevin wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. Er wollte sich schon entschuldigen und sich verabschieden, doch genau in dem Moment sprach der Andere.
“Okay, you know what? Warum nicht, lass uns rausgehen, vielleicht brauchen wir eine Pause.”
Basti stand auf und griff seine Jacke samt Schal. Kevin starrte den anderen mit leicht offenem Mund an, bis sein Gehirn ebenfalls schaltete und er aufsprang. Etwas in seinem Bauch kribbelte und ein breites Grinsen hatte sich auf seinem Gesicht breit gemacht.
Je mehr er mit dem Schwarzhaarigen machte, desto mehr mochte er ihn. Von dem kopierten Schlüssel über so kleine, doch recht spontane Aktionen - genau das Richtige für Kevin.
Der schwarzhaarige Junge hielt die Tür offen und Kevin schnappte nur noch schnell seine Handschuhe und stürzte aus der Tür. Die beiden liefen ohne groß Worte zu wechseln zu einem der Ausgänge, welche in den angrenzenden Park führten.
Klar, in Situationen wie diesen verschwand die unangenehme Stille zwischen ihnen nicht, aber Kevin würde sagen, dass es im Verlaufe des Tages um einiges besser geworden war. Wenn er zurückdenkt an den Anfang ihres Treffens heute, war das schon ein großer Schritt.
Vor ein paar Stunden konnten sich die beiden nicht mal wirklich in die Augen schauen, der gestrige Abend war immer noch zu tief in ihre Seele gebrannt.
Unterbewusst wurde Kevin beim Anblick des Ausgangs schneller. Mit einer Energie, die durch seinen Körper brannte, wie Papier im Feuer, sprang er die paar Steintreppen nach unten und riss die große, dunkle Holztür auf.
Sofort traf ihn ein Schwall an eiskalter Luft, doch das Grinsen wurde nur breiter.
Vor ihm breitete sich die dicke weiße Schneelandschaft aus, der Himmel war immer noch blau und bis auf ein paar vereinzelte Schleierwolken leer. Sobald er in den Schnee trat und es nur so unter seinen Stiefel knirschte, entspannten sich seine Muskeln und alles fiel von seinen Schultern.
Die frische Luft tat seinem Kopf gut und brachte ihn in eine angenehme Stille. Er fühlte sich mehr Zuhause im Schnee als zwischen seiner Familie. Sobald dieser dunkle Gedanke aufkam, griff Kevin nach Bastis Hand und zog ihn wild in Richtung des Parkes. Heute wollte er wahrlich nicht damit verschwenden, darüber nachzudenken.
Ein kleiner Ausruf kam von dem Schwarzhaarigen, aber er beschwerte sich nicht, also zog Kevin ihn weiter. Die beiden liefen in einem leichten Jog zwischen den gepuderten Bäumen hindurch, zu einem kleinen See, der am anderen Ende des Weges wartete.
Sobald die beiden ankamen, verschnaufte der Blonde. Er hat vielleicht etwas zu sehr auf Schnelligkeit gepocht.
Der See glitzerte leicht, teilweise schon mit Schnee bedeckt. Kevin fragte sich, ob das Eis dick genug war, um darauf zu stehen, und als hätte der Schwarzhaarige seine Gedanken gelesen, murmelte dieser: “Schaut so aus, als hätten die anderen den See zum Schlittschuhlaufen genutzt…”
Und tatsächlich, wenn Kevin das Eis näher betrachtete, konnte er leichte Spuren sehen. Er legte seinen Kopf leicht zur Seite, hätte er doch nur seine Schlittschuhe von zuhause mitgebracht. Unterbewusst fing er an zu schmollen, bis er realisierte, dass er einen freien Willen hatte.
Er griff erneut Bastis Hand (wann hatte er losgelassen?) und zog den Anderen in Richtung des Eises.
“Äh, Kevin?” Der Blonde lief weiter und je mehr sie an das Eis herantreten, desto stärker wurde der Gegenzug von Basti, doch Kevin blieb unbeirrt.
“Kevin??” Basti Stimme ging etwa zwei Oktaven höher, als er das Eis betrat und sich zu dem Schwarzhaarigen umdrehte.
“Nun komm!” Sprach er und zog weiter an Bastis Hand, doch dieser stemmte sich vehement dagegen und betrachtete den Blonden als wäre er ein Alien.
Schließlich öffnete Basti erneut seinen Mund: “Auf das EIS?!” Kevin lachte und ließ Basti Hand los und glitt stattdessen weiter auf dem See. Seine Arme ausgestreckt, um sein Gleichgewicht zu behalten.
Er rief über seine Schulter dem anderen ein "Was sonst?” zu, bevor er weiter auf dem Eis lang glitt. Mit flachen Schuhen war es zwar nicht annähernd so entspannt wie mit Schlittschuhen, aber es würde reichen.
Ein breites Grinsen formte sich auf seinen Lippen. Er konzentrierte sich darauf, nur zu gleiten und nur möglichst minimale Schritte zu machen, um nicht doch umzufallen. Nach ein paar langsamen Runden glitt er wieder zu dem Schwarzhaarigen, welcher immer noch am Rand stand und den Blonden unsicher betrachtete.
Bei dem Gesichtsausdruck des anderen wurde Kevins Grinsen breiter und ein scharfes aber freudiges Lachen drang in die kalte Luft.
“Wer hätte gedacht, dass du doch so ein Angsthase bist?” Sprach Kevin lachend, der Moment, wo die Worte laut wieder schallten, wurde ihm bewusst, wie boshaft der Unterton klang.
Sofort blieb das Lachen in seiner Kehle stecken und er wollte sich schon entschuldigen, doch der Schwarzhaarige griff bereits seine Hand mit den Worten: "Ach ja?”
Keine Sekunde später war der Andere ebenfalls neben Kevin auf dem Eis. Jede Entschuldigung starb auf seiner Zunge. Sein Herz klopfte laut und schnell in seiner Brust und er hätte schwören können, dass der andere es hören konnte.
Basti hingegen krallte sich unbeirrt an Kevins linken Arm und versuchte mit einem Blick von höchster Konzentration sein Gleichgewicht zu behalten. Ein kleines Lächeln brach auf Kevins Lippen aus, der Schwarzhaarige konnte schon unglaublich süß sein, wenn er wollte.
Der Moment, als der Gedanke sein Gehirn überkam, wurden seine Wangen knallrot. Und er schüttelte leicht seinen Kopf um den komischen Gedanken, wieder dahin zu verbannen, von wo sie gekommen sind. Klar war der andere attraktiv, aber nicht ‘attraktiv attraktiv’.
Kevin griff Bastis an sich krallende Hände und versuchte, den anderen mehr aufs Eis zu ziehen und seine komischen Gedanken zurück am Ufer zu lassen.
Doch der Moment, als er den Schwarzhaarigen in seine Richtung zerrte, rutschte dieser weg und zog Kevin mitsamt auf das harte und kalte Eis. Ein dumpfer Schmerz pochte gegen seinen Rücken und ein kleiner lauter Schrei durchbrach die Ruhe des gefrorenen Sees.
Kevin öffnete überrascht seine Augen und blickte auf den sich langsam verfärbenden Himmel.
Egal wie sehr sein Rücken weh tat und sein Kopf sich leicht drehte, ein warmes Gefühl überkam ihn. Neben ihm richtete sich Basti in eine sitzende Position auf. Er hielt seinen Kopf und eine Grimasse spiegelte sich auf seinem Gesicht wider.
Er schaute zu den Blonden und ein Strang an Entschuldigungen kam aus seinem Mund.
Kevin starrte den Gesichtsausdruck des anderen an, eine Mischung aus Panik, Erschrockenheit und Schmerz. Die Emotionen standen Basti überhaupt nicht, er sah viel besser aus mit Genervtheit oder ähnlichen Emotionen.
Ein komischer Gedanke, nachdem er auf dem Eis mit dem anderen hingefallen war, weil sie ohne Schlittschuhe über den See gleiten wollten. Komische Gedanken für komischere Situationen.
Kevin schaute ihn weiter an, bis ein riesiges Grinsen auf seinen Lippen hervorbrach und er anfing zu lachen.
Was für bescheuerte Gedanken nach einem Sturz! Die ganze Situation war ein einziger Witz.
Er wusste nicht, wie lange er auf dem Eis lag und vor sich hin kicherte. Doch als er seine Augen wieder öffnete und den Schwarzhaarigen anschaute, hatte sich auf dessen Gesicht ebenfalls ein kleines Lächeln ausgebreitet.
“Schätze Eiskunstläufer werde ich nicht?” Murmelte Basti leise in die Winterluft und Kevin brach erneut in Lachen aus. Zwischen Hiepen an Luft und seinem Lachen brachte er ein schräg klingendes “Definitiv nicht!” hervor.
Ein kleines Lachen brach auch endlich aus Bastis Lippen und Kevins Grinsen wurde breiter. Egal, wie leise das Lachen des anderen war, er konnte sich nicht die Freude, die durch seinen Körper floss, die Wärme in seinen Wangen und seiner Brust, sowie die leichte Gänsehaut unterdrücken.
Seine Wangen taten weh von dem ganzen Lächeln und Lachen und trotzdem ist es ihm nie einfacher gefallen, so glücklich zu sein.
Nach mehreren Minuten, in denen sich die beiden wieder einkriegen, kehrten die Stille und Ruhe auf den See zurück. Nur unterbrochen von ihrem Atem.
Der Himmel hatte sich mittlerweile in eine Mischung aus pink, rot und orange verwandelt und deutete das bald dahin schwindende Tageslicht an. Mühsam richtete sich der Blonde endlich auf und begann langsam, sich auf seine Füße zu stellen, behutsam, dass er nicht erneut hinfiel.
Sein Rücken und seine Muskeln protestierten, doch die Kälte des Eises hatte sich in seinen Knochen verankert, sodass Kevin es nicht mehr ignorieren konnte.
Nach ein paar Sekunden, in denen er wackelig und unsicher auf den Beinen stand und sich so fühlte, wie ein Neugeborenes, blieb er endlich aufrecht und warf einen Blick zu seinem Partner, der ihn ebenfalls schon anschaute. Basti sah allerdings alles andere als freudig aus.
Kevin reichte ihm eine Hand und der Schwarzhaarige warf ihm einen fragenden Blick zu. Bevor er seinen Mund öffnete und langsam und sachlich sprach: “Kevin, wenn ich deine Hand nehme, knallen wir wieder auf das Eis.”
Ohne groß nachzudenken und seine Worte zu überdenken, rief Kevin: "Oh, hier gibt es noch was ganz anderes, was ich knallen würde.”
Seine Wangen fingen an zu brennen, aber der Gesichtsausdruck von Missbilligung und Enttäuschung, den Basti ihm gab, war es mehr als wert.
Er unterdrückte sich ein Grinsen, während der andere seine Augen rollte.
Schließlich griff Basti doch seine Hand und half Kevin ihm so gut es ging auf. Nach ein paar Minuten des Hin und Hers, standen die beiden wieder. Basti hatte sich mittlerweile wieder an Kevin gekrallt und die beiden glitten in dem Tempo einer Schnecke in Richtung des Ufers.
Sobald die beiden wieder sicheren Grund unter ihnen hatten, ließ der Schwarzhaarige los und seufzte erleichtert. Kevin versuchte die Kälte zu ignorieren, die sich nun dort einnistete, wo vorher der andere Junge gewesen war.
Basti warf ihm einen erschöpften Blick zu und ohne auch nur ein Wort zu sagen, verstand Kevin klipp und klar, was der andere dachte. ‘Den Scheiß mach ich nie wieder.’ und ‘Warum bin ich dir gefolgt???’
Ein Grinsen breitete sich aus und er gab alles, um sich ein Lachen zu unterdrücken. Basti warf ihm einen weiteren scharfen Blick zu, bevor er murmelte: “Ich hasse dich.”
Kevin kicherte und umschlang die Schultern des Schwarzhaarigen und zog die beiden so wieder in die Nähe des anderen.
“Komm schon, das war doch super spaßig!” Der Blonde bekam ein unbeeindrucktes “mhm” als Antwort, bevor Basti sich aus seinem Arm zog und mit einem kleinen Blick zu Kevin, lief er zurück in Richtung des Internats.
Der Blonde seufzte und holte den Schwarzhaarigen ein. Die beiden versanken wieder in Stille. Die Laternen, die den Wegesrand schmückten, gingen endlich an und tauchten den halbdunklen Park in Licht.
Kevin schielte leicht in Richtung des anderen, die Laternen sorgten dafür, dass er fast einen Heiligenschein um seinen Kopf hatte. Bei dem Gedanken setzte sein Herz für ein paar verräterische Sekunden lang aus, bevor er den unteren Teil seines Gesicht in seiner Jacke vergrub.
Es war komisch, wie schnell er sich an die Präsenz des anderen gewöhnt hatte und wie schnell sie über Sachen gemeinsam lachen konnten, statt über den jeweils anderen.
Etwas kaltes biss an seinem Herzen. Wenn die beiden eigentlich so gut zusammen passten, warum hatten sie es dann nie vorher realisiert? Kevin überschlug sein Gehirn und versuchte sich so gut es ging daran zu erinnern, warum er Basti nie mochte.
Die einzigen Sachen, die er finden konnte, waren, dass der andere ein Streber sein konnte, verklemmt war und ihn nicht mochte. Drei Sachen, die, wie er in den letzten zwei Tagen herausgefunden hatte, nicht stimmten. Oder zumindest nicht zu dem Extrem, wie Kevin es dachte.
Er schielte wieder zu Basti und gegen seinen Willen fragte er: “Warum möchtest du mich eigentlich nicht?”
Der Schwarzhaarige schaute überrascht in seine Richtung und seine Schritte wurden langsamer, bevor er seinen Kopf gen Himmel richtete, sichtlich am Nachdenken, was man darauf antwortete.
Die Unruhe und Peinlichkeit der Situation aßen an ihm, wie Geier an Aß.
Nach einer Stille, die viel zu lange dauerte, antwortete Basti schließlich: “Ich schätze, ich möchte deine Art nie besonders…” Er schaute zu Kevin, welcher ihn weiter anstarrte und hoffte, dass der andere ihm mehr erklärte.
Mit einem leichten Seufzen und Augenrollen, setzte Basti fort: “Laut, immer zu unruhig… chaotisch, immer am austesten der Grenzen, immer wieder neue Sachen probieren, nie stehen bleiben–” Der andere stoppte und Kevin wartete geduldig ab.
Selbst wenn die Sachen definitiv an seinen eigenen Unsicherheiten nagten, wollte er wissen, was der andere von ihm gedacht hatte oder dachte.
“Und hinzu kam halt, der Weg, wie du spielst. Ohne Noten, rein per Gefühlen, einfach als Interpretation des Künstlers. Völlig in deiner eigenen Welt versunken, wenn dich das Stück ergreift. Es ist, als ob du darin versinkst und eins mit ihm wirst…Sorry, das klingt bescheuert.”
Doch Kevin konnte einfach nur starren, die Hitze stieg in seine Wangen und in seinen Körper. Es fühlte sich an, als könnte Basti in seine Seele schauen und diese ohne große Probleme in Worte fassen.
Er fühlte sich außer Atem und schwindelig. Es war, als würde die Welt um ihn herum die Luft anhalten.
Das war das erste Mal, dass jemand seinen Spielstil so perfekt in Worte gefasst hatte.
Sonst hörte er nur Worte wie durcheinander, komisch und wild. Nie mehr, selbst die Lehrer hatten sich auf “einzigartig” geeinigt.
Aber dann wiederum sagten sie das zu jedem, Basti war ihrer Ansicht nach auch “einzigartig” und okay, vielleicht war der andere das auch irgendwie. Aber trotzdem jeder bekam “einzigartig”.
Mit rasendem Herzen und einem Mund, der sich taub anfühlte, murmelte er kopfschüttelend: “Nein, nein– Das klingt…” Er stockte.
“Das fasst es perfekt in Worte.”
Die beiden waren irgendwann in ihrer Konversation stehen geblieben und leise um sie herum rieselte der Schnee in kleinen einzelnen Flocken nieder.
Die Beiden schauten sich tief in die Augen, verloren in ihrer eigenen Welt, das war bis Basti ein kleines verspätetes “Oh” rausließ.
Ein kleines heiseres Lachen drängte sich aus Kevin und Basti erwiderte mit einem kleinen Lächeln.
Die Stille um sie herum verlieh dem Moment etwas angenehmes. Kevin konnte seine Augen nicht von Basti wegreißen und versuchte, seine Gedanken irgendwie wieder in Gang zu setzen, doch das einzige, was sein Gehirn zustande brachte, war der Gedanke, dass Basti glücklich noch hübscher aussah als genervt.
Ihre Stille wurde unterbrochen von einem lauten “HEY! GEHÖRT IHR ZUM INTERNAT?” Die beiden zuckten zusammen und drehten sich in die Richtung, von wo der Schrei herkam. Am anderen Ende des Weges stand ein Wachmann tief in seiner Jacke vergraben.
Kevins Gehirn hing immer noch auf dem Gedanken von Bastis Gesicht fest, doch der andere hatte mehr Glück und rief lautstark zurück: “JA!” Ohne weiter abzuwarten, zog ihn der Schwarzhaarige zum Wachmann. Kevin ließ es über sich ergehen, seine Wangen immer noch heiß und sein Herz am rasen.
Allerdings konnte er sich das kleine, dumme Lächeln nicht unterdrücken.
Die beiden passten wie zwei verlorene Puzzlestücke zusammen. Endlich wiedergefunden, um das seit Jahren unfertige Puzzle zu beenden.
