Work Text:
Mit einem Schmunzeln nahm Bea Donatelli ihre noch ziemlich verschlafene vierjährige Tochter der Erzieherin aus dem Arm.
„Sie ist vor fünf Minuten wach geworden“, sagte die Erzieherin, Julie Bouchard, mit einem Lächeln.
„Billy hat mich geweckt“, nuschelte Aurelia und zog eine Schnute.
„Das war bestimmt keine Absicht“, antwortete Bea amüsiert. „Das kannst du gleich alles noch Emilio erzählen. Den holen wir jetzt noch ab.“
Sofort war die Schnute einem Lächeln gewichen.
Nicht zum ersten Mal war Bea dankbar, dass alle vier Kinder sich trotz des Altersunterschiedes so nahestanden.
„Ich mag Billy trotzdem nicht“, murmelte Aurelia, als sie dabei war, sich langsam anzuziehen.
„Das ist okay. Du musst nicht mit jedem befreundet sein, aber…“
„Ich bin immer nett!“ Aurelia schmollte kurz und Bea nutzte die Gelegenheit, ihr über das, wie immer, unordentliche Haar zu streichen.
„Da bin ich mir sicher“, antwortete sie dann amüsiert. Bea war sich zwar eigentlich eher sicher, dass das nicht die ganze Wahrheit war, aber mit drei älteren Brüdern lernte man eben auch auszuteilen.
Aurelia lehnte sich ein bisschen nach vorne, doch Bea lächelte bloß.
„Du kannst laufen, Aurelia.“
Ein erneutes Schmollen, dann verschränkte sie die Arme.
„Aber Onkel Cotta…“
Bea musste sich zwingen, nicht zu lachen.
„Dein Onkel Cotta lässt sich auch von dir um den Finger wickeln.“
Jetzt kicherte Aurelia, bevor sie aufstand.
„Wann kommt Papa wieder?“
„Am Wochenende. Du weißt doch. Er ist bei Oma, weil sie operiert wurde und Opa ein bisschen Hilfe braucht.“
Aurelia nickte.
Roberts Eltern konnte das Mädchen nicht so häufig wie Beas Eltern sehen, aber durch moderne Technologie und der Tatsache, dass die Strecke nach Fresno nur knapp dreieinhalb Stunden betrug, hatte sie dennoch eine gute Bindung zu ihren Großeltern väterlicherseits.
„Kann ich dann nicht am Freitag von Onkel Cotta abgeholt werden? Papa holt mich immer freitags ab und wenn er schon nicht kann...“
Schon länger wünschte Aurelia sich, von ihrem Patenonkel aus der Kita abgeholt zu werden, aber bisher war das noch nicht zustande gekommen.
„Wir können ihn ja mal fragen. Versprechen kann ich dir das allerdings nicht, Aurelia.“
„Ich weiß“, seufzte Aurelia, als hinge das Schicksal der Welt an ihr, doch dann kletterte sie endlich ins Auto und ließ sich von Bea anschnallen.
„Mama? Meinst du, Emilio liest mir nachher wieder etwas vor?“
„Da musst du ihn gleich fragen, aber er wird sicher erst ein paar Hausaufgaben erledigen müssen.“
Aurelia schwieg für einen Moment, dann grinste sie.
„Mama? Darf ich ihm wieder einen Snack machen?“
Besagter Snack war zwar bloß ein kleingeschnittener Apfel, aber Aurelia hatte neuerdings sehr viel Freude daran, in der Küche zu helfen.
Der Weg zur Schule dauerte nicht allzu lang von der Kita aus und schon bald konnte Bea ihren jüngsten Sohn in die Arme schließen.
Emilio war schon immer ein ruhiges Kind gewesen mit einem immensen Wissensdrang. Schon früh hatte er gefühlt alles über Dinosaurier gewusst. Mit einem einzigen Buch war Emilio stundenlang beschäftigt gewesen, oder war es auch heute noch.
Doch die Stille bei der Begrüßung war eine andere als sonst.
„Was ist los?“, fragte sie, nachdem sie dem Jungen geholfen hatte die Schultasche in den Kofferraum zu legen.
„Ich hatte vorhin ein bisschen Bauchweh. Aber nicht schlimm. Und jetzt ist es wieder in Ordnung.“
Bea war zwar alles andere als beruhigt, dafür war Emilio dann doch ziemlich blass um die Nase, ließ aber fürs Erste die Antwort gelten. Im Zweifel würde Emilio einfach morgen zuhause bleiben.
Nicht zum ersten Mal schätze Bea sich glücklich, dass alle vier der Kinder sich auch gut allein beschäftigen konnten. Robert würde ihr zwar sagen, dass das ihr Verdienst sei, aber Bea war der Ansicht, dass bei einem Haushalt wie ihrem jeder einmal seine ruhigen fünf Minuten suchte.
Vor allem war sie unglaublich dankbar dafür, dass ihre Jungs genau wussten, dass Aurelias Wunsch nach Vorlesen eine Zuneigungsbekundung war und nicht ein absichtliches Nerven.
