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Erschöpft ließ Leo sich auf den schwarzen Bürostuhl fallen, ehe er sich müde mit der flachen Hand übers Gesicht fuhr.
Die letzten Wochen waren verdammt hart gewesen. Der letzte Fall hatte sie stark an ihre Grenzen geführt und Leo war mehr als erleichtert gewesen, als sie diesen endlich zu den Akten legen konnten.
Er hatte sein Team nach Hause geschickt, während er noch im Präsidium geblieben war. Bürokram. Wie er Adam erklärt hatte, der als Letztes das Großraumbüro verlassen hatte.
Eine einfachere Erklärung, als ihm zu offenbaren, dass er es schon eine ganze Weile nicht mehr allein in seiner Wohnung aushielt. Dort, wo seine grausamen Gedanken ihn immer tiefer in den dunklen Abgrund seiner selbst zogen.
Er hatte gesagt, dass alles okay sei. Doch das war es nicht. Stattdessen versuchte er alles zu verdrängen. Adams Verhaftung, die Sache mit seinem Vater und all das Unausgesprochene zwischen ihnen.
Mit der Rückkehr Adams hatte dieser nicht nur die schrecklichen Bilder ihrer Vergangenheit zurückgebracht. Es waren auch diese Gefühle, die er all die Jahre tief in seinem Innern verschlossen hatte. Leo war der Meinung gewesen, Adam würde nie wieder ein Teil seines Lebens sein. Wie auch? So plötzlich wie dieser, ohne eine Vorwarnung einfach verschwunden war. Er wollte nicht gefunden werden und Leo hatte es notgedrungen akzeptiert. Akzeptieren müssen. Auch wenn er insgeheim beinahe daran zerbrochen war, hatte er in all der Zeit niemals nach ihm gesucht.
Leo hatte es bisher nicht übers Herz gebracht, darüber zu sprechen. Vielleicht aus Angst, Adam würde danach wieder verschwinden oder der unsichtbare Graben zwischen ihnen würde noch tiefer werden.
Unmerklich schüttelte er den Kopf, während er sich dem Papierhaufen auf seinem Schreibtisch zuwandte. Er war im Büro geblieben, um all diesen Erinnerungen zu entfliehen. Nun jedoch hatte er sich beinahe noch tiefer in den dunklen Sumpf seiner Gedanken hineinmanövriert.
So sehr er sich auch auf etwas anderes konzentrieren wollte, so sehr schienen ihn seine Gedanken zurück zu dieser ganz bestimmten Person zu führen.
Adam. Adam. Adam.
Sein Kopf explodierte beinahe.
Mit einem Seufzen massierte sich die Schläfen. Die leichten Kopfschmerzen, waren mit der Zeit immer unerträglicher geworden.
“Sieht aus, als hätten wir eine längere Nacht vor uns” Erschrocken zuckte Leo zusammen, als die altbekannte Stimme an sein Ohr drang. Jene Stimme, die er eigentlich in diesem Moment so vehement verdrängen wollte.
Augenblicklich zog sich alles in ihm zusammen. Er wagte es nicht aufzusehen und ballte seine Hände unmerklich zu Fäusten. Zu sehr fürchtete Leo sich vor den Auswirkungen, wenn seine Augen Adams trafen. Manchmal wünschte sich Leo, der Blondhaarige würde es begreifen. Die Sehnsucht in seinem Blick erkennen. Die tiefen Gefühle, die jeden Tag unter seiner Oberfläche brodelten und nur darauf zu warteten schienen, endlich aus ihm herauszubrechen.
Es sollte anders sein. Zwischen ihnen. Schon so lange versuchte er sich einzureden, dass da nichts war. Es war so heuchlerisch von ihm. Wo er ihn in all den Jahre so sehr vermisst hatte und das auf eine Art, die weit über Freundschaft hinausging. Adam war all das, was er brauchte, zum Atmen, zum Leben. Früher hatte es gereicht nur bei ihm zu sein. Zeit mit ihm zu verbringen. Jetzt jedoch, wo sie älter waren, wo so viele Ängste in ihm steckten, wusste Leo, dass diese Art von Beziehung zwischen ihnen nicht reichte. Ihm niemals reichen würde.
Leo wusste, dass er dieses Geheimnis nicht mehr allzu lange vor seinem Freund verbergen konnte.
„Dachte, du wolltest nach Hause gehen“
„Und ich dachte, du bräuchtest vielleicht Unterstützung“ Als Adam die Tasse voller Kaffee vor ihm auf den Tisch stellte, sah Leo zum ersten Mal auf.
Nun stand er vor ihm, der Mittelpunkt seiner Welt.
