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Es war Rosas zweites Sommerfest und sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sie sich darauf freuen sollte. Die Erinnerung an ihr erstes letztes Jahr waren nur lückenhaft vorhanden. Sie erinnerte sich an den besten Kartoffelsalat ihres Lebens gestellt von Martina und den schlechtesten Bratwürsten jemals verbrannt von Grillmeister Faber. Und an fast dreißig Grad, ihre verschwitzte Tigerbluse und sehr viele Kästen Zechengold. Geendet hatte der Tag besoffen unter einem Biertisch neben Jan Pawlak.
Das würde heute aber nicht passieren, denn Jan war Teil der Sommerfestorga. Er war genauer gesagt unverschuldet ins Kuchenkomitee geraten. Zwangseinberufung per Losverfahren, weil sonst niemand Bock drauf hatte außer den zwei selben Damen aus der Verwaltung wie jedes Jahr. Doch die waren auch mal zu dritt gewesen, nur war Frau Hildegard Kniest, die ehemals dritte der Gugelhupfbande, seit Anfang des Quartals krankgeschrieben wegen Bandscheibenvorfall. Also hatten Frau Henne-Luttke und die alte Metternich Unterstützung verlangt. Zumindest eine Torte. Und das Schicksal hatte von allen am Präsidium tätigen Menschen ausgerechnet Jan auserkoren.
Gestern Abend hatte Rosa schon so viel Mitleid mit ihm gehabt, dass sie ihm eine WhatsApp geschrieben hatte, ob sie vorbeikommen sollte und helfen. Denn in ihrer Vorstellung verzweifelte er in seiner Küche gerade zwischen Mehl und Mürbeteig. Sie wusste ja, dass er Backen hasste. Vor allem, weil er sich seit seiner Auslosung permanent darüber ausgelassen hatte.
Doch tatsächlich war fünf Minuten später die Antwort eingetrudelt, die ihr da sagte, dass er schon was vorbereitet hatte. Gute Nacht und bis morgen! Zehn Minuten später dann doch nochmal eine Nachricht mit der Frage, ob sie meinte, dass man morgen eine Jacke bräuchte. Rosa hatte auf den Wetterbericht verwiesen und war schlafen gegangen.
Als sie dann heute das Präsidium eine halbe Stunde vor offiziellem Sommerfestbeginn betrat, stand Jans BMW noch nicht auf dem Parkplatz. Rosa stiefelte hoch in den dritten Stock und direkt in die Kaffeeküche, um sich ihre in diesem Fall mittägliche Tasse zu gönnen. Sie nahm gerade den ersten Schluck, da bog Jan um die Ecke mit einem pinken Kuchenträger, an dessen Seite Britta in großen Eddingsbuchstaben stand, auf dem Arm. Er wirkte ein wenig abgehetzt.
„Na, was hast du gezaubert?“ wollte Rosa neugierig wissen und wurde enttäuscht, alsbald Jan den Deckel seines Kuchenträgers anhob.
Darunter befand sich eine fast mickrige weißbestreuselte Kuppeltorte, die noch förmlich nach Supermarktkühltheke roch. „Das ist jetzt nicht dein Ernst… Jan, du kaufst eine Gefriertorte von Rewe-“
„Aldi!“
„Noch schlimmer! Du kaufst eine Gefriertorte von Aldi für unser Sommerfest. Ist dir eigentlich noch zu helfen? Die Henne-Luttke und die Metternich werden dich in Grund und Boden mobben, von Faber und Martina mal ganz abgesehen.“
Jan zog einen Schmollmund. „Solange du mich nicht mobbst.“
Sie lachte schrill. „Es wär durchaus gerechtfertigt. Boah Jan, eine Tiefkühltorte, das ist so peinlich. Hättest lieber drei Packungen Muffins gekauft, das wär noch besser gewesen als dein Klumpen hier. Was soll das überhaupt sein?“
Er nuschelte richtig, so unangenehm war ihm seine Tat. „Eine E‘beer-P‘nnac‘tta-Kupp‘ltorte…“
„Was?“
„Eine Erdbeer-Pannacotta-Kuppeltorte.“
„Oida.“
„Ich wollt was cooles!“ verteidigte er sich.
Rosa konnte darüber nur den Kopf schütteln. „Hättest du nicht irgendwas anderes…? Meine Güte, du bist hoffnungslos. Jan, sogar Greta wird ohne Brille sehen, dass die aus der Gefriere ist. Und die hat wirklich keinen Plan von Torten.“
„Angeschnitten sieht sie bestimmt besser aus.“
Jan sah inzwischen so aus als würde er gleich eine Lebensabschnittskrise schieben und auf dem Boden zusammenbrechen wie eine fallengelassene Kaffeetasse. Fast tat er Rosa leid. Aber nur fast.