Als jedoch Aurelia ziemlich geknickt mit den Apfelstückchen, die sie so liebevoll mit ihrer Mutter zusammen geschnitten hatte, zurückkam und sagte, Emilio wolle nichts essen, schrieb Bea ihrem Chef schon vorsichtshalber eine kurze Mail.
Anschließend versprach sie, mit Aurelia später das Abendessen vorzubereiten, aber erst wollte sie nach Emilio sehen.
Dieser saß brav an seinem Schreibtisch und erledigte die Schulaufgaben und, so wie Bea ihn kannte, machte er wahrscheinlich wieder mehr als verlangt. Liebevoll strich sie ihm über das Haar.
„Was ist los?“, fragte sie sanft.
„Nichts, Mama, ich hab nur keinen Hunger“, sagte Emilio leise.
Möglicherweise waren das auch nur Bauchschmerzen, weil Robert nicht zuhause war. Das konnte natürlich sein, aber Bea war dennoch besorgt. Zumal sie das eigentlich eher bei Aurelia erwarten würde.
„Du sagst Bescheid, falls du doch wieder Bauchweh bekommst?“
Emilio nickte, dann sah er auf und schenkte seiner Mama ein kleines Lächeln.
Im Nachhinein würde es sich als klug erweisen, dass Bea schon bereits mittags auf der Arbeit Bescheid gesagt hatte.
Tapfer versuchte sich Emilio am Abendessen, doch letztlich legte er sich früh ins Bett, während Bea ihm eine Wärmflasche machte. Aurelia wollte unbedingt auch helfen, doch am Ende akzeptierte sie die Erklärung ihrer Mutter, dass Emilio jetzt lieber einfach schlafen wollte.
Als beide Kinder schliefen, nahm Bea sich die Zeit, ein wenig aufzuräumen und dann Robert anzurufen. Die Zimmertür von Emilio hatte sie nur angelehnt gelassen, falls er ihre Hilfe brauchen würde.
„Wie war dein Tag?“, fragte Robert, wobei dieser ziemlich müde klang.
„Emilio liegt mit Wärmflasche im Bett“, antwortete Bea mit einem Seufzen.
„Ist es schlimm?“
„Noch nicht, denke ich. Mal schauen, wie die Nacht wird.“
„Wenn was sein sollte, melde dich bitte!“
Bea wusste, dass, würde sie ihn darum bitten, ihr Mann sich sofort ins Auto setzen würde, um heimzufahren. Einer der Gründe, warum sie ihn so liebte.
„Mach ich. Wie geht’s deiner Mutter?“
Robert stöhnte am anderen Ende der Leitung. Das war vermutlich der Grund für seine Müdigkeit.
„So langsam glaube ich, dass sie gar keine Hilfe braucht. ‚Fahr mich zu diesem Treffen‘ oder ‚Nein, die Tabletten brauche ich doch nicht. Ich bin doch schon zwei Tage wieder zuhause.‘ Aber wenn es darum geht, etwas wegzuräumen, dann hat sie natürlich plötzlich Schmerzen.“ Er seufzte. „Ich liebe meine Mutter, aber ich bin sehr froh, wenn ich wieder fahre.“
Bea lachte leise.
„Das klingt doch aber so, als würde sie ab nächster Woche auch ohne dich zurechtkommen.“
„Sie hat ja noch Dad. Er fährt ja nur kein Auto mehr. Im Haushalt kann er ja helfen… oder mich versklaven. Wo ich ja auch so ein toller Handwerker bin.“
Erneut musste Bea lachen. Das stimmte, handwerkliches Geschick besaß Robert nun wirklich nicht, aber er konnte hervorragend Werkzeug anreichen.
„Du weißt doch, eigentlich möchte er nur Zeit mit dir verbringen.“
„Ja, ich weiß. Ich bin zu selten dort. Und dann ruft heute Mittag auch noch Cotta an.“
„Was wollte er?“, fragte Bea mit gerunzelter Stirn. Eigentlich rief Cotta nie Kollegen im Urlaub an.
„Der Fall, den er bearbeitet, hängt anscheinend mit meinem zusammen. Er wollte nur das Okay, die Akten aus meinem Büro zu holen. Wie ich ihn kenne, hat er das Ganze heute um Mitternacht gelöst.“
„Macht er immer noch so viele Überstunden?“, fragte Bea, nachdem sie sich ein Glas Wasser eingeschenkt hatte.
Natürlich hatte sie mitbekommen, dass man Cotta nach Reynolds Pensionierung kaum noch außerhalb des Präsidiums sah. Nur für sein Patenkind machte er es tatsächlich irgendwie immer möglich, Zeit zu haben.
Robert schnaubte am anderen Ende der Leitung.
„Ich würde fast schon behaupten, die letzten vier Wochen scheint es besser zu werden, aber wenn ich auch richtig zwischen den Zeilen lese, hat es auch zwischen ihm und Caroline deswegen ordentlich geknallt.“
„Da wundert es mich eigentlich, dass das so lange gedauert hat.“ Bea seufzte leise. „Aber gut, er ist erwachsen. Ich denke, ich werde jetzt aber gleich noch mal nach Emilio schauen.“
„Denk dran-“, begann Robert, doch Bea unterbrach ihn.
