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Leo ist aufgewacht.
Viel mehr hat Adam nicht gehört, auch wenn die Krankenschwester noch eine Menge gesagt hat, irgendwas von Schmerzmitteln und so - keine Ahnung. Sein Hirn hat sich nach dem ersten Satz abgeschaltet, ist in einen Zustand von so knochentiefer Erleichterung gefallen, dass er am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre.
Aber eines hat er dann doch herausbekommen. Nur eine Frage.
"Kann ich zu ihm?"
Die Tür schwingt lautlos auf und für einen Moment packt ihn die Angst. Wovor, das weiß er gar nicht so genau - Leo ist doch wach, seine Verletzungen werden behandelt, alles wird gut.
Alles wird gut, sagt Adam sich, tritt in das Zimmer und lässt die Tür hinter sich zufallen.
Und dann ist er auf einmal froh, dass sie allein sind, denn der Anblick von Leo - Gott. Tagelang konnte er nur in ein bleiches, regloses Gesicht blicken, hoffend, dass Leo zurückkehrt, dass er wieder sein Leo ist.
Und jetzt sitzt Leo hier. Noch nicht ganz aufrecht, aber lebendig und atmend und bei Bewusstsein. Seine Miene erhellt sich, als er Adam erkennt. Alles scheint wie in Zeitlupe abzulaufen, Adam kann förmlich sehen, wie sich die Räder hinter Leos Stirn drehen, und dann fängt er breit an zu grinsen.
"Adaaaaaam."
So freudig und überdreht hat er Leo noch nie gehört. Sind wohl die Schmerzmittel, denkt er schwach und verwirft den Gedanken gleich wieder, denn das ist doch egal. Alles ist egal. Hauptsache Leo erkennt ihn überhaupt noch, will ihn noch bei sich haben.
Adam räuspert sich. Schluckt. Räuspert sich wieder.
"Ich... ich wollte..."
Seine Füße sind am Boden festgefroren. Er hat so lange gehofft, dass er diesen Moment überhaupt erleben wird, und jetzt, wo er hier ist, kriegt er keinen einzigen Gedanken zu fassen.
"Wie geht's dir?", bringt er schließlich hervor, die Stimme ganz brüchig.
Leo zuckt mit den Schultern. Halb ist Adam erleichtert, dass er das so mühelos hinbekommt, halb übermannt ihn die Sorge, dass Leo die Schmerzen einfach überspielt.
Aber Leo klingt nicht, als hätte er es sonderlich schwer, eher milde genervt von allem. "Lungen-Thrombose und mein Ohr macht komische Dinge, ich muss hier noch ewig rumliegen, aber..."
Adam schnaubt, blinzelt ein paar Tränen fort. "Hätte schlimmer sein können?", beendet er den Satz.
Leo nickt zustimmend. "Hätte schlimmer sein können."
Adam atmet tief durch. Weil - Scheiße, das hätte es wirklich. Er hätte Leo verlieren können, einfach so, er hätte sterben können in diesem verfluchten Bunker.
Nein. Nicht daran denken.
"Pia macht sich ständig Vorwürfe", murmelt Adam, nur um irgendwas zu sagen.
Leo winkt ab. "Ist doch gar nicht ihre Schuld. Ist halt unser Job."
Ja. Der Job, für den Leo fast draufgegangen wäre, weil er sich natürlich direkt ins Feuer stürzen musste, wie immer. Fuck. Adam blinzelt heftig, irgendwas brennt bitter in seinem Hals, er...
"Hey", hört er Leos Stimme. In dem Wort liegt etwas Bittendes. Als Adam nicht reagiert, versucht Leo es nochmal.
"Heeeyyyyyy."
Fuck, hat das jemand gehört? Adam will nicht, dass irgendein Pfleger reinkommt und ihn wieder rausschickt.
Als er aufblickt, streckt Leo die Hand nach ihm aus. "Schhhh", murmelt Adam, tritt jetzt doch zu ihm ans Bett, auch wenn er das eigentlich nicht wollte. Nicht konnte. Weil Leo nur high ist von den Schmerzmitteln, und wenn er jetzt irgendwas tut, das er später bereut, würde Adam das nicht aushalten.
Aber Leo schaut ihn so flehend an, dass Adam nicht anders kann.
Er greift nach Leos Hand.
Ach, fuck. Mit diesem Blick kriegt er ihn echt immer.
Zufrieden schließt Leo die Augen und lehnt sich zurück, ein seliges Lächeln auf dem Gesicht. "Ja", sagt er, überraschend deutlich. "Besser."
Adam schluckt wieder. Jetzt, wo er Leos Hand einmal festhält, kann er sich nicht vorstellen, ihn je wieder loszulassen. Er nimmt einen tiefen Atemzug und versucht, nicht zu stark zu zittern, damit Leo es nicht bemerkt.
Hilflos stößt er die Luft aus. Seine Stimme ist belegt.
"Scheiße, du hast mir echt Angst gemacht."
Leo öffnet die Augen, blinzelt ihn an, so unschuldig süß und aufrichtig besorgt, dass Adams Magen einige Saltos hinlegt.
"Tut mir leid."