♬*✧˖°✮♩
Basti seufzte leise, doch es schallte laut in den immer noch leeren Gängen entlang. Der Violinenkoffer auf seinem Rücken drückte unangenehm gegen seine blauen Flecken. Ein kleines Schmunzeln breitete sich trotz des Schmerzes aus.
Er hatte trotz des Sturzes viel Spaß gehabt. Wer hätte das gedacht?
Basti schüttelte leicht seinen Kopf, bevor er in den Gang für die Proberäume abbog. Die beiden hatten sich erst für morgen wieder verabredet, in der Hoffnung, da vielleicht etwas zu finden, was als Grundidee taugte.
Er seufzte erneut, bis jetzt waren die beiden ratlos geblieben, vor allem nachdem sie rausgegangen waren. Es machte ihn zwar etwas nervös, aber er wusste auch, dass er kreative Energie nicht hetzen konnte.
Basti öffnete die Tür zu Raum 7 und trat hinein. Alles war noch teilweise recht chaotisch von Vorgestern. Die beiden kamen vom See zurück, hatten nur ihr Zeug gegriffen und waren dann wieder ihre getrennten Wege gegangen - zu müde, noch etwas zu machen. Das Gespräch mit dem Wachmann hatte ihnen die letzte Energie geraubt.
Er hatte sich schlecht gefühlt, den Raum im Chaos zu lassen, aber dann wiederum war es nicht so, als ob viele gerade probten.
Er strich mit seiner Hand über den Stuhl, auf welchen Kevin gesessen hatte und legte prompt seine Violine ab.
Er schob die Stühle heran und räumte ein paar der restlichen leeren Blätter sowie Stifte beiseite, so dass der Raum wieder etwas ordentlicher aussah. Wenn man nicht in die Ecke mit dem überlaufenden Papierkorb schaute.
Er hatte nicht wirklich eine Idee, was genau er spielen wollte, aber er würde sicher etwas finden. Seine Hände kribbelten endlich wieder zu musizieren und sein Kopf musste dringend mal ruhig gestellt werden. Die Gedanken und Erinnerungen der letzten Tage quälten ihn immer noch.
‘Nein– nein, das…Das fasst es perfekt in Worte.’
Ein kleiner Schauder überkam ihn und seine Wangen fühlten sich unangenehm warm an. Vor seinem inneren Auge sah er immer noch den Blick, den Kevin ihm gegeben hatte - voller Bewunderung und Freude.
Basti schüttelte schnell seinen Kopf, aber Kevins Lachen schallte in seinem Kopf wieder. Mit einem tiefen Seufzer griff er die nächstbesten Notenblätter aus seinem Ordner und holte seine Violine.
Sobald er begann zu spielen, fiel eine Last von seinen Schultern und er entspannte sich. Konzentriert auf die Noten ohne abschweifende Gedanken, nur die Musik und er. Das war jedenfalls, bis sein Gehirn das Stück erkannte und seine muscle memory sich einschaltete.
Ohne dass er es wollte, rannte sein Gedächtnis zurück zum gestrigen Tag, nun befreit von der Konzentration.
Basti beneidete den Blonden mehr und mehr, je länger sie etwas zusammen unternahmen und miteinander redeten. Es war klar, dass Kevin ein totaler Freigeist war und seine impulsiven Gedanken das Steuer in der Hand hielten.
Etwas was erschreckend aber auch sehr befreiend war.
Basti wäre nie auf das Eis getreten und darüber gerutscht, wenn Kevin ihn nicht dazu gedrängt hätte. Natürlich hatte er deswegen jetzt auch blaue Flecken und seine Muskeln würden sich sicherlich noch für ein paar Tage daran erinnern, allerdings war er für eine Stunde glücklicher denn je gewesen.
Es war unglaublich befreiend und aufregend, auf was für Ideen der Blonde kam. Etwas Erfrischendes, welches seinen Alltag aufhellte. Die Unruhe nagte wieder an seinen Knochen und zu seiner Enttäuschung verspielte er sich auch noch.
Seufzend setzte er ab und atmete einmal tief ein und aus, bevor er sich mit vollster Konzentration dem Stück widmete. Er war nicht hier, um über Kevin zu denken.
Nachdem er die Sonate ohne Fehler durchgespielt hatte, versuchte er seinen Kopf und die Konzentration beizubehalten, was auch funktionierte. Er schaffte es, sich für knapp eine Stunde Gedanken über den Blonden fernzuhalten. Das war, bis er ausversehen “Liebesfreud” griff.
Sobald er die ersten Noten spielte, spannten sich seine Muskeln an und seine Hand zitterte. Dementsprechend kamen die nächsten Noten verzerrt raus.
Vor seinem inneren Auge konnte er Herr Noris Gesicht förmlich sehen. Der Lehrer war so enttäuscht gewesen. Bei dem Gedanken zog sich Bastis Herz zusammen, seine Hände fühlten sich eiskalt und gefroren an. Sie glitten stockend über die Saiten.
Nach dem, was sie abgeliefert hatten, war Basti immer noch überrascht, dass der Lehrer ihnen überhaupt eine zweite Chance gegeben hatte. Die beiden hatten schließlich das Thema der Aufgabe verfehlt.
Ihre Kooperation war nicht existent gewesen. Sie hatten sogar den Teil des jeweils anderen verschlechtert. Ein kleiner Seufzer entfloh Basti, das ganze Thema erinnerte ihn zu sehr an das kleine Gespräch, welches er heute früh mit Kevin gehabt hatte.
Die beiden hatten sich im Gang gesehen und kurzen Smalltalk geführt, wo sie sich für den morgigen Tage verabredet hatten. Kevin hatte einen Witz über ihre schon jetzt besser funktionierenden Kooperationsskills gemacht.
Ein kleines sanftes Lächeln umspielt Basti Lippen.
Es war nicht so, als ob die beiden jetzt die engsten Freunde waren, aber sie waren definitiv auf dem Weg dahin. Was ihm zeigte, dass er vielleicht den Blonden nie so sehr gehasst hatte, wie er dachte.
Klar, der Schlag ins Gesicht und die ganzen Kommentare des anderen hatten weh getan und machten ihn nicht gerade beliebt bei Basti. Allerdings war er nicht anders gewesen…
Die beiden hatten sich hochgeschaukelt mit ihren Beleidigungen, mit ihren Kommentaren, bis es schließlich in der physischen Auseinandersetzung endete.
Etwas Bitteres war in seinem Mund und egal wie sehr er schluckte, es verschwand nicht.
Seufzend setzte er seine Violine ab und starrte auf die Noten, welche in Kevins Teil hätten übergehen sollen. Ein Schnauben entfloh ihm. Die beiden waren echte Idioten gewesen, huh?
Ihre Egos hatten einander genährt, bis sie gänzlich am Boden gewesen waren. Basti war sich nicht sicher, aber er glaubte zumindest, dass er nicht der einzige der beiden gewesen war, der während der Evaluation geweint hatte.
Seine eigenen Tränen und sein darauf folgendes Fliehen aus dem Raum hatten es allerdings schwer gemacht, etwas mitzubekommen.
Er hoffte es zumindest. Sonst hätte er zweimal vor dem Blonden geheult, ohne dass der Andere vor ihm geweint hätte. Sein Nacken wurde warm bei dem Gedanken. Verdammt peinlich… Dann wiederum wusste er teilweise Bescheid über Kevins Familienproblem oder zumindest die Existenz dieses.
Erneut wurde Basti bewusst, wie schnell die beiden sich näher kennengelernt hatten. Was allerdings wahrscheinlich aber genau an diesen Momenten lag. Verwundbarkeit machte miteinander auszukommen um einiges einfacher.
Egal, wie sehr es Basti auch versuchte zu leugnen, er verstand den Blonden besser. Er konnte zwar immer noch nicht mit den impulsiven Gedanken des anderen mithalten, aber das hieß nicht, dass er die Spontanität des anderen nicht mochte.
Er mochte Kevin, er war gegebenenfalls lustig und wenn er lächelte und lachte, konnte der Blonde auch sehr süß sein. Wie auf dem See… Bastis Wangen wurden heiß und sein Herz raste leicht.
Er schüttelte sofort den Kopf und versuchte, sich wieder dem Proben hinzugeben.
Doch er konnte sich null konzentrieren.
Die Hitze in seinem Gesicht schien nicht nachgeben zu wollen, sowie die Gedanken über Kevin. Seufzend legte er seine Violine beiseite und ließ sich auf den nächstgelegenen Stuhl fallen.
Er schaute auf zur grauen Decke, seine Gedanken kreisten immer noch. Stöhnend griff er blind auf dem Tisch umher, bis seine Hand schließlich ein Notenblatt fand. Er zog es hoch zu seinem Gesicht und hielt es so, dass er es lesen konnte.
Es war eines ihrer Notizblätter gewesen. Ein paar kleine Takte und Notenkombinationen, die sie gut fanden, aber nichts festes. Sie hatten nicht mal ein Thema gefunden.
Bei genauerem Betrachten sahen die Takte etwas dämlich aus. Leise, fast unmerklich summte er die Melodie unter seinem Atem und tatsächlich funktionierten sie nicht richtig.
Sofort setzte sich Basti richtig hin und lehnte sich wieder über den Tisch, irgendwo kramte er einen Stift hervor und machte seine Notizen an die Ideen. Er versank komplett in der Korrektur der Noten, immer wieder summte er die Melodie und änderte etwas ab.
Doch selbst nach was sich anfühlte, wie Stunden, kamen die Ideen nicht zusammen. Ihm fehlte der kreative Funke…
Genau in dem Moment riss jemand die Tür mit aller Kraft auf. Basti zuckte zusammen und schaute panisch auf. Es war nicht verboten zu Proben, aber wer weiß vielleicht wollte die Reinigung den Raum sauber machen.
Aber nein, in der Tür stand Kevin. In voller Winterkleidung, dicke Jacke, Hose und Handschuhen. Er grinste, als er Basti erblickte.
“Perfekt! Komm!”, rief der Blonde und warf ihm ein paar Handschuhe zu. Perplex und überrumpelt, schaffte der Dunkelhaarige es gerade so, das Paar zu fangen. Er wollte Kevin schon fragen, was er denn wollte, doch der Blonde drehte sich um und verließ den Raum wieder.
Basti blinzelte ein paar Sekunden lang die nun offenstehende Tür an. Er wollte schon die Aufforderung des anderen ignorieren, doch etwas machte sich in seinem Magen breit. Er biss sich zögerlich auf die Lippe.
Er mochte doch die Spontanität des anderen und was war spontaner als das? Es war nicht so, als ob er viele Fortschritte ohne den Blonden machen konnte. Eine Pause täte ihm bestimmt auch gut…
Seufzend erhob sich Basti und griff seine Jacke, nur damit jemand plötzlich keuchend wieder in den Raum gesprintet kam. Er schaute auf und Kevin war wieder da. Er warf Basti einen leicht genervten Blick zu, nur damit dieser sich in ein Grinsen verwandelte, als er sah, dass der Dunkelhaarige seine Jacke anzog.
Basti seufzte heute zum hundertsten Mal, bevor er Kevin fragte: “Und was hast du vor?”
Der Blonde lachte nur und antwortete schelmisch: “Wirste sehen!” Basti zog seine Augenbraue hoch und warf Kevin noch einen Blick zu. Nur um zu sehen, dass der andere immer noch grinste. Er griff seine dunkle Mütze und setzte diese auf.
Er schaffte es nicht einmal, die Mütze richtig zu richten, bevor Kevin seinen Arm griff und ihn aus dem Raum zerrte.
Der Blonde rannte förmlich den Gang hinunter und Basti musste sich wohl oder übel an das schnelle Tempo anpassen.
Die beiden erreichten in Nullkommanichts die Treppen und Türen, die nach draußen führten und Kevin wollte diese gerade öffnen. Doch bevor seine Hand überhaupt den Griff berührte, schwang die Tür von selbst auf.
Auf der anderen Seite stand eine Gruppe von Schülern. Die Jungs waren definitiv jünger als sie und ihre kleine Gruppe, wenn Basti sich richtig erinnerte, hatte sich direkt den ersten Tag nach der Nachhausefahrt der meisten zusammengefunden.
Basti blinzelte überrascht, als er Lukas zwischen den ganzen Gesichtern wieder erkannte. Er lächelte den blonden Jungen an.
Er gab dem Zehntklässler nun seit knapp einem Jahr Nachhilfe und die beiden verstanden sich eigentlich ganz gut, deswegen überraschte ihn es, als der Jüngere seinen Blick abwandte. Bastis Lächeln fiel und er wollte seinen Mund öffnen, um in die Runde zu fragen, wie es ging, doch Kevin kam ihm zuvor.
“Ihr steht im Weg.” murrte dieser und Basti blinzelte überrascht. Der andere klang eher genervt und den Blicken der Gruppe nach, waren sie ebenfalls nicht von Kevins Präsenz erfreut.
Hatte Kevin wirklich Beef mit ihrer Unterstufe? Er unterdrückte sich ein kleines Lächeln. Charmant.
“Könnte das gleiche für dich sagen.” sprach ein schlaksiger Junge, doch noch bevor etwas passieren konnte, zog Basti Kevin beiseite. Sicher, dass die Situation nach Kevins Persönlichkeit nur in eine Richtung gehen konnte.
Die Gruppe der Jungs begann sofort, den Blonden an zu grinsen, traten aber ohne weitere Worte durch die Tür.
Kevin warf Basti einen genervten Blick zu, bevor er die Augen rollte und Bastis Hand griff und ihn nach draußen in die Kälte zog.
Doch der Dunkelhaarige schaffte es nicht einmal, drei Schritte nach draußen zu machen, bevor eine andere Hand an seinem freien Arm zerrte. Basti blickte überrascht hinter sich. Lukas starrte ihn an, seine Freundesgruppe war längst im Gebäude verschwunden.
Basti ließ Kevins Hand los und drehte sich zu Lukas.
Ein Lächeln umspielte seine Lippen, bevor er fragte: “Kann ich dir helfen?” Der Jüngere nickte eifrig, bevor er Bastis Arm losließ und unruhig mit seinen Fingern begann zu spielen.
Stotternd sprach der Zehntklässler: “Ähm, ich bräuchte nochmal Hilfe, äh, wenn du Lust hättest, könnten wir die Nachhilfestunde mit…Mit einem Trip in die kleine Stadt verbinden? Ich meine, i feel bad, dass ich dich über Weihnachten nach Hilfe fragen…so, äh.” Basti zog überrascht die Augenbrauen nach oben.
Das war unangenehm. Ihm waren bei weitem weder die Blicke des anderen, noch seine roten Wangen, seine konstanten Fragen und die mehreren Nachhilfestunden, nach denen er fragte, obwohl er sie nicht brauchte, nicht entgangen.
Er fand Lukas auch sehr sympathisch, aber nicht so, wie ihn der Blonde sichtlich mochte. Basti schluckte, bevor er fragte: “Klar, wann–?”
“Morgen!” unterbrach ihn der Jüngere. Basti wollte schon antworten, bevor er unterbrochen wurde und sich Kevin plötzlich neben ihm quetschte und lauthals “Da ist er schon verabredet mit mir!” rief.
Lukas starrte den anderen Blonden ebenso überrascht an wie Basti. Doch der Dunkelhaarige löste sich als erster aus der kleinen Starre und bestätigte Kevins Aussage.
Es war schließlich die Wahrheit, die beiden waren für morgen verabredet, schließlich wollten sie weiter an ihrem Projekt arbeiten.
Lukas machte ein kleines “oh”, bevor er sich erneut zu Basti drehte und seinen Mund öffnete, doch Kevin kam ihm zuvor: “Das gilt auch für die Tage danach. Warum wartest du nicht bis nach den Ferien?”
Der Jüngere stockte und Basti biss sich auf die Lippe. Einerseits war er Kevin natürlich dankbar, dass er das Gespräch mit dem Jüngeren aufschieben konnte, andererseits wusste er auch, dass er nicht ewig davon wegrennen konnte.
Basti wollte erneut seinen Mund öffnen und Lukas einen Vorschlag erbringen, doch Kevin griff plötzlich seine Hand und drückte etwas fester zu. Der Dunkelhaarige warf dem anderen einen schnellen, fragenden Blick zu, doch dieser starrte nur weiter Lukas, mit einem steifen Blick an.
Lukas sprach schließlich: “Klar…Tschau.” Ohne dass Basti noch ein Wort rausbekam, drehte sich der Blonde sofort um und verschwand wieder hinter der Tür.
Basti seufzte, doch Kevin grätsche bereit rein: “My, my, bist du beliebt!” Seine Stimme klang etwas quietschend und verzerrt, aber Basti schob es auf die komische Situation.
Der Dunkelhaarige warf ihm schließlich einen unamüsierten Blick zu, doch Kevin grinste nur leicht, bevor der Blonde sanft und heißer murmelte: “Damn, sag mir nicht das du ernsthaft was mit ihm–”
“Nein.” Sprach Basti lauter, als er eigentlich wollte. Es kam auch ein bisschen zu hart heraus, denn Kevin begann leicht amüsiert zu grinsen, auch wenn sein Gesicht eher einer Grimasse als einem schelmischen Anblick ähnelte.
Basti rieb sich die Augen und fuhr fort, bevor der Blonde auf noch komischere Gedanken kommen konnte: “Nein, jetzt ohne Spaß Kevin…Ich muss ihn nur früher oder später einen Korb drücken.”
Der Andere ließ ein kleines “Oh.” von sich und Basti nickte, bevor er zu den Blonden blickte. Dieser starrte fokussiert auf einen Schneehaufen, ein kleines Lächeln auf seinen Lippen. Basti zog eine Augenbraue hoch, hatte Kevin ihm überhaupt zugehört?