„Ja, wenn etwas ist, melde ich mich bei dir.“
„Mach das auch wirklich. Ich hab das Handy auf laut.“
Bea lächelte ein wenig. So tief Robert auch schlafen konnte, wenn er so etwas versprach, würde er auch davon wach werden.
Nach einer kurzen Verabschiedung begab sich Bea ins Zimmer ihres Sohnes. Der schlief zwar noch, aber Bea war sich ziemlich sicher, dass er Fieber hatte. Fürs Erste ließ sie ihn jedoch schlafen, auch wenn es ihr ziemliche Sorgen bereitete, wie Emilio so zusammengerollt unter der Decke lag.
Sie machte sich lieber noch einen Kaffee und beschloss, länger wachzubleiben. Sie schickte Robert ein Update aufs Handy, sagte ihm aber erneut, dass er sich keine Sorgen machen brauchte. Was er vermutlich trotzdem tat. Dafür war er zu sehr Papa.
Bevor Bea sich drei Stunden später bettfertig machen wollte, sah sie erneut nach Emilio. Natürlich hatte sie zwischendurch auch immer mal wieder nachgesehen, doch dieses Mal war der Neunjährige wach. Er lag noch immer zusammengerollt unter der Decke, der komplette Körper angespannt und in seinen Augen standen erste Tränen.
Sofort saß Bea neben ihm auf der Bettkante und legte ihm eine Hand an die blasse Wange.
„So schlimm?“, fragte sie sanft und Emilio nickte, bevor er seine Augen zusammenkniff und leicht wimmerte.
Bea beugte sich vor und gab ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn.
„Wo genau tut es denn weh?“, fragte sie, sobald ihr Sohn sie wieder ansah.
„Hier…“, flüsterte Emilio und zeigte auf die rechte Seite.
Bea spürte, wie ihr kurz das Herz aussetzte und dann dafür umso schneller schlug.
Vielleicht war es nichts, aber vielleicht…
Sie strich Emilio erneut über die Wange. Jetzt war nicht die Zeit, um sich als Ärztin zu versuchen.
„Ich rufe einen Krankenwagen, Emilio. Aber ich bleibe bei dir, versprochen.“
Erschöpft nickte Emilio bloß und hielt die linke Hand seiner Mutter, während diese schnell einen Arzt anforderte.
„Sie kommen gleich. Vielleicht kann der Arzt dir ja auch hier helfen.“
Dann sah sie erneut auf ihr Handy. Kurz nach Mitternacht. Ihre Mutter würde jetzt kein Telefon mehr hören und ihre Schwester… Bea bezweifelte, dass Aurelia sich von ihrer Schwester beruhigen lassen würde, sollte sie wach werden.
Sie zögerte noch einen kurzen Augenblick, dann suchte sie Cottas Nummer aus den Kontakten und tätigte den zweiten Anruf heute Nacht.
Es dauerte nicht lange und Cottas raue Stimme erklang am anderen Ende der Leitung. Wäre es nicht so ernst, hätte Bea ein schlechtes Gewissen, ihn geweckt zu haben.
„Bea?“, brummelte er, eindeutig noch nicht richtig wach.
„Es tut mir leid, dich zu wecken, aber Emilio hat ziemlich starke Bauchschmerzen. Ich habe schon einen Krankenwagen gerufen“, hier konnte Bea schon durch die Geräusche im Hintergrund vernehmen, dass Cotta aufgestanden sein musste, „Robert ist noch in Fresno bei seiner Mutter und Aurelia will ich nicht allein…“
Cotta unterbrach sie, jetzt auf einmal hellwach.
„Ich bin in fünf Minuten da… Wo ist mein Schlüssel? … Aus dem Weg, Bubbles.“
Bea grinste leicht. Wenigstens ab und an schien der Kollege ihres Mannes auch unorganisiert zu sein.
„Ich lasse die Tür offen, sollten wir wirklich ins Krankenhaus müssen“, sagte sie dann. Die Fünf-Minuten-Prognose von Cotta war nämlich ziemlich ambitioniert.
„Ich bin schneller als der RTW. Bin im Auto. Bis gleich.“ Damit legte er auf.
Bea zweifelte immer noch an Cottas Fahrzeit, doch das war aktuell nicht ihr Problem. Robert würde sie erst anrufen, wenn sie wirklich wusste, was los war. Ein bisschen klammerte sie sich noch an die Hoffnung, dass sie nicht ins Krankenhaus mussten.
Tatsächlich dauerte es keine fünf Minuten, bis sie das vertraute Geräusch von Sirenen wahrnahm. Sie drückte Emilios Hand sanft.
„Ich mache nur schnell die Tür auf, dann wird dir geholfen.“
Noch immer war Emilio ganz tapfer, auch wenn ihm der Schmerz deutlich ins Gesicht geschrieben stand.
Bea eilte zur Haustür und öffnete diese.
Ihr gegenüber stand allerdings kein Sanitäter, sondern Cotta. Er war im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Bett gefallen.
Die Haare zerzaust, was Bea zu jedem anderen Zeitpunkt vermutlich ziemlich putzig gefunden hätte.