Da waren sie also, diese blauen Augen, die besorgt zu ihm heruntersahen. Er hatte immer schon das Gefühl gehabt, Adam konnte ihn so leicht durchschauen. So tief in seine Seele blicken und doch schien sein Freund für das wesentliche so dermaßen Blind zu sein.
Leos Herz hämmerte unaufhörlich. Sein Kopf fühlte sich so leer an, während er unentwegt in diese wunderschönen Augen starrte. Er spürte, wie sich der Schweiß auf seiner Stirn sammelte, wobei er so sehr versuchte, wenigstens einen klaren Gedanken zu fassen. Er konnte nicht mehr. Der wenige Schlaf der letzten Wochen, dieser seltsame Fall und dann...Adam war tatsächlich der Letzte, welchen er in diesem Zustand wirklich sehen wollte.
“Danke für den Kaffee” War Leos einziger vernünftiger Einwand, den er zu diesem Zeitpunkt zustande bringen konnte. Es war klar, dass er den Blondhaarigen nicht ewig schweigend anstarren konnte. Kraftlos fuhr er sich durch sein braunes Haar, ehe er zu der Tasse griff und einen großen Schluck davon nahm.
Er musste sich wirklich zusammenreißen.
Schweigend setzte sich der junge Mann ihm gegenüber. Für einen kurzen Moment spielte Leo mit dem Gedanken Adam einfach loszuwerden, doch dieser machte deutlich, dass er sich nicht allzu leicht abwimmeln lassen würde.
“Du brauchst nicht hierbleiben. Ich schaff das auch allein, die letzten Wochen waren doch schwer genug...” Versuchte er es dennoch, wobei er es vermied seinem Gegenüber in die Augen zu sehen. Die Dokumente auf seinem Tisch waren einfach wesentlich interessanter.
“Für dich waren sie doch genauso anstrengend oder nicht? Du siehst müde aus und...” Er stockte kurz, während Leo merkte, wie die Hitze in ihm aufstieg. Er hatte immer schon versucht sein Innerstes vor allen zu verbergen. Nun jedoch schien er viel zu müde, als das er seine Fassade tatsächlich aufrecht halten konnte ”Leo was genau ist los mit dir?” Ruckartig erhob Leo sich vom Stuhl und begann ziellos auf und abzugehen.
Also war es ihm doch aufgefallen. Das irgendwas nicht mit ihm stimmte und Adam war klug genug, um ihm genau dann zu fragen, wenn er am verletzlichsten war. Zu kaputt, um zu denken, zu unkonzentriert, um die richtigen Worte zu finden.
“Es ist alles okay” Murmelte Leo, doch selbst er merkte, wie falsch das klang. Zumal er sich in dem großen Büro fast schon hysterisch auf und ab bewegte. Nichts war okay. Es war niemals irgendwas okay gewesen, weil es immer diese riesige Sache zwischen ihnen gab, die Leo niemals aussprechen konnte.
Jetzt war es sogar noch schlimmer. Jetzt war Adam sein Kollege, zu allem Überfluss stand er selbst als Teamleiter sogar über ihm.
“Leo...”
“Warum genau bist du zurückgekommen!?” Leo blieb stehen. Er presste die Lippen zusammen, spürte, wie seine Muskeln sich anspannten. Sein Puls raste, während er Adam nun geradewegs anstarrte. All die aufgestaute Wut und Frustration schienen in jenem Moment mit solch eine Heftigkeit aus ihm herausbrechen zu wollen.
Warum genau bist du zurückgekommen?
Es war jene Frage, die er sich schon seit Wochen stellte. Seit dem Tag, an dem er Adam im Büro getroffen hatte. Als dieser sich urplötzlich als sein neuer Kollege entpuppt hatte. Ohne jeden Hinweis, war er zurück in sein Leben getreten. War ohne Rücksicht auf irgendwelche Konsequenzen einfach zurückgekommen. Als wäre ihm alles egal. Als wäre er ihm egal.
War er ihm wirklich so unwichtig?
Natürlich übertrieb er, was nur seinem derzeitigen Gemütszustand geschuldet war.
Adam seufzte, auch er wirkte nun unsagbar erschöpft. Leo erkannte die tiefen Augenringe, als hätte auch er die letzten Nächte kaum ein Auge zu getan. Auch Adam war gefangen in seiner eigenen Dunkelheit und Leo wusste nur zu gut, dass sein Schlafmangel nicht nur dem Fall zuzuschreiben war.