Basti schüttelte schnell seinen Kopf und sprach: “Was wolltest du machen? Ich hoffe es nicht noch einmal der See. Mein Rücken und meine Glieder haben sich trotz einem Tag Pause nicht erholt.”
Der Blonde lachte: “Same. Aber nein, ich dachte, wir könnten nen Schneemann bauen!”
Um seinen Punkt zu unterstreichen trat der Blonde einen Schritt zurück und breitete seine Arme aus, um auf den umgebenden Schnee aufmerksam zu machen. Der Dunkelhaarige vermisste die Präsenz des anderen bei seiner Seite, was ein bescheuerter Gedanke war, denn der Blonde war immer noch da - nur mit Abstand.
Plötzlich registrierte er die Worte des anderen und Basti schaute ihn entgeistert an. Das war nicht sein ernst oder?
“Bist du nicht schon 18?” fragte er unbeholfen. Kevin starrte ihn genervt an, lehnte sich allerdings runter und begann eine Kugel zu formen.
“Ne, erst nächsten Monat.” antwortete er und Basti machte sich eine Notiz, Heiko oder andere Leute zu fragen, wann genau Kevin hatte. Langsam setzte er die Handschuhe auf, welche Kevin ihm gegeben hatte.
Sie waren recht dick und schwarz, aber nun, da der Blonde seine Intention verraten hatte, verstand Basti auch warum. Er wollte sich gerade runterbeugen, als er aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie etwas auf ihn zuflog.
Keine Sekunde traf ein Schneeball seinen Arm.
Bastis Kopf schoss in Kevins Richtung, wo der Blonde ihn bereits auslachte.
“VOLLTREFFER!” höhnte ihn der Andere und hüpfte aufgeregt hin und her. Ohne zu zögern, bückte sich Basti und formte so schnell, wie er nur konnte, einen Schneeball. Bevor Kevin Bastis Bewegung hinterfragen konnte, warf er den kalten Ball gegen ihn.
Der Andere machte einen hohen überraschten Quietschton und entlockte Basti ein kleines Lachen. Die beiden starrten sich für ein paar Sekunden an, bevor sie sich synchron bückten und neue Schneebälle formten.
Der Moment, als Basti seine Schneebälle hatte, lief er schnell ein paar Schritte von dem Blonden weg und versuchte den halb geformten Schneebällen des anderen auszuweichen.
Sobald Kevin seine Munition gefeuert hatte, schoss Basti seine. Kevin schrie, als ihn einer überraschend in den Rücken traf.
Basti entfloh ein Lachen, bei dem Geräusch. Doch die paar Sekunden der Ablenkung sorgten dafür, dass ihn ebenfalls ein Schneeball an der Schulter traf.
Jetzt war er an der Reihe, einen kleinen überraschten Ton von sich zu geben.
Ohne zu zögern, nahm er neuen Schnee und formte weiter, während er um Kevin Kreise lief. Der Blonde fluchte lautstark, als er den dritten Schneeball verfehlte. Basti lachte und kam zum Stillstand und warf den Blonden ab, der sich hinter eine Holzbank duckte.
Sofort schaute sich der Dunkelhaarige ebenfalls nach einem Schutz um, sein Blick landete auf einer der nahen, jetzt leeren Hochbeeten. Er sprintete dahinter, während der Blonde ihn mit neuen Schneebällen abschoss.
Bei jedem Treffer fluchte er leise und Kevin heulte lautstark. Die Stimme des anderen schallte über die leere, verschneite Landschaft.
♬♪♫
Die Zeit flog nur so und Basti wusste nicht, wie lange die beiden in ihrer Schneeballschlacht versunken waren. Es endete jedenfalls damit, dass die beiden keuchend nebeneinander im Schnee lagen und den sich langsam verfärbenden Himmel betrachteten.
Der Himmel zeigte diesmal nicht so viele Farben wie die Tage zuvor. Schade, eigentlich, der Dunkelhaarige mochte die ineinander verschlungenen Farben. Etwas Kontrast zu dem sonst, so weiß, grauen Tagen.
Ein Lachen kam von Kevin und Basti drehte seinen Kopf zu dem anderen. Er warf ihm einen fragenden Blick zu, doch Kevin betrachtete weiter den Himmel. Allerdings schien er trotzdem, die unausgesprochene Frage des anderen gehört zu haben, denn er sprach leise: “Jetzt liegen wir schon zum zweiten Mal auf dem Rücken und schauen den Himmel an.”
Basti kicherte leicht, Blick wieder zu den Wolken gerichtet, bevor er sprach: "Schätze, das ist jetzt unser Ding.”
Die beiden versinken wieder in Stille.
Schließlich spürte Basti die eindringende Kälte, vom im Schnee liegen und stand auf. Er wartete darauf, dass Kevin ihm folgte, doch der Blonde grinste ihn nur an, bevor er seine Augen schloss und einen Schneeengel machte.
Basti lachte.
“Gott, das ist der hässlichste Engel, den ich je gesehen hab.” Kevin riss seine Augen auf und machte ein entsetztes und beleidigtes Geräusch.
“WAS FÜR HÄSSLICH?!” rief der Andere und Basti begann härter zu lachen. Der Blonde war mittlerweile aufgestanden und schubste ihn sanft. Doch er lachte ihn einfach weiter aus.
Zwischen seinem Lachen und Luftholen bekam er ein: “Bei so einem Anblick versteh ich, warum Engel immer ‘Don’t be afraid’ sagen!” Kevin schubste ihn erneut und Basti kicherte weiter.
“Ach, halt doch die Fresse.” Basti grinste den Blonden an, welcher ihn anfunkelte.
“Kein Konter?” fragte er schelmisch. Kevins Mundwinkel zuckten nach unten und das Grinsen auf Bastis Gesicht wurde breiter. Der Blonde drehte sich mit dem Rücken zu ihm und rannte wieder in den Puderschnee.
“Weißt du Basti, der Klügere gibt nach.” antwortete Kevin, während er begann, eine kleine Kugel durch den Schnee zu schieben. Basti schnaubte und rollte die Augen, glitt aber zur Seite des anderen.
Gott, Kevin konnte schon so nervig sein. Ein kleines Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. Etwas sanftes flatterte in seiner Brust und ein angenehmer Schauder durchlief seinen Körper. Er beobachtete den anderen, wie dieser eine Kugel für den Schneemann zusammen schob.
Schließlich stoppte Kevin und schaute genervt zu Basti, welcher nur eine Augenbraue nach oben zog.
“Sag mal, willst du auch helfen oder einfach nur herumstehen?” sprach der Blonde murrend, bevor er sich wieder dem immer größer werdenden Oval widmete. Basti schmunzelte.
“Sind Schneemänner nicht rund?” Kevin blickte verwirrt zu ihm hoch und ein Grinsen brach von Bastis Lippen und er nickte in Richtung der Schneekugel von Kevin.
Der Andere drehte sich wieder zu seinem Oval und für ein paar Sekunden war es totenstill. Bis Kevin aufsprang und Basti mit einem Haufen Puderschnee abwarf.
Der Dunkelhaarige schrillte überrascht auf und drehte sich schnell weg vom Schnee. Doch Kevin war ihm bereits einen Schritt voraus und kam neben ihm zum Stehen und kippte seine Hände über Bastis Kopf aus.
Der Dunkelhaarige merkte, wie einiges vom Schnee in seine Jacke rutschte und ein Schaudern überkam ihm von dem nassen und kalten Gefühl. Lautstark sprang er eine Schritte von Kevin weg, welcher vor Lachen nur so hin und her stolperte.
Röte schoss sofort in Bastis Wangen und seine Haut kribbelte unangenehm. Das Lachen des anderen half auch nicht, dass komische Flattern in seiner Brust zu beruhigen.
Es war nicht so, als ob er das Gefühl nicht möchte, ganz im Gegenteil, es war nur überraschend. Es überrumpelte ihn immerzu und er konnte es nicht zu ordnen.
Ein Geheimnis, ein Gefühl von vielen Sachen auf einmal, aber gleichzeitig auch nur ein einziges Gefühl.
Ob man einen Song darüber schreiben konnte?
Wahrscheinlich, wenn Basti es mehr verstehen täte, wäre dies sicher einfach. Aber jetzt war das alles zu vage. Kevin richtete seine Aufmerksamkeit wieder seinem Oval zu, sichtlich zufrieden mit sich selbst. Basti rollte die Augen und griff etwas Neuschnee und formte einen kleinen Ball. Er blickte zu dem Himmel hinauf, die letzten Farben schienen langsam zu verschwinden und das dunkle Blau war prominenter.
Er begann sanft eine der kleinen Melodien von vorgestern zu summen, doch es passte nicht. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Er brauchte ein Thema, eine Idee, in die er Töne, Melodien, Takte ankern konnte.
Etwas was– “Weißt du, wir sind uns verdammt ähnlich.” Basti blinzelte überrascht und blickte wieder nach unten. Kevin stand nun vor ihm und betrachtete ebenfalls den Himmel.
Wie lange war er in seinen Gedanken verschwunden?
Stille nistete sich wieder zwischen die beiden ein und Basti wollte gerade nach einer Erklärung fragen, doch der Blonde kam ihm zuvor: “Na, dass dein Kopf auch nur für Musik da ist!”
Basti lächelte leicht und antwortete sanft: “Schätze schon…”
Kevin schnaubte und drehte sich wieder zu seinem Oval, um den Schneemann doch noch fertig zu bauen. Doch in der Stille der Landschaft konnte Basti die leise Melodie, die er gesummt hatte, nun unter Kevins Atem hören.
Basti lachte leise. Wie konnte man nur so unbeschwert sein? Wo sind Kevins Probleme?
Der Blonde war komplett in seiner Kindheit, dabei würde er diese doch recht bald verlassen. Irgendwie war es schön süß. Ein kleines Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.
Plötzlich klickte etwas in seinem Kopf, die Melodie, die sie hatten, war durcheinander und upbeat - dank Kevins Angewohnheit keine Noten niederzuschreiben, war die Melodie, viel zu schnell wieder verloren gegangen und so hatte sie nur Bruchstücke.
Aber vielleicht könnte genau das genau der Punkt sein.
Unbeholfen, chaotisch aber dennoch eins - wie das Widerrufen von Erinnerungen.
Basti konnte schon seine und Kevins Violine hören und sein Gehirn raste durch Möglichkeiten. Er konnte förmlich die Noten vor seinem inneren Auge sehen. Ein breites unbeschwertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Ohne dass er etwas überdenken konnte, rannte er zu Kevin und griff die Hand des Blondes. Dieser drehte sich überrascht zu ihm, doch noch bevor Kevin ein Wort herausbekommen konnte, sprach Basti: “Das ist die Melodie!”
“Huh…?” murmelte Kevin, sichtlich komplett verwirrt.
“Na, die du gerade gesummt hast!” Sprach Basti erneut Begeisterung immer noch präsent in seiner Stimme.
“Aber die ist doch komplett–” Begann der Andere, doch der Dunkelhaarige begann aufgeregt seinen Kopf zu schütteln, bevor er antwortete.
“Genau das ist der Punkt!”
“Huh? Was…?”
Basti kicherte und zog Kevin in Richtung des Gebäudes, er musste dringend seine Idee niederschreiben. Egal, wie süß der Blonde aussah, wenn er verwirrt war, die beiden hatten keine Zeit zu verlieren.
Hinter ihm protestierte Kevin zwar lautstark wegen seinem Schneemann, doch ließ sich trotzdem von dem anderen mitziehen. Basti rollte nur die Augen, bevor er sich zu Kevin drehte und strahlend antwortete:
“Kindheitserinnerungen!”
♬*✧˖°✮♩
Kevin starrte seine Wand an. Leichtes Morgenlicht filterte durch die geschlossenen Gardinen und tauchte sein Zimmer in ein sanftes Licht. Es war noch recht früh am Morgen und die Sonne ging gerade erst richtig auf, allerdings war Kevin schon wach.
Was wahrscheinlich daran lag, dass der Blonde nicht wirklich viel geschlafen hatte. Seine Gedanken kreisten sich um eine Sache und nichts anderes. Ein Fluch.
Die weiße Wand verlor ihren Fokus immer mehr und langsam formte sich ein Gesicht. Das Gesicht, das ihn heimsucht. Bastis Gesicht, um genauer zu sein. Sofort wurden Kevins Wangen warm und sein Herz machte einen kleinen Hüpfer.
Es war nicht so, als verstehe er nicht warum - er verstand exakt, warum der Dunkelhaarige seine Erinnerungen heimsuchte. Die unendliche Freude, sein strahlendes Gesicht und seine schimmernden Augen haben sich in sein Gedächtnis gebrannt.
Er hatte den anderen noch nie so glücklich gesehen. Der Moment, als Basti das Thema ihrer Arbeit eingefallen war, hatte Kevin das erste Mal den Anderen in seinem Element gesehen.
Er hatte geglaubt, dass wenn er Basti Lachen sah, dass er das richtige Ich des anderen sah. Aber nach dem gestrigen Tag, war er sich sicher, dass das nur kleine Einblicke waren.
Wenn Basti im kreativen Wahn war, strahlte der andere heller als die Sonne, seine Bewegungen waren das erste Mal nicht durchdacht und sorgsam, seine komplette Ausstrahlung hatte sich um 180 Grad gewendet.
Es ließ Kevins Finger zucken und verleitete ihn zu Ideen. Es war ansteckend gewesen. Bastis Lächeln, seine Freude, seine Energie - einfach alles.
Und Kevin sehnte sich danach. Er wollte erneut fliegen, erneut strahlen, erneut frei sein.
Kevin war tief in seinen Tagträumen gefangen, bis ihn das Klingeln seines Handys aus seiner Starre löste. Verwirrt griff er das Handy und nahm ab.
“Kevin!” erklang eine hohe Männerstimme und Kevins Magen sank. Er sollte sich dringend angewöhnen, auf den Bildschirm zu schauen, bevor er abnahm.
Zögerlich, brachte der Blonde ein “Hey, Lars…” hervor, aber seine Stimme quietschte bei den Worten.
"Schön, auch mal von dir zu hören.” Der Sarkasmus schnitt in Kevins Haut, okay, vielleicht hatte er seit Weihnachten nicht mehr angerufen oder überhaupt eine Nachricht geschrieben. Aber was waren schon vier Tage absolute Funkstille?
“Mutter ist nicht sehr erfreut. Aber egal…Weswegen ich eigentlich anrufe, ist, dass Tante Hester dich sprechen wollte.”
Kevins Laune sank in die Hölle.
Natürlich wollte sie ihn sprechen. Natürlich befehligt sie ihren Lieblingsneffen, um Kevin anzurufen. Die Frau wusste, dass Kevin ihre Nummer blockiert hatte. Der Blonde war auch kurz davor einfach aufzulegen, das war jedenfalls, bis plötzlich die Stimme seiner Mutter erklang.
“Kevin, Schatz! Warum hast du dich nicht gemeldet? Wir hatten nichts konkretes ausgemacht, aber du kannst doch verdammt nochmal einen Laut von dir geben!” Kevin schluckte, seine Lippen fühlten sich staubtrocken an, irgendwie schaffte er es, ein klägliches “Entschuldigung” hervorzubringen.
Seine Mutter schnaubte und plötzlich erklang eine tiefe Männerstimme, die Kevin sofort aufsitzen ließ.
“Kevin, deine Mutter hat recht. Ich weiß, dass ihr Fiedler nur Noten im Kopf habt, aber das Leben besteht nun mal nicht daraus–” Kevin schaltete ab. Das war wirklich nicht, was er hören wollte. Er zog seine Knie enger an seine Brust und betrachtete den immer heller werdenden Raum.
Es war egal, ob er ihnen erklärte, dass er und Basti an einem Stück gearbeitet hatten. Egal ob es für eine Note war oder nicht. Das war alles egal, solange es um Kevins Hobby, sein Talent ging. Schließlich war Kevin ja sonst in nichts gut.
Die Ränder seiner Sicht verschwammen. Er fokussierte sich wieder auf die Stimme, die jetzt durch das Gerät schallte, seine Mutter.
“Egal, egal. Deine Tante wollte dich sprechen! Hier…” Er hörte, wie das Handy weitergereicht würde und schloss krampfhaft seine Augen. Er konnte hören, wie die Umgebung auf der anderen Seite leiser würde, er war sich sicher, ebenfalls eine Tür zu hören.
Toll. Er und seine Tante allein. Wie konnte das nur schiefgehen?
“Aha, sieh einer an, wer es ebenfalls wagt, sich mal wieder hören zu lassen.” Kevins Gesicht bildete eine Grimasse und seine Ohren dröhnten von der nervig hohen Stimme seiner Tante.
“Hallo, Tante Hester…Weswegen wolltest du mich spr-” Doch er schaffte es nicht einmal durch seine monotone Begrüßung, bei der er sich den Übel, der seine Speiseröhre hinaufstieg, zurückhalten musste.
“Ja, genau. Ich wollte über deine akademischen Noten sprechen und deinen Plan für nach dem Internat.” Kevin hoffte, dass ein Meteorit sein Zimmer genau in diesem Moment treffen wird. Alles war besser als das Gespräch.
Er wusste sowieso schon, dass seine Familie einen Plan hatte, welcher wahrscheinlich Kevins Leben komplett zur Hölle machen würde. Er hatte zwar ebenfalls keinen Plan, was er nach seinem Abschluss machen sollte, aber definitiv nicht das, was seine Familie wollte. Da war er sich sicher.
Lieber verhungerte er auf der Straße mit seiner Geige als Straßenmusikant.
“Ich und mein Bruder–” Der Esel nennt sich zuerst. Ein Grinsen breitete sich bei dem Gedanken auf Kevins Gesicht aus. “Haben von einem Freund erfahren, dass dieser jemanden kennt, der bei einer Reinigungsfirma arbeitet."