Das schwarze T-Shirt, das er trug, musste Cotta vom Boden aufgesammelt und schnell übergestreift haben, denn es war verkehrt herum.
Bea konnte deutlich das Etikett erkennen, das am Kragen unter Cottas Kinn herauslugte. Dazu trug er eine lockere, karierte Schlafanzughose und zu Beas großer Überraschung Turnschuhe. Sie hätte vor dieser Nacht gewettet, dass Cotta so etwas Simples wie Turnschuhe nicht besaß.
„Ich sagte doch. Fünf Minuten“, sagte Cotta mit einem schiefen Grinsen.
„Aber...egal. Komm rein.“ Bea hatte gerade nicht die Geduld, über Cottas Fahrverhalten nachzudenken.
Cotta zuckte bloß mit einer Schulter, dann trat er ein.
„Geh du hoch zu Emilio. Ich lasse die Sanis gleich rein. Vielleicht packst du schon mal ein paar Sachen für ihn ein.“
Bea nickte, ein wenig überrumpelt davon, wie Cotta quasi direkt das Kommando über eine Situation hatte. Andererseits war das genau sein Job. Am Fuße der Treppe drehte sie sich kurz um.
„Cotta… danke“, sagte sie sanft, doch dieser winkte bloß ab.
Es brauchte keine weiteren zwei Minuten, da war auch endlich der Krankenwagen vor Ort. Leider konnten die auch nicht mehr tun, als Beas Verdacht zu bestätigen. Schnell schnappte sie sich ihre Handtasche und dann war sie wieder an der Seite ihres Sohnes.
Während also Bea mit ihrem Jüngsten auf dem Weg ins Krankenhaus war und von dort aus Robert informierte, wagte Cotta einen vorsichtigen Blick in Aurelias Zimmer. Glücklicherweise schien diese trotz des Trubels im Haus zu schlafen. Laut Bea hat diese den tiefen Schlaf ihres Vaters geerbt. Darauf hoffte Cotta zumindest.
Behutsam schloss er die Tür wieder, ließ sie aber einen Spalt breit offen, damit er im Zweifel die Kleine hören würde.
Danach ging er wieder nach unten. Er bezweifelte, dass es ihm einer der beiden erwachsenen Donatellis übelnehmen würde, wenn er sich jetzt einen Kaffee kochte. Das würde vermutlich eine lange Nacht werden.
Aber natürlich war es keine Frage gewesen, als Bea angerufen hatte. Natürlich half er gerne.
Vorsichtig nahm er einen Schluck seines Kaffees und lauschte, ob Aurelia nicht doch wach geworden war. Fürs Erste war alles ruhig.
Mit der Tasse in der Hand begab er sich ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Er ärgerte sich kurz, hätte er doch nur seinen Laptop mitgenommen. Dann könnte er jetzt wenigstens etwas arbeiten. Allerdings hatte er in der Hektik eben nicht daran gedacht. Den Fernseher wollte er jedoch nicht einschalten aus Sorge, er würde dann Aurelia nicht mehr hören.
Mit einem müden Seufzer nahm er sein Handy in die Hand. Wenigstens ein bisschen Online-Recherche könnte er ja betreiben.
Zwanzig Minuten verbrachte er so. Die Tasse stand nun leer auf dem Wohnzimmertisch, während Cotta sich bereits viel zu viel unnützes Wissen angeeignet hatte.
Plötzliche Schritte ließen den Inspektor das Handy zur Seite legen. Mit angehaltenem Atem lauschte er. Cotta wusste, dass Aurelia seit kurzem nachts auch allein auf die Toilette ging. Zumindest manchmal. Vielleicht brauchte sie ihn ja gar nicht.
Als er dann aber ein vorsichtiges „Mama?“ hörte, sprang Cotta auf. Innerhalb von Sekunden war er die Treppe hoch und fand Aurelia im Flur stehend. Tränen liefen über ihre Wangen, während sie in der rechten Hand ihren Plüschrochen an einer Flosse festhielt.
„Aurelia?“, fragte Cotta leise.
Erst dann nahm sie ihn wahr. Schnell rannte sie die letzten Schritte in seine Arme, stolperte dabei über ihren Rochen, doch Cotta war nah genug, um sie aufzufangen. Nicht zum ersten Mal und vermutlich auch nicht zum letzten Mal.
Aurelia schlang beide Arme um Cottas Nacken, ohne den Rochen loszulassen, und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Laute Schluchzer ließen ihre Schultern erbeben, während sie sich immer weiter gegen ihren Patenonkel lehnte.
Vorsichtig erwiderte Cotta die Umarmung, war er doch in die Knie gegangen, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. Sanft strich er ihr über den Rücken, gab ihr die Zeit, die sie brauchte, um sich zu beruhigen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht allein hier war.
„Warum ist keiner mehr da?“, fragte Aurelia, als sie eine Weile später ihren Patenonkel losließ. Sie war drauf und dran, sich mit dem Schlafanzugärmel über die laufende Nase zu wischen, doch Cotta hielt sie auf.