Rosa seufzte, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich seitlich gegen den Tresen. „Okay, dann schneid sie mal an. Wir sollten nämlich langsam nach unten.“
Leidend verzog Jan das Gesicht und kramte in einer Schublade nach einem größeren Messer. Als würde er in den Krieg ziehen müssen, stand er vor seiner Torte, atmete tief durch, winselte dann und hielt Rosa das Messer hin. „Kannst du?“
Ihr fielen beinah die Augen aus dem Kopf. „Ich?! Wieso soll ich jetzt dein Armutszeugnis anschneiden? Das versaust du dir bitte schön selber.“
„Bitte, Rosachen.“
„Nicht“, stoppte sie ihn sofort mit hochgehaltener Hand. Die Rosachen-Karte gepaart mit dem Dackelblick war Endgegner. Aber es war ohnehin zu spät. Ergeben nickte sie. „Ach, fuck, okay.“ Sie nahm ihm das Messer ab, trat vor den Kuchen. „Ich hoff, du weißt, wie lieb ich dich hab.“
Ein Lächeln huschte über Jans Gesicht, er nickte eifrig und Rosa setzte das Messer an, drückte zu. Vor ihrem inneren Auge quoll schon ein irres Maß an schlecht verarbeiteter Sahne aus allen Ritzen der Torte und am Messer klebten matschige Erdbeerstücke. Doch nichts dergleichen passierte. Rosa kam bis zu den Schokoladenplättchen und vielleicht einen halben Zentimeter in die Sahneverkleidung auf der Torte. Dann war Stop. Irritiert blinzelte sie, hob das Messer nochmal ein bisschen an, drückte erneut zu. Selbes Spiel.
Ganz langsam drehte sie ihren Kopf zu Jan, der neben ihr Schnappatmung bekam. „Du, Jan…?“ kroch es ihr gefährlich leise über die Lippen. „Wie lange sollte die Torte denn auftauen?“
„Sieben bis sechs Stunden“, murmelte Jan kleinlaut.
„Und wann hast du sie aus deiner Gefriere genommen?“
„Vor ‘ner halben.“
Ein Glück hatte Rosa genug Selbstbeherrschung, Jan nicht das Messer in die Kehle zu rammen, sondern es ruhig auf der Arbeitsplatte abzulegen und tief durchzuatmen.
Und ihn dann anzubrüllen. „BIST DU EIGENTLICH NOCH ZU RETTEN?!“
Jan stolperte rückwärts, bis er unsanft an den Kühlschrank krachte und schützend die Hände vor sich hielt. „Ich hab‘s vergessen!“
„Ich vergess mich auch gleich!“ keifte sie. „Wie kann man denn-?! Jan, du bist echt… also… Vollidiot ist gar kein Ausdruck, der dem noch gerecht wird.“
„Ich weiß“, jammerte er kläglich aus seiner Ecke raus, sich haltsuchend an der Kühlschranktür festklammernd. „Aber wir müssen jetzt trotzdem irgendwas tun, Rosa. So blamier ich mich doch!“
Leicht verzweifelt fuhr Rosa sich mit den Fingern durch ihr Pony, musterte erst Jan, dann die gefrorene Torte. „Du blamierst dich so oder so. Am wenigsten peinlich wär's noch, wenn du gar keine Torte mitbringst. Oder am besten gar nicht erst auftauchst.“
„Wat wer soll wo gar nich‘ erst auftauchen?“
Synchron drehten sich Rosa und Jan um und blickten in Fabers heitere Miene. Ihr Chef war soeben zur Tür hereinspazierte und guckte sie fragend an. In seiner Hand hielt er schon die erste Flasche Zechengold.
„Faber, hat Jan noch Überstunden, die er abfeiern kann?“ fragte Rosa grad heraus.
Der Kommissar im Parka hob beide Augenbrauen. „Wie? Wollen Sie ihn vom Sommerfest verbannen? Letztes Jahr ham‘ Sie sich doch so schön gemeinsam unter‘n Tisch getrunken, wat hatter denn angestellt?“ Neugieriger Blick zu Jan, der halb versteckt hinter Rosa stand, väterlich-wohlwollende Miene. „Pawlak, wat ham‘Se denn angestellt?“
Rosa wies auf die Torte. Das konnte sich Faber auch selbst ansehen. Er trat nah an das angeritzte Backteil, beugte sich vor, musterte ausgiebig. „O-ha. Pawlak, sollen die kleinen Eiskristalle so?“
Jan wurde so rot wie wahrscheinlich die Erdbeeren im Inneren der Torte und gab ein gequältes Jaulen von sich.