Kevin zog die Augenbrauen nach oben.
Wow.
Wenn er sich richtig erinnert, hat sich seine Tante den Arsch aufgerissen, um Lars und Franz zu helfen. Und er bekam den Freund eines Freundes, der in einer Reinigungsfirma arbeitet? War das, wie wenig seine künstlerische Ader seiner Familie wichtig war?
Er unterdrückte sich ein Lachen. Nein, seine Musik war seiner Familie mehr als egal. Sie wollten nie zuhören, wollten nie, dass er spielte, sie hassten sein Instrument und alles, wofür das Internat stand.
Es war zu erwarten gewesen, das hielt den bitteren Geschmack in seinem Mund und die Tränen in seinen Augen allerdings nicht auf.
Seine Tante redete weiter, aber Kevin war nicht erpicht auf die Meinung der Frau. Er ließ seinen Kopf nach hinten an die Wand fallen.
Ein Reinigungsjob? Klar, er hatte nicht unbedingt super Noten und eine weiße Weste, aber so schlecht und nichtssagend war er auch nicht. Er war gut in Musik…
Er war auch weder super sauber, noch bekannt dafür! Er hasste saubermachen und aufräumen! Warum war das der Job, auf den sie sich geeinigt hatten?
Weil sie ihn nicht kannten.
Es war ihnen egal.
Kevin biss sich auf die Lippe und unterdrückte sich ein Schluchzen. Wie Lava rollten die Tränen seine Wangen hinunter. Seine Gedanken kreisten. Er war weder schlecht genug, noch gut genug.
Er war schlechter als seine älteren Brüder, aber nicht so schlecht, dass seine Familie komplett besorgt war. Er war der Nachzügler, der nichts konnte und den man am liebsten ignorierte.
Lars studierte Jura und Franz war fast Immobilienmakler und was machte Kevin? Kevin spielte Geige, statt zu lernen.
Seine Brüder hatten beide feste Beziehungen mit zwei modelartigen Frauen und Kevin träumte lieber von einem süßen, dunkelhaarigen Jungen. Er machte lieber Schneeballschlachten, während seine Brüder nebenbei noch einen Minijob hatten.
Gott, er war so ein Versager.
“Ach übrigens, Rebecca hat angefangen Klavier zu lernen, sie ist schon super darin, obwohl sie nicht einmal vor 4 Monaten angefangen hat!” Kevin blinzelte. Die restlichen Tränen bahnten sich ihren Weg über seine Wangen. Hört er das richtig? Franzes Freundin hatte doch schon ihre Hände voll, damit Ärztin zu werden, wie hatte sie–?
Warum wurde das bei ihr mehr gelobt als bei ihm?
“Es klingt bei weitem besser, als dein quietschendes Instrument.” Kevin versuchte nicht zusammenzuzucken.
Es war nicht so, als spielte er viel, wenn er umgeben war von seiner Familie. Seine kreative Energie war nie da, wenn er zuhause war. Und wenn ihm eine Idee kam, war sie meistens langweilig und einseitig. Hinzu kam das pure Desinteresse ihrerseits.
Allerdings taten ihre Worte trotzdem weh.
Warum konnte er nicht einfach ihre Worte ignorieren? Warum mussten sie ihn immer treffen?
Seine Tante erzählte weiter, aber Kevin schaltete ab. Doch plötzlich vibrierte sein Handy in seiner Hand, er warf einen schnellen Blick auf das Display, nur um sich direkt aufzusetzen.
Sein Herz begann zu rasen. Basti hatte ihm geschrieben.
Ohne zu überlegen, öffnete er den Chatverlauf.
‘hey hättest du lust dem Schneemann noch mal einen try zu geben?’
‘sorry das ich dich davon abgehalten hab’
Kevin begann leicht zu lächeln, seine Wangen wurden leicht rot und etwas sanftes flatterte in seinem Bauch. Mit einer schnellen Bewegung wischte er sich die restlichen Tränen aus seinen Augen, sein Körper erzitterte noch von den leisen Schluchzern.
‘klar!’
‘du musst dich nicht entschuldigen’
‘immerhin ham wir deswegen nen thema’
‘wann???’
Kevin starrte ungeduldig auf die drei Punkte, während er mit den Fingern gegen sein Handy tippte. Seine Tante redete immer noch weiter, aber Kevin wollte sich den schönen Moment nicht von dem Drachen am anderen Ende der Leitung verderben lassen.
Er biss sich nervös auf die Lippe.
‘jetzt?’
‘wenn du willst natürlich’
Kevin begann breit zu lächeln. Seine Hände flogen über die Buchstaben.
‘oki!’
‘lass westgang’
Er wartete auf keine weitere Antwort und sprang stattdessen auf.
“Und dann–” sprach seine Tante in einer strikten Stimmlage, die angab, dass das Thema wahrscheinlich etwas ernster war, aber das war Kevin egal. Er hatte einen süßen und attraktiven Jungen, der auf ihn wartete.
“Sorry, Tante Hester, aber ich muss los! Bis bald!” Ohne irgendwas abzuwarten, legte er auf und schmiss sein Handy aufs Bett, er musste sich anziehen!
♬♪♫
Kevins Lachen gesellte sich zu Bastis, während die beiden durch den winterlichen Park liefen.
Sie hatten nahe des Internats einen kleinen Schneemann gebaut und sich dann entschieden weiter zu laufen. Normalerweise waren Spaziergänge absolut nicht Kevins Ding, aber für Basti würde er es ausnahmsweise einmal machen.
Es war nicht so, als ob ihr Spaziergang langweilig war. Es war ein guter Weg, das bittere Telefonat von heute Morgen hinter sich zu lassen.
“Und jedenfalls hab ich dann natürlich versucht, Stegi in meinem Spind zu verstecken und es hätte auch funktioniert, hätte der Bastard nicht gelacht!” Basti kicherte erneut und Kevins Herz setzte einen Schlag lang aus.
"Stegi kann schon ein Vollidiot sein.” Sprach Basti grinsend und Kevin nickte eifrig, bevor er seinen Mund öffnete und weiter erzählte.
“Jedenfalls mussten wir dann beide nachsitzen! Und das auch noch bei Herrn Krause!” Den letzten Teil erzählte er mit so viel Ernsthaftigkeit, wie er konnte. Basti nickte leicht, bevor er murmelte:
“Ich hab eigentlich nur gute Erfahrungen mit ihm gemacht…”
Kevin schüttelte seinen Kopf und starrte den Dunkelhaarigen ungläubig an, bevor er rief: “WIE?! Der Mann wurde vom Teufel persönlich hierher geschickt!”
Der Andere lachte erneut, seine Stimme nahm aber einen sanften Ton an, als er antwortete: “Schätze ich bin nie wirklich negativ aufgefallen…wie andere hier.” Für den letzten Teil warf er Kevin einen spitzen Blick zu. Kevin schüttelte erneut den Kopf, bevor er seufzte.
“Das müssen wir dringend ändern!”
Basti zog eine Augenbraue hoch und spitzte seine Lippen und wäre es nicht für das Lächeln, welches der Dunkelhaarige vergebens zu verstecken versuchte, hätte Kevin ihm abgekauft, dass er das nicht witzig fand.
Plötzlich fragte sich Kevin, wie viele dieser kleinen Sachen er wohl nie mitbekommen hatte. Wie oft hat er Sarkasmus, Ironie und die Gesichtsausdrücke des Anderen falsch verstanden?
Scheinbar war sein Filter heute gänzlich aufgebraucht nach dem Gespräch mit seiner Tante, den er murmelte: “Wir hätten so viel eher Freunde sein können…”
Basti blinzelte überrascht und verlangsamte ihr Tempo, bis sie komplett zum Stillstand kamen. Der Dunkelhaarige öffnete seinen Mund: “Nun…Wir sind jetzt Freunde, also…?”
Kevin schnaubte und quengelte: “Ja, aber jetzt haben wir deutlich weniger Zeit zusammen! Wir wären so nen cooles Duo gewesen!” Basti lachte und Kevin konnte ebenfalls nur grinsen. Allerdings klebte etwas Bitteres und Trauriges an ihm.
Es stimmte, die beiden hätten viel früher miteinander etwas machen können. Es brachte wahrscheinlich nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, aber dennoch suchte es Kevin heim.
Er hatte die wahrscheinlich dümmste Entscheidung damals getroffen, als er entschieden hat, dass er den Dunkelhaarigen nicht mochte.
“Du lässt es so klingen, als wären wir jetzt nicht auch ein cooles Duo!” Kicherte Basti und Kevin musste ebenfalls leicht lächeln.
“Nun ja, einer von uns ist sehr viel cooler als der andere…” Sprach Kevin schelmisch mit einem lässigen Grinsen auf seinen Lippen.
Basti zog nur eine Augenbraue hoch und fragte skeptisch: “Und was, das bist du?”
Kevin lehnte sich leicht nach vorne, bevor er antwortete: “Ja klar, wer sonst. Es bist nicht du, bro." Basti schnaubte leicht.
“Ich würde sagen, ich bin cooler-”
“Ne, absolut nicht!” Unterbrach Kevin ihn, bevor er anfing zu lachen. “Like, sorry, aber du bist maximal uncool.”
Basti fixierte ihn mit einem Blick, aber der Blonde ließ sich nicht einschüchtern und grinste stattdessen weiter. Er lag richtig, also warum nachgeben?
“Sagt die Person, die persönlichen Beef mit Fünft- bis Zehntklässlern hat.” murmelte Basti und Kevin blinzelte. Seine Wangen wurden leicht rot, bei den Gedanken an gestern. Er war sowieso überrascht, dass Basti nicht durch seine Fassade und seine Lügen mit “Lucas” gesehen hat.
Aber was konnte er sagen? Er wird nicht Basti gegen jemanden Jüngeren verlieren, der aussieht wie der größte Loser. Egal, wie neu seine Gefühle waren. Er und Basti machten sowieso mehr zusammen, ab jetzt.
Es beruhigte ihn immerhin, dass der Dunkelhaarige nichts mit dem Typen wollte. Er wusste nicht, was er sonst tun würde.
Ein Kichern drang durch seine Gedanken und Kevin schaute auf. Genau in dem Moment begann Basti schelmisch zu grinsen, bevor er fragte: “Schmollst du?”
Kevin warf dem anderen einen missfälligen Blick zu, doch dieser lächelte weiter. Der Blonde rollte schließlich mit den Augen und steckte dem anderen seine Zunge raus. Dieser lachte nur, bevor er fragte: “Welche Klasse bist du? Erste?”
Kevin schnaubte und öffnete seinen Mund, um möglichst prahlerisch zu antworten: “Älter als du!”
Basti entfloh ein spitzes Lachen: “Kevin, das macht die Situation nicht besser!” Seine Wangen wurden heiß und er schubste den Dunkelhaarigen. Okay, vielleicht hätte er länger nachdenken sollen.
Gott, war die Situation peinlich.
Der Blonde durchwühlte sein Gehirn nach einem Weg raus und rannte mit dem ersten Gedanken, der ihm einfiel.
“Wer zuerst am See ist!” Schrie er, bevor er los rannte Richtung See. Nach ein paar Sekunden drehte er sich um. Er erwartete, dass der andere immer noch perplex im Park stand, aber nein, Basti rannte hinter ihm her.
Der Blonde blinzelte ein paar Mal, bevor sich ein Grinsen ausbreitete. Er hatte immer noch etwas Vorsprung.
Keine Sekunden später konnte er schon das Eis durch die Bäume blitzen sehen, sein Grinsen wurde breiter. Schnell warf er einen Blick über seine Schulter, Basti hatte sichtlich auch den See gesehen, denn sein Blick wurde ernster und der Dunkelhaarige legte noch einen weiteren Gang zu.
Kevin richtete seine Aufmerksamkeit wieder nach vorne. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Er war überrascht, wie ernst der Andere das Rennen doch nahm, aber Kevin genoss einfach, dass er gewinnen würde.
Ein paar Sekunden später brach er aus dem Park auf den kleinen Weg, welcher zum See und darum führte. Sein Grinsen war so breit, dass sein Gesicht weh tat, nur noch ein paar Meter.
Doch kurz bevor er da war, fiel sein Blick auf den Boden, welcher komisch aussah. Kevin rannte jedoch weiter, er hatte schließlich ein Rennen zu gewinnen, das war, bis er realisierte, warum der Boden das Licht komisch reflektierte - Eis!
Ohne zu zögern, bremste der Blonde ab, seine Füße verloren beinahe halt. Aber er blieb stehen.
Keuchend lächelte er erleichtert, dass hätte anders enden können.
Keine Sekunde später knallte jemand gegen seinen Rücken und brachte ihn zum Stolpern. Kevin verlor sein Gleichgewicht und sah sich schon das Eis küssen, als ihn eine Hand griff und festhielt.
Kevins Herz raste und ihm war leicht schwindelig, trotzdem fand er noch Kraft sich umzudrehen.
“WAS- ZUR Hölle!” Keuchte der Blonde und starrte seinen Freund an, welcher ebenfalls keuchte.
“Was bleibst– du auch einfach stehen!” beschwerte sich Basti und Kevin zeigte wütend auf das Eis, auf welchem sie jetzt standen. Doch der Dunkelhaarige schüttelte nur den Kopf und die beiden blieben ein paar Sekunden lang schnaufend stehen.
Kevins Arm kribbelte dort, wo Basti ihn griff und er versuchte dringend, das Flattern in seiner Brust zu ignorieren. Er sollte immer noch wütend auf den anderen sein! Schließlich hatte dieser ihn angerempelt. Doch seine verräterischen Gedanken konnten sich nur auf die Berührung konzentrieren.
Genervt von sich selbst, richtete er seinen Blick wieder zu Basti, welcher ihn bereits anschaute.
Keine Sekunde später formte sich ein kleines Grinsen auf Bastis Lippen und er ließ Kevins Arm los. Und als wäre nichts passiert, marschierte der Dunkelhaarige weiter zum See.
Perplex und immer noch etwas angepisst, starrte der Blonde ihm hinterher. Bis er sich aus seiner Starre lösen konnte und entrüstete dem anderen folgte.
Basti lief schnurstracks gerade auf den See zu, während Kevin langsam und vorsichtig versuchte, hinterher zu kommen. Wohin wollte der andere überhaupt?
Doch dieser drehte sich plötzlich immer noch leicht außer Atem um und rief: “Erster!”
Kevin blinzelte ein paar Sekunden lang, bevor er wütend den anderen schubste.
“ACH HALT DIE FRESSE! ICH HAB GEWONNEN!” rief er, doch als Antwort bekam er nur ein Lachen.
Beleidigt drehte er Basti den Rücken zu und verschränkte die Arme. Das Kichern hinter ihm kam näher und plötzlich legten sich zwei Arme über seine Schulter und Basti Kopf auf seinen.
Sofort wurde ihm heiß und sein Herz begann erneut zu rasen. Sein Bauch kribbelte und ein angenehmer Schauder durchfuhr ihn. Seine Wut verschwand, wie Träume bei dem ersten Tageslicht
“Sieger der Herzen, aber nicht auf Papier.” murmelte Basti und Kevin versuchte zwingend, die Wärme in seinem Rücken zu ignorieren und einfach wie ein normaler Mensch zu funktionieren.
Was härter war, als jede Prüfung, die er bis jetzt geschrieben hatte. Er öffnete seinen Mund, doch durch seine Gedankenfetzen kam nichts hervor. Wofür er wahrscheinlich dankbar sein sollte.
Kevin versuchte zwanghaft sein Gehirn dazu zu bringen, an etwas anderes als Basti zu denken. Aber sein Gehirn kooperierte nicht.
Stattdessen war es so nett und erinnerte ihn an die zehnte Klasse, wo die beiden in einer Gruppe ein Banner machen mussten. Kevin hatte auf dem Boden gesessen und das Banner gerade einheitlich bestrichen, nur damit Basti sich über ihn lehnte und meinte, dass er die Farbe hasste.
Damals hatten sie sich nicht explizit berührt, aber der Dunkelhaarige war definitiv knapp über ihn gewesen. Es hatte Kevin schon damals aus der Bahn geworfen und ihn komplett nervös gemacht.
Er hatte damals diese kleine Interaktion seziert und jedes Detail überdacht. Er hatte es ständig vor Augen gehabt, darüber nachgedacht und darüber erzählt. Dominik hatte nach 3 Tagen fast die Freundschaft mit ihm aufgegeben.
Das war, bis sie sich darauf geeinigt hatten, dass Kevin aufhört, es immer wieder und wieder zu erzählen. Was er auch getan hat, nur hat er trotzdem weiter darüber nachgedacht.
Er war wie besessen gewesen.
Kevin pausierte.
Oh. Oh.
Diese Gefühle waren doch nicht neu.
Kevin erwartete, dass diese Realisation ihn komplett aus der Bahn werfen würde, doch die Welt drehte sich weiter, Basti lehnte immer noch auf ihn und Kevins Gefühle waren immer noch da.
So viel zu hassen, huh?
“Ich bin beides.” Quetschte er schließlich außer Atem hervor, und er betete, dass Basti es auf ihr Rennen schob. Basti lachte leise und Kevin konnte die Himmelspforten sehen und das Glocken läuten hören.
Plötzlich ohne Vorwarnung lehnte sich Basti wieder zurück und Kevin biss sich auf die Lippe, um ein Jammern zu unterdrücken. Sofort ergriff die Kälte seinen Rücken und Enttäuschung machte sich in seinem Magen breit.
Die beiden hatten vielleicht gerade einmal eine halbe Minute so gestanden, aber Kevin vermisste schon jetzt den Kontakt wie ein amputiertes Glied.