„Komm, wir gehen kurz ins Bad, putzen deine Nase und dann erkläre ich dir, warum ich hier bin.“
Aurelia nickte und lehnte sich wieder ein wenig nach vorne. Cotta lächelte sanft und fing sie erneut auf, um sie ins Bad zu tragen. Kaum war das Gesicht gereinigt, nahm er sie wieder hoch.
„Dein Bruder hat ganz dolle Bauchschmerzen bekommen und musste zum Arzt. Da wollte deine Mama ihn nicht allein lassen und damit du nicht allein bist, hat sie mich angerufen, weil dein Papa ja bei deiner Oma ist und Fernando und Ricardo ja auf Klassenfahrt sind.“
Aurelias Augen weiteten sich und füllten sich wieder mit Tränen.
„Aber ich hab doch in Emilios Zimmer geguckt. Da war noch sein Dino. Jetzt hat er bestimmt ganz viel Angst.“
Cotta nickte langsam.
„Vielleicht kannst du für deinen Bruder auf seinen Dino aufpassen. Angst hat er bestimmt keine, dafür ist ja deine Mama dabei.“
Aurelia legte den Kopf etwas schief und dachte über diese Aussage nach, dann nickte sie langsam, fürs Erste beruhigt. Dennoch drückte sie ihren Rochen fest an sich, das Gesicht halb hinter einer Flosse versteckt.
„Und wenn Mama nicht mehr wiederkommt?“, fragte sie leise.
Cotta zog Aurelia in eine sanfte Umarmung. Augenblicklich ließ Aurelia den Rochen mit einer Hand los und griff damit Cottas T-Shirt.
„Ich bleibe so lange bei dir, bis du mich nicht mehr brauchst. Versprochen.“
Aurelia schüttelte den Kopf an seiner Schulter.
„Aber du musst doch die Diebe fangen! Papa ist schon nicht da!“
Jetzt schmunzelte Cotta ein wenig.
„Also, erstens bin ich nicht der einzige Polizist hier in Rocky Beach, zweitens habe ich tatsächlich morgen einen freien Tag und drittens bist du viel wichtiger als irgendein Dieb.“
Aurelia schwieg für einen ganzen Moment, dann musste sie gähnen.
„Ich will nicht allein schlafen“, flüsterte sie.
„Was hältst du erstmal von einer warmen Milch?“
Jetzt nickte Aurelia begeistert und ihr Griff um das Shirt lockerte sich.
„Dann komm“, sagte Cotta sanft und trug sie natürlich bis in die Küche.
Dort setzte er Aurelia auf der Anrichte ab, während er die Lieblingstasse des Mädchens aus dem Schrank suchte, um in dieser dann Milch in der Mikrowelle zu erhitzen. Normalerweise würde er das ja auf dem Herd machen, aber in Anbetracht der Uhrzeit war es vermutlich besser, die schnellere Variante zu wählen. Schon jetzt rieb sich Aurelia immer wieder über die Augen, war aber dennoch ein wenig zu aufgekratzt, um wirklich schlafen zu können.
„Ich habe da eine Idee. Du kannst oben vielleicht deine Bettdecke holen und ein Buch, dann machen wir es uns ein bisschen auf der Couch gemütlich, damit du deine Milch trinken kannst, während ich dir das Buch vorlese?“, fragte Cotta, an Aurelia gewandt, die natürlich sofort nickte.
Erneut musste Cotta schmunzeln, dann hob er sie von der Anrichte.
„Soll ich so lange auf deinen Rochen aufpassen?“
„Ich lege FlapFlap schon mal auf die Couch!“
Cottas Mundwinkel zuckten verdächtig nach oben. Die Tatsache, dass der Rochen nur so hieß, weil Ricardo damals seine kleine Schwester damit hatte bespaßen wollen und nicht gewusst hatte, wie er einen Rochen intonieren sollte, war auch immer wieder aufs Neue amüsant.
Aurelia lief ins Wohnzimmer und legte dort vorsichtig den Rochen auf die Couch. Danach ging es gut hörbar die Treppe hoch.
Cotta verrührte in der Zwischenzeit ein wenig Honig in der Tasse, dann ging auch er ins Wohnzimmer zu dem Rochen auf die Couch und wartete dort.
Es dauerte nicht lange, bis Aurelia voll bepackt wieder auftauchte. Sie hatte nicht nur ihre Bettdecke und ein Buch geholt, sondern auch den Dinosaurier von Emilio.
Cotta lächelte sanft und klopfte leicht auf die Couch neben sich.
„Komm schon her.“
Anschließend wickelte er Aurelia in ihre Decke ein und half ihr dabei, die Tasse zu balancieren, damit nichts verschüttet wurde.
„Das sind mehrere Geschichten“, sagte Aurelia vorsichtig.
„Kein Problem“, Cotta lächelte erneut. „Blubberfisch und flotte Flossen?“, fragte er dann amüsiert.
„Ja! Da gibt es auch einen Rochen wie FlapFlap. Und einen Inspektor wie Papa und du.“
Cotta konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Na dann fangen wir doch mal an.“
Er selbst würde sich ja niemals als guten Vorleser bezeichnen, doch bisher hatte Aurelia sich noch nie beschwert. Die Milch hatte sie schnell getrunken und Cotta stellte ihre leere Tasse zu der seinen. Das kräftige Gähnen von Aurelia sprach Bände und war auch ziemlich ansteckend.