Faber musste schmunzeln, patschte Jan mitfühlend auf die Schulter. „Na na, Pawlak, nicht weinen. Fehler passieren… Sie sind halt ein ganz besonders großer, aber das kriegen‘wa schon wieder. Papa Peter ist ja jetzt da.“ Ob das Jan wirklich aufbaute oder nur noch mehr in eine Depression stürzte, war Rosa unklar. Aber immerhin wurde ihr Problem durch Fabers Ankunft jetzt dreigeteilt und lastete nicht mehr ganz so schwer auf ihr.
Faber klatschte motiviert in die Hände. „So, wo habt‘er denn ein Messer? Vielleicht muss das mal ein echter Mann durchschneiden, Ihr Törtchen, Pawlak.“
Rosa gab Faber das Messer, Jan warf ein: „Aber Rosa hat‘s schon versucht und nicht geschafft.“
„Au weia.“ Faber versuchte es trotzdem, scheiterte aber genauso wie Rosa. „Wie lang war der denn schon draußen?“
„Halbe Stunde.“
Brummend raufte sich Faber seinen nicht vorhandenen Bart. „Naja gut, laut Verpackung lässt der sich aber nach einer Stunde Auftauen am besten schneiden, da sollt man nach ‘ner halben mit Gewalt schon durchkommen. Ich weiß das, ich ess selber hin und wieder gern so eine zum Geburtstach. Pawlak, wie lange liegt das gute Stück denn schon in Ihrer Gefriere.“
Rosa guckte zu Jan rüber, der schon wieder hinter ihr in Deckung ging und plötzlich ganz klein wurde inklusive Hände in die Hosentaschen schieben und Blick abwenden. „So zwei, drei…“
„Tage?“ half ihm Rosa auf die Sprünge.
„Wochen?“ setzte Faber hoffnungsvoll nach, als von Jan nichts kam.
„Jahre“, nuschelte Jan schließlich und das veranlasste Rosa schon, herumzufahren und ihn am Poloshirtkragen zu packen.
„Nicht mal frisch gekauft hast du den, du Depp!“
„Frau Herzoch, aber er ist Ihr Depp! Frau Herzooooch!“
Faber setzte hinterher, wollte Rosa von Jan wegziehen, hatte aber in einer Hand noch das Messer und letztendlich sah es wohl so aus, als würden die gemeinsam Jan an die Gurgel wollen.
Hinsichtlich dessen war Martinas Tonfall recht gelassen, als sie mit einem Eiskaffee in der Hand vor der Kaffeeküche stoppte. „Was wird‘n das? Pawlak, wenn Sie Hilfe brauchen, blinzeln Sie zweimal.“
Jan blinzelte bestimmt zwanzigmal innerhalb zehn Sekunden, was Martina dann doch dazu veranlasste, nicht eiskaffee-schlürfend weiter zu schlurfen, sondern sich der zu eskalieren drohenden Mordkommissionsmeuchelei anzunehmen. „Faber, legen Sie mal das Messer weg und lassen Sie Rosa los. Rosa, lassen Sie mal Pawlak los. Wer hat Ihnen denn kollektiv ins Hirn geschissen?“
Nun wurde also zum dritten Mal die Geschichte um Jans Versagen erzählt, als sich alle losgelassen hatten - außer Jan, der jetzt plötzlich Rosas Arm umklammerte, weil er schon prophylaktisch Schiss vor Bönischs verbaler Attacke hatte. Die blieb zur Überraschung aller aber aus.
„Gut. Dann ruf ich jetzt Frau Dr. Leitner an.“ Martina wählte schon, während sie sprach. Rosa, Jan und Faber tauschten irritierte Blicke. Wenn die Leitner im Laufe des Vergangenen Jahres bei Das große Backen in der Jury saß, dann war ihnen das nämlich entgangen.
„Ah, Greta, guten Morgen. Ja, ich bin‘s. Du wie sieht‘s denn aus, du kommst doch zu unserem Sommerfest? Ja? Super. Biste noch in der Rechtsmedizin? Ja? Suuuper! Ganz große Bitte, du hast doch da so ein hammerscharfes Teil… Knochensäge, jaa, genau! Nimmste die bitte mit?“