“Adam du warst fünfzehn Jahre weg...” Natürlich führten sie diese Unterhaltung nicht zum ersten Mal. An seinem ersten Tag hatte Leo ihm ebenfalls diesen Vorwurf gemacht und wie auch jetzt hatte er damals nicht wirklich viel von seinem Freund zurückbekommen. Diesmal jedoch würde er ihn nicht so leicht vom Hacken lassen ”Wärst du jemals zurückgekommen, wenn mein Kollege damals nicht diesen Tauschgesuch gestellt hätte? Wärst du jemals wieder nach Saarbrücken gekommen?” Stieß der Braunhaarige keuchend hervor. Die Stille, welche nun zwischen ihnen eintrat, war kaum auszuhalten. Leos Herz pochte so wild, seine Atmung ging unregelmäßig, während sich die Unsicherheit langsam in ihm breit machte.
Adam blieb ruhig. Sagte kein Worte und die Stille um sie brachte ihn beinahe um den Verstand.
War er zu weit gegangen?
Nun erkannte er etwas in den Augen seines Freundes, was ihm zuvor entgangen war. Adam umgab eine unfassbare Traurigkeit, die so schwer auf ihm lag, dass seine Schultern kraftlos in sich zusammensackten.
“Weißt du das wirklich nicht?” Er sah Leo nicht an, als diese Worte seine Lippen verließen, und Leo hatte Mühe, ihn überhaupt zu verstehen.
Wie konnte er irgendetwas von ihm wissen, wo er doch stets und ständig solch ein Geheimnis um ihn selbst machte. Leo war es leid, sich Adam gegenüber alles erkämpfen zu müssen, auch wenn dieser durchaus jemand war, für den es sich zu kämpfen lohnte. Nun jedoch, an diesem Abend, war er bereit dazu einfach aufzugeben. Er hatte nicht die Kraft für eine weitere Diskussion, eine weitere indirekte Zurückweisung.
Nachdem eine weitere Ewigkeit verstrichen war, hielt es Leo schlussendlich nicht mehr aus. Mit einem energischen Kopfschütteln griff er wütend nach seiner Jacke, welche fein säuberlich über seiner Lehne hing, und trat den Weg zum Ausgang an.
Er hatte genug. Er hatte wirklich genug.
Dann knallte es. Blitzschnell drehte Leo sich um. Mit angespanntem Kiefer und hartem Blick war Adam von seinem Stuhl aufgesprungen, welcher augenblicklich zu Boden gefallen war.
Da war sie wieder. Die unerschütterliche Miene des Adam Schürks. Genau die Mine, die so viel aussagte und doch wieder nichts. Leo hatte in den letzten Wochen schon so oft versucht hinter die steinernen Mauern dieses Mannes zu blicken. Vergebens, auch wenn sie sich von allen doch am nächsten standen. Sie wussten so viel voneinander und doch hatte Leo stets das Gefühl Adam überhaupt nicht zu kennen.
“Was Adam mh!? Was soll ich schon wissen?” Aufgebracht warf er die Arme nach oben “Ich bin wirklich so unfassbar müde. Du machst es mir immer so schwer dich zu begreifen. Wer bist du eigentlich? Was für ein Mensch bist du nach all diesen Jahren geworden” Mit jedem Wort, das er sprach, war er seinem Gegenüber immer nähergekommen, so nah, dass er nun direkt vor ihm stand.
Von der plötzlichen Nähe überrascht kam Leo ins Stocken. Augenblicklich stieg ihm Adams unverkennbarer Duft in die Nase, der sich seit damals kaum verändert hatte. Ein leichter Hauch von nassem Gras und traurigen Erinnerungen. Leo unterdrückte den Drang seine Augen zu schließen, ebenso wie einen Schritt vor ihm zurückzuweichen.
Der Blondhaarige hingegen rührte sich keinen Zentimeter, als würde ihn seine Nähe nicht vollkommen aus der Bahn werfen. Als wäre Leo für ihn nur einer von vielen.
Es war nicht fair ihn so anzufahren. Leo war nicht einmal wirklich wütend auf seinen Freund, sondern auf sich selbst, weil er so verdammt feige war. Weil er es in all der Zeit nicht geschafft hatte das zu sagen, was er eigentlich so gerne zu ihm sagen wollte. Sicherlich wusste Adam nicht was soeben in ihm los war, welches Chaos seine Gefühle in ihm auslöste. Was seine Präsenz in ihm auslöste.
“Ich wäre zurückgekommen” Wieder ein Flüstern und Leo spürte Adams warmen Atem auf seiner Haut, der augenblicklich eine prickelnde Gänsehaut in ihm auslöste.
“Du machst es mir verdammt schwer, das zu glauben” Folgte diesmal ein Flüstern von ihm. Leo trat einen Schritt zurück. Er durfte sich nicht zu sehr von der Situation mitreißen lassen. Sich nicht zu sehr in den Moment verlieren, auch wenn er sich nach nichts weiter als der Nähe dieses Mannes sehnte.