Er seufzte leise und drehte sich zu Basti, welcher ihn bereits lächelnd anschaute.
“Weitergehen oder bist du komplett erschöpft vom Rennen?" Kevins rollte die Augen und wollte schon sagen, dass der kleine Sprint ihn nicht aus der Bahn werfen konnte. Aber seine Beine protestieren leicht und um ehrlich zu sein, hatte ihn der Kontakt mit Basti mehr zur Erschöpfung getrieben, als das kleine Rennen.
Und vielleicht die Realisation, dass er wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten einen Crush auf Basti schob. Gott, Dominik wird ihn nie wieder in Ruhe lassen.
Seufzend steckte Kevin seinen Stolz weg und murmelte: “Bank?” Basti nickte und folgte Kevin ohne weiteres Urteil.
Die beiden setzten sich auf eine der unzähligen Banken, welche den See umrandeten. Stille sank das erste Mal für heute zwischen den beiden nieder. Doch Kevin genoss es, obwohl er nie ein großer Fan von Stille war.
Er wusste nicht, wie lange die beiden einfach da saßen und in die Landschaft schauten. Kevins Gedanken begannen, allerdings wohl oder übel, um das Gespräch mit seiner Tante zu kreisen.
Er war sich immer noch unsicher, wie er genau das nächste Mal mit seiner Familie sprechen sollte. Er wusste, dass sie ihn wieder anrufen würden, wahrscheinlich entsetzt, dass er seine Tante einfach so aufgelegt hatte. Eines war allerdings klar, er würde nicht der sein, der als erstes anrief.
Egal, ob es “seine Schuld” war.
“Was geht dir durch den Kopf?” fragte Basti plötzlich und Kevin schaute perplex zu dem anderen. Doch dieser betrachtete ihn bereits mit einem Blick, welcher bis in das Innere seiner Seele durchdrang. Oder zumindest fühlte es sich so an.
Kevins Wangen wurden heiß. Er öffnete seinen Mund, doch nichts kam heraus. Stattdessen sprach Basti weiter: “Keine Ahnung, du bist nur…ach vergiss es.”
Kevin starrte den Dunkelhaarigen weiter an, der jetzt wieder zum See blickte. Der Blonde folgte dem Blick des anderen auf die helle und reflektierende Fläche. Der Blonde schluckte, bevor er die nächsten Worte in die kühle Luft entfliehen ließ: “Meine Familie hat angerufen…”
Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie Bastis Gesicht in seine Richtung schoss, doch er behielt seinen Blick weiter auf dem Eis.
“Explizit meine Tante, um genau zu sein. Ein Dämon.” Er versuchte den letzten Teil scherzhaft klingen zu lassen, doch selbst in seinen Ohren fiel der Witz flach. “Wir–...Sie hat über meine Zukunft debattiert…"
Stille.
Doch Kevin merkte, wie sich Basti etwas mehr gegen ihn drückte. Ein kleines Lächeln überstrich seine Lippen. Sein Atem zitterte, bevor er weitersprach: “Ich hab keinen Plan, was ich machen will…you know?”
Er pausierte erneut.
Das Eis auf dem See hat mehr Kratzer als das letzte Mal, als die beiden hier waren.
Der Gedanke an ihr improvisiertes Schlittschuhfahren gab ihm die Kraft und Energie, seine zerfetzten Gedanken zu beenden: “Ich meine, ich liebe Musik…Ich wünschte nur, dass meine Familie das auch sehen würde., you know. Vielleicht will ich dem ja nachgehen…”
Kevin schaute das erste Mal zu Basti, er wusste nicht, was er erwartete oder sehen wollte auf dem Gesicht des anderen. Bastis Blick war sanft und interessiert. Wie ein Schlag ins Gesicht realisierte Kevin, dass ihm der andere tatsächlich zuhörte und verstand.
Er hätte weinen können.
Er wollte irgendwas sagen, aber entfiel ihm wieder und er drehte seinen Kopf in die andere Richtung. An den Ecken seiner Sicht verschwamm die Szenerie. Er wusste nicht, warum es ihn so traf, dass Basti ihm tatsächlich zu hörte.
Er hörte zu, als bedeuten Kevins Worte etwas.
Es war ein komisches Gefühl.
“Mein Vater sieht das ebenfalls so…” Kevins Kopf schoss zu dem anderen. Doch Basti blickte starr auf seine Hände. "Mit dem Thema Musik, meine ich…”
Kevin blinzelte seine Tränen aus den Augen und drückte sich gegen den anderen. Das war das erste Mal, dass der andere von seiner Familie sprach.
Klar, Kevin konnte sich seinen Teil denken, davon, dass Basti über Weihnachten im Internat war und allgemein noch nie Bastis Eltern gesehen hatte. Aber trotzdem war es etwas anderes, es von Basti persönlich zu hören.
Ein kleines Flattern breitete sich bei dem Gedanken in seinem Bauch aus. Kevin blinzelte ein paar Sekunden und versuchte, seinen verräterischen Teil von ihm daran zu erinnern, dass Basti wahrscheinlich gerade sehr bestürzt war.
“Er versteht mich ebenfalls nicht und meine Fixierung auf das Instrument und Musik. Wir leben quasi in anderen Welten…” murmelte Basti und Kevin nickte. Er verstand genau, was der andere meinte.
Als der Dunkelhaarige nicht weitersprach, murmelte Kevin scherzhaft “Schätze, wir sind einfach zu gut, dass ihre Ohren unsere Musik verstehen können.” Basti gab ein kleines Lachen von sich und Kevins Mundwinkel zuckten ebenfalls nach oben.
“Wer weiß, vielleicht werd ich der nächste Paganini? Dann werde–”, sprach Kevin, doch Basti unterbrach ihn mit einem scharfen Lachen und ihre Blicke trafen sich.
“Bro, du bist nicht Paganini! Der einzige Grund, warum dich Leute Teufelsgeiger nennen, ist, weil du spielst, als wärst du besessen, so chaotisch ist deine Spielweise!” Antwortete der andere durch sein Lachen und Kevin steckte ihm die Zunge raus.
“Aber Leute nennen mich so!” Kontert Kevin stolz. Doch der Dunkelhaarige begann nur härter zu lachen.
“Herr Nori hat dich einmal in - was wars der achten Klasse? - so genannt–” sprach Basti, doch Kevin korrigierte den anderen: “Neunte!”
“Bro, das war einmal! Lass los!” Kicherte Basti und Kevin versuchte, seinen strengen Blick beizubehalten. Allerdings prustete er auch nach ein paar Sekunden los. Ihr gemeinsames Lachen schallte laut und klar über den See in die Landschaft hinein.
Kichern warf sich Kevin gegen Basti, welcher mit ebenso viel Enthusiasmus sich gegen ihn drückte. Kevins Wangen glühten leicht und etwas in seiner Brust flatterte sanft. Er konnte sich daran gewöhnen, mit Basti überall zu sein und zu reden.
Nach ein paar vereinzelten Glucksern und Kichern, kehrte wieder Stile ein und die beiden lehnten sich leicht außer Atem gegeneinander. Kevins komplette Seite kribbelte und er versuchte ganz still zu sitzen, in der Hoffnung, dass die beiden noch eine Weile so bleiben würden.
Ihre Stille wurde schließlich von Basti gebrochen, der sanft murmelte: “All Jokes aside, ich glaube, wenn du wolltest, könntest du den Weg von Musik wählen…Du bist verdammt gut und einzigartig, vom Spielstil.”
Kevin blinzelte überrascht und er konnte fühlen, wie sein komplettes Gesicht rot wurde. Sein Herz raste und ein flatterndes und schwindeliges Gefühl ergriff ihn. Ein kleines nervöses Lächeln ergriff seine Lippen und sein kompletter Körper fühlte sich warm an.
Das war das erste Mal, dass Basti ihm ein Kompliment gegeben hatte. Und was für eins. Kevin fühlte sich schwindelig und er war froh, dass er saß.
“Ich denke du bist auch einzigartig…”, murmelte Kevin leise.
Sein Gehirn registrierte seine gerade gesprochenen Worte und die Welt stoppte. Blitzschnell lehnte sich Kevin wieder zurück und blickte zu einem fragendem Basti auf, bevor er schnell dran hängte: “Vom Spielstil meine ich! Nicht das sonst auch nicht einzigartig bist oder so ich meine nur, der Bezug war gerade da und so–”
Basti kicherte und antwortete ein leises: "Danke, Kevin."
Jap, er war so gone.
♬*✧˖°✮♩
Kevin starrte auf das leere Notenblatt. Er biss sich auf die Lippe und fluchte leise, bevor er seine Geige beiseite legte und zu einem Stift griff.
Mit Mühe versuchte er, die Passage, die er gestern gespielt hatte, wieder aufzurufen. Doch er konnte sich nur an einzelne Noten erinnern, die mit dem Rest, den er bis jetzt hatte, schrecklich klangen. Er runzelte seine Stirn, bevor er seufzend den Stift beiseite legte und sein skeptisch seinen Teil des Partnerprojektes betrachtete.
Basti war der Meinung gewesen, dass Kevin beginnen sollte, mit etwas sanftem, unbeschwerten, kleinen Bruchstücken von Erinnerungen. Eine weitere Idee war, dass Basti ihn für manche Takte folgte, was allerdings darauf baute, dass Kevin Noten niederschreiben konnte.
Die Idee hat es nicht weit geschafft. Obwohl sie nach Kevins Meinung genial war.
Was Kevin wieder zurück zum Problem brachte. Noten.
Er wuselte sich mit einer Hand durch seine mittlerweile wieder fast braunen Haare. Er musste diese dringend nachfärben, aber da nun wieder Schule und Orchester normal weitergingen und alle wieder da waren, war das härter. Hinzu kam, dass keine Ferien oder Feiertage bevorstehen, bedeutete, die Lehrer waren wieder deutlich strenger.
Kevin stöhnte, er war schon wieder abgelenkt. Er starrte auf das halbleere Blatt, es war sinnlos, er konnte sich nicht daran erinnern, was genau er gestern gespielt hatte. Er legte das Blatt beiseite und griff sein Handy.
Ein kleiner Blick darauf zeigte, dass seine Probezeit fast vorbei war. Mit einem schlechten Gefühl packte er seine Sachen zusammen. Nach 2 Stunden keine Fortschritte. Kevin fluchte erneut.
Er war gerade dabei, seine Jacke anzuziehen, als sich die Tür öffnete und ein blonder Junge mit Brille hinein schaute. Kevin blinzelte ein paar Sekunden, bevor sein Herz anfing zu rasen. Natürlich war es einer von Bastis Freunden.
Er gab Heiko ein kleines Nicken, der dieses erwiderte, bevor er seine Sachen griff und aus der Tür in den Gang schlüpfte.
Er wurde beinahe von einem Quartett aus jüngeren Schülern umgerannt. Murrend folgte er den Vieren den Gang hinunter. Seine Gedanken glitten zurück zum blonden Jungen, soweit wie er wusste, spielte der andere Klavier und gab Nachhilfe.
Kevin versuchte nicht zu lachen. Natürlich war ‘das’ Bastis Freundesgruppe und was machte Kevins? Richtig, Beef mit ihrer Unterstufe.
Er schüttelte den Kopf und betrachtete die Jüngeren vor ihm. Die Vier sahen so aus, als wären sie frisch auf das Internat gekommen, ihre Ausstrahlung und das ständige Umschauen zeigten dies mehr als genug.
Ohne dass er wirklich wollte, begann er dem Quartett zuzuhören. Der mit Brille und einem Trompetenkoffer - zumindest ähnelte der Koffer Dominiks - brachte die anderen Drei zur Ruhe, bevor er sprach: “Leute, chillt! Es ist immer noch Zeit, es ist ja nicht so, als müsste er bis morgen etwas haben.”
Der braunhaarige Geigenspieler nickte und klopfte dem etwas kleineren blonden Jungen auf die Schulter, welche wenn Kevin schätzen müsste, eine Bratsche dabei hatte.
Der Vierte, ein ebenfalls blonder Junge, welcher kein Instrument dabei trug, fiel plötzlich dazwischen: “Bro, du bist trotzdem cooked, like–” “ACH, HALT'S MAUL HUGO!” Unterbrach ihn der Bratschist.
Der Trompetenspieler mischte sich sofort wieder ein, bevor die beiden Blonden zu sehr aufeinander eingehen konnten: “Leute! Leute–! Heiko meinte doch, dass das komplett legitim ist!”
Bei dem Namen des Blonden horchte Kevin auf. Waren das welche, denen Heiko Nachhilfe gab?
"Ja, genau! Er meinte, es wäre fine, wenn du erst einmal so drauf los spielst und danach alles niederschreibst. Lass dich von Hugo nicht ragebaiten.” Mischte sich nun auch der Violinist ein.
Der Junge mit Brille nickte eilig, bevor er erzählte: “Heiko macht das auch so! Also muss es ja funktionieren.” Kevin wurde hellhörig. Der Blonde spielte wie er? Warum hat er das noch nie gesehen oder eher gehört?
Seine Schritte wurden langsamer und die Vierergruppe vor ihm driftete immer weiter weg. Doch Kevin war längst in seinen Gedanken verschwunden, es war ja nicht so, als gehöre er zu ihnen. Sein Gehirn hielt sich an dem Satz des Violinisten fest. Erst spielen und dann niederschreiben.
Der Blonde stöhnte laut und blieb stehen. Warum ist er nicht eher darauf gekommen? Warum hat er sich an einem Stück von gestern aufgehalten, wenn er einfach ein neues spielen kann? Gott, manchmal zweifelte er an seiner eigenen Intelligenz.
Ohne sich groß weitere Gedanken zu machen, drehte er sich fix um und rannte wieder zurück zu den Übungsräumen. Er hatte keine Zeit zu verlieren, auch wenn ein kleiner Teil in ihm immer noch dagegen war, Noten zu haben, wusste er, dass Basti sie definitiv benötigen würde, um mit ihm spielen zu können.
Seine Augen rasten die Liste der Räume runter und den erstbesten Raum griff er. Wenn er noch mehr Zeit mit Rumtrödeln verbrachte, würde seine Motivation wahrlich am Boden sein.
♬♪♫
Kevin Hände mit den Notenblättern zitterten leicht. Er wippte ungeduldig vor und zurück und starrte die Tür vor ihm an, als hätte er persönlich Streit mit ihr. Hatte er auch irgendwie.
Sein Magen drehte sich noch einmal und Kevin riss endlich eine seiner Hände los und schaute auf sein Handy, nur um noch einmal alles zu checken. Er öffnete den Chatverlauf und starrte die Nachrichten an.
‘klar’
‘Raum 142 auf der Südseite’
‘Ich bin da :)’
Kevins Blick schoss zu der Zahl an der Tür, 142. Er holte tief Luft, bevor er klopfte. Er hielt seine Luft an, während er wartete. Zum Glück öffnete sich keine drei Sekunden später die Tür und der Basti strahlte ihn an.
“Kevin!” Sprach der Andere freudig, bevor er sich lässig an den Türrahmen lehnte. Kevin versuchte dringend ebenfalls eine Begrüßung zu finden und den Mut seinen Mund zu öffnen.
“Moin. Ich bin hier wegen dem Projekt.” Basti legte fragend den Kopf zur Seite und der Blonde schaffte es endlich, seine Hände aus ihrer Starre zu reißen. Schnell reichte er dem Anderen die Notenblätter, welche diese skeptisch nahm und betrachtete.
Kevin wurde bewusst, dass er vielleicht seinen Mund aufmachen sollte und Basti erklären sollte, was genau er da sah.
“Ähm, das sind die Noten, die ich niedergeschrieben hab… Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir das Ende so lassen sollten oder ob du mehr Schwung brauchst für deinen Teil…” stammelte sich Kevin durch seine Sätze, wobei er nervös auf Bastis Reaktion wartete.
In seinen Ohren fehlten zwanzigtausend Sachen an der Erklärung, aber er konnte seinen Mund nicht mehr aufreißen. Hyperfokussiert auf jede kleinste Bewegung von Bastis Gesicht. Dieser löste sich aus seiner Starre und blickte überrascht auf, bevor er zu strahlen begann.
“Nein, das ist genial so!” Kevin wurde leicht rot, er öffnete seinen Mund um abzuwinken, doch der andere sprach bereits weiter: “Was zur Hölle, Kevin! Du hast Noten geschrieben, like actual Noten!”
Kevin nickte schüchtern und schaute in Richtung der Holzdielen unter ihnen. Die Worte des anderen schallten in seinen Ohren wieder und genau in dem Moment schoss sein Blick wieder zu Basti und er fragte genervt: “Dachtest du, ich konnte keine schreiben?”
“Ja.” Kevin starrte den anderen missfallen an, doch dieser grinste nur leicht, bevor Basti mit einem Augenrollen ergänzte: “Natürlich wusste ich, dass du Noten schreiben kannst. Es ist nur nicht dein Stil, deswegen bin ich so überrascht.”
Der Blonde atmete erleichtert auf und sprach nun ebenfalls: "Ja, aber es is ne Partnerarbeit und du brauchst meinen Teil halt, damit es passt. Ist also irgendwie das mindeste, was ich machen sollte.”
“Trotzdem, danke Kevin.” Dem Blonden durchlief ein wohliges Schaudern bei seinem Namen aus Basti Mund. Er konnte sich glatt daran gewöhnen.
Mit einem Grinsen verkündete Kevin: “Wer hätte gedacht, dass ich der erste bin von uns zweien, der nen fertigen Teil hat?” Basti seufzte und schloss kurz die Augen und Kevin war nie glücklicher gewesen.