Nach dem Ende der zweiten Geschichte tippte Aurelia ihn an.
„Darf ich auf deinen Schoß?“, flüsterte sie leise und Cotta nickte.
„Natürlich“, sagte er und hob sie samt ihrer Decke zu sich. Mit einem erneuten Gähnen lehnte sich Aurelia gegen seine Brust und nun dauerte es nicht mehr lange, bis ihre Augen zufielen. Behutsam rieb Cotta ihr über den Rücken, ansonsten blieb er ganz still sitzen und lauschte in die Nacht hinein.
Draußen fuhr ein Auto lang, doch Aurelia schien bereits fest zu schlafen. Auch Cotta musste wieder gähnen. Der kurze Schlaf nach Dienstende heute hatte bei weitem nicht gereicht, um jetzt nicht mehr müde zu sein.
Aurelia lag so friedlich in seinem Arm, da wollte er sie jetzt nicht bewegen, um sie ins Bett zu legen und dabei Gefahr zu laufen, sie womöglich noch zu wecken. Bea würde sicher nichts dagegen haben, dass sie auf der Couch schlief.
Mit seiner freien Hand rieb Cotta sich über die Augen, dann lehnte er sich etwas zurück, machte es sich ein wenig bequemer.
Das ruhige, tiefe Atmen sowie das Gewicht des schlafenden Kindes ließen auch den Inspektor den Kampf gegen die Müdigkeit verlieren. Das Buch, das ihm aus der Hand auf den Boden glitt, bemerkte er schon gar nicht mehr.
Ein paar Minuten nach vier Uhr in der Früh öffnete sich die Haustür vorsichtig.
Nach Beas Anruf aus dem Krankenhaus hatte Robert sich mit einem doppelten Espresso geweckt, seine Sachen gepackt und sich sofort ins Auto gesetzt, um nach Hause zu fahren. Seine Frau hatte ihm zwar gesagt, dass er ruhig bis zum Morgen warten könne, um wenigstens ein bisschen Schlaf abzubekommen, aber er hätte sowieso nicht schlafen können.
Bea würde zwar bei Emilio bleiben, da dieser ein totales Mamakind ist, aber Aurelia betreute sich schließlich nicht allein.
Genauso vorsichtig schloss sich die Haustür auch wieder und Robert legte leise seine Schlüssel an den vorhergesehenen Platz, ebenso zog er seine Schuhe aus. Danach drehte er sich um und ein sanftes Lächeln stahl sich in sein Gesicht ob der vor ihm dargebotenen Szene.
Aurelia, immer noch in ihre Bettdecke gewickelt, hing an Cotta wie ein kleiner Koala. Cotta lag quer auf der Couch. Vermutlich hatte er ursprünglich gesessen und war dann nach und nach zur Seite gekippt. Einen Arm hatte er beschützend um Aurelia gelegt, der andere lag angewinkelt unter seinem Kopf.
Bea hatte Robert natürlich davon berichtet, dass sie Cotta angerufen hatte und dass dieser innerhalb von fünf Minuten da gewesen war. Robert war sich ziemlich sicher, dass seiner Frau nicht bewusst geworden war, wie schnell Cotta eigentlich durch die Innenstadt geheizt sein musste.
Robert schüttelte immer noch mit einem Lächeln den Kopf. Er könnte nicht dankbarer sein, jemanden wie Cotta in seinem Leben zu haben.
Auch wenn dieser sich natürlich für sich selbst keine Decke genommen hatte. Langsam, um bloß niemanden zu wecken, griff Robert nach einer der Decken, die seine Frau hier deponiert hatte, damit ‚es gemütlich ist, Robert‘. Anschließend legte er diese vorsichtig über Cotta. Das T-Shirt, das verkehrt herum war, sah er natürlich sofort.
Natürlich klappte es nicht, dass er die Decke perfekt über Cotta ausbreiten konnte. Auf Kniehöhe hatte sich diese zusammengerollt. Langsam zupfte er die Decke weiter nach unten, damit auch Cottas Füße bedeckt waren.
Doch ein Blick auf besagte Füße ließ den Inspektor innehalten. Trotz der spärlichen Beleuchtung, die sich Cotta zum Vorlesen eingeschaltet haben musste, konnte Robert sehr deutlich erkennen, dass Cotta zwei verschiedene Socken trug. Was theoretisch bei einem nächtlichen Heldeneinsatz als weltbester Patenonkel natürlich passieren konnte. Aber nicht bei Cotta. Nicht bei jemandem, der nur schwarze Socken besaß.
Gut, die Grundfarbe der zweiten Socke war auch schwarz, aber die vielen Planeten und Raketen darauf entsprachen eindeutig nicht Cottas Stil.
Schon gar nicht, wenn ein gewisser Kollege Robert erst letztens ein Bild von eben jenen Socken gezeigt hatte, da dessen Patenkind ihm diese geschenkt hatte, als Dankeschön für den Besuch im Planetarium. Und dieser Kollege hieß nicht Cotta, sondern eindeutig Goodween.