"Nein, ist alles okay", sagt Adam schnell, und dann kann er einfach nicht anders. Er hebt die Hand und streicht über Leos Wange. Nur ganz, ganz sachte, weil er ihn nicht verletzen darf, nicht noch mehr. Aber wie Leo so daliegt, so hilflos - Adam kann das nicht. Er will Leo in seine Arme ziehen und sich um ihn kümmern, alles Böse auf der Welt von ihm fernhalten, alles wiedergutmachen, was er ihm je angetan hat. Aber er kann nur sanft seine Wange streicheln, als Ausgleich für die Worte, die er nicht findet.
Leos Augen flattern wieder zu, und da ist ein Lächeln auf seinen Lippen, das heftig an Adams Herz zieht. So... bedingungslos. So vollkommen zufrieden.
Adam schnieft leise und drückt Leos Hand ein wenig fester. Er hat keine Ahnung, wie viele Sekunden verstrichen sind, bis Leo wieder die Augen öffnet.
"Ich wollte dich eigentlich noch was fragen."
Oh Gott. Adam schnürt es den Hals zu. Vor genau sowas hatte er Angst. Dass Leo irgendwas Unüberlegtes sagt, während er nicht bei klarem Verstand ist, und dann müssen sie sich damit herumschlagen, wenn Leo später wieder zu Sinnen kommt, und am Ende macht Adam wieder alles falsch und dann -
"Du solltest dich lieber ausruhen", murmelt er schnell, streicht beruhigend über Leos Handrücken. Einfach nicht reden jetzt.
Aber Leo lässt sich nicht aufhalten.
"Ich wollte dich fragen..."
"Leo."
"Willst du bei mir einziehen?", fragt Leo, einfach so, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, welchen emotionalen Wirbel das in Adam auslöst. "Geh nicht wieder ins Hotel. Komm einfach zu mir. Wir gründen eine WG." Er grinst ihn an, so niedlich und vertrauensvoll, dass Adam beinahe was Dummes gemacht hätte. "Das wird toll, wir können dann zusammen zur Arbeit fahren", sagt Leo begeistert.
Adam starrt ihn an.
"Leo, ich hab's noch nicht mal geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören", kommt es aus seinem Mund.
Leo scheint ihn gar nicht zu hören. "Hmm, wir können abends auf der Couch sitzen, Filme gucken... nur wir zwei."
Das Letzte flüstert er schon fast, und -
Fuck.
Fuck.
Es hat keinen Sinn, so zu tun, als wäre das nicht genau das, was Adam sich seit Monaten wünscht, seit Jahren eigentlich. Und hätte Leo ihn das bei klarem Verstand gefragt, wäre seine Antwort eindeutig gewesen, aber jetzt? Er kann sich einfach nicht sicher sein, ob Leo das ernst meint. Wer weiß, was da in seinem zugedröhnten Hirn vor sich geht, welche Gründe alles dagegen sprechen, die gerade von weichem Nebel verdrängt werden.
Am liebsten würde Adam einfach gar nichts sagen. Aber Leo schaut ihn schon wieder so an, und er kann ihn doch jetzt nicht hängen lassen. Er darf Leo nicht traurig machen, um keinen Preis.
Nur irgendwie wär's auch geil, hier nicht mit endgültig gebrochenem Herzen rauszugehen.
Also räuspert Adam sich leise und drückt Leos Hand nochmal. Beruhigend.
"Vielleicht", nuschelt er, ohne ihn anzusehen. "Vielleicht."
Da ist eine Falte auf Leos Stirn.
Und womöglich ist Adam gerade genauso high wie er, obwohl die Schmerzmittel längst abesetzt sind, anders kann er sich nicht erklären, woher er den Mut nimmt, sich nach vorn zu lehnen und einen sanften Kuss auf Leos Stirn zu drücken.
Es ist vorbei, ehe er es realisiert hat, aber Leo lächelt wieder so selig und die bekümmerte Falte ist verschwunden, und für einen Moment glaubt Adam es auch, will es glauben; dass wirklich alles gut wird, dass sie zusammenziehen und bald mehr als nur Kollegen und beste Freunde sind.
Dann geht hinter ihnen die Tür auf.
Adam schrickt zusammen und lässt Leos Hand los, als hätte er sich verbrannt. Das Krankenhauspersonal hat eh schon viel zu viel von ihm gesehen in den letzten Tagen, das müssen sie nicht auch noch wissen.
"Oh nein", murmelt Leo schwach, seine Augen heften sich träge an Adam, der längst einen Schritt zurückgewichen ist.
"Schhhh", macht Adam leise und hofft inständig, dass Leo nicht einfach alles vor der Pflegerin ausplappert.
"Herr Hölzer hat gleich eine Untersuchung, da müssen Sie leider draußen warten", sagt die junge Frau und lächelt Adam freundlich zu. Leo sieht nicht begeistert aus, also schenkt sie ihm auch ein Lächeln. "Ihr Partner kann heute Nachmittag zu den Besuchszeiten wiederkommen."
"...kay", murmelt Leo.
Mit einem raschen "Bis dann" schleicht Adam sich zur Tür. Er lässt das einfach mal unkommentiert. Fällt noch mehr auf, wenn er jetzt was sagt.
"Adam?", ruft Leo ihm hinterher. Adam dreht sich um. Wie könnte er auch nicht.
Leo strahlt ihn an.
"Guck im untersten Schubfach von meinem Schreibtisch. Da ist ein zweiter Schlüssel."