Das Grinsen auf seinen Lippen wuchs und er klopfte Basti auf die Schulter, bevor er weiter labberte: “Bro, du musst langsam loslegen, unsere Performance ist einem Monat! Ich kann uns nicht alleine carrien.”
“Ach, halt doch deine Fresse, wir wissen ganz genau, dass das Thema von mir kam.” Murrte Basti nur und starrte den Blonden emotionslos an, während Kevin weiter grinste.
“Na und?”
“Hau ab.”
“Nö! Lass mich dein Zimmer sehen! Ich kenn das nicht.”
“Uh, warum klingst du, wie ein Creep…”
“Fresse.”
♬*✧˖°✮♩
Basti gähnte und rieb sich die Augen. Das schwache Licht seiner Stehlampe war nicht annähernd hell genug, aber der Dunkelhaarige hat keine andere Wahl. Er rutschte etwas hin und her, um es sich bequemer zu machen und schrieb weiter.
Nur um keine Sekunde später, den Takt wieder durchzustreichen. Er passte nicht dazu, er klang viel zu wild, dafür dass es gerade eine sanftere Passage sein sollte. Basti gähnte erneut, er war so müde.
Mühsam blinzelte er durch seine halboffenen Augen, die Uhr auf seinem Nachttisch zeigte 1:22 Uhr.
Basti fluchte leise, bevor er seufzte und sein Zeug von seinem Bett runter schmiss. Er würde morgen weiterschauen, er bekam eh nichts zu stande so spät, außerdem musste er immer noch frühmorgens raus.
Er knipste die Lampe aus und sein Zimmer wurde in Dunkelheit getaucht und Basti schloss seine Augen. Doch statt dass ihn der besinnliche Schlaf einholte, rasten seine Gedanken.
Es war schon der 23. Januar, in 2 Wochen, müssen er und Kevin ihr Stück bei Herrn Nori vorlegen und bis jetzt hatten sie Kevins Teil und die Bruchstücke von Basti, welcher weder miteinander noch mit Kevins Teil korrelierten.
Basti drehte sich auf die andere Seite. Doch die Unruhe und Angst flatterte unangenehm in seiner Brust und hielten ihn hellwach.
Was, wenn er es nicht schaffte? Was, wenn ihr Stück wieder grauenhaft klang? Was, wenn es wieder nicht funktionierte?
Obwohl die beiden jetzt offiziell Freunde waren, konnte sich Basti nicht zusammenreißen und einfach etwas schreiben.
Dabei sollte genau dies ihm eigentlich liegen. Er liebte Musik, also warum konnte er nichts schreiben? Sie hatten ja sogar ein Thema, an welches er sich halten könnte! Warum bekam er es dann nicht hin?
Er konnte nicht seine ganze Zeit darauf verschwenden, etwas Kleines zu komponieren, er musste noch lernen!
Er rannte von einer Arbeit zur nächsten, weil in 3 Wochen Ferien waren und bis dahin mussten alle Zensuren fertig sein. Er konnte sich dort keine Fehler und schlechte Noten erlauben, er brauchte das gute Zeugnis, die guten Noten.
Er atmete zitternd aus und versuchte sich zu beruhigen, um endlich einzuschlafen, aber ihm war immer noch die Luft zu geschnürt. Basti öffnete die Augen und starrte gegen seine Wand, seine Augen wurden feucht und kleine Tränen kullerten auf sein Kissen.
Er wollte doch nur schlafen.
Seine Gedanken drifteten pausenlos zwischen den Arbeiten und dem Stück hin und her, wie ein Metronom
Schließlich erbarmte sich sein Gehirn und er dachte an den Blonden, welcher ebenfalls morgen Geburtstag hatte.
Ein kleines Lächeln kam endlich auf. Zum Glück hatte er dem anderen schon etwas besorgt. Basti gähnte, während er an das kleine Paket in seinem Schrank dachte.
Er hoffte, der andere mochte es.
♬♪♫
Basti setzte verzweifelt seinen Bogen ab und starrte das Ungetüm an, welches er gerade gespielt hatte.
Er hatte es nicht einmal bis zur Hälfte geschafft, ohne dass seine Ohren bluteten. Sein Teil klang schrecklich.
Basti schluckte und seine Ohren dröhnten, er hatte noch knapp über eine Woche, bis zur Präsentation.
Panik ergriff ihn. Was, wenn er das nicht schaffte? Streich das “Was wenn”, er wird es nicht schaffen. Wie soll er so schnell etwas Neues schreiben und üben? Hinzukam dass er auch noch Kevin seinen Teil zeigen muss, so dass sie zusammen darüber schauen und üben konnten.
Wie sollte das zustande kommen, wenn Basti wieder bei Punkt Null war 12 Tage vor ihrer Präsentation? Der Dunkelhaarige wollte sich übergeben.
Mit zitternden Händen legte er seine Violine beiseite und setzte sich auf einen Stuhl. Seine Beine fühlten sich wie Pudding an und Angst umgriff ihn. Er betrachtete den grau-blauen Teppichboden und versuchte langsam und tief ein und auszuatmen.
Sein Herzrasen beruhigte sich, aber trotzdem saß etwas in seinem Magen, Beklemmung und Unruhe.
Was sollte er nur machen? Was–
Plötzlich riss jemand die Tür auf. Basti fuhr hoch und setzte sich ordentlich hin, doch in der Tür stand nur ein grinsender Kevin.
Der Dunkelhaarige versuchte, sich ein Lächeln zu erzwingen, doch scheinbar gelang es ihm nicht, denn sobald Kevin seinen Gesichtsausdruck sah, fiel das Lächeln des Blonden.
“Hey…Ich wollte fragen, ob du mit in die Stadt kommen willst?” Kevin blickte unsicher herein und Basti sollte wirklich “Nein” sagen und an seinem Teil ihres Projektes arbeiten, aber…
Er wollte nicht. Er wollte nicht mehr. Er kämpfte seit Tagen mit nichts anderem und nun war Kevin hier.
Die beiden hatten neben Texts und kurzen Talks nicht viel die Woche gemacht, dank der ganzen Tests und Proben, die ihre Aufmerksamkeit verlangt hatten. Das einzige, wo sie sich gesehen hatten, war Kevins Geburtstag und selbst da musste Basti ihm schnell sein Geschenk überreichen, weil er noch Probe an dem Tag hatte.
Seufzend nickte Basti und packte sein Zeug zusammen und Kevin sprach überraschend auf: “Bro, wenn dir das gerade gar nicht passt, ist es auch fine, wenn wirs verschieben.”
Basti schüttelte seinen Kopf und setzte seinen Koffer auf, bevor er zu Kevin glitt und sprach: “Schon okay, ich glaub, ich muss mal raus hier. Außerdem haben wir quasi nichts die Woche zusammen gemacht.” Bei letzterem lächelte er leicht dem Blonden zu.
Dieser spiegelte sein Lächeln und hielt Basti die Tür auf, sodass die beiden ohne Probleme in den Gang schlüpften.
Die beiden steuerten das Dormitorium an, sodass Basti sein Zeug ablegen konnte, und auf dem Weg dahin erzählte Kevin ihm etwas über ein Gerücht zwischen zwei Schülern, aber Basti war etwas zu abgelenkt, um wirklich aufzupassen.
Er rang mit sich, ob er dem Blonden von seinem Rückschlag erzählen sollte oder ob es besser wäre, es noch für sich zu behalten.
Lange würde das wahrscheinlich eh nicht mehr funktionieren, die beiden mussten langsam zusammen üben.
Wie auf Autopilot schloss Basti sein Zimmer auf und legte seine Sachen ab und griff nach einer passenden Jacke und einer Tasche. Kevin berichtete ihm mittlerweile von seiner Freundesgruppe, aber Basti nahm nur einzelne Worte auf.
“Und dann hilft mir der scheiß Wichser nicht mal! Nachdem ich meinen Arsch für ihn geopfert hab!-” Basti nickte und drehte sich zu Kevin, welcher animierte seine Geschichte weiter erzählte, während er auf Bastis Bett saß.
Der Dunkelhaarige wollte seinen Freund gerade unterbrechen, als dieser sichtlich Bastis Lernnotizen auf dem Boden neben seinem Bett wahrnahm.
“Damn, neben üben und lernen, machst du auch was anderes?” Die Sache sollte definitiv witzig und überzogen klingen, aber für Basti fühlte es sich etwas zu persönlich an.
Sein Herz schmerzte leicht. Kevin musste wahrscheinlich nicht perfekte Noten vorzeigen und sich damit beschäftigen, ja nicht schlechter zu werden. Der Blonde konnte einfach weiter in der Weltgeschichte rumtrödeln.
Er biss sich auf die Lippe und versuchte, seine leicht verletzten Gefühle beiseite zu schieben. Kevin wusste schließlich nichts von seinen Problemen und Basti war einfach viel zu sensibel eingestellt.
Der Dunkelhaarige öffnete seinen Mund und murmelte: “Wir brauchen in unserem Duo schließlich einen, der smart ist.” Kevin protestierte sofort und ein kleines Lächeln umspielte Bastis Lippen.
Er versuchte die ganzen komischen Gefühle und Probleme hinter sich zu lassen und seinen Tag mit Kevin zu genießen, eine Auszeit und Ablenkung für ein paar Stunden, war hoffentlich nicht so fatal…
♬♪♫
Basti vergrub sich in seinem Schal. Der Schnee um ihn herum taute zum großen Teil ab, allerdings machte das die Temperatur nicht unbedingt wärmer.
Es waren 3 Tage vergangen seit Basti wieder zurück bei Punkt Null war und bis jetzt hatte der Dunkelhaarige es nicht geschafft, sich überhaupt darüber Sorgen zu machen. Die Arbeit, welche er heute früh geschrieben hatte, war jede Sekunde, die er länger gelernt hatte, wert gewesen.
Wirklich Herr Ross sollte nicht Physik unterrichten, wenn der Mann die Welt brennen sehen wollte.
Basti schüttelte seinen Kopf, er war trotz allem gut durchgekommen und konnte sich jetzt wieder seinem anderen Problem zu wenden - das Partnerprojekt. Basti runzelte mit der Stirn und seufzte, ihm hatte sich immer noch keine Idee aufgetan, auf der er zumindest bauen konnte.
Doch noch bevor er weiter in Angst und Unruhe verschwinden konnte, griff jemand plötzlich seinen linken Arm und zerrte ihn in Richtung Wald. Basti ließ einen hohen, schrillen Ton von sich und stolperte dem Übeltäter hinterher.
“KEVIN, WAS ZUR HÖLLE!?” schrie der Dunkelhaarige, allerdings erhielt er als Antwort nur ein Lachen. Schnaufend ließ er sich von Kevin in den kleinen Wald entführen. Als die beiden in einer Lichtung ankamen, drehte sich der blonde Junge um und ließ Bastis Hand los.
Basti schaute den Anderen fragend an, doch dieser strahlte ihn nur an, bevor er lauthals sprach: “Basti, warum hat Herr Krause mich in Geographie bestehen lassen?!” Der Dunkelhaarige blinzelte und murmelte leise ein “Was?”.
“Hallo–?!” Basti blinzelte langsam, bevor er ebenfalls zu strahlen begann. Er hatte komplett vergessen, dass er mit dem anderen Lehrer geredet hatte.
“Ich schätze es lohnt sich doch, Lieblingsschüler von ihm zu sein.”, sprach er leise in den Wald. Kevin schüttelte nur heftig den Kopf, bevor er die Arme des anderen griff und schrie: “WIE HAST DU DAS GEMACHT? HALLO??”
Basti kicherte, bevor er dem Blonden antwortete: “Ich hab mich halt mit Herrn Krause unterhalten und ich meinte zu ihm, dass ich dir helfe in Geo und dass du eigentlich alles verstehst und nur sehr viele Schusselfehler machst.”
Kevin starrte ihn immer noch an, als ob dem Dunkelhaarigen ein zweiter Kopf gewachsen wäre. Basti seufzte, etwas leichtes flatterte in seiner Brust, bevor er hinzufügte: “Und ich hab ihn angelogen, dass dich Geo super interessiert, du aber einfach Konzentrationsprobleme hast. Was weiß ich, irgendeinen Scheiß halt.”
“UND ER GIBT MIR NE 2, NUR WEIL DU MIT IHM LABBERST??” Basti zuckte mit den Schultern, lachte aber leise. Er hatte hart dafür gearbeitet, schließlich hatte er über Wochen mit Herrn Krause über Kevin geredet. Es kam also nicht wirklich aus dem Nichts.
“Kevin, wir haben auch zusammen gelernt, jetzt diskreditiere das nicht.” Schellte er leicht, doch der Blonde sprang schon wieder wild durch den Wald.
“WAS ZUR HÖLLE, BASTI!” Der Dunkelhaarige musste beim Anblick des Anderen lachen. Gott, Kevin war manchmal echt einfach gestrickt.
Plötzlich presste sich etwas gegen ihn und komplett perplex schaute der Dunkelhaarige auf den Blonden, der ihn umarmte. Bastis Wangen wurden sofort heiß und sein Herz begann so laut und schnell zu schlagen, dass er sich sicher war, dass der Blonde es hören konnte.
Langsam und behutsam legte Basti die Arme ebenfalls um Kevin, welcher ihn immer noch fest an sich drückte. Das Blut dröhnte in seinen Ohren wieder und sein kompletter Körper kribbelte.
Ein kleines und unbeschwertes Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht und langsam legte der Dunkelhaarige seinen Kopf auf den des anderen.
Basti wusste nicht, wie lange die beiden so standen, aber er genoss jede Sekunde. Schließlich löste sich Kevin langsam wieder und die beiden traten etwas auseinander. Basti Wangen brannten immer noch und sein Magen schlug ebenfalls Purzelbäume.
Kevin lächelte ihn immer noch strahlend an und die Röte in seinen Wangen ließ ihn süßer aussehen. Der Blonde räusperte sich sichtlich peinlich berührt, bevor er sich bedankte und die beiden wieder aus dem Wald führte. Doch Basti nahm nur die Hälfte wahr.
Er hatte eine Idee für ihr Projekt. (Das etwas in seiner Brust flatterte immer noch bei jedem Schritt.)
♬♪♫
Basti starrte verzweifelt seine Decke an. Mondlicht filterte durch seine Vorhänge und gab dem Raum einen leichten Schein, fast unmerklich und nutzlos, um wirklich viel zu erkennen. Basti drehte sich zur Seite und tippte sein Handy an.
23:56.
Er seufzte und drehte sich wieder auf den Rücken, doch weder Müdigkeit noch Erschöpfung nagten an ihm. Unruhe, Hilflosigkeit und Angst hatten sich tief in seine Brust gegraben und raubten ihm die Besinnlichkeit des Schlafes.
Sein Kopf raste. Klar, war er größtenteils mit Noten und Arbeiten durch und er hatte auch endlich eine Grundidee für das Projekt mit Kevin, alle Puzzleteile waren da, nur das gesamte Bild war nicht fertig. Und die Zeit lief ihm davon.
Er hatte noch drei ausstehende Noten, Geschichte, Mathe und die bei Herrn Nori. Bis auf das letzte waren das beides reine Lernfächer und das, was er lernen musste, war nicht schnell nebenbei gemacht.
Allein das wird wieder viel seiner Zeit beanspruchen und da war das ganze Partnerprojekt außen vor gelassen.
Er hatte zwar eine Idee, aber diese musste definitiv noch einmal deutlich überarbeitet werden. Basti wusste nur nicht, wie. Immer wenn er die Noten las und spielte, fehlte etwas, etwas, was seinem Teil diese freie und nostalgische Art verlieh.
Es klang einfach zu steif, nicht frei genug.
Basti drehte seinen Kopf in Richtung seines Schreibtisches, welcher ein schwarzer Umriss an der Wand war. Irgendwo darauf lagen Kevins Noten. Perfekt niedergeschrieben, mit einer Interpretation des Themas, welches dem Dunkelhaarigen fern war. Basti seufzte erneut und starrte sturköpfig wieder die Decke an, wie konnte es sein, dass der andere sogar Noten niedergeschrieben hatte und Basti immer noch nichts hatte?
Ihre Rollen hatten sich komplett gedreht. Basti hing hinterher und Kevin war lange fertig.
Gott, er hatte dem Blonden auch immer noch nicht Bescheid gegeben, dass er nichts hatte. Immer wenn der Andere das Thema angesprochen hatte, lenkte Basti davon wieder ab oder winkte ab. Und Kevin ließ ihn den Raum, kreativ zu sein.
Den Raum, den Basti missbraucht.
Er konnte nicht versagen. Nicht wenn Kevin sich die Mühe gemacht hatte, seine eigene Art des Spielens hinter sich zu lassen, damit sie zusammen arbeiten konnten. Kevin hatte einen perfekten Teil geschrieben aufgrund von Bastis Idee. Und er schaffte es nicht einmal etwas anzufangen mit dem Thema, was er vorgeschlagen hatte.
Seine Augen stachen leicht und etwas Ekelhaftes schlängelte sich durch seine Brust. Jeder Zentimeter seiner Haut kribbelte, bei dem Gedanken, wie Kevin auf die Wahrheit reagieren würde.
Der Dunkelhaarige schniefte leicht und es schallte laut in der Stille der Nacht wieder. Basti drehte sich auf die Seite und griff sein Handy. Helles Licht traf ihn und er blinzelte mühsam die Tränen aus seinen Augen. Die Uhr zeigte 00:13 an.
Basti starrte einfach auf seinen Bildschirm, er öffnete alle möglichen Apps, doch nichts konnte ihn ablenken oder seiner Dissoziation helfen. Er schloss jede App nach ein paar Sekunden und öffnete wieder eine andere, das alles für eine Ewigkeit, die nicht mehr als ein paar Sekunden dauern konnte.