Robert konnte ein breites Grinsen nicht verhindern, dann deckte er Cotta komplett zu.
Das erklärte natürlich, warum sein Partner seit vier Wochen mit einer, im Nachhinein, beeindruckenden Regelmäßigkeit pünktlich Feierabend gemacht hatte. Und das erklärte, warum Cotta plötzlich nur noch eine Anlaufstelle hatte, wenn es um Drei-Fragezeichen-Fälle ging.
Leise trat Robert ein paar Schritte zurück, dann machte er schnell noch ein Foto, anschließend schlich er sich ins Schlafzimmer.
Er war zum Glück jemand, der auch drei Stunden Schlaf etwas abgewinnen konnte. Jede Minute würde am kommenden Tag vermutlich etwas wert sein. Nachdem er sich einen Wecker gestellt hatte, zog er sich schnell um und schlief im Bruchteil von Sekunden ebenfalls ein.
Dreieinhalb Stunden später fühlte Robert sich zwar noch lange nicht ausgeschlafen, aber ein bisschen besser gewappnet für den Tag. Emilio war noch in der Nacht operiert worden, was Bea ihm während seiner Fahrt nach Hause berichtet hatte. Glücklicherweise dauerte dieser Eingriff nur wenige Minuten und Robert hoffte, dass er und auch Bea heute Nacht etwas mehr Schlaf bekommen hatten als er.
Robert wusste, dass Cotta heute einen freien Tag hatte und von daher nicht unter Zeitdruck stand. Allerdings war der Plan, dass Aurelia nach einem Frühstück bei ihrer Oma unterkommen würde, damit Robert Emilio ebenfalls besuchen konnte und noch ein paar wichtige Sachen ins Krankenhaus bringen konnte.
Aurelia würde er nicht mitnehmen. Im besten Falle würde Emilio ja auch schon übermorgen wieder nach Hause kommen.
Nachmittags wäre Robert dann aber natürlich wieder bei seiner Tochter, während Bea die Nacht wieder bei Emilio verbringen würde.
Ein kurzer Blick ins Wohnzimmer ließ ihn erneut lächeln. Weder Aurelia noch Cotta hatten sich großartig bewegt. Robert knipste noch ein zweites Bild, dann bereitete er mit seiner alten Bialetti schon mal Kaffee vor. Aurelia würde sicher bald wach werden, egal wie aufregend die Nacht gewesen war.
Tatsächlich dauerte es keine zwei Minuten, bis Robert ein unverständliches Brummeln aus dem Wohnzimmer hörte, dann, im Anschluss, leise Fußtritte.
Aurelia trat, ihren Rochen hinter sich herziehend, in die Küche. Mit einem Gähnen rieb sie sich über die Augen. Dann erstarrte sie.
„Papa?!“, flüsterte sie mehr als erstaunt. Robert grinste, dann ging er in die Knie und öffnete seine Arme. Das Grinsen des Vaters spiegelte sich im Gesicht der Tochter und sie rannte in seine Umarmung.
„Wir müssen leise sein“, flüsterte Aurelia ihm zu. „Onkel Cotta ist eingeschlafen.“
„Ja, das habe ich gesehen.“
„Ich hatte ganz viel Angst, als ich aufgewacht bin und keiner da war. Und dann war plötzlich Onkel Cotta da. Wie du gesagt hast. Wenn du und Mama nicht da sind, ist Onkel Cotta da!“
Robert küsste Aurelia kurz auf den Scheitel. Natürlich war ihr nicht die Tragweite bewusst, wenn ihr Papa ihr so etwas erzählte. Es war nie zwischen ihm und Cotta ausgesprochen worden, aber es war ein stummes Übereinkommen, dass, sollte Robert etwas im Dienst passieren, dann wäre Cotta da. Er war es ja jetzt schon.
Für Robert hatte es nie einen Zweifel gegeben, als es darum ging Paten für Aurelia zu finden. Bea war sich unsicher gewesen, war Cotta doch, was Familie betraf, ein wenig vorbelastet, aber vermutlich war es genau dieser Hintergrund, der Cotta zu solch einem Fels in der Brandung für Aurelia hatte werden lassen. Quasi von Geburt an hatte diese ihrem Patenonkel ihr Herz geschenkt und Cotta würde eher seine Dienstmarke abgeben, als das Mädchen zu enttäuschen.
Deswegen überraschte es Robert auch nicht, dass Cotta nun ebenfalls die Küche betrat.
„Guten Morgen!“, sagte Robert mit einem Schmunzeln.
„Morgen!“, gab Cotta noch ein wenig brummelnd zurück.
Aurelia kicherte.
„Du hörst dich an wie ein Bär“, grinste sie Cotta an.
Der zuckte bloß mit den Schultern, dann sah er zu Robert, der sich mit seiner Tochter im Arm aufrichtete.
„Seit wann bist du da?“
„Gegen vier war ich hier. Ich hab aber auch noch ein wenig geschlafen.“
Cotta runzelte kurz die Stirn, doch Robert verdrehte bereits die Augen.