Als er sich jedoch noch ein paar Schritte von dem Größeren entfernen wollte, schoss Adams Hand nach oben und packte nach seinem Handgelenk.
Überrascht riss Leo die Augen auf. Es war kein fester Griff. Leo brauchte seinen Arm nur zurückziehen, und doch rührte er sich keinen Zentimeter. Genoss stattdessen die kleinen Blitzschläge, die dort eintraten, wo der Größere seine Haut berührte.
Es war nicht das erste Mal, dass Adam die Hand auf ihn legte, und Leo hatte schnell gelernt, wie er damit umzugehen hatte. Erstickte jegliche Gefühle, die dadurch aufkamen, sofort im Keim. In diesem Augenblick jedoch, vollkommen übermüdet, fiel es ihm weitaus schwerer als sonst.
Es war so einfach. Er brauchte sich nur vorzulehnen und seine Lippen würden Adams streifen. Leo hatte es sich so oft ausgemalt, vor allem in den letzten Tagen hatte sich dieser Gedanke so tief in seinem Inneren eingenistet.
Er hätte einfach gehen sollen. Leo hätte einfach seine Jacke nehmen und ohne zurückzublicken diesen verdammten Raum verlassen sollen. Jetzt allerdings stand er hier, vollkommen hilflos, schweigend auf die Hand starrend, die keine Anstalten machte, die seine wieder loszulassen.
“Ich wäre zurückgekommen” Hörte er Adams dumpfe Stimme in seinem Ohr. Wesentlich eindringlicher als zuvor, als wäre es ihm so wichtig, dass Leo ihm glaubte “Leo, ich habe schon eine ganze Weile mit dem Gedanken gespielt, wieder hierherzukommen. Das mit deinem Kollegen hat einfach gepasst” Und als würden diese Worte nicht schon genug in ihm auslösen, strichen Adams Finger sanft über Leos Handgelenk.
Für den Moment ließ der Dunkelhaarige sich mitreißen. Vergaß all seine Ängste und machte erneut einen Schritt in Adams Richtung. Ruhig sah dieser ihn an und wie so oft fragte sich Leo was sein Freund wohl in diesem Augenblick dachte. Jetzt, wo dessen Hände langsam über seine Haut fuhren, so lange, bis seine Hand schließlich auf Leos lag.
Adam schwieg, durchdrang ihn mit seinem Blick, als würde er nur darauf warten, Leos Erlaubnis zu bekommen.
Leo merkte wie seine Knie weich wurden und sich alles in ihm zu drehen begann. Die Zeit schien still zu stehen. Nichts und niemand würde ihn nun aus dieser Situation herausreißen zu können. Es gab nur Adam und ihn. Nichts anderes. Nichts, was sonst noch von Bedeutung war.
“Ich dachte ich würde dich nie wieder sehen” Hauchte Leo in die Stille hinein und blickte hinunter auf seine Hand, die sich langsam mit Adams verschränkte.
Und genau das schien Adam zu reichen, fast schon ungeduldig zog Adam ihn noch näher zu sich. So nah, dass ihre Nasenspitzen sich beinahe berührten. Leo unterdrückte ein Keuchen. Er war Adam hoffnungslos verfallen. Es gab nichts, was er nicht für diesen Menschen tun würde.
Wie hatte er es nur all die Jahre ohne Adam aushalten können?
Wie hatte er nur all die Jahre so zweifeln können?
Wo doch nun alles so offensichtlich war, alles so richtig schien.
In Adams Blick erkannte er all das, was er selbst schon so lange vor seinem Freund verborgen hatte. Angst. Traurigkeit. Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas mehr als das, was zwischen ihnen war.
Adam beugte sich vor und sanft spürte Leo Adams Lippen auf seinen. Es war kein wilder Kuss, keiner der aus purer Leidenschaft und Lust entstand. Er war vorsichtig, voller unausgesprochener Worte, voller Gefühle, die zuvor so vehement vor dem jeweiligen anderen verborgen wurden. Er schmeckte nach all dem, was Leo schon so lange gesucht hatte und doch noch nach so viel mehr.
Es dauerte nur Sekunden und doch fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. Wie ein langersehnter Traum, aus dem Leo nie wieder erwachen wollte. Sie lösten sich fast gleichzeitig voneinander. Ihr Atem ging unregelmäßig, während ihre Hände immer noch ineinander verschlungen waren.
“Ich bin wegen dir zurückgekommen Leo...Ich dachte, das wäre offensichtlich” Warf Adam traurig ein, ehe er Leo in eine feste Umarmung zog und Leo sich wie so oft in dieser fallen ließ.