Schließlich senkte er seine Hand und starrte wieder in Richtung seines Schreibtisches. Sein Handy erhellte den Raum, so dass man etwas mehr erkennen konnte. Basti wusste nicht, wie lange er hilflos in die Luft starrte.
Schließlich öffnete er verzweifelt seine Chatverläufe. Doch wo normalerweise Kevin oder Heiko oben waren, war diesmal der Verlauf mit seinem Vater. Sofort sank ein Stein in seinem Magen und seine Hand begann zu zittern, an den Rändern seiner Sicht verschwamm die Dunkelheit weiter.
Basti musste nicht einmal den Verlauf öffnen, um zu wissen, was darin stand. Sein Vater hatte schließlich überraschend angerufen, das erste Mal seit Monaten. Seine Stimme klang Basti fern und hätte nicht “Vater” als Kontakt auf seinem Bildschirm gestanden, hätte er ihn nicht wiedererkannt.
Seine Ohren dröhnten und ab und zu klangen Fetzen des Gesprächs durch. Allerdings konnte Basti sich nur an eine Hälfte erinnern, die andere hatte er wie aus einer anderen Perspektive wahrgenommen.
Es fühlte sich an, als ob sein Hals zugeschnürt war und jeder Atemzug stach in seinen Lungen. Als letzten Versuch sprang Basti auf und schob seine Vorhänge beiseite und öffnete das Fenster. Eiskalte Nachtluft traf ihn ins Gesicht.
Er atmete tief ein und aus und das erste Mal seit Stunden fühlte er sich erschöpft. Die Gedanken stoppten und entflohen ihm, wie sein Atem, welcher in Form von weißen Wolken in die Dunkelheit entschwand.
Die Kälte gefror seine heißen Tränen und zähmte das Höllenfeuer in seiner Seele.
So sehr seine Muskeln protestierten und vor Erschöpfung und Quälen schrien, blieb sein Kopf hellwach. Die eisige Nachtluft hatte seine wirren Gedanken gestillt, so sehr sie ihn auch wach hielt.
Seufzend betrachtete er den Restschnee, der immer noch den Großteil der Landschaft bedeckte. Die leeren Bäume waren nur dunkle Silhouetten in der Nacht, vereinzelte leuchteten sanft in der Ferne Lichtpunkte, die Laternen, welche einsam den Weg erhellen sollten. Einen Weg, der leer und wild durch die Natur lief.
Unruhe nagte an seinen Knochen, ungeduldig begann er mit dem Fuß zu tippen. Die Welt auf der anderen Seite seines Fenster schien ihn nur so zu rufen.
Es war eine stille und kalte Nacht. Ruhig, einsam und bedächtig, anders als was auch immer in seinem Kopf stattgefunden hatte. Basti schielte aus dem Fenster nach unten. Er schnaubte leise, wie oft hatte er das schon gemacht?
Es war immer noch keine Option, einfach aus seinem Fenster zu hüpfen, viel zu hoch. Aber das machte die Sehnsucht nach draußen nicht kleiner.
Basti drehte sich mit dem Rücken zum Fenster, im Versuch, dem Drang nach der Nacht zu entkommen und betrachtete stattdessen sein nunmehr erhelltes Zimmer. Automatisch glitt sein Blick zu den Notenblättern von Kevin und eine kleine Idee wurmte sich durch sein Gehirn, wie ein Parasit.
Der Dunkelhaarige schüttelte schnell seinen Kopf und versuchte, sich davon abzulenken. Doch sein Gehirn verriet ihm und brachte ihn wieder in die Realität zurück - Noten, Arbeiten, Projekt, Schule.
Es war halb eins, in fünfeinhalb Stunden musste er aufstehen und wieder eine neue Woche beginnen. Wieder lernen, üben, von einem Klassenzimmer ins nächste, von einer Probe zur anderen und die Zeit lief ihm davon, irgendwas zu machen und zu beenden.
Und das alles für zwei weitere Wochen. Nur um wieder nicht nach Hause zu fahren, nur um wieder alleine auf dem Internat zu sitzen, nur um wieder nur eine herablassende Textnachricht zu bekommen, nur um wieder nicht verstanden zu werden, nur um wieder–
Die Wände waren auf einmal viel zu nah und er fühlte sich in seinem eigenen Zimmer und Körper eingesperrt. Sein Atem raste und die kalte Nachtluft verlor ihren Biss und doch zitterte er.
Sein Blick schoss zu den Notenblättern und wie ein Geist betrachtete er plötzlich seinen Körper von außen.
Basti schloss das Fenster, das Klicken schallte laut in seinen Ohren wieder. Basti glitt aus seinen Schlafsachen in warme, für die Kälte geschaffene Sachen. Die Textur der Kleidung glitt unangenehm über seine Haut. Das Metall des Schlüssel fühlte sich kalt an, sein Handy glitt in seine Jackentasche.
Seine Hand berührte die Klinke seiner Tür und plötzlich glitt alles wieder in den Fokus, bevor er sich anders entscheiden konnte, öffnete er seine Tür und trat in den Gang.
Sein Atem raste immer noch und schien in der Totenstille der Gänge noch lauter wieder zu schallen, aber Basti musste raus hier. Ohne nachzudenken schlich er leise die kalten Steintreppen hinunter, er hatte keine Ahnung, wo die Wachmänner waren.
Bei jedem noch so kleinen Geräusch hielt er inne, doch nichts passierte.
Schließlich kam der Dunkelhaarige vor einer regulären Tür zum Halt.
068
Er holte tief Luft, bevor er klopfte. Nach mehreren Sekunden des Wartens, klopfte er etwas heftiger. Unsicher blickte er die Gänge hinunter, doch weder Schritte und Taschenlampenlichter machten sich bemerkbar.
Basti wollte schon erneut klopfen, als sich die Tür einen Spalt öffnete und ein sehr verschlafener Kevin ihn durch halb-offene Augen betrachtete.
“Was zur Hölle, Basti…” erklang die zerkratzte und schläfrige Stimme des anderen. Basti merkte, wie seine Wangen anfingen zu glühen und etwas in seinem Bauch kribbelte.
“Kannst du mich reinlassen?” fragte Basti leise und keine Sekunde später seufzte der Andere und öffnete seine Tür weiter. Mit einem letzten Blick die Gänge hinunter, verschwand er in Kevins Zimmer.
Der Moment, als er im Zimmer des anderen stand, fiel eine Last von seinen Schultern, von der er nicht wusste, dass sie bis zu diesem Moment existiert hatte. Das erste Mal dieser Nacht beruhigten sich sein Herz und sein Atem.
Das erste Mal seit langem fühlte Basti befreit, wie ein Vogel, der aus seinem Käfig gebrochen war, nachdem er nie etwas anderes als diesen Käfig gekannt hatte. Ein überwältigendes Gefühl der Freiheit, das keine Grenzen kannte – so beängstigend, wie es schön war.
“Was machst du hier gegen…?” begann Kevin zu murmeln und Basti warf ein “Halb eins" ein. Der Blonde drehte sich zu ihm, immer noch dabei, seine Augen zu reiben, aber deutlich wacher als zuvor.
Die beiden versanken in Stille, in der Kevin ihn emotionslos betrachtete. Plötzlich realisierte Basti, dass der andere auf eine Antwort wartete und mit glühenden Wangen sprach er: “Ich will raus hier.”
Stille. Kevin starrte ihn weiter an und Basti konnte förmlich sehen, wie sich die Rädchen in seinem Kopf bewegten. Der Blonde warf mehrere Blicke auf sein Outfit, bevor er sich wieder Bastis Gesicht zuwandte.
“Wait, du willst wegrennen?” fragte Kevin leise und bedrückt, seine Stimme klang hellwach. Der Dunkelhaarige blinzelte für ein paar Sekunden und sein Gesicht zog sich in eine Grimasse.
“Nein, ich meine nur nach draußen…?” Selbst das hörte sich wie eine Frage an. Und vielleicht war es das. Natürlich sind ihm immer wieder Gedanken gekommen, wie schön und befreiend es wäre, einfach vom Erdboden zu verschwinden. Aber er war sich auch sicher, dass er nie den Mut, noch Willen dazu haben wird, und er war okay damit. (An guten Tagen.)
Ein kleines “Ah…” kam von Kevin und er bewegte sich zu seinem Nachtisch, um die kleine schäbige Lampe, die jeder hatte, an zu machen. Das sanfte Licht, obwohl nicht ganz so hell, erinnerte ihn an Weihnachten. An ihre erste richtige Konversation, ein Vorbote ihrer jetzigen Freundschaft.
Das Licht erlaubte Basti, Kevin genauer zu betrachten. Der Blonde hatte komplett verwuschelte Haare, sein Schlafanzug war nur ein zerknittertes weißes T-Shirt und eine kurze, lose Hose. Nichts außergewöhnliches und trotzdem konnte Basti nicht leugnen, dass es seinen Charm hatte.
(Er versuchte zu ignorieren, wie tief seine Standards mittlerweile waren.)
Er schüttelte schnell seinen Kopf und schaute sich lieber im Zimmer um, als sich mit den komischen Gefühlen zu beschäftigen, die auftauchten, wenn er seinen Freund betrachtete.
Er war zwar schon des Öfteren in Kevins Zimmer gewesen, doch scheinbar wurde es jedes Mal unordentlicher. In der einen Ecke lagen immer noch wild Sachen, von denen Basti nicht wusste, ob sie in den 2 Monaten, seit sie sich kannten, überhaupt gewaschen wurde. Der Schreibtisch war überlaufen mit allerlei Krimskrams und doch...
Das war alles typisch Kevin. Basti konnte nicht anders als zu lächeln.
Sein Freund machte sich mit einem lauten Seufzer bemerkbar und setzte sich schwungvoll auf sein Bett. Basti wurde plötzlich bewusst, wie komisch die ganze Situation war. Er stand in Kevins Zimmer um halb eins, komplett angezogen, statt dass er sich einfach alleine nach draußen schlich, zog er Kevin in die ganze Sache mit rein.
Und so sehr er beschämt war, so sehr er es bereute, Kevin geweckt zu haben, beruhigte es ihn. Er wollte gerade nicht alleine sein - er wusste, wie sehr er Sachen überdachte und sich tiefer und tiefer in diese reinsteigern konnte.
“Okay, I guess, ich soll mitkommen?” fragte der Blonde und riss ihn so aus seinen Gedanken. Basti vertraute seiner Stimme nicht und nickte einfach nur hilflos. Kevin ließ einen weiteren Seufzer raus, der in einem Gähner endete, bevor er aufstand und zu dem Kleiderhaufen auf dem Boden neben seinem Schrank lief.
Basti drehte sich weg und trotzdem brannten seine Wangen und etwas Unangenehmes kribbelte in seinem Magen. Er nahm viel zu sehr das rascheln und die gedämpften Geräusche der Kleidung und Kevin war, egal wie sehr er sich einredete, dass er einfach nur viel zu müde und nervös war.
Nach was sich für ihn wie eine Ewigkeit anfühlte, kam Kevin endlich wieder in sein Sichtfeld, diesmal komplett angezogen.
“Wollen wir?” Basti nickte erneut, es fühlte sich an, als ob ein Kloß in seinem Hals steckte. Kevin öffnete das Fenster ohne große Probleme und die beiden hüpften in kompletter Stille hinaus, die kleine Schneeschicht knirschte unter ihren Füßen.
Basti traf ein kalter Schwall an Luft und er atmete tief ein und aus. Die Luft stach in seinem Hals und in seinen Lungen. Er drehte sich zu Kevin, welcher ihn bereits amüsiert betrachtete, das leicht schelmische Grinsen auf seinen Lippen verbesserte Bastis Stimmung, auch wenn er seine Augen rollte.
Der Kloß war noch da, doch er schaffte es trotz dessen, seine Frage in die Nacht zu entlassen: “Warst du schonmal auf dem Dach?”
Kevin blinzelte ihn überrascht an, bevor er quietschend fragte: “WARTE! WARTE! Du kennst nen Weg da hoch? Warum hast du mir nie davon erzählt!” Basti lachte leicht, wofür er einen sanften Schlag von dem Blonden kassierte.
“Hast nie gefragt!” antwortete Basti nun zurück und Kevin schnaubte nur. Doch bevor sein Freund noch weiter reden konnte, griff der Dunkelhaarige seine Hand und zog ihn in Richtung des Aufganges zum Dach.
Auf dem Weg dahin murmelte Basti sanft: “Ich hoffe, du magst es zu klettern…”
“Achso, joa mach ich immer, wah? Um EINS IN DER NACHT klettern. Ich lieb den Nervenkitzel davon.” quengelte der Andere hinter ihm und Basti rollte nur die Augen, bevor er darauf ansprang.
"Ja, man muss ja sehen, wo man bleibt, ne? Ich sag ja immer, ohne Nervenkitzel - das ist kein Leben.” Kevins Lachen schallte über die Landschaft und Basti konnte sich das breite Grinsen nicht mehr unterdrücken. Er warf einen kleinen Blick zurück zu dem anderen, dessen komplettes Gesicht sich freudig zusammenzog und die roten Wangen, von der Kälte, ließen Kevin unglaublich süß aussehen.
Basti stolperte über seine eigenen Füße und fiel beinahe auf sein Gesicht. Hitze schoss in seine Wangen und er blickte stur wieder nach vorne, in der Hoffnung, dass seine zweite Hälfte nicht mitbekommen hatte, was passiert war, doch dieser Segen war ihm nicht gewährt.
Kevin lachte härter und schaffte es dazwischen ein “Bist du gerade über die Luft gestolpert?” hervor zu quetschen, Basti ignorierte ihn, doch die Hitze in seinen Nacken, Ohren und Wangen wurde nicht weniger.
Zu seiner Erleichterung war der Aufgang schon in Sichtweite, also legte er einen Gang zu und zog einen immer noch lachenden Kevin hinter sich her.
“Okay, wir müssen die Wand da hoch und dann zu dem kleinen Vordach balancieren…” Erklärte Basti und blieb direkt vor der rauen Steinwand stehen. Er warf einen Blick zu Kevin, welcher die Wand mit einem Ausdruck von Zweifel betrachtete.
“Da hoch? Und wie?” Nun war Basti an der Reihe, verzweifelt, reinzuschauen.
“Durch Klettern?” fragte der Dunkelhaarige, bevor er sich entschied, es dem Blonden einfach vorzumachen. Ohne zu zögern, griff er einen der hervorstehenden Steine und begann die Mauer hochzuklettern. Kurz vor Ende hievte er sich nach oben und mit geübter Präzision schwang er sein Bein über die Mauer, so dass er auf ihr saß und blickte nach unten zu Kevin.
Der Blonde starrte ihn mit weit offenem Mund und Sternen in den Augen an. Das Kribbeln in seinem Bauch und seiner Brust war wieder zurück und der Blick des Anderen brachte seine Haut zum Brennen.
Der Dunkelhaarige räusperte sich, bevor er sprach: “Mund zu, sonst kommen Fliegen rein.” Das schien den Blonden endlich aus seiner Starre zu lösen, denn er streckte Basti kindisch die Zunge entgegen.
Der Dunkelhaarige kicherte leicht und wandte sich wieder einem unbeholfenen Kevin zu, welcher die Wand in einem Schneckentempo erklimmt. Auf den letzten Metern erbarmte sich Basti und half dem anderen nach oben.
“Das ist definitiv nicht eines deiner Talente.” durchbrach Basti die Stille und Kevin warf ihm keuchend einen genervten Blick zu bevor, er antwortete: “Shut the fuck up, du bist die Person die gegen um eins nochmal rauswollte.”
Dagegen hatte Basti nicht wirklich was zu sagen, aber nie im Leben würde er dass zu geben, also richtete er sich langsam auf und begann die wenigen Meter zum Vordach zu balancieren.
“WAS ZUR HÖLLE!? HALLO?” Schrie der Blonde hinter ihm, doch Basti ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und konzentrierte sich weiter auf seine Schritte.
“Hier entlang Kevin!” Säuselte er zurück. Er konnte hinter sich eine Fülle an Flüchen und Beleidigungen hören, die ihm leicht zum Lächeln brachten. Sobald er das Dach erreichte, zog er sich daran hoch und setzte sich darauf, Blick zu dem Blonden gerichtet, welcher auf allen vieren die Wand entlang robbte.
Basti fing an zu lachen: “Was machst du da!”
“FRESSE DU WICHSER! ICH HÄTTE EINFACH WEITER SCHLAFEN SOLLEN, WIRKLICH AUF SO EINEN SCHEIß, KANNST AUCH NUR DU KOMMEN!”
Basti lachte lauter und streckte Kevin eine helfende Hand aus, welcher sie murrend griff. Keine Sekunde später war der Blonde ebenfalls auf dem Vordach und Basti lief in Richtung der Eisenleiter, als hinter ihm ein Quengeln ertönte: “Noch weiter?”
“Jetzt hab dich nicht so, noch ein kleines Stück.” Ein Stöhnen ertönte unter ihm und Basti lachte leise.
♬♪♫
“So weswegen wolltest du raus, auf einem Montag no less.” Basti seufzte und warf seinen Kopf in den Nacken, um die Sterne über ihnen zu betrachten. Er hatte die Frage natürlich erwartet, es war begründet, trotzdem hieß das nicht, dass er eine Antwort bereit hatte.
Basti wollte weder von dem Projekt erzählen, noch von seinem Vater, noch von einem der anderen Sachen - er wollte diese Nacht mit Kevin genießen und nicht schon wieder seinen Problemen erliegen.
Er zog seine Beine an die Brust um die an ihm beißende Kälte zu ignorieren.