„Jetzt mach dir keinen Vorwurf, weil du mich nicht gehört hast. Glaub mir, du hättest es gemerkt, wenn es fremde Schritte gewesen wären.“
Cotta schwieg für einen Moment, doch dann nickte er.
„Frühstückst du noch mit uns?“, fragte Robert, nachdem er Aurelia wieder abgesetzt hatte.
„Vielleicht ein Kaffee…“
Robert lachte, dann strubbelte er Aurelia durch die Haare.
„Was willst du haben? Müsli?“
„Papa? Gehst du jetzt auch zu Emilio?“, fragte sie, statt zu antworten.
„Ich werde ihn besuchen, ja, aber Mama bleibt bei ihm. Er kann bestimmt bald wieder nach Hause. Außerdem braucht er ja noch seinen Dino, oder?“
Aurelia nickte daraufhin.
„Wir haben für Emilio auf ihn aufgepasst.“
„Das habe ich gesehen.“
„Kann ich so lange bei Onkel Cotta bleiben?“, fragte sie, während sie es sich auf einem Stuhl bequem machte.
Robert schüttelte den Kopf.
„Wir werden deine Oma fragen. In die Kita musst du heute allerdings nicht. Außer du möchtest.“
Aurelia verschränkte ihre Arme.
„Ich will aber bei Onkel Cotta bleiben. Er hat gesagt, er bleibt bei mir, bis ich ihn nicht mehr brauche.“
Roberts Blick wanderte zu seinem Kollegen, der ziemlich ertappt im Türrahmen stand.
„Na ja, wenn das natürlich so ist… musst du vielleicht Onkel Cotta fragen.“
Fast augenblicklich wandte sich das Mädchen mit großen Augen an ihren Patenonkel.
„Darf ich mit zu dir und Bubbles und Tante Caroline? Bitte?“
Cotta versuchte gar nicht erst, nein zu sagen.
„Wenn ich zunächst bei mir noch duschen darf, dann darfst du gerne kommen.“
„Ich denke, auch Aurelia muss sich noch ein bisschen alltagstauglich machen, nicht wahr? Und du kannst mir helfen, eine Tasche für Emilio zu packen.“
Aurelia nickte langsam. Fürs Erste zufrieden mit dem heutigen Plan. Nun stimmte sie dem Müsli zu und während die beiden Erwachsenen still ihren Kaffee tranken, schlürfte sie ziemlich genüsslich die Milch aus der Schale.
Cotta warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
„Ich sollte wohl mal los.“
„Man könnte glatt sagen, dass du dich auf die Socken machst“, grinste Robert ein wenig, was Cotta die Stirn runzeln ließ. „Oder du könntest die Zeit nutzen, bis wir kommen, um deine Socken daheim ordentlich zu sortieren…“
„Wieso sollte ich meine Socken sortieren, Robert?“
„Ach, ich weiß auch nicht. Meine sind ja immer paarweise im Schrank.“ Er versteckte sein Grinsen hinter seiner Kaffeetasse.
Noch immer war Cotta verwirrt, doch es war Aurelia, die trotz des nächtlichen Schreckmomentes aufmerksam gewesen war und ihm nun aus der Patsche half.
„Papa lacht, weil du eine Socke mit Planeten anhast.“
„Ich hab doch keine Socke mit…“, der Protest erstarb, als Cotta einen Blick auf seine Füße warf. Das Rot, das nun auf den Wangen des Inspektors schimmerte, war Robert Antwort genug.
„Und ich glaube fast, dass mir ein gewisser jemand von diesen Socken erzählt hat…“, streute er weiter Salz in die Wunde.
Cotta schwieg weiterhin, doch die Verlegenheit war ihm deutlich anzusehen.
Robert grinste erneut, doch ließ es fürs Erste auf sich beruhen. Zumindest bis er Cotta zur Tür brachte.
„Für den Rückweg kannst du dir etwas mehr Zeit lassen als heute Nacht.“
„Ach, sag bloß…“ Cotta verdrehte die Augen.
„Und Cotta, danke“, sagte Robert mit einem sanften Lächeln. „Und… ich freu mich für dich… für euch beide. Mehr müssen wir dazu gerade doch gar nicht sagen, oder?“
Cotta schwieg erneut. Dann nickte er und stieg ins Auto, noch nicht gänzlich dafür gewappnet, Goodween erzählen zu müssen, dass Robert Bescheid wusste und dass der gemeinsame freie Tag von einer Vierjährigen in Beschlag genommen werden würde.
Aber Goodween nahm dies mit seiner typischen Ruhe und einem Lächeln auf. Ein Tag mit Aurelia war vielleicht nicht geplant, aber dennoch eine willkommene Abwechslung. Auch wenn das Mädchen kurz Panik hatte, dass auch der dritte Polizist, den sie kannte, an diesem Tag keine Diebe fangen würde. Dass die beiden Männer den Tag gemeinsam verbrachten, hinterfragte sie noch nicht. Für sie würde es zukünftig einfach ein weiterer Teil des Lebens sein, den sie mit ihrem Onkel Cotta verbinden würde.