“Erzähl was.” Sprach er ohne Kevin dabei anzusehen, er hoffte einfach, dass der andere den Hinweis verstehen würde. Ein Seufzer erklang neben ihm und Stille kehrte zwischen die beiden.
Basti biss sich auf die Lippe und etwas Ekliges machte sich in seiner Brust breit. Scheinbar gewährte ihm Kevin heute nicht die Freiheit von Eskapismus. Basti öffnete langsam seinen Mund, doch nichts kam hervor.
Während der Dunkelhaarige mit sich kämpfte dem Blonden von seinen Problemen zu erzählen, sprach Kevin plötzlich: “Ich hab letztens so ne Gruppe von Neulingen gesehen, alle unterschiedliche Instrumente und komplett grün hinter den Ohren und–”
Basti lächelte und seine Muskeln entspannten sich. Er genoss die Nacht und Kevins fluktuierende Stimme, während er ihm alles Mögliche erzählte. Die Sterne über ihm strahlten weiter und die Kälte biss an seinen Knochen, doch der Dunkelhaarige wäre nirgendwo lieber gewesen.
Nach einer Ewigkeit, in der Kevin ihm von Leuten und Gerüchten erzählte, von denen Basti noch nie gehört hatte, ging der Monolog zu Ende und die beiden stürzten wieder in eine Stille.
Basti rieb sich müde die Augen und das Gähnen des Anderen verriet ihm, dass diese kleine Detour sie beide schläfrig gemacht hatte.
Der Dunkelhaarige öffnete seinen Mund um zu fragen, ob sie wieder zurück gehen sollten, doch ein Blick zu Kevin, welcher komplett entspannt den Wald müde betrachtete, änderte Bastis Meinung.
Er betrachtete weiter seinen Freund. Kevins blinzelte müde durch seine halboffenen Augen und Basti fühlte sich schrecklich, dafür dass er den Blonden erstens aufgeweckt hatte und dann noch zum Reden gezwungen hatte.
Und wofür?
Dafür, dass er seinen Problemen noch ein letztes Mal davonlaufen konnte?
Kevin gähnte erneut und schaute plötzlich zu Basti. Ihre Blicke fingen einander auf und der Blonde warf ihm ein kleines süßes Lächeln zu, welches Basti versuchte zu erwidern. Aber Schuldgefühle klebten noch an ihm und so öffnete er seinen Mund und murmelte die nächsten Worte in die kalte Nachtluft.
“Mein Vater hat mich heute angerufen, um über meine Zensuren und meinen Weiterweg zu reden.” Kevin setzte sich etwas mehr auf und Basti wandte seinen Blick wieder zu den Sternen.
“Er ist der Meinung, ich solle BWL studieren in der nächsten Großstadt. Er würde mir auch Wohnung und Studium finanzieren…Ich war kein Fan davon.”
Stille kehrte zwischen die beiden und Bastis Haut begann zu kribbeln.
Das war nicht alles, was passiert war, bei weitem nicht, aber Basti wusste nicht, ob er wirklich darüber erzählen konnte, wie sein Vater ihn hasste und lieber nicht sehen wollte. Wie sein Vater lieber seinen Job machte, anstatt mit ihm Weihnachten zu feiern. Wie selbst wenn er perfekte Noten hatte, er nicht mehr als ein Nicken bekam - es war schließlich zu erwarten, etwas anderes war keine Option für seinen Vater.
“Er war ebenfalls nicht zufrieden mit meinen Noten, zu viele Zweien…" Basti wusste nicht, warum er weiter erzählte, aber es hatte etwas kathartisches an sich.
Der Dunkelhaarige traute sich endlich zu dem Blonden zu blicken, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete. Nicht beurteilend, sondern offen.
“Er ist der Meinung, alles andere außer perfekter Noten ist…” Basti machte eine Handbewegung und Kevin nickte. Die beiden fielen wieder in Stille und Basti biss sich auf die Lippe. Er wollte mehr erzählen, aber gleichzeitig auch nicht. Ein Stein war bereits von seinem Herzen gefallen und er fühlte sich leichter, aber das Projekt saß wie ein Geist, der ihn heimsuchte, neben ihm.
Bevor Basti noch weiter in seinen Gedanken verschwinden konnte, rückte Kevin plötzlich näher und griff seine Hände.
Der Dunkelhaarige blinzelte langsam. Die beiden saßen nur wenige Zentimeter auseinander, Bastis Hände in Kevins, während der Blonde ihn mit einer entschlossenem Gesichtsausdruck betrachtete.
Ein Cocktail an Emotionen und Gedanken fluteten ihn.
Bastis Wangen brannten und er war sich sicher, dass er den Atem des anderen spüren konnte. Seine Hände kribbeln dort, wo sie auf Kevins trafen, und sein Herz schlug so schnell und laut, dass sich Basti nicht sicher war, wie Kevin es nicht hörte.
Die beiden waren sich verdammt nah, was an sich nichts ungewöhnliches war, allerdings schien die Luft heute anders zu sein - Basti konnte allerdings nicht wirklich sagen was.
Seine Ohren dröhnten und sein Herz schlug bis in seinen Hals. Die ganze Welt um sie herum schien ihren Fokus zu verlieren.
Sein Blick schoss zu Kevins Mund, welcher sich leicht bewegte und Gott, seit wann sahen Kevins Lippen so-
“-checkst du?” Basti blinzelte sich wieder in die Realität zurück, sein Blick schoss wieder zu Kevins Augen, die ihn fragend betrachteten. Der Dunkelhaarige schluckte, er hatte keine Ahnung wovon Kevin geredet hatte, aber er nickte trotz dessen.
Sein Gehirn war immer noch teilweise in dem Moment davor mit Kevins Lippen gefangen. Es half auch nicht gerade, dass Kevin sich weiter nach vorne lehnte.
“Gut! You know, dass ich immer da sein kann, wenn du dich scheiße fühlst, egal ob du mich störst.” Sprach der Blonde enthusiastisch und Basti atmete zitternd aus. Er konnte sich nicht einmal zu einem Lächeln zwingen.
Kevin gab ihm Space, unterstützte ihn, ließ sich ein Thema einer Partnerarbeit vorschreiben, änderte seinen Stil um mit Basti besser zu kooperieren und ließ sich gegen um eins mit aufs Dach ziehen. Und was machte Basti für ihn?
Richtig ihn anlügen, über das Projekt. Ein gemeinsames Projekt, wo Kevin genau so viel zu verlieren hatte wie er.
Basti entwirrte ihre ineinander verschlungenen Hände und atmete tief ein. Kevin verdiente seine Ehrlichkeit.
“Ich stecke fest in unserem gemeinsamen Projekt…Ich hab eine Grundidee aber…” Basti stoppte, er blickte weg von dem Blonden, er hatte Angst zu sehen, wie der andere reagieren würde.
“Wait, so während du gelernt hast, arbeitest du an deinem Teil?” Fragte Kevin und Basti konnte die Stimmlage, die der andere hatte, nicht zu ordnen. Als Antwort nickte er und betete zu wem auch immer, dass Kevin nicht allzu sauer war.
"Ah, brauchst du Hilfe? Das ist komplett fine…” Basti schielte zu Kevin, der ihn mit einem fragenden Blick betrachtete.
“Du bist nicht sauer?” rutschte es dem Dunkelhaarigen raus und sofort brannten seine Wangen und er blickte stur zu den Bäumen. Er war viel zu müde für so ein Gespräch, er hatte jeglichen Filter verloren.
“Was? Nein, warum sollte ich?”
Basti Kopf schoss zu Kevin, der ihn besorgt betrachtete.
Stotternden brachte der Dunkelhaarige seine Antwort hervor: “Wegen, der-...Deadline.” Die beiden starrten sich für ein paar Sekunden an und je länger die Stille anhielt, desto nervöser wurde Basti. Sein Herz rutschte immer mehr in seinen Magen und seine Hände zitterten leicht.
Plötzlich fing Kevin an zu lachen: “Basti, ich hab Sachen einen Tag vor Abgabe beendet! Die Deadline ist immer noch knapp eine Woche entfernt!” Bastis Wangen wurden rot und er brachte ein stotterndes “Aber-!” hervor, doch Kevin umarmte ihn plötzlich.
Bastis Atem blieb stehen und sein Herz raste. Das Blut dröhnte nur so in seinen Ohren, während Kevin sich enger an ihn drückte. Basti kompletter Körper schauderte und etwas flatterte in seinem Bauch und seiner Brust.
“Nichts, aber! Ich helf dir und dann ham wir nen super Projekt, klar?” Sprach der Blonde lachend unter seinem Atem. Basti nickte und sein Kopf realisierte endlich den Fakt, dass Kevin ihn umarmte.
Seine Sicht verschwamm leicht an den Rändern und eine Erleichterung und Freude machte sich in ihm breit. Kevin war weder wütend noch enttäuscht. Gott, Basti fühlte sich, wie ein Idiot, dass gedacht zu haben.
Der Dunkelhaarige blinzelte langsam die Tränen aus seinen Augen. Der leichte Druck von Kevin gegen seine Brust ankerte ihn, bevor er vor Erleichterung wegflog.
"Gott, du bist so ein Nerd.” Murmelte Kevin gedämpft in seine Schulter und Basti riss sich endlich aus seiner Starre und legte seine Arme ebenfalls um Kevin. Er ließ seinen Kopf auf den des anderen sinken und schloss die Augen.
Wie er die Wärme des anderen vermisst hatte.
Er konnte für immer so bleiben.
Und das erste Mal erfüllte das Universum seinen Wunsch.
♬♪♫
Kevin hätte einschlafen können, so gut fühlte er sich. Die Wärme von Basti taute seine steifen Muskeln und Knochen auf und gab ihm das Gefühl zu schweben.
Ein kleiner, fast unmerklicher Duft von Kiefern drang in seine Nase. Ein Duft, den er gelernt hatte, mit dem Dunkelhaarigen zu assoziieren. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie so zusammen saßen, aber er wünschte, es würde niemals aufhören.
Allerdings widersprachen seine Knie und der Rest seines Körpers. Er war müde, erschöpft, bei Minusgraden auf einem Dach, mitten in der Nacht. Seufzend und zu seinem eigenen Leid entzog sich Kevin der Umarmung und rieb sich mühsam die Augen, bevor er gähnte.
Die beiden saßen sich immer noch nah gegenüber und Kevin versuchte dringend, diesen Fakt zu ignorieren.
Basti zog belustigt seine Augenbrauen nach oben.
Kevin kicherte leicht, bevor er wieder zu Basti blickte, dieser betrachtete ihn bereits ebenfalls mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. Der Blonde starrte weiter in die blauen Augen von Basti. Das Blau schien in der Dunkelheit heller zu glitzern und zu strahlend, ein totaler Kontrast zu den leblosen Augen, als Basti vor seiner Tür stand.
Kevins Blick huschte über Bastis Gesicht.
Wie oft hatte Kevin Basti schon angestarrt und jedes noch so kleine Detail in seiner Seele eingebrannt. Von den markanten und scharfen Linien, die einen Kontrast zu seiner recht sanften Persönlichkeit bildeten. Zu der hohen und spitzen Nase und der hellen Haut. Jedes Detail, egal wie oft er sah, faszinierte ihn.
Kevins Blick stoppte bei den Lippen des anderen. Der Dunkelhaarige hatte bogenförmige, pfirsichfarbene Lippen, welche weich aussahen, was Kevin wenig überraschte, er hatte gesehen, wie gerne der andere Lippenbalsam verwendete. Sein Bauch kribbelte leicht.
Alles in ihm wollte wissen, ob Bastis Lippen wirklich so weich waren, wie sie aussahen…
Kevin schluckte, bevor er seinen Blick wieder nach oben gleiten ließ. Ihre Blicke kreuzten sich und Kevin konnte schwören, dass die Luft um sie statisch war. Wie in Zeitlupe lehnte sich Basti nach vorne und Kevins Herz setzte mehrere Schläge lang aus.
Keine Sekunde später trafen sich ihre Lippen. Kevin erstarrte, sein Herz fühlte sich so an, als ob es aus seiner Brust sprang und etwas heißes flatterte in seinem Magen. Seine Gedanken rasten und standen still gleichzeitig.
Basti küsste ihn.
Sein ehemaliger Rivale, jetzt Freund, küsste ihn.
Der Kuss hielt keine Sekunde, bevor sich Basti mit knallroten Wangen und verängstigten Blick zurücklehnte. Panisch öffnete der andere seinen Mund und brachte beunruhigt ein “Sorry! Ich dachte–...Ich meine–” hervor.
Und endlich - endlich löste sich Kevin aus seiner Starre und griff den Jackenkragen des anderen und zog an sich. Ihre Nasen stießen ungeschickt aneinander, aber Kevin war das vollkommen egal.
Sofort erwiderte der Dunkelhaarige den Kuss und Kevin hätte explodieren können. Sein kompletter Körper kribbelte und ein Brennen breitete sich in seinem Magen aus. Bastis Hände schlossen sich um seine Taille und Kevin presste sich enger an den Dunkelhaarigen. Die Wärme des anderen flutete ihn.
Im Hinterkopf nahm er war, dass Bastis Lippen tatsächlich so weich waren, wie er gedacht hatte.
Keuchend stoppten sie, ihre Gesichter immer noch Zentimeter voneinander entfernt. Bastis Wangen waren mit einem zarten Rosa überzogen und seine Pupillen waren weit aufgerissen. Und Gott, konnte sich Kevin an diesen Anblick gewöhnen.
Jeder Versuch eines längeren Gedankens starb und alles, woran der Blonde denken konnte, war, dass er am liebsten mit Basti verschmelzen würde.
“Holy shit…” murmelte Kevin leise und Basti gab unter seinem Atem ein kleines “Ja” von sich. Der Atem des anderen glitt zart über seine Lippen. Die beiden starrten sich für eine Sekunde in die Augen, bevor beide anfingen zu lachen.
Ihre Stimmen schallten laut in die Stille der Landschaft.
Immer noch leicht kichernd zog Kevin den Dunkelhaarigen in einen erneuten Kuss.
♬*✧˖°✮♩
Basti überflog die Karteikarten erneut, auch wenn er sich bei allem Willen nicht wirklich auf die Wörter konzentrieren konnte. Sein Herz schlug wild in seiner Brust und der Violinenkoffer lastete schwer auf seinem Schoß.
Der Dunkelhaarige atmete noch einmal tief ein und aus und versuchte seine Nerven zu beruhigen. Normalerweise war er nie so aufgeregt.
Sein Blick schoss zu der Tür auf seiner rechten Seite. Diese war immer noch zu, doch dahinter erwartete sie Herr Nori. Basti schloss die Augen, als plötzlich jemand gegen seine linke Schulter tippte.
Basti öffnete seine Augen und drehte sich zu Kevin, der sich nach vorne gelehnt hatte und wild mit seinen Beinen hin und her schaukelte.
Der Blonde warf ihm ein Grinsen zu, doch Basti konnte an dem kleinen Zucken der Mundwinkel erkennen, dass Kevin ebenfalls nervös war. Bei dem Gedanken, dass er mittlerweile den Blonden ohne Probleme lesen konnte, wurde ihm warm und er konnte fühlen, wie seine Wangen rot wurden.
Der Dunkelhaarige erwiderte das Lächeln, auch wenn es mehr ein Kampf war. Basti wollte sich schon wieder wegdrehen, als Kevin ihn erneut anstubste. Basti zog die Augenbrauen hoch und Kevin begann breiter zu grinsen.
“Sobald das vorbei ist, ham wir aber unser Date?” sprach der Blonde heiter und Basti schüttelte lächelnd den Kopf, bevor er antwortete: “Ja, es sei denn du blamierst uns, dann mach ich mit dir Schluss.”
Kevin lehnte sich entgeistert näher an ihn, bevor er mit Quengeln begann: "Wir sind seit einer Woche zusammen, du kannst dich nicht schon jetzt von mir trennen!”
Basti rollte die Augen und schnaubte. Belustigt sprach er: “Well, dann perform.” Kevin stieß ihn mit seiner Schulter an und steckte ihm die Zunge raus, bevor er murrte: “Tu ich immer!”
Basti zog die Augenbrauen hoch, einfach nur weil er wusste, wie sehr Kevin das nerven würde. Wie ein Uhrwerk warf ihm der Blonde einen gereizten Blick zu, bevor er sprach: “Ach halt doch deine Fresse…”
Der Dunkelhaarige kicherte und entschied sich, seinem Freund das Leben nicht noch schwerer zu machen. Seufzend drückte er dem Blonden einen schnellen kleinen Kuss auf die Wange. Seine Wangen brannten leicht und ein angenehmes Kribbeln breitete sich in seinem Magen aus.
Kevin blinzelte ihn ebenfalls mit leicht rosanen Wangen an, doch bevor er etwas sagen und machen konnte, öffnete sich die Tür hinter Basti. Der Dunkelhaarige drehte sich blitzschnell um und Herr Noris Blick kreuzte sich mit ihren.
“Perfekt, kommen Sie rein.”
♬♪♫
Der Moment, als sich die Tür hinter ihnen schloss, fiel die komplette Last von Basti Schultern und Erleichterung und Freude fluteten sein System.
Die ganze Präsentation ihres Stückes ist wie geschmiert gelaufen, keine Probleme, keine Sätze vergessen, keine Verspieler - alles war perfekt. Und Basti hätte nicht glücklicher sein können.
“So…?” fragte Kevin summend. Basti schielte zu dem Blonden, der ihn amüsiert anschaute. Der Dunkelhaarige seufzte, konnte das Lächeln allerdings nicht unterdrücken. Leise sprach er: “Ja, Kevin, wir können raus.”
“Lets Go!”
